Gute Thriller von Paul Finch
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Gute Thriller von Paul Finch

Paul Finch: Schattenschläfer

Alle halten ihn für tot – dann kehrt der Killer zurück

Ein eisiger Winter bricht über den Norden Englands herein, als in der Nähe des Lake District zwei junge Mädchen verschwinden. Alles spricht dafür, dass »Der Fremde« zurückgekehrt ist, ein Killer, an den sich Detective Mark Heckenburg und seine Kollegen nur zu gut erinnern. Zehn Jahre ist es her, dass er das letzte Mal zugeschlagen hat. Aus dem Dunkel, brutal, tödlich. Nun sucht er sich erneut seine Opfer, eines nach dem anderen. Heck macht sich auf die Jagd nach dem Unbekannten, doch schon bald steht er selbst mit dem Rücken zur Wand.

Blick ins Buch
SchattenschläferSchattenschläfer

Thriller

Ein eisiger Winter bricht über den Norden Englands herein, als in der Nähe des Lake District zwei junge Mädchen verschwinden. Alles spricht dafür, dass »Der Fremde« zurückgekehrt ist, ein Killer, an den sich Detective Mark Heckenburg und seine Kollegen nur zu gut erinnern. Zehn Jahre ist es her, dass er das letzte Mal zugeschlagen hat. Aus dem Dunkel, brutal, tödlich. Nun sucht er sich erneut seine Opfer, eines nach dem anderen. Heck macht sich auf die Jagd nach dem Unbekannten, doch schon bald steht er selbst mit dem Rücken zur Wand.
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Prolog
August 2004


Die junge Frau fühlte sich in ihrem halb entblößten Zustand sichtlich wohl, und den Mann störte ihr aufreizendes Outfit auch nicht weiter. Im Gegenteil, er schien das Interesse zu genießen, das sie auf sich zog, während sie an jenem schwülen Augustabend von Pub zu Pub zogen.
Sie begannen ihre freitagabendliche Kneipentour in Buckfastleigh, statteten anschließend den quirligen Dörfern Holne und Poundsgate einen Besuch ab, fuhren dann immer tiefer in die weite, grasige Wildnis von Dartmoor hinein und hielten in immer einsameren Weilern : Babeny, Dunstone und schließlich in Widecombe-in-the-Moor, wo der Legende nach einst eine Bande Bier saufender Halunken Uncle Tom Cobleys graue Stute zu Tode ge­­ritten und ihr ein frühes Grab beschert hatte.
Die junge Frau betrat die Pubs immer vor ihrem Begleiter, schlängelte sich mit schwingenden Hüften durch die laut lachende und grölende Gästemeute und steuerte den exponiertesten Barhocker an, den sie finden konnte, während der Mann in aller Ruhe einen Parkplatz für seinen schnittigen, schwarz-silbernen Porsche suchte. Sie sorgte jedes Mal für Aufsehen. Der Lärm unter den niedrigen knorrigen Dachbalken klang zwar nie wirklich ab, aber das musste er auch nicht. Gucken kostete nichts.
Zwar flirtete sie mit niemandem direkt, aber sie genoss unverkennbar die Aufmerksamkeit, die sie auf sich zog. Und warum auch nicht ? Sie war »  bestens ausgestattet «, wie es so schön hieß. Sie war eine große, gertenschlanke Blondine, und ihr wohlgeformter Körper wurde in dem extrem knappen, grünen Minikleid und den grünen Riemchensandalen mit den Killerabsätzen perfekt zur Geltung gebracht. Ihre glänzende goldene Haarpracht fiel ihr wallend bis über die Schultern hinab. Sie hatte volle Lippen, eine wohlgeformte Nase und feine, katzenartige Wangenknochen. Wenn sie ihre Sonnenbrille mit den verspiegelten Gläsern ab­­nahm, kamen funkelnde blaue Augen zum Vorschein, die durch einen dezent aufgetragenen grauen Lidschatten noch be­­sonders betont wurden. In jedem Pub achtete sie darauf, sich selbst in Szene zu setzen : mit straffem Rücken, rausgestreckten Brüsten, die sonnengebräunten, glatten Beine anmutig übereinandergeschlagen. Es stand außer Frage, dass sie sich zur Schau stellte – sehr zur Freude der sich im Schankraum drängenden Gäste. Das Publikum setzte sich überwiegend aus bulligen Einheimischen zusammen, die durch und durch Männer vom Land waren, aber es gab auch Gäste von auswärts : ganze Autoladungen lüsterner Kerle auf Zechtour und auf der Suche nach willigen Mädels ; oder ruppige, schroffe, ältere Herren in Jeans und karierten Hemden, die zum Segeln, Angeln oder Moorwandern nach Devon runtergekommen waren. Sie mochten zwar nur ein paar Tage ohne ihre Ehefrauen unterwegs sein, aber auch sie warfen ein Auge auf die Mädels – insbesondere auf dieses. Das lag nicht nur an dem süßen Lächeln, das es ihnen schenkte, wenn sie ihm an der Theke Platz machten, oder an der humorvollen Reaktion auf ihre anzüglichen Sprüche, sondern auch daran, dass es aus der Nähe besehen gar kein Mädel war – sondern eine Frau von Ende zwanzig, und das machte sie zu einer noch verlockenderen Erscheinung.
Doch der Typ an ihrer Seite schien die Aufregung, die seine Freundin ( oder vielleicht auch Ehefrau, wer wusste das schon ) verursachte, gar nicht zu bemerken. Oder erregte ihn der Wirbel vielleicht sogar ? Er war gut gekleidet – beige Armani-Hose, kurzärmeliges Yves-Saint-Laurent-Hemd, Wildlederhalbschuhe – und natürlich beeindruckte er mit seinem Auto. Aber er war pummelig, hatte blasse, schwammige Gesichtszüge und einen karotten­roten Haarschopf – » ein verdammter Lahmarsch «, wie einer der argwöhnischen Kneipenhocker seinem Kumpan gegenüber feststellte. Und er trank nur Radler, was ihn ein bisschen schwachbrüstig erscheinen ließ, um so einen Feger am Haken zu haben – zumindest nach Ansicht der Einheimischen. Doch trotz alledem war der Mann der Körpersprache nach zu urteilen der Dominantere von beiden. Er stand, während sie saß. Er bestellte die Drinks, während sie mit dem Rücken an der Theke lehnte, ihr tiefer Ausschnitt die schamlosesten Blicke auf sich zog und sie sich an der Zurschaustellung ihrer Reize erfreute.
» Na, das sind mir ja die Richtigen «, raunte Harold Hopkinson, der korpulente Gastwirt des The Grouse Beater, aus dem Mundwinkel. » Der weiß seine bessere Hälfte in Szene zu setzen. «
» Sie kostet jedenfalls jeden Moment voll aus «, entgegnete Doreen, seine ebenfalls robust gebaute Frau.
» Bisschen alt dafür, um so rumzuposen, meinst du nicht ? «
» Bisschen alt ? Sie sind genau im richtigen Alter. Was glaubst du wohl, wohin sie als Nächstes weiterziehen ? «
Harold sah sie überrascht an. » Meinst du zum Halfpenny Reservoir ? «
» Wohin sonst ? «
» Aber sie wissen doch sicher … ? Ich meine … « Harold legte die Stirn in Falten. » Ach was, das kann nicht sein. Sie ist einfach ein hübsches Mädel, und er zeigt der Welt, was er hat. «
Doreen zapfte ein weiteres Pint Dartmoor IPA. » Glaubst du das wirklich ? «
Harold fehlten erst mal die Worte. Irgendwie ergab alles in unbehaglicher Weise Sinn. Das Halfpenny Reservoir war in Devon keinesfalls die erste Adresse für Dogging-Praktiken – es war sogar weit davon entfernt, auf diesem Feld auch nur annähernd eine wichtige Rolle zu spielen –, aber in der näheren Umgebung war der Stausee wohlbekannt, und gelegentlich herrschte dort reger Betrieb ; zumindest hatte dort reger Betrieb geherrscht, bevor die Panik ausgebrochen war. Harold betrachtete das überschwängliche Paar erneut. Die Frau thronte immer noch auf ihrem Barhocker und nippte an einem Rum mit Limonade. Jetzt, da er sie näher in Augenschein nahm, sah er ihre golden lackierten Finger- und Fußnägel und ihr mit Monden und Sternchen verziertes Kettchen an ihrem linken Knöchel. Das war doch in gewisser Weise ein eindeutiges Signal, oder etwa nicht ? Zumindest seinen Lieblings-Webseiten zufolge. Zu einer anderen Zeit wäre das natürlich absolut nichts Ungewöhnliches gewesen. Hin und wieder sammelte die Schar der Swinger auf ihrem Weg zum Halfpenny Reservoir noch ein paar ortsansässige Schluckspechte ein, wenn auch zugegebenermaßen ein bisschen verdeckter als dieses Paar, doch sie stellten das, was sie zu bieten hatten, ebenfalls zur Schau, in der Hoffnung, noch ein bisschen » Kundschaft « aufgabeln zu können, wie Doreen es immer ausdrückte. Doch in­­zwischen hatten sich die Dinge natürlich grundlegend geändert. Oder zumindest sollten sie das getan haben.
» Sie müssen von auswärts kommen «, stellte Harold fest. » Sie wissen es offenbar nicht. «
» Sie müssten von einem anderen Planeten stammen, um es nicht zu wissen «, stellte Doreen kurz und bündig klar.
» Tja … Sollten wir es ihnen nicht sagen ? «
» Ihnen was sagen ? «
» Keine Ahnung. Sie einfach warnen, dass es zurzeit eine schlech­­te Idee ist. «
Sie bedachte ihn mit einem sehr finsteren Blick. » Es sollte zu jeder Zeit eine schlechte Idee sein. «
Harolds Frau hatte eine etwas schräge Moral, was irdische Vergnügungen anging. Sie lebte vom Verkauf von Alkohol, doch sie hatte ein Problem mit Betrunkenen und weigerte sich, jemanden zu bedienen, den sie in Verdacht hatte, schon einen zu viel intus zu haben. Auch war sie sehr schnell damit, Hausverbote zu erteilen, wenn in ihrem Pub je über die Stränge geschlagen wurde. Desgleichen hatte sie, auch wenn sie bewusst hübsche, ortsan­sässige junge Frauen hinter der Theke arbeiten ließ, eine tiefe ­Ab­­neigung gegenüber solchen, die in ihren Augen » Schlampen und Flittchen « waren, und sie war insbesondere all jenen Frauen feindlich gesonnen, die sie als Angehörige der Swinger-Truppe identifizierte und die sich zu ihren mitternächtlichen Orgien an dem Stausee zusammenrotteten. Sie verachtete sie sogar so sehr, dass » der Fremde «, als er die ersten Male zugeschlagen und ihm Paare in einsam geparkten Autos zum Opfer gefallen waren, beinahe ihre Zustimmung gefunden hätte.
Natürlich nur, bis die Details bekannt geworden waren.
Denn selbst im Vergleich mit den abscheulichsten Morden, die in Großbritannien verübt worden waren, waren diese Taten absolut schockierend. Harold schauderte unwillkürlich, als er sich die Details in Erinnerung rief, die er in den Zeitungen gelesen hatte. Auch wenn der Tatort, der dem The Grouse Beater am nächsten lag, ein Picknickplatz auf der anderen Seite des Moors in der Nähe von Sourton war und sich somit über dreißig Kilometer entfernt befand, war die ganze Grafschaft in Aufruhr. Harold sah sich im Schankraum um und fragte sich, ob der Menschenjäger wohl ge­rade anwesend war. Der Pub war gerammelt voll, vor allem mit Männern, und nicht gerade nur welchen von der zurückhaltend schüchternen Sorte. Devon war ein beliebtes Urlaubsziel, vor allem im Sommer, und es zog nicht nur die New-Age-Gemeinde und Hippies mit Rucksäcken an, sondern auch Familien, Hochzeitspaare in den Flitterwochen und dergleichen. Aber es war auch eine Grafschaft, in der gearbeitet wurde. Selbst hier oben im Hochmoor bestand der männliche Anteil der einheimischen Be­­­völkerung aus weitaus mehr Typen als Gutsherren und Klischeekonservativen à la Colonel Blimp in Tweedkleidung und Gamaschen : Es gab Landarbeiter, Rinderzüchter, Hufschmiede, Heckenpfleger, Hausmeister, allesamt Berufe, für deren Ausübung man schon etwas robuster sein musste. Und hatte die Polizei nicht mitgeteilt, dass sie davon ausging, dass es sich bei dem Täter vermutlich um einen Mann aus der Gegend handelte, wahrscheinlich von starker und kräftiger Statur ? Immerhin hatte er genug Kraft, zwei gesunde junge Menschen überwältigen zu können, und er musste die Schleichwege kennen, damit er sich unbemerkt an seine Opfer heranpirschen und sich nach der Tat wieder aus dem Staub machen konnte.
In diesem Moment gab es in dem Pub ziemlich viele Kerle, die diese Kriterien erfüllten.
Je mehr Harold darüber nachdachte, desto bedrohter erschien ihm das junge Paar inmitten dieser ungezügelten Meute. Selbst wenn der Fremde nicht anwesend war, sollte die Frau nicht so mit ihren Reizen spielen. Und der Mann sollte sich dessen bewusst werden, dass etliche dieser Kerle schon schwer geladen hatten, insbesondere die, die unverhohlen Stielaugen machten. Und dass sie der Versuchung erliegen könnten und es in diesem Fall so unheimlich leicht wäre, den Arm auszustrecken und eine um­­herwandernde Hand auf diesen glatten, sonnengebräunten Oberschenkel zu legen. Wenn das passierte, könnte es Probleme ge­­ben – egal ob die beiden nun Swinger waren oder nicht –, und das war so ziemlich das Letzte, worauf Harold aus war.
» Wir müssen ihnen was sagen «, murmelte er Doreen zu, als sie sich für einen Moment in den Lagerraum zurückzogen.
» Was denn ? «, entgegnete sie höhnisch. » Sollen wir ihnen beiläufig mitteilen, dass alle Dogging-Locations in der Gegend ge­­schlossen sind ? Was glaubst du wohl, wie das ankommt ? Vielleicht ziehen sie nur eine Show ab ? Vielleicht sind sie einfach nur auf einen Drink ausgegangen. «
» Aber du hast doch gesagt … «
» Vergiss es, Harold. Wir können wirklich darauf verzichten, dass du dich zum Affen machst. Wieder einmal. «
» Aber wenn sie Swinger sind und da hochfahren … «
» Dann müssen sie es eben drauf ankommen lassen. Sie wollen es doch nicht anders. Mein Gott, wer, der bei klarem Verstand ist, ist schon darauf aus, mitten im Nirwana Sex mit Fremden zu haben ? «
» Aber Schatz, wenn sie nicht wissen … «
» Sie sind erwachsen, oder ? Sie sollten verdammt noch mal selbst auf sich aufpassen können. «
In den darauffolgenden Minuten brachen die » Erwachsenen « zu Harolds großer Erleichterung auf. Die Frau stolzierte mit aufreizend wiegendem Schritt und von schmachtenden Blicken begleitet zur Pubtür, der Mann zog eine Schachtel Zigaretten aus seiner Hosentasche und folgte ihr lässig. Irgendwie wirkten sie so, als wären sie nicht wirklich zusammen ; als wäre der Mann nicht ihr Partner, sondern nur ein flüchtiger Bekannter, was ein bisschen verwirrend war. Aber wie auch immer, sie waren weg.
Harold steuerte das rautenförmige Fenster an, das zum Parkplatz des Pubs hinausging.
Das Duo stand neben dem Porsche. Der Mann rauchte, die Frau lehnte mit verschränkten Armen am Wagen, die Handtasche baumelte am Riemen von ihrer Schulter herab. Sie unterhielten sich und schienen keine Eile zu haben, irgendwohin zu kommen – vielleicht war es doch nur ein Paar, das sich herausgeputzt hatte, um auf ein paar Drinks auszugehen ? Harold spürte, wie sich allmählich ein Gefühl der Erleichterung in ihm breitmachte. Vielleicht war es sogar ein nettes Paar, wenn man es näher kennenlernte, die Frau konnte schließlich nichts dafür, dass sie so ein scharfer Zahn war.
Es ging auf neun Uhr zu. Die Sonne ging gerade unter und zog feuerrote Streifen über das sie umgebende Moor- und Heideland. Fast machte es den Anschein, als würden sie nach Hause fahren, doch als der Mann seine Zigarette erst zur Hälfte geraucht hatte, drückte er sie plötzlich auf dem Asphalt aus und warf sie in den nächsten Mülleimer. Und als sie in den Porsche stiegen und losfuhren, nahmen sie nicht die B3387 nach Bovey Tracey und fuhren auch nicht zurück durch das Dorf in Richtung Dunstone und weiter nach Buckfastleigh, sondern sie nahmen die namenlose Straße, die vom Pub aus nach Nordwesten führte. Der nächste bewohnte Ort an dieser Straße war Beardon, das etwa fünfundzwanzig Kilometer entfernt war.
Doch lange bevor sie Beardon erreichte, führte die Straße am Halfpenny Reservoir vorbei.

Ein herrlicher Augusttag in Südwestengland ging zu Ende, die Hitze zog sich schließlich zurück, und die Milde des sommer­lichen Abends verblasste allmählich. Eine indigoblaue Dämmerung legte sich über die Hügel und Täler von Dartmoor.
Wenn sie den Stausee erreichten, würde es nahezu stockfinster sein.
Die Frau warf einen Blick in den Rückspiegel, während sie fuhren. Einen Moment lang hatte sie geglaubt, einen Blick auf hinter ihnen aufleuchtende Scheinwerfer erhascht zu haben, doch da war nichts außer der Düsternis der anbrechenden Nacht. Vor ihnen spulte sich die Straße mit hypnotisierender Wirkung ab, die Leere der endlosen Moorlandschaft, die sie umgab, hatte etwas Beklemmendes. Es vergingen zehn, zwanzig, dreißig Minuten, ohne dass sie auch nur eine einzige Behausung sahen – weder ein Cottage noch einen weiteren Pub –, doch in Wahrheit konzentrierten sie sich viel zu sehr darauf, die Abzweigung zu dem Stausee nicht zu verpassen, als dass sie sonst etwas hätten wahrnehmen können. Und als die Abzweigung dann auftauchte, hätten sie sie trotzdem um ein Haar übersehen – eine schmale, unbefestigte Piste, im Licht ihrer Scheinwerfer nichts weiter als zerfurchte nackte Erde, die zwischen zwei granitenen Torpfosten von der Straße abging und leicht abfallend zwischen dichtem Gestrüpp aus gelb blühendem Stechginster in der Dunkelheit verschwand.
Sie hielten mitten auf der Straße an.
» Das muss es sein, oder ? «, murmelte der Mann. Es war eher eine Frage als eine Feststellung.
Die Frau nickte.
Sie bogen links ab auf die holprige Piste, der Wagen hüpfte und wurde durchgeschüttelt, stachelige Zweige flutschten unten an den Seiten des Porsches entlang. Sie folgten einige hundert Meter einem flachen V-förmigen Tal, dann öffnete sich vor ihnen der sternklare Himmel : Über ihnen stand der leuchtende Mond, sein Licht reflektierte hell auf der ausgedehnten Wasseroberfläche, die sich zu ihrer Rechten erstreckte. Wie die meisten Wasserreservoirs in Dartmoor war der Halfpenny Lake künstlich angelegt worden, um das umliegende Tiefland mit Trinkwasser zu versorgen. Ein schmiedeeisernes Geländer zog aufglänzend im Schein ihres rechten Scheinwerfers an ihnen vorbei, als sie langsam die am Ufer entlangführende Piste weiterrollten. Am äußersten Ende des Sees erhob sich die horizontale massive Silhouette von etwas, das aussah wie eine Staumauer, und kündete von dem profanen Zweck, dem dieser Ort diente.
An der Piste lagen mehrere nicht einzusehende Parkbuchten, die mit benutzten Kondomen, Pornomagazinen mit Eselsohren und mit Sperma befleckten Slips übersät waren, wobei all diese entsorgten Utensilien inzwischen alt und verrottet waren ; es war niemand da, der frische Andenken hinterließ.
Abgesehen von dem Mann und der Frau.
Sie hielten in der Nähe der Einfahrt der zweiten Parkbucht, stellten, quasi lehrbuchmäßig, das Radio leiser – es war ein Sender mit seichter Musik eingestellt, die ohnehin kaum als lästig hätte empfunden werden können –, öffneten sämtliche Fenster und stiegen beide auf die Rückbank. Dort saßen sie, allerdings nicht beieinander, sondern jeder an einer Seite, und gaben merkwürdige Seufzer der Vorfreude von sich, während sie auf ihr Publikum warteten.
So verstrichen die Minuten.
Es herrschte beinahe absolute Stille. Eine seichte Brise strich über die mit Heide bewachsenen Hügelkämme und ächzte zwischen den Felsen. Die Blicke des Paars wanderten zwischen den unbeschienenen Hügelkämmen hin und her. Die einzige Bewegung stammte von Farnwedeln, deren Blätter unter den Sternen hin und her schwenkten. Es war irgendwie unheimlich, wie friedlich es war, wie ruhig. Ein herrlicher Sommerabend in England.
Umso mehr schreckte sie das durchdringende elektrische Knistern auf.
Insbesondere den Mann, der sich augenblicklich versteifte und dann schlapp gegen die hintere Tür auf der Beifahrerseite fiel.
Es geschah blitzschnell. Er erstarrte einfach, seine Augen wurden glasig, Schaum quoll aus seinem Mund, dessen Lippen sich gespitzt hatten und in dieser Position verharrten. Dann langte die gesichtslose Gestalt, die sich vor dem Wagen aus einer knienden Position aufgerichtet und den Elektroschocker durch das geöffnete Fenster geschoben hatte, erneut nach innen und öffnete die Tür.
All dies geschah schnell, aber in dem Moment, als die reglose Gestalt ihres Begleiters erneut zur Seite kippte, diesmal auf den mit Splitt übersäten Asphalt, auf den sein Kopf mit voller Wucht aufschlug, hantierte sie an ihrer Handtasche herum, ließ sie aufschnappen und durchstöberte sie in einer schnellen, fließenden Bewegung – sie vergeudete keine Zeit damit, entsetzt aufzukreischen –, doch der Angreifer war noch schneller als sie. Er stürzte durch die offene Tür ins Innere des Wagens. Im schwachen grünlichen Licht, das vom Armaturenbrett ausging, erhaschte sie einen flüchtigen Blick auf eine Montur aus hoch strapazierfähigem Leder : eine Lederjacke, eine Gesichtsmaske aus Leder und Lederhandschuhe. Und – PAFF ! – im gleichen Moment traf seine ge­­ballte Faust sie mitten auf den Mund.
Sie kippte ebenfalls zur Seite, in ihrem Kopf drehte sich alles, die Handtasche fiel in den Fußraum, ihr Inhalt ergoss sich zu allen Seiten.
Kaum noch einen klaren Gedanken fassen könnend, prüfte die Frau mit der Zunge ihre beiden vorderen Schneidezähne. Sie schienen zu wackeln. Ihre Oberlippe tat höllisch weh, ihr Mund füllte sich schnell mit einer warmen, nach Eisen schmeckenden Flüssigkeit. Sie verschluckte sich daran und musste würgen.
Und dann wurde sie sich schlagartig ihrer Situation bewusst – als ob sie mit einem Schwall Eiswasser übergossen worden wäre.
Sie lag auf dem Rücken, doch der Eindringling war jetzt bei ihr im Wagen auf der Rückbank und bereits zwischen ihren weit ge­­spreizten Beinen in Position gegangen. Mit einer behandschuhten Hand umfasste er fest ihren entblößten linken Oberschenkel, so weit oben, dass sein Daumen beinahe ihren Schritt berührte. Mit der anderen Hand öffnete er langsam, aber entschlossen seine Jacke.
Irgendwo aus der Ferne vernahm die Frau den Song, der gerade im Radio lief. Eine volle US-amerikanische Stimme drang durch den beheizten Wagen.
Wondering in the night what were the chances …
Dem mit Leder verhüllten Gesicht entwich ein bestialisches gegrunztes Kichern. Immer noch benommen und vom Schmerz benebelt, versuchte die Frau, in der grünlichen Düsternis etwas zu erkennen. Frank Sinatra, fiel ihr ein. Einer der Lieblingssänger ihres Vaters. Old Blue Eyes, The Voice, the Sultan of Swoon …
» Wie’s aussieht, spielen sie im Radio meine Musik «, sagte der Eindringling, als der letzte Knopf aufschnappte und seine Jacke aufklappte. Nun hatte sie nicht mehr den leisesten Zweifel.
Strangers in the Night …
Er hatte bisher nie gesprochen. Kein einziges Wort – jedenfalls nicht, soweit sie wusste. Aber was bedeutete das schon ? Der irre Sexmörder, der seine Verbrechensserie damit begonnen hatte, über jeden herzufallen, der ihm nach Einbruch der Dunkelheit begegnete, dann jedoch dazu übergegangen war, in ganz Devon und Somerset bekannte Schäferstündchenplätze und Dogging-Locations heimzusuchen, hatte keinen einzigen lebenden Zeugen hinterlassen. Alle, die ihm zum Opfer gefallen waren, hatte er rücksichtslos mit Präzision und äußerstem Vergnügen getötet. Den Männern hatte er den Schädel eingeschlagen oder die Kehle aufgeschlitzt oder beides, die Frauen sexuell verstümmelt, und das mit einem Ritual, das weit über jede bisher bekannte Form des Sadismus hinausging. Alle seine Opfer, egal ob Mann oder Frau, waren einer abschließenden Schändung unterzogen worden, in­­dem ihre Augen durchstochen und zerstoßen worden waren, bis von ihnen nichts mehr übrig gewesen war als eine geleeartige Masse.
We were strangers in the night …
» Definitiv meine Musik. « Er kicherte erneut und streichelte mit der linken Hand über sein Sortiment an glänzenden Gerätschaften, die in der speziell nach seinen Wünschen angefertigten In­­nenseite seiner Lederjacke aufgereiht waren : den Dosenöffner, den Schraubenzieher, den Holzhammer, die Eisensäge und das Filetiermesser mit der rasiermesserscharfen Klinge.
Die Frau konnte sich kaum bewegen, doch ihre Augen bohrten sich jetzt in seine : feuchte Murmeln in von Leder umrahmten Höhlen, und der aufgezogene Reißverschluss der Maske entblößte eine mit Speichel überzogene Zunge und trümmerartige, fleckige Zähne. Aber diese Stimme – eigentlich konnte es nur ein Flüstern gewesen sein, ein hämisches, gutturales Flüstern. Aber sie würde sich daran erinnern, solange sie lebte.
Es war Schottisch.
Der Fremde war Schotte.
Das Entscheidende war jetzt natürlich, dafür zu sorgen, dass sie am Leben blieb.
Vielleicht war er zu beschäftigt damit, sein erstes Folterinstrument herauszuziehen – den Dosenöffner, ein altmodisches Gerät mit einer schaurig gebogenen Klinge –, um mitzubekommen, dass ihre rechte Hand wie wild im Fußraum zwischen den verstreuten Utensilien aus ihrer Handtasche herumtastete.
Als er den Dosenöffner zu seiner rechten Schulter hochhob – nicht um damit zuzuschlagen, sondern vielmehr, um sie mit dem schaurigen Anblick des Instruments zu erschrecken –, ertasteten ihre Fingerspitzen ein ihr bekanntes Utensil.
Mit der anderen Hand drückte er sie weiter nieder und packte an dieser weichen, empfindlichen Stelle so fest zu, dass es inzwischen höllisch wehtat. Gleichzeitig summte er die Melodie mit.
Die Medien in Südwestengland hatten ihm ursprünglich den Namen » der Fremde « verpasst, weil er so brutal über die Szenegänger hergefallen war, die Sex mit Fremden favorisierten. Inzwischen schien dieser Name sogar noch passender zu sein. » Du bist ein ruchloses, gottloses Flittchen «, stellte er nüchtern fest, immer noch in diesem deutlichen Akzent. » Eine Hure, eine exhibitionistische Schlampe, eine Schwanzträger aufgeilende Nutte … «
» … und eine Polizistin «, sagte sie und richtete den kurzen Lauf ihrer Smith & Wesson .38 direkt auf sein Gesicht. » Wenn du auch nur einen Muskel bewegst … oder dein dreckiges Maul auch nur noch ein einziges Mal aufreißt, jage ich dir eine Kugel in deinen verdammten Schädel ! «
Sein Gesichtsausdruck war unbezahlbar. Sie vermutete es je­­denfalls, denn sie konnte ihn ja nicht sehen. Doch wie die Dinge lagen, musste sie sich mit seiner beinahe komisch wirkenden Paralyse begnügen : Das Weiße seiner Augen weitete sich cartoonmäßig um seine seelenlosen Pupillen, sein fauliger Mund klappte zwischen den Reißverschlusslippen auf.
» Ja … so ist es gut «, sagte sie und spannte mit dem Daumen den Hahn ihres Revolvers. » Das Spiel ist aus. Und jetzt runter mit diesem verdammten Dosenöffner ! «
Natürlich würde er das nicht akzeptieren, und ihr Herz hämmerte immer heftiger in ihrer Brust, als ihr das langsam bewusst wurde. Er konnte es nicht einfach so enden lassen – so abrupt, so unerwartet und auch nicht auf diese Weise : in die Enge getrieben wie ein Kaninchen, und das von einer jener Kreaturen des schwachen Geschlechts, die er so brutal verachtete. Vorsichtig ließ sie die .38er von ihrer rechten in die linke Hand wandern und hielt sie auf ihn gerichtet, während sie dalag. Dann langte sie mit ihrer jetzt freien rechten Hand erneut in den Fußraum. Irgendwo da unten musste ihr Funkgerät liegen, aber sie konnte es, verdammt noch mal, nicht finden. Er saß die ganze Zeit reglos da und fixierte sie mit diesem irgendwie unmenschlichen Blick, Speichelfäden hingen über seinem lederverhüllten Kinn. Und jetzt sah sie, wie sich sein Mund langsam schloss, wie er diese verfärbten Zähne zusammenbiss und eine hasserfüllte Grimasse schnitt. Er war nicht mehr vor Schreck erstarrt, wurde ihr bewusst ; stattdessen war er innerlich voll angespannt – wie eine zusammengedrückte Feder, die im Begriff ist auseinanderzuspringen.
» Tu es nicht «, warnte sie ihn, aber es war schon zu spät. Er senkte den Dosenöffner auf sie herab, um sie mit der gefährlich gebogenen Klinge aufzuschlitzen.
PENG !
Die Kugel traf ihn links in die Brust, direkt unter dem Schlüsselbein, und schleuderte ihn rückwärts aus dem Wagen und nach unten auf den Asphalt, wo er still liegen blieb und sich neben der langgestreckten Gestalt von Detective Constable Maxwell wand.
Sie fand das Funkgerät, riss es sich vor den Mund und warf sich durch die Rauchwolke zu der offenen Autotür. » An alle Einheiten, hier spricht Detective Constable Piper ! Alle zum Halfpenny Reservoir kommen ! Ich wiederhole : Alle zum Halfpenny Reservoir kommen ! «
Ihr blieben die Worte im Hals stecken, als sich neben dem Wagen eine stämmige Gestalt vom Boden erhob. Für einen Augenblick versuchte sie sich einzureden, dass es Maxwell war, obwohl sie wusste, dass das nicht sein konnte. Der Kopf des Detective Constables war mit voller Wucht auf den Asphalt geschlagen.
Die Gestalt drehte sich wortlos um und strauchelte über den Parkplatz.
» Ich wiederhole, hier spricht Detective Constable Piper ! Lockvogel-Einheit Alpha. Ein Schuss abgegeben. Der Verdächtige hat eine Brustwunde, ist aber auf den Beinen und mobil. «
Es folgte ein Durcheinander von Antworten, die von statischem Rauschen gestört wurden, doch genau in dem Moment sah Piper die strauchelnde Gestalt des Fremden über die niedrige Begrenzungsmauer des Parkplatzes klettern. Seine dunklen Um­­risse schoben sich rasch hinauf durch den Stechginster, der hinter der Mauer wucherte. Der Mann war unverkennbar schwer verletzt, er taumelte hin und her, aber dennoch ging er geradeaus und stieg bergauf, weg von ihr.
» Der Verdächtige verschwindet in Richtung Westen … weg vom Stausee, durch offenes Gelände «, fuhr sie fort und stieg in ihren hochhackigen Riemchensandalen aus dem Wagen auf den Asphalt. » Wir brauchen auch einen Krankenwagen. « Sie ließ sich auf ein Knie sinken und prüfte Maxwells Halsschlagader. » Detective Constable Maxwell ist schwer verletzt … Er hat einen massiven Stromschlag von einem Elektroschocker abbekommen und wie es aussieht, hat er auch ein Schädel-Hirntrauma. Momentan ist er bewusstlos, aber er atmet, und sein Puls fühlt sich normal an. Schickt mir den Krankenwagen her, schnell ! Ich nehme jetzt die Verfolgung des Verdächtigen auf. Ende. «
Sie stürmte über den Parkplatz, doch als sie über die Mauer gestiegen war und ins Stechginsterdickicht vordrang, sanken ihre Absätze wie Messerklingen in die weiche Erde. Sie trat sich im Rennen die Schuhe von den Füßen und zuckte zusammen, als ihr Zweige und spitze Steine in die Fußsohlen stachen und Dornen und Disteln an ihren nackten Beinen entlangschabten. Für einen kurzen Augenblick erschien der Fremde über ihr als eine schiefe Silhouette, die sich vor dem Nachthimmel abzeichnete. Doch im nächsten Moment war er auch schon hinter dem Hügelkamm verschwunden.
» Schickt mir sofort die Verstärkung ! «, rief sie in ihr Funkgerät.
» Gemma, du sollst die Verfolgung einstellen «, lautete die halbwegs zusammenhängende Antwort. » Anweisung von Detective Superintendent Anderson ! Warte auf Verstärkung. Ende. «
» Nein ! «, entgegnete sie entschieden. » Nicht, wenn wir so dicht an ihm dran sind. «
Sie erklomm ebenfalls den Hügelkamm. Vor ihr erstreckte sich unter dem sternklaren Himmel das Moor : eine dramatische, aus weiten Grasflächen und Felsbrocken bestehende Landschaft, die teilweise von niedrig hängenden Nebelschwaden verdunkelt wurde. In der Ferne erhoben sich von verwitterten Felsforma­tionen gekrönte Hügel. Weiter unten, jedoch mindestens hundert Meter von ihr entfernt, kämpfte sich ein dunkler Fleck vorwärts.
Sie setzte die Verfolgung über das jetzt steil abfallende Gelände fort, rief dem Flüchtenden, während sie über weichen, unter ihren Füßen nachgebenden Bewuchs stürmte, zu, er sei verhaftet und solle aufgeben.
Die Sicht war stark beeinträchtigt, deshalb wusste sie nicht genau, wann sie ihn aus den Augen verlor. Er war zwar nicht sehr weit vor ihr, doch auf einmal schienen ihn von allen Seiten Nebelschwaden zu umhüllen. Als sie die Stelle erreichte – inzwischen humpelnd, mit wunden, blutenden Füßen –, stellte sie fest, dass sie sich auf sehr viel weicherem Untergrund befand und durch knöcheltiefen Matsch stapfte. Er musste eine erkennbare Spur hinterlassen haben, doch es war zu dunkel, um etwas sehen zu können, und sie hatte keine Taschenlampe dabei.
Weitere knappe Anweisungen erreichten sie knisternd über den Äther.
Sie ignorierte sie. Ihr kam in den Sinn, dass der Verdächtige vielleicht eine schusssichere Weste trug und infolgedessen wo­­möglich gar nicht so schwer verwundet war, wie sie dachte. Aber falls dies der Fall war … warum hatte er den Vorteil dann nicht genutzt und war direkt zum Angriff übergegangen ? Warum hatte er sie dann nicht im Wagen aufgeschlitzt und malträtiert ? Nein – sie hatte ihn verletzt, das war unübersehbar gewesen. Es musste also zumindest Blutspuren geben.
Sofern es nicht anfing zu regnen, bevor die Spurenermittler eintrafen.
» Wir brauchen die Leute vom Labor hier, so schnell wie möglich ! «, rief sie mitten in den wilden Funkverkehr zwischen ihren Kollegen hinein. » Zumindest dürften wir seine DNA haben … «
Irgendwo vor ihr ertönte ein erstickter Schrei.
Sie verlangsamte ihren Schritt, bis sie beinahe stehen blieb. Einen Moment lang konnte sie gar nichts mehr sehen, Nebelschwaden trieben von allen Seiten auf sie zu. Aber war der Schrei echt gewesen ? Erlag er schließlich seiner Verletzung ? Oder versuchte er, sie in eine Falle zu locken ?
Es folgte ein weiterer Schrei, diesmal begleitet von einem erstickten Gurgeln.
Jetzt blieb sie endgültig stehen.
Das hier war Dartmoor. Ein Nationalpark. Ein grünes, oft von Nebelschwaden durchzogenes Paradies. Pittoresk und berühmt für seine unberührte Flora und Fauna. Und berüchtigt für seine tiefen Sümpfe. Der dritte Schrei verblasste zu einem mehrfachen erstickten Röcheln, und jetzt hörte sie zudem ein lautes saugartiges Geräusch, als ob ein schwerer Körper im Matsch versank.
» Aktualisierung «, sagte sie in ihr Funkgerät und ging vorsichtig weiter. » Ich befinde mich etwa dreihundert Meter westlich des Stausee-Parkplatzes, hinter dem Hügel. Der Verdächtige scheint in Schwierigkeiten zu sein. Ich kann ihn nicht sehen, aber mög­licherweise ist er im Moor gelandet. «
Es folgten weitere eindringliche Aufforderungen, die Verfolgung sofort abzubrechen und auf Verstärkung zu warten. Sie ignorierte sie erneut, ging jedoch nur fünf oder sechs Meter weiter und fand sich schwankend am Rand eines trüben, schwarz-grünen Sumpfes wieder, dessen spiegelglatte Oberfläche sich in alle Richtungen auszudehnen schien. So sah es zumindest aus, als der Nebel sich stellenweise lichtete. Sie strengte ihre Augen an, konnte da draußen jedoch keine Regung erkennen, nicht mal ein Kräuseln, geschweige denn die sich deutlich abzeichnenden Um­­risse eines Mannes, der verzweifelt versuchte, den Kopf über der Oberfläche zu behalten.
Es war auch kein Laut mehr zu hören, was beunruhigend war. Die Sümpfe in Dartmoor konnten einen mit beängstigender Ge­­schwindigkeit verschlucken. Ihre Eingeweide waren voller Schaf- und Ponykadaver, ganz zu schweigen von dem einen oder anderen auf unerklärliche Weise verschwundenen Wanderer. Doch das Einzige, was sie ausmachen konnte, waren die schiefen Reste versunkener Bäume, deren Äste hier und da aus dem Sumpf ragten wie verrottete Dinosaurierknochen.
Selbst Detective Constable Gemma Piper von der Metropolitan Police – eigensinnig, furchtlos und mit einem eisernen Willen ausgestattet – sah jetzt ein, dass Vorsicht geboten war. Erst recht, da der Nebel sich mit dem aufkommenden Wind immer weiter auflöste und trotz der nächtlichen Finsternis immer deutlicher zu sehen war, wie ausgedehnt dieser Sumpf tatsächlich war. Er erstreckte sich zu allen Seiten – nicht nur vor ihr, sondern auch nach rechts und nach links, als ob sie zufällig auf eine schmale Landspitze mit festem Untergrund geirrt wäre. Es war schwer vorstellbar, dass jemand mit einer lebensgefährlichen Verletzung, der zudem im dichten Nebel absolut nichts sah, diesen Weg entlanggestrauchelt sein und es irgendwie geschafft haben sollte, der tödlichen Falle zu entgehen – auch wenn er aus der Gegend stammte. Und eines wusste sie nun definitiv : dass der Verdächtige nicht aus der Gegend kam, sondern, zumindest was seine ursprüngliche Heimat anging, vom anderen Ende des Landes stammte.
Als hinter ihr Stimmen ertönten und die Strahlen von Taschenlampen wie Speere die Finsternis über der geschwungenen Landschaft durchbohrten, sank sie langsam und erschöpft in die Hocke. Der verspätet einsetzende Schock und die Erkenntnis, was um ein Haar in dem Porsche passiert wäre, erfassten jede Pore ihres Körpers und betäubten sie. Dennoch fühlte sie sich irgendwie be­­schwingt. Sie hätte den Mistkerl beinahe geschnappt … aber eben nur beinahe. Es war wie ein torloses Unentschieden nach einem Fußballspiel. Es war ein Ergebnis, aber es war nicht ganz klar, wie es zu bewerten war.
Innerhalb einer Stunde hatte die Polizei von Devon und Cornwall mit Unterstützung von Scotland Yard das Moorgebiet weiträumig abgesperrt und durchsuchte es mit Hunden. Sie hatten sogar schweres Gerät mitgebracht und begannen, den Sumpf und die mit ihm verbundenen Wasserläufe auszubaggern. Auf dem Parkplatz am Stausee wurde Detective Constable Maxwell, der inzwischen wieder bei Bewusstsein, jedoch stark geschwächt war, hinten in einen Krankenwagen verfrachtet. Unterdessen saß Gemma Piper seitlich auf dem Vordersitz eines Streifenwagens, nippte an einem Kaffee und zuckte hin und wieder zusammen, während der Sanitäter, der vor ihr kniete, ihre blutenden Füße und ihr geschwollenes Gesicht versorgte. Gleichzeitig briefte sie Detective Super­intendent George Anderson.
Die eigensinnige junge Polizistin hatte sich längst den Respekt ihrer ranghöheren Kollegen verdient, und soeben hatte sie sich eine glänzende Zukunft in diesem extrem herausfordernden und von Männern dominierten Berufszweig gesichert. Und dennoch : Von dem sogenannten Fremden, auf dessen Konto dreizehn grauenvolle Foltermorde gingen, gab es keine Spur.
Und das sollte für lange Zeit auch so bleiben.


1
Heute


Von Hexerei war in diesem Teil des Lake Districts nicht wirklich etwas zu spüren. Und nach Hecks Kenntnis war er auch in der Vergangenheit nie mit Hexerei in Verbindung gebracht worden. Der kleine Bergsee war in längst vergangenen Zeiten nur deshalb » Witch Cradle Tarn « – » Hexenwiegensee « – getauft worden, weil sich in diesem Namen dessen geheimnisvolles Aussehen widerspiegelte : Er war ein langgezogenes, schmales, sehr tiefes Ge­­wässer oben in den Langdale Pikes – vierhundert Meter über dem Meeresspiegel gelegen –, dessen östliches Ufer von nackten, mit Geröll übersäten Steilhängen begrenzt wurde, während sich im Norden, im Westen und im Süden mächtige, vom Wind zerklüftete Berge wie der Pavey Ark, der Harrison Stickle oder der Great Castle Howe erhoben. In der heutigen Zeit war es kein besonders unheimlicher Ort. In einem Hängetal an einer recht abgelegenen Stelle gelegen – offizieller Name » Cragwood Vale «, inoffiziell einfach nur » das Cradle « –, hatte der Ort auf einer Landkarte durchaus etwas Furchterregendes, doch wenn man tatsächlich da war, erinnerte die Atmosphäre eher an Urlaub als an Angst und Grauen. Am südlichen und nördlichen Ende des Tals befanden sich jeweils die beiden freundlichen Weiler Cragwood Keld und Cragwood Ho. Den größten Teil des Jahres über wimmelte es in dem Tal von Kletterern, Wanderern, Bergläufern und Anglern, die es auf die berühmten Witch-Cradle-Forellen abgesehen hatten, während Kajakfahrer und Wildwasserrafter vom Cragwood Boat Club ausgestattet wurden, der gut eineinhalb Kilometer südlich von Cragwood Keld lag, am oberen Lauf des Cragwood Race, eines sich wild schlängelnden Flusses, der durch natürliche Schluchten und steile Stromschnellen bergab rauschte und schließlich in den etwas gemächlicher dahinfließenden Langdale Beck mündete.
Der einzige Pub im Herzen von Cragwood Keld trug zu der heimeligen Atmosphäre des Ortes bei. Auf den ersten Blick wirkte er ziemlich schmucklos – die Außenfassade bestand komplett aus grauem Westmorland-Schiefer –, aber er war für seine ver­räucherten Balken, die schönen Eichenholzbänke und die große ­Auswahl an Fassbieren berühmt. Im Winter lockten knisternde Ka­­minfeuer, im Sommer der herrlich am Seeufer gelegene Biergarten. Seinen Namen » The Witch’s Kettle « – » Der Hexenkessel « – verdankte er dem geschäftstüchtigen Wirt, der den Pub vor etlichen Jahrzehnten betrieben und die Sache mit der Hexerei für angesagt befunden hatte, zumal die meisten Besucher, die ins Cradle kamen, von den dichten Kiefernwäldern, die die beiden Dörfer am Seeufer säumten, sowie von den mit Geröll übersäten Ab­­hängen und den gewaltigen über allem aufragenden Felsmassiven von Ehrfurcht ergriffen waren. Allein das Pubschild war ein Markenzeichen. Es zeigte einen alten, rostigen Kessel, unter dessen Deckel grüne Kräuter herausragten und der auf einem Stein mit einer heidnischen Runeninschrift stand. Es war durchaus möglich, dass Besucher des Pubs die derzeitige Betreiberin Hazel Carter für eine Hexe hielten, doch falls dies der Fall sein sollte, war sie jedenfalls alles andere als eine jener Hexen mit gebogener warziger Nase.
Zumindest sah Heck das so.
Er war erst seit zweieinhalb Monaten dort oben im Lake District, doch eines war klar : Er würde der wie auch immer gearteten Magie, die Hazel ausstrahlte, nicht so einfach widerstehen können. Nicht, dass seine Gedanken an diesem Morgen im späten November in diese Richtung gingen, als er » The Witch’s Kettle « betrat, auf direktem Weg zur Theke marschierte und sich ein Pint Buttermere Gold bestellte. Es war noch früh am Tag, weshalb erst wenige Gäste da waren. Im Moment schmiss Hazel den Laden allein. Sie war wie Heck Ende dreißig, hatte kastanienbraunes, langes Haar und ein schönes Gesicht mit Rehaugen und geschmeidigen Lippen. Sie verfügte über reichlich Oberweite, wobei ihre Figur durch ihr aus einem T-Shirt, einer Strickjacke und Jeans bestehenden Alltagsoutfit noch besonders betont wurde.
Sie sahen einander in die Augen, sagten aber ansonsten nichts weiter zueinander. Doch als die Pubwirtin ihm sein Pint und sein Wechselgeld reichte, nickte sie andeutungsweise nach rechts. Heck steckte das Wechselgeld weg, nippte an seinem Bier und sah erst dann in diese Richtung. Hinter einem niedrigen Bogen be­­fand sich das Gewölbe des Pubs, in dem es eine Dartscheibe und einen Billardtisch gab. Momentan befand sich nur ein Gast in dem Raum : ein junger Bursche, höchstens sechzehn Jahre alt, mit strubbeligem blondem Haar, der ein graues Sweatshirt, eine graue Canvashose und weiße Turnschuhe trug. Er blickte einmal kurz in Hecks Richtung, während er um den Billardtisch herumging, schenkte ihm dann jedoch keine weitere Beachtung mehr. Na­­türlich hatte der Junge auch nicht mehr gesehen als einen etwa eins zweiundachtzig großen, durchschnittlich gebauten Mann mit unbändigem schwarzem Haar und verblassten Narben im Gesicht, der eine Jeans, einen Pullover und einen zerknitterten Anorak trug. Er hätte ihm wahrscheinlich mehr Beachtung geschenkt, wenn er gewusst hätte, dass Heck in Wahrheit Detective Sergeant Mark Heckenburg von der Polizei von Cumbria war. Und dass er ganz in der Nähe in der Wache von Cragwood Keld stationiert und genau in diesem Moment im Dienst war.
Um die Fassade eines normalen Urlaubsgastes zu wahren, setzte Heck sich an einen freien Tisch, nahm eine zusammengerollte Westmorland Gazette aus seiner Gesäßtasche und begann zu lesen. Er warf einen Blick auf die Uhr, während er die Seiten umblätterte, allerdings mehr aus Gewohnheit als aus Notwendigkeit. Er hatte das Gefühl, an diesem Morgen einem guten Hinweis nachzugehen, aber auf ihm lastete kein großer Druck. Seitdem er im Rahmen der von der Association of Chief Police Officers ini­tiierten neu angelaufenen Kampagne zur Bekämpfung der Kriminalität auf dem Land von Scotland Yard nach Cumbria versetzt worden war, genoss er den Luxus, selbst bestimmen zu ­können, wann er arbeitete und in welchem Tempo. Natürlich war er dem South Cumbria Crime Command unterstellt, und davor der Kripo von Windermere, denn letzten Endes war er nur ein Sergeant. Aber als einziger Kripobeamter in den Langdales – als einziger Kripobeamter im Umkreis von fünfzig Quadratkilometern überhaupt – war er, wie es die meisten seiner Kollegen sahen, hier draußen auf sich allein gestellt. » He, Kollege, du bist unser Mann vor Ort «, sagten sie. Das bot ohne Zweifel Vorteile. Andererseits war es nie ein gutes Gefühl zu wissen, dass etwaige Verstärkung immer erst nach gut vierzig Minuten eintreffen würde.
Heck wurde aus seinen Gedanken gerissen, als zwei weitere Gäste die Treppe hinunterkamen, die von der oberen Etage in den Schankraum führte. Es waren ein Mann und eine Frau, Ersterer Mitte dreißig, Letztere Mitte zwanzig, und beide hatten schwer beladene Rucksäcke bei sich. Die Frau hatte kurzes mausbraunes Haar und trug eine rote Regenjacke, eine blaue Cordhose und Wanderschuhe. Der Mann war groß, schlank und hatte kurzes blondes Haar. Er trug ebenfalls eine Cordhose, T-Shirt sowie Wanderschuhe und hatte sich seine blaue Regenjacke über seine Schultern gelegt. Keiner von beiden sah bedrohlich oder irgendwie zwielichtig aus. Im Gegenteil : Sie lächelten und unterhielten sich lebhaft miteinander. Am Fuß der Treppe trennten sie sich. Der Mann ging zur Theke, wo er Hazel mitteilte, dass er gerne be­­zahlen würde. Die Frau ging in das Gewölbe und redete mit dem Jungen, der seine letzte Kugel einlochte und sich ebenfalls einen Rucksack schnappte.
Das Trio verließ den Pub gemeinsam, immer noch lebhaft miteinander plaudernd – wie ein paar Freunde, die ihren Urlaub ge­­nossen. Als die Tür hinter ihnen zuschwang, sah Heck über den Rand seiner Zeitung zu Hazel, die nickte. Er sprang auf, ging durch den Schankraum zu dem Fenster, durch das man auf den Parkplatz hinausblickte, und sah das Trio auf den metallic-grünen Hyundai Accent zuschlendern. Hazel hatte ihn bereits vorab in­­formiert, dass dies der Wagen war, mit dem sie zwei Wochen zuvor angereist waren, und er hatte das Kennzeichen – V513 HNV – bereits in der landesweiten zentralen Datenbank der Polizei überprüfen lassen und herausgefunden, dass es in Wahrheit zu einem schwarzen Volvo Estate gehörte, der angeblich vor neun Monaten in Grimsby an einen Schrotthändler verkauft worden war. Ohne sich noch einmal umzudrehen, stiegen sie in den Hyundai, rollten vom Parkplatz und verließen in Richtung Süden das Dorf.
Heck eilte nach draußen. Es war erst Mittag, aber es war ein grauer Tag und sehr kühl. Aufgrund der Jahreszeit ging es im Dorf ruhiger zu als üblich. Die jenseits der Kiefern ansteigenden Moorhänge waren nackt, braun und mit herbstlichem Farn gesprenkelt.
Heck stieg in seinen weißen Citroën DS4, startete den Motor und schaltete die Heizung ein, widerstand jedoch der Versuchung, sich sofort an die Verdächtigen dranzuhängen. Zu dieser Zeit des Jahres, in der weniger Autos unterwegs waren als üblich, fiel man leichter auf. Außerdem gab es nur eine Möglichkeit, das Cradle zu verlassen, nämlich über die Cragwood Road, eine enge, einspurige Straße, die sich einige hundert Meter die steilen, mit Geröll übersäten Abhänge hinunterwand, an einigen Stellen mit einem Gefälle von bis zu 33 Prozent, sodass die Verdächtigen ihm weder einfach so irgendwohin entwischen noch mit hoher Ge­­schwindigkeit davonbrausen konnten. Wenn die drei allerdings erst mal ins Great Langdale hinabgefahren waren, jenes langgezogene Trogtal im Herzen des Lake Districts, sah die Sache schon anders aus. Also konnte Heck es sich auch nicht leisten, allzu weit hinter ihnen zu bleiben.
Er gab ihnen einen dreißigsekündigen Vorsprung.
Bis zum Beginn der Abfahrt waren es vom Dorf fünf Kilometer, auf denen Heck keinen einzigen Menschen sah und auf denen ihm auch kein anderes Auto entgegenkam, was gut war, denn auch wenn es von Vorteil war, sich zwischen anderen Autos verbergen zu können, war es für den Fall, dass man zu einer Verfolgungsjagd gezwungen war, beruhigend, eine freie Straße vor sich zu haben. Als er mit der Abfahrt begann, konnte er den Hyundai im ersten Moment nicht sehen, doch er unterdrückte jeden Anfall von Panik. Die steil bergab führende Straße wand sich rasant, bog um gefährliche Kurven und führte immer wieder durch schattige Abschnitte mit dichtem Kiefernbewuchs. Doch als er den Hyundai endlich sah, war er schon weiter vorangekommen, als Heck erwartet hatte. Er erschien winzig, nicht größer als ein glitzerndes grünes Spielzeugauto.
Heck beschleunigte, scherte gefährlich aus, als die Straße steiler abfiel, und raste immer leichtsinniger um die Kurven. Er sagte etwas in sein Funkgerät, erhielt als Antwort jedoch nur ein Rauschen. Der Funkempfang im Cradle war extrem schlecht, da die aufragenden Steilhänge, die das Tal umgaben, die Funksignale derart stark beeinträchtigten, dass jegliche Kommunikation von der Wache in Cragwood Keld in der Regel über die Festnetzleitung laufen musste. Aber weiter unten im Great Langdale würde der Empfang besser werden. In Erwartung dessen hatte er bereits einen freien Sprechkanal eingestellt.
» Heckenburg an 1416, kommen «, sagte er erneut.
Er musste bis auf hundertachtzig Meter hinabfahren, bis er eine Antwort erhielt.
» 1416 hört. Was gibt’s, Sergeant ? « Die Stimme klang schrill mit einem irischen Akzent.
» Die Verdächtigen sind unterwegs, Mary-Ellen … Fahren die Cragwood Road runter zur B5343. Wo bist du ? Kommen. «
Mary-Ellen oder Police Constable 1416 Mary-Ellen O’Rourke – außer ihr gab es keinen weiteren uniformierten Polizeibeamten in der Wache von Cragwood Keld, und sie wohnte sogar in der Wohnung direkt über der Wache – brauchte ein oder zwei Sekunden, bevor sie antwortete. » Ich fahre von Skelwith Bridge aus das Little Langdale hoch, Sergeant. Sind sie immer noch in dem grünen Hyundai unterwegs ? Kommen. «
» Positiv. Haben immer noch das verdächtige Nummernschild dran. Ich melde mich, sobald ich weiß, in welche Richtung sie fahren. Kommen. «
» Verstanden. «
Als Heck jetzt zu der Kreuzung hinabfuhr, die in die B5343 mündete, hatte er nach Westen und Osten klare Sicht in das Great Langdale. Dieses Tal war sehr viel ausgedehnter als das Cragwood Vale und im oberen Verlauf von einigen der imposantesten Berge Cumbrias umgeben : nicht nur von den schroffen, zerklüfteten Gipfeln der Langdale Pikes, sondern auch vom Great Knott, dem Crinkle Crags, dem Bowfell und dem Long Top, deren karge Gipfel bis in schwindelerregende Höhen hinaufragten. Die Talsohle hingegen war eben und fruchtbar. Das Tal war schätzungsweise achthundert Meter breit und von zahlreichen Trockensteinmauern in einzelne Weiden unterteilt, auf denen Rinder grasten. In der Mitte floss der Langdale Beck von Westen nach Osten, ein breiter Fluss mit steinigem Flussbett, der normalerweise flach war, jedoch nach einem außerordentlich regenreichen Oktober und einem ebenso ergiebigen November viel Wasser führte. Der Hyundai bog hundert Meter vor Heck am Ende der Cragwood Road in rasantem Tempo auf die B5343 ein. Der Wa­­gen wurde scharf in Richtung Süden herumgerissen, überquerte den Fluss über eine schmale Brücke und folgte der Hauptroute. Darauf be­­dacht, auch weiterhin nicht aufzufallen, trödelte Heck an der Kreuzung herum und sah den Hyundai kleiner werden, der auf der anderen Seite der Brücke in die etwas höher gele­genen Gefilde hinauffuhr.
» Heckenburg an 1416. «
» Ich höre, Sergeant …  «
» Das verdächtige Fahrzeug ist jetzt auf dem oberen Abschnitt der B5343 in Richtung Süden unterwegs. « Er warf einen Blick auf sein Navi. » Das heißt, sie kommen in deine Richtung, Mary-Ellen. «
» Positiv, Sergeant. Ich fahre direkt auf sie zu. Soll ich sie an­­halten ? «
» Negativ … Wir haben noch nicht genug gegen sie in der Hand. «
Es gab nur einen Streifenwagen, der permanent an der Wache von Cragwood Keld stationiert war, und das war der Land Rover, mit dem Mary-Ellen gerade unterwegs war. Er war in leuchtendem Gelb-Blau als Polizeiauto markiert, um in dieser kargen Hochlandregion deutlich erkennbar zu sein, und sogar auf dem Dach gekennzeichnet, damit er gegebenenfalls auch von Verstärkungseinheiten aus der Luft identifiziert werden konnte – doch bei Gelegenheiten wie diesen, wenn es hieß, in Deckung zu bleiben, war das nicht gerade hilfreich.
» Mary-Ellen … Fahr bis Little Langdale Village und parke den Wagen dort «, sagte Heck in sein Funkgerät. » Dann kannst du dich unsichtbar machen, falls sie deine Position erreichen und wir noch nicht zuschlagen wollen. «
» Mach ich «, entgegnete sie.
Heck bog ebenfalls auf die B5343 und gab Gas. Er folgte der Straße durch die Talsohle und überquerte die Brücke über den Langdale Beck. Der Hyundai war noch in Sicht, doch er war in­­zwischen hoch über und weit vor ihm ; ein grünes Matchboxauto. In Kürze würde er ganz aus seinem Sichtfeld verschwinden. Heck trat das Gaspedal durch, die Trockensteinmauern, die die Weiden umgaben, fielen hinter ihm zurück und wichen breiten, holprigen, büscheligen Grasstreifen, die sich vor ihm steil die Hänge hinaufzogen. An den Osthängen waren überall verstreut die flauschigen weiß-grauen Herdwick-Schafe zu sehen, einige überquerten die Straße und stoben blökend auseinander, als er auf sie zuraste. Die Straße war jetzt eindeutig keine richtige Landstraße mehr, stieg jedoch an keiner Stelle so steil an wie die Cragwood Road. Tatsächlich verlief sie ab einer Höhe von gut zweihundert Metern weitgehend eben weiter. Es kam eine weitere scharfe Kurve, doch Heck behielt den Fuß weiter unten auf dem Gaspedal und schaffte es, die Entfernung zwischen seinem Wagen und dem Hyundai auf etwa vierhundert Meter zu verringern.
Zu seiner Rechten war das Gelände inzwischen zu einer tiefen, dicht mit Bäumen bewachsenen Schlucht abgefallen, in deren Mitte ein laut rauschender Wildbach hinabstürzte, der das überschüssige Wasser des Blea Tarn mit sich führte, des nächsten Sees an Hecks Route, bis zu dem es noch gut acht Kilometer waren. Bevor er den See erreichte, näherte sich auf der rechten Seite ein weiterer Pub namens » The Three Ravens «. Das Gebäude war aus weiß getünchten Steinen gebaut und niedrig und flach, weshalb es eher wie ein typisches Lakeland-Cottage aussah. Trotz seiner spektakulären Lage unmittelbar am Rand der Schlucht gab es an einer Seite des Pubs auch noch einen kleinen Parkplatz, auf dem zurzeit aber nur ein einziges Auto stand : ein kastanienbrauner BMW Coupé.
Heck warf einen Blick auf seine Uhr – es war Mittagszeit. Das war genau die Zeit, zu der diese Bande normalerweise zuschlug. Er ließ seinen Blick wieder zu dem Hyundai schweifen, dessen Bremslichter rot aufleuchteten. Dann wurde der Blinker gesetzt, der Wagen bog nach rechts auf den Parkplatz des » The Three Ravens « und fuhr ganz dicht an die Außenwand des Pubs heran.
Heck lächelte in sich hinein. Sie hatten diesen Ort offenbar vorher ausgekundschaftet und wussten, wo sie sich vermutlich im toten Winkel der außen angebrachten Überwachungskamera befanden.
» Heckenburg an 1416. Kommen. «
Die Antwort wurde aufgrund der Höhe von statischem Rauschen gestört und war nur schlecht zu hören. » Ich höre, Sergeant. «
» Es geht los, Mary-Ellen. Die Verdächtigen haben am › The Three Ravens ‹ gehalten, oberhalb der Blea-Tarn-Schlucht. Wenn ich recht habe, nehmen sie sich ihr nächstes Opfer zwischen dem Pub und dem See vor. Der Ort ist wie für sie geschaffen. Ein acht Kilometer langer Abschnitt der entlegensten Straße in den Langdales. Ich bin sogar absolut sicher, dass sie dort zuschlagen. Danach werden sie es nicht mehr riskieren … zu viele Cot­tages. «
» Verstanden, Sergeant. Wie willst du die Sache angehen ? Kommen. «
» Fahr die B5343 hoch. Warte auf dem Parkplatz am Blea Tarn. Aber lass dich nicht blicken, für den Fall, dass sie doch weiterfahren. Kommen. «
» Alles klar. Verstanden. «
Heck fuhr am Parkplatz des Pubs vorbei und erhaschte einen Blick auf den Jungen aus dem Hyundai, der dort herumlungerte und sich die Kapuze seines Sweatshirts übergezogen hatte. Derweil waren die beiden Erwachsenen auf dem Weg in den Pub, zweifellos, um zu erkunden, mit welcher Art von Widerstand sie zu rechnen hatten. Mit Bedacht auf die innen angebrachte Überwachungskamera hatte die Frau sich eine blonde, schulterlange Perücke aufgesetzt, während der Mann eine Wollmütze trug, unter deren Rand etwas hervorlugte, das aussah wie rote Haarverlängerungssträhnen. Heck hätte laut auflachen können, nur dass primitive Vorkehrungen wie diese Kriminellen oft gewaltig zum Vorteil gereichten. Diesmal allerdings nicht, wenn sein Timing stimmte. Er verspürte dieses vertraute aufgeregte Kribbeln, das sich in den zurückliegenden zweieinhalb Monaten eindeutig rar gemacht hatte, und suchte die beiden Straßenränder nach einer möglichen Stelle ab, an der er sich auf die Lauer legen konnte. Zweihundert Meter vor sich sah er linker Hand eine Öffnung in der Trockensteinmauer, an der ein Feldweg abging, der bergab in eine Senke führte, sodass er dort von der Straße aus nicht zu sehen sein würde. Heck bog in den Weg ein, rumpelte eine steinige Piste hinab und hielt zwischen einer dichten Baumgruppe an. Er legte den Rückwärtsgang ein, wendete in drei Zügen, fuhr wieder bergauf und hielt etwa vierzig Meter vor der Öffnung in der Mauer an. Dann sprang er aus dem Wagen, stapfte den Rest des Weges zu Fuß hoch, ging hinter dem rechten Pfosten in die Hocke und beobachtete die Straße.
Er hatte keine Ahnung, wie lange das Ganze dauern würde. Wenn er mit seinen Annahmen richtiglag, würde die Bande als Erstes auskundschaften, ob ihr potenzielles Opfer ein leichtes Ziel abgäbe. Ein älteres Paar oder jemand, der alleine unterwegs war, würde ihnen die Sache erleichtern. Normalerweise würden sie dann auf dem Parkplatz herauszufinden versuchen, welches Auto zu wem gehörte. Das war leichter zu bestimmen, als man sich das vermutlich vorstellte, erst recht zu einer Jahreszeit, in der weniger Autos infrage kamen als sonst. Straßenkarten und Gepäck deuteten zum Beispiel darauf hin, dass ein Auto eher Touristen ge­­hörte als Einheimischen ; das Nichtvorhandensein von Spielsachen ließ darauf schließen, dass in dem Wagen eher ältere Menschen unterwegs waren, was noch durch die Anwesenheit von Medikamenten oder eine bestimmte Musik- oder Lektüreauswahl bestätigt werden konnte – es war überraschend, was für Rückschlüsse man allein aus den CDs und den Büchern ziehen konnte, die normalerweise in den Fußräumen herumlagen. In diesem Fall war es natürlich noch einfacher als sonst – es gab ja nur ein Auto. Wenn die Wahl getroffen war, hieß es nur noch, das fragliche Auto manövrierunfähig zu machen – in den bisherigen Fällen waren mit einer Luftpistole kleine Löcher in die Reifen geschossen worden – und dem Wagen zu folgen, bis er an den Rand gefahren wurde.
Ein leises Dröhnen kündete davon, dass sich ein Auto näherte. Heck duckte sich noch tiefer. Ein VW Sport Coupé brauste vorbei und wirbelte hinter sich Blätter auf. Der Wagen fuhr reibungslos, und es gab keinerlei Anzeichen dafür, dass er in irgendeiner Weise defekt war.
Heck entspannte sich wieder, brütete weitere fünfzehn Minuten vor sich hin und rief sich in Erinnerung, dass Geduld und Vorsicht nicht nur Tugenden waren, sondern in diesem Fall un­­verzichtbar. Berufsverbrecher verdankten einen Großteil ihres Erfolges der Furcht, die sie aufgrund ihrer Effektivität verbreiteten – dass sie auftauchten und wieder verschwanden wie Gespenster, genau wussten, auf wen sie es am besten absahen, wo sie ihre leichte Beute fanden und wann genau der Moment war, in dem sie am verletzlichsten war, sodass sie zuschlagen konnten. Genau dies verblüffte die durchschnittlichen Bürgerinnen und Bürger und machte ihnen Angst, als ob die Verbrecher über übernatürliche Kräfte verfügten. Doch in Wahrheit bedurfte es kaum mehr als einer gründlichen Vorbereitung und einer gewissen grundlegenden Raffinesse und im Falle von Dieben, die mit Ablenkungsmanövern arbeiteten, wie es bei dieser speziellen Bande der Fall war, lediglich eines schnellen Blicks durch die Fenster einiger geparkter Autos. In gewisser Weise war es beeindruckend, auch wenn ihr Handeln kriminell war.
Das Funkgerät knisterte in seiner Jackentasche. » 1416 an Detective Sergeant Heckenburg. «
» Ich höre, Mary-Ellen «, erwiderte er.
» Ich bin jetzt in Position, Sergeant. «
» Halt dich in Bereitschaft. Kommen. «
» Verstanden. «
Ein weiteres Auto näherte sich, diesmal nicht mit dem leisen, gleichförmigen Brummen eines reibungslos schnurrenden Mo­­tors. Stattdessen hörte Heck ein wiederholtes metallisches Klappern – als ob etwas defekt wäre. Er duckte sich erneut, und seine Spannung stieg. Zwei Sekunden später zuckelte der BMW Coupé an ihm vorbei, der auf dem Parkplatz des » The Three Ravens « gestanden hatte und dessen Fahrer noch nicht gemerkt hatte, dass aus den beiden Reifen auf der Beifahrerseite langsam Luft entwich. Momentan war er vielleicht noch ahnungslos, aber es würde nicht mehr lange dauern, bis er etwas bemerkte.
Hecks Spannung stieg erneut, und er wartete. Die Diebe würden bestimmt nicht sofort hinter den zu dem BMW gehörenden Leuten aus dem Pub gestürmt sein – das hätte deren Aufmerksamkeit erregen können –, aber sie würden ihnen auch keinen allzu großen Vorsprung gewähren. Und wie aufs Stichwort kam der Hyundai nur eine halbe Minute später langsam herangerollt und fuhr hinter dem BMW her.
Heck stürmte zurück zu seinem Citroën, jagte ihn die Piste hoch und bog nach links auf die Straße. Mit einem platt werdenden Reifen war es denkbar, dass ein ahnungsloser Fahrer noch eine Weile weiterfuhr und nichts davon merkte, doch mit zwei kaputten Reifen war das höchst unwahrscheinlich. Hinter der nächsten Kurve verlief die Straße gut zweihundert Meter in ge­­rader Linie, und am Ende dieses Abschnitts sah er, wie der BMW neben einer gekrümmten Esche schlingernd zum Stehen kam. Der Hyundai hatte die Stelle zwar noch nicht erreicht, wurde aber bereits langsamer.
Heck trat ebenfalls auf die Bremse und riss seinen Citroën scharf auf den Randstreifen an der Beifahrerseite, sodass er außer Sicht war. Er sprang aus dem Wagen, stieg über die Begrenzungsmauer und arbeitete sich parallel der Straße auf der hügeligen Weide vor, achtete jedoch darauf, sich so tief gebückt zu halten wie nur eben möglich.
Es war ein idealer Ort für einen Hinterhalt. Auf der linken Seite erhob sich der Brown Howe, auf der rechten der Pike of Blisco, in dem dicht mit Farn bewachsenen Tal dazwischen herrschte absolute Stille. Der düstere graue Himmel tauchte alles in eine Atmosphäre wilder Abgeschiedenheit. Nirgendwo stand ein Zelt, weit und breit war kein Wanderer zu sehen. Nicht einmal ein Schäfer oder ein Landarbeiter war in Sicht.
Heck marschierte etwa sechzig Meter weiter und ging dann zurück zu der Mauer, wo ein Streifen Tannen ihn abschirmte. Die beiden Autos waren immer noch zu sehen, der Hyundai parkte jetzt direkt hinter dem BMW. Neben der Beifahrerseite des BMWs standen vier Personen. Ein pummeliger, kahl werdender Mann und eine dünne weißhaarige Frau, beide im Partnerlook, waren eindeutig die Insassen des BMWs. Aber Heck sah auch das Mädel mit der blonden Perücke und den hochgewachsenen Mann mit der Wollmütze, der gerade seine Regenjacke auszog und sicherlich anbot, einen der beiden platten Reifen des BMWs zu wechseln. Heck konnte sich vorstellen, welche Konversation hier ablaufen würde – sie hatten das gleiche Spielchen mit den anderen Opfern in den Yorkshire Dales und im Peak District gespielt.
» Ein doppelter Platten ist nicht ohne «, würde der freundliche Helfer sagen, » aber wenn Sie den Ersatzreifen vorne einsetzen, könnten Sie es bis in die nächste Ortschaft schaffen, und dort könnten Sie in einer Werkstatt den hinteren austauschen lassen. «
Ein kluger Ratschlag, der beiläufig erteilt werden würde – und währenddessen würde das dritte Mitglied des Trios, der Junge, von dem die Opfer nicht einmal wussten, dass er anwesend war, heimlich hinten aus dem Hyundai gleiten, zur Fahrerseite des Autos krabbeln, auf das es die Bande abgesehen hatte, die Fahrertür öffnen und sich über Jacken, Mäntel, Handtaschen und Brieftaschen hermachen, die auf dem Rücksitz abgelegt waren. Ein klassischer Diebstahl mit Ablenkungsmanöver, der genau in diesem Moment – während Heck das Geschehen beobachtete – vonstattenging. Der Junge, der immer noch seine unscheinbare graue Kleidung trug, robbte sich über den Asphalt und schlich auf allen vieren an dem Hyundai vorbei.
Heck blieb auf der Weide, rannte jedoch zügig weiter, stieg über einen niedrigen Stacheldrahtzaun und zischte in sein Funkgerät : » Diebe schlagen zu, Mary-Ellen ! Diebe schlagen zu ! Setz dich in Bewegung … schnell ! «
Mary-Ellen bestätigte, dass sie losfahre, doch Heck erreichte den Schauplatz des Verbrechens als Erster. Er sprang über die Begrenzungsmauer, zog sich den Reißverschluss seines Anoraks zu, erschien am Straßenrand und kam hinter der gekrümmten Esche hervor, bevor auch nur irgendjemand von ihm Notiz ge­­nommen hatte.
» Schönen guten Tag allerseits «, sagte er und schlenderte zum Heck des BMWs, wo der Junge immer noch auf Händen und Knien hockte, doch neben ihm lagen jetzt ein Portemonnaie, eine Brieftasche und ein iPad auf dem Asphalt. Der Junge konnte nichts anderes tun, als Heck mit bleichem Gesicht anzustarren. » Das verstößt gegen das Gesetz, meinst du nicht auch ? «
Das ältere Paar sah Heck verwirrt an, und ihr Gesichtsausdruck änderte sich erst, als Heck nach unten langte, den Jungen unter der Armbeuge packte und ihn hochzog, sodass er für jedermann sichtbar war. In diesem Moment reagierte auch das jüngere Paar. Das Mädel wich mit weit aufgerissenen Augen zurück, während der Mann sich umdrehte und über die Straße davonsprintete.
Doch das brachte nicht viel, denn in diesem Moment kam auf der nächsten Anhöhe Mary-Ellens Land Rover mit zuckendem Blaulicht in Sicht, wurde herumgerissen, stellte sich quer über die Fahrbahn und blockierte ihm den Weg. Der Typ sah noch recht kampfeslustig aus, als er sah, wer dem Wagen entstieg : eine Ge­­stalt in einer Uniform der Polizei von Cumbria, voll ausgestattet mit Neonweste und Polizeigürtel mit den üblichen Utensilien – Handschellen, Schlagstock, Pfefferspray und so weiter –, doch es handelte sich um eine junge Frau, wahrscheinlich war sie sogar ­deutlich jünger als er, höchstens dreiundzwanzig und allenfalls eins fünfundsechzig groß. Natürlich wusste er nicht, dass Police Constable Mary-Ellen O’Rourke in dem Ruf stand, eine Fitnessfanatikerin und ein wahrer Panzerkreuzer zu sein. Als sie die Straße überquerte, um sich ihm in den Weg zu stellen, versuchte er, sich an ihr vorbeizudrängen, doch sie stürzte sich auf ihn, umfasste seine Beine und brachte ihn zu Fall. Er ging zu Boden, sein Gesicht schlug mit voller Wucht auf dem Asphalt auf. Er lag stöhnend da, seine Mütze mit den vorgetäuschten roten Haarfransen war ihm heruntergerutscht und offenbarte sein blondes Haar. Mary-Ellen kniete vergnügt auf seinem Rücken und legte ihm Handschellen an.
» Tut mir leid «, wandte Heck sich an das perplexe ältere Paar, während er an ihm vorbeimarschierte und die anderen beiden Verhafteten jeweils am Genick vor sich her führte. » Detective Sergeant Heckenburg von der Polizei Cumbria. Wir sind schon eine ganze Weile hinter dieser Bande her. «
» Wir haben nichts gemacht «, protestierte die junge Frau. » Wir wollten nur helfen. «
» Klar, indem Sie diese braven Bürger während ihres Urlaubs um ihre Wertsachen erleichtern «, entgegnete Heck. » Aber ma­­chen Sie sich keine Sorgen, jetzt gehen Sie erst mal in Urlaub. Und zwar für unbestimmte Zeit hinter schwedischen Gardinen. Sie haben das Recht, die Aussage zu verweigern, doch es kann Ihre Verteidigung beeinträchtigen, wenn Sie trotz Befragung eine Aussage unterlassen, auf die Sie später vor Gericht angewiesen sein könnten. Jede Ihrer Aussagen hat Beweiskraft … Ach, und falls Sie sich fragen sollten, was hier gerade abgeht : Sie werden eingelocht, weil Sie eine Bande von diebischen kleinen Arschlöchern sind. «

Es war schon mitten am Abend, als die Beamten, die die Ver­­haftung vorgenommen hatten, endlich von der Polizeiwache in Windermere zurückkamen, wohin sie ihre Gefangenen für das Verhör und die offizielle Anklageerhebung gebracht hatten. Während Mary-Ellen die Wache von Cragwood Keld ansteuerte, um Feierabend zu machen und alles abzuschließen, war Hecks erster Anlaufhafen » The Witch’s Kettle «, nicht zuletzt deshalb, weil das warme, rötliche Licht, das aus den Pubfenstern schien, an einem kalten, nebligen Herbstabend wie diesem – die Luft war eisig geworden – sehr verlockend war. Drinnen knisterte ein großes Kaminfeuer, dessen Schein orangefarbene Trugbilder auf die urige Einrichtung warf.
Lucy Cutterby, Hazels einzige Kellnerin, war alleine hinter der Theke und las ein Taschenbuch. » Hallo, Heck «, sagte sie, als Heck auf die Theke zuging.
Lucy war neunzehn und arbeitete nur deshalb für Unterkunft und Verpflegung in dem Pub, weil sie Hazels Nichte war und sich ein Jahr Auszeit genommen hatte, um zu wandern, zu klettern und zu segeln und sich noch ein wenig vorzubereiten, bevor sie zur Universität ginge, um dort Sportwissenschaften zu studieren. In ihrer grauen Jogginghose und ihren weißen Turnschuhen sah sie adrett und sportlich aus. Ihr volles lohfarbenes Haar hatte sie hochgesteckt. Mit ihren blauen Augen, ihrer elfenhaften Nase und ihren vollen Lippen stellte Lucy eine willkommene Ergänzung des Pubpersonals dar. Eigentlich müsste sie, schön wie sie war, scharenweise Männer in den Pub locken, doch an einem Abend wie diesem konnte Hazel froh sein, wenn überhaupt jemand kam. Im Moment war nur eine Handvoll Gäste da : Ted Haveloc, ein ehemaliger Mitarbeiter der Forstbehörde, der sich, seitdem er im Ruhestand war, in aller Leute Gärten nützlich machte ; und Burt und Mandy Fillingham, die Betreiber der örtlichen Post, welche zugleich den Tante-Emma-Laden des Dorfes beherbergte.
Lucy huschte kurz nach oben, um Hazel zu holen.
Einige Minuten später kam sie die Treppe hinuntergeschlendert. » Und ? «, fragte sie und sah leicht beunruhigt aus.
Heck entledigte sich seines Anoraks und zog sich einen Bar­hocker heran. » Ohne dich hätte ich es nicht geschafft. «
» Hast du sie festgenommen ? « Sie sah überrascht aus, aber ihr war vielleicht immer noch ein wenig unbehaglich zumute. Hazel war durch und durch ein Mädel aus der Gegend. Sie war viel ge­­reist, hatte jedoch nie außerhalb des Lake Districts gelebt, was ihr weicher Cumbria-Akzent bestätigte, und die Vorstellung, dass diese friedvolle Gegend von ernsthafter Kriminalität heim­gesucht wurde, war ihr sichtlich unbehaglich.
» Alle drei «, bestätigte Heck. » Auf frischer Tat ertappt. «
Sie servierte ihm das Gleiche wie immer : ein Pint Buttermere Gold. » Und worum ging es bei dem Ganzen ? Oder darfst du mir das nicht sagen ? «
» Ich denke, angesichts deiner Hilfe hast du ein Recht darauf, es zu erfahren. Im Laufe der vergangenen zwei Wochen wurden immer wieder Touristen von Dieben ausgenommen, deren Ma­­sche ein Ablenkungsmanöver war. Sie haben in Borrowdale zu­­geschlagen, in der Nähe von Ullswater und unten in Grizedale Forest. Meistens lief das Ganze so ab : Die Touristen haben ir­­gendwo angehalten, um Mittag zu essen, und wenn sie anschließend weitergefahren sind, mussten sie ziemlich bald mit zwei platten Reifen an den Straßenrand fahren. Kurz darauf kam zufällig ein junger Mann mit seiner Freundin vorbei und bot freimütig Hilfe an. Sobald die beiden Helfer weitergefahren waren, stellten die Touristen fest, dass in ihrem Auto die Wertsachen fehlten. «
Hazel sah fasziniert aus, aber vielleicht auch ein bisschen er­­leichtert darüber, dass die Verbrechen, um die es ging, nicht gewalttätigerer Natur gewesen waren. » Von solchen Trickbetrügern habe ich schon mal auf dem europäischen Festland gehört. «
» Tja … und wenn es in Frankreich und Spanien funktioniert, gibt es keinen Grund, warum es hier nicht auch funktionieren sollte. Erst recht in ländlichen Gegenden. Wir wussten nur, dass die Verdächtigen in einem grünen oder blauen Auto unterwegs waren, bei dem es sich möglicherweise um einen Hyundai handeln sollte. Die Opfer waren sich in keinem einzigen der Fälle absolut sicher, und wir hatten nur ein paar undeutliche Auf­nahmen von einigen Parkplatz-Überwachungskameras … Und zu alledem hatten wir immer nur einzelne Bruchstücke des Kenn­zeichens, die nie zusammenzupassen schienen. Bestimmt überrascht es dich nicht, dass wir nach der Verhaftung dieser Bande im Kofferraum ihres Wagens Dutzende verschiedener Nummernschilder gefunden haben, die sie regelmäßig ausgetauscht haben. «
» Dann war das sozusagen ihr Fulltime-Job ? «
» Ja, es war ihr Beruf. So haben sie ihren Lebensunterhalt be­­stritten. « Er nippte an seinem Bier. » Da die kriminelle Tour in dieser Gegend erst vor zwei Wochen angefangen zu haben schien, habe ich ein paar Erkundigungen bei anderen Polizeidienststellen in touristischen Gegenden eingeholt und einige ähnliche Be­­richte erhalten. Über einen jungen Mann und eine junge Frau, die mithilfe der Ablenkungsmasche irgendwo in der Pampa moto­risierte Touristen ausgenommen haben. Es lief immer gleich ab. Der Mann hat angeboten, beim Reifenwechsel zu helfen, während die Frau dabeistand und die Leute in ein Gespräch verwickelt hat. Nach spätestens zwei Wochen war der Spuk in einer bestimmten Gegend wieder vorbei. «
» Hier haben sie sich auch nur für zwei Wochen eingemietet «, sagte Hazel.
» Sie haben es in keinem der von ihnen auserkorenen Jagdreviere je übertrieben. Letzten Endes lief es darauf hinaus, dass ich sämtliche Hotels und Frühstückspensionen aufgesucht und mich nach Verdächtigen erkundigt habe. «
» Erstaunlich, dass das wirklich funktioniert hat. « Sie sah skeptisch aus. » Ich meine, selbst in der Nebensaison kommen Tausende junge Paare hier hoch in den Lake District. «
» Mag ja sein, aber nicht so viele, die ein fünftes Rad am Wagen dabeihaben. «
» Ich verstehe nicht, worauf du hinauswillst. «
» Wie du dich vielleicht erinnerst, habe ich dich nicht gefragt, ob bei dir irgendwelche jungen Paare abgestiegen sind. Ich habe dich nach jungen Trios gefragt. «
» Wow. « Jetzt sah Hazel beeindruckt aus. » Was für ein cleveres Bürschchen du bist. «
» Mir kam in den Sinn, dass es einen Dritten im Bunde geben musste, jemanden, der sich in dem Hyundai verborgen hielt und den eigentlichen Diebstahl durchführte, während die beiden an­­deren ihre Show abzogen. «
» Und genau so ein Trio war hier abgestiegen «, entgegnete sie. » Und es war sogar mit einem Hyundai unterwegs. «
» Der Rest ist Geschichte. « Er lächelte. » Allerdings würde ich sagen, dass wir durchaus Glück hatten, dass sie ausgerechnet hier abgestiegen sind. «
Hazel putzte weiter die Theke. » Solange sie definitiv ein für alle Mal weg sind, von mir aus. Ich meine, sie haben ja hoffentlich nichts vergessen … Ich möchte nicht, dass sie noch mal wiederkommen. «
» Darüber würde ich mir an deiner Stelle keine Sorgen machen. Es gibt auf diversen Polizeidienststellen Leute, die ein Wörtchen mit ihnen zu reden haben. Sie werden ein ziemliches Weilchen hinter Schloss und Riegel sein. «
Ihm fiel ein, dass er sein Pint noch nicht bezahlt hatte, und er schob ein paar Münzen über den Tresen, doch sie lehnte ab. » Das geht auf mich. Für einen erfolgreich erledigten Job. Weißt du, ich hätte sie nie für Kriminelle gehalten. Na schön, ein etwas seltsames Gespann haben sie schon abgegeben, denke ich … er Mitte dreißig, sie Mitte zwanzig und dann noch einen Teenager dabei, aber sie sahen nicht gefährlich aus. «
» Erfolgreiche Gauner sind selten dumm. Wenn man sich in ruhigen Gegenden unter normale Leute mischen will, macht es wenig Sinn, sich wie eine Bande Cowboys zu gebärden. Jedenfalls nicht in der heutigen Zeit. «
» Aber es führt einem vor Augen, wie verletzlich wir hier oben sind. «
» Ach was «, meldete sich eine schnodderige Stimme mit irischem Akzent. Mary-Ellen war neben ihnen aufgetaucht. Sie trug jetzt einen schwarzen Trainingsanzug, auf dessen Rückenteil in großen weißen Lettern der Schriftzug » Metropolitan Police « prangte, und schwang sich sportlich auf den Barhocker, der neben Heck stand. Trotz ihrer vorstehenden Zähne war sie hübsch : Sie hatte durchdringende grüne Augen und schwarzes, kurz geschnittenes Haar. Sie war eine hervorragende Schwimmerin, eine durchtrainierte Bergsteigerin und Kletterin und versprühte Energie und Leidenschaft – selbst jetzt noch, nach einer langen, anstrengenden Schicht. » Das Dorf hat doch uns beide «, stellte sie vergnügt fest. » Wir können es mit jedem aufnehmen. «
» Und hier haben wir die andere Frau der Stunde «, sagte Heck. » Ohne die ich es auch nicht geschafft hätte. «
» Was möchten Sie trinken, Mary-Ellen ? «, fragte Hazel.
Mary-Ellen bedachte Heck mit einem vorgespielt verwunderten Blick. » Geht das auf dich, Sergeant ? «
» Das geht auf mich «, stellte Hazel klar. » Sie und Heck haben heute ein paar üble Schurken von der Straße geholt. Von unseren Straßen. Und bei dem schlechten Wetter, das angesagt ist, hätten sie hier vielleicht noch weiß Gott wie lange herumgelungert. Wer weiß, womöglich wären wir noch alle in unseren Betten abgemurkst worden. «
» Ganz so schlimm waren sie nun auch nicht «, entgegnete Mary-Ellen mit dem für sie typischen krächzenden Kichern. » Aber ich nehme ein Lager, danke. Und eins muss ich sagen … es war ein gutes Gefühl, zur Abwechslung mal ein paar richtige Verbrecher zu schnappen. «
» Wie recht du hast «, sagte Heck und machte Anstalten, in Richtung Herrentoilette zu verschwinden. » Entschuldigt mich einen Moment, Ladys … Wie verdammt recht du hast ! «
Keine der beiden Frauen erwiderte etwas auf diese letzte Be­­merkung.
Mary-Ellen war selber noch ein Neuling im Lake District. Sie war erst vor zwei Monaten von der Metropolitan Police dorthin versetzt worden, also sogar noch einen halben Monat nach Heck eingetroffen. Doch auch wenn sie während der vergangenen vier Jahre in der größten Polizeieinheit Großbritanniens gearbeitet hatte, war sie nicht so gut mit der Polizeiarbeit in innerstädtischen Ballungszentren vertraut wie Heck und verfügte auch nicht über dessen Erfahrungen mit Ermittlungen im Bereich der schweren Kriminalität, da sie ausschließlich in Richmond-upon-Thames Dienst geschoben hatte, einer gut betuchten Gegend mit einer relativ niedrigen Kriminalitätsrate. Doch angesichts der Tatsache, dass die schwersten Gesetzesverstöße, mit denen sie es hier oben aller Voraussicht nach zu tun haben würden, Fälle von Kleindealerei, Gartendiebstähle und gelegentliche Auseinandersetzungen zwischen Betrunkenen in Pubs sein dürften, konnte sie verstehen, dass er sich nicht ganz ausgelastet fühlte. Er hatte sich re­­gelrecht überschwänglich auf den aktuellen Fall mit der Ablen­kungs­masche gestürzt – wie ein Kind, das ein Spielzeuggeschäft erkundet – und hatte beinahe enttäuscht darüber gewirkt, dass sie die Verdächtigen so schnell gefasst hatten. Aus Hazels Sicht war das Ganze natürlich faszinierend gewesen, aber auch ein bisschen verstörend – nicht nur, weil die Geschichte offenbart hatte, dass es in der Gegend richtige Kriminelle gab, sondern auch, weil sie ihr einen ersten flüchtigen Blick auf die eher von innerer Unruhe und Widersprüchen geprägten Seiten von Hecks Charakter gestattet hatte. Normalerweise hätte die gut aussehende, bescheidene und frisch geschiedene Hazel für jeden Kerl, der Single war, ein ge­­fundenes Fressen sein müssen, seit ihr vom Bier aufgedunsenes Arschloch von einem Ehemann vor zwei Jahren mit einem seiner Barmädels durchgebrannt war. Das Problem war nur, dass es im Cradle kaum alleinstehende Männer gab. Und deshalb war es vielleicht nicht überraschend, dass Hazel und Heck sich zueinander hingezogen fühlten. Doch Mary-Ellen konnte nicht anders, als sich zu fragen, wie lange dies wohl andauern mochte.
Nicht, dass irgendjemandem klar gewesen wäre, Heck eingeschlossen, was genau für eine Beziehung er und Hazel eigentlich hatten.
Genau darüber dachte Heck nach, als er in der Toilette am Waschbecken stand und sich die Hände wusch. Sie hatten sich ganz allmählich einander angenähert. Zunächst beinahe widerstrebend, als fürchteten sie beide, verletzt zu werden oder einander zu verletzen. Doch die gegenseitigen Gefühle wurden immer stärker. Zunächst hatten sie einander verstohlene Blicke zugeworfen, dann hatten sich ihre Hände gelegentlich berührt, und dann hatte Heck sich immer öfter am Ende der Theke bequem auf einem Barhocker sitzend wiedergefunden, da, wo sich die Kasse und das Telefon befanden, und somit an einem Platz, der Vertrautheit signalisierte und normalerweise nicht für jeden x-beliebigen Gast reserviert war. Trotz alledem gab es ein paar Dinge, die er Hazel bisher lieber noch nicht anvertraut hatte – vor allem seine Sorge, dass er hier draußen in der Wildnis seine Zeit verschwendete. Er wollte sie nicht vor den Kopf stoßen. Hazel war so stolz auf dieses kleine, erfolgreiche Unternehmen, das sie betrieb. Sie liebte ihr beschauliches Leben in Cragwood Keld, diese » Oase in den Bergen «, wie sie den Ort nannte. Die Vorstellung, von hier wegzugehen, war kaum etwas, woran sie Gefallen finden dürfte. Deshalb hatte Heck die zunehmende Langeweile, die er an seinem gegenwärtigen Dienstort verspürte, ihr gegenüber nie zur Sprache gebracht.
» Muss ich als Zeugin aussagen ? «, fragte Hazel, als er zur Theke zurückkam.
Heck dachte darüber nach. » Ich glaube nicht. Es gibt ja nichts, weswegen sie dich ins Kreuzverhör nehmen könnten. Ich habe dich gefragt, ob du jemanden kennst, auf den eine bestimmte Be­­schreibung zutrifft. Dies war der Fall, und du hast mir gegenüber eine Aussage gemacht. Danach hattest du nichts mehr mit dem Ganzen zu tun. Außerdem hat das Trio die Diebstähle, die es mit der Ablenkungsmasche hier oben im Lake District begangen hat, bereits zugegeben, weshalb es durchaus möglich ist, das dieser Teil des Falls gar nicht zur Verhandlung kommt. «
» Wenn ich mir darüber keine Sorgen machen soll, brauche ich das schriftlich von dir «, stellte sie klar und ging weg, um Burt Fillingham zu bedienen.
» Und ? Was halten wir von alldem ? «, fragte Mary-Ellen Heck. » War es ein guter Tag ? «
» Ein sehr guter Tag. «
» Hazel hat recht, was das Wetter angeht. Die Vorhersage ist furchtbar. Für heute Nacht und für morgen ist hier oben eisiger Nebel angesagt. Vielleicht hält er sich sogar noch länger. Mit einer Sichtweite unter zwei Metern. «
» Na super. Dann geht es hier noch beschaulicher zu. «
» He … « Sie stupste ihn mit dem Ellbogen an. » Ich kenne ein paar Detectives, die sich darüber freuen würden. Um ein bisschen Schreibkram aufarbeiten zu können. «
» Um Schreibkram aufarbeiten zu können, muss man erst mal welchen generieren, Mary-Ellen. «
Sie musterte ihn abschätzend. Normalerweise zeigte Heck sich nie von der mürrischen Seite. Doch im Moment wirkte er ein wenig niedergeschlagen. » Heck, hast du dich nicht freiwillig für diesen Gig im Lake District gemeldet ? «
» Ja … in gewisser Weise. « Er machte eine wegwerfende Handbewegung. » Entschuldige … ruhig ist gut. Natürlich ist es das. Es bedeutet eine niedrigere Kriminalitätsrate und dass die Leute gut schlafen können. Wie könnte ich mich darüber beschweren ? «
Sie nippte an ihrem Bier. » Es wird auch nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen werden. Es wird Unfälle geben. Leute werden sich verirren, sich Verletzungen zuziehen … Es gibt immer irgendwelche Vollidioten, die alleine hier oben herumwandern, ganz egal, was die Wetterfritzen sagen. «
Heck dachte darüber nach. Sie hatte recht – die Berge im Lake District waren kein Ort für unerfahrene Wanderer, schon gar nicht bei schlechtem Wetter. Dennoch versuchten sich während des Winters irgendwelche Amateure an den Bergen und nötigten die Rettungsdienste immer wieder zu riskanten Expeditionen. Da der Ort nur über die Cragwood Road mit der Außenwelt verbunden war, hatten Schnee, Eisgraupel oder sogar heftiger Regen jederzeit das Potenzial, sie von allem abzuschneiden. Der angekündigte Nebel würde sogar für eine noch stärkere Beeinträchtigung sorgen, da er es den Bergrettungsdiensten unmöglich ma­­chen würde, ihre Hubschrauber einzusetzen.
» Ich denke, ich kann mit Bestimmtheit sagen «, stellte Heck schließlich klar, » dass selbst ich lieber warm eingemummelt im Bett liegen würde, als mich mit diesen Leuten herumzuschlagen. «
» Das ist sicher eine Option «, entgegnete Mary-Ellen, als Hazel hinter der Theke zu ihnen zurückkam.
» Wie es aussieht, dürfte ich in den nächsten Tagen nicht allzu viel Kundschaft haben «, stellte Hazel fest.
» Genau darüber haben wir gerade gesprochen «, sagte Mary-Ellen und trank aus. » Wie auch immer, ich bin weg. Danke für das Bier. «
» Ist es nicht noch ein bisschen früh ? «, fragte Heck.
» Heute Abend läuft True Detective. Ich habe die erste Ausstrahlung verpasst. « Mit diesen Worten schlenderte sie aus dem Pub. » Man sieht sich. «
» True Detective ? «, überlegte Hazel laut. » Ist das nicht diese Serie, in der sie hinter irgend so einem satanischen Serienmörder her sind ? «
» Ich glaube, so war es, wenn ich mich richtig erinnere «, entgegnete Heck.
Sie wischte über den Tresen. » Nicht die Art von Verbrechen, mit denen wir es hier oben am Witch Cradle Tarn zu tun ha­­ben … trotz des Namens. «
» Ist mir auch schon aufgefallen. «
» Diese raffinierten Trickbetrüger, die den Leuten Handtaschen und Portemonnaies klauen, sind so ziemlich die übelsten Schurken, die hier oben ihr Unwesen treiben. «
» Wollen wir hoffen, dass es so bleibt. «
Sie bedachte ihn mit einem angedeuteten Lächeln. » Haha … als ob du das wirklich hoffen würdest. «
» He, vielleicht berge ich noch Überraschungen für dich ? «
» Ach ja ? «
» Ich bin anpassungsfähig. Das ruhige Leben hat durchaus seine Vorzüge. «
» Zum Beispiel ? «
Er zuckte mit den Schultern. » Wir sind alle erwachsen. Es ist ja nicht so, als ob uns nichts einfiele, womit wir uns während dieser langen, ereignislosen Stunden beschäftigen könnten. «
Hazel lächelte erneut, diesmal verschmitzt, während sie Ted Haveloc ein frisches Bier zapfte.
Draußen wälzte sich derweil eine Front halbgefrorener Luft über die Berge und in die Täler Nordwestenglands. Sie schob sich unter die milderen oberen Luftschichten und bildete eine dichte, graue Nebeldecke, die die Sichtweite in einer Gegend, die dafür bekannt war, dass es in ihr nur sehr wenige Straßenlaternen gab, im wahrsten Sinne des Wortes auf null reduzierte. Die verstreuten Städte und Dörfer wurden eingehüllt. Cragwood Keld – ein Weiler, der nur aus fünfzehn Gebäuden bestand – wurde regelrecht verschluckt, von keinem Haus aus konnte man mehr das nächste sehen. Und natürlich war es kalt, entsetzlich kalt, Milliarden eisige Wasserkristalle waberten in der Düsternis. Auf jedem Zweig und an jedem Büschelchen der verblühten Pflanzenwelt bildeten sich Frostfedern. Gegen elf Uhr, als die letzten wenigen Lichter in den Häusern ausgingen und sich die tiefe Schwärze der Nacht über alles legte, hatte die arktische Stille etwas Ätherisches. Die absolute Ruhe war regelrecht unheimlich.
Nichts regte sich da draußen.
Es war eine durch und durch schaurige Nacht.

Paul Finch: Spurensammler

Du weißt, du bist der Nächste. Aber kannst du deshalb entkommen?

Als einer der gefährlichsten Schwerverbrecher Englands von seinen Komplizen aus dem Hochsicherheitsgefängnis befreit wird, holt Detective Mark Heckenburgs spektakulärster Fall ihn plötzlich wieder ein. Zwei Jahre nachdem unzählige Opfer entführt und ermordet wurden, beginnt der Albtraum von Neuem. Immer mehr Menschen werden getötet. Kaltblütig, brutal, am helllichten Tag. Und Heck weiß, dass es nicht lange dauern wird, bis auch er an der Reihe ist …

Blick ins Buch
SpurensammlerSpurensammler

Thriller

Als einer der gefährlichsten Schwerverbrecher Englands von seinen Komplizen aus dem Hochsicherheitsgefängnis befreit wird, holt Detective Mark Heckenburgs spektakulärster Fall ihn plötzlich wieder ein. Zwei Jahre nachdem unzählige Opfer entführt und ermordet wurden, beginnt der Albtraum von Neuem. Immer mehr Menschen werden getötet. Kaltblütig, brutal, am helllichten Tag. Und Heck weiß, dass es nicht lange dauern wird, bis auch er an der Reihe ist …
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1

 

Gull Rock war so ziemlich der letzte Ort auf Erden.

Er befand sich auf einer trostlosen Landspitze südlich von jener weitläufigen »The Wash« genannten Meereseinbuchtung fernab jeglicher Zivilisation und war fortwährend dem unerbitt­lichen Ansturm der Elemente ausgesetzt. Selbst an Englands Ostküste gab es keinen einsameren, trostloseren Ort, und keinen, der, was seine totale Isolation anging, bedrohlicher wirkte. Doch letzten Endes war all dies gut, denn im Gull-Rock-Gefängnis (auch bekannt als Her Majesty’s Prison Brancaster) saßen die Übelsten der Übelsten. Und das war keine Übertreibung, nicht einmal im Vergleich mit anderen Gefängnissen der höchsten Sicherheitsstufe. Keiner der Insassen von Gull Rock verbüßte eine Haftstrafe von unter zehn Jahren, unter ihnen befanden sich einige der heimtückischsten Mörder, der gewalttätigsten Räuber und der gnadenlosesten Vergewaltiger Großbritanniens, ganz zu schweigen von Gangstern, Terroristen und in den Städten ihr Unwesen treibenden Straßenkriminellen, für deren Beschreibung das Wort »gestört« hätte erfunden worden sein können.

Als Detective Superintendent Gemma Piper an jenem trüben Morgen auf dem Besucherparkplatz des Gefängnisses vorfuhr, war ihr aquamarinblauer Mercedes das einzige Auto dort, doch das war keine Überraschung. Besuche von Häftlingen waren in Gull Rock streng limitiert.

Sie stieg aus und betrachtete das in der Ferne aufragende Betongebäude. Es war Anfang September, doch dies war ein dem Wetter ausgesetzter Ort. Von der Nordsee blies eine steife Brise, die unzählige Schaumkronen vor sich hertrieb und Hunderte krächzende Seevögel gen Himmel trug. Gemmas lange, aschblonde Haare wurden noch mehr zerzaust, als sie es ohnehin schon waren. Sie knöpfte ihren Regenmantel zu und rückte die in Schutzumschlägen steckenden Mappen unter ihrem Arm zurecht.

Ein weiteres Auto rumpelte von der Zufahrt auf den Parkplatz und bog in die Parkbucht direkt neben ihr ein: ein weißer Toyota GT.

Sie ignorierte den Wagen und starrte die Umrisse des Gefängnisses an. Es war ein Hochsicherheitsgefängnis, entsprechend hatte es keine Fenster. Die grauen Mauern der verschiedenen Häftlingsblöcke waren kalt und anonym, die Verbindungsgänge zwischen ihnen verliefen allesamt unterirdisch. Diese seelenlose innere Gebäudestruktur war von einer hohen Außenmauer umgeben, deren obere Kante zusätzlich mit Stacheldraht gesichert war. Den einzigen Zutritt bot ein massives Tor aus verstärktem Stahl. Außerhalb der Mauer verliefen konzentrische Elektrozaunringe.

Der Fahrer des Toyotas stieg aus. Sein hochgewachsener, athletischer Körper steckte in einem wie angegossen sitzenden maßgeschneiderten Armani-Anzug. Das Grau an seinen Schläfen verriet sein fortgeschrittenes Alter – er ging auf die fünfzig zu –, doch er hatte ein schlankes, sonnengebräuntes Gesicht, in das sich ein nahezu ständiges nachdenkliches Stirnrunzeln eingeprägt hatte, das gleichermaßen bedrohlich wie attraktiv wirkte. Es handelte sich um Commander Frank Tasker von Scotland Yard, und er hatte ebenfalls jede Menge Unterlagen bei sich, die in Plastikmappen steckten.

»Ich will Ihnen ja nicht erzählen, wie Sie Ihren Job zu erledigen haben, Gemma«, sagte Tasker und zog sich seinen Regenmantel an. »Aber wir müssen mit dieser Sache bald mal vorankommen.«

Gemma nickte. »Das ist mir klar, Sir. Aber es ist alles im Zeitplan.«

»Ich wünschte, ich wäre mir da so sicher wie Sie. Wir haben ihn schon sechs Mal in die Zange genommen. Wird er zusammenbrechen oder nicht?«

»Typen wie Peter Rochester brechen nicht zusammen, Sir«, erwiderte sie. »Man muss sie zermürben, langsam, aber sicher.«

»Der Zeitfaktor …«

»… den haben wir im Blick. Ich verspreche Ihnen, Sir, wir werden ihn kleinkriegen.«

Tasker rümpfte die Nase. »Ich begreife nicht, wem gegenüber er glaubt, sich loyal zeigen zu müssen. Ich meine, sie scheren sich doch einen Dreck um ihn … Warum sollte er sich also um sie scheren?«

»Wahrscheinlich steckt was Militärisches dahinter«, entgegnete sie. »Rochester hat es bis in den Rang des Adjudant-Chefs gebracht. Das schafft man in der Fremdenlegion eigentlich nicht, wenn man nicht die französische Staatsbürgerschaft hat … jedenfalls nicht, wenn man nicht ein paar Leute wirklich beeindruckt hat. Außerdem heißt es, dass er seinen Männern absolute Loyalität abverlangt hat. Und diesen Anspruch hat er auch als Söldner beibehalten. So eine Loyalität gewinnt man bei seinen Leuten nicht, wenn man nicht auch ein bisschen was davon zurückgibt.«

»Sie meinen also, die Leute aus Rochesters Truppe mögen einander?«

»Ja, aber das ist nur eins von mehreren Dingen, die sie von dem dahergelaufenen Allerweltspöbel unterscheiden, mit dem wir uns sonst abgeben müssen.«

Er zuckte mit den Achseln. »Das stelle ich nicht in Abrede. Was diesen Fall angeht, haben Sie schließlich den größten Teil der Hausaufgaben gemacht. Aber meine ursprüngliche Frage bleibt: Wie lange noch?«

»Ein paar Sitzungen noch. Ich glaube, wir haben ihn fast so weit.«

»Und haben Sie auch noch im Hinterkopf, was ich Ihnen bezüglich Detective Sergeant Heckenburg gesagt habe?«

Sie lächelte halb. »Ja, Sir.«

»Wir wollen nicht, dass er mit dem Ganzen auch nur annähernd in Berührung kommt, Gemma.«

»Das tut er nicht.«

»Er ist im besten Fall unberechenbar, aber er könnte das Ganze total vermasseln.«

»Es ist alles in bester Ordnung, Sir.«

»Mich wundert, dass er nicht zumindest Fragen gestellt hat.«

»Tja, das hat er.«

»Und?«, fragte Tasker ungehalten.

»Ich bin seine Chefin. Wenn ich ihm sage, dass er sich da raushalten soll, akzeptiert er das.«

»Weiß er, wie oft Sie Rochester in die Mangel genommen haben?«

»Dazu hatte er zu viel zu tun. Dafür habe ich gesorgt.«

Tasker nahm die Umgebung in Augenschein, während er über Gemmas Worte nachdachte. Gewaltige Gewitterwolken rückten über dem Meer auf sie zu und zogen unter sich eine düstere, unheilverkündende Nebelwand mit sich. An den Rändern des Parkplatzes wurden blasse Sandwölkchen aufgewirbelt. Das harte Drahtgeflecht der Zäune summte im Wind. Inmitten all dessen erhob sich das Gefängnis, mächtig und still, ein ewiger Fels an dieser windgepeitschten Landspitze. Dahinter gab es nichts mehr, nur noch die heranrollenden, brechenden Wellen.

»Ein ziemliches Drecksloch, dieser Knast«, stellte Tasker mit einem Schaudern fest. »Ich meine, er ist zwar sauber … sogar steril. Aber wenn man da drinnen ist, denkt man wirklich, man hat die Endstation erreicht. Erst recht in diesem speziellen Überwachungstrakt. Wie eine Zelle in einer Zelle.«

Er sah unruhig über seine Schulter.

»Stimmt was nicht, Sir?«, fragte Gemma.

»Nennen Sie mich ruhig paranoid, aber ich rechne jeden Augenblick damit, dass Heckenburg hier aufkreuzt.«

»Ich habe Ihnen doch gesagt, dass Heck beschäftigt ist.«

»Wie beschäftigt?«

»Er steckt bis zum Hals in Arbeit«, entgegnete sie. »Mit einem der abscheulichsten Fälle, die mir in letzter Zeit untergekommen sind. Machen Sie sich keine Sorgen … Wir haben Mad Mike Silver und was auch immer vom Nice-Guys-Club übrig geblieben ist ganz für uns alleine.«

 

 

2

 

Greg Matthews’ Aussehen passte merkwürdigerweise irgendwie zu seinem Namen. Detective Sergeant Mark Heckenburg, oder »Heck«, wie seine Kollegen ihn nannten, konnte nicht genau sagen, wie er darauf kam, aber bei diesem Namen – Greg Mat­thews – schwangen irgendwie Eigenschaften wie Entschlossenheit und energische Bestimmtheit mit. Als ob es sich bei dem Träger dieses Namens um einen Typen handelte, der seine Zeit nicht sinnlos vertrödelte. Außerdem klang der Name nach verbohrter, konservativer englischer Mittelschicht und implizierte »gebildet« und »gut betucht«. Und all dies floss in dem Eindruck zusammen, den Heck von dem Mann selbst gewann, als er sich die Videoaufnahme von dem Verhör im Vernehmungsraum der Polizeiwache Gillbridge Avenue in Sunderland ansah.

Matthews war zwischen Anfang und Mitte dreißig, stämmig gebaut und hatte eine aschgraue Gesichtsfarbe und borstiges, kupferfarbenes Haar. Bei seiner Verhaftung hatte er designete Kampfklamotten getragen: eine grüne gefütterte Militärweste und ein graues Kapuzenshirt, Stonewashed-Jeans und Doc-Martens-Stiefel, wie sie mal geheißen hatten. Natürlich war ihm all dies abgenommen worden, und er war für die Untersuchungshaft in einen weißen Häftlingsoverall zur Einmalverwendung gesteckt worden, allerdings war ihm gestattet worden, seine rundglasige »John-Lennon«-Brille zu behalten, ohne die er offenbar blind wie ein Maulwurf war.

All dies hatte der Wut des Häftlings keinen Abbruch getan.

Nach drei Stunden Verhör gab er sich immer noch so unflätig und selbstgerecht wie bei seiner Festnahme. »Ist doch nicht mein Problem, wenn irgendjemand die Schnauze von diesen Neonazi­schweinen voll hat!«, stellte er in einem kultivierten Akzent klar, der nichts von dem »Mackem« genannten Sunderland-Dialekt hatte, mit dem man es in dieser Gegend normalerweise zu tun hatte. »Das Einzige, was mich wirklich nicht überrascht, ist, dass eine weitere Bande von Nazischweinen, sprich Ihre Leute, wie wild darauf aus ist, herauszufinden, wer dahintersteckt.«

»Die Frage bleibt, Mr Matthews«, entgegnete Detective Inspector Jane Higginson. Sie war eine geschmeidige, sehr coole Beamtin. Ihr dunkles Haar war kurz geschnitten, aber schick gestylt. Sie sprach einen sehr viel deutlicheren lokalen Akzent als Matthews, was darauf schließen ließ, dass sie aus einfachen Verhältnissen kam. »Warum sind Sie nicht in der Lage, uns zu sagen, was Sie am Abend des 15. Augusts gemacht haben?«

»Weil das fünf verdammte Wochen her ist! Und weil ich im Gegensatz zu Ihnen und Ihren kleinen wie aufgezogene Uhren funktionierenden Kuschelfreunden nicht alles, was ich mache, geflissentlich in einem Notizbüchlein festhalte. Nicht, dass ich glaube, dass Sie das tun. Wir könnten hier und jetzt Ihre Aufzeichnungen durchgehen, und ich bezweifle, dass wir irgendwelche Hinweise auf Belästigungen von Angehörigen ethnischer oder sexueller Minderheiten finden würden oder auf Einschüchterungen von Demonstranten, illegale Durchsuchungen von privaten Grundstücken und Wohnungen, brutale Übergriffe gegen einfache Angehörige der Arbeiterklasse oder auf jegliche andere gelegentliche Missbräuche Ihrer Amtsgewalt, die Sie sich zwei­fellos Tag für Tag in der einen oder anderen Weise zuschulden kommen lassen …«

Matthews war redegewandt, dass musste Heck ihm zugestehen, aber das war vermutlich auch nicht anders zu erwarten. Er war der Anführer einer selbst ernannten »Aktionsgruppe«, die eine lockere Verbindung zu diversen militanten Studentenvereinigungen unterhielt. Er und seine Kumpane waren politische Aufwiegler, die sich selbst als Anarchisten bezeichneten … Aber machte sie das zu Mördern?

»Was ist mit dem 15. August?«, hakte Higginson hartnäckig nach. »Lassen Sie mich Ihrem Gedächtnis auf die Sprünge helfen … Es war ein Samstag. Vielleicht erinnern Sie sich jetzt besser.«

»Ich mache an Samstagen alles Mögliche.«

»Sie machen sich keine Aufzeichnungen und haben keinen Terminkalender? Ein gewissenhafter Mann wie Sie?«

Das war eine vernünftige Frage, dachte Heck. Er war dabei gewesen, als Matthews an jenem Morgen in seinem sogenannten Hauptquartier festgenommen worden war, bei dem es sich, im Grunde genommen, um einen Fahrradschuppen handelte, der jedoch mit Flugblättern und Broschüren vollgestopft war und dessen Wände mit Plakaten und Aktionsplänen zugekleistert waren. Zwei supermoderne Computer waren ebenfalls beschlagnahmt worden. Matthews war nicht nur ein Sprücheklopfer.

»Der einzige Grund, weshalb Sie sich weigern, in dieser Sache zu kooperieren, Mr Matthews, ist, dass Sie etwas zu verbergen haben«, stellte der Detective Constable fest, der Detective Inspector Higginson bei dem Verhör assistierte.

»Oder weil Sie so verblendet sind, dass Ihnen Ihre Glaubwürdigkeit auf der Straße wichtiger ist als Ihre persönliche Freiheit«, schlug Higginson vor.

Matthews verzog die Lippen. »Sie sind eine richtig piefige, besserwisserische Zicke, was?«

»Passen Sie auf, was Sie sagen, und mäßigen Sie Ihren Ton«, warnte der Detective Constable ihn.

»Und wenn nicht? Vermöbeln Sie mich dann?« Matthews lachte. »Es überrascht mich sowieso, dass Sie das nicht bereits getan haben. Nur zu. Tun Sie sich keinen Zwang an. Sie werden schon sehen, was Sie davon haben.«

Das entmutigte Heck, zumindest im Hinblick auf die Aussicht, dass diese Festnahme zu einer Verurteilung führen würde. Der Typ schien sich nicht einmal dessen bewusst zu sein, dass die Film- und Tonaufnahmen, die von Verhören während der Untersuchungshaft gemacht wurden, sorgfältig geprüft und aufbewahrt wurden; sie konnten nicht einfach verschwinden. Wenn man zu­­dem bedachte, dass Matthews darauf verzichtet hatte, die Hinzuziehung eines Anwalts zu verlangen, und dass die Durchleuchtung seiner Person und seiner Gruppe, der sie ihn und seine Mitstreiter mithilfe der Special Branch unterzogen hatten, nichts ergeben hatte, dann lag der Schluss nahe, dass sie es eher mit einem großmäuligen Angeber zu tun hatten als mit einem wirk­lichen Aktivisten, der zur Tat schritt.

»Wenn Sie und Ihre Truppe es bloß dabei belassen würden, jemanden zu vermöbeln«, sagte der Detective Constable. »Wann haben Sie beschlossen, Nathan Crabtree tatsächlich umzubringen?«

»Das ist doch totaler Schwachsinn.«

»Vor oder nachdem Sie ihm zum zwanzigsten Mal im Netz gedroht haben, ihn umzubringen?«, hakte Higginson nach.

Matthews tat so, als wäre er belustigt. »Wenn das das Beste ist, was Sie gegen mich in der Hand haben, tun Sie mir leid.«

Matthews hatte regelmäßig im Internet irgendwelche zusammengeschusterten Webseiten sozialer Netzwerke aufgerufen, die normalerweise im Ausland registriert waren und als Plattform für extremistische Ideologien dienten. Der Inhalt dieser Seiten be­­stand aus verbitterten, hasserfüllten Beiträgen miteinander kommunizierender anonymer Individuen, die sich durchweg lächer­liche Spitznamen zugelegt hatten. In normalen Zeiten wäre es höchst unwahrscheinlich gewesen, dass ein ungehobeltes Pack wie Nathan Crabtree und die anderen beiden Opfer, John Selleck und Simon Dean, auf irgendeiner politischen Plattform gelandet wären – sie waren nichts weiter gewesen als sich politisch gebärdende Anhänger hooliganartiger Fußtruppen, die kaum eine mit Bildung in Kontakt gekommene Hirnzelle in ihren Köpfen gehabt hatten –, doch nach allem, was Heck mitbekam, erlaubte das Inter­­net durchgeknallten Aktivisten zusehends, sich Gehör zu verschaffen.

Er wandte sich vom Monitor ab und schlenderte durch die Einsatzzentrale der »Sonderkommission Bulldogge« zu den Schau­tafeln mit den Tatortfotos. Es gab insgesamt drei Tatorte, und sie befanden sich allesamt in unterschiedlichen Ecken von Hendon, Sunderlands altem Hafenviertel.

Der erste Tatort, an dem Selleck umgekommen war, befand sich in einer verlassenen Garage; der zweite, wo Dean das Zeit­liche gesegnet hatte, an einem Kanalufer; und der dritte – der Schauplatz der Ermordung von Nathan Crabtree selbst – unter dem Bogen einer Eisenbahnbrücke. Es hätte eigentlich ein Leichtes sein sollen, die Opfer auf diesen Hochglanz-Nahaufnahmen als weiße Männer im Alter von Mitte bis Ende zwanzig zu identifizieren, doch dem war nicht so. Von den vielfachen Schädelverletzungen, die ihnen zugefügt worden waren, war so viel Blut über ihre Gesichter und ihre Oberkörper geströmt und hatte sich derart sturzbachartig aus den klaffenden, karmesinroten Öffnungen ergossen, die einmal ihre Kehlen gewesen waren, dass keine Gesichtszüge mehr zu erkennen waren. Selbst besondere Merkmale wie Tattoos, Narben und Piercings waren nicht mehr zu erkennen gewesen – zumindest bis es den Gerichtsmedizinern gestattet worden war, die Leichen abzutransportieren und zu waschen.

Die Morde hatten sich im zurückliegenden August innerhalb von drei Wochen ereignet und bei der Polizei zwar für einiges Stirnrunzeln gesorgt, aber eher aus Verwunderung als aus Bestürzung, da Crabtree und seine Truppe bestens bekannte, üble Schurken gewesen waren. Sie waren Mitglieder einer locker organisierten Gruppe namens Nationalsozialistische Elite und im Wesentlichen Skinheads gewesen, wenn auch ohne die entsprechenden Frisuren, und zudem Fußballhooligans und Kleindealer. Sie hatten den größten Teil der vergangenen Jahre damit zugebracht, vor Ort Hausbesitzer zu bedrohen, sich zu betrinken, zu randalieren und jüngere Anwohner entweder zu tyrannisieren oder zu indoktrinieren und zu dem von ihnen vertretenen britischen Hardcorepatriotismus zu bekehren. Sie waren gegen Muslime, Homosexuelle, Linke und – unabhängig von ihren politischen Ansichten, um auch bei den sogenannten Normalbürgern ein paar Pluspunkte zu sammeln – auch noch gegen Sexualstraftäter gewesen. Sie wurden für die Täter gehalten, die einen Rentner in seinem eigenen Haus brutal zusammengeschlagen hatten, nachdem das Gerücht die Runde gemacht hatte, dass sein Name in der Sexualstraftäterdatei geführt wurde. Das Gerücht hatte sich im Nachhinein als falsch erwiesen, aber ungeachtet dessen hatte sich nicht beweisen lassen, dass sie für den Übergriff verantwortlich gewesen waren.

»Ach was, er war auf jeden Fall ein Pädophiler – und das wussten die Jungs«, hatte jemand Crabtree sagen gehört, nachdem ­herausgekommen war, dass das Opfer sich nichts hatte zuschulden kommen lassen. »Irgendjemand musste sich ihn ja mal vorknöpfen.«

Das Problem war nur, dass sich nun jemand die Jungs vorgeknöpft hatte.

Und zwar in aufsehenerregender Weise.

Das erste Opfer war einfach in eine Garage gezerrt und dort bewusstlos geschlagen worden, bevor ihm mit einer schweren, scharfen Klinge die Kehle durchgeschnitten worden war. Zu jenem Zeitpunkt hätte es alles Mögliche gewesen sein können, von einem missratenen Raubüberfall bis hin zu einer persön­lichen Abrechnung. Doch dann hatte es in den folgenden zwei Wochen die anderen beiden erwischt, und es war klar geworden, dass etwas Übleres im Gange war. Das zweite Opfer war mit einem stumpfen Gegenstand niedergeschlagen und anschließend am Ufer eines Kanals an einen Zaun gefesselt worden, wo ihm mit der gleichen Klinge wie im ersten Fall die Kehle durchtrennt ­worden war. Im Fall von Nathan Crabtree waren der oder die Gewalttäter weiter gegangen. Seine Leiche war unter dem Bogen einer Eisenbahnbrücke gefunden worden, doch er war zunächst mit Sta­chel­draht an einen Backsteinpfeiler gefesselt worden, bevor ihm die Kehle aufgeschlitzt worden war.

Heck vermutete, dass diese Hinrichtung am längsten gedauert hatte.

Der Stacheldraht war ein ziemlich fieses Martergerät. Seine Verwendung war nicht nur eine sadistische Methode, um dem Opfer ein Maximum an Schmerzen und Qualen zuzufügen, sondern auch ein Hinweis darauf, dass der Mörder die Tat genossen hatte. Wer auch immer der Täter war – Heck war sicher, dass sie es nur mit einem einzigen zu tun hatten, aber er leitete die Ermittlungen in diesem Fall ja nicht –, hatte gegenüber den drei Opfern eine von außerordentlichem Hass geprägte Aggressivität an den Tag gelegt, insbesondere gegenüber Crabtree. Na schön, damit kam Greg Matthews wieder ins Spiel – er war mit diesen rechten Vollidioten im Internet so oft aneinandergeraten, dass Heck aufgehört hatte zu zählen –, aber in der Vergangenheit des Mannes gab es nichts, was darauf hinwies, dass er zu einer derartigen Gewalt fähig war.

Und dann war da dieser verdammte Stacheldraht.

Heck hatte das unbestimmte Gefühl, dass die Verwendung eines derartigen Materials in ihm eine ferne, dunkle Erinnerung an irgendetwas wecken sollte – aber er kam nicht darauf, was es sein mochte.

»Sie glauben nicht, dass wir die Richtigen haben, stimmt’s?«, fragte jemand.

Heck drehte sich um. Links neben ihm stand Detective Sergeant Barry Grant und hatte sein übliches spöttisches Lächeln aufgesetzt. Wenn Heck in seiner Eigenschaft als Berater – oder eher als Sonderermittler – des Dezernats für Serienverbrechen in einen der Counties geschickt wurde, schlug ihm oft eine gewisse Reserviertheit entgegen, allerdings nicht im Fall von Detective Sergeant Grant, dem bei der »Sonderkommission Bulldogge« für die Zusammenstellung sämtlicher Fallunterlagen zuständigen Beamten, der sich bisher eigentlich als ein sehr zugänglicher Kollege erwiesen hatte.

Grant war ein eher kleiner, älterer und sehr adretter Typ, der sich gerne in Jacketts mit dazu passender Fliege, zugeknöpftem Hemd und gebügelter Hose zeigte. Er hatte einen gepflegten kalkgrauen Haarschopf und trug eine Hornbrille, was ihn für einen aktiven Polizisten unterm Strich ein bisschen zu alt aussehen ließ – was wiederum auch keine falsche Beobachtung war, da er deutlich über fünfzig war. Doch Heck hatte bereits herausgefunden, dass Grant wegen seines Scharfsinns da war, nicht wegen seiner Muskelkraft.

Heck zuckte mit den Schultern. »Ich sage nicht, dass wir nicht genug in der Hand hatten, um uns Matthews zu schnappen, aber wer auch immer diese Dumpfbacken aufgeschlitzt hat, war wirklich besessen. Ich meine, sie waren auf einer Mission … Die haben die Aktion geplant und haargenau ausgeführt.«

Sie betrachteten die grauenhaften Fotos gemeinsam. Neben Grant sah Heck noch größer aus, als er mit seinen eins dreiundachtzig ohnehin schon war. Er war schlank, jedoch solide gebaut, hatte markante, vom Leben gezeichnete Gesichtszüge und unbändiges dunkles Haar, das nie ordentlich und gepflegt aussah, nicht einmal, wenn er sich gerade gekämmt hatte. Wie immer sah sein Anzug getragen und zerknittert aus, obwohl er ihn sich am Morgen frisch angezogen hatte.

»Wie ich höre, glauben Sie, dass wir nur nach einem einzigen Verdächtigen suchen?«, fragte Grant. »Und nicht nach einer Gruppe – wie die Truppe von Matthews und seinen Leuten.«

Heck schürzte die Lippen. Er hatte diese Möglichkeit während der Nachbesprechung nach dem Verhör ein paarmal erwähnt, hatte aber den Eindruck gehabt, dass niemand davon Notiz ge­­nommen hatte.

»Mir ist schon klar, dass das auf den ersten Blick nicht als besonders wahrscheinlich erscheint«, sagte er. »Aber ich glaube Folgendes: Crabtree und seine gewalttätige Bande treiben in der Stadt ihr Unwesen und gehen normalerweise als Gruppe vor. Es gibt mindestens noch fünf oder sechs von ihnen, die es noch nicht erwischt hat. Außerdem stehen sie mit diversen Fußballhooligangruppen in Verbindung, was bedeutet, dass sie jederzeit eine Armee anfordern können, wenn sie das für erforderlich halten. Außerdem sind sie lokale Platzhirsche. Sie kennen jede Gasse und jede Unterführung. Das ganze East End von Sunderland ist ihr Revier.«

»Was es noch unwahrscheinlicher macht, dass ein einzelner Typ das alles ganz allein bewerkstelligen konnte«, wandte Grant ein.

»Nicht, wenn er die Gegend genauso gut kennt«, stellte Heck klar. »In allen drei Fällen wurde das Opfer geschickt in eine Falle gelockt. Zeugen zufolge hat Crabtree irgendjemanden achthundert Meter weit verfolgt, bevor er umgebracht wurde – mit anderen Worten: Er wurde angelockt. Die Zeugen konnten natürlich nicht sagen, von wem. Sie haben den Lockvogel nicht richtig ge­­sehen.«

»Sie sehen ja nie jemanden richtig, ist es nicht so?«

»Und wie es aussieht, hat der Lockvogel ihn ordentlich vorgeführt – und ihn kreuz und quer durch die Siedlungen geführt.«

Auf einer anderen Schautafel war ein großer detaillierter Straßenplan des Hendon-Viertels angebracht. Mit rotem Filzstift gezogene Striche, deren Verläufe auf den Aussagen der Zeugen beruhten, die zugegeben hatten, flüchtig etwas gesehen zu haben, zeichneten die zickzackartigen Routen nach, die die drei Opfer genommen hatten, von denen jedes – aus noch nicht bekannten Gründen – plötzlich aus ganz gewöhnlichen Alltagssituationen heraus jemandem nachgestellt hatte. Die anschließende Verfolgungsjagd hatte jedes einzelne Opfer zu der Stelle geführt, an der es schließlich ermordet worden war. Zu dem Zeitpunkt, als sie angelockt worden waren, waren alle drei Opfer allein gewesen, was die Vermutung nahelegte, dass sie zuvor ausgespäht und wie Beutetiere einer Hatz ausgesetzt worden waren.

»Wir haben es hier mit einer sorgfältigen Vorausplanung und guten Ortskenntnissen zu tun«, stellte Heck fest. »Greg Matthews und seine Leute sind keine Stadtguerillas. Sie sind Studenten, die das Maul aufreißen. Und dazu kommt noch, dass keiner von ihnen aus Sunderland stammt.«

»Ich versteife mich auch nicht darauf, dass Matthews es war«, stellte Grant klar. »Aber es könnte genauso gut eine andere Gruppe sein. Ich verstehe nicht, warum die Taten von einem einzelnen Mann verübt worden sein sollen.«

»Nennen Sie es Bauchgefühl, aber ich glaube immer noch, dass wir es mit einem Rambo zu tun haben.«

»Mit einem Rambo?«

»Erstens haben wir alle bedeutenden Gangs im Osten der Stadt unter die Lupe genommen. Keine von ihnen kommt für die Taten infrage. Zweitens hat keiner Ihrer Spitzel etwas verlauten lassen, also kann man auch den Rest der hiesigen Unterwelt ausschließen. Damit wären wir wieder auf dem Feld der Politik – also bei Matthews und seinesgleichen. Nur dass sie nicht infrage kommen … Sie mögen ja behaupten, dass sie einen Krieg führen, sie mögen sich kleiden wie Angehörige einer Kommandotruppe, aber was auch immer sie sein mögen – das sind sie nicht.« Heck rieb sich das Kinn. »Wir suchen nach jemandem, den wir nicht auf dem Radar haben. Nach jemandem, der hier jeden Winkel kennt, jedoch ein Einzelgänger ist, ein Außenseiter …«

»Könnte es sein, dass Sie vergessen haben, dass wir uns hier in Nordostengland befinden?«, fragte Grant und runzelte die Stirn. »Wir suchen einen gewalttätigen Außenseiter? Dürfte nicht ganz einfach sein, den richtigen ausfindig zu machen.«

 

Heck dachte in der Kantine der Polizeiwache über sein Gespräch mit Grant nach.

Es war Mittagszeit, weshalb sich die Kantine mit, Beamten in Zivilkleidung, Politessen und Verwaltungspersonal gefüllt hatte. Heck war erst seit fünf Wochen oben in North­umberland und hatte sich außer mit Grant noch mit keinem der örtlichen Beamten angefreundet, weshalb er sich alleine an einem Tisch in einer Ecke niederließ und an seinem Tee nippte. Er hoffte, dass der Detective Superintendent, der die Ermittlungen leitete, den Verdächtigen endlich gegen Kaution auf freien Fuß setzen würde. Es war wenig hilfreich, dass man keine weiteren Verdächtigen im Visier hatte, doch selbst wenn dies der Fall gewesen wäre … Heck hatte bisher zu wenig Erhellendes zu den Ermittlungen beigetragen, er konnte nicht erwarten, dass seiner Meinung irgendwelches Gewicht beigemessen wurde. Seinem Status als Angehöriger des Dezernats für Serienverbrechen wurde zwar höflich Respekt gezollt, doch er konnte damit keinen großen Eindruck schinden – was er in gewisser Weise verstand. Das Dezernat für Serienverbrechen mochte in dem, was es tat, zwar gute Arbeit leisten, aber es hatte seinen Sitz in London, was – so sahen es zumindest viele Polizisten im Norden – eine andere Welt war. Es spielte keine Rolle, dass der Aufgabenbereich des Dezernats für Serienverbrechen sich auf sämtliche Polizeidienststellen in England und Wales erstreckte und es somit »beratende Beamte« wie Heck entsenden konnte, die mit Ermittlungen bei allen möglichen Serienverbrechen unter allen möglichen Umständen vertraut waren und daher über entsprechende Erfahrungen verfügten – es gab nach wie vor jede Menge örtlich Dienst tuende Kollegen, die dies eher als Einmischung denn als Hilfe ansahen.

»Kommt bloß nicht auf die Idee, mir was von meinen Whips and stottie zu stibitzen!«, dröhnte eine Stimme in sein Ohr.

Neben Heck wurde ein Stuhl vom Tisch zurückgezogen und schabte über den Boden.

»Oh … tut mir leid«, sagte der Uniformierte, der den Stuhl hervorgezogen hatte und merkte, dass er Heck am Arm angestoßen hatte, dessen Tee daraufhin übergeschwappt war. Allerdings sah er nicht wirklich so aus, als ob es ihm leid täte.

Heck gab ihm mit einem Nicken zu verstehen, dass nichts weiter passiert war.

Der Uniformierte, der Heck angestoßen hatte, war in Begleitung von zwei ebenfalls uniformierten Kollegen, alle drei hielten mit Essen beladene Tabletts in den Händen. Die anderen beiden waren jünger, vielleicht Mitte bis Ende zwanzig, aber der Rempler war älter als sie, dickbäuchiger, und sah insgesamt ein wenig grobschlächtig aus. Er hatte eine fliehende Stirn, eine platte Nase und einen breiten Mund voller gelb werdender, schief stehender Zähne. Als er seinen neonfarbenen Regenmantel auszog und über die Lehne seines Stuhls hängte, kam ein fassförmiger Körper zum Vorschein, unter der Stichschutzweste ragten schwabbelige, behaarte Arme hervor. Als er seine Kappe abnahm, enthüllte er einen kahl werdenden Schädel, über dessen lichte Stellen notdürftig fettige, dünne Haarsträhnen gekämmt worden waren. Er witzelte mit seinen Kollegen herum, die sich ebenfalls niederließen und sich über ihr Mittagessen hermachten.

Die Pausen der Uniformierten fielen normalerweise nicht in die Mittagszeit, die war auf der Wache in der Regel den Nine-to-five-Leuten vorbehalten, was bedeutete, dass das laute Trio aus irgendeinem Grund zur Verstärkung abgestellt worden war, höchstwahrscheinlich, um der »Sonderkommission Bulldogge« zu assistieren. Heck gab sich wieder seinen Gedanken hin, obwohl es, da er nun mal Schulter an Schulter mit ihnen saß, schwer war, sich von ihrer genuschelten Unterhaltung nicht ablenken zu lassen. Die drei hatten einen starken Akzent, aber Heck war selbst ein Nordlicht. Er hatte zu Beginn seiner Polizeilaufbahn in Manchester Dienst geschoben, bevor er sich zur Metropolitan Police nach London hatte versetzen lassen. Auch wenn er nun schon seit fünfzehn Jahren in London arbeitete, erschien ihm der Norden immer noch in vielerlei Hinsicht vertrauter als der Süden, wobei der Norden natürlich durchaus kein kleines Gebiet umfasste und Sunderland von Manchester ziemlich weit weg war.

Der Police Constable, der ihn am Arm gestoßen hatte, führte immer noch das Wort. Heck konnte gerade so verstehen, was er sagte. »Jau, kann man wohl sagen. Der abgedrehteste Typ, der mir je untergekommen ist.«

»Redest du von Ernie Cooper?«, fragte ihn einer seiner jüngeren Kollegen; er war blond und hatte einen gerade geschnittenen Pony.

»Jau. Ein ziemlicher Spinner.«

»Hast du in der Wear Street eine Haus-zu-Haus-Befragung durchgeführt?«, fragte der andere Kollege, der Asiate war.

»Ja.«

»Ich schätze mal, aus dem hast du nicht viel rausgekriegt.«

»Würdest kaum erwarten, einen wie Ernie Cooper da anzutreffen«, fuhr der ältere Police Constable fort. »Es ist eine von diesen Nullachtfünfzehn-Buden, zwei Zimmer unten, zwei oben. Sieht von außen ein bisschen nach einem Drecksloch aus. Tun diese Häuser übrigens alle, aber das nur nebenbei. Als er die Tür aufmacht, steht er da im Anzug, mit Fliege und Strickjacke. Als ob er gerade in die Kirche gehen wollte oder so.«

»Ich weiß, was du meinst«, sagte der Blonde. »Wie’s drinnen in seiner Bude aussieht, stimmt’s?«

»Genau.«

»Ich war letztes Jahr mal bei ihm im Haus. Anzeige wegen eingeschlagener Fensterscheiben. Kinder, die mit Steinen geworfen haben.«

»Ich dachte, er wäre auf dem Weg zur Arbeit oder so«, fuhr der ältere Police Constable fort. »Also sage ich: ›Hab Sie wohl in einem ungünstigen Moment erwischt, oder?‹ Aber er: ›Nein, kommen Sie rein.‹ Was für eine abgefahrene Bude!«

»Das reinste Museum über den Zweiten Weltkrieg«, sagte der Blonde.

Heck spitzte die Ohren.

»Überall«, bestätigte der ältere Police Constable. »Hab noch nie so viel Kriegszeug gesehen. Und alles blitzblank. Alles fein säuberlich geordnet. Als ob es ihm was bedeuten würde.«

Der Blonde überlegte laut. »Ich glaube, der Typ ist ein Beses­sener. Sein Vater, Bert, war Angehöriger einer Kommandotruppe oder so was. Hat ’ne Tapferkeitsmedaille gewonnen.«

Heck kamen seine eigenen Worte in den Sinn – »sie mögen sich kleiden wie Angehörige einer Kommandotruppe, aber was auch immer sie sein mögen – das sind sie nicht.«

»Und dann hängt da auch noch dieses verdammte Riesenmesser an seiner Wohnzimmerwand«, fuhr der ältere Police Con­stable fort. »Das Teil flößt dir einen Höllenrespekt ein.«

Heck wandte sich zu ihm um. »Könnten Sie das noch mal wiederholen?«

Im ersten Moment begriffen die drei Police Constables gar nicht, dass er mit ihnen redete. Als es ihnen klar wurde, starrten sie ihn völlig baff an.

»Verzeihen Sie … Detective Sergeant Heckenburg. Ich gehöre auch der ›Sonderkommission Bulldogge‹ an.«

»Aha«, entgegnete der ältere Police Constable, kein bisschen klüger.

»Das Londoner Dezernat für Serienverbrechen hat mich in die Sonderkommission entsandt.«

»Na so was.« Das war Blondie. Er klang alles andere als beeindruckt.

»Was Sie da gerade über diesen Typen gesagt haben … irgendeinen Cooper.«

»Ernie Cooper.«

»Hab ich das richtig verstanden: Sein Vater war Veteran?«, fragte Heck.

»Ja, war er«, erwiderte Blondie. »Er hat vor fünf Jahren das Zeitliche gesegnet.«

»Wie alt ist der jüngere Cooper?«

Der ältere Police Constable, der offen erkennen ließ, wie sehr es ihm missfiel, dass er bei seiner Mahlzeit gestört wurde, zuckte mit den Schultern. »Ende fünfzig … oder älter.«

»Kennen Sie ihn?«

»Nicht gut.«

»Ist er vorbestraft?«

Der ältere Police Constable runzelte die Stirn. »Da war mal was. Ist aber schon lange her.«

»Wegen Gewalttätigkeit?«

»Nichts Ernstes.«

»Aber Sie haben gesagt, er hat ein großes Messer?«

»Ja, aber nicht, was Sie denken. Ein Mitbringsel aus dem Krieg. Etwas von seinem Vater. Ein Kukri, Sie wissen schon. Ist inzwischen ein Museumsstück.«

Hecks Gedanken rasten. Das Kukri – oder Khukuri, um genau zu sein – war jene scharfe, schwere, kunstvoll gekrümmte Waffe, die die Gurkha-Bataillone der britischen Armee immer noch benutzten. Es war perfekt dazu konstruiert, Gegnern tödliche Stichwunden zuzufügen, war jedoch gleichzeitig als ein hervor­ragendes Schneide- und Hackwerkzeug bekannt. Was hatte einer der Rechtsmediziner, der die drei Mordopfer untersucht hatte, noch vor Kurzem gesagt? Etwas wie: »Die Schnittwunden sind tief. Die Muskeln der Speiseröhre wurden glatt mit einem einzigen Einschnitt durchtrennt. Wir haben es also mit einer extrem scharfen, aber zugleich sehr schweren Klinge zu tun …«

»War Ernie Cooper auch beim Militär?«, fragte Heck.

Der ältere Polizist zuckte mit den Schultern. »Nicht dass ich wüsste.«

»Fabrikarbeiter«, sagte der asiatische Police Constable. »Im Vorruhestand.«

»Ist er sportlich?«, bohrte Heck weiter nach. Die drei sahen einander an, angesichts der immer neuen Fragen inzwischen eher verblüfft als genervt. »Ich meine … ist er ein guter Läufer? Im Ernst, Leute, das könnte wichtig sein.«

Blondie zuckte mit den Schultern. »Ich hab ihn schon joggen gesehen. Ich glaube, er war Mitglied des Osprey Running Club … Ultramarathon. Vermutlich ist er inzwischen ein bisschen zu alt für so was.«

»Nö. Ich sehe ihn immer noch laufen. Alleine. Hab ihn jedenfalls nicht mit jemandem zusammen laufen sehen. Eigentlich noch nie.«

»Und Sie sagen, sein Vater war Angehöriger einer Kommandotruppe?«

»Genau«, bestätigte Blondie. »Bert Cooper. Im East End bestens bekannt. Eine Art Kriegsheld.«

»Angehöriger eine Kommandotruppe?«, wiederholte Heck. »Ginge das vielleicht auch ein bisschen genauer?«

»Er war kein Angehöriger einer Kommandotruppe«, sagte der Asiate. »Ich habe in der Zeitung den Nachruf auf ihn gelesen. Er war Fallschirmjäger. Er hat an der Schlacht in der nordafrikanischen Wüste teilgenommen und war bei der Eroberung der Pegasusbrücke dabei.«

»Genau, die Pegasusbrücke«, meldete sich Blondie zu Wort. »Da hat er sich seine Auszeichnung verdient. Ich erinnere mich, dass mein Vater das mal erwähnt hat.«

Heck lehnte sich zurück. »Ich würde diesen Ernie Cooper gerne kennenlernen, wenn Sie nichts dagegen haben.«

Der ältere Police Constable zuckte mit den Schultern. »Wir haben nichts dagegen. Warum sollten wir?« Er stöberte in seiner Jackentasche herum. »Ich kann Ihnen jetzt gleich seine Adresse geben.«

»Wäre vielleicht von Vorteil, wenn Sie mich mit ihm bekannt machen würden«, stellte Heck fest. »Könnte dazu beitragen, das Eis zu brechen.«

Der ältere Police Constable sah seine Kollegen an, als könne er nicht glauben, was da für ein dreistes Anliegen an ihn herangetragen wurde. »Vor oder nach meinem Mittagessen?«

Heck stand auf. »Ich brauche wahrscheinlich noch eine Stunde. Können wir uns um zwei unten treffen?«

»Ich denke, in einer Stunde sollte ich das verdrückt haben.« Der ältere Police Constable zeigte auf seinen Teller, auf dem sich Pommes, Eier, Würstchen, Bohnen und mit Butter bestrichene Brotscheiben türmten. In einem seiner weniger nachsichtigen Momente hätte Heck dem Typen vermutlich entgegnet, dass er sich angesichts der Wampe, die jetzt, da er saß, wie ein Stapel Autoreifen über seinem Hosenbund und seinem Gerätegürtel hervorquoll, glücklich schätzen könne, wenn er die nächste Stunde überhaupt überlebe, aber das wäre wenig hilfreich ge­­wesen.

Außerdem war er mit seinen Gedanken bereits woanders.

Zum Beispiel bei der Leibstandarte.

Paul Finch: Rattenfänger

Niemand entkommt dem Rattenfänger

Als Detective Sergeant Mark »Heck« Heckenburg und seine Kollegen vom Dezernat für Serienverbrechen plötzlich einen Zusammenhang zwischen mehreren Morden erkennen, die während der vergangenen Monate verübt wurden, können sie es zunächst kaum glauben: Ein Toter an Weihnachten, ein ermordetes Pärchen am Valentinstag, ein weiterer Mord an Ostern – handelt es sich um einen makabren Scherz oder haben sie es gar mit einem religiösen Fanatiker zu tun? Eine DNA-Spur führt zu einem polizeibekannten Verbrecher. Während Hecks Kollegen glauben, den Mörder damit gefasst zu haben, bezweifelt er, dass ein Kleinkrimineller hinter der ausgeklügelten und bis ins Detail geplanten Mordserie stecken soll. Heck wähnt sich bereits in einer Sackgasse, als er auf ein Buch stößt, das dem Täter als Vorlage gedient zu haben scheint – doch es wurde nie veröffentlicht ...

Blick ins Buch
RattenfängerRattenfänger

Thriller

Unschuldige Menschen sterben. Zwischen den Morden vergehen Tage, Monate. Wo zunächst kein Zusammenhang scheint, erkennt Detective Mark Heckenburg vom Dezernat für Serienverbrechen ein grausames Muster. Die Zeit läuft, denn der Killer handelt nach Plan. Und nichts wird ihn davon abhalten, diesen Plan in die Tat umzusetzen.
Taschenbuch
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Kapitel 1

 

Man sollte ganz Holbeck plattmachen.

So sah es jedenfalls Alan Ernshaw. Na schön, er war erst seit Kurzem Polizeibeamter – gerade mal zehn Monate im Dienst –, damit könnte er diese politisch inkorrekte Äußerung gerade noch so entschuldigen. Begeistert wären seine Vorgesetzten trotzdem nicht. Holbeck, das alte Lagerhausviertel gleich südlich der Innenstadt von Leeds, bestand zwar überwiegend aus Gebäuden, die nur noch leere Hüllen waren, die Reihenhauszeilen im viktorianischen Stil waren inzwischen abbruchreif und die wenigen noch bewohnten zu schäbigen, mit Müll übersäten und mit Graffiti beschmierten betonierten Sackgassen verkommen, doch von so was ließen sich Polizisten nicht beirren. Zumindest sollten sie das nicht.

Ernshaw gähnte und kratzte an der verschorften Schnittwunde an seinem ansonsten glatt rasierten Kinn.

Im Funkgerät knisterte es. »Drei an 1762.«

Ernshaw gähnte erneut. »Was gibt’s?«

»Was treibt ihr gerade, Keith und du? Kommen.«

»Na ja, ich sag’s mal so: Wir sitzen nicht beim Truthahnessen.«

»Willkommen im Klub. Hört mal, wenn bei euch gerade sonst nichts anliegt, könntet ihr mal rüberfahren zur Kemp’s Mill an der Franklyn Road?«

Ernshaw stammte aus Harrogate, das etwa fünfundzwanzig Kilometer nördlich von Leeds lag, und kannte sich in der weitläufigen Hauptstadt von West Yorkshire immer noch nicht richtig aus. Er warf einen Blick nach rechts, wo sich Police Constable Keith Rodwell hinter dem Lenkrad fläzte.

Rodwell, ein hängebackiger Veteran, der schon zwanzig Dienstjahre auf dem Buckel hatte, nickte. »Ankunft schätzungsweise in … drei Minuten.«

»Alles klar, sind in drei Minuten da. Kommen«, erwiderte Ernshaw in sein Funkgerät.

»Super, danke.«

»Worum geht’s denn?«

»Seltsame Geschichte, ehrlich gesagt. Ein anonymer Anrufer behauptet, wir würden dort was Interessantes finden.«

Rodwell sagte dazu nichts und wendete den Transporter in drei Zügen.

»Sonst nichts?«, fragte Ernshaw verwundert.

»Wie gesagt, die Sache ist merkwürdig. Der Anruf kam von einer Telefonzelle aus der Innenstadt. Keine Namen, keine weiteren Einzelheiten.«

»Klingt nach einem Wichtigtuer, aber egal, wir haben an diesem Weihnachtsmorgen eh nichts Besseres vor.«

»Besten Dank, Ende.«

Es war nicht nur der Morgen des ersten Weihnachtsfeiertages, es war zudem ein verschneiter Morgen des ersten Weihnachtsfeiertages. Selbst Holbeck sah aus wie ein kitschiges Ansichtskartenmotiv, als sie durch die schmalen, stillen Straßen rollten. Die verfallenen Häuserfassaden und die rostigen Skelette verrottender Autowracks lagen halb unter dicken, sahneweißen Kissen begraben. Eiszapfen hingen wie glitzernde Speere in leeren Fensterhöhlen und eingetretenen Türen. Die frische Schneeschicht, die Straßen und Bürgersteige bedeckte, war bis auf einige wenige Reifenspuren unberührt.

Es waren kaum Autos unterwegs und noch weniger Fußgänger, aber es war auch noch nicht einmal neun, und um diese Uhrzeit waren am fünfundzwanzigsten Dezember nur Deppen wie Ernshaw und Rodwell auf den Beinen.

Davon gingen sie zumindest aus.

»Was Interessantes …«, grübelte Ernshaw. »Was hältst du davon?«

Rodwell zuckte mit den Schultern. Selbst in seinen gesprächigsten Momenten äußerte er sich bestenfalls einsilbig, und jetzt, da er tief in Gedanken versunken war, bestand selbst darauf kaum Aussicht.

»Vielleicht ein paar Junkies, die ein Haus besetzt haben«, fuhr Ernshaw fort. »In dem Fall wären sie jetzt alle tot. Waren doch locker minus zehn Grad gestern Nacht.«

Rodwell zuckte erneut mit den Schultern.

Kemp’s Mill war eine ehemalige Flachsspinnerei, inzwischen aber seit beinahe zwei Jahrzehnten geschlossen und nur noch ein tristes Relikt aus einer längst vergangenen Zeit. Ihr hoher achteckiger Schornstein stand noch unversehrt, die Scheiben der quadratischen Fenster, die sich in gleichförmigen Reihen über die schmutzige Vorderseite des Gebäudes zogen, waren überwiegend intakt. Die ebenerdigen Eingänge sollten eigentlich zugekettet sein, doch wie bei den meisten leer stehenden Gebäuden in dieser Gegend hätten Eindringlinge, die es darauf anlegten, hier leichtes Spiel, sich Zutritt zu verschaffen.

Schnee knirschte unter ihren Reifen, als sie auf dem Parkplatz vor der Südfassade der Spinnerei rutschend zum Stehen kamen. Über ihnen ragte das trostlose Bauwerk in den weißen Winterhimmel. Die roten Ziegelsteine, aus denen es errichtet worden war, waren unter einer dicken, schuppig gewordenen Rußschicht verborgen. Die Rohre und Regenrinnen, die nicht bereits abgefallen waren, bogen sich unter der Last alpiner Schneemassen. Auf den ersten Blick gab es kein Lebenszeichen, aber die Anlage war riesig. Sie umfasste nicht nur das zentrale Hauptgebäude, das allein schon tausend Arbeitern als Werkstätte gedient haben mochte, sondern auch noch alle möglichen Anbauten und Nebengebäude. Während der Transporter im Schneckentempo vorwärtskroch, dämmerte es Ernshaw, wie lange es an diesem Ort dauern konnte, »was Interessantes« zu entdecken.

Er hielt sich sein Funkgerät vor den Mund. »1762 an Drei.«

»Ich höre, Alan.«

»Wir sind jetzt in der Franklyn Road. Sieht alles so weit in Ordnung aus. Irgendwelche weiteren Infos zu dem Anrufer? Kommen.«

»Fehlanzeige, Alan. War vielleicht nur ein Trottel, der nichts Besseres zu tun hatte, aber seht lieber mal nach. Kommen.«

»Verstanden«, erwiderte Ernshaw und fügte leise hinzu: »Könnte allerdings ’ne Weile dauern.«

Sie fuhren im weiten Bogen um das in die Jahre gekommene Bauwerk. Die Reifen drehten auf dem vereisten Untergrund immer wieder durch. Ernshaw kurbelte sein Fenster herunter. Draußen war es bitterkalt – der Schnee war noch trocken und pulvrig –, aber wenn sie schon nichts Ungewöhnliches sahen, war es ja möglich, dass sie etwas hörten.

Es herrschte absolute Stille.

Eigentlich passend für einen Weihnachtsmorgen, aber diese Stille rund um Kemp’s Mill war doch irgendwie unheimlich. Ihr wohnte eine Spannung inne, sie wirkte fragil, als könnte sie jeden Augenblick durchbrochen werden.

Sie umrundeten eine Ecke nach der anderen, sahen an kahlen Fassaden aus Fenstern und Backsteinen empor, an Geflechten aus uralten Rohrleitungen und an herabhängenden verrosteten Feuerleitern. Die Reifen des Transporters gerieten immer wieder ins Rutschen und versprühten den Schnee hinter sich. Sie rollten langsam an einer Reihe leerer Garagen entlang, deren Dächer aus Wellplastik nach jahrelanger Verwitterung in sich zusammengefallen waren. Am Ende der Reihe sahen sie einen Eingang.

Rodwell bremste vorsichtig, trotzdem rutschte der Transporter noch ein paar Meter weiter, bevor er zum Stehen kam.

Der Eingang, der wie ein Lieferzugang aussah, war in eine Nische oberhalb von drei breiten Stufen eingelassen. Die Tür selbst war spurlos verschwunden – vermutlich lag sie unter dem Schnee –, doch nach dem Zustand des Türpfostens zu schließen, der zu morschen Splittern vermodert war, hatte sich schon vor langer Zeit jemand gewaltsam Zutritt verschafft. Dahinter lag das pechschwarze Innere des Gebäudes.

»2376 an Drei«, sagte Rodwell in sein Funkgerät.

»Ich höre, Keith.«

»Wir sind immer noch bei Kemp’s Mill. Spuren von einem Einbruch. Kommen.«

»Braucht ihr Unterstützung?«

»Im Moment nicht. Sieht nach ’ner alten Sache aus.«

Sie stiegen aus, streiften sich Handschuhe über und zogen die Reißverschlüsse ihrer gefütterten Anoraks zu. Ernshaw rückte seine Mütze zurecht, während Rodwell das Auto abschloss. Sie stiegen die Stufen hoch, und die Dunkelheit im Inneren des Gebäudes wich dem hellen Strahlen ihrer Taschenlampen. Oben am Treppenabsatz glaubte Ernshaw, etwas zu hören – vielleicht Gelächter, aber nur ganz kurz, und es klang sehr fern. Er sah Rodwell an. Das mürrische, pockennarbige Gesicht ließ nicht erkennen, dass er ebenfalls etwas gehört hatte. Da Ernshaw sich selbst unsicher war, ob da tatsächlich was gewesen war, beschloss er, es nicht zu erwähnen. Er blickte hinter sich. Dieser Teil des Geländes wurde von einer hohen Mauer umschlossen. Der Transporter stand dicht daneben geparkt, der Eingang zur Garagenzufahrt lag gleich dahinter. Abgesehen von ihren eigenen Reifenspuren war die Schneedecke unberührt. Allerdings hatte es bis vor zwei Stunden heftig geschneit, das musste also nicht heißen, dass während der Nacht niemand dagewesen war.

Sie betraten Seite an Seite und mit Taschenlampen bewaffnet das Gebäude. Sie hatten die Wahl: Direkt vor ihnen führte eine Treppe im Zickzack hinauf in unergründliche Finsternis, rechts lag ein langer Gang, auf dem das durch die Erdgeschossfenster fallende Licht ein Zebrastreifenmuster erzeugte, und zu ihrer Linken befand sich ein weiter offener Raum, vermutlich eine der alten Werkhallen. Diesen Weg erkundeten sie zuerst, die Lichtkegel ihrer Taschenlampen huschten über nackte Backsteinwände und eine hohe zerbröckelte Putzdecke, aus der Tragbalken ragten, als wären es Knochen. Zerstückelte Kabel hingen herab wie Schlingpflanzen im Dschungel. Der Betonboden war mit Brettern und Kachelscherben übersät. Hier und da ragten rostzernagte Stümpfe von Maschinenhalterungen gefährlich in die Höhe. Trotz der schneidenden Kälte lag ein säuerlicher Schimmelgeruch in der Luft. Das Geräusch ihrer Schritte hallte bis in die fernen Winkel des riesigen Gebäudes.

Sie blieben stehen und lauschten, hörten jedoch nichts.

»Das ist doch völlig sinnlos«, stellte Ernshaw schließlich fest. Seine Worte erzeugten kleine Nebelwölkchen vor seinem Mund. »Ist dir ja wohl klar, oder?«

»Vermutlich«, entgegnete Rodwell und leuchtete mit seiner Taschenlampe jeden Winkel der Halle aus. Seit sie den Funkspruch erhalten hatten, schien Rodwell etwas engagierter bei der Sache zu sein als sonst, was Ernshaws Neugier weckte. Keith Rodwell war schon so lange Polizist, dass er Situationen rein nach Gespür einzuschätzen wusste. Sein jetziges Verhalten ließ darauf schließen, dass er tatsächlich glaubte, es sei etwas im Gange.

»Schön, ich geb’s auf«, sagte Ernshaw. »Was glaubst du denn, werden wir finden?«

»Nicht so laut. Selbst wenn uns nur jemand verscheißern will, will ich ihn schnappen.«

»Keith … es ist Weihnachten. Warum sollte irgendwer …«

»Pst!«

Doch Ernshaw hatte das lang gezogene, leise Knarren über ihren Köpfen auch gehört. Sie sahen einander in der Dunkelheit an und lauschten angestrengt.

»Du nimmst die Vordertreppe«, wies Rodwell ihn leise an und setzte behutsam einen Fuß vor den anderen. »Ich gehe hintenrum … Mal sehen, ob ich noch einen anderen Weg nach oben finde.«

Ernshaw ging zu der Tür zurück, durch die sie gekommen waren. Er warf einen Blick zu dem Transporter draußen im Hof, nichts regte sich. Er stieg die Treppen hoch und versuchte, dabei möglichst leise zu sein, aber seine Schritte hallten das Treppenhaus hinauf. In der ersten Etage befand sich eine weitere riesige Werkhalle. Hier oben waren nicht alle Fenster mit Spanplatten vernagelt, aber die Scheiben waren derart verrußt, dass nur ein fahles Winterlicht durchschien. Trotzdem reichte es aus, um einen riesigen, hangarartigen Raum erkennen zu lassen, der sich bis zur anderen Seite des Gebäudes erstreckte. In einem Wald aus Stahlträgern standen übereinandergestapelte Kisten und Werkbänke.

Ernshaw zögerte und umfasste den Griff seines Schlagstocks. Zur selben Zeit vor einem Jahr war er ein argloser, junger Student an der Universität von Hull gewesen, und so war er ziemlich schnell dabei, sich einzugestehen, dass es schon schlimm genug war, an Weihnachten zur Arbeit genötigt zu werden – nur den älteren, verheirateten Kollegen blieb dieser unbeliebte Dienst normalerweise erspart –, noch schlimmer aber war es, diesen Tag damit verbringen zu müssen, in den Eingeweiden einer unheimlichen, tiefgekühlten Ruine wie dieser herumstapfen zu müssen.

Das laute Knistern seines Funkgerätes ließ ihn hochschrecken.

Die Stimme aus der Leitstelle dröhnte Mitteilungen an andere Streifenbesatzungen im Stadtbezirk heraus. Verärgert stellte er das Gerät leiser.

Während sich seine Augen an das Halbdunkel gewöhnten, ging er weiter. Etwa vierzig Meter geradeaus stand eine Tür offen, die in eine Art Vorraum führte. Aus irgendeinem Grund fiel ein grünliches Licht auf die hintere Backsteinwand dieses Raums.

Grün?

Ein Windlicht vielleicht? Eine Papierlaterne?

Ernshaw blieb stehen, als eine Gestalt an der Tür vorbeihuschte.

»He«, zischte er. Dann lauter: »He!«

Er machte einen Satz nach vorn, den gezogenen Schlagstock schlagbereit über sich haltend.

Als er den Raum betrat, konnte er niemanden entdecken, doch er sah, dass das eigenartige Licht von einem modrigen grünen Tuch herrührte, das vor einem Fenster hing. Eine komplett verrostete Feuertreppe aus genietetem Stahl führte durch eine Falltür in die Tiefe, eine zweite Treppe führte hinauf in die nächste Etage. Diese Treppe war jedoch so schmal, dass ein durchschnittlich gebauter Mann sie kaum besteigen konnte, ohne sich seitwärts zu drehen. Er starrte hinauf und erspähte am Ende der Treppe einen schwachen Strahl Tageslicht. Er lauschte, und obwohl er nichts hörte, konnte er sich gut vorstellen, dass da oben jemand lauerte und seinerseits die Ohren spitzte.

»Alan?«, fragte jemand.

Mit einem unterdrückten Schrei wirbelte Ernshaw herum.

Rodwell, dessen Kopf in der Falltür erschienen war, starrte ihn an, vor allem seinen gezogenen Schlagstock.

»Warst du …?« Ernshaw warf erneut einen Blick die Treppe hoch und lauschte angestrengt. »Warst du gerade schon mal hier oben? Ich meine, warst du schon oben und bist wegen irgendwas wieder runter?« Rodwell, der jetzt komplett durch die Falltür stieg, schüttelte den Kopf. »Ich dachte, ich hätte jemanden gesehen, aber …« Je mehr Ernshaw darüber nachdachte, umso weniger real schien ihm die Gestalt. Vielleicht war es ja ein Schatten gewesen, verursacht vom Schein seiner Taschenlampe. »Könnte mich auch geirrt haben …«

Rodwell sah ebenfalls die nächste Treppe hoch. Wortlos stieg er die Stufen hinauf und konnte seinen massigen Leib gerade eben so zwischen den Seitenwänden hindurchzwängen.

Ernshaw folgte ihm. Auch ihm machte die enge Treppe zu schaffen. Die Etage, die sie über die Treppe erreichten, war in kleine Räume und Verbindungsflure unterteilt. Hier oben waren noch weniger Fenster vernagelt, aber da es insgesamt weniger gab, herrschte auch hier gruftartige Düsternis.

Bevor sie mit der Erkundung der Etage begannen, hob Rodwell eine mit einer dicken Staubschicht überzogene Jalousie an und spähte hinunter auf den Hof. Ihnen war beiden einigermaßen verspätet eingefallen, dass sie wie komplette Vollidioten dastehen würden, wenn das alles eine bescheuerte, wenn auch ausgeklügelte Finte war, um sie abzulenken und in der Zwischenzeit ein Polizeifahrzeug zu stehlen. Doch der Transporter stand noch unangetastet da, der Schnee ringsum wies keine neuen Spuren auf. Aus dieser Höhe konnten sie die angrenzenden Straßen überblicken, beziehungsweise das, was von ihnen übrig war. Die meisten Reihenhauszeilen südlich der Kemp’s Mill waren abgerissen worden, doch selbst unter der frischen Schneedecke zeichneten sich die parallelen Umrisse ihrer Fundamente noch ab.

Weit und breit war keine Menschenseele zu sehen. Die nächsten Behausungen waren zwei Wohnblocks aus den 1970er-Jahren, die etwa dreihundert Meter entfernt hinter einem verschneiten Berg aus Schrott lagen. In den Fenstern blinkten nur ein, zwei Lichter – quietschbunter, neonleuchtender Weihnachtsschmuck.

»Drei an 2376«, knisterte die Stimme aus der Leitstelle aus Rodwells Funkgerät.

»Ich höre«, entgegnete Rodwell und ließ die Jalousie wieder fallen.

»Schon irgendwas von der Franklyn Road zu vermelden?«

»Bisher keine Straftat entdeckt. Suche noch nicht abgeschlossen. Kommen.«

»Nachricht von Sergeant Roebuck, Keith: Vergeudet dort nicht zu viel Zeit. Wenn da bloß ein paar Halbstarke Mist bauen, brecht ab. Hier türmt sich schon anderer Kram.«

»Verstanden. Ende.«

»Das wär’s dann wohl, oder?«, fragte Ernshaw hoffnungsvoll.

»Nein«, stellte Rodwell klar.

Sie gingen einen Hauptflur entlang, spähten an der ersten Tür in einen Raum, der vermutlich mal ein Büro gewesen war. Schwaches Tageslicht beschien einen mitten im Raum stehenden einzelnen Aktenschrank, aus dem haufenweise Schriftstücke hervorquollen. Ernshaw ging hinein und warf einen Blick auf die Unterlagen: vom Zahn der Zeit vergilbte Schichtpläne und mit Eselsohren versehene Arbeitsablaufstudien. Er ließ von den Papieren ab, ging durch die nächste Tür und landete in einem ähnlichen Raum. Vandalen hatten sämtliche Wände mit Graffitiparolen beschmiert.

»Okay, hier waren irgendwelche Sandkastenrocker drin«, stellte er fest, »die außerdem ziemlich versaut waren. Guck dir das an … ›Meine kleine Schwester hat mir als Erste einen geblasen. Für einen Fünfer besorgt sie’s dir auch.‹ Da steht sogar eine verdammte Telefonnummer. ›Ich wichse jeden Tag in Mamas Schlüpfer – jetzt isse wieder schwanger. So ’ne Scheiße.‹« Als keine Antwort kam, drehte er sich um.

Rodwell war ihm nicht in den Raum gefolgt.

Ernshaw ging zurück zur Tür und warf einen Blick in das Büro mit dem Aktenschrank. Auch dort war er nicht.

»Keith?«, fragte er.

Hinter sich hörte er einen Schritt. Er wirbelte herum – und war immer noch allein. Doch auf der anderen Seite des Raums stand eine andere Tür einen Spaltbreit offen.

War sie nicht eben gerade noch verschlossen gewesen?

Ernshaw ging auf die Tür zu. Plötzlich hatte er das Gefühl, dass sich in dem nächsten Raum jemand befand. Mit gezogenem Schlagstock riss er die Tür auf – und landete auf einem weiteren verlassenen Flur, der mit allem möglichen Kram aus weiteren verwüsteten Büros übersät war, die von dem Flur abgingen.

»Keith?«

Er erhielt immer noch keine Antwort.

Ernshaw ging weiter. Am Ende des Flurs gab es eine weitere Treppe, die, wie er feststellte, nur kurz war und zu einer geschlossenen Tür hochführte, hinter der ein schmaler Streifen helles Tageslicht zu erkennen war.

»Keith? Bist du da oben, Kumpel?«

Wieder nichts.

Er stieg hinauf – langsam, den Körper halb gedreht, damit er nach vorn und hinten alles im Blick hatte. Die Tür am Ende der Treppe ließ sich ohne Weiteres öffnen, und Ernshaw betrat das größte Büro, das er bis zu jenem Tag je gesehen hatte – gut einhundert Quadratmeter groß –, jene Sorte palastartiges Gemach, in dem einst ein Fabrikdirektor residiert haben mochte. Der Raum verfügte über mehrere große Fenster, allesamt intakt und keines mit Spanplatten vernagelt oder mit einem grünen Tuch verhängt. Die Wände waren sogar tapeziert, nur einige Fußbodendielen waren lose, aufgequollen und hochgesprungen. Es gab keine Möbel, nur ein paar herumliegende Backsteintrümmer, und in einer Ecke stand seltsamerweise eine Schubkarre mit zementverkrustetem Rand, an der eine Spitzhacke und ein Vorschlaghammer lehnten.

Doch nichts von alledem erregte Ernshaws Aufmerksamkeit so sehr wie das, was er ganz am Ende des Raums sah.

Er ging darauf zu.

Es schien sich um ein Stück frisch gemauerte Wand zu handeln, ein gut zwei Meter breites, beinahe vom Boden bis zur Decke reichendes Rechteck. Die Tapete und der Putz waren vor nicht allzu langer Zeit entfernt und das dahinterliegende uralte Mauerwerk eingerissen worden. In das entstandene Loch waren neue blassgelbe Backsteine gemörtelt worden. Doch was seinen Blick wirklich fesselte, hing in der Mitte all dessen: ein Bogen weißes Papier, auf dem in leuchtendem Blutrot eine Botschaft prangte. Das Blatt war sauber und unversehrt. Als Ernshaw es von der Wand nahm, sah er, dass es mit einem Batzen Klebegummi angepappt worden war, der noch weich und geschmeidig war, also offensichtlich noch frisch.

Die Botschaft stammte aus einem Tintenstrahldrucker. Sie lautete:

Ho Ho Ho

Ernshaw sträubten sich die Haare. Zweifellos konnte das auch eine hirnlose Schwachsinnsaktion sein. Doch die Tatsache, dass der Zettel erst vor Kurzem angebracht worden war, alarmierte ihn. Er trat einen Schritt zurück und untersuchte die Wand noch einmal. Sie war ohne Frage frisch hochgezogen worden, ganz anders als der Rest des Gebäudes. An ihrem unteren Ende ragten zwei spitz zulaufende schwarze Holzstümpfe aus einem schmalen Spalt unter den Backsteinen hervor, vermutlich irgendeine improvisierte Vorrichtung eines Bauarbeiters, um das Ganze waagerecht zu halten.

Eine Hand tippte ihm auf die Schulter.

Ernshaw wirbelte herum wie ein Derwisch. »Scheiße, verdammt!«, zischte er.

»Was ist das denn?«, fragte Rodwell.

»Hör auf, dich an Leute heranzuschleichen!« Er reichte ihm das Blatt. »Keine Ahnung, was das soll. Hing da an der Wand.«

Rodwell starrte zuerst die Wand an. »Dieses Mauerwerk ist neu.«

»Hab ich auch gedacht. Na ja, die werden wohl über die Jahre hinweg alle möglichen Arbeiten durchgeführt haben, um den Laden hier halbwegs in Schuss zu halten, oder?«

»In den letzten zwanzig Jahren nicht mehr.« Rodwell musterte das Blatt mit der Botschaft und sah wieder die Wand an. »Das ist ein Kaminvorsprung. Oder es war mal einer. Ist vermutlich mit einem der Außenschornsteine verbunden.«

»Schön, es ist ein Kamin«, sagte Ernshaw. »Einen alten Kamin zuzumauern ist heutzutage ja wohl keine schwere Straftat mehr, oder?«

Rodwell las die Botschaft noch einmal.

Ho Ho Ho

»Herr … im Himmel«, flüsterte er. »Gütiger Herr im Himmel!«

Mit schnelleren Bewegungen, als Ernshaw sie je bei ihm gesehen hatte, warf Rodwell das Blatt Papier beiseite, ging auf ein Knie und untersuchte die beiden unter dem Mauerwerk hervorragenden Holzstümpfe. Ernshaw beugte sich herab, um ebenfalls genauer hinzusehen – und begriff auf einmal, was er tatsächlich sah: die abgewetzten Spitzen eines Paars Stiefel.

Rodwell schnappte sich die Spitzhacke und Ernshaw den Vorschlaghammer.

Sie setzten der frisch gemauerten Wand so kräftig zu, wie sie konnten. Anfangs widerstand sie ihren Bemühungen, doch sie hämmerten wie besessen weiter auf sie ein und unterbrachen ihre Arbeit nur kurz, Rodwell, um ihre Vorgesetzten und einen Krankenwagen anzufordern, und Ernshaw, um den Reißverschluss seines Anoraks aufzuziehen und sich die Mütze vom Kopf zu reißen. Nachdem sie ein paar Minuten lang geächzt und geschwitzt hatten, brach endlich mit jedem Schlag Mörtel weg – dann lockerten sie die Backsteine, zerrten sie mit bloßen Fingern hervor, schlugen weiter und kniffen die Augen zusammen, um sie vor umherfliegenden Bröckchen zu schützen. Stück für Stück fiel die Mauer und gab ihr Geheimnis allmählich preis.

Der Geruch, der ihnen entgegenschlug, verriet es den beiden Polizisten zuerst.

Ernshaw würgte und presste sich eine Hand vor die Nase und den Mund. Rodwell legte sich umso härter ins Zeug und zertrümmerte die letzten Überbleibsel des Mauerwerks.

Sie traten keuchend zurück, fuchtelten den Staub weg und kämpften angesichts des Gestanks gegen den Brechreiz an.

»Großer Gott!«, brachte Rodwell hervor, als er in Augenschein nahm, was sie freigelegt hatten.

Die Gestalt stand aufrecht, aber nur deshalb, weil ihre Handgelenke in zwei über dem Kopf befestigten Handschellen hingen. Der Leichnam hatte jenes Stadium einsetzender Verwesung erreicht, in dem er genauso gut eine Wachsfigur hätte sein können, mit einer Hautfarbe irgendwo zwischen kränklich gelb und madig grün. Die Gestalt war einmal ein älterer Mann gewesen – so viel ließ sich aus dem zotteligen weißen Bart ablesen. Außerdem war er mager wie ein Gerippe, was durch die schlabberige, extrem schmutzige Kleidung nur noch betont wurde. Sie bestand aus einem roten Kittel mit dreckig grauem Pelzbesatz, der in übel riechenden Falten an ihm herabhing, sowie einer roten Pluderhose, die vorn steif von gefrorenem Urin war und deren Hosenbeine in ein Paar übergroße Gummistiefel gestopft worden waren.

Eine halb verfaulte Leiche zu entdecken war für einen Polizisten keine ungewöhnliche Erfahrung, nicht einmal für einen Neuling wie Ernshaw. Nicht jeder kam damit gut klar, doch Ernshaw hatte es bisher ganz gut hinbekommen. Bisher.

Er lachte. Es klang bizarr, fast wie ein Gackern.

»D-Der W-Weihnachtsmann«, stammelte er.

Rodwell sah ihn verwirrt an.

»Das ist der beschissene Weihnachtsmann!« Ernshaw gackerte noch immer, doch sein glasiger Blick enthielt keinerlei Frohsinn.

Rodwell betrachtete erneut die Leiche und dachte wieder an die Worte auf dem Blatt Papier – Ho Ho Ho. Er betrachtete die rote Kapuze mit grauem Pelzbesatz, die über den schrumpeligen haarlosen Schädel gezogen worden war.

»Herr, erbarme dich!«, flüsterte er. Die Leiche hatte einen gequälten Gesichtsausdruck. Die Augen traten wie Murmeln aus einer Miene hervor, die zu einer starren, fratzenhaften Totenmaske verzerrt war. »Der arme Teufel wurde hier lebendig eingemauert.«

Paul Finch: Mädchenjäger

Ein Kampf auf Leben und Tod gegen eine unsichtbare Macht ...

Zwei Jahre hat Detective Sergeant Mark Heckenburg seine Arbeit auf die ungelösten Fälle mehrerer verschwundener Frauen konzentriert. In keinem Fall hatte es Anzeichen für ein Verbrechen gegeben, aber alle standen sie mitten im Leben, waren Akademikerinnen, Aufsteigerinnen, junge Mütter. Sie verschwanden nicht freiwillig aus ihrem Leben, davon ist Heck überzeugt. Doch er hat keine Spur, kein Muster, keinen Verdächtigen. Als er von seinen Vorgesetzen angewiesen wird, die Untersuchungen einzustellen, ermittelt er verdeckt weiter. Dann begegnet er Lauren Wraxford, einer jungen Soldatin, deren Schwester vor mehr als drei Jahren unter ungeklärten Umständen verschwand. Gemeinsam stellen sie sich einem übermächtigen Gegner, doch als die Jäger zu Gejagten werden, müssen sie auch um ihr eigenes Leben fürchten …

Blick ins Buch
MädchenjägerMädchenjäger

Thriller

Achtunddreißig verschwundene Frauen innerhalb weniger Jahre. Ohne jede Spur. Kein Motiv, kein Muster, keine Leichen. Detective Sergeant Mark »Heck« Heckenburg ist überzeugt, dass das kein Zufall sein kann, doch außer ihm glaubt niemand an einen Zusammenhang. Als Heck auf eigene Faust ermittelt, kommt ihm eine Frau zuhilfe: Lauren Wraxford, die verzweifelt auf der Suche nach ihrer verschwundenen Schwester ist. Gemeinsam riskieren sie alles – in einem Kampf auf Leben und Tod gegen eine unsichtbare Macht ...
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Prolog

Am Vorabend trafen sie sich ein letztes Mal, um den Plan durchzugehen.

Sie waren Fachleute. Jeder kannte seine Rolle bis ins Letzte. Nichts war dem Zufall überlassen worden: Sie hatten das Ziel bis ins kleinste Detail ausgekundschaftet, jeder erdenklichen Panne war Rechnung getragen worden. Das Timing würde den Ausschlag geben, doch da sie ausgiebig geprobt hatten, machte sich niemand wirklich Sorgen. Natürlich würde das Ziel keine feststehenden Zeiten einhalten, was Schwierigkeiten bereiten könnte. Doch sie würden durchweg telefonisch miteinander in Verbindung stehen, und ihrer aller Erfahrung hatte sie unter anderem gelehrt, rasch umzudenken und bei Bedarf zu improvisieren. Ebenso, Geduld zu haben. Sollte der Ablauf dermaßen entgleisen, dass sie mit echten Unbekannten zu rechnen hätten, würden sie sich zurückziehen, neu aufstellen und zu einem späteren Zeitpunkt wieder vorstoßen.

Am besten war es noch immer, auf Nummer sicher zu gehen und alles einfach zu halten. Gute Planung war jedoch das A und O: Erkenntnisse sammeln, verarbeiten und dann im richtigen Augenblick rasch und mit eingeübter Zielgenauigkeit zuschlagen. In mancherlei Hinsicht war das schon Lohn genug. Was jedoch berufliche Befriedigung betraf, kam dem nichts wirklich gleich.

Nachdem sie das Ganze zweimal durchgespielt hatten, gönnten sie sich einen Drink, eine Flasche dreißig Jahre alten Glen Albyn, gekauft vom Erlös des letzten Einsatzes. Während sie tranken, vernichteten sie alle Unterlagen, die sie in der Vorbereitungsphase zusammengetragen hatten: schriftliche Aufzeichnungen, Kartenskizzen, Fotos, Fahrpläne, besprochene Tonbänder, Speichersticks mit von Handys oder Digitalkameras aufgenommenem Filmmaterial. All das legten sie auf einen Kohlenrost über Holzscheite und Anmachholz, tränkten es mit Feuerzeugbenzin und setzten es in Flammen.

Im unwahrscheinlichen Fall, dass tatsächlich etwas schiefging und sie noch mal ganz von vorn anfangen mussten – die Fährte aufnehmen, beschatten, Erkenntnisse sammeln –, würden sie das, ohne zu fragen oder zu murren, tun. Es zählte allein der Fleiß – an Abkürzungen glaubten sie nicht. Ohnehin war ihr Denken so zielgerichtet, dass sie viele wesentliche Einzelheiten im Gedächtnis behalten würden. Nur einmal bisher hatten sie eine Sache verschieben müssen, und bei der Gelegenheit hatte sich der zweite Anlauf als viel leichter erwiesen als der erste.

Während sie dabei zusahen, wie alles verbrannte und glutheiße Funken in den Nachthimmel wirbelten, klopften sie sich gegenseitig auf die Schulter, prosteten sich zu und wünschten sich Glück, das sie gar nicht brauchen würden – und einen guten Fang, an dem sie ebensolche Freude haben würden wie an der Jagd. Sie hatten den Glen Albyn fast geleert, aber selbst wenn sie am Morgen mit benebeltem Kopf aufwachen sollten, es käme nicht darauf an: Der Einsatzbeginn war erst für den Nachmittag angesetzt. Sie würden fit sein. Sie waren in Form, hatten das Spiel im Griff, liefen wie eine gut geölte Maschine. Und natürlich kam ihnen zu Hilfe, dass ihr Ziel völlig arglos war. Es würde mit dem Klingeln des Weckers aufstehen und mit nichts als einem völlig normalen Arbeitstag rechnen.

So schienen die meisten Frauen zu leben.

Wie oft war es ihr Verderben.

 

 

Kapitel

1

Freitagabende in London hatten etwas natürlich Entspanntes an sich.

Am angenehmsten waren sie Ende August. Ab siebzehn Uhr konnte man mit jeder Runde des Minutenzeigers fühlen, wie sich die Stadt unter dem staubigen Sommerhimmel entkrampfte. Das Durcheinander auf den Straßen war wild und lärmend wie immer – die Verkehrsströme wälzten sich hupend voran, auf den Gehsteigen drängten sich geschäftig die Fußgänger –, doch das »Grantige« fehlte, die mürrische Rücksichtslosigkeit, die die Straßen von London sonst oft prägte. Die Leute hatten es immer noch eilig, das schon, aber jetzt, weil sie wirklich gern irgendwo sein wollten, und nicht, weil sie unter Zeitdruck standen.

Im Bürotrakt von Goldstein & Hoff im sechsten Stock von Branscombe Court im Herzen der glitzernden »Square Mile«, dem Kern der Hauptstadt, war Louise Jennings genauso zumute. Noch zehn Minuten Papierkram, dann brach offiziell das Wochenende an – und wie sie darauf wartete. Samstagmorgen wollte sie raus zum Reiten und am Nachmittag eine neue Garderobe shoppen gehen, da sie am selben Abend im Rotary Club ein Essen hatten. Der Sonntag würde einfach ein schöner Faulenzertag werden, den sie, sollte irgendein Verlass auf den Wetterbericht sein, im Garten oder mit einem Ausflug in die Chilterns verbringen könnten.

Louise war ausgebildete Sekretärin, wobei die Berufsbezeichnung etwas in die Irre führen mochte. Eigentlich war sie »Generalsekretärin«, hatte mehrere Mitarbeiterinnen unter sich, ihr eigenes Büro und unterstand unmittelbar Mr Malcolm Forrester, dem Leiter der Abteilung für Rechtsabgleich bei Goldstein & Hoff. Sie verdiente ansehnliche vierzigtausend Pfund jährlich, also nicht schlecht für eine ehemalige Realschülerin aus Burnt Oak, und genoss hohes Ansehen bei den meisten Angestellten des Unternehmens, besonders bei den Männern – wenngleich das neben ihrem Verstand auch der wohlgestalteten Figur, den rotblonden Haaren und den hübschen Augen der Dreißigjährigen geschuldet sein mochte. Nicht dass sich Louise daran störte. Sie war schon vergeben. Sie war nun seit sechs Jahren mit Alan verheiratet und vorher drei Jahre lang mit ihm zusammen gewesen. Doch es gefiel ihr, anziehend zu wirken. Ihren Ehemann machte es stolz, und solange sich andere Männer aufs Hingucken beschränkten, genoss sie die Aufmerksamkeit. Wenn sie ehrlich war, gehörte ihr Aussehen zu den Waffen in ihrem Arsenal. Im Finanzwesen waren nur wenige, ganz gleich, welchen Geschlechts, das, was man »umgemodelt« nennen würde. Es war eine patriarchalische Gesellschaft, und obwohl stets die Möglichkeit bestand, dass Frauen große Macht ausübten, mussten sie immer noch wie Frauen aussehen und sich verhalten. Vor ihrem ersten Vorstellungsgespräch bei Goldstein & Hoff hatte ihr Alan strikte Anweisung gegeben, das Beste aus sich zu machen – einen schicken engen Rock zu tragen, hochhackige Schuhe, eine anschmiegsame, tief ausgeschnittene Bluse. Es hatte ihr den Job eingebracht und war seither ihre Bürokleidung geblieben.

Gut, ein wenig erniedrigend mochte die Auffassung zwar sein, man sei im Leben nur deshalb vorangekommen, weil man hinreißend aussah, aber das war nie die ganze Wahrheit. Louise war hoch qualifiziert, bloß waren das zahlreiche andere Frauen auch, und folglich galt es alles zu begrüßen, was einem sonst noch zum Vorteil diente.

Es war kurz nach achtzehn Uhr, als sie loskam und über die Straße zum Mad Jack’s eilte. Dort wurde sie von Simone, Nicola und Carly, ihren drei Mitarbeiterinnen, die alle großzügig »Freitagnachmittagsfeierabend« um halb fünf hatten machen dürfen, bereits erwartet.

Mad Jack’s, einst ein Tempel für Gintrinker aus Dickens’ Zeiten, war auf heutige Verhältnisse gebürstet worden, dünstete aber immer noch Atmosphäre aus. Hinter seinem altehrwürdigen Eingang aus Holz und Glas lag ein matt beleuchtetes Inneres mit eingezogenem Zwischengeschoss, das mit Eichenbalken, Hartholztäfelung und freigelegtem Backsteinmauerwerk protzte, wohin man auch sah. Wie an jedem Freitagnachmittag war der Pub bis zu den Außentüren randvoll mit lautstarken Anzugträgern in Feierlaune. Der Lärmpegel war erstaunlich. Lautes Gelächter schallte von einer Wand zur anderen, Gläser klirrten, Tische und Stühle wurden auf den massiven Eichendielen hin und her gerückt. Es hätte natürlich schlimmer sein können: Louise hatte bei Goldstein & Hoff angefangen, ehe das Rauchverbot verhängt worden war, und seinerzeit war das Lokal von Zigarrenqualm eingenebelt gewesen.

Die vier jungen Frauen schufen sich hinten in einer Ecke ihre kleine Insel und setzten sich. Jede bestellte sich einen Salat, allerdings zu einer gemeinschaftlichen Portion Pommes frittes mit Ketchup und Mayo. Louise achtete darauf, dazu nur zwei Gläser Chardonnay zu trinken. Nicht bloß, weil sie die Chefin war und sich daher verpflichtet fühlte, Vernunft und Anstand zu wahren, sondern auch, weil sie auf einem Stück ihres Heimwegs Auto fahren musste. Trotzdem war es der Teil der Woche, auf den sie sich alle freuten: endlich Zeit für jene boshaften Sticheleien, die sich während der Dienststunden streng verbaten – zumindest in Louises Hörweite.

Zuweilen zogen andere Kollegen Barhocker heran und gesellten sich zu ihnen, Männer, um angetrunken zu flirten, oder Frauen, um soeben aufgeschnappte Gerüchte weiterzuverbreiten. Ab einem gewissen Zeitpunkt nahm der Abend Ausmaße eines allgemeinen Gegackers an. Gegen halb acht flößte sich Carly ihren sechsten Southern Comfort mit Cola ein, und Nicola führte eine tiefschürfende Unterhaltung mit einem gut aussehenden jungen Burschen aus der Wertpapierabteilung. Die verschnörkelt verglasten Türen flogen krachend auf, als weitere Jungs aus der City dazudrängten. Es kam zu immer schrilleren Begrüßungen und noch gellenderem Gelächter. Allmählich trat eine Schweißnote zum Alkoholgeruch in den Raum, und mit einem Blick auf ihre Armbanduhr beschloss Louise, sich bald auf den Weg zu machen.

Ehe sie aufbrach, ging sie die Treppe hinunter in den Keller, wo die Toiletten waren. Die Tür zum Damenklo lag am Ende eines kurzen Durchgangs, Seite an Seite mit anderen Türen – zwei mit »Nur für Personal« beschriftet und eine mit »Herren«. Als sie eintrat, war sie allein. Sie ging in eine der Kabinen, raffte ihren Rock hoch, schob die Strumpfhose hinunter und hockte sich hin.

Und hörte jemanden nach ihr den Raum betreten.

Louise rechnete mit dem üblichen Klack-Klack-Klack hoher Absätze unterwegs zu einer anderen Kabine oder zum Spiegel über dem Waschbecken. Doch für einen kurzen Augenblick gab es überhaupt kein Geräusch. Dann vernahm sie das langsame Stapfen flacher Schuhe, in denen schwere Füße steckten.

Sie gingen ein paar Meter und blieben dann stehen. Louise lauschte angestrengt. Warum hatte sie plötzlich das Gefühl, wer immer es sei, stehe unmittelbar vor ihrer Tür? Sie schaute nach unten. Aus ihrem Blickwinkel ließ sich unmöglich unter der Tür hindurchsehen, doch sie war überzeugt, jemand stand genau davor und lauschte.

Sie warf einen Blick auf den Riegel. Er war bis zum Anschlag vorgeschoben.

Die Stille hielt einige Sekunden lang an, ehe sich die Schritte entfernten.

Louise musste sich zwingen, nicht erleichtert auszuatmen. Ihr wurde klar, dass sie sich unsinnig aufführte. Es gab keinerlei Grund zur Sorge. Keine drei Meter über ihr tobte das freitagabendliche Durcheinander im Mad Jack’s.

Wieder stoppten die Schritte.

Louise spitzte erneut die Ohren. Hatte die Person eine der anderen Kabinen betreten? Höchst wahrscheinlich, bloß gab es weder das Geräusch einer sich schließenden Tür noch das eines Riegels. Und nun, da sie besonders angestrengt lauschte, meinte sie, ein Atmen zu hören – gleichmäßig, ruhig, aber auch tief und heiser. Wie der Atem eines Mannes.

Vielleicht gehörte er zum Personal, ein Klowärter oder Handwerker? Sie war im Begriff, sich zu räuspern, um ihn wissen zu lassen, dass hier eine Frau war, als ihr plötzlich aufging, wie unklug das sein könnte. Angenommen, er gehörte nicht zum Personal?

Das Atmen hielt an, und die Füße bewegten sich abermals durch den Raum – weitere dumpfe Tritte hallten auf den Fliesen und kamen näher. Wer immer es war, machte entlang der Reihe Kabinen kehrt.

Unwillkürlich hob Louise einen Fingerknöchel an die Lippen. Würde er wieder vor ihrer Tür stehen bleiben?

Aber er tat es nicht.

Er stapfte schwerfällig vorbei und wandte sich im Weitergehen ab. Einen Augenblick später hörte sie die Zugangstür zu den Toiletten aufgehen und zufallen. Und dann war es still.

Louise wartete. Alles blieb ruhig.

Schließlich stand sie auf, zog ihre Strumpfhose wieder hoch, schob den Rock nach unten, entriegelte vorsichtig die Kabine und spähte hinaus. Sie konnte nicht alles einsehen, schien aber allein zu sein. Louise holte tief Luft und eilte zur Tür, öffnete sie und trat hinaus in den Korridor – und blieb augenblicklich stehen. Auf halber Höhe rechts stand eine andere Tür einen Spaltbreit offen. Es war eine mit der Aufschrift »Nur für Personal«. Durch den Spalt war ein schmaler Streifen Schwärze sichtbar. Louise fasste ihn fest ins Auge. War dort nicht eine schwache Bewegung zu sehen? Verbarg sich dort jemand und beobachtete sie?

Mit einem lauten Knall flog die Tür auf.

Doch der Mann, der durchtrat, war jung und trug die schwarze Bügelfaltenhose und das olivgrüne T-Shirt der Tresenkräfte. Er hatte ein Plastiktablett voll nass glänzendem Geschirr in den Händen. Als er sie sah und merkte, dass er sie erschreckt hatte, grinste er entschuldigend. »Sorry, Süße.«

Im Schlenderschritt entfernte er sich die Treppe hoch Richtung Tresenbereich.

Eine Hand auf dem Herzen, trat Louise vor und lugte durch die langsam zufallende Tür. Dahinter führte ein verdunkelter Gang an einer Reihe erhellter Räume vorbei und an seinem Ende zu einer Tür, durch die eine der Zuliefergassen hinter dem Gebäude zu sehen war. Mehrere andere Leute vom Personal waren dort unten zugange.

Sie kam sich töricht vor, eilte nach oben und stieß wieder zu den anderen.

Kurz vor zwanzig Uhr verließ Louise schließlich das Lokal, ihre Aktenmappe in der Hand. Es war ein fünfminütiger Fußweg runter zur U-Bahn-Station Bank, wo sie die Central Line nach Oxford Circus nahm. Dort stieg sie um in die Bakerloo-Linie.

Sie fuhr die Rolltreppe hinab zu den Zügen in Richtung Norden und stellte fest, dass sie allein war. Zu irgendeiner anderen Tageszeit hätte das seltsam sein können, aber jetzt war Freitagabend, und die meisten Fahrgäste würden in die Stadt unterwegs sein statt nach auswärts. Die Gewölbegänge lagen gleichermaßen verlassen da, und doch hatte Louise nur ein paar Meter zurückgelegt, als sie irgendwo hinter sich Schritte zu vernehmen glaubte. Sie blieb stehen und lauschte, hörte nun aber nichts mehr.

Sie schlenderte weiter bis auf den Bahnsteig. Wieder war niemand sonst zugegen. Ein warmer Windstoß blies ein paar Fetzen Papierabfall die glänzenden Schienen entlang. Da hörte sie die Schritte erneut – anscheinend kamen sie näher. Unruhig warf sie einen Blick zurück in den Durchgang, sah nichts, rechnete aber damit, dass jemand auftauchen würde.

Doch niemand kam. Und jetzt verstummten die Schritte. Beinahe so, als habe ihr Verfolger gespürt, dass sie auf ihn wartete.

Hinter ihr fuhr ein Zug dröhnend in den Bahnhof ein.

Erleichtert stieg sie zu.

In Marylebone, wo sie wieder unter Pendlern war, kaufte sie sich eine Abendzeitung und trank einen Kaffee, ehe sie einen Überlandzug nach High Wycombe bestieg. Inzwischen war es fast halb neun abends. Es gab an sich keinen Grund zur Eile. Alan, der eine Versicherungsgesellschaft sein Eigen nannte, verbrachte die Freitagnachmittage auf dem Golfplatz und würde bis weit nach dreiundzwanzig Uhr im Klubhaus an der Theke sitzen, aber es tat immer gut, sich beinahe schon zu Hause zu fühlen. Sie blickte zum Fenster hinaus, während die Bahn dahinschnellte. Im dunstigen Zwielicht verschmolzen die eintönigen Vororte von West London allmählich mit den Wäldern und Feldern der Home Counties. Die Nacht brach rasch herein. Als sie fünfundzwanzig Minuten später in Gerrards Cross den Zug verließ, war es völlig dunkel.

Wieder war sie allein, und es war sehr still. Doch sie war unbesorgt – das war ganz normal so. Gerrards Cross glich vielen anderen Kleinstädten im ländlichen South Bucks und war eigentlich nicht größer als ein Dorf. Als nobelster Bezirk außerhalb Londons war er viel zu hochpreisig für ein munteres Nachtleben, das hier nicht mal freitags stattfand. Seine Durchgangsstraße glänzte mit ein paar Gaststätten und Restaurants, doch das waren Edellokale – Kneipenschwärmer und Zechbrüder übertraten ihre Schwellen nicht.

Louise verließ den Bahnhof, der zu dieser Stunde unbeaufsichtigt war, und folgte einem heckengesäumten Seitenweg zum Parkplatz. Der Bahnhof von Gerrards Cross war in einen tiefen Geländeeinschnitt hineingebaut und lag unterhalb des Ortes selbst, sodass sein Parkplatz sogar am helllichten Tag eine dunkle, abgeschiedene Stelle blieb. Da sie nun den steil abfallenden Weg vom Bahnhof hinunterging, fiel ihr auf, dass mehrere seiner Flutlichter ausgefallen waren. Und als der Parkplatz in Sicht kam, schien auch noch ihr Auto zu fehlen.

Sie hielt verdutzt inne, bis sie es entdeckte. Es war das einzige verbliebene Fahrzeug und stand am hintersten Ende unter den tief hängenden, dicht belaubten Ästen einer uralten Kastanie. Dank der kaputten Lampen lag gerade diese Ecke komplett im Dunkeln. Sie setzte ihren Weg fort.

Und hörte abermals Schritte.

Sie blieb stehen und warf einen Blick über die Schulter.

Hinter ihr bog sich der Weg nach zwanzig Metern aus dem Sichtfeld. Niemand war zu sehen, und die Schritte machten schlagartig halt.

Louise blickte sich weiter um. Die Dachschräge des Bahnhofs zeigte sich über der Hecke. Dahinter und weiter oben liefen Lichter am Brückengeländer entlang – möglich, dass sie einen Fußgänger die Brücke überqueren gehört hatte. Aber auch dort gab es kein Anzeichen für irgendwen.

Sie ging weiter über den Parkplatz, der vielleicht zweihundert Meter lang, fünfzig Meter breit und an der rechten Seite von dichtem Unterholz begrenzt war. Nun bildete sich Louise ein, Bewegung in diesem Unterholz wahrzunehmen: ein beständiges Knistern im Laubwerk, als schöbe sich etwas Schweres hindurch. Ein Tier, sagte sie sich. Dieser Teil der Grafschaft wimmelte von Dachsen und Füchsen, besonders nachts.

Dann sah sie die Gestalt am Stamm der Kastanie angelehnt sitzen.

Sie blieb schlagartig stehen, ein Frösteln lief ihr über den Rücken.

War es ein Obdachloser, irgendeine Art Landstreicher? So jemanden bekam man selten, wenn überhaupt jemals in diesem vornehmen Bezirk zu Gesicht. Er war zusammengesunken, zerlumpt und trug, was wie ein schmutziger alter Mantel aussah, an dem sich vereinzelte Fetzen im Wind wiegten.

Doch dann erkannte sie, was sie tatsächlich sah.

Das zerlumpte, am Baumstamm »sitzende« Bündel war nichts weiter als ein mit Abfall und Altpapier vollgestopfter Müllsack.

Erneut kam sich Louise lächerlich vor und eilte weiter.

Noch immer war das Auto halb in Dunkelheit verborgen. Die Seite mit der Fahrertür stand dem Unterholz zugewandt, und der schmale verbliebene Spalt dazwischen lag in tiefem Schatten. Doch nun wollte Louise einfach nur nach Hause. Sie machte sich ja ganz kirre mit dieser dämlichen, unsinnigen Angst. Somit trat sie entschlossen und mutig an die Fahrerseite und war sich des dichten Gestrüpps in ihrem Rücken nur zu bewusst, während sie an ihrem Schlüsselbund herumfummelte. Aber sie hörte keine Bewegung mehr im Unterholz, und selbst wenn doch, na und? Es war Sommer. Vögel würden darin schlafen. Wenige hundert Meter entfernt erstreckte sich das Packhorse Common, wo schon Rotwild gesichtet worden war. Jedenfalls war nun keinerlei Geräusch mehr zu hören.

Sie schloss das Auto auf, warf ihre Aktentasche auf die Rückbank und setzte sich hinters Lenkrad. Einen Augenblick später hatte sie den Motor aufheulen lassen und war auf dem Weg zur Ausfahrt.

Sie verließ Gerrards Cross über die B416 und steuerte nach Süden Richtung Slough. In Stoke Poges bog sie rechts ab und fuhr nun auf schmalen, namenlosen Landstraßen in westliche Richtung. Da es ein windiger, aber warmer Abend war, hatte sie die Fenster teilweise herabgelassen. Motten und andere Insekten flatterten in ihrem Scheinwerferlicht. Ein Augenpaar funkelte auf, als eine Katze vor ihr über die Straße huschte. Beim Farnham Common schwenkte sie nach Süden auf Burnham zu. Baumgürtel zu beiden Seiten der Straße mit Zweigen, die sich über ihrem Kopf wie Finger verschränkten, rahmten sie tunnelartig ein.

Louise hatte sich wieder entspannt. Nur noch drei Meilen trennten sie von ihrem behaglichen Zuhause.

Plötzlich, mit einem donnernden Knall, verlor sie die Gewalt über das Fahrzeug. Es sackte schlagartig ab und schlitterte quer über die Straße, während das Lenkrad in ihren Händen herumwirbelte. Sie trat die Bremse durch und kam schleudernd und unter fürchterlichem Kreischen zum Stehen.

Als sie endlich stillstand, saß sie wie benommen da. Das einzige Geräusch war das Ticken des sich abkühlenden Motors. Sie sprang nach draußen.

Sie konnte kaum glauben, was sie sah: Ihre Vorderreifen hingen in Fetzen um die Felgen. Dasselbe mit den Hinterreifen. Sie waren buchstäblich in Stücke gerissen worden, Zinken des geborstenen Stahlgürtels stachen aus ihnen hervor. Sie ging im Kreis um den Wagen herum und war kaum imstande, ihr Pech zu begreifen. Ein platter Reifen allein wäre schon schlimm genug gewesen. Sie hatte noch nie ein Rad gewechselt, vermutete zwar, es zu können, aber hier, mitten im Wald und zu dieser Uhrzeit? Aber das spielte jetzt auch keine Rolle mehr, da sie keine vier Ersatzreifen dabeihatte.

Sie nestelte in ihrer Jackentasche nach ihrem Handy. Sie würde Alan anrufen müssen. Schön, er saß im Golfklub und hatte wahrscheinlich zu viele Drinks intus zum Fahren, aber vielleicht war einer da, der sie aufgabeln könnte. Falls nicht, würde er wissen, was zu tun war.

Da fiel Louise noch etwas auf.

Sie hielt das Telefon in der Hand, doch ihre Finger erstarrten auf dem Tastenblock.

Etwa vierzig Meter hinter dem Auto schimmerte etwas im Mondschein, das quer über der Straße lag. Sie ging langsam darauf zu, aber blieb schon auf halber Strecke wieder stehen.

Es war ein Nagelbrett – sie glaubte jedenfalls, dass die Dinger so genannt wurden. Eine dieser ausziehbaren Sperren, mit denen die Polizei Fluchtwagen von Bankräubern außer Gefecht setzte. Irgendwer hatte es mutwillig auf die Straße gelegt.

Louise wurde sich bewusst, dass sie zitterte. Sie wandte sich zum Auto um. War es das Werk von Rowdys, irgendeiner Bande Halbstarker, denen nichts Besseres einfiel, um die Zeit totzuschlagen? Oder war es etwas Bösartigeres? Ohne sich weitere Gedanken über die zweite Möglichkeit zu gestatten und ganz bewusst ohne Seitenblicke in die lichtlosen Tiefen der Bewaldung ringsum hastete sie zurück zum Auto und riss die Fahrertür auf.

Sie hielt inne, um kurz zu überlegen: Auf den Radkappen fahren konnte sie natürlich nicht. Aber einschließen konnte sie sich. Ja, sie würde sich einschließen und telefonisch Hilfe rufen. Sie kletterte hinters Steuer, zog die Tür zu und wollte gerade die Schlösser verriegeln, als sie eine Bewegung direkt neben sich spürte.

Langsam drehte sie sich um.

Er saß auf dem Beifahrersitz. Offensichtlich war er eingestiegen, während sie vom Nagelbrett abgelenkt gewesen war. Er war stämmig und trug dunkle Kleidung: eine unförmige Lederjacke und darunter einen Kapuzenpulli, die Kapuze zurückgeschlagen. Er hatte schütteres Haar und Ohren so groß wie Bierkrughenkel. Aber er hatte keine Nase – nur eine verknorpelte Höhle – und keine Lider, während sein übriges Gesicht ein Flickwerk aus gedunsenem, gerötetem Narbengewebe war.

Louise wollte aufschreien, doch eine große lederbehandschuhte Hand klatschte sich auf ihren Mund. Eine zweite legte sich um ihre Gurgel.

Und drückte zu.

Paul Finch im Interview
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Paul Finch hat als Polizist und Journalist gearbeitet, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete. Er hat zahlreiche Drehbücher, Kurzgeschichten und Horrorromane veröffentlicht und wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem British Fantasy Award und dem International Horror Guild Award. »Spurensammler« ist nach »Mädchenjäger« und »Rattenfänger« sein dritter Thriller um den Ermittler Mark »Heck« Heckenburg. Paul Finch lebt mit seiner Familie in Lancashire, England.

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