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Blick ins Buch
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Wie ich einmal englischer Meister wurde - Der SPIEGEL-Bestseller #1

Er ist einer der populärsten Musiker Deutschlands. Aber das ist nur die halbe Geschichte. Die andere Hälfte fängt mit Kevin Keegan an, dem englischen Stürmer mit den wilden Locken. Der wurde in den 70ern zu Campinos großem Idol: Als zehnjährigem Sohn einer englischen Mutter und eines Richters aus Düsseldorf war ihm dieser Keegan Erlösung und Vorbild zugleich – ein cooler Engländer, der ihm zeigte, auf welcher Seite er zu stehen hatte. Seitdem verbinden sich in der Entscheidung für den besten Fußballverein der Welt die ganze Widersprüchlichkeit seiner Herkunft und die Liebe zu einem Land, das irgendwo zwischen Beatles und Brexit steht. – Von alldem, seiner Familie und der rasenden Leidenschaft zum Liverpool FC erzählt Campino in diesem Buch.

1 Becoming a Brit


Wo hast du den Hut her?

Prince Philip zu seiner Frau Queen Elizabeth II
nach ihrer Krönung 1953

 

„I, Andreas Frege, do solemnly, sincerely and truly declare and affirm that on becoming a British citizen, I will be faithful and bear true allegiance to Her Majesty Queen Elizabeth Second, her Heirs and Successors, according to law. I will give my loyalty to the United Kingdom and respect its rights and freedoms, I will uphold its democratic values. I will observe its laws faithfully and fulfil my duties and obligations as a British citizen.“

Diesen Eid auf die Queen und die britische Demokratie schwor ich am 25. März 2019 in der Britischen Botschaft in Berlin und wurde damit im Alter von 56 Jahren endlich britischer Staatsbürger. Anwesend waren der Botschafter Sir Sebastian Wood und seine Frau, meine Schwester Judy, meine Verlobte und einige Mitarbeiter des Hauses. Ich hatte meinen Sohn ein paar Tage zuvor gefragt, ob er zu diesem für mich sehr wichtigen Ereignis mitkommen wolle. Lenn ist fünfzehn und hat einen dichten Terminkalender.

„Lenn, am Montagnachmittag werde ich offiziell britischer Staatsbürger! Es wird eine kleine Zeremonie für mich geben, und ich fände es schön, wenn du dabei bist.“

„Wann ist das? Montag? Nö, lass mal, Papa. Da hab ich bestimmt was vor.“

Mein geliebter Junge. Ich schaute ihm zu, wie er gelangweilt auf seinem Handy herumdaddelte, und konnte mir nicht verkneifen, ihn genervt anzubrummen: „Musst du nicht noch was für die Schule machen?“

Ich war das ganze Wochenende über schon nervös und konnte in der Nacht auf Montag kaum schlafen. Ich dachte an meine Mutter und daran, dass sie ihre Sehnsucht nach England in den fünfzig Jahren, die sie in Deutschland verbracht hatte, nie losgeworden war. Wie sie immer, wenn die Fähre mit ihr und uns Kindern Richtung Festland ablegte, alleine an Deck stand und mit Tränen in den Augen auf die weißen Felsen von Dover zurückblickte, bis sie nicht mehr zu sehen waren. Sie war als junge Frau mit 23 Jahren aus Liebe zu meinem Vater nach Deutschland gekommen, hatte mit ihm dort eine Familie gegründet und sechs Kinder großgezogen.

Die eigene Heimat hatte sie dafür aufgegeben, aber nie aufgehört zu vermissen.

Sie würde sich heute sicherlich sehr über meinen Schritt freuen, nun auch offiziell zu meinen englischen Wurzeln zu stehen. Drei von uns sechs Geschwistern haben ohnehin schon seit Geburt britische Pässe – John, Judy und Lizzie –, während sich bei Mike (Geburtsname Michael), Maria und mir wohl unser Vater durchgesetzt hatte. Ich hatte es immer als Unglück empfunden, einen deutschen Vornamen zu haben, und wenn die Kinder in der Grundschule riefen:

„Andreas, du bist ja gar kein Engländer, zeig doch mal deinen Ausweis!“, war ich machtlos.

In meinem besten und einzigen Anzug, den ich sonst nur bei Hochzeiten, Beerdigungen oder in der Director’s Box des Liverpool FC trage, machte ich mich an diesem Montag mit meiner Verlobten auf den Weg zum Brandenburger Tor. Dort trafen wir Judy und gingen dann gemeinsam hinüber zur Botschaft.

Als wir die Sicherheitsschleuse passiert hatten, empfing uns Botschafter Wood und führte uns in einen kleinen Saal, in dem auf einem marineblauen Teppich ein Rednerpult sowie ein großes Porträt der Queen aufgestellt waren. Eine Union-Jack-Fahne hing daneben.

Nach dem Eid überreichte mir der Botschafter meine Urkunde, alle klatschten, und wir stießen mit Champagner an. Ich blickte auf das Porträt der Queen und erinnerte mich an den Moment, an dem wir uns schon mal begegnet waren. Ich muss ungefähr acht gewesen sein und war mit meinen Eltern und Geschwistern in den Sommerferien in Cornwall. Von dort fuhren wir manchmal für ein paar Tage zu Auntie Marigold nach Dartmouth. Marigold war die Patentante meiner Schwester Lizzie, und ich bewunderte sie. Sie hatte Sommersprossen und rote Haare, war Mitglied im Bogenschützenverein und holte uns stets mit ihrem Bentley Continental in dieser wundervollen Farbe ab: British Racing Green. Immer mit Vollgas, Typ Draufgänger. Eine Hand war ständig auf der Hupe, um auf den engen, mit Hecken dicht bewachsenen Straßen vor jeder Kurve klarzumachen, dass Gefahr im Verzug war. Sie hatte eine raue Stimme und ein lautes, ansteckendes Lachen.

„I love these Cornish roads! You never know what’s coming“, schrie sie hinter dem Steuer und lachte schon wieder. Ihre beiden Katzen hießen Mercedes und Porsche, und ihr Haus war vollgestopft mit Büchern und Standuhren. Sie lebte mit ihrem Mann Tom auf einem Hügel genau an der Flussmündung des River Dart, ihr Garten reichte bis ans Ufer, und Onkel Tom musste immer ihr Motorboot steuern, obwohl er Nichtschwimmer war. Mit diesem Boot machten wir einige Ausflüge, und als wir einmal in einen Sturm gerieten und die Wellen es wie eine Nussschale hin und her warfen, stand Tom hinterm Steuer wie ein alter Seebär und rief:

„Hold on tight now! There’s a big one coming. We’re gonna get wet.“

Dann schlug das Wasser über uns zusammen, und Marigold und Tom lachten.

Beim Abendessen schenkten sie uns Kindern in riesigen Gläsern Rose’s Lime Juice nach, so viel, dass ich manchmal mitten in der Nacht aufwachte, weil ich ins Bett gemacht hatte. Meiner Mutter war das so peinlich, dass sie noch im Morgengrauen das Laken wusch, bevor alle anderen wach waren.

Jedenfalls stand ich in diesem Garten von Auntie Marigold und Onkel Tom, als Queen Elizabeth II mir einmal winkte. Die königliche Familie war mit ihrer Yacht Britannia in die Bucht gekommen, um Dartmouth zu besuchen. Sie machte einen Spaziergang durch die Stadt, und an den Straßenseiten jubelten die Menschen ihr zu. Wir Kinder standen dabei und fanden alles großartig, obwohl wir kaum etwas sehen konnten. Als wir zum Haus zurückkamen, war Marigolds Haushälterin Amy vor Glück in Tränen aufgelöst. Auch sie hatte am Straßenrand gestanden, und der junge Prince Charles war auf sie zugegangen und hatte sie angesprochen. Das war zu viel für Amy.

„He asked for my name and he liked my dress! He was so charming.“

Sie war den ganzen Tag nicht mehr einsatzfähig.

Tante Marigold drehte sich zu mir: „I’ve got a plan and I think you’re going to like it!“ Sie nahm mich am Arm, ging mit mir zum Bootshaus, kramte ein altes Flaggentuch aus einer Kiste und fand auch noch einen langen Stock.

„When they leave the harbour you’ll wave them goodbye, Andreas“, krächzte sie wie ein Rabe und band Tuch und Stock fest zusammen. Außer mir vor Freude kam ich mit der Fahne auf die Terrasse, wo die anderen bei Kaffee und Kuchen in der Sonne saßen.

„Wenn das Schiff kommt, werde ich sie schwenken!“

Zwei Stunden später war es so weit. Mit lautem Hupen lief die Britannia wieder aus und verließ den Hafen. Von unserer hoch gelegenen Terrasse aus konnte ich erkennen, dass die königliche Familie sich an Deck versammelt hatte und sich von den Menschen am Pier winkend verabschiedete. Sie musste noch drei- oder vierhundert Meter fahren, bis sie an unserem Grundstück vorbeikam. Ich raste los, um nach unten in den Garten zu kommen, mein Bruder Mike wollte hinter mir her, aber mein Vater rief:

„Mike, du bleibst hier! Das ist doch Blödsinn, nicht wahr?“ Er fand, Mike sei für so etwas zu alt.

So stand ich allein auf der Wiese, niemand war in meiner Nähe, und an Deck der Britannia wurde es auch leerer. Als sie sich der Flussmündung näherte, hielten sich nur noch die Queen und Prince Philip dort auf und schauten über die Reling. Wie wild fing ich an, meine Fahne zu schwenken, hin und her, ohne Unterlass. Und dann kam der Moment: Queen Elizabeth drehte sich in meine Richtung, erblickte den kleinen Jungen mit der Fahne auf der Wiese und winkte ihm mehrere Sekunden lang zu. Dieser Gruß galt nur ihm, und oben auf der Terrasse hatten es alle gesehen.

 

„Congratulations, Andreas“, sagte nun ein halbes Jahrhundert später Botschafter Wood und riss mich aus meinen Gedanken. Ich kenne ihn und seine Frau schon länger. Sie sind sogar bei ein paar Konzerten der Toten Hosen gewesen und laden mich gelegentlich zu Empfängen der Botschaft ein.

Eine Stunde später waren wir wieder auf der Straße. Ich trug meine Urkunde stolz in der Hand und fühlte mich erleichtert. Schon in meiner Kindheit und Teenagerzeit wäre mir diese Staatsbürgerschaft so unglaublich wichtig gewesen, aber wohl aus Rücksicht auf meinen Vater hatte sich meine Mutter bei Maria, Mike und mir nicht um diese Formalitäten gekümmert.

Mit sechzehn hatte ich meine Mutter noch mal auf einen britischen Pass angesprochen. Sie vermutete damals jedoch, dass ich ihn nur haben wollte, um dem deutschen Wehrdienst zu entgehen, und verweigerte mir ihre Unterstützung.

So ganz unrecht hatte sie damit nicht, ich wollte wirklich nicht zur Bundeswehr, aber die Sache mit dem Pass hatte für mich eine viel tiefere Bedeutung. Mir ging es nicht anders als vielen Millionen Menschen, die sich nach dem Land ihrer Wurzeln sehnen, aber vielleicht nie dort gewohnt haben – und es deshalb idealisieren. Oft werden sie patriotischer als mancher, der dort sein Leben verbringt. Die Liebe zur Musik, zum Fußball, zu London und meinem Cornwall – all das hatte sich fest in mir verschraubt, und als ich Punk wurde, war England die Antwort auf jede Frage, die mich interessierte. Ich verehrte einfach alles: den Geruch auf den Bahnhöfen, Full English Breakfast, Schuluniformen und Linksverkehr. Ich verherrlichte sogar das Wetter! London wurde zu meinem Mekka, und wenn ich dort war und an einem Abend zwanzig verschiedene Konzerte gleichzeitig stattfanden, die ich alle gerne gesehen hätte, dann wusste ich: So einen Ort gibt es nur einmal auf der Welt.

Ich bin mit den Toten Hosen in vielen Ländern der Erde aufgetreten, von Amerika bis Tadschikistan, und wir sind immer im Angriffsmodus auf die Bühne gegangen, nach dem Motto: Uns kann nichts passieren, wir haben nur Angst, dass uns der Himmel auf den Kopf fällt. Bloß in Großbritannien habe ich diese großmäulige Haltung auf der Bühne nicht hinbekommen. Ich hatte immer das Gefühl, Eulen nach Athen zu tragen, als wollte der Lehrling dem Meister zeigen, wie das Handwerk geht.

Einmal haben wir in Birmingham gespielt, meine Verwandtschaft war extra aus der Nachbarstadt Wolverhampton angerückt. Sie hatten nie zuvor ein Konzert von uns gesehen. Ausgerechnet an diesem Abend kam es zu einer wüsten Schlägerei, als Manfred Meyer, unser Security-Mann und langjähriges Mitglied des Rockerclubs Black Devils, mit drei Zuschauern in Streit geriet. Eine Band auf Tour hat einen Ehrenkodex, wie Matrosen auf hoher See. Also sprang ich, als die ersten Fäuste flogen, von der Bühne, die anderen hinter mir her. Ich warf mich in den Mob und schlug mit dem Mikrofon auf jeden Kopf, der in Reichweite kam. Bei jedem Treffer knallte es aus den PA-Boxen in den ganzen Saal, während man mich schreien hörte: „I’ll kill you! I’ll kill you!“

Irgendwann beruhigte sich die Situation, und wir konnten mit unserem Programm fortfahren, aber als das Konzert zu Ende war, ist mir das alles unendlich peinlich gewesen. Ich wusste zuerst nicht, ob meine Verwandten inzwischen nach Hause gefahren waren.

Irgendwann tauchten sie dann doch backstage auf, und mein Cousin Stephen bemerkte trocken: „Very interesting show, Andreas!“

Nur in England habe ich mich für solche Vorfälle geschämt, als wäre es schon respektlos von uns, als deutsche Band überhaupt in dem Land aufzutreten, wo der Punk begann und explodierte.

Mit den Jahren und den vielen Reisen verschob sich mein Blickwinkel sowohl auf England als auch auf Deutschland. Wo wir mit den Toten Hosen hinkamen, hat man uns – zu Recht – als „deutsche Band“ angekündigt. Wir wurden, ob wir wollten oder nicht, immer mehr zu Botschaftern unseres Landes.

Ich lernte mit der Zeit andere wunderbare Länder kennen, die meine Begeisterung für England relativierten. Australien zum Beispiel kam mir vor wie England, nur ohne Regen, mit unglaublicher Natur und unendlichen Weiten. Oder Argentinien, ausgerechnet das Land, das mit Großbritannien in den Achtzigerjahren Krieg geführt und obendrein England bei der WM 1986 so gedemütigt hatte. Da machte Maradona die englische Abwehr lächerlich, schoss das Team alleine aus dem Turnier und sprach anschließend von der „Hand Gottes“. Voller Vorurteile kam ich Anfang der Neunzigerjahre zum ersten Mal nach Buenos Aires und habe mich trotzdem, sofort und für immer, in die Menschen und das Land verliebt.

Meine späte Entscheidung, die britische Staatsbürgerschaft mit 56 Jahren noch anzunehmen, hat ihre Wurzeln nicht in der juvenilen Begeisterung meiner jungen Jahre. Sie hat auch nichts damit zu tun, dass ich Großbritannien für perfekt halten würde wie damals zu meinen Teenagerzeiten.

Vielmehr kommt es mir vor wie ein Kreis, den ich für mich schließen möchte. So wie ich zu Deutschland gehöre, so fühle ich mich auch mit England verbunden, und dieses lächerliche Stück Papier, dieser Ausweis, hat die Kraft, mir das Gefühl zu geben, dass ich in England kein Gast bin, sondern zu Hause. Und gerade jetzt, wo durch den Brexit eine weitere Trennlinie gezogen worden ist, bedeutet mir das viel.

 

Durch den Tod meiner englischen Großmutter 1987 kam mir ein starker Bezugspunkt zu dem Land abhanden, der Mensch, der dort immer auf uns gewartet hatte. Und als schließlich meine Mutter im Jahr 2000 starb, ging die wichtigste Verbindung verloren. Es gab keine Brücke mehr. Meine Orientierung nach England war, wenn ich es mir von heute aus betrachte, eh nie etwas anderes als eine verdeckte Liebeserklärung an meine Mutter. Wir wollten für sie englisch sein, damit sie England nicht so vermissen musste. Nun war das vorbei.

London war da schon weggefallen, das allerdings einige Jahre zuvor: Als dort die Punkbewegung, die mich geprägt und mir so viel gegeben hatte, Mitte der Achtziger tot und begraben war, fühlte sich die Stadt für mich nur noch an wie eine verflossene Freundin. England schien mir mehr und mehr durch die Finger zu rinnen.

Geblieben ist die Liebe zu Cornwall, der Gegend meiner schönsten Kindheitserinnerungen. Und ein anderer Draht wurde nie gekappt, sondern immer nur stärker, eine Beziehung, die mich begleitet, seit ich ein kleiner Junge bin: mein Bündnis mit dem Liverpool FC.

Seit Jahrzehnten fahre ich zu allen Spielen, die ich irgendwie erreichen kann, quetsche sie zwischen Tourpläne, Studioaufnahmen und Restleben. Erst spät habe ich begriffen, dass ich da nicht nur zu Fußballspielen fahre. Unterbewusst habe ich auf diesen Reisen mein Englischsein ausgelebt, mein Bedürfnis, dazuzugehören und es fühlen zu können. Ich ziehe mir mein rotes Hemd an und bin in Sekunden verwandelt. Mit tausend anderen laufe ich durch die Straßen zum Stadion, singe dabei seltsame Lieder und bin glücklich. Das klappte damals, das klappt noch heute.

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