Rollentausch - Andrea Sawatzki über ihre Arbeit als Autorin
Lieferung innerhalb 3-4 Tage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich

Dienstag, 19. März 2013 von


Rollentausch - Andrea Sawatzki über ihre Arbeit als Autorin

Dem „Tatort“ hat sie den Rücken gekehrt, doch nicht dem Verbrechen. Die Schauspielerin Andrea Sawatzki hat einen Kriminalroman geschrieben, in dem Polizisten nur Statisten und Gut und Böse schwer voneinander zu unterscheiden sind.

Warum hat eine Schauspielerin auf einmal das Bedürfnis zu schreiben?

AS: Bei mir war das eigentlich schon immer da. Bereits als Kind habe ich gern und viel geschrieben. Vielleicht kann man es so sehen, dass die Schauspielerei eine Vorstufe zum Schreibenwar. Auch als Schauspielerin muss mansich sehr intensiv mit Charakteren auseinandersetzen und Biografien für eine Figur erschaffen.

Als „Tatort“-Kommissarin Charlotte Sänger haben Sie eine Figur gespielt, die sich in Opfer und Täter besonders gut hineinversetzen konnte. Beherrscht die Autorin Sawatzki das auch?

AS: Man kann da durchaus Parallelen sehen. Durch die Arbeit an meinen Rollen habe ich ein Verständnis für die Menschen entwickelt. Als Autorin macht es mir großen Spaß, nicht nur in einer Figur zu sein und eine Figur zu ergründen, sondern die Fäden aller Figuren in der Hand zu halten und zu bestimmen, was als nächstes passiert. Die Bilder, die ich dabei vor mir habe, sind durchaus sehr filmisch.

Warum haben Sie den Krimials Genre gewählt?

AS: Das war wirklich nicht so vorgesehen. Ich habe nach einem Genre gesucht, das die Menschen interessiert, das sie spannend finden, auch wenn ich mich inhaltlich einem schwierigen Thema widme.

In Ihrem Buch geht es um die verstörte junge Frau Manuela Scriba, die traumatische Erlebnisse ihrer Kindheit verdrängt hat und nun im Verdacht steht, einen alten Mann getötet zu haben. Hätten Sie sich auch vorstellen können, einen lustigen Berliner Regionalkrimi zu schreiben?

AS: Nein, das hätte mich nicht so interessiert.

Wie würden Sie Ihre Protagonistin beschreiben?

AS: Manuela Scriba ist eine sehr weiche Frau und sehr verletzlich. Sie hat gelernt, diese Verletzlichkeit nicht nach außen zu tragen. Sie glaubt, nur überleben zu können, wenn sie ihren Mitmenschen etwas vorspielt. Sie ist eine absolute Einzelgängerin, die zugleich große Angst vor der Einsamkeit hat.

Auf eine klassische Ermittlerfigur haben Sie verzichtet und richten den Blick stattdessen aufdie Vergangenheit der Verdächtigen.Warum?

AS: Es war mir sehr wichtig, die Entwicklung meiner Hauptfigur sehr behutsam zu vermitteln. Ich wollte die Opfer und Täterrollen nicht klar verteilen. Um diese Balance halten zu können, habe ich mich dazu entschlossen, die harsche Ermittlungsarbeit außen vor zu lassen. Ich wollte der Geschichte eine ruhige Grundstimmung geben. Deshalb ist es in meinem Buch auch kein Kommissar, sondern eine Psychiaterin, die dem Verbrechen auf den Grund geht.

Sie haben einmal gesagt, die bösen Rollen interessierten Sie mehr als die guten. Ist das beim Schreiben auch so?

AS: Es ist auf jeden Fall so, dass ich ergründen möchte, warum ein Mensch böse wird. Es ist immer ein tiefes Sich hinein versetzen in eine Figur. Kaum jemand ist von Natur aus böse. Ein Verbrechen kann auch ein Hilfeschrei sein.

Das Verbrechen also als eine Therapie?

AS: So weit würde ich nicht gehen. Eine Straftat ist nie heilsam. Aber durch ein Verbrechen werden manchmal jene Menschen auffällig, die sonst niemandem auffallen würden.

Die Sprache, die Sie verwenden, ist stellenweise recht derb. Eine bewusste Provokation?

AS: Manuela Scriba will kein Opfer sein und kämpft deswegen permanent gegen die Welt an. In ihrem Fall ist die Sprache auch eine Hilfe zur Abwehr. Ich beobachte das oft bei Menschen, die schüchtern sind und verletzlich wirken. Sobald sie in die Enge getrieben werden, kommt bei ihnen eine Sprachgewalt und eine Sprachauswahl zu Tage, die einen überrascht und vor den Kopf stößt. Deswegen war es für mich ein sehr reizvolles Element, dass Manuela Scribaso redet.

Spürt man bei seinem Debütroman eigentlich auch so etwas wie Lampenfieber?

AS: Lampenfieber würde ich das nicht nennen. An dem Buch kann ich nichts mehr verändern. Der Roman ist geschrieben, und ich liebe ihn sehr. Es wird einerseits Menschen geben, die ihn mögen, und andererseits welche, denen das vielleicht zu hart ist, was ich geschrieben habe. Aber damit muss man leben, wenn man an die Öffentlichkeit geht.

Werden Sie weiter schreiben?

AS: Ja. Ob mein nächstes Buch aber wieder ein Krimi sein wird, steht noch nicht fest.

Lesen Sie selbst Krimis?

AS: Manchmal schon. Ich mag Nicci French sehr gern. Sonst lese ich aber eher Schicksalsberichte. Was mich interessiert, ist die kriminelle Energie, die Menschen haben. Ich bevorzuge Geschichten, bei denen deutlich wird, warum ein Täter etwas gemacht hat. Was ich nicht mag, ist dieses Schwarz-Weiß-Denken: Das ist der Täter, das das Opfer, dann kommt der Kommissar und schnappt sich den Täter. Das finde ich zu wenig. Das geht mir zu schnell.

Dass Sie zum „Tatort“ zurückkehren würden, war ja nur ein Gerücht. Könnten Sie sich prinzipiell ein Comeback als TVKommissarin vorstellen?

AS: Ich finde, es muss nicht unbedingt noch ein neuer Kommissar ins Fernsehen. Es gibt da gerade schon sehr viele.

Und wie wäre es mit einer Rolle als Polizei-Psychologin?

AS: Das wäre durchaus reizvoll, ja.

Das Interview ist ursprünglich im Revolverblatt erschienen


Blick ins Buch
Ein allzu braves MädchenEin allzu braves Mädchen

Roman

Ihre roten Haare leuchten zwischen dem Grün der Bäume. Verstört und mit bloßen Füßen findet man die junge Frau in einem Waldstück. Ihr anfängliches Misstrauen den Psychiatern gegenüber weicht erst ganz allmählich dem Bedürfnis, ihre Geschichte zu erzählen. Eine Geschichte, die wirklich niemanden kalt lässt. Aber entspricht das, was sie erlebt zu haben glaubt, auch der Wahrheit?

MONTAG

1

Sie hatte sich in ein nahe gelegenes Wäldchen geflüchtet und kauerte unter den tief hängenden Ästen einer Tanne. Die Arme um ihren Oberkörper geschlungen, wiegte sie sich sanft vor und zurück, als wolle sie sich selbst festhalten. Um nicht auseinanderzubrechen.

Obwohl es kalt war, fror sie nicht, sie war empfindungslos. Der Regen hatte ihr Haar durchnässt, Tropfen perlten über ihr blasses Gesicht und rannen an ihrem Hals hinab.

Dumpf starrte sie auf das Muster der Tannennadeln zu ihren Füßen, und ihre Gedanken verloren sich in Bildern und Geschichten, die sie daraus ersann. Der Blick ihrer hellblauen Augen war starr, aber ihre Lippen umspielte ein leises Lächeln. Beides schien nicht recht zusammenzupassen, was ihrem Gesicht einen Ausdruck unendlichen Verlorenseins verlieh. Und doch fühlte sie sich wie befreit. Als hätte sie eine Last, die jahrelang schwer auf ihren Schultern gelegen hatte, endlich abgeworfen.

 

 

2

Die beiden Jungen streiften lachend durch das dichte Wäldchen auf der Suche nach einem geeigneten Ort zum Versteckspielen, und ihre hellen Stimmen schienen an den knorrigen Stämmen der alten Bäume abzuperlen und tief in das große Schweigen einzusinken, das den Wald erfüllte. Sie sprachen lauter als nötig, um die bösen Geister fernzuhalten, und knufften sich gegenseitig, als sich im tief hängenden Grün einer Tanne vor ihnen etwas bewegte. Sie verstummten, dann fassten sie sich in der Vorfreude auf eine spannende Entdeckung an den Armen und schoben sich langsam näher an die Tanne heran. Neugier und Furcht hielten sich die Waage. Sie mussten sich bemühen, das hysterische Kichern zu unterdrücken, das an ihren Kehlen zupfte. Sacht bewegte sich etwas zwischen den Bäumen, schien sanft hin- und herzuwiegen, und ein Ton, hoch und metallisch, ließ die Jungen erschauern. Aber die Neugier war schließlich stärker als die Angst, also pirschten sie nah aneinandergedrängt weiter und bogen endlich ein paar Zweige zur Seite, um sehen zu können, was sich dahinter verbarg.

Der Schrei, den sie ausstießen, war ohrenbetäubend. Dann rannten sie los.

 

 

3

Den beiden Polizisten, die kurze Zeit später in dem Wäldchen erschienen, bot sich ein merkwürdiger Anblick: Vor ihnen hockte, den Oberkörper tief vornübergebeugt, eine junge Frau. Sie trug ein grünes Paillettenkleid und hohe schwarze Lederstiefel, die strähnigen Haare schimmerten rötlich, und ihr Gesicht war dreckverkrustet. Ihre Hände und die nackten Beine waren voller Erde. Sie hielt ihre Knie umschlungen und sang leise vor sich hin. Die Beamten sprachen sie mehrere Male vergeblich an, es schien, als sei die Frau nicht bei Sinnen und habe sich forttragen lassen in eine fremde Welt.

Plötzlich aber hob sie den Blick und sah die Polizisten von unten an. Ihre Augen waren von einem eisigen Blau, und ein kalter Schauer überlief die Männer, als die junge Frau plötzlich die Zähne fletschte und ein kaum wahrnehmbares Knurren von sich gab. Dann kicherte sie leise und senkte den Blick wieder.

Über Funk forderten die Beamten einen Wagen an, weil ihnen die Begegnung nicht geheuer war, und als der eine Viertelstunde später endlich eintraf, packten sie die Frau und trugen sie in das bereitstehende Polizeifahrzeug. Sie leistete keinen Widerstand und brach ihr Schweigen nicht.

Außer ihrer Kleidung trug die junge Frau nichts bei sich. Da man ihr keine Auskunft über ihren Namen oder Wohnort entlocken konnte und sie einen stark verwirrten Eindruck machte, wurde sie sehr bald in die Psychiatrie überführt.

 

 

4

Man hatte sie eingeschlossen. Ihr Zimmer war klein und überhitzt. Es gab nur ein Bett, ein Waschbecken und eine Toilette. Unter dem Fenster standen noch ein Tischchen und ein Stuhl. Wenn sie sich auf den Stuhl stellte, konnte sie aus dem Fenster blicken.

Eine Pflegerin hatte sie gewaschen und ihr einen Overall gegeben. Jetzt saß die junge Frau auf dem Bett und hatte die Arme fest um den Oberkörper geschlungen.

Das angebotene Essen rührte sie nicht an. Sie starrte auf das Gekritzel an der Wand. Es schien keinen Sinn zu ergeben, und darum beschäftigte sie sich damit, in den Linien der Buchstaben und den Schatten des Gemäuers eine eigene Bedeutung zu suchen.

Sie lauschte den Schritten und Stimmen der Menschen vor ihrer Tür. Wenn jemand davor stehen blieb, durchbohrte die Angst sie wie ein heißer Pfeil. Sie wollte allein sein, ungestört. Wieder starrte sie an die Wand. Das Sonnenlicht, das durch das hohe Fenster fiel, warf Schatten und Lichtflecken darauf. Es flimmerte auf der rauen Oberfläche. Sie erkannte eine sommerliche Landschaft, Felder, die sich in der Ebene erstreckten, ab und zu ein einsamer Baum, der Schatten eines Tieres, einer Wolke. Dann das satte Gelb des reifen Korns, welches sich sacht im Wind wiegte.

So verging die Zeit, bis es dunkel wurde. Irgendwann legte sie sich schlafen.

 

 

DIENSTAG

5

Am frühen Morgen ging bei der Polizeidienststelle Grünwald ein Anruf ein. Ein Anwohner beschwerte sich darüber, dass die Hunde im benachbarten Garten seit Tagen bellten und jaulten. Obwohl er mehrmals bei seinem Nachbarn geklingelt hatte, öffnete niemand, und langsam begann er sich Sorgen darüber zu machen, dass dem alleinstehenden Mann etwas zugestoßen sein könnte. Die Frage, ob es möglich sei, dass sich der alte Herr auf Reisen befinde, verneinte er. Das sei völlig ausgeschlossen, Herr Ott würde seine Hunde niemals allein zurücklassen. Außerdem führe Herr Ott ein äußerst zurückgezogenes Leben und sei nicht sonderlich gesellig.

Als die Polizei wenig später am Ott’schen Grundstück eintraf, machten die ausgehungerten und aggressiven Schäferhunde es den Beamten unmöglich, das Haus zu betreten. Erst als die Tiere betäubt und abtransportiert worden waren, konnten sich die Polizisten daranmachen, die massive Eichentür des eleganten Gebäudes aufzuhebeln.

Sie traten in den großzügigen Eingangsbereich, wo ihnen sofort ein muffiger Geruch entgegenschlug. Der Raum lag im Halbdunkel. Die schweren, vergilbten Vorhänge vor den Fenstern verwehrten den Blick in den Garten. Die biedere Einrichtung stand in merkwürdigem Gegensatz zum pompösen Äußeren der Villa. Auf einer Kommode standen allerlei Porzellanfiguren, vornehmlich spielende Kinder und Hunde aller Rassen, an den Wänden Stickbilder mit Landschafts- und Hundemotiven. Den abgenutzten Dielenboden bedeckten fadenscheinige Perserteppiche.

Im Haus war es still, was wegen des Lärms, den die Hunde kurz zuvor gemacht hatten, nun besonders auffiel. Außer dem Ticken einer alten Standuhr war nichts zu hören, die Stille dröhnte in den Ohren.

Nachdem die Beamten das Erdgeschoss durchsucht hatten, stiegen sie die breite geschwungene Treppe in das obere Stockwerk hoch.

Im Schlafzimmer stießen sie gleich neben der Tür auf die Leiche des Hausherrn. Er lag nackt, mit eingeschlagenem Schädel und erheblichen Verletzungen am ganzen Körper in einer Lache getrockneten Blutes. Seine Gliedmaßen wirkten seltsam verrenkt. Die trüben, eingefallenen Augen waren aufgerissen, der Mund war weit geöffnet wie zu einem tonlosen Schrei. Anscheinend hatte der alte Mann versucht, vor seinem Mörder zu fliehen, denn eine getrocknete Blutspur zog sich von der Mitte des Raums bis hin zur Tür.

 

 

6

Sie hatte nahezu zwölf Stunden geschlafen, was für Neuzugänge nicht unüblich war. Nachdem sie etwas Brot mit Marmelade und Kaffee zu sich genommen hatte, brachte man sie in den Therapieraum.

Die Psychiaterin, die sie dort erwartete, war um die fünfzig, von schlanker Gestalt, das dunkle Haar kinnlang geschnitten. Die braunen Augen hinter den Brillengläsern wirkten sanft und hatten doch etwas Energisches. Sie gab der jungen Frau die Hand, die sich kühl und fest anfühlte.

Die Psychiaterin wies der jungen Frau einen Stuhl zu, und setzte sich selbst an ein kleines Tischchen mit einer Blumenvase.

Dann sagte sie: »Mein Name ist Minkowa. Das Doktor können wir uns sparen. Wie heißen Sie?«

Die junge Frau schwieg.

»Sie wurden gestern früh in einem Wäldchen aufgefunden. Haben Sie eine Erinnerung daran, wie Sie dahin gelangt sind? Was davor geschehen ist?«

Die Patientin blickte an der Ärztin vorbei an die Wand und schwieg.

»Gibt es jemanden, den wir informieren sollen, jemanden, der sich eventuell Sorgen macht, warum Sie heute Nacht nicht nach Hause gekommen sind?«

Die junge Frau fixierte die Wand, und die Stimme der Psychiaterin wurde leiser und immer leiser. Irgendwann hörte sie sie nicht mehr. Sie hatte eine Stelle entdeckt, die einer Flusslandschaft glich. An den Rändern des Wassers wuchsen dichte Büsche, dahinter breiteten sich Wiesen aus. Sie strahlten in sattem Grün, und der Fluss schlängelte sich klarblau durch die Landschaft. Das sah schön aus, und sie gab sich der Vorstellung hin, am Ufer zu sitzen und hinabzublicken in die Tiefe des Gewässers.

Plötzlich riss die Stimme der Psychiaterin sie aus ihren Träumen.

Die junge Frau blickte auf.

»Kann ich Ihnen helfen?«

»Nein. Danke.« Sie hatte offenbar beschlossen zu sprechen. »Ich musste bei der Landschaft an meine Kindheit denken. Da sah es genauso aus.«

Die Ärztin blickte zur Wand. Außer dem Weiß der Tapete entdeckte sie nichts.

»Haben Sie denn schöne Kindheitserinnerungen?«

»Ja.« Die junge Frau neigte den Kopf zur Seite und lächelte. »Ich wuchs auf dem Land auf. Wir hatten ein großes Haus mit einem riesigen Garten. Hinten war ein kleiner Weinberg, mein Vater war leidenschaftlicher Gärtner und wollte unbedingt eigenen Wein anbauen.« Sie lachte. »Hat aber meistens nicht geklappt, irgendwelche Schädlinge oder Bakterien haben die Ernte oft ruiniert.«

Es war nicht erkennbar, warum sie so lange geschwiegen hatte und jetzt ein scheinbar normales Gespräch zu führen begann.

»Was macht Ihr Vater beruflich?«, fragte Dr. Minkowa.

»Er war Journalist. Er ist leider vor einiger Zeit gestorben. Meine Mutter auch. Sie kamen bei einem Autounfall ums Leben.« Die junge Frau senkte den Kopf und blickte zu Boden.

»Das war schwer für Sie?«

»Das war der schlimmste Moment meines Lebens, als ich die Nachricht bekam. Ich war zu Hause und machte gerade das Gästezimmer fertig, meine Eltern wollten mich für ein paar Tage besuchen. Dann klingelte es, und die Polizei stand vor der Tür.«

Sie verstummte. »Ich möchte nicht darüber reden, nein.« Ihr Blick ging nach innen.

»Natürlich nicht. Wann war das?«, fragte Dr. Minkowa vorsichtig.

»Weiß nicht, vor einigen Jahren. Ich unterteile den Schmerz nicht in Zahlen. Er ist allgegenwärtig.«

»Möchten Sie aus Ihrem Leben erzählen? Ich würde mich freuen, mehr über Sie zu erfahren. Wie heißen Sie?«

Die junge Frau schwieg unbeirrt.

»Wo sind Sie aufgewachsen?«

»In Schwaben, später sind wir dann in ein größeres Haus in Bayern gezogen. Da war ich noch klein, vielleicht acht. Mein Vater hat mir ein Pony geschenkt, das stand hinten im Garten und hat meiner Mutter immer den Gemüsegarten zertrampelt. Es hieß Loretto.«

»Ihre Mutter war nicht berufstätig?«

»Nein, sie musste nicht arbeiten. Sie wollte immer für mich da sein und hat sich um das Haus und alles gekümmert. Wir hatten viel Besuch. Meine Mutter hat leidenschaftlich gern gekocht. Eigentlich hatten wir immer ein volles Haus. Das war manchmal ziemlich chaotisch, aber schön. Ich konnte auch immer Freundinnen einladen.«

Die Psychiaterin überlegte kurz, dann fragte sie: »Erinnern Sie sich daran, wie Sie gestern früh in das Wäldchen gekommen sind?«

»Also, so wie ich mich kenne, war ich wahrscheinlich feiern und hab dann die Orientierung verloren. Das passiert mir manchmal.«

»Wie lautet Ihre Adresse? Wir haben keinen Ausweis bei Ihnen gefunden.«

»Oh, wo hab ich den denn bloß gelassen?« Die junge Frau wirkte abwesend.

Sie sah durch die Psychiaterin hindurch. Dann schien sie den ernsthaften Versuch zu unternehmen, sich zu erinnern. Nach einiger Zeit hob sie resigniert die Schultern.

»Ich weiß es nicht. Es tut mir leid, ich kann mich an gar nichts mehr erinnern.«

Panik trat in ihr Gesicht, und sie knetete ihre Hände.

»Machen Sie sich keine Sorgen. Ich werde Ihnen helfen, sich zu erinnern. Wir werden gemeinsam herausfinden, was geschehen ist. Und bald werden wir sicher auch wissen, wo Sie wohnen und wer Sie sind. Sie können wieder nach Hause zurück.«

»Das wäre ganz schön.«

 

 

7

Abends durfte sie duschen. Eine Pflegerin holte sie ab und brachte sie ins Untergeschoss. Dort befanden sich die Waschräume. Die Luft war feucht, es roch ein wenig modrig, denn die Abflüsse waren verstopft, und das schmutzige Wasser konnte nicht abfließen.

Sie ekelte sich, aber nachdem die Pflegerin ihr ein Stück Seife in die Hand gedrückt und die Kabinentür hinter ihr geschlossen hatte, fühlte sie sich besser. Sie stellte sich unter den Brausekopf und drückte den Knopf in der Wand. Dann schloss sie die Augen, legte den Kopf in den Nacken und ließ sich das heiße Wasser übers Gesicht laufen.

Sie erinnerte sich daran, wie sie als kleines Mädchen bei Regen aus dem Haus gelaufen war. Niemand hatte das damals verstanden. Sie war süchtig nach dem Regen gewesen, süchtig nach den dunklen Wolken und dem Grollen des Donners. Sie liebte die Einsamkeit, und bei schlechtem Wetter konnte sie sicher sein, dass sie kaum jemandem begegnen würde.

Sie war ein stilles Kind gewesen. Zurückhaltend und wohlerzogen. Die Mutter hatte ihr Kleider genäht und Pullover für den Winter gestrickt und einen Tellerrock aus roter Wolle, der bis hoch zu ihren Hüften geflogen war, wenn sie sich im Kreis drehte. Sie hatte immer Tänzerin werden wollen. Oder Tierärztin. Oder Verkäuferin in einem Tante-Emma-Laden. Ihr Haar war dünn und rötlich, und manchmal hatte sie sich eine Wollstrumpfhose über den Kopf gestülpt und geträumt, die Beine, die seitlich an ihrem Körper baumelten, wären Zöpfe.

Das Handtuch war rau, sie rubbelte damit über ihren Körper, bis die Haut brannte. Dann begleitete die Pflegerin sie zurück in ihr Zimmer. Sie setzte sich unter dem kleinen Fenster auf den Boden und starrte auf das graue Linoleum vor sich. Lange Zeit blieb sie so sitzen.

Es wirkte, als habe sich die Leblosigkeit auch Zugang zu ihrer Seele verschafft. Aber in ihrem Kopf tobte es. Sie versuchte sich verzweifelt an die Stunden zu erinnern, bevor man sie im Wald entdeckt hatte, aber sie konnte sich nicht konzentrieren. Kaum hatte sie das Gefühl, einen klaren Gedanken zu fassen, löste er sich schon wieder auf.

Sie wusste, sie war mit ihrem Mini zur Arbeit gefahren und hatte den Wagen am Straßenrand geparkt. Es war bereits dunkel gewesen, als sie auf das Haus zugelaufen war, und sie hatte sich darüber geärgert, dass sie sich das Haar eingedreht hatte, bevor sie losgefahren war, denn es hatte in Strömen geregnet.

Danach war jede Erinnerung ausgelöscht.

Das Nächste, was sie vor sich sah, war die nass glänzende Fahrbahn am frühen Morgen. Es wurde gerade hell, sie saß in ihrem Auto und fuhr ziellos durch die menschenleeren Straßen. Sie fror und wusste nicht mehr, wo sich der Schalter für die Heizung befand. Irgendwann stieg sie dann aus, weil sie das Gefühl hatte, etwas Dunkles säße hinter ihr auf dem Rücksitz und beobachtete sie. Sie öffnete die Wagentür und rannte los. Bis sie sich in einem Wald wiederfand und sich unter den Zweigen eines Baumes versteckte. Ihr war übel, und sie bekam keine Luft, die Angst schnürte ihr die Kehle zu. Und irgendwann wachte sie wieder auf, wie aus einem langen Traum. Sie hatte Kinderstimmen gehört und wusste im ersten Moment nicht, ob die Stimmen zu ihrem Traum gehörten oder real waren.

 

Plötzlich öffnete sich die Zimmertür, und eine Pflegerin brachte das Abendessen. Brot, helle Wurst und abgepackter Käse. Nachdem sie wieder gegangen war, lag minutenlang ein unangenehmer Schweißgeruch in dem kleinen Raum.

Die junge Frau rührte das Essen nicht an.

Kommentare

Kommentieren Sie diesen Beitrag:

Mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtangaben und müssen ausgefüllt werden.