Hanni Münzer
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Tauchen Sie ein in eine Welt voller Verschwörung

Die neue Reihe von Spiegel-Bestsellerautorin Hanni Münzer: »Die Seelenfischer«

Dienstag, 28. Februar 2017 von Piper Verlag


»Das Hexenkreuz« - Teil 4 der »Seelenfischer«-Reihe

ROM, 1767: Die Allmacht der Kirche hat ihren Zenit überschritten – der Kampf ums Überleben hat begonnen: Aufklärer, Freimaurer und Illuminaten, vor allem aber die Herrscher Europas, die Bourbonen, haben den Untergang der wichtigsten Stütze von Kirche und Papst beschlossen: dem Jesuitenorden. Droht ihm das gleiche Schicksal wie einst dem Templerorden? Tatsächlich ist der Orden so märchenhaft reich, dass das Gerücht, die Jesuiten hätten den Schatz der Templer gefunden, sich bis heute hält.

 

Das Geschwisterpaar Emilia und Emanuele di Stefano gerät mitten hinein in den Sog aus dunklen Machenschaften: Der geheimnis­um­witterte Herzog von Pescara begehrt Emilia zur Frau. Unterstützt von der verborgenen Bruderschaft des römi­schen Kultes Sol Invictus, greift er selbst nach der Macht im Kirchenstaat. Emilia flieht nach Rom zu ihrem Zwillingsbruder Emanuele und verliebt sich dort unsterblich in Francesco, Emanueles Freund. Doch er ist wie Emanuele Jesuit, ihre Liebe aussichtslos.

Emanuele und Francesco kommen bald darauf einem Kirchengeheimnis auf die Spur, das die Grundfesten ihres Glaubens erschüttert. Als der Untergang des Ordens unvermeidbar scheint, erteilt der Generalobere des Jesuiten­ordens, Lorenzo Ricci, Emanuele einen Auftrag. Er stürzt den jungen Jesuiten damit in einen Gewissenskonflikt. In seiner Verzweiflung vertraut sich Emanuele seiner Zwillingsschwester an und löst damit die Katastrophe aus ...

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Das HexenkreuzDas Hexenkreuz

Historischer Roman

Rom, 1767: Die Allmacht der Kirche hat ihren Zenit überschritten – weltliche Herrscher, Freimaurer, Illuminaten und kirchliche Orden ringen um die Vorherrschaft. Die Geschwister Emanuele und Emilia geraten mitten hinein in den erbitterten Machtkampf. Emilia ist dem Herzog von Pescara versprochen, flieht jedoch zu ihrem Bruder nach Rom. Dort verliebt sie sich in Emanueles Freund, Francesco. Doch ihre Liebe ist aussichtslos, denn er ist wie Emanuele Jesuit. Die beiden Freunde hüten ein Kirchengeheimnis, das die Grundfesten ihres Glaubens erschüttert. Als sich Emanuele seiner Schwester anvertraut, tritt er damit eine tödliche Lawine los ...
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Prolog

Santo Stefano di Sessanio, 1750

Eine Seherin bestimmt die Stunde ihres Todes selbst. Das hatte ihre Mutter Serafina einst selbst gesagt. Warum ließ sie den Tod dann seit Wochen warten? Warum harrte sie so hartnäckig im Diesseits aus, fragte sich die Tochter an ihrem Sterbebett. Litt sie nicht grausame Schmerzen und lag die meiste Zeit über im Delirium? Abermals klammerte sich die alte Seherin an den Arm ihrer Tochter, bäumte sich auf und rief: »Du wirst es erleben! Mit Schimpf und Schande, Blut und Schwert werden die Könige die Gottesdiener verjagen. Die Kirche wird ihre Macht verlieren …«

»Schh, Mutter.« Behutsam löste sich Donna Elvira von ihr. Sie griff just nach dem Kräutertee, als die Tür zu der einfachen Kate aufgerissen wurde. »Schnell, Donna Elvira. Ihr werdet auf der Burg verlangt. Die Gräfin kommt nieder!«, rief der Stallbursche des Grafen di Stefano.

»Schon?«, entfuhr es der jungen Hebamme. Hastig nahm sie ihren Korb. Ein letzter besorgter Blick auf ihre Mutter, dann eilte Donna Elvira dem Boten hinterher. Sie wusste, dass ihr ein schwerer Kampf bevorstand. Die Gräfin Agostina war nicht mehr jung, und es würde eine Zwillingsgeburt geben.

Tatsächlich zogen sich die Wehen in der gräflichen Kammer lange hin. Erst im schwindenden Licht des zweiten Tages gebar die Gräfin beide Kinder. Zunächst das Mädchen und kurz darauf den Knaben. Donna Elvira band gerade die Nabelschnur des Jungen ab, als ein jäher Schmerz durch ihren Körper jagte. Ihr Kopf fuhr zum Fenster, und für einen Augenblick krümmte sich die Hebamme, als durchlitte sie nun selbst die Qual einer Wehe. »Mutter!«, entfuhr es ihr.

»Ist Euch nicht wohl?«, erkundigte sich die Kammerfrau erschrocken.

Beinahe wie in Trance wandte sich die Hebamme ihr zu: »Nein, es ist gut.« Rasch versorgte sie den Knaben und wickelte ihn fest in frisches Leinen. Danach legte sie der erschöpften Gräfin die Säuglinge in die Arme. »Anna«, wandte sie sich dann an die Kammerfrau, »lauft zum Grafen, und bittet ihn hierher, damit er seine beiden Kinder begrüßen kann. Dann schickt nach Pater Bertolli. Die Kleinen sollten schnell getauft werden. Was ist, was habt Ihr?« Ihr war die unwillige Geste der Bediensteten nicht entgangen.

»Nichts, dieser junge Priester hat nur so kalte Augen. Mich fröstelt richtig bei seinem Anblick. Was für ein Unglück, dass unser guter alter Pfarrer vor zwei Tagen gestorben ist.« Anna bekreuzigte sich und ging.

Pater Bertolli frohlockte. Die Dinge entwickelten sich ganz in seinem Sinne. Er war nach Santo Stefano di Sessanio gesandt worden, um die blasphemischen Äußerungen einer Seherin namens Serafina La Tedesca zu untersuchen. Der Dorfpfarrer hatte den römischen Großinquisitor Giovanni Ganganelli davon unterrichtet. Zunächst hatte er nicht verstanden, warum Ganganelli so sehr an einer raschen Aufklärung gelegen war. Bevor er hinaufgestiegen war – Santo Stefano erwies sich tatsächlich als der höchste Ort Italiens und lag inmitten der unwegsamen Abruzzen –, hatte sich Bertolli deshalb vorsichtig im Tal umgehört. Dabei hatte er etwas höchst Interessantes in Erfahrung gebracht: Giovanni Ganganelli, der aus dieser Gegend stammte, und diese Seherin waren sich schon einmal begegnet! Damals hatte sie dem jungen Priester prophezeit, dass er einmal Papst werden würde. Ha, da war Ganganelli auf die älteste List dieser selbst ernannten Seherinnen hereingefallen. Sie hatte ihm einfach das gesagt, was er gerne hören wollte! Für seinen Geschmack war der Mann sowieso viel zu abergläubisch – wenn man bedachte, dass er der oberste Inquisitor des Kirchenstaates war …

Zu seinem Missvergnügen hatte Bertolli bei der Ankunft feststellen müssen, dass der alte Dorfpfarrer just tags zuvor das Zeitliche gesegnet hatte und für eine Befragung nicht mehr zur Verfügung stand. Stattdessen hatte er den Trauergottesdienst abhalten müssen. Unmittelbar darauf war er zu einer Todkranken gerufen worden, die sich schnell als jene gottlose Hexe Serafina La Tedesca entpuppt hatte!

Er hatte ihr die Sterbesakramente verweigert, sollte das alte Weib ruhig zur Hölle fahren. Er hatte sie auch ein wenig geschüttelt, doch sie hatte ihr Schandmaul nicht aufgemacht. Er war schon halb zur Tür hinaus gewesen, als sich diese angebliche Prophetin plötzlich aufgebäumt und Ganganelli und die heilige Mutter Kirche mit gotteslästerlichen Worten verhöhnt hatte!

Eines war sicher: Diese letzte Prophezeiung der alten Schreckschraube würde Ganganelli so überhaupt nicht schmecken. Doch was diese Hexe konnte, konnte er schon lange: Er würde Ganganelli ganz einfach auch nur das erzählen, was er gerne hören wollte! Aber es sollte natürlich etwas sein, das auch ihm selbst zum Vorteil gereichen würde. Er musste es nur richtig anstellen, damit ihn Ganganelli nicht durchschaute. Der Großinquisitor war vielleicht nicht der Schlaueste, aber für Intrigen besaß er ein Händchen. Noch während er über der geeigneten Strategie brütete, schickte der ansässige Graf nach ihm, damit er seine beiden Neugeborenen taufte. Bertolli erhob sich und unterdrückte einen missmutigen Laut. Die Leute dieser öden Gegend beliebten nach Lust und Laune über ihn zu verfügen, zu sterben und zu gebären. Dabei, überlegte er, blieb Gottes Seelenhandel ausgeglichen: Eine Seele für den Himmel – der Dorfpfarrer, eine Seele für die Hölle – die Hexe, und nun waren zwei neue Erdenbürger angekommen. Ausgerechnet Zwillinge! Plötzlich hielt Bertolli mitten im Schritt inne, ein Geistesblitz hatte ihn getroffen. Das war es! Nun wusste er, wie er den Wortlaut der Prophezeiung zu seinem Vorteil umdeuten konnte.

Zunächst würde er Graf Abelardo di Stefano die angeblichen letzten Worte der Seherin zutragen. Schließlich würde seiner Prophezeiung erst durch weitere Mitwisser eine Bedeutung zuteilwerden!

Pater Bertollis abgewandelte Prophezeiung entwickelte sehr bald ein munteres Eigenleben. Sie stieg mit ihm ins Tal, verbreitete sich dort, und er selbst nahm sie mit nach Rom. Betroffene und Nichtbetroffene interpretierten sie sodann nach Belieben und Präferenzen und forderten damit ahnungslos das Schicksal heraus.

Ohne es geahnt zu haben, hatte Bertolli damit das erste Steinchen ins Getriebe der Kirchenmacht geworfen. Es setzte sich im Mahlwerk fest und begann sein schleichendes Werk.

 

I

Rom, 1764

»Hinfort mit Euch! Aus meinen Augen. Und wagt es ja nicht, Euch jemals wieder innerhalb dieser Mauern blicken zu lassen! Niemals zuvor in meinem Leben wurde ich schlimmer enttäuscht! Ihr seid eine Schande für unseren Stand! Schert Euch weg! Hinaus, hinaus …!«

Die Stimme des Mannes, die durch die spaltbreit geöffnete Tür drang, überschlug sich fast in ihrem Zorn. Es folgten schnelle Trippelschritte, und dann schoss ein ungemein fetter Pater durch die Tür in das Vorzimmer. Die Augen vor Entsetzen geweitet, nahm er den jungen Mann nicht wahr, der sich dort an einem Kohlebecken die Hände wärmte. Mit einem erstickten Schluchzen stürzte er an ihm vorbei.

Betroffen blickte der fremde Besucher ihm hinterher. Wenn er sich nicht irrte, war er eben Zeuge des Rauswurfs des ersten Assistenten des Pater General geworden. Was sollte er jetzt tun? Sich selbst anmelden? Sein Auftrag war dringend. Der quer über seine Brust geschnallte Lederriemen, an dem ein länglicher Briefbehälter hing, wies ihn als Boten aus. Unentschlossen verharrte der junge Mann auf der Stelle. Schließlich löste er den Behälter. Er führte den Vorgang mit größter Behutsamkeit aus, als könnte ihm dieser bei unsachgemäßer Behandlung in den Händen explodieren wie eine falsch geladene Muskete. Er kannte den Inhalt der Depesche. Tatsächlich enthielt sie eine Nachricht von höchster Sprengkraft. Drei Wochen hatte es ihn gekostet, um sie sicher von Paris nach Rom zu befördern. Seine Beine waren schwer, und sein Magen leer.

Das Schriftstück, das er im Auftrag des französischen Provinzials des Jesuitenordens mit sich führte, würde mit Sicherheit nicht zur Besserung der Laune des Pater General beitragen.

Nun erschien der 18. Generalobere des Jesuitenordens, Lorenzo Ricci, höchstselbst im Türrahmen. Seine aufrechte Gestalt verströmte Zorn – was erstaunlich anmutete bei einem Mann, der allseits für sein ausgeglichenes Gemüt bekannt war. »Wer seid Ihr? Und was habt Ihr hier zu suchen?«, blaffte er den Unbekannten an, kaum dass jener in sein Blickfeld geraten war.

Der Bote verneigte sich: »Eure Eminenz, mein Name ist Pater Francesco Colonna, und ich überbringe Euch eine eilige Botschaft aus Paris.« Er streckte seinem Superior das Dokument entgegen. Besser gleich in die saure Frucht beißen …

Ricci hatte das Siegel erkannt und an Ort und Stelle gebrochen. Flink huschten seine kleinen dunklen Augen über das Pergament; die Zornesröte wich alsbald einer jähen Blässe. Er wies den Pater in sein Büro und deutete auf den Armsessel vor seinem Schreibtisch. Er selbst nahm dahinter Platz und legte die Fingerspitzen aneinander. Mehrere Sekunden musterte er sein Gegenüber. Der Bote fühlte sich dabei bis auf den Grund seiner Seele durchleuchtet.

Schließlich murmelte Ricci: »Der junge Colonna, hmm? Ich kenne Euren Vater, den Fürsten. Ein guter Mann.« Erneut hüllte sich der Pater General in Schweigen, dabei finster auf die Nachricht starrend. Unvermittelt schlug er mit der Handfläche darauf. »Was für eine Katastrophe! Portugal zuerst, dann die Königreiche Neapel, Parma, Spanien und nun also Frankreich. Fürwahr, die Bourbonen haben den Untergang der Gesellschaft Jesu beschlossen … Wenn ich daran denke, dass Pater de La Chaize fünfunddreißig lange Jahre Beichtvater des großen Sonnenkönigs Ludwig XIV. war. Er kannte alle seine Geheimnisse! Und nun jagt uns sein Urenkel Ludwig XV. mit Schimpf und Schande aus dem Reich. Dabei habe ich selbst die größte Schuld auf mich geladen. Viel zu lange habe ich auf die Beschwichtigungen des Pater Timoni gehört.«

Der Genannte war für sein Gegenüber kein Unbekannter: Pater Giovanni Timoni war der amtierende römische Provinzial des Jesuitenordens. Er hatte die Lage des Ordens lange verkannt und zu bagatellisieren versucht. Tatsächlich aber hatte man Timonis einzigem Argument – er hatte beteuert, dass Gott selbst zu gegebener Zeit den Orden erretten werde – wenig entgegenzusetzen gehabt. Doch dem Pater General wurde das Warten auf das göttliche Wunder inzwischen zu lang.

»Was könnt Ihr mir über die kursierenden Gerüchte berichten, dass insbesondere der französische Außenminister, Duc de Choiseul, und die Konkubine des Königs, diese Madame Pompadour, das Verbot beim König vorangetrieben haben?«

»Eminenz, sie entsprechen leider der Wahrheit.«

»Furchtbar, einfach furchtbar«, lamentierte Ricci und schüttelte sein Haupt. »Was soll nur mit dieser Welt geschehen, wenn sich nicht nur die weltliche Politik in die kirchlichen Belange einmischt, sondern sich auch noch Frauen dies anmaßen … Betet, mein Sohn, betet für unser Heil. Wir gehen dunklen Zeiten entgegen. Der Teufel hat sein gieriges Haupt erhoben, und ich fürchte, er blickt geradewegs in unsere Richtung.«

»Die Akte Rosenthal« - Teil 3 der »Seelenfischer«-Reihe

ROM: Der Papst tritt überraschend zurück, seine Motive lässt er im Unklaren. Sofort sprießen in Rom die wildesten Gerüchte. Spekulationen über Geschäfte der Vatikanbank, Erpressung und Missbrauch machen die Runde. Ein gefundenes Fressen für die Medien.

NÜRNBERG: Lukas erhält völlig unerwartet ein Angebot aus dem Vatikan. Während er über seine Rückkehr nach Rom nachdenkt, treten gleich zwei interessante Männer in das Leben seiner Zwillingsschwester Lucie. Beide kämpfen um sie. Bald muss sie sich fragen, ob einer von ihnen ein falsches Spiel mit ihr treibt.

MÜNCHEN: Jules Lafitte ist gezwungen, vor dem Terroristen Yussuf unterzutauchen. Quer durch Europa jagt er Beweisen nach, um sich endgültig von seiner Vergangenheit zu befreien. Keiner der fünf ahnt, dass sie ins Visier eines gefährlichen Gegners geraten sind – denn alle Ereignisse sind miteinander verknüpft. Und am Ende führen alle Wege nach ROM.

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Die Akte Rosenthal – Teil 2Die Akte Rosenthal – Teil 2

Thriller

Völlig unerwartet erhält Lukas von Stetten ein verlockendes Angebot aus dem Vatikan. Während er darüber nachdenkt, es anzunehmen, sorgt sich seine Frau Magali um ihre Ehe. Sie weiß, Lukas hat seine Jugendliebe Rabea nicht vergessen. Lukas’ Zwillingsschwester Lucie hingegen wird gleich von zwei Männern umworben, die ein undurchschaubares Spiel mit ihr zu treiben scheinen. Weder Lukas, Magali noch Lucie ahnen, dass sie längst ins Visier eines übermächtigen Gegners geraten sind, der in Rom die Strippen zieht ...
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Kapitel 1

 

I-00120 Vatikanstadt

»Carlotta van Kampen ist tot.«

»Halleluja! Was für eine wunderbare Nachricht.« Kaum ausgesprochen, nahm das freudige Gesicht des Mannes einen salbungsvollen Ausdruck an, als hätte ein Regisseur ihm eine neue Rolle zugeteilt. Er bekreuzigte sich, faltete die Hände und sprach ein kurzes Gebet. Dann streifte er auch diese Rolle ab. Lauernd fragte er: »Wie?«

»Sie wurde vor ungefähr einer Stunde in Barcelona erschossen.«

»Erschossen?« Der Mann fuhr von seinem Schreibtisch hoch. »Herrgott noch mal, was für ein Aufsehen! So geht das nicht. Was fällt unseren Leuten ein?«, blaffte er sein Gegenüber an.

»Nein, nein, Eminenz«, stieß sein Gegenüber hastig hervor, »ich versichere Euch, niemand von uns war in die Angelegenheit verwickelt. Es scheint eine ihrer eigenen Angestellten gewesen zu sein. Eine Brasilianerin. Mehr hat unser Kontakt in Spanien bisher noch nicht in Erfahrung bringen können.«

»Wunderbar!« Der Kardinal rieb sich die Hände. Glück musste man haben. Da hatte ihm doch glatt jemand anderes die Arbeit abgenommen. »Das dürfte uns die Sache künftig erleichtern.« Er hielt kurz inne, dann sagte er: »Unser Mann im Van-Kampen-Aufsichtsrat soll auf den Nachlassverwalter einwirken. Ich will endlich das Geschäft abschließen, und vor allem will ich die Dokumente zurück, die uns dieses Weib gestohlen hat.« Bis heute war es ihm ein Rätsel, wie die Holländerin es geschafft hatte, dem Kirchenstaat so viele Jahre erfolgreich die Stirn zu bieten. Die sorgfältig vorbereiteten Klagen, die er in den letzten Jahren gegen die van Kampen eingereicht hatte, waren bisher stets von den Gerichten abgewiesen worden. Niemals hätte er gedacht, dass die Frau über derart einflussreiche Verbündete verfügte. Sie reichten bis in höchste Regierungskreise. Leider saßen dort nicht wenige Kirchenhasser.

»Eminenz, ich fürchte, es ist ein zusätzliches Problem aufgetreten.«

Der Kardinal sah seinen Sekretär scharf an. Für ihn gab es keine Probleme. Nur Aufgaben, die es zu lösen galt.

Der Sekretär bemerkte seinen Lapsus und berichtigte sich, wobei er ins Stottern geriet. »Ich meine, also … da ist …«

»Herrgott, Enzo! Was soll denn das? Ich habe nicht ewig Zeit. Ich muss gleich zu einem Konsistorium mit dem Heiligen Vater.«

Pater Enzo gab sich einen Ruck. Diesmal sprudelten die Worte nur so aus ihm heraus. »Es gibt eine Erbin. Die Tochter der van Kampen. Sie ist verheiratet und hat einen Sohn.«

»Was? Lucia van Kampen ist wieder aufgetaucht? Aber sie galt seit neun Jahren als verschollen! Pater Filiberto hat mir schon vor Jahren glaubhaft versichert, dass sie tot sei.«

»Leider nein. Und da ist noch etwas. Sie ist mit Lukas von Stetten verheiratet. Er ist der Vater ihres Sohnes.«

»Der Schützling dieses Verräters Bentivoglio? Der Ex-Jesuit?« Der Kardinal griff nach dem Kreuz auf seiner Brust. Die scharfen Kanten schnitten in sein Fleisch und halfen ihm, seine Gedanken zu ordnen. Er selbst hatte Pater von Stetten vor knapp zwei Jahren, nach dem Verschwinden von Carlotta van Kampen, als unwichtig eingestuft und angeordnet, ihn nicht weiter zu überwachen. Ein kapitaler Fehler – und nicht sein einziger in diesem Fall. Er hätte nicht auf Pater Filiberto hören sollen, als dieser vorschlug, keine weitere Zeit auf die Suche nach der Van-Kampen-Tochter zu verschwenden. Er zürnte sich selbst. Ab sofort würde er die Dinge wieder selbst in die Hand nehmen! Dabei hatte er schon genug andere Sorgen. Der neu gewählte Papst sprühte geradezu vor utopischen Ideen. Ein lästiger und gefährlicher Mann. Erst kürzlich hatte er in einem Interview, das in sechzehn Jesuiten-Zeitungen erschienen war, behauptet, dass der Hof die Lepra des Papsttums sei! Natürlich wurde das weltweit publik. Der Kardinal empfand die Aussage als empörend, ja, geradezu blasphemisch. Nicht minder anstößig fand er den Ausspruch, dass Geld der Mist des Teufels sei.

Wer hatte denn all die Jahrhunderte die mühevolle Arbeit getan, die Gelder eingetrieben und dem Papst den Hof erhalten? Männer wie er! Und jetzt bezeichnete er ihn und seine Vorgänger als Lepra? Wo wäre das Papsttum heute, ohne die Kurie und die verantwortungsschweren Entscheidungen, die diese über die Jahrhunderte hatte treffen müssen? Nirgendwo – weil es nämlich kein Papsttum mehr gäbe! Was bildet sich dieser Mann ein! Fast zweitausend Jahre Papsttum einfach so vom Tisch wischen zu wollen wie lästige Krümel? Nein, er würde sich sein Lebenswerk von diesem Mann nicht zerstören lassen! Der Kirchenstaat, der Erhalt seiner Institutionen und Traditionen waren sein Leben. Er wusste genau, woher der Wind wehte: Der Papst war treuer Jesuit und nahm der Kurie noch immer das Verbot seines Ordens von 1773 übel!

»Von Stetten war vor Ort in Barcelona, als die van Kampen erschossen wurde. Mit seiner Frau«, holte Enzo den Kardinal aus seinem inneren Widerstreit zurück. »Und da ist noch etwas.« Enzo stockte und knetete seine Hände.

Der Kardinal sah seinen Sekretär auffordernd an, eine Zornesfalte wie ein großes V in die Stirn gegraben.

»Saul Kaschinski wurde in Spanien verhaftet.«

Der Kardinal explodierte endgültig und schlug mit der flachen Hand auf den Schreibtisch. »Ja, bin ich denn nur noch von unfähigen Idioten umgeben! Wie konnte das passieren? Es hieß doch, er sei der Beste in seinem Fach.«

»Kaschinski wird nicht reden, außerdem hat er alle Anweisungen anonym erhalten. Nichts in der Kommunikation weist auf eine Verbindung zu Rom hin«, beeilte sich Enzo zu antworten. »Aber wir müssen eine Entscheidung treffen«, ergänzte der Sekretär vorsichtig. Er mied Augenkontakt und schielte stattdessen auf die Statue einer betenden Madonna, die hinter seinem Dienstherrn auf einem Sockel thronte.

Der Kardinal hatte verstanden. »Ihr meint wohl, ich muss eine Entscheidung treffen.« Er lehnte sich in seinem Sessel zurück und überschlug seine Optionen wie ein Schachspieler. Entweder Kaschinski wurde so schnell wie möglich eliminiert, oder er sorgte dafür, dass der Mann Unterstützung erhielt. Rasch schob er die verschiedenen Konstellationen in seinem Kopf hin und her, erwog, auf welche Figuren er verzichten konnte, und fällte seine Entscheidung.

»Gut, veranlasst, dass Kaschinski heil aus der Sache herauskommt. Es zeigt ihm unsere Macht. Dann hol mir unseren Paulus hierher. Es wird Zeit, dass er wieder zum Saulus wird. Und ich will die Akte Lukas von Stetten auf meinen Tisch.«

»Ich habe sie bereits hier, Eminenz.« Enzo reichte ihm beflissen den Aktendeckel, den er unter den Arm geklemmt trug.

»Wenigstens habt Ihr einmal mitgedacht«, sagte der Kardinal gönnerhaft. Er schlug die Akte auf, überflog sie kurz und zeigte dann mit einem sorgfältig manikürten Finger auf einen Namen.

»Das ist die Schwachstelle. Hier sollten wir ansetzen. Zeit für Plan B.«

 

Zwei Stunden später pfefferte der Kardinal eine rote Projektmappe, auf der das Siegel des Papstes prangte, auf den Schreibtisch. Er fluchte, was das Zeug hielt, wobei sich Worte wie »Dilettant«, »Humbug« und »hirnverbrannt« noch als geradezu höflich ausnahmen. Sein Sekretär Enzo machte sich inzwischen so klein wie möglich und wartete, bis der Sturm vorübergezogen war.

»Enzooooo …!«

»Ich bin hier, Eminenz.« Enzo trat mit einem gold glänzenden Tablett näher und stellte ein Gläschen Grappa nebst zugehöriger Flasche vor seinem Superior ab. Eucharistie speciale für Seine Eminenz.

Der Kardinal stürzte das erste Glas im Stehen hinunter. »Unfassbar, jetzt will er eine Untersuchungskommission einberufen, die die Vatikanbank prüfen soll! Schon wieder! Kaum bin ich den einen losgeworden, fängt der nächste damit an. Wie soll man denn da noch in Ruhe arbeiten können?«

Enzo war klar, über wen sich Seine Eminenz echauffierte: über den amtierenden Papst und dessen Amtsvorgänger, den emeritierten Papst. Das zurückgetretene Kirchenoberhaupt hatte inzwischen die päpstliche Sommerresidenz in Castel Gandolfo verlassen und war in das ehemalige Nonnenkloster Mater Ecclesiae in den Vatikanischen Gärten gezogen. Die ihm verbliebene Erdenzeit konnte er dort nur deshalb in Kontemplation verbringen, weil er zugestimmt hatte, auch da zu bleiben. Der ehemals mächtigste Mann des Kirchenstaates, zumindest nach Einschätzung der Öffentlichkeit, würde seine alte Heimat niemals wiedersehen. Er saß in seinem italienischen Käfig fest. Nur der Tod würde ihn von Rom scheiden.

Enzo verharrte stumm und reglos. Er wartete auf weitere Anweisungen Seiner Eminenz. Sein Superior hatte sich inzwischen sichtlich beruhigt.

»Also gut«, sagte der Kardinal und ließ sich in seinen Louis-XVI.-Sessel hinter dem Schreibtisch fallen. Er faltete seine Hände mit großer Geste, als hätte er vor zu beten, aber Enzo kannte seinen Brotherrn und wusste, dass er über seine nächsten Maßnahmen nachdachte. Er diente dem Kardinalstaatssekretär Finzi-Contini seit acht Jahren und bewunderte ihn sehr, denn der hatte, selbst wenn die Widrigkeiten sich noch so hoch auftürmten, stets eine Lösung gefunden. Das Leben eines Kurienkardinals war in der Tat beschwerlich, und Enzo war stolz darauf, ihn bei seinem harten Tagwerk unterstützen zu dürfen.

»Passt auf, Enzo. Zunächst holt Ihr mir Erzbischof von Elsterich an den Apparat.«

Enzo nickte. Ihm leuchtete ein, dass Seine Eminenz mit dem Erzbischof über die Stiftung Kind und Brot konferieren musste.

»Dann möchte ich mich mit unserem deutschen Adeligen besprechen. Aber nicht telefonisch. Er soll hierherkommen, am besten noch heute Abend. Ja, das ist gut, laden wir ihn zum Essen ein. Sagt der Küche Bescheid, dass ich heute um 21:00 Uhr ein Menü mit Rinderfilet wünsche. Blutig. Der Deutsche liebt blutiges Fleisch.«

Enzo wusste das natürlich, es zu wissen, gehörte zu seinen Aufgaben. Mit dem Deutschen war Kardinal Dieter von Unterberg gemeint, kommissarischer Leiter des Istituto per le Opere di Religione, kurz IOR. Enzo beschäftigte sich gedanklich viel mit dem IOR. Die Institution war dem Heiligen Stuhl 1887 von der italienischen Monarchie für den Verlust des Staatsterritoriums des Kirchenstaates zugestanden worden. Bis 1942 war nur wenigen Eingeweihten die Existenz dieser Verwaltung überhaupt bekannt gewesen. Unter anderem erfolgte bis ins Jahr 1929, vor der Unterzeichnung der Lateranverträge, die Auszahlung der Papst-Apanage durch das IOR. Böse Zungen behaupteten, dass sich Mussolini mit den Lateranverträgen, die dem Vatikan politische und territoriale Souveränität zusicherten, die Zustimmung des Papstes für ein faschistisches Italien erkauft hatte. Angeblich versüßt mit einer Zahlung im heutigen Gegenwert von 1,5 Milliarden Euro – ein äußerst lukrativer Ablasshandel für das IOR.

Heute war das IOR der Allgemeinheit als Vatikanbank bekannt und allein dem Heiligen Vater unterstellt. Er war ihr einziger Aktionär, und sie war nicht der Kontrolle italienischer Aufsichtsbehörden unterworfen. Wohl deshalb war sie als solche ständiger Gegenstand der wüstesten Spekulationen und Behauptungen. So wurde kolportiert, dass die Vatikanbank in Geldwäschegeschäfte mit der Mafia verstrickt sei, Korruption und Steuerhinterziehung fördere, Morde in Auftrag gebe und terroristische Akte finanziere. Der Vatikan, in einem Atemzug genannt mit Terrorismus! Ungeheuerlich!

 

Währenddessen war der Kardinal in seinen Instruktionen fortgefahren. Jetzt wirkte er listig. »Ich habe dem Heiligen Vater den Vorschlag gemacht, noch eine weitere Kommission ins Leben zu rufen: eine unabhängige Ethik-Kommission, die sich der Untersuchung von Missbrauchsfällen und Verschwendungssucht innerhalb des Klerus annehmen soll. Erstaunlich, wie sich alle gleich – sobald auch nur das Wort Ethik fällt – in dessen Glanz sonnen. Seine Heiligkeit hat mir stante pede den Auftrag erteilt, eine Liste geeigneter Kandidaten zu erstellen. Es sollten mindestens sechs bis acht sein. Mach dich gleich daran, Enzo. Hier«, der Kardinal kritzelte einige Namen auf einen Notizblock, »diese drei hier müssen unbedingt dabei sein, beim Rest ist Euer Kopf gefragt. Ach ja, es sollen ausschließlich weltliche Kandidaten herangezogen werden, und schon gar kein Kurienangehöriger«, fügte er wie beiläufig hinzu. Dabei war das der Clou daran – sein Meisterstück. Den Einwand des Papstes hatte er mit einem einzigen Argument widerlegt: dass die Ethik-Kommission dadurch hundertprozentig unabhängig sein würde. Vor allem schloss dieser Schachzug aus, dass ihm jemand aus dem Klerus dreinreden könnte.

Enzo starrte indes verwirrt auf die Namen. Zwei davon waren ihm bekannt. Doch der dritte Name war es, der ihm völlig unverständlich erschien, ihn beinahe entsetzte. Einmal mehr konnte er dem Gedankengang des Kardinals nicht folgen. »Eine Frau, Eminenz?«, rutschte es schneller aus ihm heraus, als ihm lieb war.

»Aber natürlich, das ist ja der Sinn einer unabhängigen Kommission, Enzo. Gemischte Ansichten. Eine Kandidatin reicht auch nicht, ich stelle mir mindestens noch eine weitere vor.« Der Kardinal lächelte und wirkte mit einem Mal sehr zufrieden. Er war wieder in seinem Element: dem Ränkeschmieden. Sein Vorschlag zur Ethik-Kommission war ein Schnellschuss gewesen, ein Befreiungsschlag als Gegengewicht zu der vom neuen Papst angeordneten Untersuchung der Geschäfte der Vatikanbank. Inzwischen trieben seine Gedanken immer mehr Blüten, da er die Möglichkeiten erfasste, die ihm seine Kommission bot.

Er würde bei der Kandidatenliste genauso vorgehen wie amerikanische Anwälte bei der Geschworenenauswahl in einem Gerichtssaal. Er würde Enzos Kandidaten noch ein paar Namen hinzufügen, alle eher untragbar, damit der Papst sie ablehnen konnte. Und dann würde er dafür Sorge tragen, dass allein seine Kandidaten zum Zuge kamen. Die Kommission würde nach seiner Pfeife tanzen, sie würde nur die Informationen erhalten, die er vorab abgesegnet hatte. Die Krönung aber war, wen er als Leiter für die Ethik-Kommission auserkoren hatte. Jemanden, den der Papst auf keinen Fall ablehnen konnte. Durch seine Wahl konnte er zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Er war ein Genie! Er drehte sich zu dem an der Wand angebrachten Kreuz um, sprach ein kurzes Gebet und dankte Gott für seine Geistesgaben.

Sein Coup entschädigte ihn ein wenig dafür, dass er erneut nicht zum Papst gewählt worden war, und das, obwohl seine Verbündeten Wort gehalten und ihm unter anderem alle Stimmen der amerikanischen Kardinäle gesichert hatten.

Trotzdem wusste er, dass es ihm vorherbestimmt war, eines Tages den Fischerring zu tragen. Seine Gedanken schweiften dreißig Jahre zurück, verharrten einmal mehr an jenem schicksalhaften Tag in Amerika, als sein Freund zu ihm sagte …

 

»Jetzt komm schon, Clemente! Diese Schamanin ist unglaublich. Du musst die Frage nur denken, und sie gibt dir darauf eine Antwort. Wenn ich es nicht selbst erlebt hätte, ich würde es nicht glauben.«

Der Angesprochene schüttelte unwillig den Kopf. »Du weißt, Tommaso, ich habe mit solchem Humbug nichts zu schaffen!«

»Papperlapapp«, erwiderte sein Freund unbeeindruckt und stellte seine Kaffeetasse ab.

Die beiden jungen Priester saßen im Frühstücksraum des Hilton Hotel Bonaventure in Montreal. Der Bischof von Chicago, dessen Delegation sie während seiner zehntägigen Kanada-Rundreise angehörten, hatte ihnen heute freigegeben. Der Bischof litt an einer Magenverstimmung.

Tommaso hatte dies respektlos mit: Der Gute hat sich schlichtweg überfressen kommentiert und sich über den freien Tag gefreut. »Humbug ist so oder so Ansichtssache«, fuhr er nun fort. »Sind wir nicht vom selben Fach? Wir wollen Leuten unseren Glauben nahebringen, ohne dafür einen direkten Beweis zu liefern. Jetzt gib dir einen Ruck, Clemente. Von hier nach Hogansburg ist es ein Katzensprung, kaum achtzig Meilen. Und die Gegend ist sehr schön. Außerdem heißt unser Hotel hier nicht von ungefähr Bonaventure, gutes Abenteuer! Das ist ein Zeichen. Also ich«, Tommaso fuhr sich mit der Serviette über den Mund und erhob sich, »werde auf alle Fälle fahren. Der Wagen ist schon bestellt.«

Clemente musterte seinen Freund und Kollegen scharf. »Dir geht es doch gar nicht um diese Wahrsagerin. Das Casino lockt dich.«

Tommaso fasste sich theatralisch ans Herz. »Getroffen! Ein Grund mehr, dass du mitkommst, Clemente. Oder willst du mich ganz allein dem Spielteufel überlassen?« Er lächelte entwaffnend.

Clemente warf seine Serviette mit einer resignierten Geste auf den Teller und stand nun auch auf. »Ehrlich, Tommaso, manchmal frage ich mich, warum du Priester geworden bist.«

»Wieso denn? Gott hat uns erschaffen, wie er alles erschaffen hat, also auch das Vergnügen. Warum sollte ein Priester nicht das Leben genießen? Ich finde sogar, es gehört zu seinen Pflichten, seiner Gemeinde ein lebenswertes Leben vorzuleben.«

»Dazu gehört aber sicher nicht, den Klingelbeutel im Casino zu verspielen.«

»Ich bin froh, dass du nicht Kollekte gesagt hast … Kommst du nun mit?«, wiederholte er seine Frage und sah seinen Freund auf eine Weise an, die selten ihre Wirkung verfehlte. Er und Clemente stammten aus demselben apulischen Dorf und waren als Nachbarskinder aufgewachsen. Von klein auf waren sie unzertrennlich gewesen, hatten alles gemeinsam unternommen. Am Tag, als Clemente verkündet hatte, dass er Priester werden wolle, war es für Tommaso selbstverständlich gewesen, seinem Freund auf dessen Lebensweg zu folgen.

Nach seiner Weihe wurde Tommaso eine Gemeinde in den Abruzzen zugeteilt, Clemente ging nach Rom. Und so hatten sich die beiden Freunde für eine Weile aus den Augen verloren.

Tommaso legte keinen übermäßigen Ehrgeiz an den Tag, ganz im Gegensatz zu seinem Jugendfreund. Clemente Finzi-Contini hatte bereits begonnen, sich in der Kirchenhierarchie nach oben zu arbeiten, und fungierte seit einem Jahr als Privatsekretär des Bischofs von Chicago, der reichsten Diözese der USA. Vor drei Monaten hatte er seine Beziehungen genutzt und Tommaso aus Santo Stefano di Sessanio zu sich nach Chicago geholt. Auch wenn Tommaso nicht den gängigen Konventionen eines Priesters entsprach, so war er doch seinem Freund gegenüber hundertprozentig loyal. Das war es, was für Clemente zählte. Wenn er sein hochgestecktes Ziel erreichen wollte, musste er sich von Beginn an mit loyalen Mitstreitern umgeben.

»Du machst schon wieder dein Karrieregesicht«, feixte Tommaso, der das Mienenspiel seines Freundes beobachtet hatte. »Vielleicht möchtest du der Schamanin eine ganz bestimmte Frage stellen, hm?«

Clemente sah Tommaso grimmig an. »Vergiss es.«

»Ach, komm schon. Ich weiß, du bist immer noch verschnupft, weil ich letzte Woche ausgebüxt bin.«

»Ja. Weil ich wegen dir den Bischof anlügen musste. Ich habe dich nicht zu mir geholt, Tommaso, damit du mir Schwierigkeiten machst.«

»Du hast doch gar nicht richtig gelogen, das war nur eine kleine Ausflucht zu aller Zufriedenheit.«

Clemente seufzte. »Du bist so glatt wie die zugefrorene Hölle. Vielleicht solltest du lieber auf Politik umsatteln.«

»Merkwürdig, und ich dachte, da wäre ich längst gelandet«, konterte er unbekümmert. »Sieh es so, Clemente. Hätte ich nicht diese kleine Fahrt unternommen, wäre ich niemals dieser unglaublichen Frau begegnet. Das war Fügung. Und wenn wir Priester nicht an Schicksal glauben, wer sonst?«

Zwei Stunden später parkte der Mietwagen der beiden Priester vor dem Akwesasne Mohawk Casino, und wiederum eine Stunde später hatte Pater Tommaso eine Audienz, wie er es nannte, bei der Schamanin erwirkt. Sie würde sie am frühen Nachmittag empfangen.

»Ich lasse dir den Vortritt«, sagte Tommaso, als es so weit war, und schob seinen weiterhin widerstrebenden Freund über die Schwelle des Blockhauses, das am Rande des Casino-Parks lag.

Unvermittelt fand sich Clemente in einem einzigen großen Raum mit bodentiefen Fenstern wieder, der so gar nicht seinen Vorstellungen der Örtlichkeit einer Wahrsagerin entsprach. Misstrauisch musterte er die Umgebung, davon überzeugt, doch noch Flitterkram, Räucherstäbchen und eine Kristallkugel zu entdecken, wenn er nur lange genug danach Ausschau hielt. Stattdessen präsentierte sich ihm der lichtdurchflutete Raum geradezu klinisch nüchtern. Seine sparsame Möblierung bestand aus einer weißen Ledercouch mit passenden Sesseln und einem Tisch, es roch angenehm nach Holz und frisch gebrühtem Kaffee. Einzig der eindrucksvolle Webteppich, der indianische Jagdszenen zeigte und die gesamte rückwärtige Wand einnahm, zeugte von der Herkunft seiner Gastgeberin.

Auch die Schamanin überraschte ihn. Sie war winzig, und ihre alterslose Erscheinung strahlte eine stille Würde aus, die ihn wider Erwarten beeindruckte, aber da war noch mehr. Clemente ertappte sich dabei, wie er den Blick nicht von ihr wenden konnte. Hypnotisierte sie ihn etwa? Tatsächlich waren ihre Augen ungewöhnlich: eines blau, das andere sienafarben. Er suchte sich ihr zu entziehen, indem er sich auf den türkisfarbenen Stein an ihrem Hals konzentrierte, doch dieser hatte dieselbe Wirkung auf ihn, als wäre der Stein das dritte Auge der Schamanin. Was geschah mit ihm? Ohne sein Zutun hob sich sein Kopf, und er begegnete erneut ihrem Blick. Ein seltsames Gefühl, ausgehend von seiner Mitte, breitete sich nun in seinem Körper aus, als würde er sich von sich selbst entfernen, transferiert werden in eine andere Welt, in der er kein Wesen aus Fleisch und Blut mehr war, sondern eine durchsichtige Hülle, seltsam substanzlos und bar jeglichen Schutzes. Er ahnte, dass die Schamanin in sein Innerstes eindrang, seine Geheimnisse aufspürte, seine Seele nach außen kehrte. Und er konnte nichts dagegen tun. Er war machtlos, ein Gefangener ihres Willens. Als sie von ihm abließ, wusste er zunächst nicht, wie er reagieren sollte, kämpfte mit einem Bündel widersprüchlicher Emotionen. Er war erbost über ihre Dreistigkeit, sich einfach seines Geistes zu bemächtigen, und gleichzeitig verärgert über sich selbst, weil er sich derart von dieser Hexe hatte übertölpeln lassen. Nur knapp entkam er dem Impuls, ihr sein Kreuz entgegenzuhalten und ein vade retro, satana! entgegenzuschmettern. Jesus Christus, er sollte hier schleunigst verschwinden! Doch wie sähe das aus? Er, Clemente Finzi-Contini, floh vor dieser Kassandra? Niemals! Er richtete sein angeknackstes Selbstbewusstsein wieder auf, indem er sich auf seine beträchtlichen Fähigkeiten besann, die ihm bereits die Tür zu Aufstieg und glänzender Karriere geöffnet hatten, rückte seinen Kragen zurecht, der ihm urplötzlich zu eng erschien, und folgte der eleganten Handbewegung seiner Gastgeberin, Platz zu nehmen. Sie schenkte ihm Kaffee ein, reichte ihm die Tasse und setzte sich ihm gegenüber. »Ich habe auf Sie gewartet«, eröffnete ihm die Frau in einem seltsam melodischen Englisch mit französischem Akzent. Dabei fixierte sie ihn weiter mit ihren markanten Augen. »Ich kenne Ihre Frage und die Antwort darauf, junger Priester. Darum frage ich Sie: Ist es Ihr freier Wille, sie zu hören? Hier und heute? Das Schicksal ist ein launisches Element, es ist weder männlich noch weiblich, es ist, und doch ist uns Seelen vom Moment der Zeugung an alles vorherbestimmt. Sein Schicksal zu kennen bedeutet nicht, es zu lenken. Der Stern folgt stets seinem eigenen Weg. Manchmal ist es besser, nicht zu wissen, wohin er uns führt.«

Nicht nur ihre Augen waren ungewöhnlich, stellte Clemente fest, sondern auch ihre Stimme. Sie war wie geschaffen, um die Sinne zu streicheln. Oder um die Hölle zu verheißen. Sein Unbehagen in Gegenwart dieser Frau wuchs. Er hätte sich nicht von Tommaso überreden lassen sollen! Eigentlich war er nur hierhergekommen, um seinem Freund zu beweisen, dass seine Begeisterung für die angeblichen Fähigkeiten dieser Kassandra Nonsens war, sein Freund schlichtweg Hokuspokus aufgesessen war. Er hatte das Weib entlarven wollen und sich vorgestellt, seine Kräfte mit den ihren zu messen, überzeugt davon, dass sein Wille stark genug sei. Und war eines Besseren belehrt worden, wusste, dass er die brennende Frage seines Lebens – die eine Frage, die ihn umtrieb, seit er zum ersten Mal das Priesterseminar betreten hatte – nicht vor ihr verbergen konnte. Er nickte ihr wie unter Zwang zu.

Und die Schamanin antwortete. Ihre Worte fügten sich wie zu einer kleinen Melodie zusammen, und es war jene Harmonie, die sich Clemente zu hören erhofft hatte. Eine Antwort, die ihm sein großes Schicksal verhieß – das Lied von Macht und Einfluss.

 

Der forschende Blick seines Sekretärs holte den Kardinal in die Gegenwart zurück. Er genehmigte sich noch einen Grappa, und während er ihn trank, ließ er sich ihre Worte noch ein wenig auf der Zunge zergehen, kostete ihre Essenz, wie er den Alkohol genoss. Die Frau hatte ihm im Grunde nur das bestätigt, was er selbst längst gewusst hatte – nicht dass er viel auf ihr Wort geben würde. Doch sein Tag würde kommen, etwas würde geschehen.

Mit Spannung wartete er daher darauf, was die Vorsehung für Lorenzo, den neuen spanischen Papst, bereithielt.

 

Am übernächsten Morgen verkündete ihm Enzo mit kaum verhohlenem Triumph in der Stimme, dass Saul Kaschinski auf freiem Fuß sei und bereits mit einem sicheren Mobiltelefon ausgestattet worden war. Er übergab dem Kardinal die Nummer.

Sobald der Sekretär sein Büro verlassen hatte, nahm der Kardinal einen Schlüssel von der Kette um seinen Hals und sperrte seine Schreibtischschublade auf. Darin lag sein geheimes, abhörsicheres Handy. Selbst Enzo musste nicht alles wissen. Er wählte die Nummer. »Ich bin es. Nein, danken Sie mir nicht. Sie bekommen noch eine letzte Chance, sich zu bewähren. Ihr Auftrag lautet: Finden Sie einen Mann namens Massimo Trapano. Er ist seit jeher das technische Genie hinter der Holländerin. Er ist genauso fanatisch wie dieses gottverdammte Weib und hält sich irgendwo versteckt! Ich übermittele Ihnen gleich die wenigen mir bekannten Daten zu Trapano. Wenn Sie ihn gefunden haben, holen Sie alles aus dem Mann heraus, was er über die Dokumente weiß, die er und van Kampen meiner Kirche gestohlen haben. Anschließend liquidieren Sie Trapano und stecken sein Labor in Brand. Es soll nichts von ihm übrig bleiben als graue Asche. Verstanden?« Er sandte die vorbereiteten Daten ab, dachte kurz nach und tätigte noch einen Anruf. Zeit, sich wieder um diesen Lukas von Stetten zu kümmern.

Er gab seine Instruktionen durch, legte auf und lehnte sich zurück. Gleich hatte er noch einen Termin, aber danach würde er sich ein gutes Essen in seiner Lieblingstrattoria auf der Piazza del Popolo gönnen. Er hatte einen Bärenhunger. Intrigen machten ihn immer hungrig.

 

 

Kapitel 2

 

Nürnberg/Deutschland – zwei Monate später

»Unfassbar, dieser Sumpf.« Lukas raschelte mit der Nürnberger Zeitung, hinter der er seit einer Viertelstunde verschwunden war.

Magali seufzte vernehmlich, entwand Matti das offene Glas Nusscreme und schraubte es zu. Auf dem Brot ihres Sohnes türmte sich bereits ein bedenklicher Berg davon, von seinen Fingern und dem Gesicht ganz zu schweigen. Doch ihr Seufzer galt nicht Matti, sondern ihrem Mann. Seit drei Tagen kannte er kein anderes Thema; sie hoffte, dass wenigstens heute der Kelch an ihr vorübergehen und ihr ein neuerlicher Vortrag erspart bliebe. Vergeblich.

»Ich begreife nicht, wie das derart eskalieren konnte«, klang es erbost hinter der Doppelseite hervor. »Das Laimburger Bistum ist doch kein Hasenzuchtverein! Wenn der dortige Bischof Millionen verpulvert, um sich ein Luxusdomizil samt Privatkapelle hinzustellen, das noch dazu jeder Spaziergänger in jeder Bauphase begutachten kann, muss das doch irgendjemandem früher aufgefallen sein! Das ist gelebter Feudalismus. Bischof Titus von Elsterich schadet der Kirche ungemein. Was sage ich, das gesamte Ansehen der Kirche steht durch ihn auf dem Spiel«, ereiferte sich Lukas weiter. »Der neue Papst sollte hart durchgreifen und den Mann so schnell wie möglich von seinen Ämtern entbinden. Alles andere wäre nicht glaubhaft. Weißt du, was ich denke? Da steckt mehr dahinter. Der Bischof war das nicht allein. Er wurde gedeckt, wahrscheinlich sogar vom dortigen Kirchenrat.«

Magali ergab sich in ihr Schicksal. »Vermutlich hast du damit deine Erklärung.« Dann fiel ihr noch etwas ein. »Hieß es nicht in den Nachrichten, dass dieser Bischof unlängst nach Rom gereist wäre, um mit dem Papst zu sprechen?«

»Das ist es ja, was ich meine! Bischof von Elsterich sitzt dort seit Tagen fest und wartet auf eine Audienz beim Heiligen Vater. Bei allem Respekt für dessen Amtsgeschäfte, aber das dauert zu lange und schafft der Presse Raum für Spekulationen.« Endlich ließ Lukas die Zeitung sinken und nahm einen Schluck aus seiner Tasse. Er verzog das Gesicht. Sein Kaffee war längst kalt geworden.

Magali unterdrückte den Impuls, ihm frischen nachzuschenken, obwohl die Thermoskanne direkt neben ihr stand. Schließlich vernachlässigte er das gemeinsame Frühstück seit einer geraumen Weile. Sie verstand zwar, dass es ihm wichtig war und er sich zu Recht darüber aufregte, wie einfach es diesem Bischof möglich gewesen war, Kirchengelder zu verschwenden. Aber sie fand auch, dass es irgendwann einmal genug sein musste. Schließlich war Lukas kein Jesuit mehr, die katholische Kirche nicht mehr sein Arbeitgeber, und ihrer Meinung nach sollte er langsam mehr Abstand zu deren Angelegenheiten bekommen.

»Findest du nicht, dass du dich zu sehr in die Sache hineinsteigerst?«, sagte sie nun doch, während sie Matti erneut das Glas Nusscreme wegnahm und es aus seiner Reichweite schob. Der Junge zog eine Schnute und murmelte: »Menno.«

»Wieso denn? Das ist ein unfassbarer Skandal und …«

»Ich wünschte«, fiel ihm Magali ins Wort, »die Öffentlichkeit hätte sich genauso laut, breit und lange echauffiert, als die Missbrauchsfälle durch den Klerus bekannt wurden. Mir kommt es so vor, als würde sich jeder nur noch für diesen verschwenderischen Bischof interessieren – als wäre Geld wichtiger als die armen Kinder.« Magali sagte dies schärfer als beabsichtigt. Sie war zwar erst im vierten Monat, doch die Hitze der letzten Tage hatte ihr zugesetzt. Ihre Beine waren geschwollen, und sie fühlte sich erschöpft. Lukas sah sie überrascht an. »Was ist los, Magali? Geht es dir nicht gut? Ist etwas mit dir oder dem Baby?«, reagierte er besorgt auf ihren ungewohnt gereizten Ton.

»Alles gut, ich würde nur gerne wieder einmal mit meinem Mann frühstücken und nicht mit einer Zeitung. Ich vermisse unsere Morgengespräche.« Magali lächelte schief. Sie war sich selbst unangenehm, wenn sie angespannt war.

»Du hast recht, entschuldige. Ich bin kein guter Ehemann«, sagte Lukas angemessen zerknirscht. »Ich werde mich künftig im Stillen aufregen und die Zeitung nach dem Frühstück lesen. Bekomme ich jetzt frischen Kaffee?«

Magali lächelte. Ertappt. Sie griff nach der Kanne und schenkte ihm nach.

»Worüber möchtest du reden?«, fragte Lukas, nachdem er einen Schluck genommen und sich bequem im Korbstuhl zurückgelehnt hatte. Es war ein herrlicher Morgen, und sie genossen ihr Frühstück auf der Terrasse. Obwohl es erst kurz nach sieben Uhr war, besaß die Sonne schon viel Kraft.

»Zum Beispiel, wie es mit dem Angebot deines Vaters steht?«

»Ah, ich verstehe. Der Vorsitz der Stiftung.« Lukas rollte mit den Augen. »Hat Mutter dich deswegen wieder geplagt?« Er war am Abend erst spät von einer Lehrerkonferenz heimgekehrt, und Magali hatte bereits geschlafen.

»Ja, sie rief gestern Nachmittag an. Sie versucht weiter, mich als Verbündete zu gewinnen. Die üblichen Argumente, dein Vater wäre zweiundsiebzig und sollte endlich anfangen kürzerzutreten. Darüber hinaus versteift sie sich in letzter Zeit immer mehr darauf, dass du als Lehrer nicht deine vollen Möglichkeiten ausschöpfst.«

»Also die alte Leier.«

»Genau.«

Lukas schüttelte den Kopf. »Ich frage mich noch immer, wie sie es geschafft hat, Vater so weit zu bringen, tatsächlich abtreten zu wollen und mir auch noch seine Position anzubieten.«

»Ich würde sagen, mit steter Hartnäckigkeit? Dieselbe Methode, die sie immer anwendet? Irgendwann wird man so davon zermürbt, dass Nachgeben das kleinere Übel ist.«

Lukas schmunzelte. »Ist wirklich alles mit dir in Ordnung? Plagen dich etwa Schwangerschaftshormone? So spitzzüngig kenne ich dich gar nicht.«

»Nur eine Feststellung. Außerdem kennst du ihre Art besser als ich. Sie ist deine Mutter. Und sie ist wirklich unanständig hartnäckig, wenn sie etwas erreichen will. Immer wenn das Telefon in letzter Zeit klingelt, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit sie am anderen Ende. Du weißt, ich mag sie und wir verstehen uns prima, aber inzwischen graut mir fast davor, an den Apparat zu gehen.« Als hätte sie es heraufbeschworen, klingelte das Telefon. Lukas und Magali sahen sich in stillem Einverständnis an. Keiner der beiden rührte sich. Niemand rief sie um diese Uhrzeit an, außer Evelyn von Stetten …

»Ich gehe schon!«, rief Matti eifrig, sprang auf und rannte davon, gefolgt von den drei Hunden des Haushalts, die ihn selten aus den Augen ließen.

»Von Stetten«, rief er atemlos in den Hörer. So meldete sich sein Vater immer.

Die Person am anderen Ende stutzte kurz ob der jungen Stimme. »Äh, mit wem spreche ich, bitte?«

»Na, mit mir! Wissen Sie denn nicht, wen Sie angerufen haben?«, wunderte sich Matti.

»Doch, ich …«

»Und wer sind Sieeee?«, fragte Matti gedehnt.

»Mein Name ist Pater Anton Gänserich, und ich rufe aus Rom an …«

»Ah, Sie sind das. Der Gänserich. Tiere vom Bauernhof haben wir neulich in der Schule durchgenommen.«

»Wie bitte?« Bevor der Mann weitersprechen konnte, meinte Matti eifrig: »Sie wollen sicher meinen Papa sprechen. Papaaaa …«, brüllte er los, sodass der Mann am anderen Ende des Hörers zusammenzuckte. »Es ist für dich!«

»Wer ist denn dran?«, rief Lukas fast genauso laut von der Terrasse zurück.

»Eine männliche Gaaaans!«

 

Zehn Minuten später legte Lukas den Hörer auf. Er fand Magali in der Küche beim Ausräumen der Geschirrspülmaschine. Er wirkte fassungslos. Magali sah es sofort. »Ist etwas passiert? Wer war das?«

»Das war der Präfekt des Päpstlichen Hauses und gleichzeitig auch Privatsekretär des Papstes, Kurienbischof Gänserich.«

»Und was wollte er von dir?«

»Er hat mir angeboten, den Vorsitz einer unabhängigen Ethik-Kommission zu übernehmen, die diverse Vergehen des Klerus untersuchen soll. Ziel ist es, das Ansehen und die Glaubwürdigkeit der Staatskirche in der Öffentlichkeit wiederherzustellen.«

Magali fühlte eine leichte Schwäche. Für sie stand sofort fest, was dies bedeutete: Die Kirche streckte erneut ihre gierigen Finger nach Lukas aus! Nach außen hin wirkte sie ruhig, aber innerlich zitterte sie. Vorsichtshalber stellte sie den Stapel Teller auf der Anrichte ab. Sie sah ihren Mann prüfend an, erkannte, wie es in ihm arbeitete, dachte an seine Bemerkungen zur Affäre von Elsterich und verkündete: »Du solltest es deinen Eltern sagen.«

»Was meinst du?«

»Dass du dieses Angebot annehmen wirst, Lukas. Ich sehe es dir an. Einmal Jesuit, immer Jesuit. Deine Kirche ruft dich, sie braucht dich. Damit ist der Vorschlag deines Vaters vom Tisch. Das meine ich.« Magali wandte sich von ihm ab. Tränen schossen ihr in die Augen. Was war nur heute mit ihr los? So kannte sie sich selbst nicht. Doch wenn sie ehrlich war, hatte sie bereits länger eine dunkle Ahnung, dass sich neuerliches Unheil über ihr zusammenbraute – genau genommen seit dem Tag vor zwei Wochen, als der Bote ihr das Kuvert des Schweizer Notars mit dem Schließfachschlüssel ihrer Mutter überbracht hatte. Sie hatte in einem ersten Impuls sofort Lukas angerufen, bei seinem späteren Eintreffen jedoch behauptet, den kleinen Schlüssel im Affekt die Toilette hinabgespült zu haben.

Sie hatte es auch wirklich vorgehabt, aber im letzten Moment war sie vor dieser endgültigen und vielleicht vorschnellen Entscheidung zurückgeschreckt. Stattdessen hatte sie den Schlüssel im Gartenhaus versteckt. Es war diese Lüge, die sie beschäftigte und zermürbte. Sie stand zwischen ihr und Lukas, und ganz offensichtlich ließ sie ihr schlechtes Gewissen nun an ihm aus. Sie war ungerecht.

Lukas war mit zwei Schritten bei ihr, drehte sie zu sich herum, sah ihre Tränen und zog sie fest in seine Arme. »Mein armer Schatz, was stellst du dir denn vor? Dass ich wieder in den Orden eintrete? Sicher nicht. Ich war Jesuit, ja, aber jetzt bin ich Vater und Ehemann. Wenn du mich so gut kennst, wie du sagst, dann müsstest du wissen, dass meine Familie das Wichtigste für mich ist. Niemals würde ich eine solch weitreichende Entscheidung ohne dein Einverständnis treffen.« Lukas streichelte ihren Rücken. »Es ist das Baby, oder? Lucie hat mich gewarnt, dass dich Hormone plagen. Gar nichts ist entschieden, hörst du? Außerdem weiß ich selbst viel zu wenig über die Angelegenheit. Bischof Gänserich schickt mir die Projektunterlagen heute noch per Boten. Lass uns am Abend darüber sprechen. In Ordnung?« Magali nickte. Lukas warf einen Blick auf seine Armbanduhr. »Es wird spät. Ich muss zum Unterricht.« Er küsste sie und ging.

 

Hormone! Magalis irrationale Wut drängte erneut an die Oberfläche. Es waren weder die Hormone noch die Hitze, die ihr einen Streich spielten, doch sie ließ Lukas lieber in dem Glauben.

Sie fuhr sich sachte über die leichte Wölbung ihres Bauches. Unwillkürlich drängte sich in ihr Gedächtnis, wie sie nach Lukas’ Heiratsantrag tagelang mit sich gehadert hatte. Obgleich sie ihn liebte, hatte sie lange gezögert. Ohne Frage war Lukas dabei schonungslos ehrlich zu ihr gewesen und hatte keinen Hehl daraus gemacht, dass es ihm in erster Linie darum ging, dass sein Sohn Matti in geordneten Verhältnissen aufwuchs – und das bedeutete für ihn und sein konservatives Weltbild: mit beiden Eltern.

Seine Vatergefühle in Ehren, aber welche Frau wollte nicht wiedergeliebt werden? In den letzten beiden Jahren hatte sich Magali so manches Mal gefragt, ob sie sich nicht selbst belogen, sich nicht alles schöngeredet hatte. Wie viel unerwiderte Liebe ertrug ein Mensch? War es ein Fehler gewesen, Ja zu sagen, in dem Wissen, dass ihre Gefühle für Lukas eben nicht so abgeklärt waren wie die seinen? Letztendlich hatte Matti den Ausschlag gegeben. Wie jeder Junge hatte er sich nach einem Vater gesehnt und Lukas vom ersten Tag an vergöttert. Es war für sie wunderbar gewesen, ihren kleinen Sohn so glücklich zu sehen. Hatte sie das Recht, ihm ein Leben mit seinem Vater vorzuenthalten, nur um sich selbst zu schützen?

Seitdem hatte sie sich an den Gedanken geklammert, dass sie Lukas noch immer verlassen konnte, bevor sie an ihrer unerwiderten Liebe zerbrach – sobald Matti groß genug wäre, um auf eigenen Füßen zu stehen. Stattdessen hatte das launische Schicksal eine Unpässlichkeit ausgenutzt und sie ungewollt zum zweiten Mal schwanger werden lassen. Und Lukas ließ keine Gelegenheit aus, um ihr zu zeigen, wie sehr er sich auf sein zweites Kind freute.

Sie hörte Matti auf seine unnachahmliche Art die Treppe herabrumpeln, gleich darauf stürmte ihr Sohn in die Küche. Sein Ungestüm riss sie aus ihren trüben Grübeleien. Sie wischte sich kurz über die Augen, sammelte sich und drehte sich mit einem Lächeln zu ihm um. »Na, du kleiner Krawaller? Hast du deinen Rucksack gepackt? Alle Bücher für heute dabei?«

»Klaro, Mami.«

»Gut«, sie reichte ihm eine blaue Plastikdose, »hier ist dein Pausenbrot, steck es ein. Aber diesmal isst du auch deinen Apfel auf und bringst ihn nicht wieder mit nach Hause, hörst du?«

»Klaro, Mami.« Matti grinste quer über das Gesicht.

»Ich kenne dich, junger Mann. Ich sagte aufessen, nicht irgendwo wegwerfen. Woanders …«

»Ja, ja, Mami«, unterbrach Matti sie altklug, »woanders verhungern die Kinder. Ich weiß. Tschüüüüüss.« Er stob davon, gefolgt von der bellenden Dreierbande. Gleich darauf fiel die Haustür ins Schloss. Die Hunde trotteten in die Küche zurück und bauten sich wie Orgelpfeifen vor Magali auf. Eine stumme dreifache Aufforderung.

Magali sah sie an, die beiden Shih Tzus und den jungen Golden Retriever, den ihre Mutter ihrem Enkelsohn in Barcelona geschenkt und den Matti Pepe getauft hatte. Pepe war schon wieder gewachsen. Magali seufzte. Auch Matti wurde viel zu schnell groß.

»Na, ihr Rabauken? Wir gehen gleich spazieren.« Drei Ruten wedelten. »Aber ich muss vorher noch telefonieren.«

Wie an jedem Morgen und Abend wählte sie die eingespeicherte Nummer des Untersuchungsgefängnisses in Barcelona. So oft es die spanischen Behörden erlaubten, sprach sie mit Consulea. Heute hatte sie kein Glück. Sie hatte für ihre Ziehmutter die teuerste Anwaltskanzlei Spaniens engagiert und sie inzwischen zweimal besuchen dürfen. Im September begann der Prozess. Sie würde alles dafür tun, um Consuela so schnell wie möglich aus dem Gefängnis zu holen.

Kurz darauf verließ sie mit den drei Hunden das Haus. Es fiel ihr nicht auf, dass sie dabei beobachtet wurde.

»Die Akte Rosenthal« - Teil 2 der »Seelenfischer«-Reihe

TANGER: Mitten in der Nacht wird eine junge Frau aus ihrer Wohnung verschleppt. Die Täter nehmen auch ihre persönliche Habe mit. Zurück bleiben einige schäbige Möbel und ihre Katze.

NÜRNBERG: Lukas und Lucie von Stetten wie auch ihrem Freund Jules Lafitte ist nach den folgenschweren Ereignissen in Rom nur eine kurze Atempause vergönnt. Schon geraten sie in das nächste Abenteuer. Lukas' Sohn Matti wird entführt. Unvermittelt findet sich der junge Vater inmitten einer Verschwörung wieder, die bis in höchste Regierungskreise reicht.

Die Entführer verlangen kein Lösegeld, sondern eine andere Gegenleistung von Lukas. Angeblich besitzt er eine Akte, die ihm die Journalistin Rabea kurz vor ihrem Tod überlassen hat - eine Akte, deren Inhalt so brisant ist, dass sie die amerikanische Regierung stürzen kann. Jedoch, Lukas weiß nichts über diese Akte.

Vom Geheimdienst wie auch einem Wirtschaftssyndikat gejagt, deren Interessen durch die Akte ebenfalls in Gefahr sind, versucht Lukas verzweifelt, eine Lösung zu finden. Dabei will er nur eines: Sein Kind aus den Händen der Entführer retten! Doch es kommt noch schlimmer für ihn: Auch Magali, Mattis Mutter, scheint ein doppeltes Spiel mit ihm zu treiben. Und noch jemand, mit dem niemand gerechnet hat, taucht plötzlich wieder auf und mischt sich in das Geschehen ein. Sehr bald muss Lukas erkennen, dass nichts so ist, wie es scheint ...

Blick ins Buch
Die Akte Rosenthal – Teil 1Die Akte Rosenthal – Teil 1

Thriller

Lukas von Stetten hat den Jesuitenorden verlassen und beginnt mit Frau und Kind ein neues Leben in Nürnberg. Doch seine dramatische Vergangenheit holt ihn bald ein. Sein Sohn wird entführt. Statt Lösegeld verlangen die Entführer Geheimdokumente, die Lukas in Rom anvertraut worden waren und die er längst nicht mehr besitzt. Verzweifelt sucht er nach einer Lösung. Eine erste Spur führt ihn nach Barcelona. Dort trifft Lukas unvermittelt seine Erzfeindin wieder und entdeckt, dass auch seine Frau ein doppeltes Spiel treibt. Dabei will Lukas nur eines: seinen kleinen Sohn retten …
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Prolog

Zwischen Euphrat und Tigris

Der Mann saß gerade in der Maske des Fernsehsenders CBS, als sein Smartphone klingelte. Ein Umhang schützte seinen Anzug, während eine junge Maskenbildnerin sein Gesicht mit einem Pinsel bearbeitete. Als sie sich über ihn beugte, streifte ihr Busen seinen Oberarm. Er genoss den Duft ihrer Jugend, erahnte die strammen Konturen ihrer Brüste unter dem Kittel.

Doch diese Frau war für ihn tabu. Sie arbeitete hier, und er war heute eingeladen, um als Kandidat für den Posten als Gouverneur von Virginia ein Interview zu geben.

Er lächelte ihr entschuldigend zu, während er sein Smartphone aus der Tasche zog. Das Display zeigte den Anrufer. Er war sechs Zeitzonen entfernt. »Ja?«, meldete er sich.

»Wir haben ein Problem. Hier stellt jemand Fragen und schnüffelt herum.«

Der Kandidat unterdrückte einen Fluch. Ausgerechnet jetzt, wo sich alles so gut entwickelte! Doch er hatte sich wie stets unter Kontrolle. Ruhig und geschäftsmäßig antwortete er dem Anrufer: »Bleiben Sie an der Sache dran. Ich melde mich in einer Stunde zurück.«

Am folgenden Morgen rollten mehrere dunkle Limousinen in kurzen Abständen die Auffahrt eines Anwesens im Außenbezirk von Fredericksburg, Virginia hoch. Dort verschwanden sie sofort in der Tiefgarage. Zwei der Teilnehmer der geheimen Zusammenkunft nutzten den Hubschrauberlandeplatz im Park des Anwesens. Mit seiner von weißen Säulen gestützten Veranda wirkte das Haus wie eine verträumte Südstaatenvilla vor dem Bürgerkrieg. Dabei war es erst vor zwei Jahren fertiggestellt worden.

Die Ankömmlinge wurden umgehend in den abhörsicheren Konferenzraum geleitet. Dort erwartete sie der Hausherr. Schweigend formierten sie sich um den Tisch aus polierter Eiche. Gespannte Erwartung lag in der Luft. Jeder der Teilnehmer lebte in einer Welt, in der man alles kaufen konnte – alles außer Zeit. Jede Minute, die in diesem Raum verstrich, hinterließ ein Machtvakuum, waren ihre Dow Jones, DAX, RTS und Nikkei-Imperien ohne Herrscher.

Bei den sieben Personen handelte es sich um eine elitäre Truppe, das Who-is-who der Wirtschaft und der Rüstungsindustrie. Diese sieben betrachteten sich selbst als die inoffiziellen Herrscher der Welt, sie kontrollierten den globalen Börsenhandel, die Warenströme, die modernen Medien. Sie entschieden über Erfolg oder Misserfolg einer Regierung, berieten über Krieg und Frieden, waren Herren über Leben und Tod.

Als sich alle gegenseitig begrüßt hatten und jeder an seinem angestammten Platz saß, richtete der Medienmogul das Wort an den Hausherrn, der sie zu dem Treffen gebeten hatte. »Und, Donald, was ist der Anlass? Warum mussten wir unbedingt heute und persönlich hierherkommen?«

Der Angesprochene kam gleich auf den Punkt. »Lotta«, er nickte dem einzigen weiblichen Teilnehmer zu, »und Freunde, ich erhielt gestern einen Anruf. Es ist ein Problem aufgetreten«, erklärte Donald, der einer der mächtigsten Dynastien Amerikas entsprang, die bereits einen Präsidenten und einen Vizepräsidenten gestellt hatte.

»Hat sich die Arabische Liga erneut verbündet und rationiert das Öl?«, fragte eine hart klingende Stimme. Sie gehörte einem Asiaten.

»Nein«, erwiderte der Hausherr. In der dunklen Holztäfelung hatte sich geräuschlos die schwere Tür geöffnet. »Hier kommt der Mann, der mehr darüber weiß. Senator Whitewolf«, begrüßte er ihn, »berichten Sie.«

Whitewolf nickte allen Anwesenden zu. Dann sprach er das aus, was jeder Einzelne der Anwesenden seit dem Eintreffen der dringenden Nachricht unbewusst befürchtet hatte. »Ich bin hier, um Ihnen mitzuteilen, dass die Operation Zwei Flüsse unser Einschreiten erfordert.«

 

Kapitel 1

Tanger, Marokko

Ein ungewohntes Geräusch schreckte sie aus dem Schlaf. Es klang wie ein hohes Zischen, gleich neben ihrem Ohr. Zunächst konnte sie es nicht einordnen. Nach einigen Sekunden fiel es ihr ein. Die kleine Katze! Sie hatte sie gestern aus einem Mülleimer im Hinterhof gerettet, und nun hatte das kleine Knäuel bereits ihr Kopfkissen erobert. Sie tastete nach ihm, um es zu beruhigen. Das Tierchen kauerte zitternd neben ihr.

»Was hast du denn? Hörst du Mäuse?« Mäuse waren eine ewig währende Plage in der Mietskaserne am Randbezirk Tangers. Sie zog das Kätzchen zu sich heran und versuchte, es mit Streicheln zu beruhigen, als sie plötzlich begriff, was das Tier so erschreckt hatte: Auch sie konnte jetzt die fremde Präsenz im Raum spüren. Sie verharrte stocksteif und lauschte angestrengt in die pechschwarze Finsternis. Die einzige Lichtquelle war die Digitalanzeige ihres Radioweckers. Sie zeigte 03:38 Uhr. Einbrecher?, fragte sie sich. Erst kürzlich waren die Nachbarn unter ihr ausgeraubt worden.

Sie tastete nach ihrer Pistole auf dem Nachttisch, die dort ihren festen Platz hatte. Bemüht, sich nicht durch das leiseste Geräusch zu verraten, schloss sich ihre Hand um den Griff. Danach rollte sie sich so behutsam wie möglich vom Bett, trotzdem konnte sie nicht verhindern, dass die Matratze knarzte. In die Ecke zwischen Bett und Wand gekauert, wartete sie. Die Katze fauchte und zischte weiter.

Sie spürte eine Bewegung wie einen leichten Windhauch. Wo? Plötzlich flammte eine Taschenlampe auf. Direkt vor ihr entdeckte sie einen schwarz gekleideten Mann mit einer futuristischen Apparatur auf dem Kopf. Der merkwürdige Anblick irritierte sie kurz, und bevor sie einen Schuss abgeben konnte, hatte ihr der Eindringling die Waffe entrissen. Er warf sich auf sie, drückte sie mit eiserner Hand nieder, und im nächsten Moment spürte sie den Einstich einer Nadel an ihrem Hals.

Ihr letzter klarer Gedanke, bevor sie das Bewusstsein verlor, war, dass der Mann ein Nachtsichtgerät getragen hatte.

 

Kapitel 2

Nürnberg, Deutschland

Es war der erste richtig schöne Tag im Mai. Endlich hatte der Frühling sein Versprechen erfüllt und komponierte eine Symphonie der Farben und Klänge. Der Himmel leuchtete in einem Blau, wie nur der Frühling es hervorbrachte, das Gras war von einer Frische, die die Sinne berauschte, und in das fröhliche Konzert der Vögel mischte sich das Summen emsiger Bienen.

In Scharen zog es die Sonnenhungrigen an diesem Sonntag in den Nürnberger Stadtpark vor dem Laufer Tor.

Auch Lukas von Stetten und seine Familie hatten sich daruntergemischt. Er hatte sich fest vorgenommen, wenigstens heute nicht daran zu denken, dass erst vor drei Tagen Frau Gabler, die jahrzehntelang die Haushälterin seiner Familie gewesen war, tot in der Villa seiner Eltern aufgefunden worden war. Laut Polizei hatte sie Einbrecher überrascht und es sogar noch geschafft, den Alarm auszulösen. Die Einbrecher mussten daraufhin überstürzt geflüchtet sein – denn weder war die Villa durchwühlt worden, noch schien etwas zu fehlen.

Frau Gabler selbst hatte keine äußerlichen Verletzungen gehabt – bis auf das, dass sie tot war. Herzinfarkt, hatte der Arzt gesagt, ein Sekundentod, und sie habe nicht gelitten.

Bewaffnet mit Decke und Picknickkorb hatte Lukas mit Frau und Sohn einen geschützten Platz am Rande einer kleinen Baumgruppe bezogen. Während die junge Ehefrau Hähnchen, Kartoffelsalat und fränkischen Apfelkuchen hervorzauberte, tobte sich Lukas mit seinem Sohn beim Fußballspielen aus. Nach dem Essen lag er faul im Gras, genoss die warmen Sonnenstrahlen auf seinem Gesicht und gab sich friedlichen Tagträumen hin. In der Ferne war leises Klingeln einer Glocke zu hören. Der Eiswagen machte seine Runde.

»Papa, spielen wir weiter Fußball?«

So viel zum Frieden … Lukas seufzte hörbar. Die zehn Minuten Pause nach dem Essen wurden seinem knapp achtjährigen Energiebündel von Sohn bereits zu lang.

»Lass deinen Vater noch ein wenig ausruhen, Matti«, sprang seine Frau Magali für ihn in die Bresche.

»Dann kriege ich ein Eis«, folgte es prompt.

»Erstens heißt das bitte, und zweitens hast du gerade erst ein großes Stück Apfelkuchen verdrückt«, entgegnete seine Mutter streng.

»Och bitte, Papa«, quengelte Matti weiter, ohne im Geringsten etwas auf den Einwand seiner Mutter zu geben. Wenn es um Eis ging, war sein Vater allemal leichter zu bezwingen.

Tatsächlich hatte Lukas an der Idee nichts auszusetzen – nicht weniger als sein Sohn war er Eiscreme verfallen. Er öffnete die Augen und sah bittend zu seiner Frau auf.

Von zwei Paar himmelblauer Augen fixiert, gab Magali ihren Widerstand auf. »Na gut, ihr Schleckermäuler. Aber nur eine Kugel.«

»Dann nehme ich Schokolade«, rief Matti eifrig und sprang auf.

»Wir sind gleich wieder da.« Lukas zwinkerte seinem Sohn zu, der sich bereits an seine Hand gehängt hatte.

»Von wegen, ihr Schlaumeier«, hielt Magali sie zurück. Sie kannte ihre beiden Männer zur Genüge. »Matti bleibt schön brav hier. Sonst kaufst du ihm wieder drei Kugeln, nur damit du dir selbst auch drei genehmigen kannst.«

Lukas’ beredtes Gesicht zeigte ihr, dass sie ihren Mann vor der frischen Tat ertappt hatte.

»Och, Mami«, nörgelte Matti, setzte sich aber wieder hin und schnappte sich mit beleidigter Miene eines seiner Comichefte. Immerhin wusste er, wann er gegen die höchste Familieninstanz verloren hatte.

Lukas zuckte bedauernd mit den Schultern und sah sich nach dem Eiswagen mit seiner rot-weißen Markise um. Er parkte in mindestens hundertzwanzig Metern Entfernung. Bis er dort angelangt war, hatte sich bereits eine beachtliche Schlange davor gebildet.

»Grüß Sie Gott, Herr von Stetten. Was für ein wunderbarer Tag. Sind Sie auch mit Ihrer Familie da?«, wurde er von dem Vater einer seiner Schüler begrüßt. Seit seinem Austritt aus dem Jesuitenorden arbeitete Lukas als Lehrer für Geschichte und Ethik am Melanchthon-Gymnasium in Nürnberg.

»Ja, mit Frau und Sohn. Haben Sie Lust, später mit uns Fußball zu spielen? Wir sind dort hinten.« Er wandte sich halb um, um ihm die Richtung anzuzeigen. Aber ein Reinigungswagen der Städtischen Abfallwirtschaft hatte vor ihrem Platz haltgemacht und versperrte ihm die Sicht auf seine Familie.

»Gerne, wir sehen uns dann nachher. Ich bringe meine beiden Söhne und deren Freund mit.«

»Prima, dann können wir drei gegen drei spielen«, freute sich Lukas und war an der Reihe, zu bestellen.

Mit zwei Eistüten in der Hand trat er den Rückweg an. Der Reinigungswagen kam ihm auf halbem Weg entgegen, und Lukas trat zur Seite, um ihn passieren zu lassen. Da erst bemerkte er, dass weit und breit weder Magali noch Matti zu sehen waren. Der Picknickkorb, Magalis Strickjacke, die Tupperschüssel mit dem Kuchen, alles war vorhanden, sogar Mattis Spiderman-Heft lag noch aufgeschlagen auf der Decke.

Lukas vermutete, dass die beiden zu der öffentlichen Toilette gegangen waren. Es musste wohl sehr dringend gewesen sein, wenn Matti nicht auf sein Eis hatte warten können. Da das Schokoladeneis bereits zu schmelzen begann, beschloss Lukas, den beiden entgegenzugehen.

Er erreichte die Anlage, ohne dass ihm Frau und Sohn auf seinem Weg begegnet wären. Dafür traf er unterwegs drei seiner Schülerinnen. Die Teenager trugen die übliche Uniform ihrer Generation: tief auf der Hüfte sitzende Jeans, bei deren Anblick man sich unwillkürlich fragte, wie sie der Schwerkraft trotzten, dazu bauchfreie Tops, die die Aufmerksamkeit auf fantasievoll gepiercte Bauchnabel lenken sollten. Lukas war dafür nicht anfällig.

Die Mädchen kicherten, als sie ihren gut aussehenden Lehrer erblickten. Die geheimnisvolle Aura, die Lukas als ehemaligen Priester umgab, spielte sicherlich keine unwesentliche Rolle in ihren Tagträumen. Lukas indessen, der sich selbst nie Gedanken über sein Aussehen oder die verheerende Wirkung machte, die seine blauen Augen unter den Mädchen seiner Schule hervorriefen, hastete an ihnen vorbei, ohne sie richtig wahrzunehmen.

Enttäuscht sahen ihm die Teenager nach. Noch nicht einmal ihren Gruß hatte er erwidert! Dabei war er doch sonst immer so höflich … Wenigstens sorgte diese Begegnung für die nächsten zwei Stunden für ausreichend Gesprächsstoff unter den dreien.

Lukas hatte die öffentliche Toilettenanlage erreicht. Suchend sah er sich um. Inzwischen schleckte er an beiden Tüten gleichzeitig, und seine Ungeduld wuchs im gleichen Maße, wie das Eis weniger wurde.

»Entschuldigen Sie bitte«, wandte er sich an eine ältere Dame, die gerade heraustrat. »Ist ihnen drinnen vielleicht eine blonde Frau mit einem kleinen blonden Jungen in einem Spiderman-T-Shirt begegnet?«

»Tut mir leid.« Die Frau schüttelte bedauernd den Kopf. »Soll ich noch mal reingehen und nachsehen?«, bot sie mit einem verstehenden Blick auf die tropfenden Eistüten an.

»Ach bitte, das wäre sehr nett von Ihnen.« Dankbar lächelte er sie an, und die Dame schmolz dahin wie das Eis.

Kurz darauf kehrte sie zurück. »Es tut mir sehr leid, aber da war niemand, auf den Ihre Beschreibung passen würde.«

»Trotzdem, haben Sie vielen Dank.« Lukas umrundete daraufhin einmal das Häuschen und sah sich dabei nach allen Seiten gründlich um. Nichts. Keine Magali, kein Matti.

Er beförderte die matschigen Eistüten in den nächsten Mülleimer und lief zu ihrem Picknickplatz zurück. Wahrscheinlich hatten sie sich nur verpasst und Magali und Matti warteten dort längst ungeduldig auf ihn. Doch schon von Weitem konnte er erkennen, dass der Platz auf der Decke nach wie vor verwaist war. Ob Magali Freunde getroffen hatte und kurz mit ihnen gegangen war?, stellte er die nächste Vermutung an.

Er suchte erst die Decke und danach rundherum alles ab – womöglich hatte Magali ihm eine Nachricht hinterlassen, die er vorhin übersehen hatte. Aber da war nichts. Ein Blick auf seine Uhr zeigte ihm, dass inzwischen fast eine Viertelstunde vergangen war. Wo konnten die beiden nur stecken? Langsam breitete sich ein flaues Gefühl in seinem Magen aus. Und ein wenig ärgerte er sich auch über Magali. Sie wusste doch, dass er wegen der unglückseligen Geschehnisse vor zwei Jahren in Rom dazu neigte, sich schnell Sorgen zu machen.

»Herr von Stetten«, rief eine männliche Stimme hinter ihm. Lukas fuhr herum. Eine Nachricht von Magali? Doch es war nur Herr Martin, den er vorhin in der Warteschlange getroffen hatte. In seiner Begleitung hatte er die drei angekündigten Jungen.

»Hier sind wir. Bereit für ein Spiel?« Herr Martin rieb sich erwartungsfroh die Hände. Sein Jüngster, Max, war Mattis Schulkamerad und bester Freund. Ehrfürchtig trug er mit beiden Händen einen goldfarbenen Fußball vor sich her, als handele es sich um den Heiligen Gral.

»Gut, dass Sie da sind, Herr Martin. Haben Sie zufällig meine Frau und meinen Sohn gesehen?«

»Nein. Sind sie Ihnen abhandengekommen?«, schmunzelte dieser.

»Sozusagen. Ich suche schon seit einer Viertelstunde nach ihnen.«

»Toilette?«, schlug der erfahrene Vater von drei Kindern das Naheliegende vor.

»Da komme ich gerade her«, erwiderte Lukas und blickte sich dabei weiter suchend um.

»Vielleicht hat Ihr Kleiner Durst bekommen, und die beiden sind zum Kiosk gegangen?«

»Ich weiß nicht. Wir haben selbst genug Getränke dabei.« Trotzdem klammerte sich Lukas sofort an den neuen Strohhalm. »Könnten Sie kurz hier warten, Herr Martin, falls meine Frau und Matti inzwischen auftauchen? Ich laufe schnell rüber zum Kiosk und sehe nach.«

»Gerne«, und an die Adresse der Jungen: »Macht euch nützlich und seht euch ein bisschen um. Keine Sorge, Herr von Stetten, die sind bestimmt gleich wieder da«, rief er ihm hinterher.

Atemlos kehrte Lukas nach wenigen Minuten zurück. Die Suche der Martins war ebenfalls ergebnislos verlaufen. »Hat Ihre Frau kein Mobiltelefon?«, erkundigte sich Herr Martin.

»Doch, aber wir haben unsere Telefone heute extra zu Hause gelassen.«

»Vielleicht hat sich Ihr Sohn verletzt und Ihre Frau ist mit ihm zum Wagen, um den Verbandskasten zu holen?«, mühte sich Herr Martin, weitere Parallelen zu eigenen Familienerlebnissen auszugraben.

Lukas’ Hoffnung erlosch in derselben Sekunde, wie seine Rechte in die Hosentasche fuhr und den Autoschlüssel hervorzog. Mit aller Kraft wehrte er sich gegen die aufkeimende Furcht, deren Saat bereits in seinen Gedanken aufging. Sicher gab es eine einfache Erklärung für Magalis Abwesenheit. Sie wollte ihm nur nicht einfallen.

Denk nach, Lukas, denk nach! Vergebens, die Bestie Angst schlich sich bereits an und brachte die Erinnerung an Rom zurück. Aufgrund der damaligen Vorkommnisse und auf wiederholtes Drängen seines Vaters, des Industriellen Heinrich von Stetten, hatte Lukas schließlich eingewilligt, dass sein Sohn Matti täglich von einem Sicherheitsbeamten in die Schule gefahren und von dort abgeholt wurde. Eigentlich hätte er sich gewünscht, dass Matti ganz normal aufwachsen könnte.

Man konnte nicht behaupten, dass Lukas von Stetten sich nicht mit seinem Vater verstünde, obwohl es eine Zeit gegeben hatte, in der sich Vater und Sohn wenig zu sagen gehabt hatten. Das hatte vornehmlich an Lukas’ Weigerung gelegen, nach dem Unfalltod seines älteren Bruders Alexander in dessen Fußstapfen zu treten, um das Nürnberger Familienunternehmen zu übernehmen. Aber Lukas konnte nicht akzeptieren, womit seine Familie ihr Vermögen aufgebaut hatte: mit Waffen. Der Hauptgeschäftszweig des Von-Stetten-Firmenimperiums, kurz vST genannt, fußte seit der Produktion der ersten Kanone für die napoleonischen Kriege in der Rüstungsindustrie und bediente seit jeher lukrative in- und ausländische Regierungsaufträge.

Lukas von Stetten war Pazifist aus tiefster Überzeugung und lehnte Waffen in jeglicher Form ab. Er hatte, auch beeinflusst durch seinen Onkel, Bischof Franz von Stetten, Theologie studiert und ursprünglich eine Kirchenlaufbahn als Jesuitenpriester eingeschlagen. Nie hatte er seine Entscheidung bereut – bis zu jener schicksalhaften Unterredung mit dem kurz darauf ermordeten Pater General des Jesuitenordens in Rom.

Dieser Tag sowie der überraschende Fund eines mehr als zweihundert Jahre alten Tagebuchs ihres Urahnen, Alexander von Stetten alias Piero di Stefano, hatten sein Leben für immer verändert. Aber nicht nur seines, sondern auch das seines Vaters, Heinrich von Stetten.

Vater und Sohn hatte der Inhalt des Tagebuchs nachhaltig erschüttert, und sie hatten sich der Frage gestellt, ob darin die Erklärung für die rätselhaften Unglücksfälle begründet lag, die die Familie in jeder Generation traf. Die Boulevardpresse hatte sich deshalb dazu verstiegen, über einen »Von-Stetten-Fluch« zu fabulieren, gar Parallelen zu den amerikanischen Kennedys gezogen.

Lukas’ Vater Heinrich, der sein Leben lang stets rational begründete Entscheidungen getroffen hatte, hatte zum ersten Mal erkennen müssen, dass Schicksal eine spirituelle Gleichung ist, die sich aus Schuld und Sühne zusammensetzte. Diese Erkenntnis hatte einen Wandel in seinem Denken ausgelöst. Er hatte bald darauf begonnen, einzelne Unternehmenszweige zu verkaufen und weitere Teile in eine Stiftung zu überführen.

Eine kleine Hand zupfte an Lukas’ Ärmel und schreckte ihn aus seinen Gedanken auf. Sein Herz machte einen hoffnungsfrohen Satz. Doch es war nicht sein Sohn, sondern ein Junge aus Mattis Grundschule, ein Erstklässler, den er nur flüchtig vom Sehen kannte.

Die Anspannung hatte Lukas’ Wahrnehmung auf merkwürdige Weise geschärft, und er nahm alles an dem Jungen überdeutlich wahr: den Schmutzfleck auf der Wange, die Rotzspuren an der Nase und die schmuddelige kleine Hand, die ihm jetzt einen zerknüllten Zettel entgegenstreckte.

Wie in Trance griff Lukas danach. Er schaffte es kaum, ihn mit seinen zitternden Fingern zu glätten. Nachdem er die kurze Nachricht gelesen hatte, kniete er sich vor dem Jungen nieder.

»Wie heißt du, mein Junge?«

»Philipp.«

»Philipp. Ich bin Lukas. Kennst du meinen Sohn Matti?«

»Ja, aber die von der dritten Klasse reden nicht mit uns.«

»Philipp, es ist sehr wichtig, dass du mir sagst, wo du den Zettel gefunden hast.«

»Ich hab ihn gar nicht gefunden. Ein Mädchen hat ihn mir gegeben.«

»Ein Mädchen? Welches Mädchen? Mattis Mutter?«

»Nö. Die ist doch eine Frau.«

»Natürlich, entschuldige. Wie sah das Mädchen aus?«

»Weiß nicht genau, wie Mädchen halt aussehen.«

Lukas begriff, dass er so nicht weiterkommen würde. Er musste seine Angst und seine Ungeduld im Zaum halten, durfte den Jungen mit seinen Fragen nicht überfordern.

»Okay, Philipp. Hör mir zu. Das Mädchen. Kennst du es aus der Schule?«

»Kann sein.« Wunderbar, eine weitere kryptische Antwort. Lukas’ Verzweiflung wuchs.

Unbeeindruckt von Erwachsenengefühlswelten zog Philipp geräuschvoll seinen Rotz hoch. Lukas fingerte in seinen Hosentaschen nach einem Taschentuch, das er stets für Matti bereithielt. Der kleine Junge streckte zwar automatisch die Hand danach aus, doch dann starrte er auf das Tuch, als frage er sich, welchem Zweck es dienen mochte.

Lukas atmete tief durch und startete einen neuen Versuch. »Bitte, Philipp, es ist sehr wichtig. Kannst du dich erinnern, wie das Mädchen ausgesehen hat?«

Philipp zuckte ungeduldig mit den Schultern. »Wie halt alle Mädchen aussehen. Unten Jeans und oben fast nackig«, erwiderte er mit der intakten Unschuld des Sechsjährigen – nicht ahnend, dass er in wenigen Jahren selbst Gefallen an knappen Mädchentextilien finden würde. Er stopfte das Taschentuch kurz entschlossen in die Hose und wischte sich die tropfende Nase mit dem Ärmel ab.

Lukas sah ein, dass es keinen Zweck hatte, den Jungen weiter zu bedrängen.

Dann aber platzte der Kleine mit etwas heraus, das Lukas einen zusätzlichen Adrenalinschub bescherte. »Puh, aber so richtig hässliche Haare hatte die. Ganz rot. Aua, Sie tun mir weh«, rief Philipp laut, und versuchte, sich von Lukas zu befreien, der gar nicht bemerkt hatte, wie fest er den Jungen an den Schultern gepackt hatte.

Ein Spaziergänger mit Hund drehte sich nach ihnen um und musterte sie misstrauisch. Lukas lockerte sofort seinen Griff. »Entschuldige, mein Junge. Das hast du prima gemacht. Du hast eine sehr gute Beobachtungsgabe.«

»Und, gibt es etwas Neues?« Herr Martin hatte sich ihm von hinten genähert, und Lukas konnte ein Zusammenzucken nur knapp vermeiden. Denn die Nachricht hatte auch eine Warnung an ihn enthalten. Darum war es wichtig, jetzt einen kühlen Kopf zu bewahren, sich nichts anmerken zu lassen.

Er wandte sich um, und seine Verlegenheit war tatsächlich nicht gespielt, als er Herrn Martin die Lüge auftischte. »Ja, viel Lärm um nichts, die ganze Aufregung war umsonst. Der Junge hier hat mir gerade einen Zettel gebracht. Magali hat bei der Toilette ihre Freundin getroffen und ist kurz mit ihr zu deren Picknickplatz gegangen, um ihr Baby zu bewundern. Ich soll alles zusammenpacken und nachkommen. Allerdings befindet sich der Platz am entgegengesetzten Ende des Parks. Ich fürchte, wir müssen unser Fußballspiel verschieben.«

»Ach was, das holen wir irgendwann schon nach. Hauptsache, es ist alles in Ordnung.«

Bei sich dachte Herr Martin, dass dem Lehrer der Schrecken gehörig in die Glieder gefahren sein musste; er war bleich wie der Tod.

Lukas packte alles in großer Hast zusammen und eilte mit steifen Beinen zum Parkplatz. Der Text der Nachricht hatte sich wie Säure in seinen Kopf gebrannt. In Gedanken wiederholte er ihn den ganzen Weg bis nach Hause wie sein eigenes schreckliches Mantra:

»Wenn Sie Frau und Sohn lebend wiedersehen wollen, unternehmen Sie nichts. Keine Polizei. Kein vST-Werkschutz. Wir beobachten Sie. Warten Sie zu Hause. Sie hören von uns.«

 

Dieser Albtraum war für Lukas ein furchtbares Déjà-vu.

Schon einmal, vor zwei Jahren, hatte er vor dem Abgrund seines Lebens gestanden. Damals waren mehrere ihm nahestehende Personen einen gewaltsamen Tod gestorben. Hätte es Matti nicht gegeben und seine Zwillingsschwester Lucie, er wäre daran zerbrochen.

Seit jenen verhängnisvollen Tagen in Rom hatte er sein Herz verschlossen. Er glaubte zu wissen, dass seine Frau Magali ihn durchschaut hatte und unter seinem distanzierten Verhalten gelitten haben musste. Und doch hatte sie ihn niemals bedrängt, hatte niemals mehr von ihm verlangt, als er bereit gewesen war, ihr zu geben.

Dabei war er sich der Liebe, die mit Magali und Matti in sein Leben getreten war, durchaus bewusst. Aber er hatte es mehr als etwas gesehen, das er im Augenblick erfahren durfte – ein Schatz, der ihm nur auf Zeit geliehen worden war.

Doch seine Bemühungen, sich selbst vor Verlust und Schmerz zu schützen, waren vergeblich gewesen. Dies war ihm in derselben Sekunde klar geworden, als er die Nachricht der Entführer in der Hand gehalten hatte.

Doch jetzt war nicht die Zeit, um vergangene Fehler zu bedauern. Er musste sich auf die Erfordernisse des Augenblicks konzentrieren, um Matti und Magali wohlbehalten zurückzubekommen. Was konnten die Entführer anderes von ihm verlangen als Geld? Er, Lukas, besaß kein eigenes Vermögen, aber sein Vater. Er würde sich wegen des Lösegelds also an ihn wenden müssen. Wie aber vertrug sich das mit der strikten Anweisung der Entführer, niemanden zu informieren?, fragte sich Lukas. Die Nachricht hatte neben der Polizei auch explizit den Werkschutz der vST-Werke erwähnt. Das zeigte, dass die Entführer darüber im Bilde waren, dass der Werkschutz seines Vaters sich vornehmlich aus ehemaligen Polizisten und Militärangehörigen zusammensetzte. Der langjährige Leiter, James Fonton, war gar ein früheres Mitglied der britischen Elitetruppe SAS.

Als Lukas vor der Garage seines kleinen Reiheneckhäuschens im Dürerweg zum Stehen kam, schreckte er benommen auf. Er konnte sich nicht erinnern, wie er hierhergelangt war; er schien die zwanzig Minuten wie in Trance gefahren zu sein. Es grenzte fast an ein Wunder, dass er es überhaupt heil bis nach Hause geschafft hatte.

Der Hausschlüssel steckte noch nicht richtig im Schloss, als innen das Telefon zu läuten begann. Hastig riss er die Tür auf und stürzte sich auf den Hörer.

»Hallo, von Stetten«, rief er atemlos, während er gleichzeitig versuchte, das zur Familie gehörende Shih-Tzu-Hundepärchen abzuwehren, das ihn freudig umsprang. Die Hündin war läufig, darum hatten sie sie nicht in den Park mitnehmen können, dafür hatte ihr der kastrierte Caruso zu Hause Gesellschaft geleistet.

»Hi, Bruderherz«, tönte Lukas die muntere Stimme seiner Zwillingsschwester entgegen. »Mann, du bist ja ganz schön außer Puste. Wobei habe ich dich denn gerade erwischt? Kleine Frühlingsnummer mit Magali geschoben?«, zog Lucie ihn auf, jederzeit bereit, ihren zur Förmlichkeit neigenden Bruder in Verlegenheit zu bringen.

»Was du immer denkst, Lucie. Ich bin nur eben erst zur Tür herein.« Aus alter Gewohnheit fragte er sie dann: »Wo steckst du?«

Lucie war frischgebackene Archäologin und hatte mit ihrer üblichen Energie und Überzeugungskunst geschafft, worauf andere Jahre ihres Lebens warten mussten: eine begehrte Assistenzstelle der Universität Tübingen zu ergattern, die offiziell den weiterführenden Forschungsauftrag in den Höhen von Hisarlik, besser bekannt unter dem Namen Troja, innehatte.

Lukas vermutete sie dort, inmitten der antiken Ausgrabungsstätten. Doch Lucies Antwort ließ bei ihm alle Alarmglocken schrillen.

»Ich bin hier, in Nürnberg. Gerade angekommen. Lass mich nur schnell auspacken, dann komme ich auf ein Pläuschchen zu euch rüber. Ich habe aufregende Neuigkeiten mitgebracht.«

Verflixt, das war das Letzte, was er jetzt gebrauchen konnte. Seine neugierige Zwillingsschwester, die jeden Braten roch, bevor er überhaupt im Ofen war – und ihm in ihrer unnachahmlichen Art sofort alle Würmer aus der Nase ziehen würde. Wieder dachte er an die Warnung der Entführer. Nicht auszudenken, wenn diese Verbrecher den geringsten Verdacht hegten, dass er sich nicht an ihre Anweisungen hielt.

Lukas bemühte sich, seine Stimme unter Kontrolle zu halten. »Wozu die Eile, Lucie? Ruh dich doch erst mal aus, und wir sehen uns dann morgen. Ich muss heute noch einen ganzen Berg Schulaufgaben korrigieren. Magali ist deshalb mit Matti extra weggefahren, um eine Freundin zu besuchen«, improvisierte er aus dem Stegreif.

»Na gut, wenn du nicht willst.« Lucie klang enttäuscht. »Aber morgen dann ganz sicher! Ich lade euch alle auf eine Pizza ein. Ehrlich, ich kann kein Kebab mehr sehen.«

»Gut, wir sehen uns dann morgen. Ich freue mich auf dich. Mach’s gut bis dahin, Lucie, und grüß Mama.« Lukas legte schnell auf und starrte dann auf den Apparat, als sei er sein persönlicher Feind. Ihm war ein Gedanke gekommen. Vorhin, in der ersten Aufregung, hatte er nicht richtig darauf geachtet. Was hatte das Wir beobachten Sie in der Nachricht der Entführer genau zu bedeuten? Hörten sie etwa sein Telefon ab? Hatte sich jemand vor seinem Haus postiert, um zu kontrollieren, ob er Polizeibesuch bekam?

Mit Mühe unterdrückte er den Impuls, sofort das Telefon auseinanderzunehmen. Was würde es nützen? Nichts. Selbst wenn er darin eine Wanze finden würde, könnte er sie nicht entfernen. Sie würden es registrieren; die Aktion würde nur unnötig seine Familie gefährden. Er war zum Warten verurteilt, bis sich die Entführer bei ihm meldeten.

Voller Unrast stromerte Lukas durchs Haus. Irgendwann fand er sich im ehelichen Schlafzimmer wieder. Alles darin trug Magalis Handschrift, die warmen Creme- und Erdtöne, die hellen Möbel, der weiche Teppich.

Lukas’ Blick verfing sich in Magalis seidenem Morgenrock. Seine verführerischen Spitzen und geschlitzten Ärmel erinnerten an die Modelle, die Hollywood-Diven in den Vierzigerjahren trugen. Er hatte ihn ihr letzte Weihnachten geschenkt.

Magali hatte beim Anprobieren lachend gemeint, dass ihr darin ganz mondän zumute sei und sich der Briefträger sicher freuen würde, wenn sie ihm so gekleidet die Haustür öffnen würde. Dann hatte sie sich zu Lucie gedreht, die mit ihnen feierte, und sie mit einem Zwinkern gebeten, das nächste Mal lieber ein Modell »Marke Hausfrau« auszuwählen, wenn sie ihren Bruder bei seinen Einkäufen beriet.

Alle hatten gelacht, seine Eltern, Mattis Patenonkel Jules, der aus München angereist war, und der alte Rabbi Rosenthal, Großvater seiner verstorbenen Jugendfreundin Rabea. Der Rabbi hatte sonst niemanden mehr auf der Welt, und Lukas und Lucie kümmerten sich um ihn, so oft es der Alte zuließ, denn er wolle niemandem zur Last fallen, wie er gerne wiederholte. Diesen Eigensinn hatte er seiner Enkeltochter vererbt gehabt.

Lukas’ Herz zog sich zusammen, als er an dieses wunderbare Fest dachte. Seine Eltern hatten sich zunächst gesträubt, wollten lieber in der Villa feiern, verwiesen auf den Mangel an Platz. Doch dann waren sie eng nebeneinander auf der Couch gesessen, erhitzt und mit leuchtenden Augen, und alle Steifheit war von ihnen abgefallen. Sie waren einfach nur Großeltern, die sich wie alle an diesem Tag von Mattis kindlicher Vorfreude auf das Christkind mitreißen ließen. Das, fand Lukas, war der eigentliche Zauber der Heiligen Nacht, sie brachte die Familie zusammen und, wie in ihrem Fall, auch ihre Freunde.

Magali und Matti hatten am Morgen den Baum geschmückt, Lucie hatte am Klavier Adventslieder angestimmt, und er hatte es genossen, bei Kerzenlicht die Weihnachtsgeschichte vorzulesen. Und obwohl sie sich schon den ganzen Tag mit Plätzchen und Stollen vollgestopft hatten, hatten sie danach noch eine große Portion Kartoffelsalat mit fränkischen Würstchen verdrückt.

Irgendwann, während sie zusahen, wie die Ritter Matti und Jules gegen die angreifenden Dinosaurier Lucie und Magali eine imaginäre Schlacht schlugen und dabei beinahe den Weihnachtsbaum massakrierten, bemerkte er, dass die Augen des alten Rabbis auf ihm ruhten. Er begegnete seinem ruhigen Blick und entdeckte darin denselben Frieden, der auch ihn an diesem Abend erfüllte. Es war ein verloren geglaubtes, ihm fremd gewordenes Gefühl, seit Rabea durch ein schreckliches Schicksal aus ihrer Mitte gerissen wurde. Doch nun empfand er nicht nur Zuversicht, sondern stellte mit leisem Staunen fest, dass er glücklich war. Es war sein Geschenk zur Weihnacht.

Und nun hatte das Schicksal erneut gnadenlos zugeschlagen. Sollte er denn niemals Frieden finden? Er erinnerte sich daran, wie er während der schlimmen Ereignisse in Rom überlegt hatte, dass die Buchhaltung Gottes niemals etwas vergaß. War seine Rechnung noch nicht ausgeglichen? Forderte Gott noch mehr von ihm ein? Aber wenn Gott ihn strafen wollte, warum hielt er sich dann an seiner Frau und seinem Sohn schadlos? Weil er mich damit am meisten treffen kann … Lukas kämpfte gegen den niederschmetternden Gedanken an, ob beim nächsten Weihnachtsfest eine weitere Lücke in ihrer Mitte klaffen würde. Es war grausam, sich auf diese Art selbst zu foltern, er wusste es. Magali und Matti würde nichts geschehen! Gott würde nicht die Unschuldigen strafen, und niemand war so unschuldig wie Magali und Matti.

Schräg gegenüber lag Mattis Kinderzimmer. Sein Sohn, absoluter Spiderman-Fan, befand sich zusätzlich in einer Jurassic-Park-Phase. In seinem Zimmer wimmelte es von Sauriern in allen Formen, Farben und Größen – Geschenke der von ihrem einzigen Enkelsohn berauschten Großeltern.

Matti sollte sein Zimmer an diesem Morgen auf Geheiß seiner Mutter aufräumen. Ein ewiger und ungleicher Kampf, den Mutter und Sohn täglich neu miteinander ausfochten, denn fünf Minuten spielen hatten Matti wie stets gereicht, um das vorangegangene Chaos wiederherzustellen. Es war Magali und ihm ein ewiges Rätsel, wie der kleine Kerl das in so kurzer Zeit bewerkstelligte.

Lukas betrat das Zimmer und sank kraftlos auf Mattis Kinderbett. Die beiden Hunde waren ihm gefolgt, gingen, wenn er ging, setzten sich, wenn er sich setzte, und beobachteten die kleinste seiner Bewegungen. Die zwei, sonst zu allerlei Schabernack aufgelegt und immer dabei, wenn es darum ging, ein Mitglied des Haushaltes zum Spielen zu animieren, verhielten sich heute auffällig still. Sie spürten, dass etwas nicht stimmte.

Lukas barg den Kopf in den Händen. War es tatsächlich erst wenige Stunden her, dass er Matti geweckt hatte, ihm die Decke weggezogen und Vater und Sohn den Sonntagmorgen wie üblich mit einer Kitzelorgie eingeleitet hatten? Wenn er genau hinhörte, konnte er noch das fröhliche Kreischen seines kleinen Sohnes hören, das als Echo in seiner schmerzenden Seele widerhallte. Er merkte erst, dass er weinte, als ihn eine feuchte Hundeschnauze anstupfte. »Ihr habt ja recht«, sagte er zu den beiden Hunden, die vor ihm saßen, »ich sollte mich nicht so gehen lassen.« Er trocknete seine Tränen mit dem Zipfel von Mattis Bettdecke, die noch seinen vertrauten Jungengeruch bewahrte, eine weitere Prüfung für seine Selbstbeherrschung. Schon wieder sah er auf die Uhr, es waren nur wenige Minuten verronnen. Wann meldeten sich die Entführer endlich? Ihm kam es vor, als sei die Zeit stehen geblieben, seit er die furchtbare Nachricht der Entführer erhalten hatte. Er griff nach der Sanduhr auf dem Nachttisch, die Lucie Matti geschenkt hatte. Der Sand stammte aus dem Tal der Könige, den Lucie auf ihrer letzten Ägypten-Expedition aufgesammelt hatte. Sie hatte Matti mit fantastischen Erzählungen unterhalten, wer alles schon über diesen Sand marschiert war: von mächtigen Pharaonen und schönen ägyptischen Königinnen über Alexander den Großen bis hin zu römischen Cäsaren. Lucie ließ ihrer Fantasie freien Lauf, während Matti ihren Geschichten mit offenem Mund lauschte.

Lukas wendete die Uhr und beobachtete, wie der Sand quälend langsam in das untere Glas rieselte. Die Zeit, fand er, ist die unbarmherzigste Gefährtin des Menschen. Konnte man sie im Glück nicht festhalten, so stand sie im Unglück fast unbeweglich still.

Plötzlich schlug die Haustürglocke an. Lukas sprang erschrocken auf, stolperte über einen Tyrannosaurus rex, fiel der Länge nach hin und stieß sich den Kopf schmerzhaft an Mattis Kommode. Er rappelte sich wieder auf und stürmte hinter den beiden aufgeregt bellenden Hunden die Treppe hinab.

Er wollte die Tür schon aufreißen, als er rechtzeitig zur Besinnung kam. Die Entführer würden kaum bei ihm klingeln. Er strich sich die zerwühlten Haare glatt und atmete einmal tief durch, bevor er die Haustür in der festen Absicht öffnete, den unwillkommenen Besucher so schnell wie möglich wieder loszuwerden.

»Hallo, Bruderherz. Überraschung!« Seine Zwillingsschwester strahlte ihn an.

Verflixt, Lucie! Warum konnte sie sich so an gar keine Abmachung halten? Seine Schwester war tatsächlich die unberechenbarste und hartnäckigste Person, die er kannte, und die letzte, mit der er sich jetzt auseinandersetzen wollte.

Leider gehörte Lucie nicht zu jener Sorte Mensch, die man beliebig schnell wieder loswerden konnte. Glück für ihn, dass sie die nächsten Sekunden erst einmal mit den beiden tobenden Hunden beschäftigt war, deren erklärter Liebling sie war. Dadurch gewann Lukas die Zeit, die er brauchte, um den Schreck über ihren Besuch zu verdauen. Schon fiel sie ihm in ihrer überschwänglichen Art um den Hals und erdrückte ihn beinahe, um ihn gleich darauf mit gestreckten Armen von sich zu halten und einer kritischen, schwesterlichen Musterung zu unterziehen. Wie immer nahm sie kein Blatt vor den Mund. »Mannomann, du alter Bücherwurm. Du bist vielleicht blass um die Nasenspitze.« Was man von Lucie nicht behaupten konnte. Braun gebrannt und vor Energie strotzend stand sie vor ihm. »Los, Lukas! Lass uns eine Runde mit den Hunden drehen. Das Wetter ist viel zu schön, um drinnen zu versauern. Dann erzähl ich dir auch meine Neuigkeiten«, sprudelte sie hervor und zog ihn halb aus der Tür.

»Das ist lieb gemeint, Lucie, aber ich habe jetzt wirklich keine Zeit. Ich habe dir doch schon am Telefon gesagt, dass ich noch arbeiten muss.« Sein gehetzter Blick zurück streifte die halb offen stehende Haustür und die Flurkommode mit dem Telefon; jeden Augenblick konnten die Entführer sich bei ihm melden.

Doch gegen seine Schwester war keine irdische Macht gewachsen und er am allerwenigsten. Sie hatte bereits die neben der Haustür hängenden Hundeleinen gegriffen und klinkte sie flink am jeweiligen Halsband von Stellina und Caruso ein. Dann hakte sie den widerstrebenden Lukas energisch unter, sodass sich dieser unwillkürlich fragte, ob sie ihn auch angeleint hätte, wenn es eine dritte Leine gegeben hätte.

Ehe er sich’s versah, fand sich Lukas in seinem Vorgarten wieder. Lucie drückte ihm dort wortlos Carusos Leine in die Finger und wühlte sodann in ihrer riesigen Umhängetasche aus Bast. Als sie das Gesuchte gefunden hatte, hielt sie es ihm in stummer Aufforderung hin. Es war ein Taschentuch.

»Wisch dir erst einmal das Blut aus dem Gesicht, Bruderherz, und dann erzählst du mir, was passiert ist. Du bist ja völlig durch den Wind.« Lucie klang gleichermaßen streng wie besorgt.

»Bitte?« Lukas blinzelte sie verwirrt an, griff aber nach dem Tuch und fuhr sich damit automatisch über die Stirn. Es färbte sich sofort rot. Ungläubig starrte er darauf. Er brauchte eine Weile, bis er sich erinnerte, dass er sich in Mattis Zimmer den Kopf gestoßen hatte. Er spürte die Wunde nicht.

»Nichts, bitte«, äffte Lucie ihn nach. »Hallo, ich bin es, Lucie, dein Zwilling. Schon vergessen? Wenn du glücklich bist, bin ich es auch. Hast du Schmerzen, spüre ich sie genauso. Was glaubst du denn, wie mein armer Puls rast, seit ich dich vorhin angerufen habe? Außerdem hätte es hier sowieso keinerlei empathischer Fähigkeiten bedurft, ehrlich. Du hättest dich eben in der Haustür sehen sollen, Lukas. Panik im Blick, Blut im Gesicht, und deine gesamte Körperhaltung drückte hektische Abwehr aus – nach dem Motto: Verschwinde, Lucie! Ein solches Verhalten habe ich nicht verdient! Ich bin doch kein lästiger Staubsaugervertreter, sondern deine Schwester«, empörte sie sich weiter. »Du siehst also, ich hatte keine andere Wahl, als dich aus dem Haus zu schleifen, da allzu offensichtlich war, dass du mich keinesfalls hereinbitten wolltest. Himmel, als wäre ich ein Vampir! Erzählst du mir jetzt, was mit dir los ist, Bruderherz?«

Lukas ertappte sich bei dem Gedanken, dass der Vergleich mit einem Vampir gar nicht so unpassend war. Wenn er nicht aufpasste, würde seine Schwester jedes Wort einzeln aus ihm heraussaugen.

Lucie hatte sich Auge in Auge vor ihrem Bruder aufgepflanzt, die Hände in die Hüften gestemmt.

»Bitte, Lucie. Lass es gut sein. Es hat seinen Grund, warum ich jetzt nicht mit dir sprechen kann. Ich muss sofort wieder ins Haus zurück. Es ist wichtig. Vertrau mir, okay?«

Lucie konnte die Angst und die Verzweiflung ihres Bruders deutlich spüren. Sie prallten wie eine Schockwelle auf sie. Lukas’ Zustand ließ in Lucie die schmerzvolle Erinnerung an Rom wiederaufleben. Verlust und Schmerz verschmolzen ineinander. Heute war damals. Irgendetwas war geschehen. Umso mehr war Lucie entschlossen, sich nicht von ihrem Bruder ausschließen zu lassen.

Damals hatte sie nicht nur ihre beste Freundin, sondern beinahe auch ihren Bruder verloren. Da Lukas weiter schwieg, sah Lucie keine andere Möglichkeit, als ihn selbst mit ihrer Vermutung zu konfrontieren. Seit man ihren Eltern anonym mit Entführung gedroht hatte – sie und ihre Brüder waren noch Kinder gewesen –, waren die Geschwister früh für diese Möglichkeit sensibilisiert worden.

»Weißt du, was ich denke, Lukas? Etwas ist mit Magali oder mit Matti passiert. Du hast mich angelogen. Sie sind nicht zu einer Freundin gefahren. Ich bin nicht blind. Euer Auto parkt vor der Garage. Wo sind sie, Lukas?«

Sie erhielt keine Antwort, aber damit hatte sie auch nicht gerechnet. »Also gut, dann sage ich es dir. Ich kann nämlich eins und eins zusammenzählen, mein Lieber. Hattest du etwa gedacht, mir wäre dein panischer Blick vorhin in Richtung Telefon entgangen, als hinge dein Leben von ihm ab? Wenn ich dein trostloses Verhalten hinzuaddiere, kommt für mich heraus, dass einer der beiden entführt worden ist. Die Entführer drohen dir sicher mit dem Allerschlimmsten, wenn du die Polizei einschalten solltest. Du wartest jetzt auf weitere Anweisungen. Das ist der Grund, warum du dich partout nicht vom Haus entfernen kannst, nicht wahr? Sag es mir, habe ich recht?«

Die Art, wie Lukas den Kopf hob und sie mit seltsam trüben Augen ansah, aus denen alles Blau gewichen schien, bestätigte Lucies Verdacht und potenzierte ihn.

Die Angst explodierte mit voller Wucht in ihrem Magen. »Heilige Scheiße, alle beide? Was sind das nur für verdammte geldgeile Schweine. Mistkerle …« Lukas ließ seine Schwester austoben. So wie er sich in der Verzweiflung in die Stille flüchtete, ließ Lucie ihre Angst ungehemmt von der Leine. Sie beruhigte sich jedoch schnell wieder und blies sich eine blonde Haarsträhne aus der Stirn. »Du verrückter dummer Dubbel, du. Los, hinein ins Haus. Wir warten zusammen.«

Noch einmal unternahm Lukas einen Versuch, seine energische Schwester zu überzeugen, dass er die Angelegenheit ohne sie regeln musste. Doch er kämpfte auf verlorenem Posten. Lucie ließ sich weder abwimmeln, noch hatte sie ein Einsehen. »Ich lasse dich jetzt ganz bestimmt nicht alleine. Ich bin Familie, keine Polizei. Basta!«

Er fühlte sich zu ausgelaugt, um seiner Schwester weiter Paroli bieten zu können. »Da ist noch was, was du wissen solltest«, flüsterte er und zog den zerknüllten Zettel der Entführer aus seiner Hosentasche. Nachdem Lucie ihn rasch überflogen hatte, meinte sie ebenfalls flüsternd: »Ich verstehe. Du glaubst, die hören da drinnen eventuell mit, was wir sagen? Na, nichts leichter als das! Auf, lass uns ihnen eine gute Show bieten.«

Insgeheim war Lucie längst dabei, Plan B zu entwickeln. Sie hatte sofort an ihren alten Freund Jules Lafitte gedacht, einen ehemaligen Agenten des libanesischen Geheimdienstes, den sie während ihrer verrückten Abiturreise in den Nahen Osten kennengelernt hatte.

Inzwischen war Jules aus persönlichen Gründen von Beirut nach München übergesiedelt. Jules hatte ihnen bereits in Rom zur Seite gestanden. Er würde sofort kommen, wenn sie ihn anrief.

»Da fällt mir ein, Lukas, ich muss noch meine Verabredung absagen. Ich bin gleich zurück. Versprochen«, sagte Lucie jetzt.

»Mach bloß keine Dummheiten, Lucie, hörst du?«, ermahnte er sie.

»Was du wieder denkst.« Lucie drückte ihren Bruder fest an sich und flüsterte ihm dabei ins Ohr: »Alles wird gut, Lukas. Wir stehen das gemeinsam durch. Bald sind Matti und Magali gesund und munter wieder bei dir.«

»Die Seelenfischer« - Teil 1 der Reihe

NÜRNBERG: Renovierungsarbeiten in einer alten Villa fördern einen sensationellen Fund zutage. Er ruft den Bischof von Bamberg auf den Plan. Kurz darauf reist der Bischof nach Rom. Einen Tag nach seiner Rückkehr wird er bestialisch ermordet aufgefunden.

ROM, drei Monate später: Der junge Jesuit Lukas wird zum Generaloberen des Ordens zitiert. Der erteilt ihm einen geheimen Auftrag. Noch bevor Lukas diesen ausführen kann, geschieht ein weiterer Mord, und er findet sich unvermittelt als Tatverdächtiger wieder. Da taucht plötzlich seine Jugendliebe, die Journalistin Rabea Rosenthal bei ihm auf und bietet ihm ihre Hilfe an. Gemeinsam fliehen sie aus Rom, und es beginnt eine Jagd quer durch Italien. Nicht nur die Polizei, auch der unbekannte Mörder ist den beiden dicht auf den Fersen.

Dann erfährt Lukas, dass seine Zwillingsschwester Lucie spurlos verschwunden ist. Jäh fragt er sich, ob es ein Zufall war, dass Rabea just an jenem Tag in Rom auftauchte, als er zum Generaloberen gerufen wurde. Was weiß Rabea?

Blick ins Buch
Die SeelenfischerDie Seelenfischer

Thriller

Renovierungsarbeiten in einer Nürnberger Villa fördern einen sensationellen Fund zutage. Er ruft den Bischof von Bamberg auf den Plan. Kurze Zeit später wird dieser bestialisch ermordet aufgefunden. Drei Monate später wird in Rom wird der junge Jesuit Lukas, der Neffe des Ermordeten, zum Generaloberen des Jesuitenordens zitiert. Der erteilt Lukas einen geheimen Auftrag: Er soll für ihn den Inhalt eines Schließfachs holen. Eindringlich weist er Lukas auf die damit verbundenen Gefahren hin und lässt ihn Stillschweigen schwören. Doch bevor Lukas den Auftrag ausführen kann, geschieht ein weiterer Mord ...
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Prolog

Rom 1773

Der Mann stand am Fenster, die Arme auf dem Rücken verschränkt, und sah auf den sich leerenden Hof hinab. Dort unten schien sich jeder zu beeilen, noch vor Einbruch der Dunkelheit eine schützende Zuflucht zu erreichen. Er quittierte das Gewimmel mit einem abfälligen Lächeln, das seine scharf gemeißelten Züge noch härter erscheinen ließ. Diese Menschen waren für ihn nichts weiter als Drohnen, einfältige Schafe, die der Führung der von Gott auserwählten Hirten bedurften. Männern wie ihm. Wie sonst hätte er seine herausragende Position erreichen können, wenn nicht durch Gottes Fügung und seinen speziellen Segen?

Ein Diener hatte soeben die Kerzen entzündet, und ihr flackernder Schein warf düstere Schatten auf die hohen Wände.

Hinter sich hörte der Mann das Geräusch von Ledersandalen. Die Schritte verrieten ihm, dass der Ankömmling den Raum nur zögerlich betrat. Das entlockte ihm ein weiteres zynisches Lächeln. Er verachtete die Menschen für die Furcht, die sie vor ihm hatten.

»Nun, was habt Ihr mir zu berichten, Bruder Domenico? Habt Ihr die Namen der Frau und ihrer Mitverschwörer?«, fragte er beiläufig, ohne seinen Beobachtungsposten am Fenster zu verlassen.

»Ehrwürdiger Vater, verzeiht mir, aber wir konnten nichts aus der Frau herausbringen.« Die Stimme des Mannes zitterte kaum merklich.

»Warum belästigt Ihr mich dann?«

»Wir sind vielleicht auf einen Hinweis gestoßen, dass es sich bei dem Pergament nicht um das Original handelt, sondern nur um eine Abschrift. Wenn dem so ist, dann ist es eine meisterliche Fälschung. Zur Stunde lasse ich es von kundigen Brüdern überprüfen.« Der Mann hatte seine Worte hastig und mit devotem Eifer hervorgestoßen.

»Ich wünsche über jegliches Ergebnis sofort informiert zu werden, egal zu welcher Stunde. Inzwischen setzt Ihr die Befragung der Frau fort. Sie ist ein schwaches Weib, sie wird reden. Ich will bis morgen wissen, woher die geheimen Kirchendokumente stammen, die sie bei sich trug. Kommt erst wieder, wenn Ihr mit Ergebnissen aufwarten könnt. Ihr seid entlassen.« Ungeduldig, seinem Besucher weiter den Rücken zugewandt, wedelte er mit der Hand, als ob er eine lästige Fliege verscheuchen wollte. Durch die Bewegung brach sich das unstete Kerzenlicht auf dem funkelnden Rubin seiner Rechten, verstärkte sein Leuchten um ein Vielfaches und ließ ihn wie einen Blutstropfen aufblitzen. Für einen winzigen Moment schien der Raum gleichsam wie in Feuer getaucht. Bruder Domenico, der kurz den Kopf gehoben hatte, sah darin ein schreckliches Omen. Ergeben verharrte er an seinem Platz.

Unwillig wandte sich der Mann am Fenster nun doch nach ihm um. »Was will Er denn noch?«, fuhr er ihn herrisch an.

»Ehrwürdiger Vater, ich bin untröstlich, aber es ist uns nicht möglich, Eurem Wunsche zu entsprechen«, stieß der Mann mit gesenktem Kopf hervor. Nicht nur seine Stimme, sondern sein gesamter Körper bebte jetzt.

»Warum?«, fragte die harte Stimme gedehnt. Er war es gewohnt, dass seine Befehle unverzüglich ausgeführt wurden.

Nur mit Mühe formten Bruder Domenicos kalte Lippen die verhängnisvolle Antwort, die, wie er wusste, auch sein Schicksal besiegelte: »Weil die Frau tot ist.«

 

Ein Schatz des Wissens

Nürnberg – Mai 2014

Nürnberg ist eine geschichtsträchtige Stadt. Anfang des ersten Jahrtausends gegründet, erlebte sie ihre zweite Blütezeit Ende des 15. Jahrhunderts. Damals herrschte in der Stadt ein Rat aus einflussreichen Kaufmannsfamilien, die sich nach römischem Vorbild Patrizier nannten und durch Handel reich und mächtig geworden waren. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges diente die Stadt den Siegermächten als Schauplatz für die Abrechnung mit führenden Nazischergen wie Hermann Göring und Rudolf Heß. Die Nürnberger Prozesse fanden im Justizgebäude an der Fürther Straße statt. Zahlreiche namhafte Unternehmen, von denen das bekannteste Siemens ist, haben in Nürnberg ihren Ursprung und behaupten sich heute weltweit.

Zum Inhaber solch eines namhaften Unternehmens war der blaue Lieferwagen an diesem frühen Morgen unterwegs. Sein Ziel war eine Patriziervilla aus dem 17. Jahrhundert auf einem parkähnlichen Grundstück im Nürnberger Stadtteil Lauf am Holz.

Eine schnurgerade Allee, die von Zypressen gesäumt war, führte zum Haupthaus, dessen Fassade malerisch mit Kletterrosen und blassrosa Glyzinien bewachsen war. Morgennebel schwebte noch über dem sattgrünen Rasen. Um das gesamte Grundstück verlief eine Backsteinmauer, unterbrochen nur durch das schmiedeeiserne Tor. Weder an der Klingel noch am Briefkasten befand sich ein Namensschild. Man wusste, wer hier wohnte.

Der Wagen hielt vor dem Tor, und der Fahrer, ein kräftiger Brillenträger, streckte den Arm aus dem Fenster und läutete.

Aus der Gegensprechanlage antwortete ihm eine ältliche Frauenstimme: »Ja, bitte?«

»Hier ist Heizungsbau Fugga.«

Mit einem Summen schwang das große Tor zur Seite, der Wagen rollte die Auffahrt entlang und hielt direkt vor dem Haus. Der Fahrer und sein jüngerer Beifahrer stiegen aus und hievten ihre schweren Werkzeugkoffer von der Ladefläche.

Eine wohlbeleibte Dame mit weißer Schürze erwartete sie bereits. »Guten Morgen, ich bin Frau Gabler, die Haushälterin der Familie von Stetten. Kommen Sie herein. Ich zeige Ihnen, wo Sie anfangen können.«

Die beiden Handwerker, Vater und Sohn Fugga, folgten ihr in die Eingangshalle, die mit schwarz-weißen Terrazzofliesen ausgelegt war. Rechts und links von der Halle führte eine Rundtreppe mit geschnitztem Eichengeländer in den ersten Stock und vereinte sich oben in einer Galerie. Goldgerahmte Gemälde säumten die Wände auf beiden Seiten. Links von ihnen gab eine Flügeltür den Blick in eine holzgetäfelte Bibliothek frei. Frau Gabler führte sie zielstrebig hinein.

»Hier fangen Sie bitte an.«

»Äh, Frau Gabler, entschuldigen Sie bitte«, meldete sich Fugga der Ältere zu Wort. »Herr von Stetten hat uns lediglich beauftragt, die Heizungsrohre in den Bädern und in den Schlafzimmern auszutauschen. Von der Bibliothek ist in unserem Gespräch und bei der Begehung nie die Rede gewesen.«

»Das geht schon in Ordnung. Frau von Stetten möchte, dass die Heizungsrohre im gesamten Haus erneuert werden, und wünscht, dass Sie heute gleich mit der Bibliothek beginnen. Sie können ihr morgen die neue Kalkulation vorlegen. Ich habe in der Küche zu tun. Falls Sie etwas brauchen«, sie zeigte auf einen eierschalenfarbenen Telefonapparat, der neben der Bibliothekstür angebracht war, »da ist das Haustelefon. Wählen Sie die Nummer 2. Meine Herren.« Sie nickte ihnen zu und überließ die beiden Fuggas ihrem Schicksal.

Der Hausherr, Heinrich von Stetten, hatte in der Tat nur die vereinbarten Arbeiten durchführen lassen wollen, aber die Hausherrin, Frau von Stetten, hatte beschlossen, die Gelegenheit seiner zehntägigen Geschäftsreise zu nutzen, um die gesamte Anlage zu modernisieren. Frau Gabler, als langjährige Haushälterin der Familie bestens vertraut mit dem dominanten Charakter des Hausherrn, ahnte, dass es ein gewaltiges Donnerwetter geben würde, wenn dieser zurückkehrte und die Neuerungen in der Familienvilla entdeckte. Herr von Stetten liebte keine Alleingänge.

Davon ahnten die beiden Fuggas natürlich nichts. Sie stellten ihre schweren Koffer ab und sahen sich in der Bibliothek um. Der Raum war circa acht Meter lang, fünf Meter tief und genauso hoch. Wände und Decke waren mit Kassetten aus kostbarem Mahagoni ausgekleidet, die Regale ringsum bis unter die Decke mit ledergebundenen Folianten gefüllt. Eine Wendeltreppe aus Eisen führte auf eine Galerie, die nur auf der Fensterseite von zwei Rundbogenfenstern unterbrochen wurde. Zwischen den Fenstern befand sich der antike, mit einem Holzgitter verkleidete Radiator aus dem frühen 20. Jahrhundert. Vater und Sohn tauschten nach der Inspektion einen ratlosen Blick; sie wussten, sie saßen in der Tinte. Fugga der Ältere nahm seine Brille ab und putzte sie mit einem Taschentuch.

»Tja, mein Sohn. Zu früh gefreut. Da dachten wir, dies wäre ein gut bezahlter und einfacher Auftrag, den wir später als Referenz einsetzen könnten. Pustekuchen! Jetzt müssen wir die Decke aufbohren und unter dem Mahagoni-Gedöns den weiteren Verlauf der Heizungsrohre finden. Was machen wir mit den Büchern? Die sehen alt aus, und was alt ist, ist wertvoll. Ich glaube nicht, dass unsere Versicherung zahlt, wenn wir so einen alten Schinken anfassen und er uns unter den Fingern zerbröselt. Ich hole mir besser die Erlaubnis, dass wir die Regale ausräumen dürfen.« Resigniert schlurfte er zum Hausapparat.

Frau Gabler meinte lapidar, sie könnten die Bücher ruhig auf dem Perser ablegen, Frau von Stetten hätte nichts dagegen.

Also machten sich die beiden Fuggas tatkräftig ans Werk. Auftrag war Auftrag, und der hatte sich, der Größe des Hauses nach, soeben verfünffacht.

Sie wählten das Regal, das dem Radiator gegenüberlag, davon ausgehend, dass die Heizungsrohre logischerweise nicht im Zickzack über die Decke verliefen. Als sie die ersten Bücher hinter sich aufgestapelt hatten und die Rückwand zum Vorschein kam, stellten sie zu ihrem Entsetzen fest, dass das Regal nicht etwa nach hinten hin zur Mahagonivertäfelung offen war, sondern eine fest verschraubte Rückwand aus noch mehr Mahagoni besaß, die ebenfalls abgebaut werden musste. Nachdem das geschafft war, wischte sich Fugga der Jüngere mit dem Ärmel seines Arbeitskittels über die feuchte Stirn und stöhnte: »Ein Glück, dass wir nach Stunden bezahlt werden.«

»Ja, das ist der lukrativste Auftrag seit Langem. Aber auch der komplizierteste. Wie sollen wir das bloß in zehn Tagen schaffen?«, seufzte sein Vater, während er wieder mit seiner Brille spielte. »Geh du mal voraus in den Keller«, sagte er zu seinem Sohn, »und sieh dir die Heizungsanlage genauer an. Ich mache hier weiter.«

Der Vater legte sein Ohr an die Wand und klopfte die freigelegte Vertäfelung systematisch ab, bis er eine hohl klingende Stelle fand. Hier mussten die Heizungsrohre verlaufen! Er suchte einen Ansatzpunkt, um das kostbare Mahagoni aufzuhebeln, ohne es zu beschädigen. Vorsichtig setzte er sein flachstes Stemmeisen in der Ritze zwischen zwei Kassetten an. Endlich hatte er eine Kassette gelockert, hebelte sie heraus und leuchtete mit seiner Taschenlampe in die Öffnung.

Auf den ersten Blick sah es nach einer Nische aus, der zweite präsentierte ihm eine Überraschung: weit und breit keine Heizungsrohre, sondern Bücher, Bücher und nichts als Bücher. Er glaubte zunächst, an einer Halluzination zu leiden, dadurch ausgelöst, dass er sich in einem Raum voller Bücher befand und die letzte Stunde nichts anderes geschleppt hatte. Die Nische war ungefähr bis zur Hälfte gefüllt. Merkwürdig fand er das schon, dass sich die Bände nicht in den offenen Regalen befanden, sondern dahinter versteckt. Um sich keinerlei Ärger einzuhandeln, pendelte er erneut zum Hausapparat und drückte die Nummer 2.

Es dauerte ungefähr drei Minuten, bis die Haushälterin etwas außer Atem erschien und die Fugga’sche Entdeckung in Augenschein nahm. Frau Gabler wurde daraufhin blass wie Hefeteig. Sie persönlich hatte es zwar immer für ein Gerücht gehalten, aber anscheinend hatten die Handwerker genau das gefunden, wonach der Hausherr seit Jahrzehnten suchte! Im selben Moment kehrte der junge Fugga, verstaubt und mit Spinnweben im Haar, zurück.

Sein Anblick ließ Frau Gabler missbilligend die Miene verziehen. »Bitte die Herren, bleiben Sie hier und rühren Sie nichts an. Ich sehe nach, ob Frau von Stetten schon auf ist«, ordnete sie an. Dann eilte sie, so gut sie es auf ihren von Krampfadern gepeinigten Beinen vermochte, die Freitreppe nach oben, durchquerte den langen Korridor, dessen dicker Teppich ihre Schritte verschluckte, und klopfte an die letzte Tür des Ganges.

»Kommen Sie herein, Alma«, antwortete eine leise, kultivierte Stimme.

Frau Gabler hatte die Räume ihrer Arbeitgeberin oft genug betreten, dennoch nahm sie auch heute die Anmut des Raumes gefangen. Es war, als würde man in die Märchenwelt aus Tausendundeiner Nacht eintauchen. Der Vater der Hausherrin, Senator Hohenkamp, war früh verwitwet, und Evelyn war sein einziges Kind geblieben. Der Senator war lange Jahre als Botschafter in verschiedenen Ländern des Mittleren Ostens tätig gewesen. Wie die meisten Männer seiner Generation konnte er nicht viel mit kleinen Mädchen anfangen und überließ die Erziehung seiner Tochter den diversen Hauslehrern, aber vor allem dem arabischen Kindermädchen Fatimah. Fatimah konnte zwar kaum lesen und noch weniger schreiben, dafür quoll sie von mystischen Märchen über. Für ein von Natur aus schwärmerisch veranlagtes Kind wie Evelyn waren die Mysterien des Orients unwiderstehlich, was sich nunmehr in ihren persönlichen Räumen widerspiegelte. Prunkstück des Zimmers war ein Baldachinbett. Außer dem Bett und dem Frisiertisch enthielt der Raum keine Möbel, bis auf zwei Sandelholztischchen, auf denen jeweils eine Venusorchidee in einem Muranogefäß blühte. Die Wände waren mit Trompe-l’œil-Motiven bemalt worden, die die perfekte Illusion eines Harems schufen. Der orientalische Stil neigt meist zu schwülstiger Übertreibung und ist nicht jedermanns Sache – vor allen Dingen nicht die ihres Gatten –, doch Evelyn von Stetten hatte es verstanden, den Zauber des Orients einzufangen, ohne den Raum zu überladen.

Die Baronin war bereits auf und trug einen ihrer antiken Kaftane. Sie saß vor ihrem Frisiertisch und bürstete sich die blonden Haare, die ihr in weichen Wellen bis auf die Schultern fielen.

»Entschuldigen Sie die frühe Störung, aber es ist wegen der Handwerker«, erklärte Frau Gabler näher tretend.

»Ja, ich habe die Türglocke gehört. Haben sie in der Bibliothek begonnen?«

»Darum bin ich hier. Die Herren sind da auf etwas gestoßen. Also sie haben eine Menge alter Bücher gefunden.«

»Aber Alma. Was sollen die Herren in einer mehr als zweihundert Jahre alten Bibliothek denn anderes finden als alte Bücher?«, antwortete Frau von Stetten sanft, bemüht, sich keinerlei Unmut anmerken zu lassen. Frau Gabler diente der Familie von Stetten bereits seit mehr als fünfunddreißig Jahren treu und ergeben. Dass sie selbst in Kürze sechzig Jahre werden würde, ignorierte die Baronin gerne. Evelyn von Stetten hatte sich ihre Figur mit eiserner Disziplin bewahrt. Auch ihr Spiegelbild strafte ihr Alter Lügen, es zeigte das Bild einer gepflegten Frau mit feinen Gesichtszügen. Der sensible Mund und der seit dem Unfalltod ihres ältesten Sohnes Alexander leicht melancholische Ausdruck in ihren Augen intensivierten noch ihre mädchenhafte Erscheinung. Leider kämpfte ihr empfindsames Gemüt seit Alexanders Tod gegen die Dämonen der Depression an, und sie hatte deshalb bereits zwei längere Aufenthalte in einer exklusiven Klinik hinter sich.

»Entschuldigen Sie, Frau Baronin. Ich meinte, dass die Herren die Mahagoniverkleidung abgenommen haben. Dahinter haben sie eine versteckte Nische voller alter Bücher gefunden. Das ist alles ganz furchtbar staubig da drinnen«, fügte sie hinzu.

»Oh«, entfuhr es Evelyn von Stetten, der die Nachricht sichtlich nicht behagte. Seit Jahren hatte sie ihrem Mann in den Ohren gelegen, bis er endlich zugestimmt hatte, Teile der noch aus dem ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts stammenden, veralteten Heizung erneuern zu lassen. Ihm war jede noch so kleine Veränderung in dem Haus, das sich seit über zweihundert Jahren im Besitz seiner Familie befand, zuwider. Heinrich von Stetten liebte die vertrauten nächtlichen Geräusche des Hauses, in dem er aufgewachsen war, gab aber am Ende den Klagen seiner Frau nach, die das nächtliche Gurgeln der Rohre um den Schlaf brachte. »Also gut, Alma. Dann wollen wir uns das einmal anschauen.« Mit beiden Händen strich Evelyn kurz über ihren bodenlangen Kaftan. Dann folgte sie der vor ihr her trabenden Haushälterin nach unten.

Dort begrüßte sie mit einem kurzen Nicken die beiden Fuggas und wandte sich sogleich dem Fund in der freigelegten Nische zu. Beflissen sprang der ältere Fugga herbei und leuchtete mit der Taschenlampe hinein. Er hatte inzwischen zwei weitere Kassetten herausgelöst, sodass die Baronin einen uneingeschränkten Blick in die Öffnung werfen konnte. Reihen von Büchern stapelten sich darin. Sie griff nach einem der Bände. Es war eine Ausgabe der Luther-Bibel von 1529, wie sie der Prägung an der Innenseite entnahm. Gedankenverloren reichte sie das Buch an Frau Gabler weiter, die ein Tuch aus ihrer Schürze gezogen hatte und die Bibel umgehend vom feindlichen Staub befreite.

Währenddessen hatte die Baronin ein weiteres Buch herausgezogen. Es war eine Erstausgabe mit dem Titel Cautio Criminalis, jedoch war kein Verfasser angegeben. Aber sie fand eine Widmung mit Datum: Ein Friedrich Spee von Langenfeld schenkte das Buch 1632 jemandem, dessen Namen sie nicht entziffern konnte. Nach zwei weiteren Bänden wusste sie, dass sie genug gesehen hatte.

Evelyn von Stetten hatte zu lange mit einem von antiken Büchern und Manuskripten besessenen Mann zusammengelebt, um nicht zu erkennen, dass der Fund außergewöhnlich war. Womöglich handelte es sich hier sogar um einen Teil des angeblich verschollenen Familienschatzes. Immer wieder hatten Mitglieder der Familie von Stetten aufgrund eines hartnäckigen Familiengerüchts nach dem Schatz geforscht. Unvermittelt überkam die Baronin eine Welle der Heiterkeit. Welch Ironie des Schicksals, dass der sagenumwobene Schatz, der in den Fantasien der Erzähler von Generation zu Generation zu einem wahren Berg prachtvoller Edelsteine, Gold- und Silbermünzen angewachsen war, sich jetzt womöglich als ein Haufen verstaubter Bücher entpuppte!

Allerdings konnte Evelyn sich niemanden vorstellen, der weniger darüber enttäuscht wäre, dass es sich um einen Schatz des Wissens handelte, als ihren Mann. Diese verschollene Bibliothek war das magische Camelot Heinrich von Stettens. Wenn sie ihm jetzt von dem Fund berichtete, würde er sofort in sein Flugzeug steigen und zurückkommen. Nachdenklich kaute sie auf ihrer Unterlippe. Mit seinen beinahe siebzig Jahren leitete Heinrich von Stetten als Mehrheitsaktionär und Vorstandsvorsitzender das Familienunternehmen, das unter anderem in der Rüstungsindustrie tätig war und sich besonders durch seine präzise Lenkwaffentechnologie weltweit einen Namen gemacht hatte und von Regierungsaufträgen profitierte.

Plötzlich hatte Evelyn die rettende Eingebung. Sie wusste, wen sie anrufen konnte. Sie wandte sich an die beiden Fuggas: »Meine Herren, wir lassen die Arbeiten in der Bibliothek vorerst ruhen. Ich schlage vor, Sie machen in den Räumen meines Mannes im Obergeschoss weiter. Frau Gabler wird Ihnen den Weg zeigen. Alma, wären Sie bitte so freundlich?«, wandte sie sich an ihre Haushälterin.

Die beiden Fuggas packten ihre Werkzeuge zusammen. Sie schickten sich eben an, der Haushälterin zu folgen, als Frau von Stetten sie zurückhielt: »Meine Herren, eines noch. Ich bitte Sie, hierüber Stillschweigen zu wahren. Der Fund betrifft allein die Familie von Stetten, und ich wünsche nicht, dass ein Wort darüber dieses Haus verlässt. Sie haben einen lukrativen Auftrag erhalten. Ich hoffe, wir verstehen uns, Herr Fugga?« Dem alten Fugga, der glaubte, in seinem Leben noch nie einer so beeindruckenden Frau begegnet zu sein, schnürte es die Kehle zu. Er brachte nur ein Nicken zustande. Allzu gut hatte er verstanden, dass ihm die sagenhafte Baronin soeben auf elegante Weise die Pistole auf die Brust gesetzt hatte.

Allerdings wusste er, dass er wegen dieser Angelegenheit ein ernstes Wort mit seinem Sohn reden musste. Er war an sich ein guter Junge und neigte nicht zu Prahlereien – wenn er nüchtern war.

 

Frau von Stetten schloss die Tür, nahm den tragbaren Telefonhörer auf und wählte eine der eingespeicherten Nummern. Die freundliche Stimme eines jungen Mannes meldete sich.

»Grüß Gott, hier ist Evelyn von Stetten. Könnte ich bitte den Bischof sprechen, es ist dringend.«

»Einen Moment, bitte.« Sie wurde sofort verbunden, im Büro war selbstverständlich bekannt, dass es sich bei der Anruferin um die Schwägerin des Bischofs handelte.

»Was gibt es denn so Wichtiges, meine Liebe?«, meldete sich eine angenehm jovial klingende Stimme.

»Grüß dich, Franz. Ich brauche deine Hilfe«, erklärte seine Anruferin ohne Umschweife. Und dann schilderte sie ihm ihr Dilemma.

 

Zwei Stunden später fuhr der Bischof von Bamberg, der unverzüglich seinen gesamten Terminplan umgeworfen hatte, in einem dunklen Mercedes vor. Seine Schwägerin erwartete ihn bereits ungeduldig auf der Freitreppe und geleitete ihn sofort in die Bibliothek.

Bischof Franz von Stetten, der die Leidenschaft für Bücher mit seinem älteren Bruder Heinrich teilte, nahm eine erste Sichtung des Fundes vor und war sofort von der Vielfalt und der Qualität der Werke elektrisiert. Eine Kostbarkeit nach der anderen zog er hervor, darunter eine Vielzahl wissenschaftlicher Abhandlungen, angefangen vom 11. bis ins 18. Jahrhundert. Zitternd vor Aufregung thronte er inmitten der Folianten auf dem Teppich und konnte sich kaum entscheiden, welches der Werke er als Nächstes aufschlagen sollte.

Etwas war dem Bischof aber gleich aufgefallen: Die meisten der Bücher hatten zur Zeit ihrer Veröffentlichung auf dem kirchlichen Index gestanden, ihr Besitz war als Ketzerei und Häresie angeprangert und nicht selten mit dem Tode bestraft worden. Von einigen anderen hatte er noch nie gehört. Ob es sich hier um die letzten Exemplare verschollener Werke handelte, die dem Feuer der Ignoranz seinerzeit entkommen waren? Eines war jedoch klar: In seiner Gesamtheit stellte dieser Fund tatsächlich einen unermesslichen Schatz dar. Zwei besonders dicke Bände entpuppten sich als Attrappen. Er fand darin ein jeweils 30 x 20 cm großes, verschlossenes Kistchen aus gehämmertem Blech. Ihr Inhalt war schwer und klimperte. Vermutlich Münzen. Da er auf Anhieb die Schlüssel dazu nicht entdecken konnte, stellte er sie zunächst beiseite. Ihn interessierten ohnehin viel mehr die Bücher. Auch die lederne Karte eines fernen Landes, die aus einem der Bücher rutschte, legte er beiseite.

Nachdem er stundenlang in den kostbaren Schriften geschwelgt hatte, rief er nach seiner Schwägerin und unterbreitete ihr eine Idee, die in ihm herangereift war: Da sein Bruder Heinrich in weniger als sechs Wochen seinen 70. Geburtstag feierte, würde er, Franz, alle Bücher aus dem Versteck mitnehmen, katalogisieren und am Morgen des Geburtstages zurückkehren und ihm präsentieren. Die Freude über den kostbaren Fund würde bei seinem Bruder so groß sein, dass er seiner Frau das eigenmächtige Handeln bei der Sanierung stante pede nachsehen würde.

Erwartungsgemäß war Evelyn von dem Plan sehr angetan. Gemeinsam verstauten sie die Bücher in mehreren eilends herbeigebrachten Weinkisten, die sie mit Decken auslegten, um die wertvolle Fracht zu schützen, und packten sie in den Kofferraum des Mercedes.

Zum Schluss holte der Bischof noch die beiden verschlossenen Blechbehälter aus der Bibliothek und deponierte sie neben sich auf dem Beifahrersitz. Er verabschiedete sich von seiner Schwägerin mit den Worten, dass sie sich keine Sorgen machen solle und er sich in den nächsten Tagen telefonisch bei ihr melden würde.

Vom Schlafzimmer des Hausherrn aus beobachtete Fugga der Jüngere interessiert den Abtransport der Bücher durch einen Geistlichen. Dass es sich um den Bischof von Stetten handelte, wusste er nicht. Ihm fielen die beiden Schatullen auf, die der Mann zum Schluss einlud. Angeregt durch den Fund des geheimen Verstecks, der in seinem ansonsten ohne besondere Vorkommnisse dahinplätschernden Leben einen Höhepunkt darstellte, dazu die Ermahnung der schönen Baronin, Stillschweigen zu wahren, assoziierte der junge Handwerker in seiner Fantasie die beiden Behälter mit Schatzkistchen und stellte sich vor, dass sie Gold und Juwelen enthielten.

 

Zwei Tage später, im Gasthof »Zum Bierkutscher«, geschah es:

Fugga der Jüngere trank über seinen Durst hinaus und gab eine haarsträubende, mit Halbwahrheiten gespickte Geschichte vom Fund eines wertvollen Schatzes in der Villa von Stetten zum Besten.

Da die meisten der Anwesenden den gutmütigen Handwerker seit Kindertagen kannten, nahm ihn auch heute Abend niemand so richtig ernst. Fast wäre seine Vorstellung, wie seine früheren Fantastereien, im bierselig aufsteigenden Dunst der ewigen Stammtischweisheiten verpufft. Fast. Denn ausgerechnet an diesem Abend war ein junger Reporter von seiner Freundin zum wiederholten Male versetzt worden und ertränkte seinen Liebeskummer im Bierkutscher. Nun ließ der Mann den noch halb vollen Humpen sinken, warf hastig ein paar Münzen auf den Tisch und verließ das Gasthaus ungeplant nüchtern.

 

Am übernächsten Morgen erschien ein kleiner Artikel mit dem Titel Ein verschollener Schatz im Hause der Familie von Stetten? in den Nürnberger Nachrichten. Mehr gab die Geschichte nach Meinung des Ressortleiters nicht her, da sie keinerlei Quellenüberprüfung vornehmen und sie sich nur auf die Aussagen des jungen Handwerkers und eine alte Legende stützen konnten, die man sich bis heute im Nürnberger Raum erzählte: dass ein Mitglied der Familie von Stetten einen Schatz beiseitegeschafft haben sollte.

Ein Anruf des Chefredakteurs in der Villa von Stetten ergab, dass Frau von Stetten die ganze Angelegenheit als lächerlich abtat und selbstverständlich dementierte.

Zunächst hatte der Artikel jedoch unangenehme Folgen für den Handwerksbetrieb Fugga, der bereits fünf Minuten nach dem Anruf des Chefredakteurs bei Evelyn von Stetten seinen Auftrag verlor. Die Baronin hielt immer, was sie versprach.

Auch im fernen Rom widmete sich jemand mit Interesse dem Artikel über den angeblichen Fund eines Schatzes im Hause von Stetten. Besonderes Augenmerk galt dabei jener Notiz, dass ein Geistlicher diesen abtransportiert hatte …

MAKING OF »Die Seelenfischer«

von Hanni Münzer

»Viele Menschen verbinden mit dem Urlaub ihre schönsten Erinnerungen. Wir auch. Darum sind wir vor ein paar Jahren gleich da geblieben …

Mittelitalien hatte es uns angetan, genauer gesagt die Marken – ein göttliches Fleckchen Erde, 35 km westlich der Hafenstadt Ancona im Landesinneren gelegen.
Unser kleines Bergbauerndorf liegt eingebettet in eine zauberhafte Landschaft. Wie ein Adlerhorst  klammert es sich an einen steil aufragenden Hügel und überblickt von dort das gesamte Tal.
Hier, am Rande des Dorfes haben wir uns, mein Mann und ich, in ein altes Natursteinhaus verliebt. Es ist umgeben von  Zypressen, Obst- und Walnussbäumen – und mächtigen Flüsterpappeln, die meiner Meinung nach etwas zu laut flüstern, aber einen Tod muss man sterben.

Dieser Landstrich hat sich noch seine Ursprünglichkeit bewahrt, die Menschen sind herzlich und nehmen einen wie alte Freunde in ihre Gemeinschaft auf. Kein Nachbar, der nicht selbst einige Flaschen Wein keltert oder garantiert einen Cucino oder Nonno hat, der dies tut und Sie auf ein Gläschen Wein einlädt.

Auf einer dieser spontanen Weinproben, Gott sei es gedankt, ich war noch bedingt aufnahmefähig, kam ich mit Nonna Albertina, der weit über neunzigjährigen Großmutter unseres nachbarlichen Gastgebers ins Gespräch. Da ich ihr Nuscheln kaum verstand, sie aber merkte, welch interessierte Zuhörerin sie an Land gezogen hatte, holte sie mir zu Ehren ihr Gebiss hervor – das sie, wie sie mir mit einem verschmitzten Lächeln verriet -, nur äußerst selten trug.

Von Nonna Albertina hörte ich – garniert mit einiger Spucke – zum ersten Mal von den geheimnisvollen Geschichten, die sich um das alte Herrenhaus aus dem 12. Jahrhundert in der Nähe des Dorfes Santo Stefano di Sessanio rankten.
Ursprünglich war das Haus auf den Ruinen eines römischen Kastells erbaut worden. Ein deutsches Ehepaar hatte das halb verfallene Haus 1979 erworben und komplett restauriert, aber bereits ein Jahr später überstürzt wieder verkauft. Angeblich, und hier wurde ich sehr hellhörig und schlagartig nüchtern, weil es dort spuke! Seitdem habe es noch zweimal den Besitzer gewechselt, richtig glücklich wurde wohl niemand damit. Aktuell gehöre es einem nicht namentlich bekannten deutschen Industriellen. Ein Notar habe seinerzeit alle Formalitäten des Ankaufes erledigt.

Ein Spukschloss in der Nähe?
Feuer und Flamme begann ich sofort tiefer zu schürfen. Man trug mir verschiedene Versionen zu über den Niedergang der ehemaligen Besitzer, des mächtigen Adelsgeschlechts der di Stefanos. Fünfhundert Jahre lang hatten sie die Geschicke Roms und Italiens mitbestimmt. Ende des 18. Jahrhunderts waren sie dann sang- und klanglos in der Versenkung verschwunden. Desweiteren hörte ich von geheimen Zusammenkünften eines durch den damaligen Papst verbotenen Ordens. Ein verbotener Orden Ende des 18. Jahrhunderts? Konnte es sich um den sagenumwobenen Jesuitenorden handeln, der 1773 verboten worden war?
Bis heute gilt es als eine der merkwürdigsten Begebenheiten der Kirchengeschichte: Das Verbot des Jesuitenordens durch Papst Clemens XIV.
Ein weiteres Gerücht besagt, dass angeblich die drei erwachsenen Kinder des letzten Grafen di Stefano damals spurlos verschwunden wären, die Gräber in der Familiengruft leer. Zuletzt tauchte sogar das Gerücht von einem Schatz auf, der in der Burg versteckt sein soll.

Was hatte ich? Eine ehemalige Burg, in der es spuken sollte und geheime Zusammenkünfte stattfanden, leere Gräber und spurlos verschwundene Familienmitglieder, und vielleicht sogar ein versteckter Schatz!

Das ist der Stoff, aus dem Geschichten entstehen. Diese liegt nun vor Ihnen.«

Leseprobe »Die Seelenfischer«

Prolog

Rom 1773

Der Mann stand am Fenster, die Arme auf dem Rücken verschränkt, und sah auf den sich leerenden Hof hinab. Dort unten schien sich jeder zu beeilen, noch vor Einbruch der Dunkelheit eine schützende Zuflucht zu erreichen. Er quittierte das Gewimmel mit einem abfälligen Lächeln, das seine scharf gemeißelten Züge noch härter erscheinen ließ. Diese Menschen waren für ihn nichts weiter als Drohnen, einfältige Schafe, die der Führung der von Gott auserwählten Hirten bedurften. Männern wie ihm. Wie sonst hätte er seine herausragende Position erreichen können, wenn nicht durch Gottes Fügung und seinen speziellen Segen?

Ein Diener hatte soeben die Kerzen entzündet, und ihr flackernder Schein warf düstere Schatten auf die hohen Wände.

Hinter sich hörte der Mann das Geräusch von Ledersandalen. Die Schritte verrieten ihm, dass der Ankömmling den Raum nur zögerlich betrat. Das entlockte ihm ein weiteres zynisches Lächeln. Er verachtete die Menschen für die Furcht, die sie vor ihm hatten.

»Nun, was habt Ihr mir zu berichten, Bruder Domenico? Habt Ihr die Namen der Frau und ihrer Mitverschwörer?«, fragte er beiläufig, ohne seinen Beobachtungsposten am Fenster zu verlassen.

»Ehrwürdiger Vater, verzeiht mir, aber wir konnten nichts aus der Frau herausbringen.« Die Stimme des Mannes zitterte kaum merklich.

»Warum belästigt Ihr mich dann?«

»Wir sind vielleicht auf einen Hinweis gestoßen, dass es sich bei dem Pergament nicht um das Original handelt, sondern nur um eine Abschrift. Wenn dem so ist, dann ist es eine meisterliche Fälschung. Zur Stunde lasse ich es von kundigen Brüdern überprüfen.« Der Mann hatte seine Worte hastig und mit devotem Eifer hervorgestoßen.

»Ich wünsche über jegliches Ergebnis sofort informiert zu werden, egal zu welcher Stunde. Inzwischen setzt Ihr die Befragung der Frau fort. Sie ist ein schwaches Weib, sie wird reden. Ich will bis morgen wissen, woher die geheimen Kirchendokumente stammen, die sie bei sich trug. Kommt erst wieder, wenn Ihr mit Ergebnissen aufwarten könnt. Ihr seid entlassen.« Ungeduldig, seinem Besucher weiter den Rücken zugewandt, wedelte er mit der Hand, als ob er eine lästige Fliege verscheuchen wollte. Durch die Bewegung brach sich das unstete Kerzenlicht auf dem funkelnden Rubin seiner Rechten, verstärkte sein Leuchten um ein Vielfaches und ließ ihn wie einen Blutstropfen aufblitzen. Für einen winzigen Moment schien der Raum gleichsam wie in Feuer getaucht. Bruder Domenico, der kurz den Kopf gehoben hatte, sah darin ein schreckliches Omen. Ergeben verharrte er an seinem Platz.

Unwillig wandte sich der Mann am Fenster nun doch nach ihm um. »Was will Er denn noch?«, fuhr er ihn herrisch an.

»Ehrwürdiger Vater, ich bin untröstlich, aber es ist uns nicht möglich, Eurem Wunsche zu entsprechen«, stieß der Mann mit gesenktem Kopf hervor. Nicht nur seine Stimme, sondern sein gesamter Körper bebte jetzt.

»Warum?«, fragte die harte Stimme gedehnt. Er war es gewohnt, dass seine Befehle unverzüglich ausgeführt wurden.

Nur mit Mühe formten Bruder Domenicos kalte Lippen die verhängnisvolle Antwort, die, wie er wusste, auch sein Schicksal besiegelte: »Weil die Frau tot ist.«

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Die Schauplätze der »Seelenfischer«-Reihe in Rom

Über Hanni Münzer

Hanni Münzer, in Wolfratshausen geboren, lebt heute mit Mann und Hund in Oberbayern. Ihre Romane „Honigtot“ und „Marlene“ wurden beide Spiegel-Besteller und fanden in 14 Ländern bisher über 700.000 Leser. „Die Seelenfischer“ ist der großartige Auftakt ihrer neuen vierbändigen Reihe.

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