Alexander Stevens | Interview
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Alexander Stevens

Fachanwalt für Strafrecht, Buchautor & Anwalt in verschiedenen TV-Formaten

Mittwoch, 31. Oktober 2018 von Piper Verlag


Blick ins Buch
Verhängnisvolle AffärenVerhängnisvolle Affären

Wenn Online-Dates beim Anwalt landen

Wenn die Partnersuche vor Gericht endetMillionen von Singles sind im Internet auf der Suche nach Liebe und Erotik. Tinder, Elitepartner und Co. versprechen ihnen unverbindliches Kennenlernen und Abenteuer ohne Risiko. Doch was auf den ersten Blick viel Spaß verspricht, kann böse Folgen haben: Immer häufiger enden Online-Dates anders als erwartet – und das zweite Treffen findet vor Gericht statt.Bestsellerautor Alexander Stevens, Anwalt für Sexualstrafrecht, hat zahlreiche wahre Fälle zusammengetragen. Er erzählt von skurrilen Situationen ebenso wie von unheimlichen Verbrechen – und ihrem juristischen Nachspiel. Spannend und unterhaltsam schildert er, in welch bizarre Abgründe Online-Dating führen kann, und macht deutlich, dass nicht alle Partner »Singles mit Niveau« sind.

Vorwort
Wer erinnert sich nicht ans erste Date: Das Knistern, die Aufregung, manch Unbeholfenheit?
Erste Dates sind spannend – wie sie enden, weiß man nie: Vielleicht gibt es eine Wiederholung, vielleicht auch nicht. Vielleicht erwächst daraus die große Liebe, vielleicht bleibt es auch »nur« beim One-Night-Stand.
Und vielleicht läuft auch alles ganz entsetzlich schief.
So wie in den folgenden Kapiteln dieses Buchs. Denn Online-Dating ist schnell, hemmungslos und anonym.
»Es gibt nichts, was ich noch nicht gehört habe«, sage ich zu meinen Klienten, wenn sie mich erstmals anwaltlich wegen möglicher Straftaten bei einem missglückten Date konsultieren. Schließlich ist es nicht einfach, einem Wildfremden offen zu berichten, was bei dem Intimsten eines Menschen Schlimmes passiert ist. Es hilft ein wenig, den Mandanten die Hemmung zu nehmen.
Doch eigentlich ist das mit dem »schon alles gehört« gelogen: Denn jedes Mal aufs Neue bin ich überrascht, wo, wie und mit wem so ein Online-Date sein Ende nehmen kann …


Eine Warnung sei vorangestellt:
Jede Geschichte in diesem Buch beruht auf echten Fällen.

Mitgewirkt, redigiert und für gut befunden:
Philip Müller


Club 24
Es ist ein seltener Anblick, dass gleich eine ganze Familie auf der Anklagebank eines Strafgerichts Platz nehmen muss – aber der Reihe nach.
Gisela hatte ihren Werner noch während der Schulzeit kennengelernt. Beide stammten aus einem kleinen Ort, in dem es außer einer angrenzenden Dorfdisco nicht viel Abwechslung gab. In dieser lernten sie sich dann auch mit fünfzehn Jahren kennen. Nach ein paar eiligst gekippten Glas Bier fasste Werner sich ein Herz und sprach die fesche Gisela an. Kurz darauf tanzten sie auch schon eng umschlungen zu einem schnulzigen Song. Von da an waren sie ein Paar.
Nach dem Realschulabschluss zogen die beiden zusammen in die Stadt, Gisela arbeitete als Floristin in einem großen Kaufhaus und Werner in der Schicht bei einem Automobilkonzern. Ein Jahr später machte Werner seiner Gisela einen Heiratsantrag, welchen sie ohne zu zögern annahm. Wieder ein Jahr später kam Sohn Stephan zur Welt, und die kleine Familie zog an den Stadtrand in eine Doppelhaushälfte.
So gingen die Jahre ins Land, und mit ihnen kam der Alltag. Sex hatten Gisela und Werner schon lange nicht mehr, und wirklich gut verstand man sich auch nicht. Über eine Trennung dachten beide hin und wieder nach, aber keiner sprach das Thema an. Und so blieben sie beieinander – vermutlich Stephan zuliebe, obwohl der schon fast zwanzig Jahre alt war.
In jener Zeit sahen Gisela und Werner einander kaum noch. Er ließ sich der besseren Bezahlung wegen ausschließlich für Nachtschichten einteilen, und in den Urlaub fuhr man immer öfter allein, er meist zusammen mit seinen Stammtischbrüdern und sie mit ihren Freundinnen aus dem Kegelverein.
Gisela machte die ständige Einsamkeit zu schaffen – vor allem nachts, wenn ihr Mann auf Schicht war. Der wöchentliche Kegelabend war anfangs zwar eine willkommene Abwechslung, aber mittlerweile war auch der zur Routine geworden. Und der zweiwöchentliche Italienischkurs an der Volkshochschule war mangels ausreichender Teilnehmerzahl abgesetzt worden. Immer öfter endeten Giselas Feierabende deshalb allein vor dem Fernseher. Und ausgerechnet diese einsamen Fernsehabende sollten Giselas Leben für immer verändern. Regelmäßig flackerte in den Werbepausen des Nachtprogramms nämlich ein Spot auf, der verheißungsvolle Liebesabenteuer versprach, wenn man sich auf der beworbenen Seitensprung-Webseite anmeldete. Zunächst registrierte Gisela den Spot kaum, wie sie auch die nervigen Webcam-Girls kaum wahrnahm, die mal mehr mal weniger lustvoll aus dem Fernsehgerät stöhnten. Doch eines Abends packte sie die Neugier. Vielleicht fühlte sie sich gerade besonders einsam, weil ihr Mann den Hochzeitstag vergessen und seine Nachtschicht ganz selbstverständlich angetreten hatte. Jedenfalls schnappte sie sich den Laptop ihres Sohnes und meldete sich auf der Seitensprung-Webseite aus der Werbung an.
Trotz oder vielleicht auch gerade wegen ihres unbeholfen erstellten Profils dauerte es nicht lange, bis sie von ersten liebeshungrigen Interessenten kontaktiert wurde. Sie hatte ja nicht geahnt, wie einfach es heutzutage war, Männer kennenzulernen – und das auch noch anonym. Natürlich war Gisela durchaus bewusst, dass es hier nicht um die große Liebe, sondern um Sex ging. Dass sie aber binnen einer Woche nach ihrer Anmeldung auf dem Seitensprungportal weit über hundert Nachrichten bekommen hatte, schmeichelte ihr schon irgendwie.
Gisela ging zunächst noch sehr vorsichtig vor, Werner und Stephan durften nichts von ihrer heimlichen Leidenschaft erfahren. Peinlich genau achtete sie darauf, dass man sie auf ihren Profilbildern nicht erkannte, und auf mehr als einen unverfänglichen Chat ließ sie sich nicht ein. Alles Weitere fand nur in ihrer Fantasie statt. Obwohl viele Männer eindeutige Offerten machten, blieb Gisela stets zurückhaltend. Sich tatsächlich mit einem der Männer zu treffen, das schloss sie für sich aus.
Für eine Zeit lang hielt Gisela sich eisern an dieses Prinzip, bis sie eines Tages eine Chat-Nachricht ausgerechnet von einer Frau erhielt. »Ich finde dein Profil sehr ansprechend, wollen wir uns mal treffen?«, hatte »Leonie24« ihr geschrieben. Im Gegensatz zu Giselas vagem Profil – außer ihrer Leidenschaft fürs Kegeln hatte sie kaum etwas angegeben –, schilderte Leonie24 freimütig ihre sexuellen Vorlieben, wozu Sex mit Männern, Frauen und Gruppensex zählten. Auf ihren Bildern gab Leonie24 sich äußerst offenherzig und sah durchaus ansprechend aus.
Gisela wusste nicht recht, ob sie auf die Anfrage antworten sollte, denn auf Frauen stand sie nicht, jedenfalls hatte sie noch nie entsprechende Bedürfnisse verspürt. Andererseits machte sie die Aufmerksamkeit der jungen, hübschen Leonie neugierig. Und gebot es nicht die Höflichkeit wenigstens abzusagen? So hatte sie es mit den Nachrichten der Männer auch immer gehalten. Gisela wartete einige Tage ab, fasste sich dann ein Herz und schrieb Leonie zurück – allerdings mit dem festen Entschluss, ein etwaiges Angebot von Leonie höflich auszuschlagen. Giselas homoerotischen Ängsten zum Trotz erwies sich Leonie jedoch als unaufdringliche und sympathische Chatpartnerin. Dabei unterhielten sie sich von Anfang an nicht groß darüber, was sie auf der Seitensprung-Webseite suchten. Leonie erzählte von ihrem Magisterstudium, ihrem Pferd, und von allerlei Alltagsbegebenheiten. Gisela schüttete Leonie ihr Herz aus, schrieb ihr von ihrem Alltag, der Sorge um ihren Sohn, der noch immer im Hotel Mama wohnte und natürlich von der unglücklichen Beziehung zu ihrem Mann. Die beiden Frauen verstanden sich gut, und bald trafen sie sich auch privat auf einen Kaffee oder auch mal abends zum Essen. Gisela stellte fest, dass sie mit ihrer neuen Freundin über Dinge sprechen konnte, die sie zuvor noch nie mit einem anderen Menschen geteilt hatte. Natürlich sprachen sie irgendwann auch über die Seitensprung-Webseite, über die sie einander kennengelernt hatten, und Leonie machte keinen Hehl daraus, dass sie dort sehr aktiv »unterwegs« war. Obwohl Gisela es anfangs kaum mit ihrem Gewissen vereinbaren konnte, sich mit einem fremden Mann zu treffen, nahm Leonie ihr mit ihrer aufgeschlossenen Art Stück für Stück die Angst davor, einen Schritt weiter zu gehen.
Seit fünfundzwanzig Jahren hatte Gisela nun kein Date mehr gehabt, so lange lag der Abend in der Dorfdisco nun schon zurück. Sie war völlig unerfahren, und alleine der Gedanke an ein Treffen mit einem anderen Mann verursachte ihr Panik, wenngleich sie auch ein wenig kitzelnde Neugierde verspürte. Leonie schlug ihr deshalb vor, sie mit in den Club 24 zu nehmen. Dort war Leonie schon seit gut zwei Jahren Mitglied, und wie der Name schon anklingen ließ, nahmen an den Clubtreffen stets exakt vierundzwanzig Mitglieder teil: zwölf Frauen und zwölf Männer.
Der Club bot ein sexuelles Erlebnis der besonderen Art: Vor einem schwarzen Vorhang mit Aussparungen auf Höhe des Intimbereichs, stellten sich die zwölf Frauen nebeneinander auf. Auf der anderen Seite des Vorhangs bezogen derweil die zwölf Männer Stellung. Auf ein Zeichen der Clubchefin Sonja hatten die Männer durch die Aussparung des Vorhangs mit den Frauen Sex, wobei sie munter durchwechselten und auch die Frauen ihre Position oder auch die Stellung und die Art des Geschlechtsverkehrs variierten. Verboten war nur, auf die andere Seite des Vorhangs zu wechseln.
Gisela hatte die Lust schon anhand dieser Erzählung schier überwältigt. Allein die Vorstellung, endlich mal wieder ordentlich Sex zu haben, dem fremden Mann dabei aber nicht in die Augen sehen zu müssen – das war ein Gedanke, der sie fortan nicht mehr losließ. Und das Beste daran: Sie müsste das Wagnis noch nicht einmal allein auf sich nehmen. Ihre neue beste Freundin wäre ja auch dabei.
Also begleitete Gisela Leonie zu einem Schnupperabend im besagten Club 24.
Alles war so, wie Leonie es ihr beschrieben hatte. Das unscheinbare Einfamilienhaus, in dem das Treffen stattfand, verfügte über zwei diskrete Eingänge. Der für Männer lag hinten, der für Frauen vorne. Die Einrichtung war gepflegt und geschmackvoll, das Ambiente einladend und sauber. Die Clubleiterin Sonja begrüßte ihren »Schnuppergast« persönlich, führte sie durch die Räumlichkeiten, und erwies sich als ausgesprochen nett und herzlich. In einem kleinen Empfangsraum warteten bereits einige Frauen in Dessous und bedienten sich von den Häppchen eines reichhaltigen Büfetts. Eine Tür weiter befand sich ein Umkleideraum mit Duschen und Toiletten. Hinter einer mit rotem Samt bespannten Tür öffnete sich dann der eigentliche Raum des frivolen Treibens nebst dem sagenumwobenen schwarzen Vorhang, der schwer von der Decke fiel und am Boden festgezurrt war, damit auch ja nichts verrutschte. Vor den Aussparungen im Vorhang sah Gisela kleine Körbe gefüllt mit Gleitgel und Kondomen. An der Seite standen mehrere Massageliegen, die man vor die Aussparung schieben konnte, um auch im Liegen Geschlechtsverkehr zu haben, wenn man nicht alles nur im Knien oder in gebückter Haltung machen wollte. Safer Sex war ein absolutes Muss, und es waren die Frauen, die dafür Sorge tragen mussten, dass ein durch den Vorhang durchgesteckter Penis ordnungsgemäß »verpackt« wurde, ehe es zum Koitus kam.
Gisela war es am Schnupperabend freigestellt, ob sie nur zusehen oder auch mitmachen wollte. Die einladende Stimmung im Club 24 trug jedoch dazu bei, dass Gisela die letzten Hemmungen fallen ließ. Nachdem sie Leonie eine Weile bei deren frivolem Treiben zugesehen hatte, entschloss Gisela sich spontan, einem ermunternden Blick ihrer Freundin zu folgen und selbst mitzuwirken. Sie kniete sich vor das erste Loch ganz links im Vorhang und wartete darauf, dass ein Mann seinen Penis hindurchsteckte. Ihre Hände waren ganz zittrig beim Überstreifen des Kondoms, Leonie musste helfen, was dem Mann sichtlich zu gefallen schien. Dann umschloss sie den erigierten Penis fest mit den Lippen und befriedigte den Mann bis zum Orgasmus.
Von diesem Tag an nahm Gisela an fast jedem der Clubtreffen teil. Nach nur vier Monaten wurde sie Stamm-Mitglied oder auch »Mitglied der Stamm-Zwölf«, wie es unter den Clubmitgliedern hieß. Die Beziehung zu Leonie wurde immer enger. Sie verabredeten sich auch außerhalb der wöchentlichen Clubtreffen nahezu täglich und gingen mal ins Café, mal ins Kino oder trafen sich auf ein paar Drinks. Gisela fühlte sich wie von einer schweren Last befreit, ihre Libido wurde befriedigt, und sie war auf einen Schlag wieder richtig glücklich. Auch das Leben zu Hause wurde wieder erträglich. Es störte sie nicht mehr, dass Werner neben ihr her lebte. Im Gegenteil: Sie kostete die neu gewonnene Freiheit in vollen Zügen aus. Alles war nahezu perfekt, und auch um ihr Nesthäkchen Stephan machte sie sich kaum noch Sorgen. Er verbrachte zwar immer noch viel Zeit zu Hause – vor allem mit dem Computer –, und auch mit Frauen schien bei ihm nicht viel zu laufen, aber sie war sich sicher, dass das bald kommen würde – zumindest hoffte sie das. Vielleicht wäre sogar Leonie etwas für ihn? Gisela dachte darüber nach, die beiden einander vorzustellen. Allerdings verwarf sie den Gedanken gleich wieder. Wie sollte sie die beiden miteinander bekannt machen, ohne ihr Doppelleben preiszugeben? Unter keinen Umständen würde sie ihr neu gewonnenes Lebensglück aufs Spiel setzen.

Nur acht Monate nach dem ersten Schnupperabend im Club 24, kam es zu einem Ereignis, das alles verändern sollte. Auch an jenem Donnerstagabend fand wieder das wöchentliche Clubtreffen statt. Wie immer wartete Gisela mit dem Schminken und Umziehen, bis Ehemann Werner die Wohnung abends für die Nachtschicht verlassen hatte. Sohn Stephan verabredete sich seit einiger Zeit immer donnerstags zum »Computer-Zocken«. Gisela konnte sich also in Ruhe vorbereiten.
Im Club angekommen, unterhielt sie sich wie immer angeregt mit Clubchefin Sonja, Leonie und den anderen Frauen, ehe es in den Raum mit dem schweren, schwarzen Vorhang zur Sache ging. Mittlerweile war Gisela ähnlich routiniert im Ausleben ihrer Fantasien wie ihre Freundin Leonie. Giselas Vorliebe war es, eine der Massageliegen vor den Vorhang zu schieben und sich wahllos von den durchgesteckten Penissen penetrieren zu lassen. Auch dieses Mal legte sie sich auf die Liege, deren Fußteil sich ähnlich wie beim Gynäkologen nach links und rechts wegdrücken ließ, wodurch der Intimbereich so nah wie möglich an der Aussparung im Vorhang lag und man die volle Manneskraft seines Gegenübers genießen konnte. Auf das Signal von Clubchefin Sonja steckte der erste Mann sodann seinen Penis durch die Aussparung im Vorhang. Gisela streifte routiniert ein Kondom darüber, legte sich auf die Liege und führte sich den Penis durch den Vorhang hindurch in die Vagina ein. Sie hatte inzwischen trotz der Anonymität gelernt, bestimmte Männer an ihrem Penis und dem Rhythmus ihrer Bewegungen wiederzuerkennen, und das Stammmitglied, mit dem sie nun Sex hatte, war einer ihrer Favoriten geworden – Leonies übrigens auch, wie sie Gisela unlängst erzählt hatte. In freudiger Erwartung schloss Gisela ihre Augen und gab sich lustvoll den festen Stößen hin.
Doch nur wenige Augenblicke später stellte ihr Sexualpartner den Intimverkehr unvermittelt ein. Ein ohrenbetäubendes Schreien schallte durch den Raum, es waren keineswegs Schreie der Lust.
Hatte da gerade jemand ihren Namen gerufen? Erschreckt schlug Gisela die Augen auf. Der Vorhang war mit brachialer Gewalt heruntergerissen worden. Als sie den Randalierer auf der anderen Seite sah, bestand kein Zweifel mehr. Es war ihr Ehemann. Werner musste ihr gefolgt sein, und das war noch nicht alles. Zum ersten Mal war die Geschlechtertrennung im Club 24 aufgehoben. Ein äußerst peinliches Schweigen machte sich breit, unterbrochen nur von den wütenden Schreien ihres Mannes der von vier gut gebauten, nackten Männern im Schwitzkasten festgehalten wurde. Clubchefin Sonja alarmierte umgehend die Polizei. Niemand sah sich in der Lage, die Situation zu beruhigen oder etwas zu sagen. Zwölf nackte Frauen standen zwölf nackten Männern gegenüber, und mittendrin tobte ein wütender Ehemann. Als ob das alles nicht schon befremdlich genug gewesen wäre, erblickte Gisela unter den Männern, mit denen sie in den letzten Monaten so lustvoll Sex gehabt hatte, einen, der ihr alles andere als fremd war: ihren Sohn Stephan, der – mit beiden Händen seinen Intimbereich bedeckend –, den entsetzten Blick seiner Mutter erwiderte.
Gisela wusste nicht, was schlimmer war: dass ihr Ehemann sie in flagranti in einem Swingerclub erwischt hatte, oder dass sie, ohne es zu ahnen, mehrfach mit ihrem eigenen Sohn Sex gehabt hatte.

Nach diesem Vorfall sahen sich Werner, Gisela und Stephan erst vor Gericht wieder. Werner hatte keinen Fuß mehr in das gemeinsame Haus gesetzt, Stephan hatte noch am selben Abend stumm seine Sachen gepackt, und Gisela war vorerst zu Leonie gezogen. Das Leben der Familie lag in Scherben: Werner war angeklagt wegen Hausfriedensbruch im Club 24 und wegen Sachbeschädigung an dem schwarzen Vorhang und der Haustür, die er eingetreten hatte. Gisela und Stephan standen wegen Inzest vor Gericht.
Die zu erwartenden Strafen waren dabei das geringste Problem, denn im Laufe der Gerichtsverhandlung kamen immer neue Grausamkeiten ans Licht. Werner hatte offenbar einen guten Teil seiner »Nachtschichten« längst bei seiner neuen Freundin verbracht, und Stephan war erst auf den Club 24 gestoßen, als er die entsprechenden Links im Browserverlauf auf seinem Computer gesehen hatte. Gisela hatte also durch die Nutzung seines Laptops erst dazu beigetragen, dass sie unwissentlich mit ihrem eigenen Sohn Sex gehabt hatte.
So war es dann zuletzt nur ein schwacher Trost, dass das Gericht das Verfahren einstellte. Dem Richter war klar, dass weder Stephan noch Gisela gewusst hatten, dass sie dieselbe Vorliebe, denselben Club, denselben Vorhang und noch einiges mehr miteinander teilten. Auch für den eifersüchtigen Werner hatte er angesichts des verstörenden Anblicks, die eigene Frau beim Sex mit zwölf Männern zu erwischen, einigermaßen Verständnis.
In die Augen konnte sich die Familie seither trotzdem nicht mehr blicken.
Wer übrigens jener der zwölf Männer war, mit dem es Gisela und Leonie so ausgesprochen gut gefallen hatte, wurde nicht weiter aufgeklärt. Vielleicht auch besser so …
Ihr letztes Date
Natalie hatte sich äußerst schick gemacht und traf ganze fünfzehn Minuten vor der Zeit am Kino ein – eigentlich völlig untypisch für sie als notorische Zuspätkommerin. Aber diesmal hatte sie nicht nur einen kleinen Leckerbissen, sondern einen richtig großen Fisch am Haken. In den zwei Jahren als Single hatte sie schon einige Dates über diverse Apps und Dating-Seiten gehabt, und bisher war nie der Richtige dabei gewesen. Die meisten wollten immer nur Sex, abgesehen von den Spinnern, die schon beim ersten Treffen Zukunftspläne schmiedeten. Selbst wenn es bei dem ein oder anderen doch zu passen schien und es zu mehr als nur dem ersten Date kam, entpuppten sich die Kandidaten über kurz oder lang als echte Freaks. Der eine lebte mit fünfunddreißig Jahren noch bei seiner Mutter – angeblich nur, um sich die Miete zu sparen. Aber sicher doch! Der andere war verheiratet, seine Frau aber einverstanden mit einer Dreiecksbeziehung. Wer’s glaubte! Der nächste tischte ihr auf, er leide seit einer Kriegsverletzung unter Erektionsstörungen, als sie das erste Mal intim werden wollte. Ah ja!
Ganz anders der Mann, mit dem sie sich heute über die Dating-Plattform LoveRadar verabredet hatte. Er sah nicht nur verdammt gut aus, sondern hatte es dazu offenbar auf mehr abgesehen als nur Sex, was ihn von so vielen anderen unterschied, die sich auf den einschlägigen Dating-Plattformen herumtrieben. Er war wohl tatsächlich an etwas Ernstem interessiert, und wenn es nach ihr ging, konnte aus dem heutigen Kinobesuch gerne mehr werden. Immerhin hatte er Natalie gefragt, ob sie ihn nach dem Kino nach Hause fahren könnte. Sicherheitshalber hatte sie ein paar Kondome in ihre Handtasche gesteckt und sich für ein rotes Kleid entschieden. Wenn Männer eines wussten, dann ja wohl, dass etwas ging, wenn eine Frau Rot trug.
Auf seinem Profilbild sah er fabelhaft aus. Sie mochte seinen Jeans-in-Jeans-Look: Jeanshemd, Jeanshose und darunter ein enges T-Shirt. Er war nicht die hellste Kerze am Christbaum, das war ihr schon binnen der ersten Minuten des eher unbeholfenen Chats klar geworden – seine Antworten strotzten nur so vor Rechtschreibfehlern –, aber sie fand das irgendwie süß. Und dass er Kfz-Mechaniker war, konnte nur zu ihrem Vorteil sein. Wenn sie allein daran dachte, wie oft sie in der Vergangenheit schon den Pannennotdienst rufen musste … Dann waren da noch die vielen Tattoos auf seinen muskulösen Oberarmen, die sie ein bisschen an böse Knast-Jungs erinnerten und sie ziemlich anturnten.
Der Kinofilm war ganz okay. Aber sie hatte sich insgeheim schon etwas mehr erhofft als zaghaftes Händchenhalten nach der ersten Hälfte des Films. Aber hey, der Abend war ja noch jung, und schließlich würde sie ihn nach dem Film nach Hause fahren. Es konnte also noch viel passieren. Vielleicht war er trotz der vielen Tattoos, der Muskeln und dem markanten Gesicht einfach sehr schüchtern. Der Gedanke, dass dieser auf den ersten Blick so harte Junge ihren weiblichen Reizen hilflos ausgeliefert sein könnte, gefiel ihr erst recht. Dann musste eben sie ein bisschen offensiver werden, hatte sie noch gedacht, als er nach dem Film zu ihr ins Auto stieg.
Nach etwa zehnminütiger Fahrt fiel ihm plötzlich ein, dass er noch kurz bei einem Kumpel, der in einer nahe gelegenen Tankstelle arbeitete, etwas abholen musste. Ob sie noch kurz an der besagten Tanke haltmachen könnte? Es werde auch nicht lange dauern.
Natürlich war das für Natalie kein Problem. Ob sie fünf Minuten früher oder später bei ihm ankämen, war ihr egal. Außerdem meldete sich wieder ihre weibliche Intuition, und sie war sich sicher, dass es nur eine faule Ausrede war. Naheliegender war doch, dass er in der Tanke Kondome und ein bisschen Alkohol zum Lockerwerden kaufen wollte.
Sie könne den Motor ruhig laufen lassen, sagte er mit einem Augenzwinkern, als er aus dem Wagen stieg, er sei gleich wieder zurück. Dass er allerdings so schnell wieder zurück sein würde, damit hatte Natalie nicht gerechnet. Als sie das nächste Mal aufblickte, kam er mit blutender Nase aus der Tankstelle gerannt und hechtete zu ihr in den Wagen. »Schnell, fahr los!«, brüllte er sie an.
Was zur Hölle war in den letzten dreißig Sekunden geschehen? Völlig verwirrt tat sie wie befohlen. »Dein Kumpel war wohl nicht sonderlich gut auf dich zu sprechen«, meinte sie noch, was der Mann in Jeans bestätigte: »Der spinnt.« Und das war alles, was er zu dem Vorfall sagte, bevor er sich das angebotene Taschentuch unter die Nase drückte. Irgendwie fand Natalie das Ganze sogar ein bisschen aufregend und malte sich aus, den jungen Mann im Anschluss gut zu »verarzten«.
Aber daraus wurde nichts. Als sie in einem abgelegenen Industriegebiet vor der Kfz-Werkstatt anhielt, bot er ihr nicht mal den heiß ersehnten Kaffee an. Noch ehe sie etwas sagen konnte, hatte der Jeansmann sich auch schon dafür bedankt, dass sie ihn nach Hause gebracht hatte, und konnte gar nicht schnell genug aus dem Auto herauskommen. Der ganze Abend nebst rasanter Heimfahrt für Nichts? Eine bis dahin nicht gekannte Mischung aus Enttäuschung und Verwirrung machte sich in ihr breit, war sie es doch gewohnt, dass die Männer sie anflehten, nach dem Date noch gemeinsam einen Kaffee zu trinken.
Gut, vielleicht war er nach der blutigen Auseinandersetzung mit seinem Kumpel von der Tanke nicht mehr so in Stimmung und hatte einfach keine Lust auf das, was Natalie ihm mit dem roten Kleid so deutlich signalisiert hatte. Vielleicht steckte unter der rauen Schale ein weicher Kern, und sie müsste ihm ein bisschen auf die Sprünge helfen. Für einen Moment überlegte sie sogar, ihm als kleines Trostpflaster ein Selfie von dem zu schicken, was sie unter ihrem roten Kleid trug.
Doch so weit sollte es an diesem Abend nicht mehr kommen. Kaum dass sie in die heimische Einfahrt eingebogen war, wurde sie von hellem Scheinwerferlicht geblendet, und mehrere uniformierte Polizeibeamte zerrten sie unter vorgehaltener Waffe aus dem Auto. Dann klickten die Handschellen. »Sie sind vorläufig festgenommen«, hörte Natalie einen der Beamten sagen, der eine Maschinenpistole auf sie richtete. Nicht etwa ihr Date, sondern eine recht unsensible junge Polizistin sollte an diesem Abend erfahren, was sie unter ihrem roten Kleid trug, als sie Natalie einer peinlich genauen Leibesvisitation unterzog. Anschließend wurde sie unsanft abgeführt und aufs Polizeipräsidium gebracht.
Als sie im Verhörzimmer den beiden Beamten gegenübersaß, die sie ganz im Stile »Guter Bulle – Böser Bulle« befragten, drängte sich ihr die Frage nach dem Warum auf. Offenbar hielten die Kommissare sie für eine Kriminelle. Jedenfalls unterstellten sie ihr mehrfach, ganz genau zu wissen, warum sie heute Abend hier sei. Sie werde die nächsten Jahre ohnehin in einer Zelle verbringen, es gehe nur noch darum, wie lange. Sie solle besser reden!
Erst als sie den Beamten immer wieder den Ablauf des vergangenen Kinobesuchs mit dem tätowierten Kfz-Mechaniker geschildert und ihnen den gesamten Chatverlauf auf LoveRadar vorgelegt hatte, ging den Beamten ein Licht auf. Denn anders als die Polizisten zunächst angenommen hatten, war sie keineswegs die Komplizin des gesuchten Tankstellenräubers in Jeans.
Den wahren Täter konnte die Polizei dank der Dating-App, die Natalie auf ihrem Handy installiert hatte, in einer nahe gelegenen Spielhalle orten und dingfest machen. Es war nicht das erste Mal, dass er mithilfe der Dating-App Fluchtfahrzeug nebst Fahrerin organisiert hatte und mit den ahnungslosen jungen Frauen auf Raubzug gegangen war. Der einschlägig vorbestrafte Jeansmann gab sofort alles zu – wenigstens diesen Anstand besaß er.
Was Natalie allerdings an diesem Abend unter ihrem Kleid trug, sollte der Räuber trotz seines reumütigen Geständnisses nicht mehr von ihr erfahren. Und auch von LoveRadar hatte sie die Nase gestrichen voll.
Love Supreme
Zuerst hatte sie es für ein Hirngespinst gehalten, dass sie von wildfremden Leuten angestarrt wurde, denn es gab keinen nachvollziehbaren Grund dafür: Weder kleidete sie sich ausgefallen oder verhielt sich seltsam, noch war sie für irgendetwas bekannt oder gar berühmt. Ihr Leben verlief in geordneten Bahnen, und als Wirtschaftsmathematikerin, die im Innendienst einer großen Versicherungsgesellschaft arbeitete, stieß sie bei ihren Mitmenschen auf wenig Interesse. Just in der Firmenkantine war es kürzlich zu dem ersten Vorfall gekommen. Ein besonders schmieriger, abgehalfterter Typ aus dem Außendienst hatte sie vom Nebentisch aus ziemlich unverschämt angestarrt und sich mit seinen nicht minder schmierigen Kollegen offenbar köstlich über sie amüsiert. Spätestens als er mit einem verdammt dummen Grinsen an ihr vorbeischarwenzelt war und ihr unter dem Gejohle seiner Kollegen mit einem unverschämten Lachen »Hey, sexy Susi« zugerufen hatte, war ihr klar geworden, dass sie sich auch die Blicke in der U-Bahn, im Bus, im Supermarkt und neulich bei McDonalds nicht eingebildet hatte.
Sie fing an, ernsthafter darüber nachzudenken, warum sich die Menschen in ihrer Gegenwart seit einiger Zeit so merkwürdig verhielten. Vielleicht steckten ihre Freundinnen dahinter und hatten ihr einen Streich gespielt, von dem sie nichts wusste? Zugetraut hätte sie es ihnen. In ihrer Clique waren sie alle ein bisschen verrückt. Andererseits: Wie sollten ihre Freundinnen schon dafür sorgen, dass wildfremde Leute sie auf der Straße anstarrten. Als ihr dann kurz nach diesem Zwischenfall ein junger Teenager unter Anwendung einer obszönen Geste »Sexy Susi ich liebe dich!« zurief und die Gruppe halbstarker Schüler um ihn herum in lautes Gelächter ausbrach, bestand für sie kein Zweifel mehr: Irgendetwas stimmte nicht.
Sie hieß nicht mal Susi, sondern Simone. Wieso aber hatten sowohl der schmierig-sexistische Außendienstler als auch der frech-forsche Schüler sie sexy Susi genannt? Ein eiligst einberufenes Krisentreffen mit ihren Freundinnen bestätigte ihr, was sie schon geahnt hatte: Ihre Freundinnen hatten nichts damit zu tun. Hatte sie eine Doppelgängerin?
Eine Online-Recherche brachte Licht ins Dunkel: Auf diversen Amateur-Pornoseiten stieß Simone auf Videos, in denen sie selbst beim Sex zu sehen war – nur dass sie auf diesen Seiten offenbar unter dem Pseudonym »Sexy Susi« bekannt war. Die Aufnahmen waren teils arg verwackelt, aber dennoch sehr explizit. So explizit, dass sie fast schon medizinischen Charakter hatten. Das Schlimmste aber war: Die Kamera zeigte immer wieder und ganz eindeutig Simones Gesicht. »Sexy Susi Video 1« lautete der Titel des schmuddeligen Machwerks, das weit über 200 000 Views zählte. Eine weitere Aufnahme war schon bei 120 000 Views. Sexy Susi hatte anscheinend eine stark wachsende Fangemeinde, unter ihnen auch der schmierige Außendienstler, der jedes einzelne Video ausgiebig kommentiert hatte.

Die Pornofilmchen im Internet mussten erst kürzlich aufgenommen worden sein. In den Videos war Simone blond, und sie hatte sich die Haare erst vor einem halben Jahr nach der Trennung von ihrem Freund gefärbt. Das schränkte den Kreis der Verdächtigen von vorneherein ein, und obwohl sie in der letzten Zeit kein Kind von Traurigkeit gewesen war, kam sie nach einigem Überlegen zu dem Schluss, dass nur Thomas für diese Schweinerei verantwortlich gewesen sein konnte. Vor etwa zwei Monaten hatte sie ihn über die Dating-App AfterWorkers kennengelernt. Sie hatte sich einige Male mit ihm getroffen und von Zeit zu Zeit mit ihm geschlafen. Je länger sie darüber nachdachte, desto sicherer war sie sich: Das Schwein hatte sie heimlich beim Sex gefilmt. Abgesehen von ein paar One-Night-Stands und Sex mit dem Ex, hatte sie seit der Trennung mit keinem anderen Mann mehr als einmal geschlafen – im Internet kursierten aber bereits vier Sexy-Susi-Videos. Sie musste also keine Mathematikerin sein, um sich auszurechnen, wer dahintersteckte.
Ohnehin war Thomas ein bisschen schräg gewesen. Zunächst hatte er schüchtern, fast schon verklemmt gewirkt, dann aber schon zu ihrem zweiten Date diverse Sextoys mitgebracht. Thomas’ Vorstoß mit den Sextoys fand sie damals gar nicht so schlecht, die meisten Männer, die Simone kannte, waren in dieser Hinsicht eher fantasielos. Insbesondere die Hightech-Liebeskugeln, die sie per App auf ihrem Smartphone in verschiedenen Stärken vibrieren lassen konnte, hatten es ihr damals angetan. Jetzt war Simone klar, dass Thomas offenbar noch ein bisschen mehr Hightech-Ausrüstung dabeigehabt haben musste. Dafür würde er büßen!
Simone ging zur Polizei. Und die fackelte nicht lange, denn was Thomas Simone angetan hatte, war in mehrfacher Hinsicht strafbar. Beides, das Aufnehmen des pornografischen Materials und die Verbreitung im Internet, ohne Simones Einverständnis einzuholen, sind keine Kavaliersdelikte. Digitale Daten hinterlassen Spuren, und die ermittelnde Staatsanwältin war sich sicher, dass man auf Thomas’ Computer schnell fündig werden würde. Sie beantragte einen richterlichen Durchsuchungsbeschluss, der zwei Tage später in den frühen Morgenstunden durch ein mobiles Einsatzkommando der Polizei vollstreckt wurde.

Der Polizei gegenüber gab sich Thomas allerdings ziemlich überrascht. Auf die Frage der Polizisten, mit welchem Gerät er die heimlichen Sexfilme von Simone aufgenommen hatte, gab er sich gänzlich unwissend, selbst dann noch als die Polizisten ihm drohten, seine Bude zu »zerlegen«, wenn er nicht kooperierte.
Aber auch die Auswertung sämtlicher beschlagnahmter technischer Geräte ergab keine Hinweise darauf, dass Thomas irgendwelche Pornofilmchen von Sexy Susi produziert, besessen oder hochgeladen hatte. Und schlimmer noch: Ein fünftes Video von Simone tauchte im Internet auf. Es zeigte sie im nagelneuen Bademantel von Victoria’s Secret, den sie sich eine Woche nach Anzeigeerstattung gekauft hatte, eine Woche nach der Durchsuchungsaktion in Thomas’ Wohnung.
Wenngleich das Video sie nicht beim Sex zeigte, setzte die Veröffentlichung dieses Videos Simone mehr zu als die anderen: Es zeigte sie in einem intimen Moment, in dem sie sich gänzlich unbeobachtet geglaubt hatte. Ausgerechnet im Takt des Songs »Love Supreme« von Robbie Williams hatte sie sich ausgezogen. Es kränkte sie weniger, dass die Aufnahme sie nackt zeigte – sie mochte ihren Körper, und es gefiel ihr, nackt zu sein –, vielmehr traf es sie, dass jemand hinterhältig in ihre Privatsphäre eingedrungen war.
Gemeinsam mit ihren Freundinnen analysierte sie das Video, um dem unbekannten Täter endlich auf die Schliche zu kommen. Sah man sich die Perspektive der Aufnahme genauer an, musste sie jemand durch das Fenster hindurch gefilmt haben, während sie sich bettfertig machte. Aber wie war das möglich? Simone wohnte im zweiten Stock. Der Täter hätte entweder die Hauswand hochklettern müssen – oder er konnte fliegen.
Wieder erstattete Simone Anzeige, diesmal gegen Unbekannt. Doch der zuständige Kommissar reagierte deutlich verhaltener auf ihre Anzeige als zuvor. Zwar glaubte er Simone und wollte ihr auch gerne helfen, er wusste nur nicht wie. Die diensthabende Staatsanwältin war nach der erfolglosen Hausdurchsuchung bei Thomas ziemlich wütend gewesen. Ohne handfeste Beweise, das hatte sie dem Kommissar klargemacht, brauchte er gar nicht erst versuchen, ihr einen Verdächtigen zu präsentieren. Das Schlimmste für Simone war, dass die Staatsanwältin zudem Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit geäußert hatte. Vielleicht hatte Simone bei der Anzahl ihrer Liebhaber geflunkert, und ein anderer ihrer Lover hatte die Aufnahme erstellt – vielleicht hatte sie die Aufnahmen gar selbst veröffentlicht? Schließlich war nur sie selbst auf den Videos zu sehen, und Sexy Susis wachsende Berühmtheit vielleicht sogar ein gutes Motiv? Simone war fassungslos.
Als dann eine Woche später ein sechstes Video von Sexy Susi im Netz auftauchte, sollte der Spuk endlich ein Ende haben. Für Simone war es das bisher schlimmste Video: Es zeigte, wie sie sich selbst befriedigte. Deutlich war zu sehen, wie Simone sich etwas in die Vagina einführte, und zwar aus der Perspektive des eingeführten Gegenstandes! Die Kamera musste also an dem Gegenstand selbst angebracht sein, mit dem sie sich in dem Video genüsslich befriedigte. Mit einem Mal war ihr alles klar: Es mussten die Liebeskugeln sein, die Thomas ihr großzügig überlassen hatte! Eine Internet-Recherche zu dem Produkt bestätigte ihren Verdacht. Bei den Liebeskugeln handelte es sich um ein Sexspielzeug, das sich vor allem an Paare in Fernbeziehungen richtete. Mit der entsprechenden App ließen sich die technisch ausgeklügelten Kugeln nämlich nicht nur aus der Ferne zum Vibrieren bringen, es standen auch diverse weitere Funktionen zur Verfügung, darunter eine in die Kugeln integrierte Kamera.
Eine vom ermittelnden Kommissar und der zuständigen Staatsanwältin umgehend beauftragte kriminaltechnische Untersuchung brachte dann endlich Licht ins Dunkel: Aufgrund eines werkseitigen Versehens waren die Hightech-Liebeskugeln so programmiert, dass sie die mit der Kamera aufgezeichneten Daten automatisch per WLAN auf den öffentlichen Server des Erotikartikelherstellers übertrugen. Von dort aus waren die Daten für jedermann abrufbar. Wer allerdings die unfreiwillig entstandenen Videos von Simone auf die einschlägigen Erotikseiten hochgeladen hatte, noch dazu mit dem Pseudonym »Sexy Susi«, ließ sich nicht ermitteln.

Immerhin zeigte sich der japanische Hersteller der Liebeskugeln einigermaßen einsichtig. »Ohne Anerkennung einer Rechtspflicht« überwies er Simone eine Entschädigung in Höhe von 50 000 Euro.
Und die pragmatisch veranlagte Simone machte das Beste daraus: Da sie nun ohnehin schon einen zweifelhaften Bekanntheitsgrad als Sexy Susi erlangt und mittlerweile Fans auf der ganzen Welt hatte, hängte sie ihren Schreibtischjob an den Nagel und beschloss, weitere Videos von sich zu veröffentlichen, diesmal in Eigenregie und natürlich gegen Entgelt.
Nur an ihren größten Erfolg konnte sie nie wieder anknüpfen: Der Clip mit Simones Showeinlage zu »Love Supreme« ist mit weit über zwei Millionen Views bis heute der mit Abstand meist geklickte …
Das sexte Gebot
Es sei sein Fetisch, da könne er nichts machen, sagte der Angeklagte am Ende reumütig zum Richter. Alles habe mit »Nonne Martha« angefangen. Nonne Martha, so stellte sich im Laufe der weiteren Gerichtsverhandlung heraus, war eigentlich keine Nonne, sondern eine Domina, die der Angeklagte auf einer Webseite im Internet gefunden hatte. Dort bot sie – ausgerüstet mit Peitsche, Glockenstrick und gewandet in ein Nonnenkostüm – ihre Dienste an. Daneben hatte Martha ein Holzkreuz im Angebot, an das sie sündige Kunden fesselte oder sie wahlweise mit echten Stahlnägeln daran festnagelte. Auch einen Beichtstuhl der ganz besonderen Art nannte sie ihr Eigen. Anstelle eines Polsters war auf der Sitzfläche ein Nagelbrett angebracht. Für besonders renitente Sünder gab es ein kleines Loch im Holz, durch das der Sünder seinen Penis stecken musste, wonach er von Nonne Martha in einen eigens konstruierten Schraubstock gequetscht wurde, der sich nach Belieben enger schrauben ließ. Je sündiger der Kunde, desto fester schraubte Nonne Martha die Eisenzwinge zusammen.
Dieser Beichtstuhl habe es ihm angetan, erklärte der Angeklagte, aber auf Dauer sei ihm die ganze Sache doch zu schmerzhaft geworden, und andere Leistungen bot Nonne Martha aus Prinzip nicht an. Dominas seien keine Prostituierten, habe sie ihn in gewohnt herrischem Ton angeblafft, als er sie höflich darum gebeten hatte, seinen Penis in dem hölzernen Loch zu verschonen und ihn doch lieber einer sanfteren Behandlung bis zum Samenerguss zu unterziehen. Was das betraf, kam der Angeklagte bei Nonne Martha nicht auf seine Kosten, denn mit Sperma wollte sie nichts zu tun haben. Zwar war es den Kunden erlaubt, während der »heiligen Prozeduren« zu onanieren, ejakulieren mussten sie aber in einen bereitstehenden goldenen Kelch, den der Kunde im Anschluss austrinken und säubern musste. Immerhin gab Nonne Martha noch einen kleinen Schluck Messwein mit in das güldene Gefäß.
Um es kurz zu machen: Der Angeklagte und sein »kleiner Messdiener« wollten irgendwann auch mal in den Genuss einer schmerzfreien Behandlung kommen, den Beichtstuhl aber auch nicht missen. Und so war er auf die Idee gekommen, sich auf der Dating-App Gender anzumelden. Dass sein dort angegebener Beruf eine derart positive Reaktion zur Folge haben würde, hätte er sich aber nicht erträumt. Zu ihm als Pfarrer hatten die datingwilligen Frauen wohl besonders schnell Vertrauen gefasst. Fast alle waren schon nach wenigen Chat-Nachrichten bereit gewesen, sich mit ihm in einem Gasthaus nahe der Kirche zu treffen. Dort hatte er den Frauen, die zwischen achtzehn und sechzig Jahre alt waren, auch offen gestanden, dass er aufgrund des strikten Zölibats sehr einsam sei, aber selbst als Mann Gottes gewisse Bedürfnisse habe. Und so war dann eins zum anderen gekommen – auch das mit dem Sex in der Kirche.
Natürlich gab es in der besagten Kirche einen Beichtstuhl. Und der war deutlich bequemer als der von Nonne Martha, wenngleich er mit einer identischen Aussparung auf Schritthöhe aufwartete, die der genderfreudige Pfarrer mit einer Handsäge heimlich ausgesägt hatte. Um sich beim Einführen seines Geschlechtsteils nicht an Holzsplittern zu verletzen, hatte er das Loch sogar mit Schleifpapier einigermaßen glatt geschliffen. Und auch wenn jetzt schon klar sein dürfte, was er in der Kirche am liebsten getrieben hatte, ersparte es ihm der Richter nicht, eine detaillierte Schilderung der Vorgänge abzugeben, die ihn schlussendlich auf die Anklagebank gebracht hatten:
Gewiss habe es etwas Überzeugungsarbeit gekostet, den Frauen seinen Fetisch schmackhaft zu machen, schilderte der Angeklagte mit Blick auf den Boden. Trotzdem seien ihm seine Gender-Dates letztlich freimütig zum Beichtstuhl gefolgt, um darin Geschlechtsverkehr zu haben. Er könne sich jedenfalls an keine erinnern, die am Ende nicht doch bereit gewesen wäre, auf der Seite der Sünderin Platz zu nehmen – und es mussten insgesamt sehr viele gewesen sein. Immerhin hatten den polizeilichen Ermittlungen zufolge rund 400 Frauen allein auf der Dating-App Gender Kontakt zu dem liebeshungrigen Pfarrer gehabt.

Doch so erfolgreich die ganze Sache für den Pfarrer anfangs auch gelaufen sein mochte – Gotteshäuser sind für alle da, und hin und wieder verirren sich auch treue, meist etwas ältere Schäfchen dorthinein. Es war wohl doch ein wenig zu kühn gewesen, dass er seine »Beichte« eines schönen Tages auf einen Wochentag legte, noch dazu auf den, an dem Ulrike Traugott, eine engagierte Kirchgängerin, sich seit jeher um die Vorbereitungen für den wöchentlichen Gottesdienst kümmerte. Es war nur ihrer stets keuschen Lebensführung und ihrer sexuellen Unerfahrenheit geschuldet, dass ihr Herz den Zwischenfall unbeschadet überstand. Ausgerechnet während sie die abgebrannten Kerzen am Opferstock auswechselte, vernahm sie an besagtem Nachmittag alarmierende Geräusche aus dem Beichtstuhl, die sie für ernste Atembeschwerden ihres hochverehrten Pfarrers hielt. Als gute Christin eilte sie natürlich sofort herbei, um das Leben von Hochwürden zu retten. Dementsprechend groß war der Schreck, als sie dort nicht das erblickte, was sie erwartet hatte.
Abgesehen davon, dass der Mann, der da im Beichtstuhl stand, nicht in Not zu sein schien, hatte er dort auch schlichtweg nichts verloren. Beichttag war eigentlich donnerstags, und der Mann, der sich bei Gender als Pfarrer ausgab, war natürlich kein Mann Gottes, schon gar nicht der Pfarrer der St. Marien Kirche – das war nämlich Monsignore Mayer. Auch dass der Hochstapler ein Priestergewand trug, das nicht einmal ansatzweise der Dienstkleidung eines katholischen Pfarrers entsprach, bemerkte die in liturgischen Dingen sehr bewanderte Ulrike. Ihr war sofort klar: Hier stimmte etwas nicht. Der Mann im Beichtstuhl musste ein »Zigeuner« sein, der sich dort versteckt hatte, um nach Einbruch der Dämmerung die versilberten Kerzenständer des Hochaltars zu stehlen – so zumindest die Vermutung der rüstigen Dame. Schnurstracks lief sie zu einer der wohl letzten Telefonzellen Deutschlands direkt neben der Kirche und alarmierte die Polizei. Dass der Penis des Gender-Pfarrers im Moment der Entdeckung noch in dem Loch in der Holzwand des Beichtstuhls und dahinter in einer Person steckte, hatte Ulrike gar nicht bemerkt – wie gesagt, sie war nur Gott in treuer Liebe ergeben.
Die Polizei war erstaunlich schnell am Tatort und in Liebesdingen deutlich aufgeklärter als Ulrike: Aufgrund der Funde in den routinemäßig kontrollierten Taschen des falschen Pfarrers, in denen sich neben Gleitgel und Kondomen auch noch eine Schachtel Viagra befunden hatte, unterzogen die Beamten auch den Beichtstuhl einer gründlichen Untersuchung. Das ausgesägte Loch und die Spermaflecken auf der einen Seite der Holzwand ließen wenig Raum für Spekulationen. Hier war kein Dieb am Werk, sondern ein routinierter Kirchenschänder. Und solche Schweinereien sind natürlich strafbar. Gemäß dem eher selten angewandten § 167 Strafgesetzbuch wird sogenannter »beschimpfender Unfug« mit einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren geahndet – begeht man diesen »Unfug« dann auch noch bis zu vierhundert Mal, kommt einiges an Strafe zusammen. Den bayerischen Dorfpolizisten war die Strafnorm zwar nicht bekannt, aber dass es sich hier um eine Sauerei handelte, war ihnen klar. Das eingeschnitzte Loch in der Holzwand des Beichtstuhls und die sexuellen Handlungen waren nach kirchlichen Maßstäben ein schweres Sakrileg, das deutsche Strafrecht bestraft Beschädigungen in Kirchenhäusern deshalb besonders schwer – schließlich hat ein Gotteshaus für Gläubige einen hohen ideellen Wert.
Was genau es mit dem »beschimpfenden Unfug« auf sich hat, darüber mag man streiten: Die Vorgehensweise des falschen Pfarrers war nach Ansicht des katholischen Amtsrichters jedenfalls eindeutig unter diesem Begriff einzuordnen.

Dass sich der vorläufig festgenommene Gender-Pfarrer dann auch noch ausgerechnet als Ethik-Lehrer einer benachbarten Gemeinde entpuppte, sollte allerdings sein Schaden nicht sein: Denn der Titel »Pfarrer« unterliegt – anders als der des Arztes oder Anwalts – keiner gesetzlich geschützten Berufsbezeichnung, und auf der Gender-App schien der Pfarrersberuf für besonders reges Interesse bei der Damenwelt zu sorgen, die 400 Matches sprachen für sich. Ohnehin scheinen Frauenherzen deutlich höherzuschlagen, wenn ein Mann auf seinem Online-Dating-Profil einen extravaganten Beruf angibt. Stimmt der Beruf, ist den Nutzerinnen auch das Aussehen eines Mannes oft nicht mehr so wichtig – so geht es aus einer Auftragsstudie einer anderen bekannten Dating-App hervor. Ist der Online-Mann Kinderarzt, braucht er also nicht mal mehr ein Profilbild. Auch Scheidungsanwälte stehen in der Gunst von Frauen offenbar weit oben, angeblich weil sie ganz besonders treu sind. Doch »Pfarrer« scheinen alles zu toppen.
Ein Jahr und sechs Monate Gefängnis auf Bewährung lautete schließlich das Urteil des Richters, das er unter dem großen Holzkreuz des Gerichtssaales verkündete und an das er folgende Auflage knüpfte: Für einen Zeitraum von drei Jahren durfte sich der Verurteilte der St. Marien Kirche nebst Beichtstuhl nicht mehr nähern.
Der falsche Pfarrer nahm das Urteil schweigend und voller Demut hin. Ob er sich weiterhin als Pfarrer oder Pastor ausgibt, ist nicht bekannt. Allerdings erschütterte ziemlich genau drei Jahre nach der Geschichte um den Gender-Pfarrer ein weiterer Skandal die altehrwürdige St. Marien Kirche: Ausgerechnet der sorgsam restaurierte und von Monsignore Mayer geweihte Beichtstuhl wurde eines Nachts entwendet. Im Lokalteil der Zeitung hieß es, die Polizei schließe ein Verbrechen nicht aus.

Interview mit Alexander Stevens

zu seinem Buch »9 1/2 perfekte Morde«

Was ist der perfekte Mord? Kann es ihn tatsächlich noch geben?

Ja, es gibt ihn, den perfekten Mord – vermutlich sogar hundertfach. Denn die Ermittlungsbehörden müssen einen Toten ja im wahrsten Sinne des Wortes erst einmal zur Untersuchung vor dem Hintergrund eines möglichen Verbrechens vorgelegt bekommen und dann, in einem zweiten Schritt, als Todesursache einen Mord erkennen. Will heißen: Wo kein Kläger, da kein Richter. Wird ein Toter zum Beispiel von einem Arzt als „natürlich“ verstorben klassifiziert, kommen weder Polizei, noch Staatsanwalt oder Gerichtsmediziner. Und selbst wenn ein Mordopfer von einem Rechtsmediziner untersucht wird, heißt das noch lange nicht, dass er auch einen Mord feststellen wird. Schubsen Sie mal Ihre Schwiegermutter beim Bergsteigen in einem unbeobachteten Moment von der Klippe – Ihre Behauptung, es sei ein tragischer Unfall gewesen, wird Ihnen kaum jemand widerlegen können. Und wenn Sie einem Übergewichtigen eine Überdosis Insulin spritzen, wird auch kein Rechtsmediziner dumme Fragen stellen – Todesursache ist dann sein Diabetes. Aber das sind alte Kamellen, die man aus zahllosen Krimis kennt. In meinem Buch geht es schon um deutlich perfidere Mordmethoden und es sind Fälle, die alle genau so in jüngster Vergangenheit passiert sind. Besonders schlimm daran ist, dass man den Großteil der Fälle hätte verhindern können, wenn es zum Beispiel andere Gesetze gäbe.

Was sind die häufigsten Mordmethoden?

Am häufigsten werden Menschen erstochen, erwürgt oder erschlagen. Da Schusswaffen in Deutschland – anders als zum Beispiel in den USA, wo allein durch Schusswaffen ca. 10.000 Menschen jährlich sterben – stark reglementiert und nur sehr schwer zu beschaffen sind, ist Erschießen als Todesursache eher selten, ebenso wie z.B. das Vergiften, da man hierzu umfassenderes Wissen benötigt. Was die perfekten Mordmethoden angeht, gibt es keine Statistik, denn wie Alfred Hitchcock schon einmal richtig sagte: „Natürlich hat es schon perfekte Morde geben, sonst wüsste man ja von ihnen.“ Es gibt also womöglich viele unerkannte Tötungsdelikte, von denen man logischerweise auch nicht weiß, wie oder wodurch die betreffenden Personen tatsächlich zu Tode gekommen sind. So hat man zum Beispiel schon durch puren Zufall Leichen entdeckt, die Schusswunden, Strommarken und Würgemale aufwiesen, die aber allesamt von Ärzten mit Todesursachen wie Herzinfarkt, Schlaganfall oder Krebsleiden zur Bestattung freigegeben worden waren.

Welche verschiedenen Mörder-Typen gibt es?

Eine wirklich abschließende Aufzählung ist hier nicht möglich, denn die Täter geben nur selten preis, warum sie gemordet haben. Oft kann der Grund von den Gerichten daher nur durch objektivierbare Rückschlüsse ermittelt werden, schließlich kann man niemandem in den Kopf schauen, um festzustellen, was derjenige sich bei seiner Tat gedacht hat. Klar, wenn jemand Geldnot hat und seine Ehefrau, die ihn in der Lebensversicherung gut bedacht hat, oder den reichen Erbonkel tötet, liegt es sehr nahe, dass hier aus Habgier getötet wird. Wer seine Geliebte tötet, die nebenbei noch mit anderen Männern verkehrt, wird vermutlich aus Eifersucht töten, und der Familienvater, dessen gesamte Familie durch den Fehler eines Fluglotsen ausgelöscht wurde und der diesen dann tötet, wird dies vermutlich aus Rachsucht tun, usw. Aber sicher gibt es auch Menschen, die aus purer Langeweile töten oder aber, weil sie mal sehen wollen, wie es ist, einen Menschen sterben zu sehen. Da kennen die menschliche Fantasie, aber auch die menschlichen Abgründe keine Grenzen.

Wie ist es, einen Mörder zu verteidigen?

Um diese Frage kommt man als Strafverteidiger nie herum: Es ist anders, zumindest für mich. Denn die meisten Straftaten betreffen Eigentums- und Vermögensdelikte, sprich Diebstahl, Betrug, Sachbeschädigung etc. Da denkt man als Verteidiger nicht sonderlich viel darüber nach, wie schlimm dieses Delikt für die Gesellschaft oder im Rahmen der eigenen Moral- und Wertvorstellungen ist. Bei Tötungsdelikten ist das anders, denn da vertritt man dann jemanden, der womöglich einem anderen Menschen das Leben genommen hat, man gibt ihm die Hand, mit der er womöglich das Leben ausgelöscht hat, man unterhält sich mit jemandem, der möglicherweise dafür verantwortlich ist, dass eine ganze Familie durch den Tod eines geliebten Menschen zerstört wird. Dennoch müssen alle diese Gedanken zurücktreten, denn in einem Rechtsstaat muss jeder das Recht auf eine faire Verteidigung haben und es wäre alles andere als fair, wenn schon der eigene Verteidiger Emotionen über nüchterne Fakten und Gesetze stellen würde. Und mal ganz ehrlich: Ein Zahnarzt hat wahrscheinlich auch keine Lust, den sich seit Jahrzehnten der Mundhygiene verschließenden Patienten zu behandeln, tut es aber trotzdem. Einer muss es ja machen.

Ist das Buch eine Anleitung zum perfekten Mord?

Nein, denn laut den Ermittlungsbehörden gibt es ja angeblich keine perfekten Morde. Und genau da setzt mein Buch an: Es zeigt, dass das schlicht gelogen ist. Natürlich gibt es perfekte Morde und dass dem so ist, liegt vor allem an genau dieser Einstellung der Ermittlungsbehörden. Mein Buch ist eine deutliche Kritik an all denjenigen, die behaupten, dass im Zeitalter von DNA-Analysen und Handyortung jeder Mörder zur Strecke gebracht wird. Dem ist offensichtlich nicht so, was mein Buch anhand echter Fälle trefflich unter Beweis stellt. Insoweit richtet sich das Buch vor allem an den Gesetzgeber und die Strafverfolgungsbehörden, aber wieso dabei nicht gleichzeitig ein paar spannende Geschichten für alle anderen erzählen?

Blick ins Buch
9 1/2 perfekte Morde9 1/2 perfekte Morde

Wenn Schuldige davonkommen – Ein Strafverteidiger deckt auf

Geschätzt 1200 Tötungsdelikte bleiben jährlich unentdeckt. Doch auch wenn die Taten entdeckt werden, heißt das nicht, dass die Täter auch überführt werden können. Selbst in Zeiten von Handyortung und hochentwickelten DNA-Analysen kann es ihn noch geben: den perfekten Mord. Strafverteidiger Alexander Stevens beschreibt in seinem neuen Buch 10 wahre und aktuelle Mordfälle, bei denen die Täter fast alle ungeschoren davonkommen. Spannend und detailreich berichtet er von den Geschehnissen und den Ermittlungen und erklärt, wie es möglich ist, dass die Mörder mit ihren Verbrechen durchkommen – jeder auf seine ganz eigene Art.

Vorwort:

Den perfekten Mord gibt es nicht? »Der Mörder wird mit lebenslanger Freiheitsstrafe bestraft.« – So steht es im Strafgesetz. Eine vorzeitige Haftentlassung ist frühestens nach 15 Jahren möglich, bei besonders schwerer Schuld meist nicht vor 24 Jahren. Es kann sich also durchaus lohnen, einer Verurteilung wegen Mordes zu entgehen. Nur wie soll man das anstellen, ohne das Ergebnis für das tote Opfer zu ändern?   Die Antwort lautet: Einen perfekten Mord begehen! Doch was ist der perfekte Mord? Und kann es ihn wirklich geben? Alfred Hitchcock sagte einmal: »Natürlich hat es schon perfekte Morde gegeben, sonst wüsste man ja etwas von ihnen.« Der allsonntägliche Tatort, Fernsehserien à la CSI, reißerische Kriminalliteratur oder einschlägige Sachbücher diverser Kriminalisten behaupten hingegen das Gegenteil. Zu hoch entwickelt seien Forensik und Kriminalistik, was schließlich auch durch die Aufklärungsquote von rund 98 % aller Tötungsdelikte bewiesen werde. DNA-Spuren, Handyortung, Telefonauswertung, Fingerabdrücke, Faserspuren, Rechtsmedizin, Kriminalbiologie und nicht zuletzt die hartnäckigen und umfassenden Bemühungen erfahrener Kriminalbeamter werden über kurz oder lang jeden Täter überführen. In der öffentlichen Wahrnehmung entsteht so der Eindruck, dass es sich bei den wenigen unaufgeklärten Morden lediglich um Zufälle handelt, um unvermeidliche Fehler in der Statistik.   Vereinzelt werden immerhin Fälle bekannt, in denen ein scheinbar perfekter Mord am Ende doch noch aufgeklärt werden konnte. Sei es, weil der Täter sein geheimes Wissen doch nicht für sich behalten konnte, sei es, weil er schlicht und ergreifend durch einen dummen Zufall überführt wurde. Ob diese Fälle allerdings der Beweis sind, dass am Ende doch jeder Mörder seiner gerechten Strafe zugeführt wird, daran habe ich meine Zweifel. Vielmehr bin ich der Ansicht, dass gerade diese Fälle uns erst eine dunkle Ahnung vermitteln können, wie die Wirklichkeit in Wahrheit aussieht. Aber lesen Sie selbst …

 

Reise ohne Rückkehr

Während meiner Zeit als Strafverteidiger erreichten mich bisher so einige skurrile Briefe, auch aus dem Ausland. Darin ging es in den meisten Fällen um Fragen der Verjährung von Straftaten und eine straffreie Rückkehr nach Deutschland. Die Bandbreite der Delikte jener Flüchtigen reichte von Mord über Vergewaltigung bis hin zu Bankraub. Nur selten war es mir möglich, befriedigende Antworten zu geben. Mord verjährt nach deutschem Recht nicht und auch Delikte wie eine Vergewaltigung haben eine so lange Verjährungsfrist, dass der mutmaßliche Täter alt und grau ist, ehe seine Straftat verjährt – wenn die Frist denn überhaupt abläuft; denn bei Tätern, die sich im Ausland aufhalten und deren Auslieferung seitens der deutschen Behörden beantragt ist, ruht die Verjährung. Dann bleibt dem Täter nur noch die Flucht in ein anderes Land, um die Verjährungsfrist in Gang zu setzen. Natürlich ist man auch als Strafverteidiger vor Anfragen von Trittbrettfahrern, die sich mit ihren Mandatsanfragen nur wichtig- oder einen Spaß machen wollen, und psychisch auffälligen Scharlatanen nicht gefeit. So erhielt ich im Laufe der Jahre auch schon Post mit der Bitte um anwaltliche Vertretung vom »König von Thailand« oder dem selbst ernannten »Konsul von Bayern«, deren Seriosität selbstredend wenig ernst zu nehmen war. Doch dann bekam ich einen Brief in meine Kanzlei geschickt, der sich von allen übrigen unterschied.

Sehr geehrter Herr Dr. Stevens, vielleicht erinnern Sie sich an unsere Unterhaltung im Sommer 2015 auf Key West. Ich habe Ihr letztes Buch inzwischen mit einigem Vergnügen gelesen. Im letzten Kapitel deuten Sie dort einen perfekten Mord an, ohne es beim Namen zu nennen. Schade eigentlich, denn alle Welt will einen glauben machen, dass es den perfekten Mord nicht gibt.

Ich erinnerte mich tatsächlich sofort an ihn. Ich hatte damals eine Kreuzfahrt in der Karibik unternommen, um an besagtem Buch zu schreiben. In einer Bar auf Key West war ich mit dem freundlichen Mittvierziger ins Gespräch gekommen, und wir unterhielten uns länger über meine Arbeit und das Buch. Warum er bei mir einen so bleibenden Eindruck hinterlassen hat, weiß ich nicht. Auf den ersten Blick war er ein eher unauffälliger Typ, den man leicht verwechselt. Zwar war mir die höfliche und ruhige Aufmerksamkeit, die er mir entgegenbrachte, damals angenehm aufgefallen, aber das Gespräch war eigentlich nicht besonders spektakulär verlaufen. Ganz anders stand es hingegen mit dem Inhalt seines Briefes. 

Warum ich Ihnen schreibe? Ich habe meine Frau getötet. Ich hatte es längst getan, als wir uns kennenlernten, aber ich konnte in der Bar verständlicherweise nicht offen mit Ihnen darüber sprechen. Ich schreibe Ihnen auch nicht, um meine Tat zu rechtfertigen oder mein Gewissen zu erleichtern. Auch will ich nicht Ihren rechtlichen Rat einholen, ich weiß sehr wohl, dass Mord nicht verjährt. Ich schreibe Ihnen, weil ich die vielen Sachbücher, Interviews, Filme, Dokumentationen und Artikel leid bin, in denen stets behauptet wird, dass es den perfekten Mord nicht gibt. Den Entschluss, meine Frau zu töten, fasste ich eher spontan. Wir befanden uns auf einer Kreuzfahrt in der Karibik. Die Reise hatte ich ihr zum siebten Hochzeitstag geschenkt. Sie begann in den USA und führte von dort ins Karibische Meer. Schon am ersten Abend gab es Streit. Wie immer war es eine belanglose Auseinandersetzung, die aber dennoch einen recht heftigen Verlauf nahm. Es ging um das Abendessen: Sie wollte in schicker Kleidung zum Captain’s Dinner gehen, ich hingegen leger gekleidet und ohne viel Aufwand zum Büfett. Am Ende fügte ich mich ihrem Willen – wie immer. Um den Abend so erträglich wie möglich zu gestalten, lud ich meine Frau später auf ein paar Drinks an die Bar des Bordbistros ein. Der Alkohol sollte uns helfen, einander einigermaßen gut zu verstehen und einen halbwegs liebevollen Umgang miteinander einzustellen. Auch an den folgenden Abenden trank ich mit meiner Frau einige Cocktails, und jeden Abend wurden es ein paar mehr. Am fünften Tag der Reise hatten wir zwei volle Tage auf See hinter uns und damit einige Hundert Meilen seit dem letzten Halt an einer Karibikinsel zurückgelegt. Zwei weitere Tage auf See lagen noch vor uns. Wie schon zuvor, waren wir nach dem formellen Teil des Abends zur Bar gegangen. Wir bestellten Cocktails. Bei ihr waren es diesmal eindeutig zu viele. Wie immer, wenn sie zu viel Alkohol intus hatte, philosophierte sie darüber, wie gut es ihr doch im Leben ergangen wäre, hätte sie mich nie kennengelernt und geheiratet. Dabei blieb sie ganz ruhig und sachlich. Ihre Ausführungen aber hätten kaum verletzender sein können. Ein Schlappschwanz sei ich, der sie nicht ordentlich zu befriedigen wisse. Selbst der Barmann an der Theke, etwa zwanzig Jahre älter als ich und mit schütterem Haupthaar, mache sie mehr an als ich. Zum Glück verstand der Barkeeper sie nicht, er sprach kein Deutsch und kümmerte sich nicht weiter um die Gespräche seiner Gäste. Es war nicht das erste Mal, dass ich mir ihre Hasstiraden anhören musste, aber diese Intensität war selbst für mich eine neue Stufe der Eskalation, ihre Beschimpfungen nur schwer zu ertragen. Als der Abend schon sehr weit fortgeschritten war, drohte sie mir, sie werde mir meinen kleinen nichtsnutzigen Penis abschneiden. Sie werde einfach behaupten, ich hätte sie seit Jahren vergewaltigt. Sie fantasierte darüber, dass sie am Ende straflos davonkommen würde. »Alle werden mir voller Mitleid zuhören, und ich, ich werde daran denken, wie schlecht du mich immer gefickt hast!« Sie lachte und schrie das hemmungslos in den Raum hinein. Ein Publikum hatte sie allerdings nicht: Neben zwei russischen Saufkumpanen, die bereits seit Stunden nur noch starr auf ihre im Minutentakt wechselnden Wodkagläser blickten, waren wir die letzten Gäste an der Bar. In einem günstigen Moment signalisierte ich dem Barkeeper augenrollend, dass meine Frau deutlich zu viel getrunken hatte. Woraufhin der Barmann sich meiner erbarmte und uns keine Getränke mehr ausschenkte. Er hatte zwar sicherlich nichts von unserem Gespräch verstanden, aber die Situation war auch so leicht zu deuten. Trotz all dem Geschimpfe hielt ich meine Frau unterstützend am Arm, als wir die Bar verließen. Sie schien sich sogar etwas beruhigt zu haben, vielleicht musste sie sich aber auch einfach darauf konzentrieren, einen Fuß vor den anderen zu setzen und konnte mich deshalb nicht weiter beschimpfen. Sie stolperte mehrfach und musste sich an mir festhalten. Der freundliche Barkeeper begleitete uns noch ein Stück in Richtung unseres Zimmers, einer luxuriösen Kabine mit Balkon in den oberen Etagen des Schiffs. Dort angekommen, legte ich meine Frau auf das Bett, worauf sie, kaum dass sie die Laken berührte, sofort zu weiteren Schimpftiraden ansetzte. Ich trat auf den Balkon hinaus, um wenigstens dort, abgelenkt vom Rauschen der Wellen und dem Blick auf die vollmondbeschienene Weite des Meeres, einen Moment der Ruhe und Entspannung zu finden. Doch der Moment war nur von kurzer Dauer. Der Unmut meiner Frau hatte sich noch nicht gelegt, weshalb sie versuchte, mir auf den Balkon zu folgen. Sie hatte sichtliche Schwierigkeiten, die Schiebetür zum Balkon zu öffnen, und wirkte dabei wie ein zierliches Mädchen, dem man sofort zur Hilfe eilen will. Aber ich half ihr nicht, ich starrte sie nur an. Ich wusste, sie würde dort weitermachen, wo sie an der Bar aufgehört hatte. Sie würde abermals meine Männlichkeit infrage stellen und den ohnehin nicht mehr vorhandenen Sex durch den Dreck ziehen. Der Moment, als sie die Tür endlich aufbekam und unsere Blicke sich trafen, zog sich nahezu endlos in die Länge und hat sich mir unwiderruflich ins Gedächtnis eingebrannt. Ihre dunklen Augen waren weit geöffnet, und das Mondlicht spiegelte sich in ihren Pupillen. »Du schaffst es ja noch nicht mal, mich zu ficken, du armseliges Würstchen!«, zischte sie. »Aber keine Sorge, das erledigen längst andere. Ich will die Scheidung.« Ohne auch nur ein Wort zu sagen, zog ich sie an beiden Händen zu mir hin, küsste sie und bugsierte sie zur Reling des Balkons. Mit dem rechten Arm griff ich ihr zwischen die Beine, hob sie unvermittelt hoch, und mit viel weniger Kraftaufwand, als ich erwartet hätte, warf ich sie schwungvoll über Bord, die fünfzig Meter hinunter ins Meer. Bis heute wundere ich mich darüber, dass sie keinen Laut von sich gab. Jedenfalls hörte ich nichts, nicht einmal einen Aufprall auf dem Wasser, er wurde vermutlich von dem Lärm der wuchtigen Schiffsschrauben übertönt. Nur für einen kurzen Moment, gefühlt aber für eine ganze Ewigkeit, dachte ich an gar nichts und verweilte in der Stille auf dem Balkon. Ich blieb ganz ruhig und war einfach nur erleichtert, wobei die Schuldgefühle nicht lange auf sich warten ließen. Wie dem auch sei, alles Weitere führte ich mit einer geradezu unheimlichen Professionalität durch, die ich mir nie zugetraut hätte. Ich wühlte die Bettseite meiner Frau auf, sodass es so aussah, als hätte sie etwas länger darin gelegen. Dann eilte ich zurück zur Bar. Und tatsächlich, die beiden Russen und der ältere Barmann waren immer noch da. Erstaunlich gut gelaunt erzählte ich dem Barkeeper auf Englisch, dass ich meine Frau soeben aufs Zimmer gebracht hatte und sie sofort eingeschlafen war. Ich witzelte, dass Frauen einfach nicht so viel vertrügen wie wir Männer. Der Barkeeper pflichtete mir mit einem Lächeln und routiniert chauvinistischen Bemerkungen bei. Ich bestellte noch einen letzten Drink und stieß mit dem Barkeeper auf meine Frau an. Dann stieg ich auf einen kleinen Small Talk mit ihm ein, wusste aber nicht, ob er mir wirklich zuhörte – und es war mir auch egal. Danach ging ich zurück zu meiner Kabine. Und rannte kurz darauf zurück zur Bar, wo ich den Barkeeper besorgt nach meiner Frau fragte. Er schüttelte leicht amüsiert den Kopf und meinte in etwas gebrochenem Englisch, dass meine Frau es mir sicher gleichgetan und sich noch irgendwo auf dem Schiff einen Drink gegönnt hätte: »Lady wants have fun somewhere else, maybe disco?« Ich solle mir keine Sorgen machen, das käme durchaus häufiger vor. Entsprechend beruhigt ging ich zurück zu meinem Zimmer und wartete den Sonnenaufgang ab. Am Morgen meldete ich dem Schiffssteward voller Sorge, dass meine Frau seit dem gestrigen Abend immer noch nicht zurückgekehrt war. Zu meiner Überraschung versuchte auch dieser Mitarbeiter zunächst nur, mich zu beschwichtigen. So taktvoll wie möglich erklärte er mir, dass der ein oder andere Partner auf dem Schiff über Nacht verschwände, um ein kleines Abenteuer in den Armen einer anderen Person zu erleben. Natürlich protestierte ich vehement dagegen. Aber nach diesem Gespräch wagte ich nun wirklich zu hoffen, dass ich mit dem Mord an meiner Frau tatsächlich davonkommen würde. Erst am späten Vormittag wurde eine Suche auf dem Schiff organisiert und erbrachte erwartungsgemäß keinen Erfolg. Durchsagen oder dergleichen unterblieben – man wolle die anderen Gäste nicht verunsichern, so die Begründung der Crew. Gegen 13 Uhr wurde meine Frau nur auf massiven Druck meinerseits auch dem Kapitän als vermisst gemeldet. Hierbei wurde nach einer Anhörung des Barkeepers erstmals der Verdacht laut, dass sie aufgrund von alkoholbedingten Ausfallerscheinungen über Bord gegangen sein könnte. Der Kapitän erfragte, ob ich mich noch erinnern könne, wann ich meine Frau zuletzt gesehen hatte, und errechnete daraus den ungefähren Ort, an dem sie möglicherweise verunglückt war. Allerdings machte er mir schon zu diesem Zeitpunkt wenig Hoffnungen, dass ich meine Frau je wiedersehen würde, schon gar nicht lebend. Die See sei nachts kalt und rau, und ohne Schwimmhilfe könne man sich ohnehin nicht länger als eine halbe Stunde über Wasser halten, wenn man nicht schon durch den Aufprall auf das betonharte Wasser oder den Sog in die Schiffsschrauben versterben würde. Der Kapitän ordnete zunächst an, alle Maschinen zu stoppen und abzuwarten, ob die Reederei ihn auffordern würde, zu der mutmaßlichen Unglücksstelle zurückzukehren. Die Reederei entschied sich dagegen – wohl aus Kostengründen. Sie alarmierte die Küstenwache der nächstgelegenen Karibikinsel. Diese würde die Vermisstensuche übernehmen. Alles Weitere war reine Formalität. Ich erzählte einem philippinischen Sicherheitsmitarbeiter des Schiffs – der ähnlich schlechtes Englisch wie der Barkeeper sprach –, dass ich am Vorabend zusammen mit meiner Frau einige Cocktails an der Bar genossen und ich sie dann in angetrunkenem Zustand aufs Zimmer begleitet hatte. Dort habe sie sich ins Bett gelegt und ich sei wieder zur Bar gegangen, um einen letzten Absacker zu trinken. Bei meiner Rückkehr habe sie aber nicht mehr im Bett gelegen. Nach Zureden des Barmanns sei ich davon ausgegangen, dass sie noch zu einer anderen der unzähligen Bars auf dem Luxusliner gegangen war. Dieselbe Geschichte erzählte ich zwei Tage später einem gelangweilten Polizisten auf einer kleinen Karibikinsel. Nachdem er binnen zwanzig Minuten meine Aussagen notiert und kaum Fragen gestellt hatte, brachte er mich zurück aufs Schiff. Weder machte er sich die Mühe, den Barkeeper näher zu befragen und dessen Aussagen mit meiner abzugleichen, noch suchte er die Kabine oder den Balkon auf, um etwaige Spuren zu sichern. Stattdessen drückte er mir nach Abschluss seiner nicht vorhandenen Ermittlungen eine Sterbeurkunde in die Hand: »Selbst verschuldeter Unfall oder Suizid« stand als Todesursache darauf geschrieben. Eine Leiche, so sagte er mir, sei nach der intensiven Suche der Küstenwache leider nicht gefunden worden, was er sehr bedauerte. Alle Verantwortlichen auf dem Schiff kondolierten mir und sprachen mir ihr tiefes Beileid aus. Ich bekam eine neue Kabine, diesmal eine Suite auf Kosten der Reederei, damit ich nicht im Unglückszimmer schlafen musste. Die Schiffsreise wurde ohne weitere Zwischenfälle fortgesetzt. Von meinem tragischen Verlust bekamen die übrigen Passagiere nichts weiter mit. Als das Schiff wenige Tage später wieder im Heimathafen einlief, nahmen mich zwei gut gekleidete Herren in Empfang, die mich um ein Gespräch baten. Wie sich herausstellte, waren es hochrangige Repräsentanten der Schiffsreederei, die mich in ihr Büro führten und mir zu meinem Erstaunen eine Million Dollar anboten, verbunden mit der höflichen Bitte, den tragischen Unfalltod meiner Frau nicht an die große Glocke zu hängen. Und was soll ich sagen, wir kamen ins Geschäft. Ob Sie diese Geschichte nun veröffentlichen oder nicht, liegt bei Ihnen, Herr Dr. Stevens. Seien Sie aber versichert, dass Sie nie wieder von mir hören werden.

Der Mann hatte seinen Brief unterzeichnet. Ich erinnerte mich auch an seinen Namen, wobei, der könnte auch falsch sein. Laut Poststempel stammte der Brief von den Cayman Islands, aber der Absender war mit Sicherheit längst weitergezogen. Und obwohl es der erste Klient war, der ausnahmsweise einmal nichts von mir wollte, war der Brief für mich Grund genug, ernsthaft zu recherchieren, ob ein solches Verbrechen, wie es der Absender beschrieb, wirklich auf einem Kreuzfahrtschiff so einfach zu begehen war. Die Antwort lautet: Ja! Tatsächlich stieß ich auf eine erschreckend hohe Zahl von Todesfällen auf Kreuzfahrtschiffen. Seit 1999 sind weit über hundert Passagiere unbemerkt über Bord gegangen, wovon immerhin ganze dreiundzwanzig Fälle von Ermittlern und den zuständigen Behörden als verdächtig eingestuft wurden. Die weiteren Recherchen bestätigten die Beschreibungen des mutmaßlichen Kreuzfahrt-Mörders: Die Reedereien scheinen alles daranzusetzen, Informationen über solcherlei Vorfälle nicht an die Öffentlichkeit dringen zu lassen. Natürlich! Denn mal ehrlich: Würden Sie mit einer teuren Kreuzfahrtreederei Urlaub machen wollen, bei der es regelmäßig zu Unfällen und womöglich schweren Straftaten kommt? Dass die Reederei in dem an mich adressierten Brief nur zaghaft ermittelte und dem Ehemann auch noch eine Million Dollar Kompensation bezahlte, sprach also für den Wahrheitsgehalt der Geschichte. Hinterbliebene und deren Anwälte berichten, dass das Prozedere bei so ziemlich allen Kreuzfahrtreedereien ähnlich abläuft, wird eine Person als vermisst gemeldet: So wenig Informationen wie möglich dringen nach außen, alles wird auf ganz kleiner Flamme gekocht. Zunächst sucht das Personal das Schiff unauffällig nach der vermissten Person ab, was bei Schiffen in der Größe von Kleinstädten mit drei- bis achttausend Menschen an Bord sehr, sehr lange dauern kann. Auf eine Mithilfe durch andere Passagiere in Form von Durchsagen wird zumeist verzichtet, um Unruhe unter den Gästen zu vermeiden. Erst nach einer erfolglosen Suche werden Küstenwache und Reederei verständigt. Dann wird abgestimmt, ob es noch Sinn ergibt, in das Gebiet zurückzukehren, in welchem die vermisste Person mutmaßlich über Bord gegangen ist. Davon wird in den meisten Fällen jedoch abgesehen, denn die Chance, einen Sturz vom Kreuzfahrtschiff aus einer Höhe von zwanzig bis sechzig Metern zu überleben, ist verschwindend gering. Wasser wirkt aufgrund der Trägheit seiner Moleküle beim Fall aus solchen Höhen wie Beton. Je nach Wetterlage herrscht hoher Seegang, sodass sich der Verunglückte kaum über Wasser halten kann. Dann ist da noch der Kälteschock, der gerade bei älteren oder alkoholisierten Menschen einen Herzinfarkt oder Schlaganfall auslösen kann, und nicht zuletzt der Sog der Schiffsschraube. Wenn ein Mensch trotz all dieser Gefahren überlebt, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis er ertrinkt. Denn vom Zeitpunkt des Unglücks bis zum Bemerken des Verschwindens bis hin zur Rückkehr an den Unglücksort dauert es oft zu lange. Jedenfalls haben 99 Prozent aller Fälle, in denen Menschen über Bord eines Kreuzfahrtschiffs gingen, eines gemein: Die Opfer wurden nie gefunden. Es gibt also nur selten eine Leiche und noch seltener jemanden, der sich ernsthaft darum bemüht, diese zu finden. Und wo es keine Leiche gibt, da lässt sich auch ein Tötungsdelikt schwer nachweisen. Ein Sturz über die Reling in betrunkenem Zustand ist stets eine plausible Erklärung dafür. Wenn es nicht doch zufällig Zeugen gibt, die den Tathergang gesehen oder gar mit einer Kamera festgehalten haben. Fehlen aber solche Sachbeweise, ist ohne die Leiche eine Bestimmung der Todesumstände unmöglich. Wenn der Täter sein Opfer dann auch noch vom Privatbalkon der eigenen Kabine schubst, kann er sicher sein, dass es keine Videoaufzeichnungen gibt, denn Kameras sind in diesen Räumen natürlich streng verboten. Und selbst wenn die Leiche in dem einen Prozent der Fälle doch gefunden wird und eine forensische Untersuchung noch möglich ist – man bedenke den Fischfraß oder vom Wasser weggespülte Spuren –, muss diese schon eindeutige Merkmale von Fremdverschulden aufweisen, damit es zu einer Anzeige kommt. Im Schiffsjargon spricht man bei Anzeichen von Fremdverschulden übrigens von »foul play«. Ansonsten gehen die Reedereien auch in diesen Fällen von einem tragischen Unfall oder Suizid aus. Sieht man sich die einzelnen Vermisstenfälle, die in den Statistiken angeführt werden, genauer an, könnte man zu dem Schluss kommen, dass das Kreuzfahrtbusiness ein Eldorado für Mordgetriebene ist, in welchem die Verantwortlichen die gröbsten Anfängerfehler großzügig übersehen. Erst jüngst wurde der folgende Fall bekannt: Eine Frau war von einem Kreuzfahrtschiff über Bord gegangen. Nahe der Absturzstelle stieß die Crew auf einen großen Blutfleck, ein Messer und auf ein geplündertes Portemonnaie, von dem die Fingerabdrücke abgewischt worden waren. Diese recht eindeutigen Spuren sowie die Tatsache, dass die Überwachungskamera am mutmaßlichen Tatort mit einem Pappkarton überdeckt war, weckten keinerlei Verdacht beim bordeigenen Sicherheitspersonal. Ganz im Gegenteil: Nach Aussagen von Zeugen hatten die beiden Sicherheitsmitarbeiter, die als Erste am Unglücksort eintrafen, den Inhalt des Portemonnaies untereinander aufgeteilt und dann die Fingerspuren darauf beseitigt, ehe sie sich auf Anweisung des Sicherheitschefs daranmachten, den roten Fleck wegzuwaschen. Bis heute geht die Reederei von einem Unfall aus. Der rote Fleck sei entgegen anderslautender Aussagen einiger Passagiere kein Blut, sondern ein verschütteter Cocktail. Die Überwachungskamera sei nur deshalb verdeckt gewesen, weil sich zuvor ein Liebespaar dort verlustiert habe. Ein Messer sei da übrigens auch nicht gewesen. Alles Weitere zum Tod der 37-jährigen Annette Mizener können Sie aber auch im offiziellen Bericht der Carnival Reederei nachlesen. Ein geradezu typisches Beispiel für die Haltung der Reedereien in Sachen Aufklärung ist auch der Fall einer gewissen Merrian Carver aus Phoenix, Arizona, deren Kabinenbett fünf Tage lang unberührt geblieben war. Der Steward hatte daraufhin seinen Vorgesetzten informiert, welcher ihn allerdings anwies, sich nicht um Dinge zu kümmern, die ihn nichts angingen, und besser seine Arbeit zu tun. Und obwohl am Ende der Fahrt noch immer jede Spur von Merrian Carver fehlte, packte die Crew ihre Sachen zusammen, lagerte sie ein und informierte weder Familie noch Polizei. Diese beiden Fälle sind nur zwei Beispiele einer ganzen Reihe von sogenannten »suspicious overboard deaths«. Nachlesen können Sie diese unter www.cruiseshipdeaths.com.   Wieso aber wird ein solches Maß an Vertuschung, Begünstigung und fragwürdigen Ermittlungstechniken hingenommen? Die Antwort liegt in unserem Rechtssystem begründet. Kreuzfahrtschiffe sind faktisch eigene Kleinstädte, die der Rechtsordnung desjenigen Landes unterworfen sind, unter dessen Flagge sie segeln – zumindest, wenn sie, was häufig der Fall ist, in internationalen Gewässern unterwegs sind. Und weil ein wirtschaftlich orientiertes Unternehmen Steuern, Gebühren und sonstige lästige Ausgaben sparen will, lässt es sein Schiff natürlich unter der Flagge eines Landes segeln, das es mit den Steuern und dann zumeist auch mit allgemeinen rechtsstaatlichen Grundsätzen nicht ganz so eng sieht. Meist fehlt es Dritte Welt- und Schwellenländern wie den Bahamas (dort ist zum Beispiel der Sitz von Royal Caribbean, der größten Kreuzfahrtreederei) oder Honduras schlicht an den personellen Mitteln und an der nötigen Erfahrung im Umgang mit einer möglichen Straftat auf einem Luxusliner. Darüber hinaus bezweifle ich, dass die örtlichen Behörden ein größeres Interesse an einer Strafverfolgung auf einem weit entlegenen Schiff entwickeln, das vermutlich nicht mal einen einzigen eigenen Staatsbürger an Bord hat. Denn die Behörden haben meist genug mit der Kriminalität im eigenen Land zu tun. Und wahrscheinlich legen sie sich auch weniger gern mit den größten Geldgebern im Land an, und das sind nun mal die Reedereien mit ihren Milliarden, die sie mit den etwa 15 Millionen Passagieren im Jahr verdienen. In unserem Recht ist übrigens verankert, dass deutsche Ermittler auch im Ausland zuständig sind, wenn Opfer oder Täter deutsche Staatsbürger sind. Diese Zuständigkeit kann jedoch nur greifen, wenn ein hinreichender Tatverdacht gegen einen mutmaßlichen Täter vorliegt. Und um diesen zu erhärten, muss eine Reederei, die unter der Flagge der oben genannten Staaten fährt, keine anderen Behörden an Bord lassen als die ihres Heimathafens. Und selbst wenn man Profis von weit, weit her an Bord holen würde, um eine womöglich verdächtige Tat untersuchen zu lassen, hätte sich die Spurenlage bis zur Ankunft der Ermittler schon längst geändert, vielleicht lägen sogar gar keine Spuren mehr vor. Denn derzeit erschöpft sich die Arbeit der Sicherheitsmitarbeiter auf Kreuzfahrtschiffen fast ausschließlich im Scannen von Schiffsausweisen beim Ein- und Aussteigen der Passagiere. Wie man einen Tatort oder gar Spuren sichert, davon haben die Damen und Herren des Sicherheitspersonals meist keine Ahnung. Und etwaige Befragungen von Zeugen und potenziellen Verdächtigen scheitern häufig an einer Sprachbarriere – auch da scheint die Geschichte meiner zwielichtigen Urlaubsbekanntschaft viel Wahres in sich zu tragen. Sieht man sich abschließend die im Durchschnitt etwa vierzehn Fälle pro Jahr an, bei denen Menschen auf Kreuzfahrten auf immer und ewig verschwinden, entsteht ein makabres Bild dieser beliebten Form des Reisens.   Die Chancen stehen also nicht schlecht, dass der Verfasser des Briefes auch weiterhin ungestraft davonkommt. Aber wenn man ihn denn aufspürte, könnte man ihn selbst bei einem vollumfänglichen Geständnis wahrscheinlich nicht zur Rechenschaft ziehen. Denn ein Geständnis allein kann in kaum einer Rechtsordnung zu einer richterlichen Überzeugungsbildung führen, bestünde doch immer die Möglichkeit, dass es sich dabei nur um frei erfundene Erzählungen eines Trittbrettfahrers, psychisch Kranken oder Königs von Thailand handelt – wenn auch in diesem Fall um einen mit einem eine Million Dollar schweren Bankkonto … 

 

Katzenkönig

Es erschien den Ermittlern völlig rätselhaft, warum der stets zuverlässige junge Polizeibeamte die attraktive Blumenhändlerin getötet hatte. Schließlich kannte er sein Opfer nur flüchtig. Und dennoch hatte er sich zu dieser äußerst grausamen Tat entschlossen. Zu diesem Zeitpunkt ahnte niemand, dass ausgerechnet dieser Fall zu einem der berühmtesten der deutschen Nachkriegsprozesse werden würde. Am Vorabend hatte der Polizeibeamte an der Tür der Privatwohnung seines Opfers geklingelt. Normalerweise hätte sie um diese Zeit niemandem mehr geöffnet. Da ihr Mann ihr den Polizisten aber ein paar Tage zuvor als Bekannten vorgestellt hatte, hegte sie kein Misstrauen. Aus ihrer Sicht gab es keinen vernünftigen Grund, ihm nicht die Tür zu öffnen, zumal sie sein Anliegen emotional sehr berührte. Er habe bei seiner Freundin etwas gutzumachen und benötige dringend Blumen, am besten rote Rosen. Was für ein Gentleman, der so viel Herzblut investiert, um noch des Nachts jemandem eine solche Freude zu bereiten, hatte sie noch gedacht, als sie zusammen mit ihm in den Blumenladen ins Erdgeschoss gegangen war. Sie suchte ihm sogar extra ein paar der schönsten roten Rosen aus, eine frische Lieferung aus Holland. Als sie sich dabei nach vorne beugte, zog der Polizist plötzlich ein gut zwanzig Zentimeter langes Messer aus seiner Jackentasche und rammte es der Frau unvermittelt in den Hals. Er verfehlte die Schlagader nur um Haaresbreite. Lebensgefährlich verletzt ging sie zu Boden. Er ließ aber nicht von ihr ab, sondern stach immer wieder mit weit ausholenden Bewegungen auf sie ein. Die Ärzte zählten später siebzehn Einstiche. Beim letzten Stich kniete er sich auf ihren Rücken und drückte sie mit seinem ganzen Körpergewicht nach unten. Dann nahm er das Messer, stach ihr nochmals mit Wucht in den Hals, drehte es in der Wunde herum und zog es langsam über den Hals in Richtung Kehle, um diese aufzuschlitzen. Durch den Lärm und die Schreie aufgeschreckt, eilten einige Nachbarn zu Hilfe, die allerdings bei dem grausigen Anblick des blutüberströmten Opfers, dem bewaffneten Täter und dem im Nachtschatten silbrig glänzenden Messer sofort wieder die Flucht ergriffen. Nun floh auch der Täter. Sein Opfer ließ er in einer riesigen Blutlache zurück. Wie durch ein Wunder hatte die junge Frau den Angriff jedoch überlebt. Sie konnte sogar noch den Täter benennen, ehe sie bewusstlos wurde und die herbeigerufenen Sanitäter sie unter laufender Reanimation ins nächstgelegene Krankenhaus brachten. Der Täter, der fast zeitgleich mit seinen Kollegen bei sich zu Hause eintraf, ließ sich widerstandslos festnehmen. Dass die Polizisten mit ihrem Kollegen den Richtigen festgenommen hatten, stand außer Frage. Nicht nur, dass das Opfer ihn als Täter benannt hatte, bei seiner Festnahme hatte er sogar noch das Tatmesser bei sich, und seine Kleidung war vom Blut seines Opfers getränkt. Die Frage nach dem perfekten Mord erübrigt sich unter diesen Bedingungen eigentlich. Einen Ansatzpunkt für eine erfolgreiche Verteidigung konnte man unter diesen Umständen vergeblich suchen. Der Polizist machte nicht einmal ansatzweise irgendwelche Anstalten, sich herauszureden oder die Tat irgendwie abzustreiten. Bereits bei seiner ersten Vernehmung war alles, was er zu der grausamen Tat sagte oder vielmehr fragte, ob denn sein Opfer endlich tot sei. Mehr nicht. Sein eigenes Schicksal schien dem Verhafteten egal zu sein. Der Kollege, der die Vernehmung leitete, gewann immer mehr den Eindruck, der Täter wünsche sich ungeduldig, ja geradezu ängstlich nichts sehnlicher als den Tod der jungen Frau. Auch als nach einer intensiven ärztlichen Behandlung nahezu sicher war, dass die Blumenhändlerin überleben würde, wollte er es kaum wahrhaben. Immer wieder fragte er nach ihr und ob sie denn nun tot sei. Dabei umklammerte er ein kleines Metallkreuz, das an einer Kette um seinen Hals hing. Offensichtlich war der Mann tiefgläubig. Während der Untersuchungshaft schwieg der Täter eisern über sein Motiv. Die Frage nach dem Warum wurde für die Ermittler zu einem unerklärbaren Mysterium. Der Polizist hatte noch nicht einmal Hass gegenüber dem Opfer gehegt, im Gegenteil, anscheinend bereute er die Tat sogar, wenngleich er offenbar zutiefst bedauerte, dass die junge Frau noch lebte. Alle Bemühungen, ein halbwegs logisches Motiv für sein Handeln zu ermitteln, scheiterten ergebnislos. Der Polizist wurde nach fast einem Jahr wegen versuchten Mordes angeklagt, denn im Gegensatz zum rätselhaften Tatmotiv war seine Täterschaft klar bewiesen. Am ersten Prozesstag rechnete deshalb auch niemand mehr mit besonderen Überraschungen. Der Staatsanwalt verlas eine knappe Anklage, die sich – mangels irgendeiner Motivlage – im Beschreiben der Tathandlung erschöpfte, und rechnete mit einer schnellen Aburteilung. Doch wider Erwarten entschied sich der Angeklagte, eine umfassende Aussage zu den Hintergründen seiner Tat zu machen. Was er daraufhin allerdings erzählte, war derart unglaublich, dass den Fall noch heute – über dreißig Jahre später – jeder Jurastudent rezitieren kann.   Was war also wirklich passiert? Knapp vier Jahre vor der Tat hatte Michael, so der Name des Polizisten, in einer Disco die damals gerade erst 18-jährige Barbara kennengelernt. Barbaras erster Freund Udo hatte vor Kurzem mit ihr Schluss gemacht, sie war aber immer noch zutiefst unglücklich in ihn verliebt. Und Michael verliebte sich sofort in Barbara. Nur kurze Zeit später zog sie bei ihm ein. Allerdings nicht mit in sein Schlafzimmer. Nach der Trennung von Udo konnte sie nach eigenen Angaben mit keinem anderen Mann mehr lustvollen Sex erleben. Außerdem hatte sie in letzter Zeit Schlimmes durchmachen müssen: Sie werde von der internationalen Mafia verfolgt, immer wieder verschleppt und vergewaltigt. Die Polizei könne ihr aber nicht helfen, denn die stecke mit den Gangstern unter einer Decke. Michael war fassungslos und hatte natürlich Verständnis dafür, dass Barbara nach diesen traumatischen Erlebnissen keinen Sex mit ihm haben wollte. Er funktionierte sein Wohnzimmer zu einem Schlafzimmer für Barbara um und machte es sich zu seiner Aufgabe, Barbara vor den Zuhältern zu beschützen. Für die Zeit während seines Schichtdienstes organisierte er sogar einen durchgehenden Personenschutz. Hierfür wendete er sein gesamtes Gehalt auf. Ausgerechnet mit einem dieser Personenschützer erwischte er Barbara aber eines Morgens in seinem Bett. Tief gekränkt warf er sie hinaus, was in seinem Fall bedeutete: Er half ihr beim Umzug. Drei Jahre vergingen, bis Michael Barbara zufällig wiedertraf. Er hatte sie vermisst, sie war seine große Liebe. Barbara für ihren Teil hing aber immer noch ihrem Verflossenen Udo nach. Dennoch konnte Michael nicht anders und zog wieder mit Barbara zusammen. Die Liebe war einfach stärker als der Verstand. Inzwischen lebte Barbara aber zusätzlich mit Peter zusammen, einem Hobbymystiker und Esoterikfreak, der kurzerhand ebenfalls in Michaels Wohnung einzog. Allerdings hatte Barbara sehr zur Freude von Michael auch mit Peter keinen Sex, stattdessen lasen sie gemeinsam Esoterikheftchen über den Untergang von Atlantis, frühmittelalterliche Hexerei und schwarze Magie. Gelegentlich fuhren sie zu abgelegenen Burgruinen, einsamen Kirchen oder Grabstätten, um die Geister der Ahnen heraufzubeschwören und zu befragen. Zunächst verlief alles wie früher, als sie sich kennengelernt hatten. Doch nach einer Weile enthüllte Barbara, dass in der Zeit ihrer Trennung eine Menge passiert war. Ganz schön naiv sei er damals gewesen, erzählte ihm Barbara. Sie habe ihm aber mittlerweile verziehen, dass er an der Geschichte mit dem Zuhälterring Zweifel hatte. Auch wenn die Zuhälter sie in der Zwischenzeit noch viel härter rangenommen, sie sogar nach Hamburg verschleppt hätten, um sie dort nicht nur zu vergewaltigen, sondern auch mittels Hunden und Insekten in nicht näher bezeichneter Weise zu foltern. Dort habe sie aber das Vertrauen des Mafiachefs der »Sektion Deutschland« gewonnen, der sie nunmehr aus der Ferne beschütze. So sei sie mehreren Anschlägen durch vergiftete »Nadler-Geschosse« entkommen. Doch noch viel fürchterlicher als das seien die wahren Hintergründe ihres erneuten Zusammentreffens. Der Geist des im 14. Jahrhundert verstorbenen Grafen Salentin habe ihr die Wahrheit »gechannelt«. Es sei Bestimmung, so Barbara, dass sich Michael, Peter und sie nach so langer Zeit wiedergefunden hätten. Sie alle seien vor dem Untergang von Atlantis bereits dafür bestimmt gewesen, das Böse zu bekämpfen, und schließlich hier und jetzt wiedergeboren worden, um ihre Mission zu erfüllen. Und die Zeit drängte. Immer wieder wurde Barbara, die Auserwählte, von den unsichtbaren vergifteten »Nadler-Geschossen« verwundet. Oft brach sie unvermittelt vor Michaels und Peters Augen zusammen und verlor vorübergehend ihre Sinne. Ins Krankenhaus wollte sie aber nicht. Irdische Hilfe würde nichts bewirken, so ihre profunde Diagnose. Um den zunächst noch ungläubigen Michael gänzlich zu überzeugen, weihten Barbara und Peter ihn nach einiger Zeit in das letzte große Geheimnis ihrer Vergangenheit ein: Vor über 10 000 Jahren hatte Barbara sich geweigert, den Herrscher von Atlantis zu ehelichen. Zur Strafe war sie als Menschenopfer bestimmt worden, um den Gott der Finsternis zu besänftigen, den Katzenkönig. Der Katzenkönig, im Christentum bekannt als der Teufel, sei die Inkarnation des Bösen. Michael und Peter hätten sich damals in ihrem früheren Leben als Einzige gegen das Böse gestellt und Barbara vor dem Opfertod gerettet. Der Katzenkönig seinerseits war damals »not amused«: Zur Strafe hatte er den gesamten Kontinent Atlantis untergehen lassen. Hierdurch hatten die drei Unglücklichen schreckliche Schuld auf sich geladen und einander geschworen, der Menschheit in Zeiten höchster Gefahr auf dem Wege der Reinkarnation zu Hilfe zu eilen. Und jetzt war der Katzenkönig zurückgekehrt.   Die Richter am Schwurgericht wussten zunächst nicht, ob Michael sich über das Gericht lustig machen wollte oder ob sie ihn schleunigst in die Psychiatrie einweisen sollten, und zwar am besten gleich zusammen mit seinem Anwalt, welcher Michael offenbar dazu geraten hatte, diese Geschichte zu erzählen. Andererseits hatte sich Michael immerhin gut vorbereitet – zumindest für einen »Verrückten«: Auf etwa zweihundert Seiten hatte er in der Haft seine Erinnerungen rund um Barbara, Peter und den Katzenkönig zusammengefasst. Detailliert schilderte er seine innere Entwicklung vom zweifelnden Saulus zum tiefgläubigen Paulus. Immer wieder sei das spirituelle Medium Barbara in Trance verfallen und habe ihm neue Aufgaben von Erzengeln sowie dem Geist des Grafen Salentin überbracht. Offenbar war Barbara dabei sehr überzeugend aufgetreten, denn Michaels anfängliche Zweifel wichen schließlich einer schrecklichen Gewissheit – zumindest wenn man seinen Aufzeichnungen Glauben schenkte. Für einen eher rational denkenden Richter, Staatsanwalt oder Rechtsanwalt ist es immer wieder erstaunlich, welche Motive Menschen zu Straftaten treiben. Nicht ohne Grund hört man Pressevertreter immer wieder sagen, dass sich solcherlei Fälle kein Drehbuchautor ausdenken könnte. Menschen scheinen oft gerade den unsinnigsten und abenteuerlichsten Verschwörungstheorien Glauben zu schenken. Die Logik dahinter ist simpel: Es finden sich irgendwelche obskuren Hinweise oder Geheimzeichen, die als Beweise für den Beleg der Verschwörungstheorie gedeutet werden. Fehlen diese, ist das ebenfalls ein klarer Beweis für die Richtigkeit der Theorie. Belegt dies doch eine groß angelegte Vertuschungsaktion der Mächtigen – oder des Katzenkönigs. Und damit zurück zum Fall: Inzwischen hatte der Katzenkönig sein irdisches Lager in einem kleinen See in der Nähe der Stadt aufgeschlagen. Ein gewisser Rückschritt im Vergleich zu seinem Tempel des ultimativ Bösen in den Ruinen des sagenumwobenen Kontinents Atlantis, könnte man sagen. Aber sei es drum. Auf Befehl der Erzengel und des Geistergrafen Salentin hatte Michael immer neue Prüfungen bestehen müssen, um die Menschheit vor dem Katzenkönig zu retten. Aber sosehr sich Michael auch bemühte, er konnte den strengen Anforderungen aus dem Jenseits nie gerecht werden. Immer häufiger wurde er von Barbara und dem strengen Paladin Peter getadelt. Die Versuche, den Katzenkönig unter Kontrolle zu halten, waren gescheitert. Der böse Dämon forderte erneut ein Opfer. Das Reaktorunglück von Tschernobyl war erst ein Vorgeschmack auf den wahren Zorn des Katzenkönigs. Wenn er noch mal um sein Opfer gebracht würde, würde er alles menschliche Leben auslöschen. Als Barbara an einem Sommerabend erneut in Trance verfiel, diktierten ihr die höheren Mächte, wie der Katzenkönig zu besänftigen sei: Nur durch ein Menschenopfer könne die Menschheit gerettet werden. Auserwählt als Retter der Welt und damit als Täter wurde natürlich Michael. Als Opfer auserkoren war diesmal allerdings nicht Barbara, sondern die junge Blumenhändlerin – welche zufälligerweise gerade Udo geheiratet hatte, Barbaras unerwiderte erste Liebe. Es stellte sich heraus, dass Michael der Einzige von den dreien war, der wirklich an den Katzenkönig glaubte. Barbara und Peter hatten sich zunächst einen Spaß daraus gemacht, den naiven Polizisten zu immer absurderen Mutproben zu motivieren. Schließlich aber erkannte Barbara in ihm das ideale Werkzeug, um ihre Nebenbuhlerin aus dem Weg zu räumen und Udo vielleicht doch noch an sich zu binden. Dabei tat sich Michael mit dem Entschluss, die Tat zu begehen, wirklich schwer. Er war ein anständiger Mensch, er wollte niemanden töten, schon gar nicht eine Unschuldige. Er hatte sich sogar zunächst selbst als Opferersatz angeboten, doch die Erzengel hatten ihm über Barbara ausrichten lassen, dass dies nichts helfen würde. Allein der Tod der jungen Blumenhändlerin würde die Menschheit noch vor dem sicheren Untergang bewahren. Peter stand dem jungen Polizisten die ganze Zeit über selbstlos zur Seite. Er hatte Barbaras Plan durchschaut, aber nichts weiter dazu gesagt. Da ihm Michael inzwischen lästig geworden war, half Peter trotzdem tatkräftig bei der Umsetzung des Plans mit. Er redete dem Retter der Menschheit gut zu und überließ ihm sogar zur Begehung der Tat das besagte Messer. »Es muss jetzt eben einfach getan werden«, erklärte er Michael, fast wie ein väterlicher Freund und Ratgeber, der aber in Wahrheit selbst in Barbara verliebt war. Schließlich sah Michael die Notwendigkeit ein. Er schwor, seine göttliche Mission zu erfüllen. Der Rest ist bekannt.   Nach diesem umfangreichen Geständnis war sich das Gericht zunächst unklar darüber, wie es weiter vorgehen sollte. Dass Barbara und Peter auf die gerichtliche Einlassung Michaels tatsächlich verhaftet und befragt wurden, ist aber noch nicht einmal das Highlight dieses Prozesses. Die beiden legten zum Erstaunen aller ein umfassendes Geständnis ab und bestätigten Michaels Geschichte rund um den Katzenkönig, bestätigten sogar das wahre Motiv. So waren es zuletzt Barbara und Peter, die wegen versuchten Mordes an der Blumenhändlerin zu langjährigen Haftstrafen verurteilt wurden, wohingegen Michael eine vergleichsweise milde Strafe erhielt und in ein psychiatrisches Krankenhaus eingewiesen wurde. Die beiden hatten den leichtgläubigen Michael wie ein Werkzeug für ihre eigenen Mordpläne benutzt und waren daher härter zu bestrafen als der eigentlich handelnde Täter. Also Ende gut, alles gut? Vielleicht. Aber ein perfekter Mord ist das nun wirklich nicht, oder? Immerhin wurden die eigentlichen Täter geschnappt.   Doch was, wenn das Opfer den Messerangriff nicht überlebt hätte? Denn das war am Ende der einzige Grund, warum der loyale Michael überhaupt seine Mittäter verraten hatte: Nachdem trotz fehlgeschlagenem Menschenopfer der Katzenkönig über knapp ein Jahr seiner Untersuchungshaft keinerlei Anstrengungen unternommen hatte, die gesamte Menschheit entsprechend Barbaras Prophezeiungen zu vernichten, hatte Michael am Ende wohl doch Zweifel bekommen. Wäre sein Opfer gestorben, hätte er sich vermutlich weiterhin als einsamen Retter der Menschheit gewähnt und eisern geschwiegen, mit der Folge, dass Barbara und Peter nie verhaftet, geschweige denn verurteilt worden wären.   Aber was, wenn Barbara und Peter einfach geschwiegen hätten? Die Beteiligung der beiden konnte ja nur deshalb nachgewiesen werden, weil sie im Nachhinein ein vollumfängliches Geständnis ablegten. Ob sie die Tat gestanden, um ihr Gewissen zu erleichtern, oder ob sie der polizeilichen Vernehmung nicht standhielten: Wer weiß das schon. Eines aber ist klar: Hätten beide einfach die Klappe gehalten, dann hätte der Richter sie höchstwahrscheinlich freisprechen müssen, vermutlich wäre dann schon gar nicht erst gegen sie weiter ermittelt worden. Denn die absurde Geschichte über den eingebildeten Katzenkönig hätte man nicht gerichtsfest beweisen können. Viele Richter hätten es wohl für eine ziemlich abgedrehte Schutzbehauptung gehalten. Auch hätte man nicht beweisen können, dass Barbara oder Peter den verwirrten Michael zu dem Mord getrieben hatten. Die Aussage eines geistig verwirrten Täters, der an einen Katzenkönig glaubt, hätte kaum überzeugt. Die Verurteilung Michaels wegen Mordes war juristisch gesehen übrigens nicht einfach. Immerhin hatte er fest daran geglaubt, mit seiner Tat die Menschheit zu retten. Aus seiner Sicht hatte er sich nicht anders verhalten als zum Beispiel ein Fahrdienstleiter der Deutschen Bahn, der sich aufgrund eines defekten Gleises dazu entschließt, eine Weiche umzustellen, um die Menschen im Zug vor dem sicheren Tod zu retten, obwohl er weiß, dass just an dem intakten Gleis Wartungsarbeiten durchführt werden und der Gleisarbeiter aufgrund der Weichenstellung sterben wird. Den Fahrdienstleiter kann man nicht bestrafen, denn er tötet den Gleisarbeiter zum Wohle der anderen Fahrgäste. Insoweit handelte auch Michael nicht eigentlich, um zu morden, sondern im Gegenteil, um die Vernichtung allen Lebens auf der Erde durch seinen neuen Nachbarn vom See, den Katzenkönig, zu verhindern. Allerdings entschied das Gericht, dass Michaels Irrglaube an die Existenz des Katzenkönigs zwar strafmildernd, nicht aber strafbefreiend berücksichtigt werden konnte – denn bei aller geistigen Anstrengung wäre ein solcher Irrtum durchaus vermeidbar gewesen. Handelt es sich im Ergebnis also doch um einen perfekten Mord? Nicht ganz, wird man womöglich einwenden. Denn war es nicht ein unglaublicher Zufall, dass sich ein so leichtgläubiges Opfer wie Michael für Barbaras Tatplan gefunden hat? Hier möchte ich widersprechen. Denn wie heißt es so schön: »Jeden Tag steht irgendwo ein Dummer auf.« Wenn ich an meine Zeit als Student zurückdenke, kann ich das nur bestätigen. Damals wohnte ich in einer Wohnung oberhalb eines Elektrogeschäfts, schräg gegenüber war ein ziemlich unscheinbarer Laden. Kaum je gingen dort Kunden ein und aus. Was ich hingegen oft vor dem Geschäft sah, waren die diversen Luxuswagen des Ladeninhabers. Komisch, dachte ich mir, wie kann sich jemand solche Autos leisten, zu dem so wenige Kunden ins Geschäft kommen? Ein Blick in das Schaufenster schürte die Neugier nur noch mehr, denn außer ein paar Büchern rund um das Thema Lebens- und Selbsthilfe sowie verschiedenen Tuben und Cremes vom Teebaum konnte ich darin nichts sonderlich Verheißungsvolles entdecken. Der Geschäftsführer des Elektroladens klärte mich dann über alles auf. Wie sich herausstellte, spielten kriminelle Machenschaften keine Rolle, zumindest nicht aus juristischer Sicht. Er musste es wissen, schließlich hatte er dem Ladeninhaber mit den Luxusautos einen besonderen Kundenwunsch erfüllt. Er hatte ihm einhundert Taschenrechner verkauft. Auf diese Taschenrechner hatte er auf Wunsch seines Kunden von gegenüber je ein kleines Metallplättchen gelötet. Kostenpunkt: circa 50 Cent pro Stück. Zusammen mit dem Taschenrechner kostete der ganze Spaß etwa zwei Euro. Diese mit einem Metallplättchen versehenen Taschenrechner verkaufte der Ladeninhaber von gegenüber allerdings nicht für zwei, sondern für stolze 1450 Euro pro Stück. Er behauptete einfach, dass Gegenstände, die man auf das Metallplättchen stellt, unter Eingabe eines entsprechenden Codes in positive Schwingung versetzt würden, die sich dann wiederum positiv aufs Leben auswirkten. Was soll ich sagen, die einhundert mit Metallplättchen versehenen Taschenrechner hatte er alle verkauft – zusammen mit einer CD, die sämtliche Codierungen für diverse Alltagsgegenstände beinhaltete. Kostenpunkt: weitere 750 Euro. Gehen Sie doch mal auf eine Esoterikmesse oder lesen Sie ein paar Verschwörungstheorie-Seiten im Internet. Danach werden Sie am Verstand der Menschheit zweifeln. Denn dort finden sich glühende Anhänger von Theorien, gegen welche die Geschichte vom menschenfressenden Katzenkönig-Teufel geradezu plausibel erscheint. Ob von der CIA gezüchtete Echsenmenschen, die uns unterwandern; von Aliens platzierte »Analsonden«, um uns für eine feindliche Übernahme gefügig zu machen; von der Regierung in die Luft gesprühte Chemtrails, um unsere Gedanken zu kontrollieren – die Liste der absurden Verschwörungstheorien ist lang. Da muss man gar nicht erst von Leuten anfangen, die sich in Erwartung von zweiundsiebzig Jungfrauen einen Sprengstoffgürtel umschnallen oder Flugzeuge in Hochhäuser steuern. Und bedenken Sie noch eines: Barbara und Peter wurden nur durch Zufall erwischt. Wie viele weitere Opfer der Katzenkönig oder sonst ein absurdes Ungeheuer bereits gefordert hat, man weiß es nicht.

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