DeLiA Nominierungen 2015
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PIPER Autoren für den DeLiA Literaturpreis nominiert

Montag, 09. März 2015 von Piper Verlag


Wir freuen uns mit! Vier PIPER Autoren wurden für den DeLiA Literaturpreis 2015 nominiert.

Gleich vier unserer Autoren haben es auf die Longlist des DeLiA-Literaturpreises 2015 geschafft. Die Shortlist mit dem sieben Finalisten wird ab dem 16. März bekannt gegeben.

Mit dabei sind:
 

Thommie Bayer »Die kurzen und die langen Jahre«

Gisa Klönne »Die Wahrscheinlichkeit des Glücks«

Katia Fox »Das geheime Band«

Gaby Hauptmann »Liebling, kommst du?«

Blick ins Buch
Die Wahrscheinlichkeit des GlücksDie Wahrscheinlichkeit des Glücks

Roman

Die Astrophysikerin Frieda Telling glaubt nicht an Schicksal, sie verlässt sich lieber auf ihre Berechnungen. Doch als ihre Tochter Aline am Tag ihrer Verlobung vor ein Auto läuft und ins Koma fällt, wird ihr geordnetes Leben aus den Angeln gehoben. Offenbar hat das Geschenk von Friedas Mutter Aline völlig verstört: ein zerrissenes rotes Halstuch. Kann ein Stück Stoff so viel Macht haben? Gab es eine geheime Liebe im Leben von Friedas Mutter? Um Aline zu retten, muss Frieda über all ihre Schatten springen. Und sich dem Thema Liebe noch einmal ganz neu stellen.

Henny

In dieser Nacht kommt er zu ihr und er sagt ihren Namen und sie fühlt die Kälte nicht mehr, den Hunger, auch nicht die Angst. Alles, was sie fühlt, ist ihre Hand in der seinen und wie sein Daumen das Grübchen neben ihrem Zeigefinger findet und streichelt, sachte, ganz sachte, damit es nicht kitzelt, also ist er es wirklich und ihre Freude ist unbeschreiblich.

Sie liegt sehr still, wagt kaum zu atmen, lauscht seiner Stimme. Ich liebe dich, du bist mein Leben, mein Alles. Du darfst jetzt nicht aufgeben, Liebste, du musst an uns glauben, es gibt eine Zukunft für uns, ich weiß es.

»Ich liebe dich auch! Ich warte auf dich!«

Henny erstarrt. Wie laut sie gesprochen hat, das darf sie doch nicht. Sie schlägt sich die Hand vor den Mund und blinzelt. Kommt da wer, sind das schon Schritte dort draußen? Hat sie ihn verraten?

Unter der Tür kriecht ein Lichtfaden hindurch, zitternd wie Espenlaub. Neben ihr auf dem Kissen glimmt ein rotes Auge. Sie wagt nicht mehr, sich zu rühren, wartet mit rasendem Herzschlag. Wo sind die anderen? Wo sind die Wachen? Haben die sie gehört, werden sie ihn jetzt holen?

Du musst an uns glauben, es gibt eine Zukunft. Atem rasselt, es ist ihr eigener, begreift sie nach einer zeitlosen Weile, sie ist alleine. Wenn du Angst hast, kannst du nichts werden. Wenn du Angst hast, bist du verraten. Wer hat das gesagt, der Vater, die Mutter? Nein, er. Diese unerschütterliche Zuversicht, sein Vertrauen in sie und in sich selbst. Ins Schicksal.

Sie setzt sich auf und tastet mit dem Zeigefinger der linken Hand behutsam nach dem Grübchen. Wie sie gelacht hat, als sein warmer Daumen das entdeckte. Wie er plötzlich ganz ernst wurde und ihre Hand hob, sie küsste.

Warum ist sie allein, sind die anderen tot? Und er, wo ist er? Sie steht auf, vorsichtig, stützt sich mit einer Hand auf die Bettkante. Der Boden ist tückisch, das weiß sie, er foppt sie und buckelt gern wie ein störrisches Pferdchen. Sie zwingt sich, stehen zu bleiben, und fixiert den Lichtstreif so lange, bis er nicht mehr zittert. Das ist gar kein Stein unter ihren Füßen, kein krustiger Lehm, sondern etwas Glattes, Warmes. Linoleum heißt das, plötzlich fällt ihr das ein. Gelbes Linoleum, das sie ihr ins Zimmer geklebt haben, weil es freundlich ausssieht und praktisch ist, einfach durchwischen und fertig, nach jedem Malheur, aber sie fand den Perserteppich trotzdem viel schöner.

Du darfst jetzt nicht aufgeben, Liebste. Wieder sein süßer Bariton in ihrem Ohr. Er hat recht, sie muss diesen Schrank finden und das, was sie darin verborgen hat, ihr süßes Geheimnis, ganz hinten, wo sonst keiner hinschaut.

Morgen, hat Frieda gesagt. Morgen ist es so weit. Oder nicht?

Was ist heute und wann ist morgen?

Sie muss das herausfinden, jetzt, unbedingt, sie muss wissen, ob es nicht vielleicht schon zu spät ist. Das rote Auge ist der Rufknopf, auch das fällt ihr jetzt wieder ein. Und hier auf dem Nachttisch steht dieser Kasten, aus dem manchmal Musik kommt. Sie neigt den Kopf. Radio. Wecker. An der Vorderseite leuchten Zeichen. Das erste ist ein Kreis. Daneben ist eine Schlange, was mag die bedeuten? Früher hat sie das gewusst. Früher war wann? Aufpassen, Henny, du musst achtgeben auf dich. Nicht den Rufknopf berühren, nur das Licht. Denn wenn nicht die nette Pflegerin kommt, hast du verloren.

Sie schaltet das Licht ein und zuckt zusammen. Möbel und Bilder springen sie an. Der Wandbehang. Sessel und Tisch vor dem Fenster. Die alte Kommode, über die sie sich immer ärgert, weil sie so schwer aufgeht. Jemand hat ihr ein komisches Ding mit Rädern in den Weg gestellt. Ein schwarzer Stock lehnt daran. Sie schiebt sich vorbei, Zentimeter für Zentimeter. Ihre Fußsohlen schaben. Rtsch. Rtsch. Lustig klingt das. Wenn sie keine Angst hätte, würde sie lachen.

Den Schrank kennt sie nicht, aber das, was darin ist, ist wohl doch ihres, denn es kommt ihr bekannt vor. Sie sinkt auf die Knie und langt hinein. Ein Stapel Tischwäsche quillt in ihren Schoß. Dicker Leinenstoff mit Fransen und schön geklöppelten Borten. Aber das ist nicht, was sie sucht. Sondern was? Es ist da, irgendwo hier ganz in ihrer Nähe, sie weiß es. Es muss einfach da sein. Sie muss es nur finden.

Brottücher sind das, was da vor ihr liegt, die breitet man über den Korb, wenn man die Jause hinaus auf die Felder trägt oder zum Kirchfest. Und hier sind auch die größeren Tücher, die über die Türen gelegt werden und über die Spiegel und Möbel. Wann macht man das noch? Wenn jemand gestorben ist. Alles weiß, alles verhängt, nicht nur in der guten Stube, das ist sehr wichtig.

›Wasch dich oft und kalt, bleibst gesund, wirst alt.‹ Sie kichert, das ist lustig und es reimt sich sogar. Bei einer Hochzeit dürfen die Schmucktücher auch bunt sein. Eine Hochzeit, genau, darum geht es. Eine Hochzeit, eine Liebe. Nur eine große in jedem Leben. Du bist mein Leben, mein Alles. Aline. Aline wird heiraten.

›Wer in Frieden sterben will, der dulde viel und schweige still.‹ Noch so ein Reim, woher ist der gekommen? Buchstaben tanzen vor ihren Augen, während sie weitere Fächer durchwühlt. Was war es gleich, was sie sucht, was war so wichtig? Wenn sie sich nur erinnern würde. Wenn nicht diese grausige Macht jeden Tag etwas anderes verschwinden ließe. Dinge und Zeiten und Menschen.

Du darfst jetzt nicht aufgeben, Liebste. Sie nickt, heftig, ein stummes Versprechen, und dann, endlich, findet sie die Schachtel aus Spanholz, und sie weiß, dass es das ist, was sie gesucht hat, und dass nun alles gut wird.

 

1.

Frieda

Die Illusion war perfekt, im Nachhinein konnte Frieda nicht mehr sagen, wann genau oder wie ihre Tochter überhaupt auf die Bühne gekommen war. Als habe Aline sich aus dem Nichts materialisiert, schritt sie in einer Wolke silbrigen Nebels die Treppe hinab, schmolz in eine Arabesque und sprang im nächsten Moment in einen aberwitzigen und dennoch völlig schwerelosen Luftspagat. Als gäbe es weder physikalische Grenzen noch Gravitation für sie, als wäre sie überhaupt nicht von dieser Welt und könnte tatsächlich fliegen.

Niemand klatschte jetzt noch, niemand hustete mehr. Knapp 2000 Zuschauer waren von einer Sekunde auf die andere völlig in Alines Bann geraten. Doch sie blieb nicht allein, ein weiterer Tänzer erschien jetzt, verharrte, glitt näher. Jan, das also musste er sein, dachte Frieda. Ihr künftiger Schwiegersohn, von dem sie vor zwei Wochen noch nicht einmal etwas gewusst hatte. Auch er war barfuß und seine Haut schimmerte so hell wie Alines. Trotzdem wirkte er keineswegs verletzlich, und seine Sprünge und Pirouetten hatten nichts Selbstvergessenes an sich, sie hatten ein Ziel: Aline zu beeindrucken und zu erobern.

Langsam, unendlich langsam wandte sich Aline zu ihm um und streckte die Arme aus, jede Faser ihres Körpers war nun Verlangen, schien ihrem Partner förmlich entgegenzufließen. Und dann griff er zu, ließ sie an seiner Hand Pirouetten drehen, wirbelte sie auf seine Schulter und zurück auf den Boden, und schon flogen die beiden ein paar schnelle Schrittfolgen lang in vollkommener Harmonie über die Bühne.

Liebe – das große Thema eines jeden Balletts, das einzige vielleicht. Das Werben, die Sehnsucht, die Hoffnung. Etwas stach in Friedas Brust, drückte ihr in die Kehle. Weil dieser Tanz zu zweit so perfekt war? Weil ihre Tochter ihn tanzte, so zuversichtlich und voller Hingabe? Oder weil sein Ende unweigerlich nahte?

In unserer neuen Show prallen Vergangenheit und Gegenwart aufeinander und buhlen darum, wer der Stärkere ist, hatte Aline am Telefon geschwärmt. Und Jan und ich, wir haben diesen Auftritt im Gestern, ganz puristisch, fast klassisch. Das ist ein solcher Glücksfall, Mama, dass gerade Jan und ich dieses wichtige Pas de deux tanzen dürfen. Du musst unbedingt zur Premiere kommen, ich hab dir ein Ticket in der besten Reihe reserviert. Jans Eltern sind auch da. Und im Anschluss feiern wir unsere Verlobung.

Wieder hob Jan Aline auf seine Schultern, noch einmal wirbelten die beiden wie ein einziger Körper über die Bühne. Aber etwas in ihrer Energie begann sich zu verändern, ganz allmählich zunächst, nicht dramatisch. Wie in einer in die Jahre gekommenen Ehe wurden die Soli länger und intensiver und den Zusammentreffen danach fehlte die Leidenschaft und die Freude, es ging eher ums Festhalten. Was war das für ein Quatsch, warum dachte sie das? Vielleicht weil Paul in Amerika war. Und weil sie ihn bestärkt hatte dortzubleiben. Und das war auch gut so. Vernünftig. Alles andere wäre Irrsinn. Sie steckte ja selbst mitten in den letzten Vorbereitungen für die Reise nach Chile.

Floh Aline jetzt vor Jan? Fast wirkte es so. In drei langen Sätzen eilte sie ihm voraus, aber er war doch schneller, holte sie wieder ein. So viel blindwütiges Verlangen. So viel Sehnsucht. Einmal vielleicht hatte sie das so erlebt, nicht mit Paul, sondern ganz am Anfang mit Graham. Aber Graham war ihr nicht gefolgt, als sie gehen musste. Sie hatte Aline bekommen, allein, ohne ihn, ihre Tochter, die sich nun ein weiteres Mal aus Jans Armen befreite und lossprang. Und diesmal landete Aline nicht wieder auf den Füßen, sondern flog in die Höhe, stetig und unaufhaltsam. Fort von Jan, immer höher und höher. Ein Stahlseil, das beinahe perfekt kaschiert war, zog sie empor, erkannte Frieda. Aber genau in dem Moment, in dem ihre Tochter im Dunkel verschwand, kam es ihr plötzlich so vor, als habe es diese Hilfskonstruktion vielleicht doch nicht gegeben, ja, als habe sie eben überhaupt nicht die erwachsene Aline bewundert, sondern das Mädchen, das sie einmal gewesen war. Ihre kleine, vollkommene Tochter, wie sie in diesen glückstaumeligen Sommernächten im kretischen Idagebirge barfuß um die Kuppel des Skinakas-Observatoriums gehüpft war, mit weit ausgebreiteten Armen und leuchtenden Augen. Ich fliege, Mama! Ich fliege direkt in den Himmel zu deinen Sternen! Ich kann das wirklich! Siehst du? Siehst du?

Der Applaus riss Frieda zurück in die Gegenwart, wummernde Beats und Lichtorgeln leiteten die nächste Shownummer ein, 20, nein, mehr Tänzer und Tänzerinnen stürmten auf die Bühne. Frieda schloss die Augen, versuchte noch einmal Alines Tanz heraufzubeschwören, die Leichtigkeit ihrer Sprünge und ihre Pirouetten, die sich mit jeder Umdrehung mehr nach innen konzentrierten und beschleunigten. Ein junger Stern leuchtet heller und rotiert schneller als ein alter. Für Astronomen ist ein junger Stern deshalb leichter zu beobachten, denn er überstrahlt viele andere. Doch je heller und heißer ein Stern brennt, desto früher vergeht er auch wieder, er zerfrisst sich quasi selbst, seine Energie verpufft vorschnell.

Frieda öffnete die Augen wieder und versuchte sich auf das Bühnengeschehen zu konzentrieren. Hier im Friedrichstadt-Palast strebte man nach immer neuen Rekorden und Superlativen. Aline war Teil einer riesigen Maschinerie im Dienste der Illusion, mit jährlich Hunderttausenden Zuschauern. Wir sind die größte Showtheater-Bühne der Welt – immer wieder hatte Aline das betont, und wie stolz sie darauf war, dazuzugehören. Tänzer von den renommiertesten Ballettschulen und Bühnen der Welt bewarben sich schließlich um einen der Plätze im Ensemble. Und nun, mit dem Pas de deux der heutigen Premiere, war Aline wohl endgültig am Ziel ihrer Träume angekommen, und mit Jan hatte sie einen ebenbürtigen Partner gefunden. Aber musste sie ihn deshalb wirklich gleich heiraten?

Ich fliege, Mama, ich fliege direkt in den Himmel. Wie alt war Aline in jenem ersten Sommer auf Kreta gewesen? Gerade einmal fünf, noch nicht in der Schule. 1995 war das, Frieda hatte ihre Doktorarbeit vollendet, sich habilitiert und die Chance erhalten, beim Aufbau des Skinakas-Observatoriums mitzuwirken. Und dann hatten Mayor und Queloz den ersten Planeten außerhalb des Sonnensystems entdeckt: 51 Pegasi b – ein Meilenstein in der Astronomie, Frieda war elektrisiert gewesen. Denn dieser Gasball, der etwa 50 Millionen Lichtjahre von der Erde entfernt stoisch um seinen Stern kreiste, gab der uralten Suche nach fremdem Leben im All neuen Auftrieb. Fortan galten Forscher, die daran glaubten, dass sich irgendwo in den unendlichen Tiefen des Universums der Schlüssel zum Leben, ja womöglich sogar ganze Planetenverbände wie das Sonnensystem und eine zweite Erde verbargen, nicht mehr als von Science-Fiction-Fantasien verblendete Spinner.

Natürlich war das Teleskop auf Kreta zu schwach gewesen, um die Beobachtung der beiden Schweizer Astronomen nachzuvollziehen. Aber sie konnte das Sternbild des Pegasus klar erkennen, sogar mit bloßen Augen, und den Stern 51 Pegasi, um den der neu entdeckte Planet seine Bahn zog. Und mit jeder Stunde in der sie den Nachthimmel studierte, wuchs ihre Überzeugung, dass 51 Pegasi b unmöglich der einzige extrasolare Planet sein konnte, und dass sie dazu beitragen würde, weitere zu finden.

Sommer 1995: Eine wilde Zeit war das gewesen, eine Art Taumel. Sie war – wie damals fast immer – die einzige Frau im Forschungsteam und die einzige Deutsche und sie brachte Aline mit, aber nach ein paar Tagen beruhigten sich die Gemüter. Denn sie konnte schneller programmieren als die anderen, und ihre Berechnungen und Theorien stimmten. Außerdem erlagen die Kollegen allesamt Alines Charme, was Aline hemmungslos ausnutzte. Nie fehlte es ihr an Gesellschaft zum Spielen und Malen, wenn Frieda selbst keine Zeit dafür hatte. Außerdem wich die struppige grau-bunte Katze Kassiopeia, die sich eines Tages zum Forschungsteam gesellt hatte und Dosensardinen und Vanillewaffeln der Marke Papadopoulos fraß, nur selten von Alines Seite.

Sie lebten leicht in diesem ersten Sommer, nach ihren eigenen Regeln. Sie machten die Nächte zum Tag und verschliefen die Mittagshitze in den Steinbaracken, die ihnen als Unterkunft dienten, den Geschmack von Schafskäse, Oliven und süßen, überreifen Tomaten auf der Zunge. Wenn die Hitze unerträglich wurde, fuhren sie in dem klapprigen R4 der Forschungsstation ans Meer und kehrten erfrischt zum Observatorium zurück, wo der Wind manchmal wie ein heißer Föhn blies. Doch in den Nächten vergaßen sie das, dann wandten sie kaum den Blick von den Monitoren ihrer Computer, in denen sich die Bilddaten des Teleskops in Myriaden von Zahlenkolonnen verwandelten. Und Aline schlief unterdessen. Oder sie stand wieder auf und tanzte ihre selbstvergessenen Choreografien, den Blick wie in Trance auf die Sterne gerichtet. Ein exotisches Leben war das gewesen, wohl nicht optimal für ein kleines Mädchen. Aber Aline hatte es nichts ausgemacht, zumindest nicht in diesem ersten Sommer.


Blick ins Buch
Liebling, kommst du?Liebling, kommst du?

Roman

Mein Mann hat keine Zeit für mich. Wie oft hat Nele das gedacht! Jetzt weiß sie - schlimmer ist, wenn Björn zu viel Zeit hat. Freigestellt von seiner Arbeit, stört er ihre heiligen Rituale und krempelt alles um. Nele ist erleichtert, als er endlich eine neue Leidenschaft gefunden hat: seine erste Harley. Aber muss er sich in der Motorradgang auch gleich noch in die Freundin seines Sohnes verlieben? Ein herzerfrischender Roman über neue Lebensabschnitte und die verschlungenen Wege, die die Liebe nehmen muss, um ans Ziel zu kommen.

Warum muss sich immer alles ändern? Warum kann es nicht einfach bleiben, wie es war? Es war doch gut. Oder nicht?

Oder etwa nicht?

Nele sah ihren Mann an. Nicht sprachlos, dafür war sie zu beredt, aber fassungslos. Innerlich. Nach außen lächelte sie.

Komisch. Alles war wie gestern. Draußen versuchte die fahle Februarsonne vergeblich, die hartnäckige Schneedecke schmelzen zu lassen, und am Rhododendron wartete die Amsel auf ihr Frühstück. Warum war es nicht gestern? Warum war es heute?

Warum stand Björn so erwartungsvoll vor ihr?

»Ich habe dir das früher schon sagen wollen.« Auf seinem Gesicht stand Verlegenheit. Ein Hauch von Entschuldigung. Oder war es Bedauern? Aber warum schaute er so? Was erwartete er jetzt von ihr?

Nele fuhr sich durch die Haare. Das war ihre Geste für äußerste Anspannung. Aber sie lächelte noch immer.

»Und wie hat er das gesagt?«, wollte sie wissen und schob ihr Müsli von sich. Noch einen Bissen, und sie würde sich übergeben müssen.

»Er stand vor mir wie einst Gerhard Schröder, die eine Hand in der Hosentasche, das Jackett offen. Lässig. Und genauso lässig hat er es formuliert.«

»Dass du … stillgelegt wirst?«

»Tja, da gibt es einen geschmeidigeren Ausdruck. Freigestellt. Nicht stillgelegt.«

»Aha.« Sie griff nach ihrer Kaffeetasse. Hilflos wollte sie nicht wirken, aber sie fühlte sich so.

»Du bist 48!«

»Ja, genau!«

»Was willst du dann schon im Ruhestand? Die Politik spricht von Rente ab 67? War das nicht so? Oder 63? Da hast du noch«, sie überlegte und spürte Panik aufsteigen, »fast zwanzig Jahre … zwanzig Jahre!«

»Hätte ich.«

Seine Ruhe war es, was sie am meisten aufbrachte. Björn saß völlig seelenruhig mit ihr am Frühstückstisch und schien mit dieser Lebensentscheidung absolut im Einklang zu sein. Sie aber nicht!

»Wieso sitzen wir hier dann noch? Um diese Uhrzeit? Wie gestern? Wie vorgestern? Wie immer? Wenn du sowieso aufhörst?«

»Weil ich die nächsten Wochen natürlich noch ins Büro gehe. Ich muss alles abwickeln.«

Er sah ihr über den von ihr so reichhaltig gedeckten Tisch hinweg in die Augen.

»Aber Schätzchen, freust du dich denn gar nicht?«

Nein, sie freute sich nicht.

Sie freute sich gar nicht.

Sie freute sich ganz und gar nicht.

»Es kommt etwas überraschend«, wich Nele aus. »Ich muss mich erst …«, sie überlegte und vermied seinen Blick, »daran gewöhnen.« He!, dachte sie. Ich bin 45 und habe jetzt einen Rentner als Mann? Das geht ja gar nicht!

»Und es ist ja nicht bis in alle Ewigkeit«, gab er zu bedenken. »Ich habe ein Jahr Wettbewerbssperre. Dafür werde ich ja auch bezahlt. Ein Jahr könnte ich mir dazu noch gönnen, danach kann ich wieder loslegen.«

Loslegen. Mit fünfzig, dachte Nele. Wer will schon einen Fünfzigjährigen, der zwei Jahre aus dem Business raus ist? Sie sagte nichts. Ihr Schweigen behagte Björn nicht, er warf einen kurzen Blick auf seine Armbanduhr.»Na, ich muss jetzt jedenfalls los.« Er stand auf, ging um den kleinen Tisch herum und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. »Überleg doch mal«, sagte er, »was wir jetzt alles machen können! Kein Büro mehr, kein Stress mehr, echte Freiheit, nur du und ich!«

»Du und ich«, wiederholte sie und spürte selbst, wie lahm es klang. Du und ich, das hatte die letzten dreiundzwanzig Jahre nur im Urlaub stattgefunden. Und überhaupt. Du und ich, da gab es ja auch noch die Frage des Geldes. Was hieß da … die nächsten zwei Jahre? Und vor allem: Gab es überhaupt einen Grund für all das?

»Hast du was verbockt? Ich meine«, sie stockte, als sie in seine eisgrauen Augen sah, »hast du einen Fehler gemacht? Etwas Schwerwiegendes?« Sie spürte selbst, dass ihre Stimme grell wurde, sie konnte ihre Panik kaum noch verbergen. Aber sie beherrschte sich und versuchte ihre Nerven in den Griff zu bekommen. Langsam stand sie auf und schlang die Arme um seinen Hals. »Björn«, sagte sie leise. »Willst du mir etwas sagen?«

»Ja«, antwortete er bedächtig und zog ihre Arme von seinem Nacken. »Ich muss jetzt gehen. Es gibt noch vieles, das geregelt werden muss. Gespräche mit meinem Nachfolger beispielsweise.« Er grinste.

Konnte es wahr sein, dass er grinste?

»Sie haben dich vor die Tür gesetzt, und du grinst?«

»Ich habe allen Grund dazu.« Jetzt nahm er sie in den Arm. »Das Spiel geht ja schon länger. Ich wollte dich nur nicht beunruhigen.«

Allerdings. Zwischendurch hatte Nele schon darüber nachgedacht, ob da wohl eine Geliebte im Spiel war. Die ständigen Sitzungen und Konferenzen, in welcher Bank wurde so lange gearbeitet?

»Nicht beunruhigen?«, echote sie. Nicht beunruhigen? Sie spürte, wie sich ihre Stirn in Falten legte. »Nicht beunruhigen?«, fragte sie schärfer, als sie wollte. »Wie??!!?? Nicht beunruhigen!!«

»Bevor ich die Verhandlungen abgeschlossen hatte!« Er stand vor ihr, und sie hätte ihm eine runterhauen können. Mitten ins Gesicht. So selbstgefällig, so von sich überzeugt, so selbstgerecht. Das war das Allerletzte!

»Findest du das nicht gut?« Björn sah sie mit großen Augen an.

Ja, findet sie das nicht gut? »Die Einjahresklausel war ja so schon in meinem Vertrag geregelt. Aber dass ich jetzt zu meinem monatlichen Gehalt auch noch eine Abfindung bekomme, ist perfekt. Ich habe alles herausgeholt, was möglich war, vielleicht sogar noch etwas mehr. Mein Direktorenstatus war ganz gut was wert«, er grinste und zog sie wieder an sich. »Nur gut, dass du mich so angetrieben hast. Das zahlt sich jetzt aus.«

Hatte sie das? Das war ihr gar nicht aufgefallen. Sie hatte von Anfang an nur gewollt, dass er aus seinem Studium Nutzen schöpfte. Es reichte ja schon, dass sie ihr Studium der Schwangerschaft wegen aufgegeben hatte, um sich um ihr Kind zu kümmern. Einer von beiden musste weiterkommen. So hatte sie ihren Ehrgeiz auf ihn fokussiert, das war ja normal.

Björn atmete auf, als er aus der Garage fuhr. Es war ihm bewusst gewesen, dass er Nele aufschrecken würde. Nele hatte ihren Rhythmus, ihre Aktivitäten, ihre Freunde. Sie hatte ihr Leben zwischen Familie und ihrem Job organisiert. Nele war ein wunderbarer Mensch, das fand er noch immer, und sein Gefühl zu ihr war seit 23 Jahren unverändert. Sie waren damals zu jung gewesen, um sich über die Folgen eines gemeinsamen Kindes klar zu sein, aber sie hatten es durchgezogen, und bis auf ein paar Ausrutscher, die alle er sich geleistet hatte, soweit er das beurteilen konnte, war ihre Ehe glatt gelaufen. Wer konnte das von sich sagen? In seinem Freundeskreis waren die meisten längst getrennt. Ja, bei den Großveranstaltungen trauten sich die Eventmanager kaum noch, die Namen der letztjährigen Partnerinnen auf die Einladungsliste oder die Tischkärtchen zu schreiben, denn das konnte zu unschönen Auseinandersetzungen führen.

Björn fuhr mit dem guten Gefühl in die Bank, dass er einiges für den Betrieb getan hatte und jetzt seine Belohnung dafür erhielt. Es trieb ihm ein Grinsen aufs Gesicht, denn er wusste wohl, dass er ziemlich gepokert hatte. Sein Abgang war der fusionierenden Bank einiges wert gewesen. Sollte sich doch der andere, der aufstrebende Konkurrent, in Zukunft mit all dem herumärgern. Björn hatte gleich zu Beginn der Verhandlungen nur an einen guten Abgang gedacht. Und den hatte er jetzt!

Nele musste sich erst einmal hinsetzen. Sie hatte ihn zur Haustür begleitet und ihm, wie etliche Schuljahre über ihrem Sohn, einen Kuss mit auf den Weg gegeben. Das tat sie nicht, weil sie jeden Tag gut auf ihn zu sprechen gewesen war, sondern weil sie einmal eine Fernsehsendung gesehen hatte, in der das Kind im Unfrieden aus dem Haus gegangen war und gleich darauf tödlich verunglückte. Das war ihr so an die Nieren gegangen, dieser unendliche Unfriede, der nicht mehr bereinigt werden konnte, dass sie all die Jahre auf einem friedlichen Abschied bestanden hatte.

Aber nach dem heutigen friedlichen Abschied von Björn saß sie am Frühstückstisch und starrte ausdruckslos in ihr Müsli. Es wollte sich einfach kein vernünftiger Gedanke einstellen. Was bedeutete das nun, wenn Björn plötzlich unendlich viel Zeit hatte? Sie hatte ihr eigenes Leben. Ihre eigenen Freunde. Ihren Rhythmus. Sie hatte ihren Job, ihre Berufung. Sie gab Immigranten in der Volkshochschule Deutschunterricht. Wie würde sie plötzlich eine normale Woche mit Björn teilen? Ihr wurde himmelangst bei dem Gedanken.

So gut gelaunt hatte sie Björn selten erlebt. Seit drei Wochen schien er aus der guten Laune überhaupt nicht mehr herauszukommen. War das gespielt? Oder war er wirklich so glücklich? Ständig machte er irgendwelche Zukunftspläne, sprach abwechselnd von einer Expedition durch die Wüste, zu Fuß wohlgemerkt, oder begeisterte sich für eine Studienreise durch die innere Mongolei. Dann wieder wollte er endlich zum Heli-Skiing nach Kanada oder über den Atlantik segeln. Nele kam kaum noch mit. Zudem hatte er sein Saxofon hervorgekramt, das seit Jahren verstaubt im Keller stand und das er längst vergessen hatte – dachte sie. Jetzt fand Björn, dass er dringend einen Lehrer engagieren müsse. Sobald er seinen letzten Arbeitstag hinter sich gebracht hätte, wollte er leben. Alles nachholen. Aufbrechen in die zweite Hälfte seines Lebens. Seit seiner Einschulung mit sechs Jahren hatte er gesät, gab er eines Abends beim Abendessen zum Besten, jetzt würde die Zeit der Ernte kommen. Aber das Geld dafür würde doch niemals reichen, warf Nele ein.

Björn blieb gelassen. Irgendwann würde er ja wieder etwas tun. Aber eben ohne Druck. Finanzwelt – ja, vielleicht, aber sicherlich keine Bank mehr. Jetzt würde er sich erst mal treiben lassen, erklärte er ihr. In sich hineinhorchen. Und schließlich hatte er ja frühzeitig in Immobilien investiert. Wenn sie also nicht gerade im Luxus leben wollten, würden sie auch ohne aufreibenden Job ein gutes Auskommen haben. Außerdem, fügte er augenzwinkernd hinzu, verdiene Nele ja auch etwas dazu.

Nele hielt sich zurück und ging weiterhin davon aus, dass sich der Wahnsinn wieder legen würde. Sie traute dem Ganzen nicht. Überspielte er seine Trauer des Unterlegenen? Machte es ihm wirklich nichts aus, dass ein Jüngerer den Fusionsthron bestieg? Ehrgeiz war doch all die Jahre seine Triebfeder gewesen. Er wollte hoch hinaus, ganz weit nach oben, ganz an die Spitze. Das hatte er erreicht – und wurde jetzt abgesägt? Keinen Chauffeur mehr, keine eifrigen Mitarbeiter und auch keine Sekretärin mehr, die alles für ihn erledigte, neben Terminplanungen, Flug- und Hotelbuchungen auch das Geburtstagsgeschenk für die Gattin besorgte, weil er diesen Termin mal wieder übersehen hatte?

Nele überlegte, mit wem sie über all das reden könnte. Ihre beiden besten Freundinnen waren Singlefrauen, sie hatten ihre Erfahrungen mit Scheidungen und endlos suchenden Singlemännern gemacht, aber ein heimkehrender Mann war für beide völliges Neuland. Als sie das Thema bei einem gemeinsamen Wein in ihrem Lieblingsbistro schließlich doch ansprach, fiel die Reaktion genauso aus, wie sie befürchtet hatte: Sie erzählten sofort von Loriots »Papa ante Portas« und wollten sich in der Erinnerung an diesen Film vor Lachen ausschütten. »Björn mit dem Maßstab in der Hand, wenn er die Bettdecke ausmisst«, feixte Jutta und warf ihr blondes Haar nach hinten. »Überhaupt, Björn als Hausmann, völlig undenkbar!«

Nele lachte nicht mit. Ihr ging gerade auf, wie ihre Freundinnen sie gesehen hatten: als Hausmütterchen mit sozialen Ambitionen. War es so? Björn, der Ernährer, der zu Hause den Kaffee anbrennen ließ, und sie, die das Heim richtete und ihm den Rücken freihielt?

»Das siehst du völlig falsch!« Jasmin versuchte den Eindruck zu relativieren. »Du bist eben einen anderen Weg gegangen.«

»Gegangen worden«, korrigierte Jutta.

»Quatsch, das war meine eigene Entscheidung.« Nele griff nach ihrem Glas Wein. Jasmin hatte Architektur studiert und arbeitete noch mit ihrem Exmann zusammen, und Jutta war Kundenbetreuerin bei einer Bank. Zufälligerweise bei derselben Bank, in der Björn Chef war.

Beide Frauen hatten trotz Heirat und Kindern ihre Berufe nicht aufgegeben. Nur Nele hatte sich die ersten zwanzig Ehejahre ausschließlich auf Sohn und Mann konzentriert. Aber was war schlimm daran? Ihr Leben hatte gepasst, sie hatte selbstbestimmt ihre Tage gestalten und vor drei Jahren dann trotzdem noch eine Möglichkeit finden können, sich einzubringen. Was sie tat, war wichtig. Sie brachte die Gesellschaft weiter, indem sie die Immigranten weiterbrachte. Konnten ihre Freundinnen das von sich behaupten?

Die Frage, ob Björns neue Freiheit nun gut oder schlecht war, beschäftigte Nele die nächsten Tage. Vor allem, als Björn ihr eines Abends mitteilte, dass nun seine Abschiedsparty anstehe. Sie saßen – selten genug in den letzten Jahren – im Wohnzimmer in der gemütlichen Couchecke, vor dem großen Fenster, das den Blick in den beleuchteten Garten freigab. Nele ließ ihren Blick über all die Dinge gleiten, die sie der Jahreszeit entsprechend auf dem breiten Fenstersims dekoriert hatte. Die auffällig bunte Vase mit dem Jasminzweig, der Frühling versprach, und einige Figuren, die sie aus einem Baliurlaub mitgebracht hatte. Nippes oder Erinnerung? Atmeten die Dinge Seele, wie sie es stets empfunden hatte, oder war das alles einfach nur Kitsch? Heute war sie sich nicht sicher, zumal Björn sie auf eine neue Art ansah. Was lag in seiner Mimik? Sie konnte es nicht entschlüsseln, also nahm sie das Glas hoch, das er für sie gefüllt hatte.

»Champagner?« Zumindest waren es die mundgeblasenen Gläser, die sie zu ihrem vierzigsten Geburtstag geschenkt bekommen hatte.

»Es ist so weit!« Er lächelte ihr zu und hielt ihr zum Anstoßen sein Glas entgegen. Seine Stirn legte sich in Falten, und seine Augen strahlten sie erwartungsvoll an. Nele stieß ihr Glas leicht gegen seines, sodass es einen hohen Klang gab, der kurz und leicht zitternd zwischen ihnen hing. Wie meine Nerven, dachte sie, das klingt genau wie meine Nerven. Sie wollte nicht hören, was er zu sagen hatte. Sie wollte, dass alles so blieb, wie es war. Sie mochte keine Veränderungen, jetzt, wo sie sich in ihrem neuen, berufstätigen Leben eingerichtet hatte. Jetzt, wo Alex aus dem Haus war und sie sich zusehends besser damit zurechtfand. Jetzt wollte sie die nächsten Jahre so weitermachen, so hatte es der Fahrplan, ihr eigener Lebensfahrplan, vorgesehen.

»Am Freitagabend ist meine Verabschiedung. Ganz feierlich. Und ziemlich groß. Also mit Dinner, Ansprachen und goldener Uhr.« Er grinste schräg, und für Nele sah er plötzlich aus wie sein eigener Sohn, wenn er den Lehrer überlistet hatte oder von ihr bei einer seiner kleinen Eskapaden erwischt worden war. »Sie lassen mich tatsächlich gehen. Es wird wahr! Liebling, komm, jetzt beginnt unser Leben!« Er nahm einen tiefen Schluck, ohne sie dabei aus den Augen zu lassen, dann er stellte sein Glas ab, stand auf und ging um den kleinen Couchtisch herum auf sie zu. Warum fiel ihr gerade jetzt ein, dass sie den Tisch in Venedig gekauft und mit Mühe hierher nach Frankfurt geschleppt hatte? Ihr Gehirn wollte sich partout nicht mit dem Gesagten abfinden und schon gar nicht mit dem Kommenden. Trotzdem stand sie auf, denn Björns Geste war klar. Er nahm ihr das Glas aus der Hand, und sein fordernder Kuss war der Auftakt zu seinem neuen Leben.

»Lass es uns genießen«, sagte er, während er ihr den Pullover über den Kopf zog.

Was? Hier? Auf dem Boden vor dem Fenster? Es war ewig her, dass sie nicht ordentlich im Bett … Aber Björn schmunzelte nur. »Jetzt, Nele, jetzt bist du wieder zwanzig, und ich bin 23. Nur dass es nicht das alte Wohnzimmer deines Onkels ist, sondern unser eigenes Haus. Und der abgetretene Teppichboden ist teuerstes Parkett. Aber du und ich, wir sind unverändert!« Und damit zog er sie hinunter auf den Boden.


Die kurzen und die langen JahreDie kurzen und die langen Jahre

Roman

Liebe kann geheimnisvoll sein, abgründig und intensiv. Vor allem dann, wenn sie unerfüllt bleibt. Aber ist das wirklich die Bestimmung von Simon und Sylvie, die ein schrecklicher Doppelmord zusammenführt? Beide versuchen es auf ihre eigene Art herauszufinden – und begegnen sich nach vielen Jahren schließlich an einem gänzlich unerwarteten Ort wieder.

Es gibt Anblicke, von denen ich nicht weiß, ob sie mir gut- oder wehtun, ob ich hinsehen darf oder den Blick abwenden soll, und irgendwann habe ich den Blick abgewandt und bin beschäftigt damit, mir selbst zu erklären, dass das eben Gesehene kein Zeichen war, keine Botschaft an mich, sondern einfach das Leben, an dem jeder zumindest mal vorbeikommt, falls er, wie ich, nicht mehr daran beteiligt ist.

Der Bahnsteig in Singen füllt sich mit denen, die aus meinem Zug aussteigen, unter ihnen ein vielleicht vierzigjähriger Mann mit kleinem Gepäck, offenem Gesicht, Lederjacke und blonden Locken.

Ich sehe, wie er seine Tasche fallen lässt, die Arme ausbreitet, strahlt und ein kleines Mädchen, vielleicht sechs, vielleicht sieben, in diese Arme springt, die Beine um seine Taille klammert, die Arme um seinen Hals und wie ein Kätzchen Kinn und Wange an seiner Schulter reibt.

Als der Zug seine Fahrt nach Stuttgart fortsetzt, sind die beiden längst verschwunden, aber ich behalte ihr Bild noch bei mir bis Schwäbisch Gmünd, wo ich, am Ende meiner Reise, aus dem Taxi steige, auf das große Gebäude eines ehemaligen Klosters zugehe, immer langsamer, je näher ich dessen Tür komme, und ich wünschte, ich müsste da nicht hinein, aber das Wünschen hilft schon lange nicht mehr, die Zeiten sind vorbei.

Und dann fällt mir ein, dass ich nicht muss. Ich will.

1964

Als das Wünschen noch half, war ich zwölf und wollte, dass mein Vater stirbt. Irgendwas musste ich aber falsch gemacht haben, denn es erwischte meine Mutter. Sie war im Garten und grub Küchenabfälle in den Komposthaufen ein, damit mein Vater sie nicht sehen und über das verschwenderische Wegschneiden der äußeren Salatblätter meckern würde, etwas kitzelte sie am Hals, sie hielt es für eine Schmeißfliege und schlug danach, aber es war eine Hornisse.

Ich saß in der Pergola und zeichnete einen Indianer, als ich ihren Schrei hörte und sah, wie sie die Treppe herab zum Haus rannte, ich folgte ihr und fand sie im Flur am Telefon, wo sie die Nummer des Arztes von einem kleinen Notizblock ablas, der an der Wand an einem Bastfaden mit Reißzwecke hing.

Die Telefone waren damals noch schwarz und hatten Wählscheiben, man steckte einen Finger in ein Loch und drehte bis zum Anschlag, dann ließ man los, und ein filigranes Rasseln ertönte, bis die Wählscheibe sich wieder in ihre Ausgangsposition zurückbewegt hatte. Ich bin froh, dieses Rasseln heute nirgendwo mehr hören zu müssen.

Sie schickte mich zu den Nachbarn, die ein Eisfach im Kühlschrank hatten, denn sie wollte die einem verrutschten Kropf ähnelnde Schwellung am Hals mit Eiswürfeln kühlen. Ich rannte los, klingelte, aber niemand machte auf, ich rannte weiter zum nächsten Haus und hatte Glück. Man gab mir eine rechteckige Blechschale mit einem Gitter darin, das ich nur herausziehen müsse, dann könne ich einzelne Eiswürfel abbrechen. Als ich zurückkam, war sie tot.

»Geh raus, Junge«, sagte der Arzt, der sich über sie gebeugt hatte und, wie ich später verstand, einen Luftröhrenschnitt versuchte, ich gehorchte und setzte mich vor die Haustür, es war Ende Oktober, und die Luft roch nach Kartoffelfeuern. Ich hörte wieder das Rasseln des Telefons und war stolz auf das Drama, das ich erlebte, und gespannt darauf, wie sich echte Trauer anfühlen würde.

 

1974

Als mein Vater dann viel später wirklich starb, waren die Telefone grün, rot oder beige, und ich wünschte mir nichts mehr. Nicht nur, weil es beim letzten Mal so schiefgegangen war und ich mir eigentlich hätte Vorwürfe machen müssen, schließlich hatte ich meine Mutter auf dem Gewissen. Aber ich machte die Vorwürfe nicht mir, sondern meinem Vater, der sich irgendwie aus der Schusslinie meines Fluchs gebracht und ihn auf meine Mutter umgeleitet hatte, und ich wusste längst, dass Wünsche nur etwas für Frauen und Kinder sind. Männer haben Pläne.

Ich war zweiundzwanzig und verdiente mein Geld als Klavierstimmer, nachdem ich von der Musikhochschule abgelehnt worden und aus einer Lehre als Klavierbauer rausgeflogen war.

Ein Polizist stand morgens um elf im Musikladen, wo ich gerade neue Geigensaiten einsortierte, das war mein Nebenjob, immer wenn ich keine Stimmaufträge hatte, half ich im Laden aus. Der Polizist fragte nach Herrn Stiller, ich sagte, der sei ich, und er änderte seinen Gesichtsausdruck von neutral auf besorgt.

»Ihr Vater wurde ermordet«, sagte er.

Ich sagte nichts, weil das absurd war. Mord gab es nur im Fernsehen und in Büchern, genauso wie Liebe und Spionage. Nicht dass ich viel ferngesehen oder gelesen hätte in dieser Zeit, aber früher hatte es Phasen gegeben, in denen die wirkliche Welt an dem, was ich erlebte, nur geringfügig beteiligt gewesen war.

Irgendwas musste ich mit dem Polizisten geredet haben, zumindest er mit mir, denn als er irgendwann wieder gegangen war, sah ich durch den Nebel in meinem Kopf das Bild zweier erschlagener Männer vor der Hütte am Feldberg, die mein Vater von seinem Vater geerbt und in der er seit einiger Zeit als Rentner gelebt hatte. Ohne Strom und Telefon. Und ohne Kontakt zu mir. Unser letztes Treffen lag schon Monate zurück.

Diesmal war ich nicht stolz auf das Drama, aber Trauer, wie sie mich nach dem Tod meiner Mutter bald mit Macht eingeholt und monatelang zu einer Art Roboter gemacht hatte, empfand ich nicht. Nicht nach der Nachricht und auch nicht später am Grab – mein Vater war mir so fremd geworden, dass ich nur eine Art inneres Achselzucken für ihn zustande brachte. Die Erinnerungen an meine frühe Kindheit hielt ich längst für Einbildung. Auch die wenigen Fotos aus der Zeit, bevor er angefangen hatte, meine Mutter zu drangsalieren mit seiner ätzenden ständigen Kritik und seinem noch ätzenderen tagelangen Schweigen, schienen mir keine Beweiskraft mehr zu haben – die jüngere Vergangenheit hatte sich über die ältere gelegt und alles verdeckt, was daran schön gewesen sein mochte.

~

Ich fuhr mit dem Simca meiner Freundin zum Feldberg mit offenem Fenster, weil es August und sehr heiß war und ich außerdem rauchte, was sie nicht riechen sollte – sie hatte es verboten, um den Wiederverkaufswert des Autos nicht zu schmälern. Die meiste Zeit kroch ich hinter Lastwagen her, weil ich es nicht wagte zu überholen. Als ich durch Geisingen fuhr, sagte der Moderator im Autoradio, dies sei der heißeste Tag seit hundertvierundzwanzig Jahren, dann lief Jessica von den Allman Brothers und danach Monika von Hannes Wader.

Ich wollte die Hütte verkaufen und mir vorher ein Bild davon machen, was ich alles ausräumen und abtransportieren müsste, ob ich eine Umzugsfirma brauchen oder selbst mit einem gemieteten Transporter klarkommen würde.

Es war mein zweiter Versuch. Ich hatte diesen Weg schon einmal vor zehn Tagen gemacht, zusammen mit Astrid, so hieß meine Freundin, aber wir waren nicht weiter als bis zur Lichtung gekommen, weil ich auf einmal einen Widerwillen dagegen verspürt hatte, das Haus zu betreten, die Stelle zu sehen, an der mein Vater gelegen hatte, vielleicht noch irgendwo Leichengeruch zu riechen – es war einfach unmöglich gewesen weiterzugehen. Astrid hatte mich angesehen, als wäre ich ein Idiot in ihren Augen, aber ich war ein Idiot, den man schonen musste. Ein Idiot, dessen Vater gerade ermordet worden war. Sie spottete nicht und meckerte nicht, sondern fuhr bereitwillig mit mir zum Titisee, wo es mir zu kalt zum Schwimmen war und sie sich endlich darüber lustig machen konnte, dass ich ein Weichling sei.

Ich parkte im Wald neben dem weißen Renault 16 meines Vaters und einem hellgrünen VW-Käfer und ging den Rest des Weges zu Fuß, weil ich mir nicht sicher war, ob ich mit dem Simca ohne Achsenbruch oder Loch in der Ölwanne über die Wurzeln und Steine bis zur Hütte gekommen wäre. Es gab keinen offiziellen Weg, nur Förster, Jäger, Pilzsammler, mein Vater und ich wussten, in welcher Richtung die kleine Lichtung lag, neben der sich das Häuschen an den Hang schmiegte.

Das Gras auf dem Vorplatz stand schon wieder hoch. Seit der Polizist mich informiert hatte, waren drei Wochen vergangen. Es gab kein Blut und keine Spuren, die Hütte sah aus wie eh und je, leicht vergammelt mit hier und da ein paar zerbrochenen Schindeln, sie hockte irgendwie vorläufig, wie zu einer kurzen Rast, als wolle sie gleich weiter, in der Nachmittagssonne, die sich schon den Baumwipfeln genähert hatte und bald dahinter verschwunden sein würde.

Ein Liebespaar hatte die Leichen gefunden, Sportler, eine Handballerin und ein Zehnkämpfer, die im nahen Trainingszentrum untergebracht und sicher zu Enthaltsamkeit verdonnert worden waren. Sie hatten im Wald nach einem Platz gesucht und vielleicht voller Vorfreude die Lichtung entdeckt, aber dann musste ihnen die Lust aufeinander vergangen sein, als die vielen Fliegen von den beiden leblosen Körpern aufstoben. Ich stellte mir den Anblick vor, aber außer Ekel löste das nichts bei mir aus.

Ich schloss auf, ging durch alle Räume und öffnete die Fenster, zuerst unten im Wohn- und Esszimmer mit der kleinen Küche, dann oben im Schlafzimmer unterm Dach, dann drehte ich mir eine Zigarette und ließ meinen Blick über die Regale schweifen, auf der Suche nach Büchern, die ich behalten wollte.

Dann hörte ich die Schreie einer Frau. Sie konnten von der Quelle kommen, die ihr stetiges Rinnsal am Hang unterhalb der Hütte in einen hölzernen Trog ergoss, den mein Großvater gebaut und mein Vater repariert hatte. Ich rannte nach draußen, ums Haus und in Richtung der Schreie, aber stoppte dann abrupt, weil mir der Gedanke kam, dass die Frau vielleicht angegriffen wurde und ich mich in eine gefährliche Lage brachte. Ich schlich, so schnell ich konnte, von oben heran, um erst mal zu sehen, was sich abspielte, dabei ließ ich den Blick schweifen nach einem Stück Holz, das als Waffe infrage käme, aber ich fand nichts.

Vorsichtig näherte ich mich der Stelle oberhalb der Quelle, und als ich die Szene vor Augen hatte, verstand ich, was an den Schreien ungewöhnlich gewesen war: Sie klangen nicht verzweifelt, schmerz- oder angsterfüllt.

Einerseits wollte ich sofort zurückweichen, als ich sah, dass die Frau nicht in Gefahr war, aber andererseits war sie nackt. Sie wusch sich am Trog, und ihre Schreie kamen vom eiskalten Wasser, das sie sich immer wieder mit den Händen an verschiedene Stellen ihres Körpers warf. Sie hatte rotes langes Haar, leuchtender, als man es mit Henna hinbekam, und außerdem verifiziert durch den nur wenig blasser leuchtenden kleinen Schamhaarbusch, von dem ich den Blick nur wandte, um den Rest ihres Körpers nicht zu verpassen.

Ich stand schief, in einer Haltung zwischen Nach-vorne-Stürzen und Schnell-Verschwinden, und ich stand auf moosigem Boden, also rutschte ich aus und fiel auf den Hintern. Meine Hoffnung, damit auch aus ihrem Blickfeld verschwunden zu sein, erfüllte sich nicht, sie sah mich – ihr Schrei klang jetzt anders, erschrocken, empört, zornig –, sie bückte sich nach ihren Jeans, um diese irgendwie vor sich zu halten, bedeckte aber damit nur ihre Brüste – der rote Schambusch lugte zwischen den Hosenbeinen hervor. Ich musste unendlich blöd dreinschauen, während ich mich aufrappelte und meinen Blick höflich zur Seite wandte.

»Was machen Sie hier?«

»Ich dachte, Sie seien in Not oder so«, sagte ich.

Ich sah nicht hin, aber ich hörte sie nach einer kurzen Pause lachen: »Stimmt ja irgendwie. Das Wasser ist so saukalt, dass man blaue Flecken davon kriegt.«

Ich hörte, wie sie zu mir hochkam, und sah wieder in ihre Richtung. Sie war angezogen und trug eine Umhängetasche aus indischem Stoff mit Goldfäden und kleinen Spiegelchen über der Schulter. Mir fiel ein, dass ich keine Unterwäsche gesehen hatte, nur noch ein T-Shirt und die labbrige gehäkelte Jacke, die jetzt über ihrem Arm hing.

»Und was machen Sie hier?«, fragte ich.

»Ich bin von Menzenschwand hier hochgewandert und war total verschwitzt.«

»Ich meine, warum sind Sie hier hochgewandert?«

»Mein Mann hat hier gewohnt, sein Auto muss hier irgendwo sein, das will ich abholen.«

»Ihr Mann? Dann müssten Sie meine Stiefmutter sein. Das wüsste ich dann doch.«

»War das Ihr Vater? Der hier ermordet wurde?«

»Ja«, sagte ich. Das zweite Todesopfer musste ihr Mann gewesen sein und der grüne Käfer ihm, das heißt jetzt ihr gehören.

Sie reichte mir ihre Hand. »Sylvie«, sagte sie. »Spengler. Das tut mir leid mit Ihrem Vater.«

»Stiller«, sagte ich, »Simon.«

»Wir haben dieselben Initialen.«

»Ja. Keine schönen.«

»Doch. Die Buchstaben können nichts für ihre Bedeutung im Dritten Reich.«

»Na ja«, sagte ich, »ein Monogramm würd ich mir nicht in die Wäsche sticken lassen.«

Ihr Mann und mein Vater waren vor Kurzem hier ermordet worden, und wir plauderten über die Anfangsbuchstaben unserer Namen. Das war absurd. Aber es war auch ein Weg, die peinliche Situation, in der ich wie ein Spanner ausgesehen hatte, vergessen zu machen. »Wollen Sie einen Kaffee?«, fragte ich.

»Gibt’s das hier?«

»Wenn ich den Herd ankriege. Und wenn Sie Nescafé ertragen können. So, wie ich meinen Vater kenne, hat er keinen richtigen da.«

Als ich die Flamme mit dem ersten Streichholz anbekam, ohne groß mit der Propangasflasche herumhantieren zu müssen, und zwei Teelöffel in dem kleinen Gitter neben der Spüle stehen sah, kam mir zu Bewusstsein, dass mein Vater mitten in seinem Alltag einfach aus dem Leben geschlagen worden war, und es fühlte sich wie ein Kreislaufzusammenbruch an. Ich stand da und starrte auf die Flamme, bis ich die Stimme von Frau Spengler hörte: »Was ist?«

»Weiß nicht.«

Sie sah mich prüfend an, nahm mir den kleinen Topf mit Wasser aus der Hand und stellte ihn auf die Gasflamme.

»Hatten Sie ein gutes Verhältnis zu Ihrem Vater?«

»Bis vor etwa zwölf Jahren ja, seither gar keines.«

Sie schwieg und öffnete, so als kenne sie sich aus, als gehöre sie hierher, die Tür des Schränkchens an der Wand, um zwei Porzellanbecher herauszunehmen. Auf einmal ärgerte mich ihre Frage. Vielleicht ärgerte mich auch meine Antwort, vielleicht war es auch der Kreislaufabsturz – ich hatte den Wunsch, gegen etwas zu treten, aber ich beherrschte mich, und der Wutanfall ging vorüber.

»Kannten Sie meinen Vater?«, fragte ich, um durch höfliche Konversation einem Rückfall vorzubeugen.

»Um Gottes willen. Nein.«

»Wieso um Gottes willen?«

Sie sah mich schon wieder so forschend an, schwieg eine Zeit lang und sagte dann leise: »Sie wissen es also nicht.«

»Was weiß ich nicht?« Der Wutanfall wollte zurückkommen, ich spürte es genau. Ich stemmte nicht wie ein Volksschauspieler die Hände in die Hüften, aber ich fühlte mich irgendwie sprungbereit oder alarmiert. Ich würde bellen oder beißen, wenn sie jetzt was Falsches sagte.

»Ihr Vater und mein Mann waren ein Liebespaar«, sagte sie, »sie waren …«

Sicher wusste sie nicht, welches Wort sie verwenden sollte, Homos, Tunten, vom anderen Ufer, warme Brüder oder Schwule. Das hätte ich auch nicht gewusst. Ich hatte das Gefühl, darauf achten zu müssen, dass ich wieder Luft bekam – mein letztes Einatmen schien mir eine ganze Weile her zu sein. Sie sah mich an.

»Tut mir leid«, sagte sie.

Das Wasser kochte. Ich stellte den Herd ab. Sie löffelte Nescafé in die Becher, und ich goss das sprudelnde Wasser darüber. Wir blieben in der Küche stehen, bliesen über die Oberflächen unserer Kaffees, stellten die Tassen nicht ab, sahen beide aus dem kleinen Fenster auf die Heidelbeeren, Farne und Fichtenschösslinge davor und schwiegen.

»Er hatte den David von Michelangelo in seinem Arbeitszimmer hängen«, sagte ich irgendwann.

»Das passt.«

»Ja.«

Sie trank einen Schluck von ihrem Kaffee und verzog das Gesicht.

»Schmeckt scheiße?«, fragte ich.

»Na ja«, sagte sie.

»Gehen wir raus?«


DeLiA steht für „Vereinigung deutschsprachiger Liebesromanautorinnen und –autoren“. Der
Kreis wurde bereits 2003 gegründet. Aus 226 teilnahmeberechtigten Einsendungen haben die Jury- und DeLiA-Mitglieder fünfzehn Liebesromane, die 2014 erschienen sind, für die Longlist nominiert.

Aus dieser Longlist werden die Juroren eine Shortlist mit den sieben Finalisten wählen, die
am 16. März 2015 vorgestellt wird. Die Sieger werden in einer Gala am 29. Mai 2015 im Rahmen der DeLiA-Liebesromantage in Sulzbach/Saarland bekannt gegeben.

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