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SleeplessSleepless

Sleepless

Andreas Brandhorst
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Thriller

Paperback
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Sleepless — Inhalt

Ein neues Medikament kommt auf den Markt: Sleepless. Es bietet Menschen die Möglichkeit, auf Schlaf zu verzichten, ohne müde zu werden. Der Hersteller, ein pharmazeutisches und biotechnologisches Start-up in Hamburg namens Harmony, möchte viel Geld damit verdienen. Doch wie verändert sich das Leben der Menschen durch den Konsum? Wie verändert sich unsere Gesellschaft, wenn die Menschen 24 Stunden am Tag aktiv bleiben? Schon bald stellt sich heraus, dass die Schlaflosigkeit, die den Menschen mehr bewusste Lebenszeit gibt, nicht ohne Folgen bleibt ...

€ 17,00 [D], € 17,50 [A]
Erschienen am 29.07.2021
720 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-06230-5
Download Cover
€ 14,99 [D], € 14,99 [A]
Erschienen am 29.07.2021
720 Seiten, WMePub
EAN 978-3-492-99664-8
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Leseprobe zu „Sleepless“

Prolog


Der Flammenmann kam aus dem Dunkeln auf ihn zu.
Konstantin bemerkte das Licht, bevor er ihn sah, und er hörte das Knistern und Prasseln des Feuers, noch bevor die Schatten zwischen den alten Lagerhäusern in Bewegung gerieten und flohen. Flammenschein spiegelte sich in den Regenpfützen wider, und dann trat sie hinter der Ecke des nächsten Gebäudes hervor: eine feurige Gestalt, der er zum dritten Mal begegnete.
Diesmal wich er nicht zurück.
„Wer bist du?“, fragte er, seine Stimme rau. „Was willst du?“
Der Flammenmann antwortete nicht, vielleicht konnte [...]

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Prolog


Der Flammenmann kam aus dem Dunkeln auf ihn zu.
Konstantin bemerkte das Licht, bevor er ihn sah, und er hörte das Knistern und Prasseln des Feuers, noch bevor die Schatten zwischen den alten Lagerhäusern in Bewegung gerieten und flohen. Flammenschein spiegelte sich in den Regenpfützen wider, und dann trat sie hinter der Ecke des nächsten Gebäudes hervor: eine feurige Gestalt, der er zum dritten Mal begegnete.
Diesmal wich er nicht zurück.
„Wer bist du?“, fragte er, seine Stimme rau. „Was willst du?“
Der Flammenmann antwortete nicht, vielleicht konnte er gar nicht sprechen. Langsam setzte er einen brennenden Fuß vor den anderen.
Konstantin blieb stehen. In der rechten Hand hielt er eine Schusswaffe, einen Colt Python aus seiner Sammlung. Er richtete den Revolver auf die lodernde Gestalt. „Bleib stehen!“
Ein weiterer Schritt. Zischend verdampfte das Regenwasser unter glühenden Füßen.
„Ich schieße, wenn du nicht stehen bleibst!“, warnte Konstantin und spannte den Hahn.
Der Flammenmann ging weiter, einen ruhigen Schritt nach dem anderen.
Konstantin drückte ab. Der Knall des Schusses zerriss die Stille der Nacht.
Die lodernde Gestalt gab noch immer keinen Ton von sich, abgesehen vom Knistern ihrer Flammen, und zeigte sich völlig unbeeindruckt. Sie setzte ihren Weg fort, ohne langsamer zu werden.
Konstantin schoss zwei weitere Male und war sicher, dass er traf. Die großkalibrigen Geschosse hätten einen Menschen zu Boden geschickt, doch dem Flammenmann konnten sie nichts anhaben. Er blieb auf den brennenden Beinen und kam noch näher.
Hitze wogte Konstantin entgegen. Er kniff die Augen zu, geblendet vom hellen Licht des Feuers, und fühlte, wie ihm der Schweiß ausbrach.
„Ich weiche nicht zurück, siehst du?“, rief er. „Ich habe keine Angst vor dir! Dies ist nur ein Traum!“
Zwei letzte Schritte, dann stand der Flammenmann direkt vor ihm. Die Hitze schien unerträglich.
Eine Stimme flüsterte: „Bist du sicher, dass dies wirklich nur ein Traum ist?“

Konstantin öffnete die Augen.
Warmer Wind bewegte die nur halb zugezogenen Gardinen des offenen Fensters. Eine schmale Mondsichel zeigte sich am Nachthimmel. Im Zimmer rührte sich nichts. Von draußen kamen die Geräusche einer Stadt, die nicht mehr schlief.
Konstantin sah zur Uhr auf dem Nachtschränkchen – halb drei. Er hatte nur eine halbe Stunde geschlafen, und es war nicht einmal richtiger Schlaf gewesen, nur ein leichtes Dösen. Trotzdem fühlte er sich frisch und ausgeruht.
Es wurde immer weniger. Zu Anfang waren es noch zwei oder drei Stunden Schlaf gewesen, dann nur noch eine und eine halbe. Wenn es so weiterging, brauchte er am Ende der Woche wahrscheinlich gar nicht mehr zu schlafen.
Konstantin schwang die Beine vom Bett, stand auf und ging zum Fenster. Zwei Lichterteppiche lagen vor ihm ausgebreitet, durch den dunklen Streifen der Straße von Messina voneinander getrennt: hier Archi, nördlicher Stadtteil von Reggio Calabria, und auf der anderen Seite der Meerenge die Stadt Messina auf Sizilien. Musik tönte aus offenen Restaurants und Cafés, zahlreiche Menschen waren unterwegs.
Mit bloßem Oberkörper stand Konstantin am Fenster, spürte den warmen Nachtwind und war sich auf eine seltsam deutliche Art und Weise der eigenen Lebendigkeit bewusst. Die Gerüche der Stadt und des Meeres hatten eine neue Intensität, ebenso das Licht der Straßenlampen, Werbeleuchten und Autoscheinwerfer und die Geräusche, die der Wind zu ihm trug. Wenn er die Augen schloss, glaubte er, die Stimmen von Menschen zu hören, die Hunderte von Metern entfernt sprachen und lachten.
Er betrachtete seine Hände. Sie steckten voller Kraft, voller Leben. Es waren Hände, die töten würden, wenn die Sonne aufging.
Konstantin wandte sich vom Fenster ab und ließ den Blick durchs Zimmer wandern. Es war auf den Namen Frederic Meyers gemietet, seit einem Monat, das gehörte zu den Vorbereitungen.
Er ging zur alten Kommode neben der Tür, bückte sich und öffnete die unterste Schublade. Auf halbem Weg knarrte sie leise und schien zu klemmen. Konstantin tastete mit der Hand hinter die zusammengefaltete Bettwäsche, fand den kleinen Hebel und betätigte ihn, woraufhin sich die Schublade ganz aus der Kommode ziehen ließ.
In der linken Ecke – nur zu erreichen, wenn man den Arm weit in die Kommode streckte – befand sich ein flacher Karton. Konstantin zog ihn näher, nahm den Deckel ab und betrachtete die beiden Waffen, die der Karton enthielt: eine Beretta 92, eine gute Allzweckpistole, und den Colt Python mit sechs Zoll langem Lauf, groß und schwer.
Nachdenklich nahm Konstantin den Revolver und richtete sich auf. Mit dieser Waffe hatte er auf den Flammenmann geschossen.
Langsam drehte er sich um und blickte erneut durchs Zimmer. Der blasse Mondschein erreichte nicht alle Ecken. Dunkelheit herrschte in der dem Fenster gegenüberliegenden Seite, und der Rest war ein Reich des Zwielichts.
Nirgends regte sich etwas. Die einzigen Geräusche kamen von draußen. Eine brennende Gestalt hätte sich kaum in dem Zimmer verstecken können.
Und doch hatte Konstantin noch den Geruch von Feuer in der Nase.
Zum dritten Mal hatte er vom Flammenmann geträumt. Obwohl man eigentlich nicht von Träumen sprechen konnte, denn er hatte in keinem Fall richtig geschlafen, nur ein wenig gedöst.
Er überprüfte den Colt und stellte fest, dass alle sechs Patronen in der Revolvertrommel steckten. Er roch an Hahn und Lauf – die Waffe war schon seit einer ganzen Weile nicht mehr benutzt worden.
Konstantin nahm auch die Beretta, legte beide Waffen aufs Bett, aufs Kopfkissen, und griff nach der Schachtel auf dem Nachtschränkchen. Sie war kleiner als ein Päckchen Zigaretten und wies eine Art Balkendiagramm aus grünen Streifen auf, flankiert von dem großen grünen Sleepless-S. Von den beiden Blistern in der Schachtel war der eine noch gefüllt, der andere enthielt nur noch eine grüne Pille. Konstantin drückte sie heraus und betrachtete sie zwei oder drei Sekunden lang, bevor er sie in den Mund steckte und schluckte. Wache Sinne, darauf kam es in den nächsten Stunden an.
Er ging ins Bad und erleichterte sich. Nach einer kurzen Dusche brachte er Zähneputzen und Rasur hinter sich, streifte Jeans und Hemd über, legte die beiden Waffen in seine kleine Reisetasche und fügte ihnen die Sleepless-Schachtel hinzu. Bevor er das Zimmer verließ, strich er Kissen und Laken glatt.
Unten auf der Straße wich er mehreren Jugendlichen aus, die auf lauten Scootern an ihm vorbeirasten. Seine Armbanduhr zeigte kurz vor drei.
Zeit genug für den Auftrag.
Er machte sich auf den Weg.




Heute

1
Konstantin

Der Auftrag
bei Reggio Calabria


Der Wagen stand zwei Straßen weiter, ein in die Jahre gekommener cremefarbener Alfa Romeo Mito mit einer Delle am linken Kotflügel. Ein Mittelsmann hatte ihn vor zwei Tagen in Gioia Tauro gestohlen und mit neuen Nummernschildern versehen.
Konstantin blieb einige Meter entfernt unter einer Markise stehen und gab vor, die Auslagen im Schaufenster zu betrachten, während seine Aufmerksamkeit in Wirklichkeit der Straße galt. Autos fuhren vorbei. Ein Pärchen ging Arm in Arm. Zwei junge Leute stritten laut in einem Hauseingang. Musik plärrte aus einem offenen Fenster.
Konstantin holte den Funkschlüssel hervor, drückte den Knopf, und beim Mito blinkten die Lichter. Er ging zum Wagen, setzte sich ans Steuer und stellte die kleine Reisetasche in den Fond-Fußraum auf der Fahrerseite, damit sie bei einer eventuellen Verkehrskontrolle nicht sofort gesehen wurde.
Als er den Motor startete, öffnete sich plötzlich die Beifahrertür.
„Keine Sorge, ich bin’s.“ Ein junger Mann stieg ein, gertenschlank und mit schwarzem Haar, an den Seiten rasiert. „Du hast mich nicht bemerkt, oder?“ Dario Cutri – „Il Piccolo“, der Kleine, genannt, weil er mit seinen neunzehn Jahren der Jüngste von drei Brüdern war – lächelte zufrieden und zeigte dabei perlweiße Zähne. „Ich hab dich überrascht.“
Konstantin nickte langsam. „Hast du, ja.“
„Ich komme mit.“
„Nein.“
Dario deutete nach vorn. „Fahr los, Kosta.“
„Nein.“
Das Lächeln verschwand aus Darios Gesicht. „Ich komme mit. Ich will dabei sein.“
„Ich arbeite allein“, sagte Konstantin, beide Hände am Lenkrad.
„Diesmal nicht. Sieh es als eine Erweiterung deines Auftrags. Du wirst mir zeigen, wie man es anstellt. Wie man es richtig macht. Angeblich bist du einer der Besten.“
„Ich werde mit deinem Vater reden“, sagte Konstantin.
„Ich rede mit ihm, wenn du jetzt nicht losfährst“, zischte Dario. „Ich werde ihm sagen, dass du vergessen hast, von wem du deine Anweisungen bekommst.“
Dario war immer ein Hitzkopf gewesen. Vor einigen Jahren hatte das noch keine große Rolle gespielt, weil er zu jung gewesen war, um ernsten Schaden anzurichten, und seine Brüder stets auf ihn aufgepasst hatten. Aber inzwischen war „Il Piccolo“ groß genug geworden, um sich ihrer Kontrolle zu entziehen. Er zeichnete sich durch eine gefährliche Art von unreifer, unerfahrener Selbstüberschätzung aus, gepaart mit einer toxischen Portion Ehrgeiz.
Aber er war der Sohn des berüchtigten Don Michele Cutri, dessen Zorn sich niemand zuziehen wollte.
Konstantin nahm eine Hand vom Lenkrad, legte den ersten Gang ein und fuhr los, nach Norden, in Richtung Villa San Giovanni.

„Wie willst du vorgehen?“, fragte Dario nach einer Weile. „Du planst immer alles ganz genau, nicht wahr?“
Konstantin sah ihn kurz an und erkannte die Zeichen. In den letzten Tagen schien er einen besonderen Sinn dafür entwickelt zu haben. Ein oder zwei Blicke genügten, und er wusste, ob jemand Sleepless nahm oder nicht. Er konnte zwischen Wachen und Schläfern unterscheiden. Woran das lag, hätte er nicht zu sagen vermocht: etwas in den Augen und im Gesicht, vielleicht auch in den Bewegungen. Dario Cutri gehörte zu den Wachen, im Gegensatz zu seinen Brüdern und dem Rest der Familie.
„Der Zufall ist ein sehr unzuverlässiger Verbündeter“, sagte Konstantin.
„Immer alles planen und organisieren. Es ist dein deutsches Blut, nicht wahr?“ Dario hielt das für lustig und lachte.
Konstantin nahm den Fuß vom Gas, hielt an der dunklen Stelle zwischen zwei Straßenlampen und stellte den Motor ab.
Auf der anderen Seite der breiten Straße erstreckte sich eine der neuen Wohnanlagen mit teuren Villen hinter bewachten Sicherheitszäunen. Dort residierte Francesco Castelli, der aus Mailand stammende Direktor der Banca Antonia.
„Wohnt er da?“, fragte Dario.
„Ja.“
„Das ist eine Gated Community, mit zahlreichen Sicherheitskameras, Bewegungsmeldern und Wachposten. Wie willst du da unbemerkt reinkommen?“
„Will ich nicht.“
„Was hast du vor?“
„Wir warten.“ Konstantin sah auf die Uhr. Es war zwanzig vor vier. Noch zwei Stunden bis Sonnenaufgang.
„Wie lange?“
„Zwei Stunden.“
Der junge Dario sah ihn mit großen Augen an. „Zwei Stunden sitzen wir einfach nur hier im Wagen?“
„Wenn sich Castelli an seine übliche Routine hält. Man kann nie wissen. Ausgerechnet heute könnte er es sich anders überlegen. Deshalb bin ich schon jetzt hier und warte.“
Eine Zeit lang schwiegen sie und beobachteten die Wohnanlage. Hinter einigen Fenstern brannte Licht. Zwischen den Bäumen und Büschen erschienen gelegentlich die Silhouetten von Wachleuten.
„Castelli ist ein Schläfer, nicht wahr?“, fragte Dario nach einer Weile.
„Ja“, bestätigte Konstantin. „Aber er steht jeden Tag früh auf. Nur sonntags schläft er etwas länger, meistens bis um acht.“
„Du kennst seine Angewohnheiten.“
„Ich habe mich vorbereitet.“
„Deshalb beauftragt mein Vater dich. Weil er weiß, dass du sorgfältig arbeitest.“ Dario lachte kurz. „Früher hab ich mir gewünscht, so zu sein wie du.“
„Heute nicht mehr?“, fragte Konstantin, den Blick noch immer auf die Wohnanlage gerichtet.
„Nein. Heute möchte ich so sein wie mein Vater. Er hat die wahre Macht.“
„Kommt darauf an“, sagte Konstantin leise.
„Worauf?“
„Darauf, wer die Pistole in der Hand hält.“
Dario schien nicht recht zu wissen, was er davon halten sollte. Nach einigen Sekunden entschied er, die Worte als Scherz zu verstehen, und sein kurzes Lachen wiederholte sich.
Wieder schwiegen sie einige Minuten lang. Das Scheinwerferlicht von Autos und Lastwagen strich an ihnen vorbei. Gelegentlich schlenderten Passanten über die Bürgersteige.
„Du bist wach“, sagte Dario.
„Natürlich bin ich wach. Ich habe einen Auftrag zu erledigen.“
„Nein, ich meine, du bist kein Schläfer. Du gehörst zu den Wachen. Ich ebenfalls. Seit einigen Wochen. Hast du gehört, dass sie Sleepless in Deutschland verbieten wollen? Und nicht nur dort. Angeblich wird auf ein weltweites Verbot hingearbeitet.“
„Das wäre dumm“, kommentierte Konstantin. „Wenn sie Sleepless verbieten, wird es wie bei der Prohibition vor hundert Jahren in Amerika.“
„Ich schätze, in dem Fall wartet ein Riesengeschäft auf uns.“ Dario lachte zum dritten Mal, diesmal etwas länger.
Konstantin mochte sein Lachen nicht. Er wandte den Kopf und sah Dario an. „Schläfst du überhaupt nicht mehr?“
„Nicht eine Minute. Seit Wochen nicht.“
„Döst du manchmal ein bisschen?“
„Es kommt vor, dass ich mich irgendwo in eine Ecke setze, die Augen schließe und meine Gedanken treiben lasse. Aber ich schätze, Dösen kann man das nicht nennen. Und Schlafen erst recht nicht.“
„Und wenn du die Gedanken treiben lässt …“ Konstantin überlegte, wie er es ausdrücken sollte. „Was siehst und hörst du?“
Dario grinste. „Du willst wissen, was ich sehe, wenn ich die Augen zuhabe? Nichts, Mann! Ich sehe nichts, weil meine Lider nicht durchsichtig sind.“
„Hattest du irgendwann einmal … Halluzinationen?“
„Hallus? Von Sleepless? Nein, nie. Warum fragst du?“
„Schon gut.“ Konstantin beobachtete wieder die Wohnanlage. Ein Wachmann stand zwischen zwei Büschen. Es ließ sich nicht erkennen, in welche Richtung er sah.
Dario schaffte es fast zehn Minuten lang, keinen Ton von sich zu geben. „Zwei Stunden können ziemlich lang sein, wenn man einfach nur dasitzt.“
„Kommt darauf an.“
„Schon wieder? Worauf diesmal?“
Konstantin seufzte. „Ein Mensch wird sterben. Das ist keine geringe Sache. Denk darüber nach, dann wird dir die Zeit nicht zu lang.“
2Hinter den Bergen im Osten kroch das erste Licht des neuen Tages hervor, als Francesco Castelli seine Villa verließ, wie immer in Begleitung von zwei Leibwächtern. Einer saß neben ihm auf dem Beifahrersitz des kirschroten Lancia, der andere am Steuer eines weißen Fiat Tipo Sport.
Konstantin wartete, bis beide Wagen vorbeigefahren waren, bevor er den Motor startete. Er wahrte einen Abstand von etwa hundert Metern zu Castelli und seiner Eskorte.
„Endlich“, sagte Dario.
Die beiden Wagen vor ihnen in der Morgendämmerung fuhren ein Stück nach Süden, in Richtung Reggio Calabria, und bogen dann nach links ab. Konstantin blieb auf der breiten Straße.
„Was machst du?“, fragte Dario erstaunt. „Warum folgst du ihnen nicht?“
„Castelli ist nicht dumm“, erklärte Konstantin. „Und seine beiden Leibwächter erst recht nicht. Sie würden merken, dass ihnen jemand folgt.“
„Du weißt, wohin sie fahren.“
„Nach Sambatello. Dort läuft Castelli jeden zweiten Morgen, begleitet von einem der beiden Leibwächter, der manchmal Mühe hat, sein Tempo zu halten. Ich kenne den Ort und die Zeit.“
Nach einem Kilometer bog Konstantin ebenfalls ab und setzte die Fahrt über eine schmale, holprige Straße nach Osten fort, durch eine von Hügeln geprägte Landschaft. Hier gab es kaum Verkehr. Die meisten Wachen, vor allem die Jungen unter ihnen, verbrachten Nacht und frühen Morgen lieber in der Stadt.
„Was hat er ausgefressen?“, fragte Konstantin, als die Lichter der Stadt hinter ihnen zurückblieben.
Dario spähte in die Reste der Nacht. „Ausgefressen?“
„Warum soll Francesco Castelli sterben?“
„Musst du das wissen?“
„Nein“, sagte Konstantin, „muss ich nicht.“
Dario sah ihn von der Seite her an und lächelte dünn. „Aber du würdest gern.“
Konstantin bedauerte bereits, gefragt zu haben. In seiner Branche konnte Neugier an der falschen Stelle sehr gefährlich sein.
Erstes Sonnenlicht erreichte die Gipfel der Berge im Osten, und sie schienen Kronen aus rötlichem Gold zu tragen.
„Mein Vater traut ihm nicht mehr“, sagte Dario und spähte ins Halbdunkel vor ihnen. „Es hat was mit der Banca Antonia zu tun. Beim Geldwaschen soll er zu viel für sich abgezweigt haben, heißt es.“
Sie bogen irgendwann ebenfalls ab, auf eine schmale Straße, kamen an einigen alten Häusern vorbei, die längst nicht mehr bewohnt waren. Der Asphalt wurde zu einem Weg voller Schlaglöcher. Konstantin schaltete die Scheinwerfer aus und fuhr langsam. An den nahen Hängen ragten Feigenkakteen auf.
„Es könnte auch etwas mit Zeta zu tun haben“, fügte Dario hinzu. „Vor ein paar Tagen hat Achille gesagt, Castelli hätte seine Fühler zu weit nach Europa ausgestreckt.“
Achille, das war Bruder Nummer zwei, der Mittlere.
Konstantin hörte zum ersten Mal von „Zeta“, hütete sich aber davor, eine weitere Frage zu stellen. Er hielt vor mehreren Bäumen, stellte den Motor ab und öffnete die Tür. Die Stille der Nacht strömte herein.
„Kommt er bei seinem Lauf hier vorbei?“, fragte Dario. „Warten wir hier auf ihn?“
„Wir haben noch eine kleine Kletterpartie vor uns.“ Konstantin beugte sich zwischen die Sitze und zog die kleine Reisetasche aus dem Fußraum des Fond.
„Was ist da drin?“, fragte Dario neugierig.
„Mein Werkzeug.“
„Darf ich mal sehen?“
„Nein.“ Konstantin stieg mit der Tasche aus und schaute sich um. Es gab keine Lichter in der Nähe, und die Schatten blieben unbewegt.
Dario verließ den Wagen ebenfalls. Konstantin deutete zum nahen Hang. „Dorthinauf.“
Ein schmaler, halb überwucherter Pfad führte steil nach oben, dem heller werdenden Himmel entgegen. Konstantin kannte jede kleine Kurve und wäre auch im Dunkeln zurechtgekommen. Dario hingegen stolperte mehrmals über Steine und aus dem Boden ragende Wurzeln.
Hundert Meter weiter oben ging Konstantin zwischen zwei Felsen in die Hocke, die kleine Reisetasche an seiner Seite. Dario ließ sich neben ihm nieder.
„Wo sind sie?“, fragte er.
Konstantin streckte den Arm aus und zeigte nach Norden. „Es ist von hier aus nicht zu sehen. Die beiden Wagen stehen hinter der Anhöhe dort, ein ganzes Stück weiter unten, etwa sechs Kilometer von hier entfernt. Der Lancia ist leer. Im weißen Tipo Sport sitzt der zweite Leibwächter und wartet auf Castellis Rückkehr. Wenn er ausgestiegen und ein Stück gegangen ist, was er manchmal macht, könnte er die Schüsse hören. Aber vor einer Viertelstunde kann er nicht hier sein. Wir haben Zeit genug.“
„Und Castelli und der andere Leibwächter?“, fragte Dario leise. „Wo sind sie jetzt?“
Konstantin blickte auf die Armbanduhr. „Wenn Castelli so schnell läuft wie sonst, dürfte er in zwanzig Minuten hier sein.“
„Wo hier?“, wollte Dario wissen. „Wo genau?“
Konstantin deutete auf die Büsche und Bäume weiter unten. Ein kleiner Weg schlängelte sich dort den Hügeln entgegen, hinter denen die Berge des Aspromonte aufragten.
Dario schüttelte den Kopf. „Warum läuft er ausgerechnet hier und um diese Zeit?“
Konstantin zog den Reißverschluss der Reisetasche auf. „Weil es um diese Zeit noch angenehm kühl ist. Und weil ihn an diesem Ort niemand stört. So früh kann er erwarten, hier niemandem zu begegnen.“
„Aber da irrt er sich“, sagte Dario mit einem Grinsen. „Zumindest heute.“
Konstantin nahm die Beretta 92 aus der Reisetasche und überprüfte sie. Dario entdeckte den Revolver.
„He, was ist das?“ Er langte nach dem Colt.
„Nicht“, sagte Konstantin scharf. „Leg ihn wieder in die Tasche.“
Dario drehte den Colt bewundernd hin und her. Die Beretta war dunkel, ein Schatten in Konstantins Hand, doch der Colt glänzte silbern bis auf den hellbraunen Griff.
„Schwer und groß“, stellte Dario fest. „Beeindruckend. Ein echtes Prachtstück.“
„Ein Colt Python aus meiner Sammlung.“
„Schenkst du ihn mir?“, fragte Dario.
Konstantin sah ihn grimmig an.
Der junge Cutri lachte. „War nur ’n Scherz. Ich schätze, so etwas verschenkt man nicht, oder?“
„Nein.“
„Welche Waffe willst du benutzen?“
„Diese hier.“ Konstantin hob die Beretta. „Leicht und zuverlässig. Hat mich noch nie im Stich gelassen. Nicht sechs Schuss, sondern fünfzehn. Leg den Colt in die Reisetasche.“
„Nachher, wenn alles vorbei ist“, widersprach Dario. „Ich bin deine Reserve, für den Notfall.“
Ärger regte sich in Konstantin. „Es wird keinen Notfall geben.“
„Man kann nie wissen. Sollte man nicht auf alles vorbereitet sein?“
Einige Minuten vergingen. Die Stille des frühen Morgens schloss sich um sie. Es sangen keine Vögel, es zirpten keine Grillen, es war einfach nur still.
Dann zeigte sich unten ein tanzendes Licht zwischen den Büschen.
„Das ist Castelli“, flüsterte Konstantin. „Er läuft mit Stirnlampe.“
Die Nacht hatte sich noch etwas weiter zurückgezogen, der Morgen war heller geworden. Der Mann, der mit der Stirnlampe über den Hügelpfad lief, trug zitronengelbe Runner-Kleidung, Shorts und ärmelloses Shirt, war um die fünfzig und gertenschlank. Castelli lief konzentriert, sah nur den Weg und sonst nichts.
„Und der Leibwächter?“, fragte Dario leise. „Wo ist er?“
„Einige Hundert Meter hinter ihm, nehme ich an. Er schafft die Steigungen nicht so gut wie Castelli. Wir warten, bis wir ihn sehen.“
„Warum? Das ist doch eine gute Gelegenheit.“ Dario erhob sich und lief den Hang hinunter, den Colt in der rechten Hand.
3Auf halber Höhe blieb Dario stehen, zielte mit dem Colt – er hielt ihn in beiden Händen – und schoss.
Er traf den linken Arm, und der nächste Schuss ging ins Leere, weil sich Castelli schmerzerfüllt zur Seite wandte.
„Du verdammter kleiner Idiot!“, zischte Konstantin und sprang den Hang hinunter.
Es knallte erneut, zum dritten Mal, und diesmal ging Castelli zu Boden.
Konstantin sah, dass er sich noch bewegte – er versuchte, hinter einen nahen Busch zu kriechen.
Dario erreichte den Weg, war wenige Sekunden später beim Verletzten und schoss ihm in den Kopf.
„Erledigt!“, rief er und drehte sich um. „He, Kosta, er ist tot!“
„Bist du vollkommen übergeschnappt?“, knurrte Konstantin und stapfte auf den jungen Mann zu.
„Auftrag ausgeführt.“ Dario Cutri grinste zufrieden und hob den Revolver, der noch zwei Patronen enthielt. „Tolles Ding, dieser Colt.“
Hinter ihm erschien der Leibwächter, verschwitzt und außer Atem, aber mit einer Waffe in der Hand – er hatte die Schüsse natürlich gehört.
Konstantin glaubte, den kleinen Mündungsblitz der Pistole zu sehen, bevor der Knall über die Hügel zog – bis hin zum sechs Kilometer entfernten weißen Tipo Sport mit dem zweiten Leibwächter, der sich vielleicht schon auf den Weg gemacht hatte und in einer Viertelstunde zur Stelle sein würde.
Die Kugel bohrte sich Dario in den Nacken, und sein Hals schien regelrecht zu explodieren. Ihm blieb gerade noch Zeit genug, überrascht zu sein, dann sank er tot zu Boden.
Eine zweite Kugel pfiff dicht an Konstantins Ohr vorbei. Vielleicht hatte sie ihn nur verfehlt, weil der Leibwächter nach dem für ihn sehr anstrengenden Lauf die Waffe nicht ruhig genug hielt.
Konstantin ging in die Hocke, zielte mit der Beretta und schoss dreimal schnell hintereinander. Eine Kugel streifte die Seite des Leibwächters, die beiden anderen schlugen mitten in seiner Brust ein.
Mit einem Schnauben ging er zu Boden, versuchte noch einmal, den Kopf zu heben, und blieb dann reglos liegen.
Die Stille kehrte zurück, dicht und schwer.
Konstantin richtete sich auf, die Beretta bereit. Wie viel Zeit blieb noch? Zwölf oder dreizehn Minuten. Falls der andere Leibwächter im weißen Tipo gesessen oder in dessen Nähe gestanden hatte. Falls er nicht beschlossen hatte, diesmal an dem Lauf teilzunehmen.
Konstantin behielt den Weg im Auge, doch die Schatten zwischen den Büschen, Sträuchern und Felsen blieben unbewegt, und es sprang kein zweiter Mann aus ihnen hervor.
Er bückte sich neben Dario Cutri und tastete nach dem Puls, was gar nicht nötig gewesen wäre – ein Blick auf den Hals und ins Gesicht genügte.
„Dummkopf“, murmelte er und ging zum Leibwächter, der ebenfalls tot war.
Noch elf Minuten.
Er kehrte zu Darios Leiche zurück, nahm den Colt Python und schob ihn halb in die Hosentasche. Dann griff er nach den Händen des Toten und zog ihn vom Weg und den Hang hinauf. Oben angelangt war er ins Schwitzen geraten, hielt kurz inne, legte den Colt in die Reisetasche, streifte den Trageriemen der Tasche über die Schulter und ergriff erneut Darios Hände.
Der Rest des Weges zum Mito vor den Bäumen war leichter, denn es ging bergab. Konstantin öffnete die Heckklappe, verstaute die Leiche im Kofferraum und warf einen Blick auf die Armbanduhr.
Noch fünf Minuten.
Zeit genug.
Als er im Wagen saß, hatte er plötzlich den Geruch von Feuer in der Nase, und aus dem Augenwinkel glaubte er, den Widerschein von Flammen zu sehen. Er blickte sich um.
Nirgends brannte etwas.
Er startete den Motor, wendete und fuhr langsam über den Weg mit den vielen Schlaglöchern zurück in Richtung Sambatello. Nach einer Weile wurde aus dem Weg die schmale Straße, und auf ihr kam er etwas schneller voran.
Als Konstantin wieder auf die Uhr sah, waren die fünf Minuten vergangen – der zweite Leibwächter hatte die beiden Toten erreicht und vielleicht schon die Polizei verständigt. Bis sie eintraf, würden noch einmal zwanzig Minuten oder gar eine halbe Stunde vergehen. Bis dahin konnte Konstantin längst in Reggio Calabria sein.
Aber so weit fuhr er nicht. Er stellte den Mito in einer Seitenstraße von Gallico ab, ein paar Kilometer nördlich von Archi, und nahm den Bus nach Reggio. Unterwegs dachte er darüber nach, wie er Don Michele Cutri die Nachricht vom Tod seines jüngsten Sohns nahebringen sollte.

Andreas Brandhorst

Über Andreas Brandhorst

Biografie

Andreas Brandhorst, geboren 1956 im norddeutschen Sielhorst, schrieb mit seinen futuristischen Thrillern und Science-Fiction-Romanen wie „Das Schiff“ und „Omni“ zahlreiche Bestseller. Spektakuläre Zukunftsvisionen sind sein Markenzeichen. Der SPIEGEL-Bestseller „Das Erwachen“ widmet sich dem Thema...

Pressestimmen
zeilenfluch

„Andreas Brandhorst hat hier über siebenhundert Seiten voller Spannung aufs Papier gebracht. (...) Am liebsten hätte ich ›Sleepless‹ nie aus den Händen gelegt, aber ich musste. Ich fand den Thriller sehr gut und kann ihn euch auf jeden Fall nur empfehlen. Hier bekommt ihr eine Riesenportion Spannung und viele interessante Themen geboten.Must read.“

geisterspiegel.de

„Mag der Grundgedanke des Romans futuristischer Natur sein, das Drumherum ist erschreckend real und hallt noch lange nach Beendigung des Buches nach, einem geradezu mustergültigen Thriller und Jahreshighlight nicht nur im Thrillerbereich.“

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„Ein wirklich intelligenter Thriller“

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