Hanni Münzer
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Der neue große Roman von Hanni Münzer

Der zweite Band der »Schmetterlinge«-Reihe der Spiegel-Bestsellerautorin.

Donnerstag, 20. September 2018 von Piper Verlag


Hanni Münzer ist eine der erfolgreichsten Autorinnen Deutschlands. Nach Stationen in Seattle, Stuttgart und Rom lebt Hanni Münzer heute mit ihrem Mann in Oberbayern. Mit ihrer »Seelenfischer«-Reihe und der »Honigtot«-Saga erreichte sie ein Millionenpublikum und eroberte die Bestsellerlisten.

Mit »Unter Wasser kann man nicht weinen« wird ab Oktober 2018 bei Piper ihre »Schmetterlinge«-Reihe im Taschenbuch weitergeführt.

Honigtot. Signierte Buchausgabe

Roman

Wie weit geht eine Mutter, um ihre Kinder zu retten?Wie weit geht eine Tochter, um ihren Vater zu rächen?Wie kann eine tiefe, alles verzehrende Liebe die Generationen überdauern und alte Wunden heilen? Als sich die junge Felicity auf die Suche nach ihrer Mutter macht, stößt sie dabei auf ein quälendes Geheimnis ihrer Familiengeschichte. Ihre Nachforschungen führen sie zurück in das dunkelste Kapitel unserer Vergangenheit und zum dramatischen Schicksal ihrer Urgroßmutter Elisabeth und deren Tochter Deborah. Ein Netz aus Liebe, Schuld und Sühne umfing beide Frauen und warf über Generationen einen Schatten auf Felicitys eigenes Leben.

Elisabeth hatte ein schlechtes Gewissen. Sie war viel zu spät dran. Ihr Gatte würde sich längst Sorgen machen. Zu ihrem Ärgernis hatte sie bei ihrer Rückkehr aus Dießen zusätzlich feststellen müssen, dass die Straßen Münchens zwischenzeitlich fast vollständig gesperrt worden waren.

Das Dienstmädchen hatte die Tür kaum geöffnet, da eilte ihr Mann ihr bereits im Flur ihrer weitläufigen Wohnung am Prinzregentenplatz mit langen Schritten entgegen, dicht gefolgt von Dackel Felix.

»Servus, Gustav!«, begrüßte sie ihn betont lebhaft. »Verzeih, ich bin spät dran, aber auf den Straßen ist vielleicht etwas los, die Männer spielen wieder Militär. Und was glaubst du, wem ich heute begegnet bin! Diesem Mann, um den alle so ein Spektakel machen. Wie hieß er noch gleich? Hudler?«

Sie kam gerade noch dazu, Ottilie, dem Mädchen, Schirm und Handschuhe zu überlassen, als ihr Mann sie bereits an den Schultern packte und heftig in seine Arme riss. Erschüttert verharrte Elisabeth in seiner Umklammerung. Ihr Mann war ja völlig außer Fassung! So hatte sie ihn noch nie erlebt.

Der angesehene Arzt und die junge, aufstrebende Opernsängerin, gebürtig aus Wien, waren freilich auch erst seit wenigen Monaten verheiratet. Zwischen ihrer ersten Begegnung und der Hochzeit hatte kein Monat gelegen. In den Salons der feinen Gesellschaft hatte es deshalb einiges Gerede gegeben – eine so kurze Verlobungszeit bot reichlich Stoff für Spekulationen. Doch Elisabeth und Gustav war das einerlei gewesen. Nicht einen Tag länger hatten sie aufeinander warten wollen.

Elisabeth war eine temperamentvolle Person, doch haftete ihr auch jene Form der Impulsivität an, die an nervöse Unruhe grenzt. Von einem Hunger angetrieben, von dem sie selbst nicht wusste, wie sie ihn je stillen sollte, war sie mit atemberaubender Geschwindigkeit durchs Leben gejagt und hatte dabei die Substanz des Lebens kaum gestreift – bis zu jenem denkwürdigen Tag, an dem sie Gustav begegnet war und im selben Moment der Faszination seiner ruhigen Persönlichkeit erlag. Behutsam hatte Gustav Elisabeths Lebensstrudel nach und nach das Tempo genommen.

Trotzdem war Elisabeth immer noch Elisabeth. Es gab Eskapaden und Unpünktlichkeiten, doch Gustav begegnete ihnen stets mit jener Nachsicht, die einhergeht mit jungem Eheglück, gepaart mit dem Gleichmut des zwanzig Jahre Älteren.

Aus diesem Wissen um Gustavs Unerschütterlichkeit resultierte Elisabeths Schrecken. Etwas Schlimmes musste geschehen sein! Seine Aufregung konnte nicht allein ihrer verspäteten Heimkehr geschuldet sein. Rasch rekapitulierte sie in Gedanken den Ablauf ihres Ausflugs.

Wie regelmäßig alle zwei Wochen hatte sie sich bei Auto-Sixt in der Seitzstraße einen Mercedes-Benz mit Chauffeur bestellt, um ihrer Mutter, der Witwe Frau Maria Kasegger, einen zweitägigen Besuch abzustatten. Sie bewohnte ein kleines Haus in Dießen am Ammersee. Elisabeth hatte das Haus, das knapp zwei Stunden Autofahrt von München lag, von ihren ersten Gagen für sie erworben. Bis auf ein wenig Rheuma erfreute sich Frau Kasegger bester Gesundheit.

Nach dem Frühstück heute Morgen hatten sie und ihre Mutter einen langen Spaziergang am Ufer des Ammersees unternommen. Nach dem gemeinsamen Mittagessen mit anschließendem Kaffee war Elisabeth dann zur vereinbarten Zeit von ihrem Chauffeur abgeholt worden.

Elisabeth stammte aus einfachen Verhältnissen. Über ihren Vater gab es nicht viel zu berichten, außer dass er ein Pechvogel bei all seinen Unternehmungen gewesen war.

Es war im Jahre 1910, Elisabeth war gerade zehn Jahre alt, als er seine vom Vater geerbte Schuhmacherwerkstatt samt Wohnhaus in der Theresienstraße an einen windigen Spekulanten verloren hatte. Die Familie war gezwungen gewesen, in ein enges und feuchtes Quartier außerhalb der Stadtmauern Wiens zu ziehen.

Meister Kasegger für seinen Teil gehörte freilich zu jenen Zeitgenossen, die über eine gehörige Portion des ganz besonderen Wiener Charmes verfügten. Man konnte ihm einfach nicht zürnen, und die beiden Damen seines Haushalts liebten ihn über alle Maßen. Meister Kasegger selbst war es nicht mehr beschieden, die Erfolge seiner Tochter mitzuerleben: 1914 war er einer der Ersten gewesen, die sich begeistert den kaiserlichen Truppen angeschlossen hatten, um den feigen Mord am österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand zu rächen. Und er gehörte dann auch zu den Ersten, die ihr Leben für das Vaterland ließen. Wie gesagt, er war ein Pechvogel.

Auf der Rückfahrt von Dießen nach München hatte Elisabeth ein menschliches Bedürfnis überkommen, welches wohl dem wässrigen Kaffee der Mutter geschuldet war. Und so hatte sie überlegt, nochmals umzukehren respektive Ausschau zu halten nach einem anständigen Gasthaus, als ihr eingefallen war, dass ihre Freundin, Helga Putzinger, ein kleines Bauernhaus in Utting besaß. Es lag fast auf dem Weg. Ihres Wissens war Helga in letzter Zeit sehr oft dort. Elisabeth hatte beschlossen, es einfach zu versuchen.

Die beiden jungen Frauen kannten sich erst seit einem halben Jahr, waren sie doch zur gleichen Zeit Schülerinnen der Gesangspädagogin Lilli Lehmann in München gewesen. Helga und Elisabeth, beinahe im gleichen Alter, hatten sich auf der Stelle miteinander angefreundet, gleichwohl sie äußerlich wie auch vom Temperament her kaum unterschiedlicher hätten sein können: Helga war groß und blond, ihr Wesen überlegt und ausgeglichen; Elisabeth hingegen war klein und zart wie ein Sperling, mit schwarz glänzendem Haar und von quirliger Lebendigkeit.

Natürlich lernte Elisabeth bald auch Helgas Ehegatten Bubi kennen. In Bubis Taufschein stand der Name Egon, doch den Bubennamen wurde er sein Lebtag nicht mehr los – obwohl Elisabeth tatsächlich niemals jemanden getroffen hatte, auf den diese Verniedlichung weniger gepasst hätte. Alles an Bubi schien zu groß geraten: Hände, Füße, Nase, Kopf. Dazu war er massig wie ein Stier und recht laut, mit der Tendenz zur Rüpelhaftigkeit. Allerdings spielte er wunderschön und mit Leidenschaft Klavier. Elisabeth, selbst eine vortreffliche Pianistin, fand auf der musikalischen Ebene schnell eine verwandte Seele in Bubi.

Elisabeth und Gustav waren einmal an einem Sonntag beim Ehepaar Putzinger in Utting eingeladen gewesen. Zwar hatte Gustav nicht denselben Zugang zu Bubi gefunden wie seine Frau, doch er musste eingestehen, dass Helgas Mann äußerst belesen und gebildet war. Er entstammte einer alteingesessenen Münchner Familie, die unter anderem einen Kunstverlag ihr Eigen nannte. Das hatte Bubi Putzinger ermöglicht, im Ausland, an der Universität von Harvard, ein Studium zu absolvieren. Nach dem Studium hatte er einige Jahre in New York gelebt und die dortige Kunsthandlung geführt, welche sich im Familienbesitz befand.

Die beiden Herren hatten an jenem Nachmittag bei einer Zigarre am Kamin ein angeregtes Gespräch geführt und dabei auch über den unglücklichen Nichtschwimmer König Ludwig II. konferiert, da Bubi sich mit der Absicht trug, ein Buch über ihn zu schreiben.

Als Elisabeth nun in ihrer Not bei ihrer Freundin in Utting anlangte, war das Glück auf ihrer Seite: Helga war am Tag zuvor mit ihrem kleinen Sohn, Egon junior, und dem Hausmädchen aus München angereist. Voller Freude über das unerwartete Zusammentreffen hatte sie ihre Freundin auf einen echten Bohnenkaffee eingeladen.

Die beiden Damen schickten den Chauffeur in ein nahe gelegenes Gasthaus und verbrachten einen gemütlichen Nachmittag zusammen, der alsbald in den Abend überging.

Bekanntlich wird es im November früh dunkel, doch als die Standuhr im Esszimmer plötzlich sieben Uhr schlug, erschrak Elisabeth. Helgas Hausmädchen wurde eiligst zum Gasthof geschickt, um Elisabeths Fahrer zu benachrichtigen.

Helga war just dabei gewesen, ihre Freundin davon zu überzeugen, dass es klüger sei, wenn Elisabeth über Nacht bei ihr in Utting bliebe, da klopfte es energisch an der Tür.

In der Annahme, es sei Elisabeths Fahrer, öffnete die Dame des Hauses selbst und sah sich unvermittelt einer Gruppe schmutziger Männer gegenüber. Sie schienen erschöpft und blickten nervös um sich.

Wenn Helga sich über den Männerbesuch wunderte, so zeigte sie es nicht, sondern wahrte Contenance.

Später würde Helga Elisabeth erzählen, dass sie sofort gewusst hatte, dass etwas Schreckliches geschehen war, sonst hätte ihr Mann sie tags zuvor nicht ohne Erklärung mit dem kleinen Egon aus München fortgeschickt.

Elisabeth hingegen, die sich nur für wenig interessierte, das sich außerhalb ihrer musikalischen Welt abspielte – schon gar nicht für rauchgeschwängerte Männerangelegenheiten wie Republik, Politik und so weiter (all dies empfand sie als uninspirierend) –, war bar jeglicher Ahnung. Wenn es den Ausdruck weltfremd nicht schon gegeben hätte, für Elisabeth hätte er erfunden werden müssen.

Der Anführer der kleinen nervösen Schar war blass, unrasiert und trug einen schmuddeligen Trenchcoat. Trotz alldem bat ihn Helga ausgesucht höflich herein. Ein weiterer Mann stellte sich selbst als Dr. Schultz vor. Der Rest der Truppe sagte nichts und verteilte sich wachsam vor der Tür.

Da Elisabeth in Eile war und ihr Chauffeur überdies zur gleichen Zeit mit dem Wagen vorgefahren kam, blieb es bei einer flüchtigen Vorstellung. Elisabeth war freilich aufgefallen, dass der Mann im Trenchcoat an der Schulter verletzt zu sein schien.

Bei seinem Anblick hatte Elisabeth plötzlich ein merkwürdiges Gefühl von Flucht überkommen. Sie hatte sich daher in geradezu unziemlicher Hast von Helga verabschiedet, deren Aufmerksamkeit zu diesem Zeitpunkt jedoch in Gänze den merkwürdigen Besuchern galt.

Ihr Mann Gustav schob sie nun auf Armeslänge von sich und unterbrach Elisabeths Gedankengang. Verständnislos fragte er nach: »Was hast du gerade gesagt, Elisabeth? Wen hast du heute getroffen?« Dabei führte er sie in den Salon und schloss die Türen.

Da erzählte ihm Elisabeth alles: Dass sie nach ihrem Besuch bei ihrer Mutter noch in Utting bei Helga gewesen war und dort jenen blassen Österreicher getroffen habe, dessen Name ihr entfallen war.

»Mein Gott!«, rief Gustav und wurde noch blasser, fast schüttelte er seine Frau, die er immer noch an den Armen gepackt hielt. »Das war der Hitler! Du hast Adolf Hitler getroffen. Ganz München sucht den Mann! Dieser Verbrecher hat gestern versucht, gegen die Regierung zu putschen. Und jetzt versteckt er sich bei den Putzingers?«

»Ach, darum überall die Straßensperren. Das war ein grässlicher Hindernislauf hierher, Gustav. Darum bin ich auch so spät, wir mussten …«

»Das ist doch jetzt nicht wichtig, Elisabeth«, unterbrach Gustav seine Frau, was er sonst niemals tat. »Wichtig ist, dass du jetzt da bist und dir nichts passiert ist. Es hat viele Tote gegeben. Ich bin vor Sorge um dich beinahe verrückt geworden. Jetzt brauche ich erst einmal einen Cognac. Dann erzähle ich dir alles.«

Nachdem er sich eingeschenkt und einen Schluck genommen hatte, sagte Gustav eindringlich: »Hör mir zu, Elisabeth. Du darfst niemandem erzählen, dass du den Mann heute gesehen hast, und vor allem nicht, wo. Es ist schlimm genug, dass er Helga und Bubi da mit hineingezogen hat. Ich will mit diesem Mann nichts zu tun haben. Er ist gefährlich.«

Danach berichtete ihr Gustav von den weitreichenden Ereignissen, wie sie sich am Abend zuvor, nämlich am 08. November 1923, in München zugetragen hatten.

Anführer einer aufstrebenden Partei in Bayern hatten vom Münchner Bürgerbräukeller aus einen Putschversuch unternommen. Am nächsten Mittag waren die Putschisten durch die Stadt marschiert und an der Feldherrnhalle am Odeonsplatz durch regierungstreue Truppen gestoppt worden. Dabei hatte es fast zwei Dutzend Tote gegeben.

Die Revolution war gescheitert, der Anführer und seine Mitstreiter befanden sich auf der Flucht.

Noch immer stand Gustav im Bann der ungeheuerlichen Ereignisse. Ein Putsch, um die bayerische Regierung zu stürzen! Kein Wunder, dass München zur Stunde einem brodelnden Kessel kurz vor dem Überkochen glich; überall in der Stadt wurde fieberhaft nach den flüchtigen Revolutionären gefahndet.

Den an dem vereitelten Putsch ebenfalls beteiligten General Ludendorff, einen verdienstvollen Helden des Ersten Weltkriegs, hatte man bereits im vollen Ornat seiner kaiserlichen Uniform in Gewahrsam genommen.

Um des Rädelsführers habhaft zu werden, setzte der bayerische Ministerpräsident und seit Kurzem Generalstaatskommissar, Ritter von Kahr, die volle Wucht der ihm zur Verfügung stehenden Staatsmacht ein. Von Kahr hatte es mehr als nur persönlich genommen, dass Hitler ihn stundenlang im Bürgerbräukeller festgehalten, gedemütigt und schließlich mit vorgehaltener Pistole dazu gezwungen hatte, sein schriftliches Einverständnis zur Bildung einer neuen Regierung zu geben, die Deutschland aus Not und Schmach erretten sollte.

Dabei war der Mann noch nicht einmal Deutscher, sondern Österreicher! Soll er doch Österreich retten und die Finger von den Deutschen lassen, hatte Gustav erbost ergänzt.

Kaum dass Gustav seine Elisabeth über die schockierenden nächtlichen Ereignisse unterrichtet hatte, schlug die Haustürglocke an.

Ottilie, das Hausmädchen, öffnete und verkündete sodann, dass der Herr Doktor zu einer dringenden Geburt gerufen werde. Sie ergänzte noch wichtig: »Steißlage.« Ottilie pflegte einen guten Kontakt zur Hebamme des Bezirks. Sie nahm überhaupt an allem und jedem Anteil, gefragt oder ungefragt, und man konnte sie daher getrost als eine Art inoffizielle Kolumnistin des Viertels bezeichnen.

Nun schlüpfte der Doktor in seinen Mantel, den die beflissene Ottilie neben dem Arztkoffer schon für ihn bereithielt. Zuletzt setzte er sich den Hut auf und eilte – nach einem flüchtigen Kuss für die Gattin – davon, um einer werdenden Mutter beizustehen.

 

Der Doktor kehrte erst am frühen Morgen zurück, bleich, müde und mit dunklen Bartstoppeln. Es war tatsächlich eine Steißgeburt gewesen, eine Mühsal für jeden Arzt, allerdings nie so sehr wie für die werdende Mutter.

Darum kam das Thema der fehlgeschlagenen Revolution erst am nächsten Tag wieder zur Sprache; der Doktor hatte nach kaum zwei Stunden Schlaf in die Praxis gemusst, während die Dame des Hauses noch ruhte. Nun traf man sich zum gemeinsamen Mittagsmahl im Speisesalon.

Zum Missfallen seiner Gattin rührte Gustav dieses kaum an, sondern verschwand sogleich hinter seiner Pflichtlektüre, den Münchner Neuesten Nachrichten. Gustavs Freund Fritz Gerlich fungierte seit 1920 als deren Chefredakteur.

Selbstverständlich waren der Putschversuch und die Suche nach dem Flüchtigen der Aufmacher des Tages. Gleich neben dem Leitartikel prangte das blasse Konterfei des Revolutionärs. Das entdeckte Elisabeth aber erst, als ihr Gatte die erste Seite umschlug und somit vollständig hinter der Zeitung abtauchte.

Sie schmollte ein wenig, weil er der Lektüre mehr Aufmerksamkeit als dem Essen widmete, ganz zu schweigen von ihrer entzückenden Präsenz. Sie hatte sich heute besonders für ihn zurechtgemacht und sah geradezu bezaubernd aus, wie Ottilie ihr beigepflichtet hatte, in ihrem maßgeschneiderten blauen Tageskleid, das ihre zarten Konturen perfekt zur Geltung brachte.

Nun, da sie das Bild erkannt hatte, wusste sie, wie sie die ungeteilte Aufmerksamkeit ihres Gatten auf sich lenken konnte.

Mit ihrer melodischen Stimme rief sie über die Zeitung hinweg: »Sieh an, da ist er ja, Gusterl, dort auf dem Titel. Der Mann, den ich gestern Abend bei Helga getroffen habe. Wirklich, ich verstehe einfach nicht, was alle für ein Spektakel um diesen Mann veranstalten. Ich fand ihn absolut fad. Und stell dir vor, nicht einmal rasiert war der! Ein kleiner Mann. Ottilie hält auch nichts von ihm. Wirklich, man sollte doch mehr auf die Stimme des Volkes hören. Die haben ein Gespür für so etwas.«

Die erzielte Wirkung war sensationell. Gustav zuckte zusammen, als hätte man ihn angeschossen. Die Zeitung entglitt seinen Fingern. Bei dem Versuch, sie mit einer schwungvollen Handbewegung doch noch zu fassen zu bekommen, stieß er seine fast volle Kaffeetasse vom Tisch.

Felix, der Dackel, der wie immer unter dem Tisch gelauert hatte, sprang jaulend von dannen und roch noch zwei Tage später nach Kaffee. Gustav indes ignorierte sowohl das Malheur als auch den Dackel.

Er starrte Elisabeth über den Tisch hinweg an. »Um Himmels willen, Elisabeth! Du hast doch hoffentlich nicht Ottilie verraten, dass du den Mann gestern gesehen hast?« Mit Entsetzen dachte Gustav an Ottilies Zunge, die sich an jeder Nachricht wetzte. Wenn bekannt würde, dass seine Frau den Hitler in persona getroffen hatte – nicht auszudenken, welche Folgen dies hätte in diesen unruhigen Zeiten! Fieberhaft überlegte er, wie viele Leute wussten, dass seine Frau eng mit Helga Putzinger befreundet war. Im Geiste sah Gustav bereits ein Dutzend von Kahrs Gendarmen sein Haus stürmen.

Die besondere Verbindung von Bubi Putzinger zu Adolf Hitler war hinreichend bekannt. Bubi hatte Hitler sogar zum Paten des kleinen Egon gemacht! Gustav wusste, dass Putzinger an die politische Zukunft jenes Mannes glaubte und den österreichischen Exgefreiten mit großem Einsatz förderte. So war es ihm in kurzer Zeit gelungen, Hitler in die Münchner bürgerliche Prominenz einzuführen, die die Politik des ehemaligen Wiener Obdachlosen mit großzügigen Parteispenden und egoistischen Hintergedanken finanzierte. Mehr und mehr füllte Bubi dabei die Rolle des inoffiziellen Pressesprechers Hitlers aus. Er brüstete sich sogar damit, dem Hitler die Idee mit den Fackelmärschen suggeriert zu haben, weil er als Student in Harvard selbst erlebt hatte, wie imposant und effektvoll sie in ihrer Wirkung sein konnten.

Und er hatte das Kunststück zuwege gebracht, vorgestern im Bürgerbräukeller, also inmitten des wütenden Putsches, eine spontane Pressekonferenz für die anwesenden ausländischen Berichterstatter, vornehmlich Amerikaner, abzuhalten. Das hatte Gustav am Morgen ein Patient zugetragen, der eine unangenehme nächtliche Begegnung mit einer flüchtenden SA-Rotte gehabt hatte.

Elisabeth, glücklich, die uneingeschränkte Aufmerksamkeit ihres Gatten errungen zu haben, gab zwitschernd noch einmal ihre kurze Begegnung im Haus der Putzingers zum Besten. Dabei konnte sie der Versuchung nicht widerstehen, das Ganze mit der ihr angeborenen Theatralik auszuschmücken, indem sie das zufällige Zusammentreffen verlängerte, Helgas umsichtiges Handeln betonte und deren besonderen Mut herausstellte: »Also, das eine weißt, Gusterl. Ich hätte mich vor so vielen schmutzigen Männern am Abend garantiert gefürchtet.« Als sie ihren Bericht beendet hatte und ihrem Gatten mit einem Lächeln signalisierte, wie sehr es sie freute, unvermittelt ins Zentrum eines wichtigen Geschehens geraten zu sein, hatte dieser große Mühe, an sich zu halten. Am liebsten hätte er seine Gattin wie einen Pflaumenbaum geschüttelt. Schließlich waren die Revolutionäre bewaffnet, überaus gefährlich und aufs Schärfste verfolgt. Und darum zu allem fähig. Elisabeth, die berühmte Sopranistin, hätte leicht als ihre Geisel enden können. Solcherlei Bedenken wären Elisabeth jedoch selbst niemals gekommen.

Dies war der Augenblick, in dem Gustav das erste Mal die Befürchtung beschlich, ob er sich in seiner Rolle als Professor Higgins aus Pygmalion nicht ein wenig überschätzt hatte.

Von Anfang an hatte Gustav um die heiteren Schwächen Elisabeths gewusst, die zwar eine schöne Seele besaß, die aber noch einer bedachten Formung bedurfte – eine Aufgabe, zu der er sich berufen gefühlt hatte. Aber Elisabeth war nicht Eliza, das Blumenmädchen.

Gustav stellte sich nun die späte Frage, ob er ein ewiges Kind von dreiundzwanzig Jahren geheiratet hatte. Äußerlich eine wunderschöne junge Frau, innerlich jedoch rührend unschuldig – ein kleines Mädchen, das geliebt und gelobt werden wollte. Er warf seine gesamte Liebe in die Waagschale, um sich jetzt nicht in Adjektiven wie blauäugig oder gar töricht im Zusammenhang mit dem wahrlich bezaubernden Geschöpf an seiner Seite zu ergehen.

Aber er hielt Elisabeth nun einen ernsthaften Vortrag, dessen Quintessenz nur allzu rasch im Kopf seiner Gattin verblasste. Da er aber sehr viele Worte wie gefährlich, sich vorsehen, nicht mehr allein ausfahren et cetera beinhaltete, verstand Elisabeth dessen praktische Auswirkung sehr wohl. Es bedeutete, dass Gustav im Begriff stand, ihre persönliche Freiheit einzuschränken!

Das gefiel Elisabeth gar nicht, hatte sie doch ihren neuen Habitus als verheiratete Frau und die damit einhergehenden Eigenständigkeiten schätzen gelernt.

Als junge, unmündige Stipendiatin war sie im Mozarteum stets an der kurzen Leine gehalten worden. Bei ihren ersten Karriereschritten hatte ihr das Kollegium einen Beobachter zur Seite gestellt, den der Stiftungsrat dazu auserkoren hatte, all ihre Bewegungen zu überwachen. Der Mann war ihr tatsächlich auf Schritt und Tritt gefolgt. Dies war ihr sehr lästig gewesen, zudem er in seinem schäbigen Anzug einen recht unangenehmen Geruch verbreitet und Elisabeth deshalb ständig einen großen Vorrat an Parfüm mit sich herumgetragen hatte. Immerhin hatte man nach ihren ersten Erfolgen weitere Finanzmittel aufgebracht, die es erlaubten, dass ihre Mutter Maria, die lediglich eine kleine Kriegerwitwenrente bezog, sie fortan als Anstandsdame begleiten durfte.

Für ihre gottesfürchtige Mutter war die aufregende und hektische Welt der Oper, in die sie durch ihre Tochter geraten war, kaum je fassbar geworden. In langem Rock und mit wollenem Schultertuch wartete sie wie das Versatzstück einer vergessenen Aufführung hinter den Kulissen. Ungläubig betrachtete sie die vielen Menschen, die grell geschminkt und oft nur leicht bekleidet zwischen den einzelnen Akten achtlos an ihr vorüberhasteten. Aber sie äußerte nie ein Wort des Tadels, bewunderte ihre Tochter und genoss das stille Glück, mit ihr vereint zu sein.

Wenn es also um ihre persönlichen Freiheiten ging, so reagierte Elisabeth durchaus empfindlich. Es fehlte wahrlich nicht viel, und der erste Streit hätte das junge Eheglück getrübt.

Aber wie die Musik war auch Spontaneität eine Gottesgabe. Elisabeth war eine Meisterin in dieser Disziplin. Einem jähen Impuls folgend, sprang sie auf, lief um den Tisch herum zu ihrem Gatten und legte ihm beide Arme um den Hals. Ihren schmalen Kopf fest an seine Wange gedrückt, gurrte sie: »Ach, mein Liebster, lass uns nicht länger über diese schrecklichen Dinge sprechen. Wiederholungen machen die Dinge nur beim Üben besser, sagt mein Impresario immer. Ich kann schließlich nichts dafür, dass dieser Hudler zu der Helga wollte. Schau, ich versprech dir ganz fest, dass ich nie mehr ohne das lange Hanserl als Begleitung ausgehen werde. Alles gut?« Gustav atmete den süßen Duft ihrer Haut, notierte im Geiste zerstreut, dass sie den richtigen Namen des Mannes schon wieder vergessen hatte, und streckte die Waffen.

Ein anschließender Kuss auf die Wange ihres Gatten glättete die Wogen gänzlich, trotzdem sah sich Gustav bemüßigt nachzusetzen: »Es ist gut, Elisabeth. Aber vergiss nicht, dass du mir versprochen hast, niemandem ein Wort darüber zu verraten, dass du gestern in dem Haus in Utting gewesen bist. Und schon gar kein Wort zu Ottilie. Ich spreche mit Helga. Sie wird verstehen, dass ich solcherlei in diesen unruhigen Zeiten für gefährlich halte. Vor allem solange dieser Hitler auf der Flucht ist. Gut, dass dich Helga unter meinem Namen vorgestellt hat.«

Dann fiel ihm noch etwas ein: »Dieser Chauffeur, hat er etwas bemerkt?«

Wo andere in eine Denkerpose verfielen, zog Elisabeth nur ihre entzückende Nase kraus. »Ich denke nicht. Ich bin mir ziemlich sicher, dass der Wagen erst in den Hof gefahren kam, als die Herren schon im Flur standen. Da hat er, wenn überhaupt, bestenfalls den Hinterkopf gesehen. Um ihn brauchst du dir keine Gedanken zu machen, mein Gusterl. Soll ich dir jetzt etwas auf dem Pianoforte vorspielen?«

Nur einen Tag später, am 11. November, stürmte Ottilie in die Küche. Bertha stand am Herd, Hans saß am Tisch und reparierte den lockeren Griff einer Pfanne.

»Jessas!«, verkündete Ottilie ihre triumphalen Neuigkeiten, die sie vom Wochenmarkt mitgebracht hatte. »Jetzt hams’n g’schnappt, den feinen Herrn Hitler. Bei den Putzingers hat er sich versteckt, in Utting draußen. Im Schlafanzug und Frotteemantel vom Hausherrn ham’sen ab’gführt. Des hätt ich gern g’sehn, wo der Herr Putzinger doch mindestens einen halben Meter höher und breiter is als des halbe G’stell. Ein Wachtmeister aus Utting war’s, zamm mit dreißig Polizisten aus München. Ich weiß gar net, wozu es für den Heini so viele Polizisten brauchen dat.« Ottilie verpasste ihrem Hans eine liebevolle Kopfnuss und ergänzte: »Jetzt ko sich dein Bruder Franz aber warm anziehen. Hoffentlich sperrn’s die beiden Depp’n in dieselbe Zelln, dann können’s zamm marschieren und singen.«

Die Politik im Allgemeinen und der Hitler im Besonderen rückten dann sehr schnell in den Hintergrund. Wenige Tage später stellte sich heraus, dass Elisabeth ein Kind erwartete, und das, obwohl der Doktor eigentlich wusste, wie man aufpasst.

Die Eheleute hatten bei ihrer Hochzeit das Thema Kinder mit einer für jene Zeit ungewöhnlichen Offenheit besprochen – denn der Doktor wusste um die Ängste und Nöte einer Gebärenden und kannte die Komplikationen einer Geburt.

Man konnte die Ansichten des Doktors daher getrost als modern bezeichnen, wenn er die Meinung vertrat, dass eine Mutter die Anzahl ihrer Kinder selbst bestimmen sollte und ebenso den Zeitpunkt, wann sie sich selbst für diese Verantwortung bereit fühlte.

Das Paar hatte daher den durchaus vorhandenen Kinderwunsch bewusst auf einen späteren Zeitpunkt gelegt. Aber manchmal entwickeln sich die Dinge ja bekanntlich anders als geplant.

Damit hatten sich Mailand, La Traviata und die Violetta vorerst erledigt.

Die »Schmetterlinge«-Reihe

Der erste Band der »Schmetterlinge«-Reihe, »Solange es Schmetterlinge gibt«, erschien im Juli 2017 im Programm des Eisele Verlags. Ab Oktober 2018 wird die Reihe bei Piper mit dem zweiten Band, »Unter Wasser kann man nicht weinen«, weitergeführt. 

Band 1 - »Solange es Schmetterlinge gibt«

Es ist leicht, in der Sonne zu tanzen. Es im Regen zu tun – das ist die Kunst.  

Nach einem Schicksalsschlag hat sich Penelope weitgehend von der Außenwelt zurückgezogen. Dass Glück und Liebe noch einmal in ihr Leben zurückkehren, wagt sie nicht mehr für möglich zu halten. Doch dann lernt sie die über achtzigjährige Trudi Siebenbürgen kennen – eine faszinierende Frau mit einer geheimnisvollen Vergangenheit. Auch ihr neuer Nachbar Jason spielt seine ganz eigene Rolle auf Penelopes neuem Weg. Und langsam lernt Penelope, dass die Welt voller Wunder ist, für den, der sie sieht.  

„Herzschmerz pur!“ GONG

»Ein wortwörtlich „liebevoller“ Roman, der uns Gänsehaut beschert und Herzen heilt, eine starke Geschichte samt zauberhafter Charaktere, die wir auch nach dem Ende kaum gehen lassen wollen!« Karla Paul, ARD Büffet  

»Ein Buch wie eine beste Freundin. Wunderbar geschrieben, kraftvoll und mit viel Seele und Herz.« Für Sie

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Unter Wasser kann man nicht weinenUnter Wasser kann man nicht weinen

Roman

Das größte Abenteuer ist die Liebe …In ihrem Roman »Unter Wasser kann man nicht weinen« erzählt Bestseller-Autorin Hanni Münzer die ebenso emotionale wie faszinierende Geschichte von Jason Samuel aus »Solange es Schmetterlinge gibt« fort.Sie kennen sich seit gemeinsamen Kindertagen: Jason, Stephen und dessen kleine Schwester Emily. Diese unbeschwerten Tage sind lange vorbei, als Jason zur Hochzeit seines Freundes Stephen nach Los Angeles fliegt. Doch Stephen erscheint nicht am Flughafen; der Meeresbiologe ist wie vom Erdboden verschluckt. An welcher bahnbrechenden Erfindung hatte Stephen gearbeitet? Wie weit sind seine Gegner bereit zu gehen? Bald muss sich Jason nicht nur um Stephens Schicksal sorgen, sondern auch um die junge und impulsive Emily. Die kleine Rebellin steckt schon wieder kopfüber in Schwierigkeiten. Während Jason alles riskiert, um Stephen und Emily zu helfen, muss er sich eingestehen, dass er mehr als nur freundschaftliche Gefühle für seine Kindheitsgefährtin Emily hegt ...»Münzers Bücher haben eine Botschaft.« Die Welt
Die »Seelenfischer«-Reihe
MAKING OF »Die Seelenfischer«

von Hanni Münzer

»Viele Menschen verbinden mit dem Urlaub ihre schönsten Erinnerungen. Wir auch. Darum sind wir vor ein paar Jahren gleich da geblieben …

Mittelitalien hatte es uns angetan, genauer gesagt die Marken – ein göttliches Fleckchen Erde, 35 km westlich der Hafenstadt Ancona im Landesinneren gelegen.
Unser kleines Bergbauerndorf liegt eingebettet in eine zauberhafte Landschaft. Wie ein Adlerhorst  klammert es sich an einen steil aufragenden Hügel und überblickt von dort das gesamte Tal.
Hier, am Rande des Dorfes haben wir uns, mein Mann und ich, in ein altes Natursteinhaus verliebt. Es ist umgeben von  Zypressen, Obst- und Walnussbäumen – und mächtigen Flüsterpappeln, die meiner Meinung nach etwas zu laut flüstern, aber einen Tod muss man sterben.

Dieser Landstrich hat sich noch seine Ursprünglichkeit bewahrt, die Menschen sind herzlich und nehmen einen wie alte Freunde in ihre Gemeinschaft auf. Kein Nachbar, der nicht selbst einige Flaschen Wein keltert oder garantiert einen Cucino oder Nonno hat, der dies tut und Sie auf ein Gläschen Wein einlädt.

Auf einer dieser spontanen Weinproben, Gott sei es gedankt, ich war noch bedingt aufnahmefähig, kam ich mit Nonna Albertina, der weit über neunzigjährigen Großmutter unseres nachbarlichen Gastgebers ins Gespräch. Da ich ihr Nuscheln kaum verstand, sie aber merkte, welch interessierte Zuhörerin sie an Land gezogen hatte, holte sie mir zu Ehren ihr Gebiss hervor – das sie, wie sie mir mit einem verschmitzten Lächeln verriet -, nur äußerst selten trug.

Von Nonna Albertina hörte ich – garniert mit einiger Spucke – zum ersten Mal von den geheimnisvollen Geschichten, die sich um das alte Herrenhaus aus dem 12. Jahrhundert in der Nähe des Dorfes Santo Stefano di Sessanio rankten.
Ursprünglich war das Haus auf den Ruinen eines römischen Kastells erbaut worden. Ein deutsches Ehepaar hatte das halb verfallene Haus 1979 erworben und komplett restauriert, aber bereits ein Jahr später überstürzt wieder verkauft. Angeblich, und hier wurde ich sehr hellhörig und schlagartig nüchtern, weil es dort spuke! Seitdem habe es noch zweimal den Besitzer gewechselt, richtig glücklich wurde wohl niemand damit. Aktuell gehöre es einem nicht namentlich bekannten deutschen Industriellen. Ein Notar habe seinerzeit alle Formalitäten des Ankaufes erledigt.

Ein Spukschloss in der Nähe?
Feuer und Flamme begann ich sofort tiefer zu schürfen. Man trug mir verschiedene Versionen zu über den Niedergang der ehemaligen Besitzer, des mächtigen Adelsgeschlechts der di Stefanos. Fünfhundert Jahre lang hatten sie die Geschicke Roms und Italiens mitbestimmt. Ende des 18. Jahrhunderts waren sie dann sang- und klanglos in der Versenkung verschwunden. Desweiteren hörte ich von geheimen Zusammenkünften eines durch den damaligen Papst verbotenen Ordens. Ein verbotener Orden Ende des 18. Jahrhunderts? Konnte es sich um den sagenumwobenen Jesuitenorden handeln, der 1773 verboten worden war?
Bis heute gilt es als eine der merkwürdigsten Begebenheiten der Kirchengeschichte: Das Verbot des Jesuitenordens durch Papst Clemens XIV.
Ein weiteres Gerücht besagt, dass angeblich die drei erwachsenen Kinder des letzten Grafen di Stefano damals spurlos verschwunden wären, die Gräber in der Familiengruft leer. Zuletzt tauchte sogar das Gerücht von einem Schatz auf, der in der Burg versteckt sein soll.

Was hatte ich? Eine ehemalige Burg, in der es spuken sollte und geheime Zusammenkünfte stattfanden, leere Gräber und spurlos verschwundene Familienmitglieder, und vielleicht sogar ein versteckter Schatz!

Das ist der Stoff, aus dem Geschichten entstehen. Diese liegt nun vor Ihnen.«

Die Schauplätze der »Seelenfischer«-Reihe in Rom
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Roman

Wie weit geht eine Mutter, um ihre Kinder zu retten?Wie weit geht eine Tochter, um ihren Vater zu rächen?Wie kann eine tiefe, alles verzehrende Liebe die Generationen überdauern und alte Wunden heilen? Als sich die junge Felicity auf die Suche nach ihrer Mutter macht, stößt sie dabei auf ein quälendes Geheimnis ihrer Familiengeschichte. Ihre Nachforschungen führen sie zurück in das dunkelste Kapitel unserer Vergangenheit und zum dramatischen Schicksal ihrer Urgroßmutter Elisabeth und deren Tochter Deborah. Ein Netz aus Liebe, Schuld und Sühne umfing beide Frauen und warf über Generationen einen Schatten auf Felicitys eigenes Leben.

Elisabeth hatte ein schlechtes Gewissen. Sie war viel zu spät dran. Ihr Gatte würde sich längst Sorgen machen. Zu ihrem Ärgernis hatte sie bei ihrer Rückkehr aus Dießen zusätzlich feststellen müssen, dass die Straßen Münchens zwischenzeitlich fast vollständig gesperrt worden waren.

Das Dienstmädchen hatte die Tür kaum geöffnet, da eilte ihr Mann ihr bereits im Flur ihrer weitläufigen Wohnung am Prinzregentenplatz mit langen Schritten entgegen, dicht gefolgt von Dackel Felix.

»Servus, Gustav!«, begrüßte sie ihn betont lebhaft. »Verzeih, ich bin spät dran, aber auf den Straßen ist vielleicht etwas los, die Männer spielen wieder Militär. Und was glaubst du, wem ich heute begegnet bin! Diesem Mann, um den alle so ein Spektakel machen. Wie hieß er noch gleich? Hudler?«

Sie kam gerade noch dazu, Ottilie, dem Mädchen, Schirm und Handschuhe zu überlassen, als ihr Mann sie bereits an den Schultern packte und heftig in seine Arme riss. Erschüttert verharrte Elisabeth in seiner Umklammerung. Ihr Mann war ja völlig außer Fassung! So hatte sie ihn noch nie erlebt.

Der angesehene Arzt und die junge, aufstrebende Opernsängerin, gebürtig aus Wien, waren freilich auch erst seit wenigen Monaten verheiratet. Zwischen ihrer ersten Begegnung und der Hochzeit hatte kein Monat gelegen. In den Salons der feinen Gesellschaft hatte es deshalb einiges Gerede gegeben – eine so kurze Verlobungszeit bot reichlich Stoff für Spekulationen. Doch Elisabeth und Gustav war das einerlei gewesen. Nicht einen Tag länger hatten sie aufeinander warten wollen.

Elisabeth war eine temperamentvolle Person, doch haftete ihr auch jene Form der Impulsivität an, die an nervöse Unruhe grenzt. Von einem Hunger angetrieben, von dem sie selbst nicht wusste, wie sie ihn je stillen sollte, war sie mit atemberaubender Geschwindigkeit durchs Leben gejagt und hatte dabei die Substanz des Lebens kaum gestreift – bis zu jenem denkwürdigen Tag, an dem sie Gustav begegnet war und im selben Moment der Faszination seiner ruhigen Persönlichkeit erlag. Behutsam hatte Gustav Elisabeths Lebensstrudel nach und nach das Tempo genommen.

Trotzdem war Elisabeth immer noch Elisabeth. Es gab Eskapaden und Unpünktlichkeiten, doch Gustav begegnete ihnen stets mit jener Nachsicht, die einhergeht mit jungem Eheglück, gepaart mit dem Gleichmut des zwanzig Jahre Älteren.

Aus diesem Wissen um Gustavs Unerschütterlichkeit resultierte Elisabeths Schrecken. Etwas Schlimmes musste geschehen sein! Seine Aufregung konnte nicht allein ihrer verspäteten Heimkehr geschuldet sein. Rasch rekapitulierte sie in Gedanken den Ablauf ihres Ausflugs.

Wie regelmäßig alle zwei Wochen hatte sie sich bei Auto-Sixt in der Seitzstraße einen Mercedes-Benz mit Chauffeur bestellt, um ihrer Mutter, der Witwe Frau Maria Kasegger, einen zweitägigen Besuch abzustatten. Sie bewohnte ein kleines Haus in Dießen am Ammersee. Elisabeth hatte das Haus, das knapp zwei Stunden Autofahrt von München lag, von ihren ersten Gagen für sie erworben. Bis auf ein wenig Rheuma erfreute sich Frau Kasegger bester Gesundheit.

Nach dem Frühstück heute Morgen hatten sie und ihre Mutter einen langen Spaziergang am Ufer des Ammersees unternommen. Nach dem gemeinsamen Mittagessen mit anschließendem Kaffee war Elisabeth dann zur vereinbarten Zeit von ihrem Chauffeur abgeholt worden.

Elisabeth stammte aus einfachen Verhältnissen. Über ihren Vater gab es nicht viel zu berichten, außer dass er ein Pechvogel bei all seinen Unternehmungen gewesen war.

Es war im Jahre 1910, Elisabeth war gerade zehn Jahre alt, als er seine vom Vater geerbte Schuhmacherwerkstatt samt Wohnhaus in der Theresienstraße an einen windigen Spekulanten verloren hatte. Die Familie war gezwungen gewesen, in ein enges und feuchtes Quartier außerhalb der Stadtmauern Wiens zu ziehen.

Meister Kasegger für seinen Teil gehörte freilich zu jenen Zeitgenossen, die über eine gehörige Portion des ganz besonderen Wiener Charmes verfügten. Man konnte ihm einfach nicht zürnen, und die beiden Damen seines Haushalts liebten ihn über alle Maßen. Meister Kasegger selbst war es nicht mehr beschieden, die Erfolge seiner Tochter mitzuerleben: 1914 war er einer der Ersten gewesen, die sich begeistert den kaiserlichen Truppen angeschlossen hatten, um den feigen Mord am österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand zu rächen. Und er gehörte dann auch zu den Ersten, die ihr Leben für das Vaterland ließen. Wie gesagt, er war ein Pechvogel.

Auf der Rückfahrt von Dießen nach München hatte Elisabeth ein menschliches Bedürfnis überkommen, welches wohl dem wässrigen Kaffee der Mutter geschuldet war. Und so hatte sie überlegt, nochmals umzukehren respektive Ausschau zu halten nach einem anständigen Gasthaus, als ihr eingefallen war, dass ihre Freundin, Helga Putzinger, ein kleines Bauernhaus in Utting besaß. Es lag fast auf dem Weg. Ihres Wissens war Helga in letzter Zeit sehr oft dort. Elisabeth hatte beschlossen, es einfach zu versuchen.

Die beiden jungen Frauen kannten sich erst seit einem halben Jahr, waren sie doch zur gleichen Zeit Schülerinnen der Gesangspädagogin Lilli Lehmann in München gewesen. Helga und Elisabeth, beinahe im gleichen Alter, hatten sich auf der Stelle miteinander angefreundet, gleichwohl sie äußerlich wie auch vom Temperament her kaum unterschiedlicher hätten sein können: Helga war groß und blond, ihr Wesen überlegt und ausgeglichen; Elisabeth hingegen war klein und zart wie ein Sperling, mit schwarz glänzendem Haar und von quirliger Lebendigkeit.

Natürlich lernte Elisabeth bald auch Helgas Ehegatten Bubi kennen. In Bubis Taufschein stand der Name Egon, doch den Bubennamen wurde er sein Lebtag nicht mehr los – obwohl Elisabeth tatsächlich niemals jemanden getroffen hatte, auf den diese Verniedlichung weniger gepasst hätte. Alles an Bubi schien zu groß geraten: Hände, Füße, Nase, Kopf. Dazu war er massig wie ein Stier und recht laut, mit der Tendenz zur Rüpelhaftigkeit. Allerdings spielte er wunderschön und mit Leidenschaft Klavier. Elisabeth, selbst eine vortreffliche Pianistin, fand auf der musikalischen Ebene schnell eine verwandte Seele in Bubi.

Elisabeth und Gustav waren einmal an einem Sonntag beim Ehepaar Putzinger in Utting eingeladen gewesen. Zwar hatte Gustav nicht denselben Zugang zu Bubi gefunden wie seine Frau, doch er musste eingestehen, dass Helgas Mann äußerst belesen und gebildet war. Er entstammte einer alteingesessenen Münchner Familie, die unter anderem einen Kunstverlag ihr Eigen nannte. Das hatte Bubi Putzinger ermöglicht, im Ausland, an der Universität von Harvard, ein Studium zu absolvieren. Nach dem Studium hatte er einige Jahre in New York gelebt und die dortige Kunsthandlung geführt, welche sich im Familienbesitz befand.

Die beiden Herren hatten an jenem Nachmittag bei einer Zigarre am Kamin ein angeregtes Gespräch geführt und dabei auch über den unglücklichen Nichtschwimmer König Ludwig II. konferiert, da Bubi sich mit der Absicht trug, ein Buch über ihn zu schreiben.

Als Elisabeth nun in ihrer Not bei ihrer Freundin in Utting anlangte, war das Glück auf ihrer Seite: Helga war am Tag zuvor mit ihrem kleinen Sohn, Egon junior, und dem Hausmädchen aus München angereist. Voller Freude über das unerwartete Zusammentreffen hatte sie ihre Freundin auf einen echten Bohnenkaffee eingeladen.

Die beiden Damen schickten den Chauffeur in ein nahe gelegenes Gasthaus und verbrachten einen gemütlichen Nachmittag zusammen, der alsbald in den Abend überging.

Bekanntlich wird es im November früh dunkel, doch als die Standuhr im Esszimmer plötzlich sieben Uhr schlug, erschrak Elisabeth. Helgas Hausmädchen wurde eiligst zum Gasthof geschickt, um Elisabeths Fahrer zu benachrichtigen.

Helga war just dabei gewesen, ihre Freundin davon zu überzeugen, dass es klüger sei, wenn Elisabeth über Nacht bei ihr in Utting bliebe, da klopfte es energisch an der Tür.

In der Annahme, es sei Elisabeths Fahrer, öffnete die Dame des Hauses selbst und sah sich unvermittelt einer Gruppe schmutziger Männer gegenüber. Sie schienen erschöpft und blickten nervös um sich.

Wenn Helga sich über den Männerbesuch wunderte, so zeigte sie es nicht, sondern wahrte Contenance.

Später würde Helga Elisabeth erzählen, dass sie sofort gewusst hatte, dass etwas Schreckliches geschehen war, sonst hätte ihr Mann sie tags zuvor nicht ohne Erklärung mit dem kleinen Egon aus München fortgeschickt.

Elisabeth hingegen, die sich nur für wenig interessierte, das sich außerhalb ihrer musikalischen Welt abspielte – schon gar nicht für rauchgeschwängerte Männerangelegenheiten wie Republik, Politik und so weiter (all dies empfand sie als uninspirierend) –, war bar jeglicher Ahnung. Wenn es den Ausdruck weltfremd nicht schon gegeben hätte, für Elisabeth hätte er erfunden werden müssen.

Der Anführer der kleinen nervösen Schar war blass, unrasiert und trug einen schmuddeligen Trenchcoat. Trotz alldem bat ihn Helga ausgesucht höflich herein. Ein weiterer Mann stellte sich selbst als Dr. Schultz vor. Der Rest der Truppe sagte nichts und verteilte sich wachsam vor der Tür.

Da Elisabeth in Eile war und ihr Chauffeur überdies zur gleichen Zeit mit dem Wagen vorgefahren kam, blieb es bei einer flüchtigen Vorstellung. Elisabeth war freilich aufgefallen, dass der Mann im Trenchcoat an der Schulter verletzt zu sein schien.

Bei seinem Anblick hatte Elisabeth plötzlich ein merkwürdiges Gefühl von Flucht überkommen. Sie hatte sich daher in geradezu unziemlicher Hast von Helga verabschiedet, deren Aufmerksamkeit zu diesem Zeitpunkt jedoch in Gänze den merkwürdigen Besuchern galt.

Ihr Mann Gustav schob sie nun auf Armeslänge von sich und unterbrach Elisabeths Gedankengang. Verständnislos fragte er nach: »Was hast du gerade gesagt, Elisabeth? Wen hast du heute getroffen?« Dabei führte er sie in den Salon und schloss die Türen.

Da erzählte ihm Elisabeth alles: Dass sie nach ihrem Besuch bei ihrer Mutter noch in Utting bei Helga gewesen war und dort jenen blassen Österreicher getroffen habe, dessen Name ihr entfallen war.

»Mein Gott!«, rief Gustav und wurde noch blasser, fast schüttelte er seine Frau, die er immer noch an den Armen gepackt hielt. »Das war der Hitler! Du hast Adolf Hitler getroffen. Ganz München sucht den Mann! Dieser Verbrecher hat gestern versucht, gegen die Regierung zu putschen. Und jetzt versteckt er sich bei den Putzingers?«

»Ach, darum überall die Straßensperren. Das war ein grässlicher Hindernislauf hierher, Gustav. Darum bin ich auch so spät, wir mussten …«

»Das ist doch jetzt nicht wichtig, Elisabeth«, unterbrach Gustav seine Frau, was er sonst niemals tat. »Wichtig ist, dass du jetzt da bist und dir nichts passiert ist. Es hat viele Tote gegeben. Ich bin vor Sorge um dich beinahe verrückt geworden. Jetzt brauche ich erst einmal einen Cognac. Dann erzähle ich dir alles.«

Nachdem er sich eingeschenkt und einen Schluck genommen hatte, sagte Gustav eindringlich: »Hör mir zu, Elisabeth. Du darfst niemandem erzählen, dass du den Mann heute gesehen hast, und vor allem nicht, wo. Es ist schlimm genug, dass er Helga und Bubi da mit hineingezogen hat. Ich will mit diesem Mann nichts zu tun haben. Er ist gefährlich.«

Danach berichtete ihr Gustav von den weitreichenden Ereignissen, wie sie sich am Abend zuvor, nämlich am 08. November 1923, in München zugetragen hatten.

Anführer einer aufstrebenden Partei in Bayern hatten vom Münchner Bürgerbräukeller aus einen Putschversuch unternommen. Am nächsten Mittag waren die Putschisten durch die Stadt marschiert und an der Feldherrnhalle am Odeonsplatz durch regierungstreue Truppen gestoppt worden. Dabei hatte es fast zwei Dutzend Tote gegeben.

Die Revolution war gescheitert, der Anführer und seine Mitstreiter befanden sich auf der Flucht.

Noch immer stand Gustav im Bann der ungeheuerlichen Ereignisse. Ein Putsch, um die bayerische Regierung zu stürzen! Kein Wunder, dass München zur Stunde einem brodelnden Kessel kurz vor dem Überkochen glich; überall in der Stadt wurde fieberhaft nach den flüchtigen Revolutionären gefahndet.

Den an dem vereitelten Putsch ebenfalls beteiligten General Ludendorff, einen verdienstvollen Helden des Ersten Weltkriegs, hatte man bereits im vollen Ornat seiner kaiserlichen Uniform in Gewahrsam genommen.

Um des Rädelsführers habhaft zu werden, setzte der bayerische Ministerpräsident und seit Kurzem Generalstaatskommissar, Ritter von Kahr, die volle Wucht der ihm zur Verfügung stehenden Staatsmacht ein. Von Kahr hatte es mehr als nur persönlich genommen, dass Hitler ihn stundenlang im Bürgerbräukeller festgehalten, gedemütigt und schließlich mit vorgehaltener Pistole dazu gezwungen hatte, sein schriftliches Einverständnis zur Bildung einer neuen Regierung zu geben, die Deutschland aus Not und Schmach erretten sollte.

Dabei war der Mann noch nicht einmal Deutscher, sondern Österreicher! Soll er doch Österreich retten und die Finger von den Deutschen lassen, hatte Gustav erbost ergänzt.

Kaum dass Gustav seine Elisabeth über die schockierenden nächtlichen Ereignisse unterrichtet hatte, schlug die Haustürglocke an.

Ottilie, das Hausmädchen, öffnete und verkündete sodann, dass der Herr Doktor zu einer dringenden Geburt gerufen werde. Sie ergänzte noch wichtig: »Steißlage.« Ottilie pflegte einen guten Kontakt zur Hebamme des Bezirks. Sie nahm überhaupt an allem und jedem Anteil, gefragt oder ungefragt, und man konnte sie daher getrost als eine Art inoffizielle Kolumnistin des Viertels bezeichnen.

Nun schlüpfte der Doktor in seinen Mantel, den die beflissene Ottilie neben dem Arztkoffer schon für ihn bereithielt. Zuletzt setzte er sich den Hut auf und eilte – nach einem flüchtigen Kuss für die Gattin – davon, um einer werdenden Mutter beizustehen.

 

Der Doktor kehrte erst am frühen Morgen zurück, bleich, müde und mit dunklen Bartstoppeln. Es war tatsächlich eine Steißgeburt gewesen, eine Mühsal für jeden Arzt, allerdings nie so sehr wie für die werdende Mutter.

Darum kam das Thema der fehlgeschlagenen Revolution erst am nächsten Tag wieder zur Sprache; der Doktor hatte nach kaum zwei Stunden Schlaf in die Praxis gemusst, während die Dame des Hauses noch ruhte. Nun traf man sich zum gemeinsamen Mittagsmahl im Speisesalon.

Zum Missfallen seiner Gattin rührte Gustav dieses kaum an, sondern verschwand sogleich hinter seiner Pflichtlektüre, den Münchner Neuesten Nachrichten. Gustavs Freund Fritz Gerlich fungierte seit 1920 als deren Chefredakteur.

Selbstverständlich waren der Putschversuch und die Suche nach dem Flüchtigen der Aufmacher des Tages. Gleich neben dem Leitartikel prangte das blasse Konterfei des Revolutionärs. Das entdeckte Elisabeth aber erst, als ihr Gatte die erste Seite umschlug und somit vollständig hinter der Zeitung abtauchte.

Sie schmollte ein wenig, weil er der Lektüre mehr Aufmerksamkeit als dem Essen widmete, ganz zu schweigen von ihrer entzückenden Präsenz. Sie hatte sich heute besonders für ihn zurechtgemacht und sah geradezu bezaubernd aus, wie Ottilie ihr beigepflichtet hatte, in ihrem maßgeschneiderten blauen Tageskleid, das ihre zarten Konturen perfekt zur Geltung brachte.

Nun, da sie das Bild erkannt hatte, wusste sie, wie sie die ungeteilte Aufmerksamkeit ihres Gatten auf sich lenken konnte.

Mit ihrer melodischen Stimme rief sie über die Zeitung hinweg: »Sieh an, da ist er ja, Gusterl, dort auf dem Titel. Der Mann, den ich gestern Abend bei Helga getroffen habe. Wirklich, ich verstehe einfach nicht, was alle für ein Spektakel um diesen Mann veranstalten. Ich fand ihn absolut fad. Und stell dir vor, nicht einmal rasiert war der! Ein kleiner Mann. Ottilie hält auch nichts von ihm. Wirklich, man sollte doch mehr auf die Stimme des Volkes hören. Die haben ein Gespür für so etwas.«

Die erzielte Wirkung war sensationell. Gustav zuckte zusammen, als hätte man ihn angeschossen. Die Zeitung entglitt seinen Fingern. Bei dem Versuch, sie mit einer schwungvollen Handbewegung doch noch zu fassen zu bekommen, stieß er seine fast volle Kaffeetasse vom Tisch.

Felix, der Dackel, der wie immer unter dem Tisch gelauert hatte, sprang jaulend von dannen und roch noch zwei Tage später nach Kaffee. Gustav indes ignorierte sowohl das Malheur als auch den Dackel.

Er starrte Elisabeth über den Tisch hinweg an. »Um Himmels willen, Elisabeth! Du hast doch hoffentlich nicht Ottilie verraten, dass du den Mann gestern gesehen hast?« Mit Entsetzen dachte Gustav an Ottilies Zunge, die sich an jeder Nachricht wetzte. Wenn bekannt würde, dass seine Frau den Hitler in persona getroffen hatte – nicht auszudenken, welche Folgen dies hätte in diesen unruhigen Zeiten! Fieberhaft überlegte er, wie viele Leute wussten, dass seine Frau eng mit Helga Putzinger befreundet war. Im Geiste sah Gustav bereits ein Dutzend von Kahrs Gendarmen sein Haus stürmen.

Die besondere Verbindung von Bubi Putzinger zu Adolf Hitler war hinreichend bekannt. Bubi hatte Hitler sogar zum Paten des kleinen Egon gemacht! Gustav wusste, dass Putzinger an die politische Zukunft jenes Mannes glaubte und den österreichischen Exgefreiten mit großem Einsatz förderte. So war es ihm in kurzer Zeit gelungen, Hitler in die Münchner bürgerliche Prominenz einzuführen, die die Politik des ehemaligen Wiener Obdachlosen mit großzügigen Parteispenden und egoistischen Hintergedanken finanzierte. Mehr und mehr füllte Bubi dabei die Rolle des inoffiziellen Pressesprechers Hitlers aus. Er brüstete sich sogar damit, dem Hitler die Idee mit den Fackelmärschen suggeriert zu haben, weil er als Student in Harvard selbst erlebt hatte, wie imposant und effektvoll sie in ihrer Wirkung sein konnten.

Und er hatte das Kunststück zuwege gebracht, vorgestern im Bürgerbräukeller, also inmitten des wütenden Putsches, eine spontane Pressekonferenz für die anwesenden ausländischen Berichterstatter, vornehmlich Amerikaner, abzuhalten. Das hatte Gustav am Morgen ein Patient zugetragen, der eine unangenehme nächtliche Begegnung mit einer flüchtenden SA-Rotte gehabt hatte.

Elisabeth, glücklich, die uneingeschränkte Aufmerksamkeit ihres Gatten errungen zu haben, gab zwitschernd noch einmal ihre kurze Begegnung im Haus der Putzingers zum Besten. Dabei konnte sie der Versuchung nicht widerstehen, das Ganze mit der ihr angeborenen Theatralik auszuschmücken, indem sie das zufällige Zusammentreffen verlängerte, Helgas umsichtiges Handeln betonte und deren besonderen Mut herausstellte: »Also, das eine weißt, Gusterl. Ich hätte mich vor so vielen schmutzigen Männern am Abend garantiert gefürchtet.« Als sie ihren Bericht beendet hatte und ihrem Gatten mit einem Lächeln signalisierte, wie sehr es sie freute, unvermittelt ins Zentrum eines wichtigen Geschehens geraten zu sein, hatte dieser große Mühe, an sich zu halten. Am liebsten hätte er seine Gattin wie einen Pflaumenbaum geschüttelt. Schließlich waren die Revolutionäre bewaffnet, überaus gefährlich und aufs Schärfste verfolgt. Und darum zu allem fähig. Elisabeth, die berühmte Sopranistin, hätte leicht als ihre Geisel enden können. Solcherlei Bedenken wären Elisabeth jedoch selbst niemals gekommen.

Dies war der Augenblick, in dem Gustav das erste Mal die Befürchtung beschlich, ob er sich in seiner Rolle als Professor Higgins aus Pygmalion nicht ein wenig überschätzt hatte.

Von Anfang an hatte Gustav um die heiteren Schwächen Elisabeths gewusst, die zwar eine schöne Seele besaß, die aber noch einer bedachten Formung bedurfte – eine Aufgabe, zu der er sich berufen gefühlt hatte. Aber Elisabeth war nicht Eliza, das Blumenmädchen.

Gustav stellte sich nun die späte Frage, ob er ein ewiges Kind von dreiundzwanzig Jahren geheiratet hatte. Äußerlich eine wunderschöne junge Frau, innerlich jedoch rührend unschuldig – ein kleines Mädchen, das geliebt und gelobt werden wollte. Er warf seine gesamte Liebe in die Waagschale, um sich jetzt nicht in Adjektiven wie blauäugig oder gar töricht im Zusammenhang mit dem wahrlich bezaubernden Geschöpf an seiner Seite zu ergehen.

Aber er hielt Elisabeth nun einen ernsthaften Vortrag, dessen Quintessenz nur allzu rasch im Kopf seiner Gattin verblasste. Da er aber sehr viele Worte wie gefährlich, sich vorsehen, nicht mehr allein ausfahren et cetera beinhaltete, verstand Elisabeth dessen praktische Auswirkung sehr wohl. Es bedeutete, dass Gustav im Begriff stand, ihre persönliche Freiheit einzuschränken!

Das gefiel Elisabeth gar nicht, hatte sie doch ihren neuen Habitus als verheiratete Frau und die damit einhergehenden Eigenständigkeiten schätzen gelernt.

Als junge, unmündige Stipendiatin war sie im Mozarteum stets an der kurzen Leine gehalten worden. Bei ihren ersten Karriereschritten hatte ihr das Kollegium einen Beobachter zur Seite gestellt, den der Stiftungsrat dazu auserkoren hatte, all ihre Bewegungen zu überwachen. Der Mann war ihr tatsächlich auf Schritt und Tritt gefolgt. Dies war ihr sehr lästig gewesen, zudem er in seinem schäbigen Anzug einen recht unangenehmen Geruch verbreitet und Elisabeth deshalb ständig einen großen Vorrat an Parfüm mit sich herumgetragen hatte. Immerhin hatte man nach ihren ersten Erfolgen weitere Finanzmittel aufgebracht, die es erlaubten, dass ihre Mutter Maria, die lediglich eine kleine Kriegerwitwenrente bezog, sie fortan als Anstandsdame begleiten durfte.

Für ihre gottesfürchtige Mutter war die aufregende und hektische Welt der Oper, in die sie durch ihre Tochter geraten war, kaum je fassbar geworden. In langem Rock und mit wollenem Schultertuch wartete sie wie das Versatzstück einer vergessenen Aufführung hinter den Kulissen. Ungläubig betrachtete sie die vielen Menschen, die grell geschminkt und oft nur leicht bekleidet zwischen den einzelnen Akten achtlos an ihr vorüberhasteten. Aber sie äußerte nie ein Wort des Tadels, bewunderte ihre Tochter und genoss das stille Glück, mit ihr vereint zu sein.

Wenn es also um ihre persönlichen Freiheiten ging, so reagierte Elisabeth durchaus empfindlich. Es fehlte wahrlich nicht viel, und der erste Streit hätte das junge Eheglück getrübt.

Aber wie die Musik war auch Spontaneität eine Gottesgabe. Elisabeth war eine Meisterin in dieser Disziplin. Einem jähen Impuls folgend, sprang sie auf, lief um den Tisch herum zu ihrem Gatten und legte ihm beide Arme um den Hals. Ihren schmalen Kopf fest an seine Wange gedrückt, gurrte sie: »Ach, mein Liebster, lass uns nicht länger über diese schrecklichen Dinge sprechen. Wiederholungen machen die Dinge nur beim Üben besser, sagt mein Impresario immer. Ich kann schließlich nichts dafür, dass dieser Hudler zu der Helga wollte. Schau, ich versprech dir ganz fest, dass ich nie mehr ohne das lange Hanserl als Begleitung ausgehen werde. Alles gut?« Gustav atmete den süßen Duft ihrer Haut, notierte im Geiste zerstreut, dass sie den richtigen Namen des Mannes schon wieder vergessen hatte, und streckte die Waffen.

Ein anschließender Kuss auf die Wange ihres Gatten glättete die Wogen gänzlich, trotzdem sah sich Gustav bemüßigt nachzusetzen: »Es ist gut, Elisabeth. Aber vergiss nicht, dass du mir versprochen hast, niemandem ein Wort darüber zu verraten, dass du gestern in dem Haus in Utting gewesen bist. Und schon gar kein Wort zu Ottilie. Ich spreche mit Helga. Sie wird verstehen, dass ich solcherlei in diesen unruhigen Zeiten für gefährlich halte. Vor allem solange dieser Hitler auf der Flucht ist. Gut, dass dich Helga unter meinem Namen vorgestellt hat.«

Dann fiel ihm noch etwas ein: »Dieser Chauffeur, hat er etwas bemerkt?«

Wo andere in eine Denkerpose verfielen, zog Elisabeth nur ihre entzückende Nase kraus. »Ich denke nicht. Ich bin mir ziemlich sicher, dass der Wagen erst in den Hof gefahren kam, als die Herren schon im Flur standen. Da hat er, wenn überhaupt, bestenfalls den Hinterkopf gesehen. Um ihn brauchst du dir keine Gedanken zu machen, mein Gusterl. Soll ich dir jetzt etwas auf dem Pianoforte vorspielen?«

Nur einen Tag später, am 11. November, stürmte Ottilie in die Küche. Bertha stand am Herd, Hans saß am Tisch und reparierte den lockeren Griff einer Pfanne.

»Jessas!«, verkündete Ottilie ihre triumphalen Neuigkeiten, die sie vom Wochenmarkt mitgebracht hatte. »Jetzt hams’n g’schnappt, den feinen Herrn Hitler. Bei den Putzingers hat er sich versteckt, in Utting draußen. Im Schlafanzug und Frotteemantel vom Hausherrn ham’sen ab’gführt. Des hätt ich gern g’sehn, wo der Herr Putzinger doch mindestens einen halben Meter höher und breiter is als des halbe G’stell. Ein Wachtmeister aus Utting war’s, zamm mit dreißig Polizisten aus München. Ich weiß gar net, wozu es für den Heini so viele Polizisten brauchen dat.« Ottilie verpasste ihrem Hans eine liebevolle Kopfnuss und ergänzte: »Jetzt ko sich dein Bruder Franz aber warm anziehen. Hoffentlich sperrn’s die beiden Depp’n in dieselbe Zelln, dann können’s zamm marschieren und singen.«

Die Politik im Allgemeinen und der Hitler im Besonderen rückten dann sehr schnell in den Hintergrund. Wenige Tage später stellte sich heraus, dass Elisabeth ein Kind erwartete, und das, obwohl der Doktor eigentlich wusste, wie man aufpasst.

Die Eheleute hatten bei ihrer Hochzeit das Thema Kinder mit einer für jene Zeit ungewöhnlichen Offenheit besprochen – denn der Doktor wusste um die Ängste und Nöte einer Gebärenden und kannte die Komplikationen einer Geburt.

Man konnte die Ansichten des Doktors daher getrost als modern bezeichnen, wenn er die Meinung vertrat, dass eine Mutter die Anzahl ihrer Kinder selbst bestimmen sollte und ebenso den Zeitpunkt, wann sie sich selbst für diese Verantwortung bereit fühlte.

Das Paar hatte daher den durchaus vorhandenen Kinderwunsch bewusst auf einen späteren Zeitpunkt gelegt. Aber manchmal entwickeln sich die Dinge ja bekanntlich anders als geplant.

Damit hatten sich Mailand, La Traviata und die Violetta vorerst erledigt.

Blick ins Buch
MarleneMarlene

Roman

München 1944: Erschüttert steht Marlene vor dem ausgebombten Haus am Prinzregentenplatz. Ihre Freundin Deborah und deren kleinen Bruder Wolfgang wähnt sie tot. Doch das kann ihre Entschlossenheit zum Widerstand nicht brechen. Todesmutig stürzt sie sich in den unheilvollen Strudel des Krieges, immer wieder riskiert sie ihr Leben und wird zu einer der meistgejagten Frauen im Deutschen Reich. Sie schließt ungewöhnliche Freundschaften und lernt einen ganz besonderen Mann kennen. Einen Mann, dem das eigene Leben nichts gilt, der aber alles für die Kinder tut, die er unter seinen Schutz gestellt hat. Bald sieht sich Marlene vor der größten Entscheidung ihres Lebens: Sie erhält die Chance, den Verlauf des Krieges zu ändern, vielleicht Millionen Menschen zu retten. Doch dafür müsste der Mann, den sie liebt, sterben ...

Prolog

Es war ein wunderbarer Sommer, eingehüllt in Gerüche und Erinnerungen, die sich für immer in ihr Gedächtnis einbrannten. Sie stand auf dem Feld, mitten in der Heuernte, hörte das Zirpen der Grillen, schmeckte den Staub der trockenen Erde auf der Zunge, badete im irisierenden Licht der Mittagssonne, spürte die Gluthitze im Nacken, den ihre Großmutter am Abend mit einer scharf riechenden Salbe einreiben würde, derselben, die sie auch für ihre Pferde nahm.

Sie war 16, es duftete nach Wildblumen und Heu, und ein unbekanntes Sehnen erfasste sie immer dann, wenn sie mit dem Sohn des Gutsverwalters verstohlene Blicke tauschte; jede Begegnung hielt sie in ihrem Tagebuch fest. Es war etwas Neues in ihr zum Leben erwacht, das ihr Blut zum Summen brachte.

Sie hatte Geburtstag, und obgleich ihr Großvater es ungern sah, wenn sie zusammen mit den Knechten draußen war, half sie auch heute beim Einholen des Heus. Sie liebte die körperliche Betätigung, fühlte sich durch die Arbeit lebendig, der Natur und den Menschen nah. Sie hatte junge, kräftige Hände, konnte mit ihnen die wildesten Pferde bändigen; ihre Schwielen erfüllten sie mit Stolz. Sie scherzte mit den Männern, Einheimischen und polnischen Wanderarbeitern, die sich in Deutschland als Erntehelfer verdingten. Von allen wurde sie gleichermaßen akzeptiert, nicht weil sie die Enkelin des Gutsbesitzers war, sondern weil sie fast ebenso hart zupackte wie sie, sich bei der Arbeit niemals schonte.

Sie hörte das Motorengeräusch des Wagens zunächst nicht, denn die Männer hatten ein Erntelied angestimmt. Erst Rufe machten sie auf die Neuankömmlinge aufmerksam. Sie schirmte die Augen gegen die Sonne ab und beobachtete, wie sich aus dem Licht zwei näher kommende Gestalten herauskristallisierten. Sie kannte sie: Es waren der örtliche Gauleiter Mettmann und sein Sohn Herbert. Mit dem gleichaltrigen Herbert hatte sie die Dorfschule besucht.

»Ich habe es meinem Sohn nicht glauben wollen, Fräulein von Dürkheim!«, ereiferte sich Herberts Vater, noch bevor er sie ganz erreicht hatte. »Aber hier sind Sie und machen sich mit dem polnischen Judenpack gemein!«

Sie konnte seine Empörung nicht verstehen. »Wir arbeiten, was soll denn daran falsch sein?«

Sie betrachtete den dicken Mann in der hässlichen Uniform, den sie seit ihrer Kindheit kannte. Paul Mettmann gehörte der Krämerladen im Ort, und er und seine Frau hatten ihr, als sie klein war, bei jedem Besuch Süßigkeiten zugesteckt. Der Krämer war damals ein stets zu Scherzen aufgelegter Mann gewesen, der sie bei jeder Begegnung in die Wange kniff und dafür bekannt gewesen war, niemals eine Gelegenheit zum Feiern auszulassen.

Die neue Politik, der er sich verschrieben hatte, schien einen völlig anderen Menschen aus ihm gemacht zu haben; sie erkannte den vormals leutseligen Mann nicht wieder. Mit lauter und harscher Stimme gab er jetzt zu jeder Gelegenheit besserwisserische Kommentare von sich, die kaum jemanden im Dorf interessierten, weil sich der Baron von Dürkheim auch nicht dafür interessierte. Für die einfachen Bürger im brandenburgischen Dorf Levkojen war ihr Großvater weiterhin das Maß aller Dinge. Sie ließen Mettmann reden. Umso lauter meldete sich dieser zu Wort, schließlich wollte er gehört werden. Sogar seine Art zu lachen hatte sich verändert, die frühere Herzlichkeit war daraus verschwunden, als sei Lachen seinem Amt nicht angemessen.

Auch seine Frau war eine andere geworden, ihr Gesicht war verkniffen geworden und das Lächeln mechanisch wie ein Zucken von Gesichtsmuskeln, als sei es nicht mehr als ein Tribut der Höflichkeit, die sie ihr, Anna von Dürkheim, der Enkelin des Barons, schuldete. Immer wenn die Krämersfrau nun auf sie traf, sah sie Anna auf eine Weise an, als wüsste sie von einer Schandtat, über die sie sich nur innerlich erregen konnte, weil es nicht in ihrer Macht stand, etwas dagegen zu unternehmen. Wann hatte die Frau vergessen, was Freude war, was Lachen und Leben bedeuteten? Wenigstens ihr Sohn Herbert war der Gleiche geblieben, er war schon immer ein wenig tumb gewesen.

Doch nicht nur der Krämer und seine Frau veränderten sich, auch sie: An jenem Julitag im Sommer 1935 war ihr politisches Gewissen erwacht. Die Zeit der Unschuld war vorbei.

 

TEIL 1

Gegenwart

Kapitel 1

Krakau-Kazimierz, Dezember 2012

»Bist du wach?«

Marlene fuhr auf. Vor ihrem Schreibtisch stand Oliwia mit der Tagespostmappe. Sie hatte sie nicht hereinkommen hören, obwohl der alte Holzfußboden knarzte wie ein verwundeter Baum. Sie benötigte einige Sekunden, um sich wieder in der Gegenwart zurechtzufinden. Seit sie an ihrer Biografie schrieb, geschah es ihr häufiger, dass alles um sie herum versank. Eigentlich hatte sie nur ganz kurz ihre Augen schließen wollen, um ihnen ein wenig Ruhe zu gönnen.

»Oliwia, du bist’s«, sagte sie, als wäre sie darüber erleichtert. Sie ordnete mechanisch ihr silbernes Haar. Ihre locker hochgesteckte Frisur erweckte ein wenig den Eindruck, als hätte sie keine Zeit zum Kämmen gehabt, gleichzeitig verlieh sie ihr etwas Mädchenhaftes. »Ich war sowieso fertig.« Sie nahm einen Füller, setzte ihren Namen unter ein Dokument und klappte die Unterschriftenmappe zu, die ihr Oliwia am Morgen bereitgelegt hatte. »Das war’s. Den Rest hebe ich mir für den Nachmittag auf.« Sie nahm die Brille ab, die sie an einer Kette am Hals trug, und massierte ihre Nasenwurzel.

»Vielleicht noch das hier«, erwiderte Oliwia, nahm ein Blatt aus einem Umschlag und reichte es ihr.

Marlene, die ohne ihre Brille die Buchstaben nur wie verschwommene Raupen wahrnahm, sah zu ihr auf. »Oliwia, du bist eine Sklaventreiberin! Gönnst du einer alten Frau denn nicht mal eine kleine Pause?«

»Selber schuld. Du hast mich dafür eingestellt, dass ich Ordnung in dein Chaos bringe«, erwiderte diese ungerührt.

»Chaos, welches Chaos?«, brummte Marlene. »Und was zum Teufel soll das sein?« Sie setzte ihre Brille wieder auf. »Eine Interviewanfrage vom deutschen Zeitspiegel? Schon wieder?«, wunderte sie sich.

»Die letzte ist laut meiner Liste fast drei Jahre her.«

»Weiß ich doch. Ich ging bloß davon aus, dass ich die nach dem damaligen Eklat endlich los wäre.«

»Ja, ich habe deinen geharnischten Brief an die Chefredaktion noch gut präsent. Du wurdest falsch zitiert, oder?«

»Nicht nur das. Allein schon der Titel: Die letzte Diva! Was soll denn das aussagen? Erst stellen sie mir Fragen zur Tagespolitik, und wenn ihnen meine Antworten nicht gefallen, dann lassen sie sie entweder weg, oder sie schälen Sätze aus dem Kontext. Für die bin ich eine Kassandra. Bah«, Marlene winkte ab, »es ist überall das Gleiche, die sind inzwischen so politically correct weichgespült, dass denen die Daunen aus dem Hintern kommen. Das steht mir bis zum Hals. Jeder plappert nur noch nach, was gerade politisch opportun ist; kein Mensch scheint mehr an der Wahrheit interessiert zu sein. Weißt du noch, wie die mich zerrissen haben, als meine Heiratsurkunde aufgetaucht ist? Niemand hat sich für die Hintergründe der Hochzeit interessiert. Hauptsache, die hatten ihre fette Schlagzeile. Nazibraut, das haben sie mich geschimpft.«

»Nicht aufregen, denk an deinen Blutdruck«, erwiderte Oliwia wie jemand, der sich ähnliche Litaneien schon des Öfteren hatte anhören müssen.

»Aha!«, rief Marlene und schwenkte das Blatt nach der Lektüre kampfeslustig. »Daher weht also der Wind! Die haben mitgekriegt, dass ich an meiner Biografie arbeite. Jede Wette, dass Jolantas Enkelin ihnen das gesteckt hat! Diese kleine, gierige Kapitalistin … Hör dir mal diese hinterlistige Frage an, da wollen sie mich wieder bei meinen feministischen Eiern packen: Könnten Sie sich auch vorstellen, einen Roman nur aus der Sicht eines Mannes zu schreiben?«

Oliwia verkniff sich ein Schmunzeln. Freilich wusste sie, dass Marlene mit ihrer blutjungen Agentin haderte, die sie nur Jolantas Enkelin nannte. Jolanta Uptenhoff war fast sechzig Jahre Marlenes Künstleragentin gewesen, und nach ihrem Tod vor nunmehr sechs Jahren hatte ihre Enkelin Severine die Geschäfte übernommen. Sie war Jahrgang 1984, und Marlene nahm es ihr bis heute übel, dass sie von ihr ›zwangsdigitalisiert‹ worden war, wie sie es nannte. Ihre alte Weggefährtin Jolanta hatte das meiste buchstäblich noch handschriftlich abgewickelt, was, im Nachhinein betrachtet, eine Meisterleistung gewesen war. Jolanta hatte über ein unglaubliches Gedächtnis verfügt. Unvergesslich war Oliwia auch Marlenes Reaktion, als sie, am zweiten Tag nach der ›Machtübernahme Severines‹ – eine weitere von Marlenes Spitzen –, ihr neu installiertes Tastentelefon entdeckt hatte. »Was ist das?«, hatte sie Severine mit einer Stimme gefragt, als würde sich in der Mitte des Ozeans ein Seebeben anbahnen.

»Damit sparst du eine Menge Zeit, alle wichtigen Nummern sind mit Kurzwahl eingespeichert. Du musst nur noch auf den Knopf mit der 1 drücken, und schon hast du mich am Apparat.« Severine versprühte das Selbstbewusstsein junger Leute, die glauben, die Zukunft sei eine Angelegenheit, die sie wie Wachs formen könnten. Für ihre Generation war die Unberechenbarkeit des Schicksals noch eine zu vernachlässigende Variable.

»Soso. Ich muss also nur noch einen Knopf drücken, um Zeit zu sparen?« Oliwia ahnte, was sich da gerade zusammenbraute, gleich würde der Tsunami über Severine hinwegfegen. Um ja nicht loszuprusten, presste sie die Lippen fest zusammen. Da musste die junge Frau alleine durch. Auch sie selbst hatte schon einige Marlen’sche Unwetter erlebt.

»Was wäre, Severine«, begann Marlene immer noch gefährlich ruhig, »wenn ich keine Zeit sparen will? Wenn ich sie auskosten will, mit allen Sinnen? Die Zeit ist derart schnelllebig geworden, alles muss hoppladihopp gehen, los, los, spart Zeit. Ja, wofür denn? Damit man in der gesparten Zeit noch mehr Zeit sparen kann? Wann halten wir noch inne, wann holen wir Atem? Wir sind so rasant geworden, wir überholen uns ja noch selbst! Und vergessen dabei völlig, was Leben bedeutet. Ich will keine Kurzwahl, ich will ruhig und gemütlich wählen. Also weg mit dem Ding!« Marlene hatte das Telefon gepackt und vehement die Kabel herausgerissen. »Hier, nimm dein zeitsparendes Ungeheuer wieder mit. Und jetzt gib mir mein altes Telefon zurück!«

»Aber ich habe es schon entsorgt«, wandte Severine tapfer ein.

»Du hast was?« Marlene hatte sich halb erhoben. »Dann schlage ich vor, dass du entweder ganz tief im Müll gräbst oder mir heute noch genau das gleiche Modell besorgst.«

»Aber eines mit Wählscheibe ist doch kaum mehr zu bekommen.« Severine klang schon weniger schwungvoll.

»Wenn das so ist, solltest du dich gleich auf die Suche machen, nicht wahr?«

Es war ursprünglich auch auf Severines Vorschlag zurückzuführen, dass Oliwia Marlene als Privatsekretärin unterstützen könnte. Schließlich wohnte sie im selben Haus und verfügte über eine grenzenlose Geduld – eine Eigenschaft, die bei Marlene unbedingt erforderlich war. Der Zeitpunkt hätte nicht idealer gewählt sein können, da ihre Tochter Klaudia gerade eingeschult worden war. »Vielleicht solltest du dir wirklich einen Facebook-Account zulegen oder einen Blog? Dann könntest du alles schreiben, was du möchtest. Deine Sicht der Dinge«, schlug Oliwia Marlene nun vor.

»Ich und online?« Marlene spuckte das Wort fast aus. »Damit man mich ausspionieren kann? Niemals! Wie oft wurde meine Stiftung, seit wir online gegangen sind, schon von diesen Cyberfaschisten angegriffen? Einmal sogar alle Dateien gelöscht? Hätte ich nicht Jolantas Karteikarten aufgehoben, hätten wir nicht einmal mehr die Adressen gehabt! Nein danke. Ich schreibe meine Biografie, und die kommt sowieso ins Netz, mit diesem elektrischen Buch. Sagt Jolantas Enkelin. Soll mir recht sein. Dann hört man mir vielleicht zu. Diese Welt ist ein verrückter Ort geworden, vielleicht noch verrückter als damals. Damals wusste man wenigstens, wer der Feind war. Heute wechseln die Allianzen ständig nach dem Motto: Der Feind meines Feindes ist mein Freund. Heute ist es der, morgen jener, und übermorgen ist wieder alles auf Anfang. Da kann einem ja schwindelig werden von diesem Bäumchen-wechsel-dich-Spiel. Die fahren die Welt mit Anlauf in den Abgrund, und wieder sehen alle weg. Das ist die gleiche Appeasementpolitik, die wir vor achtzig Jahren schon einmal hatten. Ich sehe das mit Grausen. Aber Hauptsache, die weltweite Rüstungsindustrie floriert und die Panzer rollen.« Marlene hatte sich in Rage geredet, sie wusste es selbst. Ihre Hand tastete nach der Kette um ihren Hals und auf ihrem betörenden alten Gesicht erschien ein wehmütiger Ausdruck, als würde sie sich an etwas lange Zurückliegendes erinnern, das ihr gleichzeitig Furcht und Hoffnung einflößte. Sie lehnte sich zurück und überließ sich kurz ihrer Erschöpfung, die weniger ihrem hohen Alter als vielmehr ihrer Sorge um die Zukunft der Menschheit entsprang. Mehr zu sich selbst sagte sie: »Manchmal frage ich mich, wofür wir damals gekämpft haben.«

Oliwia schloss nun selbst für eine Sekunde die Augen. Ihre Chefin hatte in letzter Zeit öfters solche Anwandlungen, in denen sie sich in ihre Sorge um die Welt hineinsteigerte. Manchmal überkam Oliwia der Verdacht, dass sie Vergangenheit und Gegenwart vermengte. Sie musste sie wieder einfangen und kam auf die Interviewanfrage zurück. »Und? Könntest du dir vorstellen, einen Roman nur aus der Sicht von Männern zu schreiben?«

»Bloß nicht!« Marlene straffte sich, und ein sehr wacher Blick traf Oliwia aus leuchtend blauen Augen. »Aber ich könnte mir vorstellen, einen aus der Sicht von Gott zu schreiben. Der erste Satz würde lauten: Seit ich den Menschen erschaffen habe, frage ich mich, welcher Teufel mich damals geritten hat.«

»Ja, vielleicht hätte mein Namensvetter die Arche damals gar nicht erst bauen sollen«, war eine männliche Stimme zu vernehmen.

»Noah!«, rief Marlene, und ein weicher Ausdruck trat augenblicklich in ihr Gesicht. »Seit wann bist du zurück?«

»Eben erst eingetroffen.« Der Mann trat näher, beugte sich herab und gab ihr einen Kuss. »Hallo, Mutter.«

»Warum hast du mir nicht gesagt, dass Noah zurück ist?«, wandte sich Marlene vorwurfsvoll an Oliwia.

Ihre Sekretärin, die gleichzeitig auch ihre Schwiegertochter war, warf Noah einen Blick zu und lächelte. »Weil er dich überraschen wollte.«

»Ich habe gerade von Frantisek erfahren, dass unsere amerikanischen Gäste einen Tag später eintreffen als geplant«, sagte Noah, während er sich einen Kaffee aus der bereitstehenden Kanne einschenkte.

»Das stimmt. Und übermorgen stößt noch Trudis junge Freundin Penelope aus München zu uns.«

Noah zog fragend eine Braue hoch. »Penelope? Jemand, an den ich mich erinnern sollte?«

»Nein.« Marlene seufzte. »Eine tragische Geschichte: Trudis Freundin hat ihren Sohn durch einen Unfall verloren. Er war erst fünf. Es hat sie völlig aus der Bahn geworfen, und Trudi hat sie unter ihre Fittiche genommen. Sie hat offenbar sehr viel Vertrauen in meine therapeutischen Fähigkeiten. Sie bat mich, der jungen Mutter zu helfen, ihr Trauma zu überwinden.«

»Und wie stellt sie sich das vor?« Noah sah aus, als hege er durchaus Zweifel an den therapeutischen Fähigkeiten seiner Mutter. Das brachte ihm einen tadelnden Blick von ihr ein.

»Sie möchte, dass ich ihr erzähle, wie Trudi und ich damals im Krieg überlebt haben.«

»Ich verstehe.« Noah nickte ernst. Er nahm einen Schluck und sah sie über den Rand der Tasse hinweg an. »Bleibt es dabei, dass ich mich wegen unserer amerikanischen Gäste etwas im Hintergrund halten soll?«

»Ja, ich möchte vor allem den alten Professor schonend auf alles vorbereiten. Aus Rücksicht auf seine Schwester Deborah habe ich Wolfgang nie völlig über die damaligen Ereignisse aufgeklärt. Doch jetzt, nach ihrem Tod, will ich mein Schweigen brechen.«

 

Kapitel 2

»Warum hast du mich nicht früher geweckt?«

»Auch einen schönen guten Morgen«, sagte Oliwia und zog die Vorhänge auf. Augenblicklich flutete die klare Wintersonne in einem breiten Streifen herein und traf auf Marlene, die, aufrecht im Bett sitzend, ihrer Schwiegertochter anklagend den Wecker entgegenstreckte.

»Wie geht es deinem Bein heute?«, fragte diese, ohne auf Marlenes Frage einzugehen. Sie nahm das Frühstückstablett von der Kommode und setzte es vor Marlene aufs Bett.

»Frag es selbst«, brummte Marlene missgelaunt, während sie den Deckel der silbernen Kanne anhob und hineinlinste, als vermute sie darin etwas anderes als Kaffee.

Oliwia unterdrückte ein Grinsen. »So schlimm also? Soll ich es dir einreiben oder dir ein heißes Bad einlassen?«

»Vielleicht später. Ist der Kaffee stark genug?«

»Sei unbesorgt, Olga hat deinen morgendlichen Schuss Cognac sicher nicht vergessen. Wenn sie auch sonst alles vergisst …« Es klang resigniert.

»Sie ist fast neunzig, meine Liebe. Rede also nicht so despektierlich von ihr.«

»Tja, das muss wohl an meinem schlechten Umgang liegen«, meinte Oliwia trocken, während sie durchs Schlafzimmer mäanderte, dabei ein halbes Dutzend Katzen aufscheuchte und wahllos verstreute Dinge auflas. »Bei dir sieht es genauso schlimm aus wie in Klaudias Zimmer.«

»Das Zimmer einer Sechzehnjährigen muss so aussehen, ansonsten würde ich mir an deiner Stelle als Mutter Sorgen machen. Apropos, wo steckt die Kleine überhaupt?«

»Es ist Freitagmorgen, ein ganz normaler Schultag.« Oliwia musterte ihre Schwiegermutter prüfend.

Die bemerkte ihren fragenden Blick. »Schon gut, sieh mich nicht so an wie Dr. Wiczorek. Ich leide nicht an Demenz, mich beschäftigt nur gerade sehr viel. Außerdem möchte ich mein Buch fertig bekommen.«

»Darum habe ich dich schlafen lassen. Noah sagte, bei dir hat noch um vier Uhr früh das Licht gebrannt.«

»Mein Sohn hat offensichtlich eine schwache Blase.«

»Und dich schmerzt das Bein, das sagt mir deine Laune.« Oliwias rechte Augenbraue war einen Tick höher gewandert.

»Ja, schon gut, du hast recht. Es ist das verflixte Bein. Ich weiß nicht, warum es mich gerade in letzter Zeit wieder so zwickt. Jahrelang habe ich es kaum gespürt. Meine alten Knochen lassen mich wohl endgültig im Stich. Dabei ist die Verletzung bald siebzig Jahre her.«

»Es ist die Kälte, Matka. Der Winter hat dieses Jahr zu früh eingesetzt.«

»Bitte sag nicht Mutter zu mir, da komme ich mir gleich noch viel älter vor.« Marlene gönnte sich mit spitzen Lippen einen Schluck aus ihrer Tasse.

»Ich kenne niemanden, der so jung ist wie du, Matka«, sagte Oliwia weich.

»Das hast du schön gesagt. Wo ist Noah? Ist er schon weg?«

»Ja, er ist heute Morgen sehr früh nach Warschau aufgebrochen. Er hält dort eine Rede vor dem polnischen Industrieverband.«

»Na, dann kann ich nur hoffen, die Pfeffersäcke zücken ihre Scheckbücher und machen Geld für meine Stiftung locker. Schade, dass ich nicht mehr so reisen kann wie früher, denen hätte ich zu gerne ein schlechtes Gewissen gemacht. Wie sieht es mit meinem Besuch aus? Sind sie schon munter?«

»Die sind längst mit Frantisek unterwegs auf Sightseeingtour, auch der alte Professor Berchinger. Sie beginnen mit dem Hauptmarkt und der Marienkirche, und später geht es noch in den Planty Park. So, wie du es ihnen gestern Abend empfohlen hast.«

»Ach ja, der Hauptmarkt. Rynek Główny.« Marlene sprach die polnischen Worte mit besonderer Zärtlichkeit aus. Sie schloss die Augen, um sich für einen Augenblick in ihrer Erinnerung zu verlieren. Währenddessen zählte Oliwia weiter auf: »Sie werden auswärts zu Mittag essen und nach dem Rundgang im Park gegen drei Uhr zurückkehren. Danach gibt es hier Kaffee und dann …«

»Und dann ist es an der Zeit, ihnen meine Geschichte zu erzählen«, ergänzte Marlene, die die Augen wieder geöffnet hatte und sich jetzt mit einem fernen Ausdruck dem Fenster zuwandte, als erwarte sie, dass sich hinter der Scheibe der schreckliche Kriegssommer 1944 auftue.

 

Kapitel 3

Oliwia vergewisserte sich ein letztes Mal, dass alle Gäste gut versorgt waren. Erst danach nahm sie selbst Platz. Von ihrem Sessel am Fenster hatte sie das gesamte Wohnzimmer im Blick, von nun an würde sie sich als stiller Beobachter im Hintergrund halten.

Alle warteten auf die Gastgeberin. Wie so oft hatte ihre Schwiegermutter die Zeit vergessen. Vielleicht war das ja das eigentliche Geheimnis des Lebens, überlegte Oliwia: die Zeit nicht als endlich zu betrachten, sondern als Geschenk des Augenblicks. Doch weil Marlene das Geschenk gerade etwas zu lange auskostete, hatte Oliwia ihre Tochter Klaudia nach oben geschickt, um sie zu holen.

Frantisek, Enkel der Köchin Olga, hatte den Kamin ordentlich eingeheizt; mehr noch als die Wärme genoss Oliwia das Knistern des Feuers und das Knacken der Holzscheite. Seit ihrer ärmlichen Kindheit, die sie in einem zugigen Bauernhaus verbracht hatte, in dem es immer zu kalt gewesen war, war Kaminfeuer für sie gleichbedeutend mit Wohlstand und Sicherheit. Während sie wartete, glitt ihr Blick über die Anwesenden.

Als Letzte war heute Trudi Siebenbürgens Freundin Penelope Arendt verspätet aus München eingetroffen. Die junge Frau hatte sich ausführlich deswegen entschuldigt, als sei dies ihre Schuld und nicht die der Deutschen Bahn. Sie war eine fast schon ätherisch anmutende Person, und trotz der Melancholie, die sie wie eine dunkle Wolke umgab, konnte Oliwia spüren, dass sich unter ihrer Oberfläche eine mühsam unterdrückte Leidenschaft verbarg.

Da war das junge Paar aus Amerika, Felicity und ihr Verlobter Richard, die zusammen so viel Glück ausstrahlten, dass man nicht umhinkam, sich in ihrer Gegenwart unversehens auch glücklicher zu fühlen. Den alten Professor Berchinger wiederzusehen hatte sie ganz besonders gefreut. Er hatte sich nicht verändert, liebenswürdig und unverwüstlich hatte er sich auch mit knapp achtzig die Neugierde auf das Leben bewahrt. Als sie sich vor vierzehn Jahren erstmals begegnet waren, war er gerade Witwer geworden, und es hatte damals den Anschein gehabt, als würde er den Verlust seiner Frau niemals überwinden können. Fortan hatte sich der Professor völlig seiner zweiten großen Liebe, der Physik, hingegeben und mit den Jahren wieder zu sich selbst gefunden. Tragisch, dass ihm und seiner Frau Kinder versagt geblieben waren, obwohl sie sich nichts sehnlicher gewünscht hatten. Aber der Professor und mit ihm seine spätere Frau hatten in Ottilie und ihren Verwandten eine Ersatzfamilie gefunden. Oliwia hatte Ottilie nie kennengelernt, aber sie wusste, dass sich die Nachkommen des früheren Hausmädchens der Berchingers bis heute rührend um ihn kümmerten.

Felicitys Mutter Martha, fand Oliwia wiederum, war nicht ganz so einfach einzuordnen. Sie hatte etwas Zurückhaltendes, Zögerliches an sich, und da war auch etwas Tieftrauriges in ihren Augen zu finden, ein Kummer, der schon sehr alt sein musste. Andererseits schien sie sehr in ihre Tochter Felicity und den künftigen Schwiegersohn vernarrt zu sein. Mehrmals hatte Oliwia die Frau dabei ertappt, wie sie die beiden beobachtete, als bestaune sie ein Wunder, das ihr unverhofft widerfahren war. Vielleicht, überlegte Oliwia, war Martha eine Person, die sich niemals viel vom Leben erhofft hatte und es nun schwierig fand, das Glück anzunehmen, mit dem sie plötzlich überreich belohnt worden war.

Die Tür öffnete sich. Am Arm ihrer einzigen Enkelin Klaudia betrat Marlene das Wohnzimmer. Und wie es zeitlebens der Fall gewesen war, wurde sie auch jetzt augenblicklich wieder zum Mittelpunkt, zog die Aufmerksamkeit aller wie ein unsichtbarer Magnet auf sich. Oliwias aufmerksamem Blick entging nicht, dass Marlene auf ihren Stock verzichtet hatte. Entweder bedeutete dies, dass sie gerade weniger darauf angewiesen war, oder, was wohl eher zutreffen mochte, ihr Stolz hatte über ihre Pein gesiegt.

Inzwischen hatten sich die Gäste wie auf ein geheimes Zeichen hin erhoben. Oliwia sah jetzt zu, wie Klaudia ihre Großmutter zu deren angestammtem Sessel vor dem Kamin führte. Sie liebte es, dabei zuzusehen, wie ihre Tochter und ihre Schwiegermutter miteinander umgingen, den silbernen und den blonden Kopf zusammensteckten, als würden sie Streiche aushecken. Was durchaus schon vorgekommen war. Marlene konnte furchtbar albern sein und liebte nichts mehr, als ihre Umgebung zu provozieren. Siebenundsiebzig Jahre trennten die beiden, und trotzdem bestand zwischen Marlene und Klaudia eine tiefe Verbindung. Es war wohl nur mit echter Seelenverwandtschaft zu erklären. Klaudia hatte bereits an ihrem neunten Geburtstag verkündet, dass sie Marlenes Lebenswerk fortführen würde, die Stiftung Moriah, die sich seit ihrer Gründung im Jahr 1953 zur Aufgabe gemacht hatte, Naziverbrecher zu jagen.

Oliwia fühlte einen Blick auf sich ruhen und wusste, ohne aufzuschauen, dass es Noahs war. Auch zwischen ihnen bestand diese Seelenverwandtschaft. Fast zwanzig Jahre Altersunterschied lagen zwischen ihnen. Noah war jetzt siebenundsechzig, sie hatten lange aufeinander gewartet. Aber manchmal lohnte es sich zu warten; das hatte Noah bei ihrer ersten Begegnung zu ihr gesagt, als er ihre Hand geküsst und sie auf diese besondere Art angesehen hatte, die ihr Herz bis heute schneller schlagen ließ.

Auch Marlene gönnte sich einen Augenblick, um ihre Gäste zu mustern. Sie hatte lange gezögert, ob sie ihre Geschichte überhaupt niederschreiben sollte. Wenn sie auf ihr Leben zurückblickte, so schien es ihr, als hätte es nur aus Kampf bestanden. Dabei hatte es durchaus auch schöne Zeiten gegeben, aus denen sie bis zum heutigen Tag Kraft schöpfte. Viele wunderbare Menschen hatten ihren Weg gekreuzt, Menschen, die sich das Menschsein bewahrt hatten, selbst unter den furchtbarsten, würdelosesten Bedingungen waren sie füreinander da gewesen. Und sie hatte im Krieg nochmals die Liebe erlebt, eine Liebe, so groß und weit, dass sie sie bis heute erfüllte. Aber da gab es auch jene Erfahrungen, die sie in die tiefsten Winkel ihrer Seele verbannt hatte. Wollte sie nun alles aus dem Dunkel hervorzerren, die Geister und Dämonen ihrer Vergangenheit, und sich ihnen erneut aussetzen?

Die Antwort war Ja. Es gab noch eine Schuld einzulösen und ein Geheimnis zu offenbaren, das sie nicht mit ins Grab nehmen wollte. Und vielleicht gab es da draußen ja doch noch Menschen, die die ganze Wahrheit hören wollten, selbst wenn es nur ihre Wahrheit war. Vielleicht konnte sie damit eine Seele retten. Wer nur ein einziges Leben rettet, rettet die ganze Welt, so stand es im Talmud und fast gleichlautend auch in der Bibel und im Koran.

Warum hielten sich die Menschen nicht an die Barmherzigkeit, die diese Bücher lehrten, sondern entnahmen ihnen seit Jahrtausenden die Berechtigung fürs Töten? Warum teilten sie andere in Rassen und Farben, in Gläubige und Ungläubige ein, hatte ihre Freundin Trudi sie damals im Krieg gefragt. Die Erinnerung an Trudi zauberte ein Lächeln auf Marlenes Gesicht. Ja, es war gut, sich an jene wunderbaren Menschen zu erinnern, die sie auf ihrem Weg begleitet hatten. Sie ergriff das Wort, und nachdem sie ihre Gäste willkommen geheißen hatte, erklärte sie: »In Anbetracht meines Alters möchte ich keine Zeit verlieren. Ich habe euch allen die Geschichte meines Lebens versprochen. Hier ist sie.« Sie zeigte auf den dicken Packen verschnürter Blätter, den Klaudia auf dem Tisch vor ihr abgelegt hatte. »Mein ganzes verrücktes Leben … Ich bin erst heute Nacht damit fertig geworden.« Sie nickte ihrer Enkelin zu, die sich, wie so oft, auf der Fußbank vor ihr niedergelassen hatte und so nah an ihre Großmutter herangerückt war, dass sie sich an ihre Knie anlehnen konnte. Die beiden liebten es, Körperkontakt zu halten, suchten ihn oft. Klaudia hatte ihrer Mutter einmal ernsthaft erklärt, sie könne auf diese Weise spüren, wie ihre und die Energie ihrer Großmutter im Fluss waren und sich verbanden.

Währenddessen sprach Marlene weiter. »Ich habe beschlossen, dass mein Buch erst nach meinem Tod veröffentlicht werden soll. Nicht weil ich Angst vor der Öffentlichkeit hätte, den Journalisten, die wie die Hyänen über mich herfallen würden. Sondern weil ich meine Familie schützen will. Sie soll sich keine Sorgen um mich machen müssen. Nie habe ich ein Blatt vor den Mund genommen, und ich werde auch jetzt nicht damit anfangen. Die Wahrheit ist nicht immer schön, sondern meist unbequem, aber genau daraus zieht sie ihre Kraft. Egal, welch rohe Gewalten an ihr zerren, egal aus welchen Gründen auf ihr herumgetrampelt wird, sie bleibt stets heil und unversehrt. Denn die Wahrheit kann man nicht verschwinden lassen. Sie sucht sich immer ihren Weg ans Licht. Einiges von meinem Leben kennen die hier Anwesenden aus den Aufzeichnungen meiner Freundin Deborah, die kurz nach dem Krieg enden. Gerade dem Wolferl, ihrem Bruder«, sie nickte Professor Berchinger voller Wärme zu, »werden deshalb viele meiner Erinnerungen nicht neu sein, da er schon sehr lange Teil meines Lebens ist. Wie Deborah habe auch ich Dinge getan, auf die ich nicht unbedingt stolz bin. Vieles davon habe ich lange Zeit zu vergessen versucht. Doch je mehr ich in die Vergangenheit eintauchte, Erinnerungen hervorholte, alte Dokumente und frühere Aufzeichnungen sichtete, umso mehr drängten lange verbannte Ereignisse an die Oberfläche. Erinnerungen sind ein gefräßiges Tier, und zu oft sah ich mich beim Schreiben dem Sturm meiner Gefühle ungeschützt ausgesetzt. Meine kleine freche Enkelin hier meinte, das habe mit meinem Alter zu tun und ich würde langsam sentimental. Ich wäre froh, wenn es nur das wäre.

In den letzten Monaten habe ich mich am Telefon sehr oft mit meiner kürzlich leider verstorbenen Freundin Trudi ausgetauscht. Sie half mir nicht nur, vieles aus unserer gemeinsamen Vergangenheit zu rekonstruieren, sondern erklärte mir auch, dass das Vergessen und Verdrängen Teil unserer Überlebensstrategie war. Wir schützten uns damit, um bei all dem Wahnsinn um uns herum nicht selbst verrückt zu werden. Wir lebten quasi nur von Stunde zu Stunde, niemand wusste, wann die Tür aufgehen und jemand von uns geholt werden würde. Fast jeden Tag haben wir einen aus unserer Mitte verloren.

Viele Menschen kreuzten unseren Weg, darunter nicht wenige, die keiner Erinnerung wert sind, aber eben auch Menschen, die all das Schlechte dieser Welt aufwiegen.

Meine Geschichte setzt am 21. Juli 1944 ein, einen Tag nach dem gescheiterten Stauffenberg-Attentat. Davon wusste ich zu diesem Zeitpunkt aber noch nichts. Nachrichten reisten nicht wie heute in Sekundenschnelle um die Welt.

München hatte in jenen Tagen die bisher verheerendsten Bombenangriffe der Amerikaner erlebt. Ich habe drei Tage in einem Luftschutzbunker verbracht, und als man uns endlich wieder an die Oberfläche ließ, machte ich mich sofort zum Haus am Prinzregentenplatz 10 auf, in dem meine Freundin Deborah und ihr Bruder Wolferl lebten – oder vielmehr von Albrecht Brunnmann gefangen gehalten wurden.

Ich war damals nach München gekommen, um ihnen zur Flucht zu verhelfen. Doch das Haus war durch eine Bombe vollkommen zerstört worden. Der zuständige Blockwart erklärte mir, dass auch der Luftschutzraum im Keller eingestürzt sei und niemand überlebt habe. Ich wähnte die beiden jungen Leute daher tot und wandte mich wieder meinem ursprünglichen Plan zu: mich der Résistance in Frankreich anzuschließen. Doch aus meinem ursprünglichen Plan, nach Frankreich zu gehen, wurde nichts …«

 

TEIL 2

Vergangenheit

Zeit der Finsternis

Auszug aus dem Flugblatt, das zur Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 aufrief:

Wir fordern vom Deutschen Studenten den Willen und die Fähigkeit zur Überwindung des jüdischen Intellektualismus und den damit verbundenen liberalen Verfallserscheinungen im Deutschen Geistesleben …

Urheber: Vereinigung »Die Deutsche Studentenschaft«

285 Tage bis zum Tag 0

»Auf den Opfern der Toten und den Ruinen unserer Städte wird ein neues Leben erblühen.«

Der Führer Adolf H. aus B.,

am zehnten Jahrestag seiner Machtübernahme

 

Kapitel 4

München, Juli 1944

Noch einmal kehrte Marlene an die Stätte der Zerstörung zurück und verharrte vor den traurigen Überresten, die einmal das Haus am Prinzregentenplatz 10 gewesen waren. Sie hatte schon viele Menschen durch den Krieg sterben sehen. Der Tod war überall gegenwärtig, sie sah ihn, sie roch ihn, sie hasste ihn.

Auf Außenstehende mochte es wirken, als würde sie beten. Doch ihr letztes Gebet war lange her. Sie hatte sich von Gott abgewandt, so wie er sich von den Menschen abgewandt und sie dem Teufel überlassen hatte. Sie nahm auf ihre Art Abschied von den ehemaligen Bewohnern, Deborah und Ottilie, und auch von Wolferl, den sie nie kennengelernt hatte. Obwohl sie bereits seit neun Jahren unter der Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten lebte, war es ihr weiterhin unbegreiflich, wozu die Menschen fähig waren. Ein Heim voller Lachen, Leben und Liebe, ausgelöscht innerhalb weniger Sekunden. Menschen bauten die Bomben, Menschen warfen sie auf andere herab. Ob Freund oder Feind, man tötete im Namen pervertierter Ideologien und ohne Recht. Kein Mensch durfte einem anderen das Leben nehmen. Das traf auch auf sie zu. Und trotzdem hatte auch sie getötet. Es war eine Bürde, die für immer auf ihr lasten würde.

Überall lagen Glassplitter, herausgerissene Türen und Fensterläden, verkohlte Reste von Möbeln und Hausrat. Nur einen Tag früher, und sie hätte Deborah und ihren Bruder Wolfgang retten können. Ein einziger Tag in fast fünf Jahren Krieg! Ausgerechnet heute ließ sie das Schicksal im Stich. Sie hatte den Anschlag im Café Cyganeria überlebt, hatte sich trotz ihrer schweren Rückenverletzung ins Leben zurückgekämpft, hatte es bis nach Berlin und anschließend nach München geschafft, nur um vor einem Haufen rauchender Steine zu stehen? Es machte sie wütend, gleichzeitig war sie froh, dass sie diese Gefühle noch hatte. Wohin sie auch blickte, begegneten ihr stumpfe, resignierte Gesichter. Gesichter, die den Tod zu oft gesehen und ihn längst als stillen Gefährten akzeptiert hatten. Sie würde sich niemals an den Tod gewöhnen.

Plötzlich hatte sie das Gefühl, beobachtet zu werden. Sie verweilte bereits zu lange an dieser Stelle. Sie wandte sich ab und lief direkt einer Abordnung Hitlerjungen in die Arme, Milchbärte in Uniform. Das letzte Aufgebot, dem Untergang geweiht. Sie wussten es nur noch nicht.

Der Anführer schnarrte: »Heil Hitler!« Marlene hatte große Mühe, bei dem verhassten Gruß nicht zusammenzuzucken, sondern ihn zu erwidern. Ebenso Mühe bereitete es ihr, sich ihre Gedanken nicht anmerken zu lassen. Dem Jungen, der höchstens vierzehn sein konnte, leuchtete der Fanatismus aus den Augen, ihm waren Bomben und Terror egal, er gehörte zu den Guten, und das Gute würde siegen! Wenn dazu erst einmal alles in Schutt und Asche gelegt werden musste, dann nur, weil der geliebte Führer es so wollte. Nach dem Endsieg würde alles wieder neu aufgebaut werden. Größer, schöner, mächtiger, das Dritte Reich in all seiner Herrlichkeit. Das neue Rom. Das war das Gedankengut dieser jungen Leute, aufgewachsen in der Ideologie der Nationalsozialisten. Marlenes verstorbener Großvater hatte ihr einmal erklärt, dass es viele Versuchungen gebe in unterschiedlichen Verkleidungen. Kinder glaubten jeden Unfug, egal, ob es sich um den Osterhasen oder den arischen Rassenwahn handle. Man müsse es ihnen nur lange genug einbläuen. Das nutzten jene für sich aus, die nichts Gutes im Sinn hatten, denen nur an sich selbst lag und der Macht, die sie dadurch gewinnen konnten. Und das stürzte die Welt immer wieder ins Unglück. Sie beeilte sich, den Jungen und seinen Trupp der Verdammnis hinter sich zu lassen.

An Kleidung war Marlene nur das geblieben, was sie am Leibe trug, jedoch hielt sie das Wichtigste in einer kleinen Tasche unter ihrem Kleid versteckt: gefälschte Papiere und ein wenig Geld. Die Wertsachen wie auch eine Anlaufstelle im Münchner Westen hatte sie von Halina, ihrem Berliner Kontakt zum Widerstand, erhalten.

Inzwischen waren zehn Tage seit ihrem Aufbruch aus der Hauptstadt verstrichen. Nach dem verheerenden Luftangriff musste sie damit rechnen, dass auch von der genannten Adresse nur noch ein Haufen Trümmer übrig geblieben war. Darüber hinaus hatte das Terrorregime den Krieg gegen das eigene Volk verstärkt. Je mehr Terrain die deutschen Armeen im Krieg verloren, je weiter Wehrmacht und SS-Verbände zurückweichen mussten, umso härter gingen Gestapo, SA und sonstige Fanatiker gegen das eigene Volk vor. Überall wurden Verrat und Zersetzung gewittert, wurden Menschen denunziert, kam es zu Massenverhaftungen, und Folter und perfide Sippenhaft lockerten so manche Zunge. Täglich schmolzen die Reihen des Widerstands zusammen, doch weiterhin versuchten einige wenige Tapfere, den Lauf des Krieges zu ändern.

Nach einem Fußmarsch von über zwei Stunden hatte sie sich endlich bis zu der Adresse durchgefragt und stand ein weiteres Mal an diesem Tag vor dem, was einmal ein Wohnhaus gewesen war.

Es war einfach unfassbar, alles schien sich gegen sie zu richten. Leichter Schwindel befiel sie, ihr gesamter Körper schmerzte, als hätte sie auf spitzen Steinen geschlafen, was im Grunde zutraf. Ihre Genesung lag noch nicht lange zurück; ihre alte Konstitution und Kondition waren noch nicht wiederhergestellt. Auch hatte sie die kräftigenden Übungen, die ihr der gute Doktor Hondl in Krakau gezeigt hatte, schwerlich in den drei Tagen im Luftschutzbunker fortsetzen können. Mehr als ihre ehemals robuste Physis hielt sie ihr Wille aufrecht. Doch der stärkste Wille konnte Hunger und Durst nicht dauerhaft übertünchen. Es fiel ihr zunehmend schwer zu schlucken, so trocken war ihr Gaumen; die ganze Stadt schien in eine einzige Staubwolke gehüllt, die alles zu ersticken drohte. Sie musste dringend einen Platz finden, wo sie die Nacht verbringen, neue Kräfte sammeln und Pläne schmieden konnte. Bloß wo? Sie kannte hier niemanden, und wie sie waren Tausende auf der Suche nach einem Quartier. Nochmals zurück in den Luftschutzbunker kam für sie nicht infrage. Da fiel ihr ein, dass sie auf halbem Weg an einer Kirche vorbeigekommen war, in der sich Schutz suchende Bürger versammelt hatten. Wenn sie sich nicht irrte, hatte sie dort auch die Fahne des Roten Kreuzes gesehen. Das bedeutete, dass dort Verletzte versorgt wurden und es auch etwas zu essen und zu trinken gab. Sie sah sich zur Orientierung kurz um und entdeckte den Kirchturm, dessen Spitze sich durch die Staubglocke hindurch in den Himmel schraubte, als wolle er Gott an seine Existenz gemahnen. Wiederum überkam sie für einen Moment das Gefühl, dass sie beobachtet wurde. Unauffällig sondierte sie ihre Umgebung, konnte jedoch nichts Verdächtiges ausmachen, außer den vielen Ausgebombten, die umherirrten wie graue Gespenster und doch bereits dabei waren, sich neu zu organisieren. Namen wurden gerufen, Steine auf der Suche nach Überlebenden abgetragen, Informationen, wer wo wen gesehen hatte, wurden ausgetauscht, Mütter suchten ihre Kinder zu beruhigen, Sanitäter eilten mit Tragen umher, ein Blockwart setzte ein Megafon an und brüllte Befehle. Über allem lag die Essenz des Krieges wie ein unsichtbarer Schleier: Tod und Trauer, Wut und Verzweiflung.

Sie machte sich auf den Weg, der ihr nun weit beschwerlicher vorkam als zuvor. Mehrere Male vergewisserte sie sich, dass sie nicht verfolgt wurde, konnte aber niemanden ausmachen. Endlich erreichte sie ihr Ziel. Trotz zerbrochener Fensterscheiben und gezackter Mauerrisse vermittelte das Gotteshaus einen durchaus stabilen Eindruck. Erstaunlicherweise war es als einziges Gebäude im näheren Umfeld intakt geblieben, und Marlene dachte bei sich, dass das, was sie selbst als Glücksfall bezeichnete, andere dazu verleiten würde, es als Wunder anzusehen. Ob Wunder oder Zufall, ihr war es einerlei, Hauptsache, ein Dach über dem Kopf.

So wie sie dachten wohl viele, denn die Kirche war hoffnungslos überfüllt, wie es sich der zerlumpte Priester, der zwischen den vielen Menschen fast wie in Trance umherirrte, in Friedenszeiten sicher erträumt hätte. Marlene kämpfte sich rücksichtslos durch die Masse der Leiber. Die Menschen, die genauso abgerissen aussahen wie sie, machten ungern Platz und verteidigten jeden Zentimeter Raum. Hier hörte sie auch das erste Mal vom gescheiterten Bombenattentat auf Adolf Hitler durch einen Offizier des Ersatzheeres. Sie hatte Graf Stauffenberg im Haus ihres Großvaters kennengelernt, er hatte den Baron von Dürkheim einige Male besucht. Er war ein schneidiger junger Mann gewesen, und Marlene erinnerte sich, dass sie als Backfisch für ihn geschwärmt hatte.

Im hinteren Kirchenschiff war ein notdürftiges Lazarett eingerichtet worden. Marlene schlug sich bis dorthin durch und schaffte es, ein Stück trockenes Brot und einen Becher Tee zu ergattern, willkommene Gaben, verteilt von übermüdeten Rotkreuzschwestern. Sie trank und aß das wenige, versicherte sich, dass die kleine Tasche mit ihren Wertsachen fest unter ihrem Kleid verstaut war, rollte sich wie ein Igel in einer Ecke zusammen und suchte trotz des Elends, des Lärms und des Gestanks, den Hunderte Menschen auf engstem Raum verströmten, einige Stunden Schlaf zu finden. Ihre einzige Waffe, ein Taschenmesser, das sie in ihrer Hand barg, musste reichen, sie davor zu bewahren, beraubt zu werden. Doch sie glaubte nicht daran; die Elendsgestalten um sie herum suchten ebenso Schutz und Frieden wie sie. Sie spürte, dass diese Menschen ein Stadium erreicht hatten, in dem sie des Kriegs und der Schlechtigkeiten überdrüssig geworden waren. Die Ideologie der Kriegstreiber hatte durch die schreckliche Realität des Krieges viel von seiner früheren Kraft eingebüßt. So war es immer. Ein Krieg ging letztendlich an seiner eigenen Schlechtigkeit zugrunde, er fraß sich selbst. Weil sich die Menschen irgendwann nach dem Schönen und Guten sehnten und das erwachte, was den Menschen ausmachte: Der Stärkere hilft dem Schwächeren, der, der mehr hat, teilt es mit dem, der weniger hat. Die Metamorphose zum Guten hatte bereits begonnen.

Sie hatte beobachtet, mit wie viel Fürsorge die Schwestern die Verwundeten und Verletzten umsorgten, wie der Pfarrer unablässig zwischen seinen Schäfchen umherstolperte und mit Worten und Gesten Trost spendete, wie ein Mann seine Decke nahm und einer Mutter gab, damit sie ihr kleines Mädchen damit zudecken konnte. Nein, die Menschen unter diesem Dach hatten dem Tod schon so oft getrotzt, wussten, dass er der Verbündete des Bösen war, das über sie gekommen war und das sie nicht weiter zulassen wollten.

Sie selbst hatte das Stadium der Angst vor langer Zeit überwunden. Der Tod war der Tod, und er hielt Ernte, wann immer er wollte. Im Krieg gab es keinen Sieger, und nur die Toten hatten bisher sein Ende gesehen.

Kriegssplitter

Um dem Sensationstourismus Einhalt zu gebieten, bringt die NSDAP Plakate mit der Anweisung an, »Reisen von Schaulustigen in die von Bombenangriffen betroffenen Städte sofort zu unterlassen!«.

Die Royal Air Force und die US Air Force setzen vermehrt Sprengbomben mit chemisch-mechanischen Langzeitzündern ein. Sie detonieren meist erst Stunden nach den Luftangriffen. Ihr Einsatz soll Lösch- und Bergungsarbeiten behindern und Personen treffen, nachdem sie die Schutzbunker bereits verlassen haben.

Ob ihr Einsatz ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit war, wird bis heute kontrovers diskutiert.

Das Landgericht Zweibrücken verurteilt eine junge Frau zu einer einjährigen Zuchthausstrafe. Ihr Vergehen: Sie hatte einem kanadischen Kriegsgefangenen eine Apfelsine geschenkt.

Kapitel 5

»Jessas na, do schaut’s aus!« Fassungslos verharrte Ottilie auf der Treppe, die aus dem Schutzraum führte, und konnte kaum glauben, was sich ihren Augen bot: nichts als Tod und Verwüstung, wohin sie auch schaute.

Ihr Zuhause, der Ort, an dem sie die letzten fünfundzwanzig Jahre ihres Lebens verbracht, geliebt und gelitten und zuletzt ausgeharrt hatte für die Kinder des Doktors selig, gab es nicht mehr. Nichts erinnerte mehr an die stolzen Häuser Nummer 2–10, außer einem rauchenden Trümmermeer, aus dem vereinzelt Ziegelsteingerippe ragten wie die Überreste eines untergegangenen Schiffes. Einiges hatte der totalen Vernichtung getrotzt und bizarre Gebilde hinterlassen, wie ein einsamer Türstock samt Tür oder eine halb intakte Mauer, an deren Innenwand noch ein goldgerahmtes Bild des Führers hing. Es war eine unheimliche Szenerie, eingehüllt in Staub und Rauch, die das Tageslicht verschluckten und alles trüb und diffus erscheinen ließen, als wäre die Menschheit in einem unheilvollen Nebel gefangen.

Ottilies Herz zog sich vor Schmerz zusammen. Das Leben hatte ihr schon viele Wunden gerissen, eine tiefer als die andere, und jedes Mal hatte sie sich daran geklammert, dass es nicht schlimmer kommen konnte, das würde der Herrgott niemals zulassen, und dann schlug dieser unsägliche Krieg erneut zu und belehrte sie eines Besseren. Offenbar standen sich der Herrgott und der Krieg im Weg. Und erst der Gestank, dieser Gestank! Instinktiv wühlte Ottilie in ihrer Schürze nach ihrem Taschentuch, aber das hatte sie ja der Greisin neben ihr gegeben, die Rotz und Wasser geheult hatte. Drei Tage und drei Nächte. So lange hatten sie sich in dem Schutzraum verschanzt, während die Bomben fielen, die Wände wackelten, Staub aus den Ritzen rieselte und sie alle gebetet hatten. Allzu viel schien es ja nicht genutzt zu haben. Langsam zweifelte Ottilie an der Kompetenz des Herrgotts. Erst hatte er ihr den Doktor genommen, diesen herzensguten Menschen, dann ihren geliebten Hans, dann die wunderschöne und sanfte Frau Elisabeth, und die arme Deborah hatte der ausg’schamte Nazi-Wüstling versklavt. Jetzt hatte ihr dieser vermaledeite Krieg auch noch ihr Zuhause zerstört. Dabei hatte der Pfarrer noch vor einer Woche von der Kanzel herunter verkündet, dass der Herrgott einem nur so viele Prüfungen schickte, wie man tragen konnte. Ottilie fand, es war genug. Sie hatte weder die Kraft noch den Willen, ein weiteres Päckchen zu tragen. Sollte der Herrgott sich mal anstrengen und selber ein paar Lasten stemmen. Ihr Blick schweifte trotzdem nach Osten, suchte instinktiv nach der Kirchturmspitze. Immerhin, das dazugehörige Gotteshaus schien noch zu stehen, jedenfalls ragte der Kirchturm wie ein mahnender Finger mitten aus den Trümmern empor. Sollte sie nachsehen, ob dort jemand aus ihrem Viertel war, der überlebt hatte? Nein, dachte sie kurz entschlossen, sie würde zu ihrer Familie gehen. Nach Straßlach. Sie rang den kurz aufflackernden Gedanken nieder, dass es sich kaum mehr lohnte, in dieser schrecklichen Welt weiterzuleben, aus der sich vermutlich auch Gott davongestohlen hatte.

Denn sie hatte noch eine Aufgabe in diesem Leben zu erfüllen: Sie trug die Verantwortung für ein junges Leben, das ihr anvertraut worden war. Das war sie ihrer Herrschaft, dem Doktor und der Frau Elisabeth selig, schuldig.

»Jetzt gehen S’ doch endlich weiter, gute Frau, Sie blockier’n doch alles!«, schrie ihr Hintermann erbost, während er gegen ihren Rücken drängte.

»Kein Grund zum Drängeln, du Batzi!«, fuhr ihn Ottilie robust an. »Komm, Wolferl.« Sie packte die Hand des Kleinen fester. »Wir gehn jetzt zu meinem Bruder, und da kriegst a gute Milch und ein Bad. Du schaugst aus wie a grauer Zwerg und g’hörst tüchtig g’schrubbt.«

Kapitel 6

Marlene erhob sich sehr früh am Morgen, konnte einer Krankenschwester einen Becher Ersatzkaffee abringen und machte sich anschließend auf den Weg. Sie hatte keinen echten Plan, außer einfach auf ihr nächstes Ziel, Frankreich, zuzumarschieren.

Sie passierte nochmals die ihr genannte Adresse. Obwohl sie es nicht vorgehabt hatte, hielt sie inne. Scheinbar wurden unter den Trümmern noch Menschen vermutet, denn mehrere Personen, Frauen wie Männer, hatten an der Stelle zu graben begonnen. Sie bildeten eine Kette, trugen Stein um Stein ab und warfen sie auf einen Haufen. Einer der oberen Ziegel kam ins Trudeln und landete direkt vor Marlenes Füßen. Sie wich erschrocken zurück, stolperte, ruderte mit den Armen und konnte sich doch nicht mehr auffangen.

»Sapperlot! Was passiert, Mädel?«, rief ihr die ältere Frau zu, die den Brocken als Letzte in der Reihe auf den Haufen befördert hatte.

Marlene betrachtete kurz ihre aufgeschürften Hände, schüttelte den Kopf und rappelte sich hoch. Die Frau kletterte von dem Schutthaufen herab. »Tut mir leid. Ich hab Sie nicht gesehen. Möchten S’ was trinken?«

»Da sage ich nicht Nein.«

Die Frau winkte einen schmächtigen Burschen heran, der nur zögerlich näher kam und unter seiner speckigen Landserkappe einen verstohlenen Blick um sich warf, bevor er seinen Rucksack abnahm. Er holte eine Feldflasche hervor und reichte sie Marlene. Sie trank nur wenige Schlucke und gab sie ihm zurück. Wasser war kostbar in diesen Tagen. »Danke.«

»Wo kommen S’ denn her?«, fragte die Frau.

»Prinzregentenstraße«, erwiderte Marlene und zeigte vage hinter sich.

»Hab’s schon g’hört, ziemlich übel getroffen, sagt mein Mann. Und wo geht’s jetzt hin?«

Marlene zuckte mit den Schultern. »Zu Verwandten aufs Land.«

»Ja, die hätt ich auch gern. Wer kann, verlässt die Stadt. Hier geht alles vor die Hunde. Die bomb’n hier alles kurz und klein, und die Leit sterb’n weg wie die Fliegen.« Sofort schlug sich die Frau die Hand vor den Mund und sah sich um, ob jemand ihre Worte gehört hatte. »Ich sollt nicht so daherred’n, sagt mein Mann. Sonst holn s’ mich noch. Oje, des war jetzt auch schon wieder gefährlich. Am besten halt ich ganz mei Goschn …«

»Sagt Ihr Mann«, ergänzte Marlene und schenkte der Frau, der es schwerfiel, ein Blatt vor den Mund zu nehmen, ein konspiratives Lächeln. »Keine Sorge. Es werden auch wieder Zeiten kommen, in denen man offen sprechen kann.«

»Ihr Wort in Gottes Ohr«, seufzte diese. »Aber bis dahin, fürcht ich, steht kein Stein mehr auf dem andern.«

»Erna!«, rief ein älterer Mann oben auf dem Schutthaufen. Er trug einen schmutzigen Verband um den Kopf. »Was treibst denn mit der Frau?«

Marlene verabschiedete sich. Sie war noch nicht weit gekommen, als sie bemerkte, dass ihr jemand folgte. Also doch! Bei nächster Gelegenheit bog sie in eine schmale, von aufgetürmten Schuttbergen gesäumte Gasse ein und verbarg sich hinter einer in den Angeln hängenden Tür. Ihr Verfolger wurde sichtbar. Es war der schmale Jüngling mit dem Rucksack. Sie konnte in ihm keine wirkliche Gefahr erkennen, vielleicht hatte ihn sogar die freundliche Frau hinterhergeschickt, die sie in ihrer Art ein wenig an Ottilie erinnert hatte. Der Bursche schlenderte heran. Irgendetwas an seinem Gebaren weckte in ihr vage Erinnerungen. Plötzlich fand sie sich an einen Tag im September 39 zurückversetzt, als sie an Jakobs Seite durch Krakau gelaufen war und von ihm ihre erste Unterrichtsstunde als künftige Spionin erhalten hatte. Der Junge bewegte sich auf dieselbe vorsichtige Art, die Jakob sie einst gelehrt hatte: immer auf der Hut sein und dabei unauffällig auf alles in der näheren Umgebung achten. Was wollte der Junge von ihr? Warum war er ihr gefolgt? Er war jetzt nahe genug herangekommen. Marlene nutzte das Überraschungsmoment. Sie schnellte vor, griff nach seinem Arm, und bevor ihr Verfolger sich’s versah, fand er sich gegen die Mauer gedrückt, ihr Messer an seiner Kehle. »Wer bist du, und was willst du von mir?«, zischte sie an sein Ohr.

»Sind Sie Marlene?«, presste er hervor.

»Wer soll das sein?«, stellte sie die Gegenfrage, ohne den Griff zu lockern.

»Eine Spionin aus Berlin.«

»Interessant. Und wer bist du?«

»Ich bin auch ein Spion.« Es klang stolz, und Marlene verdrehte die Augen. Stolze Agenten überlebten in der Regel nicht lange. »Ein wenig jung dafür, findest du nicht?«

»Lieber jung und unerfahren als alt und feige.«

Marlene verkniff sich ein Lächeln. Ein wenig wunderte sie sich über die außergewöhnliche Stimme dieses halben Kindes. Sie war viel zu dunkel für diese zarte Gestalt. Sie lockerte ihren Griff. Ein Fehler. Denn der Jüngling entwand sich ihr blitzschnell und glitschig wie ein Aal und hatte nun seinerseits ein Messer in der Hand. Marlene fluchte und ging sofort in Kampfstellung.

Der Jüngling grinste, hob die Hände in einer Friedensgeste und ließ das Messer langsam sinken, ohne Marlene dabei aus dem Blick zu lassen. Seine riesigen grünen Augen leuchteten wie Edelsteine aus seinem mageren, verrußten Gesicht. »Ich habe auf Sie gewartet«, sagte er jetzt lebhaft. »Ich wusste, Sie würden kommen.«

Marlene verhielt sich abwartend, das Messer fest umklammert. Für sie war die Gefahr noch nicht gebannt. Zwar kannte diese halbe Portion ihren Namen, aber er hatte das vereinbarte Losungswort nicht genannt. Es konnte eine Falle sein. Wenn, dann war er nicht allein gekommen. Sie hielt die Ohren gespitzt, konzentrierte sich auf die nähere Umgebung, lauschte nach verdächtigen Geräuschen und hielt sich bereit, jederzeit fliehen zu können.

Er musterte sie, und etwas in seinem Gesicht sagte ihr, dass er sie gerne etwas gefragt hätte, aber unsicher war. Als müsse er ihre Reaktion fürchten. »Hat dich deine Mutter geschickt?«, half sie ihm auf die Sprünge.

»Nein, meine Mutter ist tot«, sagte er und sah ihr weiterhin forschend ins Gesicht.

»Möchtest du mir etwas sagen?«

Der Junge gab sich einen Ruck. »Haben Sie vom Attentat auf den Führer gehört?«

»Ja?«, antwortete Marlene weiterhin zurückhaltend. Von ihrer Antwort hing ab, ob sie den jungen Mann vertreiben oder ihn damit anstacheln würde, sie als Feindin des deutschen Volkes einzustufen. Eigentlich hätte sie als angemessene Reaktion sofort Entrüstung über diese schändliche und feige Tat gegenüber dem geliebten Führer zeigen müssen, doch sie brachte es nicht fertig. Sie hatte noch die gedämpfte Atmosphäre in der Kirche in Erinnerung, als sie das Gefühl gehabt hatte, dass nicht wenige unter den Anwesenden einen Erfolg von Stauffenberg begrüßt hätten. Natürlich hatte niemand gewagt, dies offen zu sagen, den Leuten war die Angst vor Repressalien und Denunziantentum so sehr zur zweiten Natur geworden, dass sie den Schein wahrten. Denn auch die üblichen verbohrten Spinner waren zugegen gewesen, die weiterhin die Nazifahne hochhielten, indem sie lauthals die beinahe göttliche Unversehrtheit des Führers gepriesen hatten und sich aufführten, als sei dies ihr Verdienst. Aber sie waren schneller verstummt als sonst, absorbiert von der kriegsmüden, beinahe feindseligen Stimmung, die sich spürbar breitgemacht hatte.

»Was sagst du dazu?« Marlene duzte ihn, als sie ihm ihrerseits einen Köder zuwarf.

Er sah sie zunächst finster an und versicherte sich darauf nochmals, dass sie auch wirklich allein waren. Erst dann stieß er leise hervor: »Ich wünschte, der Stauffenberg hätte den Dreckskerl erwischt.« Seine Lippen bebten vor unterdrückter Wut. Sein Hass war echt, das konnte man nicht spielen. Marlene glaubte ihm, entspannte sich ein wenig und wagte den nächsten Schritt: »Kennst du ›Horcher‹?« Es war der ihr von Berlin genannte Kontakt.

»Ja.«

»Und?« Marlene wartete auf das Losungswort.

Kurz wirkte der Junge irritiert, dann lächelte er, was ihn schlagartig noch jünger aussehen ließ, und Marlene dachte bei sich, dass er höchstens dreizehn sein konnte. So jung. Und dann verschlug es Marlene die Sprache, als er ernsthaft verkündete: »Ich bin Horcher!«

Als ihn Marlene weiterhin fragend ansah, schlug er sich gegen die Stirn. »Verdammt, natürlich.« Er beugte sich vor und flüsterte kaum hörbar: »Weißer Rabe.«

Es war die vereinbarte Losung. Sie atmete tief durch. »Wo ist dein Unterschlupf?«, fragte sie als Nächstes und schob nach: »Wir sollten uns hier nicht zu lange aufhalten.«

»Natürlich, komm!« Horcher lief ihr voran durch die Ruinen.

In diesem Stadtteil trat das Ausmaß der Zerstörung besonders zutage, es war gespenstisch, ein Abbild der Apokalypse. Eine Schneise der Vernichtung zog sich durch manche Straßenzüge, andere wiederum waren nur auf einer Seite dem Erdboden gleichgemacht, die gegenüberliegenden Häuser fast unversehrt geblieben. Lediglich die mit Holz oder Pappe verblendeten Fenster und die Risse in der Fassade zeugten von der überstandenen Gefahr. Tod und Leben, nur wenige Meter voneinander entfernt.

Nach einem zügigen, längeren Fußmarsch ging es einen Treppenabsatz hinab. Marlene stolperte hinter Horcher durch dunkle, labyrinthähnliche Gänge, dann ging es wieder hinauf, über einen Hinterhof, erneut in die Tiefe mit weiteren verzweigten Gängen, in denen sich zu beiden Seiten immer wieder Kellerabteile auftaten, in denen Menschen eng zusammengedrängt bei Kerzenlicht hausten. Manche Erwachsene trugen absurd anmutende Kopfbedeckungen aus Kochtöpfen, auf die wiederum Kissen geschnallt waren. Marlene war erschüttert, so viele kleine Kinder zu sehen, die in diesen Zeiten aufwachsen mussten und in ihrem kurzen Leben faktisch nichts anderes als Krieg kannten. Über allem lag der unvermeidliche Staub, der bei jedem Schritt, jeder Bewegung aufgewirbelt wurde und das Atmen zur Qual machte. Aus allen Ecken, von allen Seiten war Husten zu hören.

Als sie das nächste Mal ans Tageslicht gelangten, fanden sie sich in einem beinahe intakten Viertel in der Nähe der Schwabinger Universität wieder. Hier nahm das Leben seinen normalen Gang, soweit man in diesen Tagen von Normalität sprechen konnte. Erneut bemerkte Marlene, dass die Menschen eine eigene, kriegsbedingte Form des Laufens entwickelt hatten, hastig und mit eingezogenen Schultern, als fürchteten sie, dass ihnen jederzeit Bomben auf den Kopf hageln könnten, was ja durchaus und jederzeit im Bereich des Möglichen lag. Einige wenige Geschäfte waren geöffnet, und überall davor drängten sich Trauben von Menschen. Uniformen waren weniger zu sehen, dafür war kaum jemand unterwegs, der keine Hakenkreuzbinde am Arm trug, wohl um Solidarität mit dem Führer, der nur knapp dem Tode entronnen war, zu bekunden oder vorzutäuschen.

Auch Horcher hatte zuvor zwei aus seinem Rucksack geholt und Marlene angewiesen, eine anzulegen. Er zog sie zu einem Haus, dessen Dachstuhl ausgebrannt war und auf Marlene wirkte, als hätte sich oben ein schwarzer Schlund geöffnet, bereit, auch den Rest des Hauses zu verschlingen. Erstaunlicherweise hatten die darunterliegenden Stockwerke nur wenig abbekommen, sogar die Fensterscheiben waren teilweise noch intakt geblieben. Durch ein nach säuerlichem Kohl riechendes Treppenhaus ging es über ausgetretene Stufen hinauf in den dritten Stock.

Auf die Klopfzeichen des Jungen hin wurde die Tür aufgerissen, und eine wütende Stimme fuhr Horcher an: »Verdammt, wo warst du so lange?« Marlenes junger Begleiter wurde gepackt und grob in die Wohnung befördert. Da erst entdeckte der Mann auch sie. Sie hatte sich ein wenig abseits gehalten, um sich weiterhin die Möglichkeit zur Flucht offen zu halten. Ohne viel Federlesens griff er nun nach ihr und schob sie hinter sich in den Flur, nicht ohne zuvor einen misstrauischen Blick ins Treppenhaus zu werfen.

»Mir ist niemand gefolgt«, sagte Horcher. Es klang stolz und trotzig zugleich. Offenbar war er Ressentiments aufgrund seiner Jugend gewohnt. Der Mann, dessen eine Gesichtshälfte von einem dichten Netz von Narben durchzogen war, als wäre es in Glasscherben gedrückt worden, wandte sich dem Jungen jetzt zu und schüttelte ihn so heftig, dass sein Kopf hin- und herflog. »Was fällt dir ein, so lange wegzubleiben? Wir warten seit gestern auf eine Nachricht von dir! Deine Tante hat mir die Hölle heißgemacht!« Durch die wütende Attacke hatte Horcher seine Kappe verloren. Darunter kam ein langer und sehr blonder Zopf zum Vorschein, der sich nun den Rücken hinunterschlängelte.

»Dachte ich es mir doch, ein Mädchen!«, entfuhr es Marlene nicht ohne Anerkennung. Allein Horchers dunkle, fast heisere Stimme hatte sie noch daran zweifeln lassen.

Das Mädchen namens Horcher befreite sich mit einer ruckartigen Bewegung aus den Händen des Mannes und bückte sich blitzschnell nach ihrer Kappe, nicht ohne ihn vorher böse anzufunkeln. Sie setzte sich die Mütze wieder auf und stopfte den Zopf energisch darunter. »Wo ist meine Tante?«, fragte sie forsch.

»Einkaufen, oder besser, sie versucht, etwas zu essen aufzutreiben. Wer ist das?« Der Mann war bedrohlich nahe an Marlene herangetreten, sodass sie seinen abgestandenen Schweiß riechen konnte.

»Sie ist die, auf die wir gewartet haben«, sagte Horcher, die zu einem Brotkasten gegangen war, unter dessen Deckel gähnende Leere herrschte. Sie pickte ein paar letzte Krumen mit dem angefeuchteten Zeigefinger auf und steckte ihn sich in den Mund.

»Ich möchte Namen und Losung von ihr hören«, sagte der Mann barsch.

»Nein, ich möchte es von Ihnen hören.« Marlene hatte von sich aus den Abstand zu dem hochgewachsenen Mann verringert, sodass ihr nach oben gerecktes Kinn beinahe seine Brust berührte. Sie wollte ihm zeigen, dass sie sich keinesfalls von ihm einschüchtern ließ und er zuerst Farbe bekennen sollte. Außerdem konnte sie nicht behaupten, dass ihr sein ungehobeltes Auftreten gefiel.

Einige Sekunden lang kreuzten sich ihre Blicke wie Klingen. Dann trat der Mann zurück und verschränkte seine Arme. Er musterte Marlene von Kopf bis Fuß, ihr derangiertes Aussehen, das angesengte Kleid und die verrußten, zerfledderten Halbschuhe. Fast mechanisch fuhr sich Marlene in einer typisch weiblichen Geste durch ihr Haar. Es fühlte sich durch den Staub der letzten Tage strohig an. Sie hatte sich seit vier Tagen weder gewaschen noch gekämmt, hatte nicht einmal genügend Wasser zum Trinken gehabt. Vermutlich roch sie genauso schlimm wie ihr Gegenüber.

Für einen kurzen Moment ergab sie sich der Stimmung, die sie in der Kirche und eben auf ihrem Weg durch das zerstörte München aufgefangen hatte: das Gefühl, des Krieges und des Kampfes überdrüssig zu sein. Die Sehnsucht nach Normalität wurde beinahe übermächtig, der Wunsch, nach einer ruhigen Nacht am Morgen in einem weichen Bett aufzuwachen, sich zu waschen und auf eine Tasse Tee freuen zu können. Eine Nacht in Sicherheit, eine Nacht ohne Angst. Das Gefühl von Frieden.

Plötzlich lächelte sie der Mann an, was seinem verunstalteten Gesicht einen eigentümlichen Charme verlieh, auch weil es ein Lächeln war, das bis in seine Augen reichte. »Wir haben hier also eine genauso harte Nuss wie unsere Horcher.« Er streckte Marlene die Hand entgegen. »Ich heiße Manfred. Und Sie müssen Marlene sein. Die Losung lautet Weißer Rabe, und ich habe eine Nachricht von Halina für Sie. Aber zuerst setzen Sie sich. Sie müssen erschöpft sein.« Er zeigte auf ein durchgesessenes Sofa in der Ecke, das wohl auch als Schlafstatt diente. »Möchten Sie einen Tee?«

»Gerne.« Marlene ließ sich auf der Kante des Sofas nieder. Auch wenn Halinas Name gefallen war, blieb sie weiterhin wachsam. Der Mann namens Manfred reichte ihr eine angeschlagene Tasse, griff nach einer Blechkanne und schenkte ihr ein. Der Tee war nur noch lauwarm und ungezuckert, dennoch schmeckte er Marlene süß wie Honig. Horcher nahm sich selbst eine Tasse und setzte sich neben sie, während Manfred einen Stuhl heranzog.

»Wie heißt du wirklich, Mädchen?«, fragte Marlene.

Horcher sah zu Manfred. Der nickte. »Du kannst es ihr ruhig verraten. Du hast sie schließlich hierhergeführt.«

»Du tust so, als hätte ich uns in Gefahr gebracht«, brauste das Mädchen auf.

»Natürlich hast du das, du Hitzkopf! Du hättest Marlene bitten können, an der Kontaktadresse zu warten, und mich holen sollen. Noch einmal so ein Alleingang, und ich schicke dich weg.« Er sagte es ganz ruhig, trotzdem klang es wie eine Warnung, und sie wurde auch so verstanden.

»Das würde die Tante niemals zulassen«, erwiderte das Mädchen bockig. Sie sah jetzt sehr jung und verletzlich aus.

»Lass das meine Sorge sein.« Der Mann nahm einen geräuschvollen Schluck aus seiner Tasse.

Marlene interessierte das Geplänkel wenig, sie hatte ihre Frage nach dem Namen des Mädchens fast schon wieder vergessen. Sie gierte nach Neuigkeiten. Wie stand es um den Krieg im Reich? Wie sah es in Frankreich und der Normandie aus? Rückten die Alliierten vor?

»Ich heiße Gertrude, aber alle nennen mich Horcher«, erhielt sie nun reichlich spät eine Antwort.

»Nein, alle nennen dich Trudi«, sagte Manfred ruhig und erntete dafür einen weiteren zornigen Blick.

Der wackelige Status von Horcher schien eine Art Dauerbrenner in ihrer Beziehung zu sein. Es erinnerte Marlene an ihre Krakauer Zeit mit Deborah, die das Spionagedasein als einziges großes Abenteuer angesehen und bestehende Gefahren einfach ausgeblendet hatte. Doch Mut schützte nicht vor Torheit, und Manfred machte keinen Hehl daraus, wie sehr er Trudis heutige Aktion missbilligte.

»Du hattest doch nicht mehr damit gerechnet, dass Marlene noch auftauchen würde. Du bist ja bloß sauer, weil ich sie gefunden habe«, stieß sie triumphierend hervor und hielt Manfreds Blick stand.

Marlene dauerte das zu lange. »Könnten die Herrschaften ihren Zwist bitte später austragen?«, ging sie dazwischen. »Ich würde jetzt gerne mehr über Halinas Nachricht wissen und wie es um den Krieg in Frankreich bestellt ist.«

»Sie hat recht, du verschwendest unsere Zeit, Trudi. Die Wasserleitung ist schon wieder unterbrochen. Lauf und hol Wasser aus dem Brunnen im Hof, damit sich unser Gast nachher waschen kann.«

»Aber …«, brauste Trudi auf, doch dieses Mal handelte sie sich einen Blick von Manfred ein, der sie den Rest des Satzes hinunterschlucken ließ. Sie schnappte sich einen Kanister und verließ vor sich hin nörgelnd die Wohnung.

»Kinder«, sagte Manfred in einem Ton, als wäre damit alles gesagt, was man über diese Spezies wissen musste. Er lehnte sich zurück und streckte die langen Beine aus, die in Stiefeln steckten, denen man die besseren Zeiten noch ansehen konnte. »Nun zu uns. Ihr ursprünglicher Auftrag gilt nicht mehr. Die Pläne des Widerstands haben sich durch die kürzlich erfolgte Landung der Alliierten in der Normandie geändert. Damit sind auch die Tage des Vichy-Regimes gezählt. Es gibt Meldungen, dass der Nazikollaborateur, Marschall Pétain, seinen Regierungssitz in Vichy bald verlegen muss. Es ist von Belfort die Rede.«

»Sagen Sie mir gerade, ich soll in Deutschland bleiben?«

»Nein. Wir wollen, dass Sie nach Warschau gehen. Es wird dort bald einen weiteren Aufstand geben. Wir brauchen vor Ort Leute mit Ihrer Erfahrung.«

»Wer ist wir? Für wen arbeiten Sie genau?« Der desaströse Ausgang des ersten Warschauer Aufstands im Januar 1943 war Marlene noch sehr präsent. Die unterernährte, nur spärlich mit Waffen ausgestattete jüdische Kampforganisation ŻOB war den gut ausgerüsteten Deutschen hoffnungslos unterlegen gewesen. Dennoch hatten sie 28 Tage durchgehalten. Fast alle eintausend jungen Kämpfer des Warschauer Widerstands waren damals getötet worden. Manfred zögerte nur eine Sekunde, die Antwort war ein Vertrauensbeweis. »Für die polnische Exilregierung, Präsident Raczkiewicz.«

»Und wer organisiert den Aufstand?« Marlene fühlte wachsende Erregung. Kampf war allemal besser, als abzuwarten, bis man zur Nazischlachtbank geführt wurde.

»Die Armia Krajowa, die polnische Heimatarmee, wird sich unter ihrem Kommandanten Graf Bor-Komorowski erheben. Der General ist gerade dabei, alle Kräfte zu bündeln, auch die der jüdischen Kampforganisation. Es wird Zeit, dass wir gemeinsame Sache machen. Sie waren mit Jakob Wanda liiert, einem der führenden Köpfe der ŻOB in Krakau. Wir haben deshalb für Sie ein Treffen mit Jitzhak Zuckerman vereinbart.«

»Dem Mitbegründer der Warschauer ŻOB?«

»Korrekt. Er hat den ersten Warschauer Aufstand von außen unterstützt. Jetzt brauchen wir seine Erfahrung erneut. Doch noch hält er sich zurück. Sie werden ihn überzeugen, zu uns zu stoßen.«

»Warum glauben Sie, dass ich das könnte?«

»Weil er Ihnen etwas schuldig ist.«

»Jetzt bin ich neugierig. Was könnte mir Zuckerman schuldig sein?« Marlene hatte sich interessiert vorgelehnt.

»Jitzhak Zuckerman ist mitverantwortlich für das Bombenattentat auf das Café Cyganeria, das Sie für über ein Jahr ans Bett gefesselt hat. Der fatale Fehler damals war, dass sich die verschiedenen Widerstandsgruppen nicht untereinander abgesprochen hatten und Sie nicht gewarnt waren.«

»Ja, das ist mir auch aufgefallen«, meinte Marlene trocken. Sie wurde ungern an das Attentat erinnert. »Warum spricht niemand vor Ort mit ihm? Wozu brauchen Sie mich?«, fragte sie.

»Weil Jitzhak Zuckerman misstrauisch ist. Er vertraut nicht jedem. Zu viele Gruppierungen kochen in Warschau ihr eigenes Süppchen, und wir wissen noch nicht, welches üble Spiel der Russe treibt, der gerade an der Weichsel aufmarschiert. Wir haben Beweise, dass nicht die Nazis, sondern die Sowjetunion für das Massaker an über 4400 polnischen Offizieren im Frühjahr 1940 in Katyn verantwortlich ist.«

Marlene schüttelte entsetzt den Kopf. »Wenn es wirklich die Russen waren, sind sie nicht besser als die Nazis. Was ist nur los? Sind jetzt alle vom Bösen besessen?«

»Es ist der Wahnwitz des Krieges. Er macht die Leute verrückt, versetzt sie in einen Blutrausch. Wir müssen diesen Teufelskreis durchbrechen.«

»Das sagen ausgerechnet Sie, als Soldat?« Marlene lächelte bitter.

»Wir sind die Guten!« Es klang überzeugt.

»Nein!«, erwiderte Marlene hart. »Im Krieg gibt es keine Guten. Das Gute ist eine Illusion, über die der Teufel lacht. Die Realität ist, wir töten alle. Sie haben getötet, ich habe getötet. Im Krieg sind wir alle Bestien. Der einzige Unterschied zwischen den Nazis und uns ist, dass wir das Töten früher beenden wollen. Das nennt man Frieden. Aber ein Frieden, der durch Töten erreicht wird, ist ein schrecklicher Frieden.«

»Interessante Sichtweise. Trotzdem sind wir beide hier, um diesen schrecklichen Frieden ein wenig früher zu erreichen. Sie werden sich mit Zuckerman treffen?«

»Natürlich.« Marlene schlüpfte aus ihren Schuhen. Während sie ihre schmerzenden Zehen massierte, fragte sie: »Wann und wo?«

»In einem Wald westlich von Warschau. Sie können schon morgen früh aufbrechen. Sie sind quasi in letzter Minute hier angekommen, es ist alles vorbereitet. Ich werde mich gleich noch darum kümmern, dass alle an der Aktion Beteiligten in Kenntnis gesetzt werden. Um sechs Uhr früh melden Sie sich in der Arnulfstraße. Von dort geht ein Transport mit Nachschub für die Truppe nach Posen, eine Gruppe Rotkreuzschwestern und die Ehefrauen von zwei hohen SS-Offizieren fahren auch mit. Sie werden als eine der Krankenschwestern mitreisen. Ich habe Papiere und Ausstattung für Sie besorgt.«

»Werden sich die anderen Schwestern nicht wundern, weil sie mich noch nie gesehen haben?«

»Nein, das sind versprengte Freiwillige aus der Ostmark, die kennen sich nicht untereinander.«

»Posen? An der deutsch-polnischen Grenze? Ab da dürften es noch mindestens 300 Kilometer bis nach Warschau sein«, wandte Marlene ein.

»Korrekt. Leider meldet sich unser dortiger Kontakt seit einigen Tagen nicht mehr. Sie sind womöglich ab Posen auf sich allein gestellt und müssen improvisieren. Schaffen Sie das?«

Marlene zuckte mit den Achseln. »Ich wollte Schauspielerin werden, dazu gehört Improvisation. Wo ist mein Kostüm?«

Manfred stand auf, öffnete eine Kiste und holte eine Schwesterntracht hervor. »Probieren Sie sie an. Sie dürfte ein wenig zu groß sein, wenn ich Sie mir so ansehe. Meine Frau kann sie Ihnen schnell noch etwas enger nähen. In der Reisetasche«, er zeigte auf ein verschrammtes Etwas aus Leder, »finden Sie zwei Kleider zum Wechseln und weitere Damenutensilien.«

»Und die Papiere?«

»Hole ich gleich ab. Es fehlte noch ein Stempel. Keine Sorge, morgen früh ist alles bereit«, kam er ihrem Einwand zuvor. »Sie werden also nach Warschau gehen?«

Marlene nickte. »Den Ort, an dem man stirbt, kann man sich selten aussuchen. Aber wenn, wäre mir Warschau allemal lieber als München.«

»Sehe ich genauso, leider werde ich hier gebraucht.« Manfred lächelte wieder auf seine eigene Art. »Ich muss los. In spätestens einer Stunde bin ich zurück. Warten Sie hier auf Trudi, und sorgen Sie dafür, dass sich das kleine Biest nicht vom Fleck bewegt, bis ich oder meine Frau zurück sind.«

»Warum sind Sie eigentlich so streng mit dem Mädchen? Sie kommt mir ein wenig ungestüm vor, ja, aber sie ist keineswegs dumm und ziemlich geschickt.«

»Stimmt, aber sie ist auch erst fünfzehn. Ich bin nicht ihr richtiger Onkel, ich bin ihr Pate. Und ich habe ihrem Vater bei ihrer Geburt versprochen, auf sie aufzupassen. Dieses Mädchen ist nämlich ein wenig verrückt. Und sie hält sich für unverwundbar.«

»Glauben wir das in unserer Jugend nicht alle?« Marlene lächelte wehmütig, weil es sich für sie gerade so anfühlte, als hätte sie ihre Jugend vor Jahrhunderten in einem anderen Universum verbracht.

»Sie glaubt felsenfest daran, auch weil sie schon mehrmals unwahrscheinliches Glück gehabt hat. Als Jüdin hat sie in Berlin als Einzige ihrer Familie in ihrem Versteck einen Bombenangriff unversehrt überlebt, wurde wenig später auf der Straße aufgegriffen, mit Hunderten in einen Viehwaggon gesperrt, der sie in ein Vernichtungslager im Osten bringen sollte. Der Transport geriet unter Beschuss, sie hat erneut unter wenigen überlebt, konnte fliehen und hat sich schließlich quer durch Deutschland bis zu uns durchgeschlagen. Mit knapp vierzehn. Sie hätte hundertmal sterben können.«

Marlene entging nicht, dass neben Unglauben auch eine gehörige Portion Bewunderung in seinem Ton enthalten war.

»Sie sind stolz auf sie«, stellte sie fest. »Warum sagen Sie ihr das nicht bei Gelegenheit?«

»Damit sich noch mehr Flausen in ihrem sturen, kleinen Kopf tummeln? Gott bewahre!« Er lachte trocken auf. »Bis später.« Die Tür fiel ins Schloss.

283 Tage bis zum Tag 0

»Das Volk will keinen Krieg. Warum sollte auch irgendein armer Landarbeiter im Krieg sein Leben aufs Spiel setzen wollen, wenn das Beste ist, was er dabei herausholen kann, dass er mit heilen Knochen zurückkommt? Natürlich, das einfache Volk will keinen Krieg; weder in Russland, noch in England, noch in Amerika, und ebenso wenig in Deutschland. Das ist klar. Aber schließlich sind es die Führer eines Landes, die die Politik bestimmen, und es ist immer leicht, das Volk zum Mitmachen zu bringen, ob es sich nun um eine Demokratie, eine faschistische Diktatur, um ein Parlament oder eine kommunistische Diktatur handelt. Das Volk kann mit oder ohne Stimmrecht immer dazu gebracht werden, den Befehlen der Führer zu folgen. Das ist ganz einfach. Man braucht nichts zu tun, als dem Volk zu sagen, es würde angegriffen, und den Pazifisten ihren Mangel an Patriotismus vorzuwerfen und zu behaupten, sie brächten das Land in Gefahr. Diese Methode funktioniert in jedem Land.«

Hermann Göring, 18. April 1946

Im Gespräch mit Gustave Gilbert,
US-amerikanischer Gerichtspsychologe –
während der Nürnberger Prozesse

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