Lieferung innerhalb 2-3 Tage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich
Blick ins Buch
Zweite Chance auf EdenZweite Chance auf Eden

Zweite Chance auf Eden

Der Armageddon-Zyklus 7

Taschenbuch
€ 12,00
E-Book
€ 9,99
€ 12,00 inkl. MwSt.
Vorbestellung möglich
Jetzt kaufen
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen
€ 9,99 inkl. MwSt.
Vorbestellung möglich
Jetzt kaufen Im Buchshop Ihrer Wahl bestellen
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen

Zweite Chance auf Eden — Inhalt

Mit Peter F. Hamiltons »Armageddon«-Zyklus gelangte das Genre der Space Opera zu neuer Blüte. Nun liegt mit der Neuausgabe von »Zweite Chance auf Eden« das perfekte Buch für Neueinsteiger und Fans der Reihe vor: In sieben längeren Erzählungen führt der Autor den Leser durch die Geschichte der Konföderation. Er erzählt von der Besiedlung erster fremder Planeten durch die Menschen, von gentechnischen Manipulationen und der Begegnung zwischen Menschen und Außerirdischen – und auch in diesem Band besticht Peter F. Hamilton mit einer unverwechselbaren Mischung aus Abenteuerroman und wissenschaftlicher Science-Fiction.

Erscheint am 01.06.2018
Übersetzer: Axel Merz
576 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-28147-8
Erscheint am 01.06.2018
Übersetzer: Axel Merz
576 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-97694-7

Leseprobe zu »Zweite Chance auf Eden«

Einführung

 

Die Storys, die in dieser Anthologie zusammengetragen sind, spielen im Universum meiner Nights Dawn Trilogy (dt.: Armageddon-Hexalogie [Anm. d. Übers.]). Sie bilden heute eine Reihe von schnappschussartigen Rückblenden in die Geschichte der Konföderation bis hin zur Zeit von Joshua Calvert und Quinn Dexter. Das war nicht immer so.

Während der frühen Neunziger schrieb ich mehrere Kurzgeschichten, deren Mittelpunkt die BiTek-Technologie bildete. Sie gehörten keinem besonderen Zukunfts-Universum an; ich war lediglich am Potential der Idee [...]

weiterlesen

Einführung

 

Die Storys, die in dieser Anthologie zusammengetragen sind, spielen im Universum meiner Nights Dawn Trilogy (dt.: Armageddon-Hexalogie [Anm. d. Übers.]). Sie bilden heute eine Reihe von schnappschussartigen Rückblenden in die Geschichte der Konföderation bis hin zur Zeit von Joshua Calvert und Quinn Dexter. Das war nicht immer so.

Während der frühen Neunziger schrieb ich mehrere Kurzgeschichten, deren Mittelpunkt die BiTek-Technologie bildete. Sie gehörten keinem besonderen Zukunfts-Universum an; ich war lediglich am Potential der Idee interessiert. Dann kam David Garnett daher. Er hatte kurze Zeit vorher ›Candy Buds‹ (dt.: Candyknospen, im vorliegenden Band [Anm. d. Übers.]) für seine New-Worlds-Anthologie eingekauft und sagte zu mir: »Sie sollten einen Roman daraus machen.«

»Unmöglich«, antwortete ich.

Das war in den Tagen meiner unwissenden Jugend, bevor ich auf die harte Tour begreifen lernte, dass der Lektor immer Recht hat.

Er überzeugte mich also, über seinen Vorschlag nachzudenken. Nights Dawn (dt.: Armaggeddon [Anm. d. Übers.]) war das Resultat. Schön, ich habe zwar nicht als Letzter gelacht, aber wenigstens ist es mir gelungen, ihn mit dem Umfang von Band eins, The Reality Dysfunction (dt.: Fehlfunktion sowie Die unbekannte Macht [Anm. d. Übers.]), allen 374000 Worten, einen gehörigen Schrecken einzujagen.

Was die hier vorgelegten Geschichten angeht – einige sind neu, und einige sind vorher in Magazinen erschienen. In diesem Fall habe ich sie leicht verändert, so dass sie in die Zeitlinie der Konföderation passen.

 

Peter F. Hamilton

Rutland, im Februar 1998

 

 

 

Erde 2070

Sonnies Trumpf (Sonnie᾿s Edge)

 

Es war helllichter Tag, also ging in Battersea überhaupt nichts. Der M500 Motorway über der Themse hatte uns mit einer Geschwindigkeit von einhundertfünfzig Stundenkilometern in das Herz Londons geführt, doch nachdem wir eine Spiralrampe hinuntergefahren und auf der Chelsea Bridge angekommen waren, betrug unsere Geschwindigkeit konstant einen Kilometer pro Stunde. Unser Ziel lag drei Kilometer von uns entfernt.

Wir reihten uns ein in die Schlange chromsilberner Fahrzeuge, die die Straße verstopften, und erhöhten die Reflexionsstärke unserer Scheiben gegen das grelle Funkeln. Bikes quetschten sich durch die schmalen Lücken, die Fahrer in glatthäutigen Klimaanzügen. Lichthupen blitzten ihnen wütend hinterher, während sie durch den Stau glitten, eine Art fortlaufender Stroboskopeffekt. Als wäre das nicht bereits schlimm genug, war die Luft erfüllt vom Vibrieren der Nabenmotoren und Klimaanlagen, und alles in einer Frequenz, die garantiert Migräne hervorrief. Drei Stunden davon.

Ich hasse Städte.

Mittag, und wir rollten in den verlassenen Hof wie ein altertümlicher Zirkuswagen auf dem Weg in die Stadt. Ich saß auf dem Beifahrersitz neben Jacob, hoch oben in der Kabine des alten Zehnachsers, die Füße auf dem Armaturenbrett, oberhalb der Flutlinie von Mac-was-weiß-ich-Verpackungen, die den Boden übersäten. Neugierige Roadies aus der Arena liefen auf dem von Rissen durchsetzten Beton durcheinander und starrten uns neugierig an. Die beiden anderen Wagen im Konvoi unseres Teams bogen von der Straße ab und in den Hof. Hinter uns schlossen sich zwei schwere rostige Metallgatter mit lautem Knall.

Jacob verriegelte die Räder und schaltete die Energiezufuhr ab. Ich kletterte aus der Fahrerkabine. Die silberne Seite des Wagens war beschlagen von den Ausdünstungen der Stadt, doch mein Spiegelbild war noch halbwegs zu erkennen. Ein blonder Kurzhaarschnitt, der dringend der pflegenden Hand eines Friseurs bedurfte; die Kleidung ähnlich verwahrlost, schätze ich: ein ärmelloses schwarzes T-Shirt und olivgrüne Bermudashorts, die ich seit über einem Jahr trug, die Füße in durchgescheuerten weißen Turnschuhen. Ich war zweiundzwanzig, obwohl ich die Art von hagerer Gestalt besaß, wie man sie bei dreißigjährigen Frauen findet, die zum Fitnesstraining gehen und Diät leben, um wieder wie zweiundzwanzig auszusehen. Mein Gesicht war gar nicht so übel; Jacob hatte es wiederhergestellt und mir die vorspringenden Wangenknochen verliehen, die ich mir als Teenager immer gewünscht habe. Vielleicht war es nicht ganz so ausdrucksvoll wie früher einmal, doch die verzerrenden Rundungen der Karosserie machten es schwierig, das festzustellen.

Nachdem wir die kühle, ruhige Isolation der Kabine hinter uns gelassen hatten, traf mich die Lärmkulisse von London voll, zusammen mit der Hitze und den Gerüchen. Die drei wichtigsten Abfallprodukte von achtzehn Millionen Einwohnern, ausnahmslos fest entschlossen, ihren Lebensstil zu erhalten, indem sie sich durch Konsumgüter fraßen und Energie in einem Ausmaß verbrauchten, wie sie nur die Industrie des einundzwanzigsten Jahrhunderts zu liefern imstande war. Und selbst sie hatte Mühe, mit der Nachfrage Schritt zu halten.

Ich kann mich mitten hinein in diesen Bienenschwarm aus Gier versetzen, in seine Sucht nach einem Stück vom Leben. Ich weiß, wonach sie sich am meisten sehnen, und wir liefern es ihnen.

Aufregung, Spannung. Damit verdienen ich und der Rest von Sonnie᾿s Predators unsere Brötchen. Und wir haben einen großen und einzigartigen Brocken davon hierher nach Battersea mitgebracht. Heute Nacht wird es einen Kampf geben.

Eine Hetzjagd: der zeitlose Sport, gewalttätig, spektakulär, blutrünstig … und stets tödlich. Neu und echt, Welten entfernt von dem keimfreien, entschärften Mist der VR-Games, die Nacht für Nacht von den Konsumenten in ihre Taksuit-Prozessoren geladen werden. Das hier ist real; es entfacht die alten Instinkte, die stärksten und süchtig machendsten von allen. Und Sonnie᾿s Predators sind das heißeste Team auf dem Globus, seit die Wettbewerbe vor zwei Jahren in Mode gekommen sind. Siebzehn Siege in Folge. Wir haben Hetzer-Groupies auf dem ganzen Weg von den Orkney-Islands bis hinunter nach Cornwall.

Ich hatte Glück, weil ich schon seit Stufe eins dabei war, als es noch in Mode war, Rottweiler und Dobermänner mit Fangimplantaten und Rasiermesserklauen zu modifizieren. Jede Wette, dass der gute alte Wing-Tsit Chong nicht im Traum an eine solche Möglichkeit gedacht hat, als er seine Affinitätsbindung erfand.

Karran und Jacob waren der Kern des Teams, frisch von der Leicester University und mit heißen, vielversprechenden Abschlüssen in Biotechnologie. Mit ihren Qualifikationen hätten sie bei jeder Company auf dem ganzen Planeten anfangen und sich mitten in eine Welt aus angewandter Forschung und jährlichen Budget-Streitereien stürzen können. Es ist ein Wechsel, wie ihn Millionen anderer Studienabgänger Jahr für Jahr vollziehen, Lebensfreude gegen Sicherheit und die große Erleichterung zu wissen, dass die Studiendarlehen von jemand anderem bezahlt werden. Doch es war um die Zeit herum, als die Päpstin begann, den rechten Flügel der Kirche aufzustacheln und öffentlich die Moral der Affinität in Frage stellte sowie die Art und Weise, wie sie zur Kontrolle von Tieren eingesetzt wurde. Es dauerte nicht lange, bis sich die Mullahs zum Chor gesellten. Die Ethik der Biotechnologie wurde zu einer der großen Schlagzeilen bei den Nachrichtensendern, ganz zu schweigen von den terminalen Kampagnen, die ein paar Dutzend militante Tierschutzorganisationen gegen Biotechnologie-Laboratorien starteten. Plötzlich schien die etablierte Biotechnologie gar nicht mehr so verlockend.

Hätten die beiden nicht innerhalb von sechs Monaten mit der Rückzahlung ihrer Studentendarlehen begonnen, wären sie von ihrer Bank einfach einer Company zugeteilt worden (die Bank hätte sich von ihren Gehältern zusätzlich eine Provision eingesteckt). Die Hetzjagd war die einzige finanziell mögliche Alternative für ihr Talent.

Ivrina war eine ehemalige Operationsschwester, die erst kurze Zeit bei den beiden war und bei der Transplantationstechnik half, als ich ankam. Ich hatte mich treiben lassen, war ohne Ehrgeiz und besaß noch weniger Bildung – gerade genug, um zu erkennen, dass das hier etwas anderes war, etwas, in dem ich aufgehen konnte, in dem ich es vielleicht sogar zu etwas bringen konnte. Es war neu für alle, wir waren ausnahmslos Anfänger und Lernende. Sie stellten mich als Fahrerin und Mädchen für alles ein.

Drei Monate später kam Wes hinzu. Ein Hardwarespezialist – oder Nerd, je nachdem, wie man es betrachtete. Ein wichtiger Posten bei einem Sport, dessen Entwicklungsstand nahezu täglich voranschritt. Wes kümmerte sich um die Klontanks, die Computercluster und Khanivores Lebenserhaltungssysteme sowie tausend andere elektronische Apparate.

Wir schlugen uns gar nicht schlecht, Jacob᾿s Banshees, wie wir uns damals noch nannten, und wir kämpften hart um unseren Kultstatus. Eine dezente Siegquote, fast sechzig Prozent. Jacob und Karran waren immer noch hoch verschuldet, doch sie konnten die monatlichen Raten zahlen. Wir hatten genügend Geld in der Kasse, um unabhängig zu bleiben, während unsere Konkurrenz auf Sponsorengelder aus war. Arm aber frei – das älteste Motiv der Welt. Wir warteten darauf, dass unser Sport das Interesse der Medien erweckte und groß herauskam. Es würde kommen, unausweichlich – alle Teams wussten das.

Dann ereilte mich mein Missgeschick, und ich kam zu meinem Killer-Trumpf.

Das Summen der Nabenmotoren der beiden anderen Wagen verklang, und der Rest der Mannschaft gesellte sich zwischen Unkraut und Katzenpisse zu mir auf den Beton des Hofs. Nach einem Bauschild der Londoner Stadtverwaltung am Metallgatter sollte hier auf dem Hof einer der Stützpfeiler für die geplante Central-South-Kuppel entstehen. Obwohl nur Gott allein wusste, wann die Bauarbeiten je beginnen würden. Über der umlaufenden Mauer mit dem Natodraht und seinen rasiermesserscharfen Kanten war die Kuppel von Central-North zu erkennen. Eine geodätische Konstruktion aus bernsteinfarbenem Kristall, vier Kilometer im Durchmesser, die sich wie eine Vitrine über den antiken Gebäuden darunter über den größten Teil des Westminster-Distrikts spannte. Die Stützpfeiler waren winzig angesichts der gigantischen Größe des Gebildes. Sie bestanden aus einer Art superstarker Faser, die im Orbit hergestellt wurde, und sie glitzerten prismatisch im schmerzhaft hellen Sonnenlicht. Rechts und links von Central-North zerteilten bereits die noch leeren Traggerüste der Chelsea- und Islington-Kuppeln den Himmel in sechseckige Facetten. Eines Tages würden alle Städte so aussehen, sich unter Kuppeln vor dem feindlichen Klima verstecken, das ihr eigener thermischer Ausstoß geschaffen hatte. In London gab es längst keinen Smog mehr. Heute gab es nur noch die flirrende, überhitzte Luft aus den Abluftrohren von fünfundzwanzig Millionen Klimaanlagen. Die zehn größten davon saßen über der Kuppel von Central-North, wie schwarze Entenmuscheln, die den Überschuss an Wärme in riesigen Fontänen aus grauem Dunst ausspien. Die Londoner Stadtverwaltung hatte ein Flugverbot über der gesamten Zone verhängt aus Furcht vor dem, was die gigantischen lichtlosen Flammen mit der Aerodynamik anstellten.

Karran kam heran und stellte sich zu mir. Sie trug einen breitkrempigen Panamahut über ihrem krausen titanfarbenen Haar. Ivrina stand ein paar Schritte abseits mit nichts auf dem Leib als einem Haltertop und abgeschnittenen Jeans. Die UV-Schutzbehandlung hatte ihre arktisch-weiße Prinzessinnenhaut in ein leuchtendes Zimtbraun verwandelt. Wes schlang schützend einen Arm um ihre Hüfte, während sie missbilligend die übel riechende Luft einsog.

»Wie ist die Stimmung, Sonnie?«, fragte Karran.

Alle verstummten, selbst Jacob, der sich gerade mit dem Boss der Roadies unterhielt. Wenn der Kämpfer eines Hetzteams nicht in die richtige Hype kommt, dann packt man ein und fährt nach Hause. Trotz aller Genialität und technischen Unterstützung spielt der Rest des Teams beim Wettkampf keine Rolle. Es liegt alles an mir.

»Bestens«, berichtete ich ihnen. »Es dauert nicht länger als fünf Minuten.«

Ich habe nur einmal wirklich gezweifelt. Ein Kampf in Newcastle, als wir gegen das Team von King Panther antreten mussten. Es war eine ganz üble Geschichte. Khanivore hat ziemlich heftige Wunden erlitten. Trotzdem habe ich am Ende gewonnen. Es war die Art von Kampf gewesen, aus der Legenden geboren werden.

Ivrina schlug mit der Faust in die offene Handfläche.

»Atta Girl!« Sie sah erhitzt aus, als suchte sie den Kampf. Wer sie so sah, würde sicher glauben, dass sie Khanivore boosten würde. Ivrina besaß ohne Zweifel das richtige Feuer dazu; ob sie allerdings auf meinen Killerbonus eingehen würde, kann ich nicht sagen.

Wie sich herausstellte, war Dicko, der Betreiber der Arena, ein guter Organisator. Zur Abwechslung mal etwas anderes.

Bei manchen Kämpfen fragten wir uns, ob das, wo wir kämpften, überhaupt eine Arena war; Helfer hinter der Bühne suchte man häufig vergebens.

Jacob dirigierte die Roadies, und sie machten sich daran, Khanivores Lebenserhaltungstank vom Laster abzuladen. Auf seinem fleischigen Gesicht glitzerten dicke Schweißperlen, als der milchig-undurchsichtige Zylinder zusammen mit den Hilfsmodulen langsam von der Ladefläche gehoben wurde. Ich weiß nicht, warum er sich wegen eines Sturzes aus zwei Metern Höhe so sehr in die Hosen machte. Er war schließlich größtenteils für das Design unseres kleinen Tierchens verantwortlich, zumindest für seinen Körper (Karren kümmerte sich um das Nervensystem und den Kreislauf), also musste er doch am besten wissen, wie widerstandsfähig Khanivore war.

Die Arena war früher ein großes Rohrlager gewesen, bevor Dicko gekommen war und seinen Laden aufgemacht hatte. Er hatte die Schale aus Wellblech behalten und die automatischen Stapelanlagen herausgerissen, so dass in der Mitte Platz war für ein Loch aus Polyp – rund, fünfzehn Meter im Durchmesser und vier Meter tief. Es war vollständig von Sitzreihen umgeben, einfachen konzentrischen Kreisen aus Holzplanken auf einem Spinnengeflecht aus rostigen Trägern. Die oberste Reihe lag zwanzig Meter über dem Betonboden und berührte fast die von kondensierter Feuchtigkeit glatten Paneele des Dachs. Beim Anblick der wackligen Zuschauertribünen war ich froh, dass ich nicht dort sitzen musste.

Unser Vorbereitungsraum war das ehemalige Büro des Lagermeisters. Die Roadies wuchteten Khanivores Lebenserhaltungstank an seinen Platz auf eine Reihe schwerer Holzböcke. Sie knarrten protestierend, aber sie hielten.

Ivrina und ich machten uns daran, die Fenster mit schwarzer Polyethylenfolie zu verkleben. Wes verband die Hilfsmodule mit der Energieversorgung des Lagerhauses. Karran setzte ihre I-Brille auf und startete Diagnoseläufe durch Khanivores Nervensystem.

Jacob kam mit einem breiten Grinsen im Gesicht herein. »Die Wetten stehen neun zu zwei auf uns«, berichtete er. »Ich habe fünf Riesen auf uns gesetzt. Schätze, du wirst damit fertig, Sonnie, oder?«

»Verlass dich drauf. Die Urban Gorgons haben sich selbst gerade ein totes Tierchen eingehandelt.«

»Mein Mädchen«, sagte Wes stolz und klopfte mir auf die Schulter.

Er log, und das tat weh. Wes und ich waren acht Monate lang ein unzertrennliches Paar gewesen, bis zum Tag meines Missgeschicks. Jetzt brachten er und Ivrina jede Nacht die Aufhängung des Caravans zum Schaukeln. Ich konnte ihm keinen Vorwurf daraus machen – keinen bewussten jedenfalls. Doch wenn ich sah, wie sie überall gemeinsam hingingen, die Arme umeinander geschlungen, lachend, sich neckend … es ließ mich nicht kalt.

Eine Stunde, bevor es soweit war, kam Dicko herein. Wenn man ihn betrachtete, stellte man sich unwillkürlich die Frage, wie er in diesem Geschäft landen konnte. Ein würdevoller alter Bursche, höflich, mit guten Manieren und freundlichem Lächeln, groß gewachsen und dünn, mit buschigem silbernem Haar, das zu dick war, um natürlich zu sein, und einem leicht steifen Gang, gestützt auf einen Stock mit silbernem Knauf. Seine Kleidung entsprach der Mode des letzten Jahrhunderts: ein hellgrauer Anzug mit schmalen Revers, ein weißes Hemd und eine dünne kastanienbraune Krawatte.

Hinter ihm kam ein Mädchen herein, ein hübsch gewachsener Teenager mit süßem Gesicht und einer Wolke aus lockigem dichtem, rötlichbraunem Haar, das einen betont zurückhalten Ausdruck rahmte. Sie trug ein einfaches limonenfarbenes Kleid mit rechteckigem Ausschnitt und tiefem Saum. Sie tat mir Leid – doch das war eine alte Geschichte; Teenager wie sie finden sich bei jedem unserer Wettkämpfe ein. Sie verriet mir alles, was ich über Dicko und seinen kultivierten Manierismus wissen musste. Nichts als eine Fassade.

Einer der Roadies schloss hinter sich die Tür und sperrte den Lärm der großen Halle mit ihrer pfeifenden Lautsprecheranlage aus. Dicko verneigte sich knapp vor mir und den anderen Frauen unserer Truppe, dann reichte er Jacob einen Umschlag. »Ihr Startgeld.«

Der Umschlag verschwand in Jacobs ärmelloser Lederweste.

Gepflegte silberne Augenbrauen hoben sich einen halben Millimeter. »Sie wollen nicht nachzählen?«

»Ihr Ruf ist gut«, antwortete Jacob. »Sie sind ein Profi, oberste Kategorie. Heißt es jedenfalls.«

»Sehr freundlich von Ihnen, danke. Doch auch Sie bringen eine ganze Reihe von Empfehlungen mit.«

Ich schwieg, während er und der Rest des Teams dummes Zeug und leere Floskeln austauschten. Es gefiel mir nicht – er störte mich. Manche Teams zogen es vor, vor dem Wettkampf zu reden; irgendeine Taktik vielleicht, um in letzter Sekunde wichtige Informationen zu erlangen. Ich hingegen mochte die Ruhe und Stille, um mich durch Zen vorzubereiten. Freunde, die redeten, wenn mir danach war, und die wussten, wann sie den Mund halten sollten. Ich war nervös, und die Anspannung verursachte mir eine Gänsehaut.

Jedes Mal, wenn ich zu Dickos Mädchen blickte, schlug sie hastig die Augen nieder. Sie beobachtete mich verstohlen.

»Ich frage mich, ob ich vielleicht einen Blick auf Khanivore werfen dürfte?«, bat Dicko. »Man hat so viel über ihn gehört …«

Die anderen drehten sich wie ein Mann zu mir um, um mich zu fragen.

»Sicher.« Vielleicht würde der alte Kerl endlich verschwinden, wenn er Khanivore gesehen hatte. Außerdem kann man schließlich niemanden aus dem eigenen Haus werfen.

Wir versammelten uns um den Lebenserhaltungstank, mit Ausnahme von Dickos Mädchen. Wes deaktivierte die Opazität, und Dickos Gesicht wurde hart in grimmiger Erwartung, wie das Grinsen eines Toten. Der Anblick machte mich ganz ruhig und kalt.

Khanivore ist fast drei Meter groß und annähernd hominid in der Hinsicht, dass er zwei Beine und einen fassförmigen Torso besitzt, auch wenn er in einem schwarzen Exoskelett steckt. Der Rest ist ein wenig, wie soll ich es ausdrücken, fremdartig.

Aus der Oberseite des Torsos entspringen fünf gepanzerte Tentakel, von denen zwei in rasiermesserscharfen Knochenzangen enden. Die Tentakel waren zusammengerollt wie ein Nest schlafender Boa constrictors, um in den Tank zu passen. Außerdem besaß Khanivore einen dicken, beweglichen Zwanzig-Zentimeter-Hals, der einen Kopf wie aus einem Alptraum trug. Er bestand ganz aus chromschwarz poliertem nacktem Knochen. Auf der Vorderseite lag ein Haifischmaul mit doppelten Zahnreihen, während die Schädelkappe mit tiefen Einschnitten und Kratern versehen war, um die Sinnesorgane zu schützen.

Dicko streckte die Hand aus und berührte die Oberfläche des Tanks. »Exzellent«, flüsterte er heiser, dann fügte er wie beiläufig hinzu: »Ich möchte, dass Sie für mich eine Schwalbe machen.«

Ein Augenblick verblüfften Schweigens entstand.

»Was sollen wir?«, krächzte Karran schließlich.

Dicko richtete sein Totengrinsen direkt auf sie. »Eine Schwalbe. Ich werde gut bezahlen, das Doppelte der Siegprämie, zehntausend CU. Plus sämtlicher Nebenwetten, die Sie zweifellos abschließen werden. Genug, um ein Amateurteam wie das Ihre für lange Zeit vom finanziellen Druck zu befreien, der zweifellos auf Ihnen lastet. Wir können meinetwegen auch noch in paar zukünftige Kämpfe vereinbaren.«

»Scheiße, bestimmt nicht!«

»Und mehr werden Sie von uns nicht hören«, spuckte Jacob. »Sie haben es selbst vermasselt, Dicko. Wir sind Profis, Mann, richtige Profis. Wir glauben an den Sport. Es ist unser Sport! Wir waren von Anfang an dabei, und wir werden nicht zulassen, dass Mistkerle wie Sie alles verderben, um einen schnellen Profit zu machen. Wenn das Gerücht von abgesprochenen Kämpfen nach draußen dringt, verlieren wir alle, auch Sie.«

Er war aalglatt, das muss ich gestehen; seine Fassade aus weltmännischen Umgangsformen schwankte nicht einen Augenblick. »Sie denken nicht nach, junger Mann. Um den Sport zu betreiben, benötigen Sie Geld. Eine Menge Geld, ganz besonders in der Zukunft. Schon heute richten große kommerzielle Unternehmen den Blick auf Ihren Sport, und bald schon wird er wirklich professionell mit richtigen Ligen und Verbänden, die Regeln aufstellen. Mit der richtigen Unterstützung kann ein Team wie das Ihre problemlos überleben, bis Sie das Rentenalter erreichen. Selbst ein Tierchen, das niemals verliert, muss alle neun Monate von Grund auf neu aufgebaut werden, ganz zu schweigen von den kontinuierlichen Verbesserungen, die Sie ihm anheften müssen. Die Hetze ist ein kostspieliges Geschäft, und daran wird sich bestimmt nichts ändern, im Gegenteil. Und ein Geschäft ist sie schon jetzt, das werden Sie zugeben müssen. Im Augenblick sind Sie nichts weiter als naive Amateure, die rein zufällig eine Glückssträhne haben. Machen Sie sich selbst nichts vor; eines Tages werden Sie verlieren. Sie brauchen eine sichere Einnahmequelle, die Ihnen über die mageren Zeiten hinweghilft, während sie ein neues Tierchen entwickeln und testen.

Und ich biete Ihnen genau das: den ersten Schritt in Richtung Verantwortlichkeit. Kämpfer und Veranstalter leben voneinander. So war es immer, selbst damals, in den Zeiten der römischen Gladiatoren. Und so wird es immer bleiben. Daran ist nichts Unehrenhaftes. Heute Abend werden die Fans den gewaltigen Kampf sehen, für den sie bezahlt haben, denn Khanivore ist bestimmt nicht leicht zu schlagen. Und sie werden wiederkommen, um Sie zu sehen, werden nach Ihrem Sieg schreien und außer sich sein, wenn Sie gewinnen. Kampf, Herzschmerz und Triumph, das ist es, was ihre Aufmerksamkeit fesselt, was jeden Sport lebendig hält. Glauben Sie mir, ich kenne die Massen viel besser, als Sie es jemals tun werden. Ich habe mein ganzes Leben lang nichts anderes studiert.«

»Und wie man Geld macht«, sagte Ivrina leise. Sie hatte die Arme vor der Brust verschränkt und starrte ihn verächtlich an. »Hören Sie auf mit dieser Scheiße, Sie wollten uns einen Gefallen tun. Sie besitzen die Buchmacherläden in diesem Teil der Stadt. Sie und ein paar andere. Eine kleine, verschworene Gruppe, die alle Fäden fest in der Hand hält. So ist die Lage, und so ist es immer gewesen. Ich sage Ihnen, was heute Abend wirklich passiert. Jeder Wetter hat sein Geld auf Sonnie᾿s Predators gesetzt, die todsicheren Favoriten. Sie und Ihre Freunde haben ebenfalls gewettet, und Sie haben sich ausgerechnet, wie Sie am meisten profitieren können. Indem Sie uns zehn Riesen für unsere Niederlage hinschieben und mit einem Riesengewinn nach Hause gehen.«

»Fünfzehntausend«, sagte Dicko völlig ungerührt. »Bitte nehmen Sie das Angebot an. Ich bitte Sie als Freund. Was ich gesagt habe, ist die Wahrheit, ganz gleich, welche Motive Sie mir unterjubeln. Eines Tages werden Sie verlieren.« Er wandte sich um und blickte mich an, und sein Gesichtsausdruck war beinahe flehentlich. »Sie sind die Kämpferin des Teams, von Natur aus diejenige mit der ausgeprägtesten praktischen Veranlagung. Wie viel Vertrauen haben Sie in Ihre eigenen Fähigkeiten? Sie stehen dort draußen in der Arena, Sie kennen die Augenblicke des Zweifels, wenn Ihr Gegner einen schlauen Zug angebracht hat. Sicherlich sind Sie nicht so arrogant zu glauben, dass Sie unbesiegbar sind?«

»Nein, ich bin nicht unbesiegbar. Ich habe lediglich einen Bonus. Ist Ihnen noch nie in den Sinn gekommen sich zu fragen, warum ich immer gewinne?«

»Darüber gibt es eine ganze Menge Spekulationen.«

»Das kann ich mir denken. Obwohl niemand außer mir diesen Bonus jemals nutzen könnte. Verstehen Sie, ich kann nicht gegen die Urban Gorgons verlieren. Nicht solange sie Simon als Kämpfer einsetzen.«

»Das verstehe ich nicht. Sie können doch nicht jeden Kampf als persönliche Abrechnung betrachten.«

»Oh, aber genau das ist es. Wenn die Urban Gorgons einen weiblichen Kämpfer in die Arena schicken würden, würde ich vielleicht darüber nachdenken, Ihr Geld anzunehmen. Aber ich bin praktisch die einzige Frau in der Szene. Keines der anderen Teams setzt eine Frau ein, um seine Tierchen zu boosten. Keines, von dem ich wüsste.«

»Das ist Ihr legendärer Bonus? Ihr Killer-Trumpf? Frauen kämpfen besser als Männer?«

»Motivation ist der Schlüssel«, erwiderte ich. »Wir benutzen Affinität, um die Tierchen zu kontrollieren.

Diese Kreaturen, die wir zusammenbauen, existieren in der Natur nicht. Und es wäre auch nicht möglich, beispielsweise das Gehirn eines Löwen zu nehmen und es mit Khanivores Nervensystem zu verbinden. Denn es würde trotz all seiner Jagd- und Tötungsinstinkte nichts mit Khanivores Sensorium anfangen können, und es wäre auch nicht imstande, die Gliedmaßen zu benutzen. Deswegen geben wir unseren Monstern Bioware-Prozessoren statt Gehirnen. Aber Prozessoren leisten immer noch nicht das, was wir brauchen. Für ein Programm kann ein Kampf niemals etwas anderes sein als eine komplexe Abfolge von Problemen, wie ein dreidimensionales Schachspiel. Ein Angriff wird in eine Reihe von Segmenten zerlegt, die getrennt analysiert und auf entsprechende Abwehrzüge hin untersucht werden. Und bis zu dieser Abwehr hat ein halbwegs intelligenter Gegner unser Tierchen längst zerfetzt. Kein Programm ist imstande, ein Gefühl für Dringlichkeit zu entwickeln, zusammen mit panikgeschärften Instinkten. Reine Wildheit, wenn Sie so wollen. Die Menschen sind darin wahre Meister, und das ist der Grund, aus dem wir die Affinitätsbindung benutzen. Die Hatz ist eine physische Erweiterung des menschlichen Bewusstseins, unsere dunkle Seite in all ihrem Horror. Und deswegen sind die Zocker heute Nacht hergekommen, Dicko, um reine Bestialität zu erleben. Ohne unsere Tierchen wären wir Kämpfer selbst dort draußen in der Arena, und wir würden uns gegenseitig umbringen, daran besteht nicht der geringste Zweifel.«

»Und Sie sind die wildeste und bestialischste von allen?«, fragte Dicko. Er blickte die anderen Mitglieder unseres Teams an, ihre steinernen Gesichter, auf der Suche nach Bestätigung.

»Das bin ich heute«, sagte ich, und zum ersten Mal mischte sich eine Spur von Wildheit in meine Stimme. Ich bemerkte, wie sich die Frau versteifte und ihre Augen groß und rund wurden.

»Vor einem Jahr oder so wurde ich von einer Gang gefangen. Es gab keinen besonderen Grund; ich war nur zur falschen Zeit am falschen Ort. Wissen Sie, was sie mit Frauen machen, Dicko?« Ich stieß die Worte zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, und meine Blicke hafteten unverrückbar auf seinem Gesicht. Seine Maske bekam erste Sprünge, kleine Risse, durch die Emotionen hervorschimmerten.

»Ja, das wissen Sie, nicht wahr? Der Gang Bang war nicht so schlimm; es dauerte nur zwei Tage. Doch als sie davon genug hatten, fingen sie mit Messern an. Es hat etwas mit Reviermarkierung zu tun; jeder soll wissen, wie verdammt hart sie sind. Und deswegen werde ich den Turboraptor der Urban Gorgons heute Nacht, draußen im Loch, in Fetzen reißen. So kleine Fetzen, dass nichts mehr übrig ist außer einem blutigen Nebel. Nicht wegen des Geldes, Dicko, nicht einmal wegen des Ruhms, sondern weil ich diesen männlichen Dreckskerl Simon fertig machen will.« Ich trat einen Schritt auf Dicko zu, und in meinen Worten lag unverhohlene Drohung. »Weder Sie noch irgendjemand sonst wird das verhindern. Haben Sie das begriffen, Arschloch?«

Eines von Khanivores Tentakeln entrollte sich, eine undeutliche Bewegimg hinter der wieder milchigen Oberfläche des Lebenserhaltungstanks.

Dicko warf einen hastigen Blick auf die erregte Bestie und verneigte sich einmal mehr förmlich. »Ich werde Sie nicht weiter drängen. Aber ich bitte Sie dennoch, über das nachzudenken, was ich vorgeschlagen habe.« Er machte auf dem Absatz kehrt und befahl dem Mädchen mit einem Fingerschnippen, ihm zu folgen. Sie gehorchte und verschwand durch die Tür.

Die anderen kamen zu mir und lächelten ermunternd oder umarmten mich heftig.

Peter F. Hamilton

Über Peter F. Hamilton

Biografie

Peter F. Hamilton wurde 1960 in Rutland, Großbritannien, geboren. 1988 verkaufte er seine erste Kurzgeschichte an das legendäre »Fear«-Magazin. Mit seinen gefeierten Serien um das »Konföderations«- und das »Commonwealth«-Universum wurde er zu einem der erfolgreichsten phantastischen Autoren unserer...

Kommentare zum Buch

Kommentieren Sie diesen Beitrag:
(* Pflichtfeld)
Kommentar senden