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Seelenfänger

Roman

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Seelenfänger — Inhalt

Zacharias Calm verfügt über eine besondere Gabe: Als »Traveller« kann er mit dem Bewusstsein anderer Menschen in Kontakt treten. Mit seiner Fähigkeit trägt er maßgeblich zur Aufklärung von Straftaten bei. Eines Tages kehren plötzlich andere »Traveller« von ihren Reisen in das Bewusstsein ihrer Klienten nicht mehr zurück. Wohin sind sie verschwunden? Steckt ein Verbrechen dahinter? Gemeinsam mit der Therapeutin Florence macht sich Zacharias auf die Suche nach seinen Kollegen. Es beginnt eine gefährliche Mission in mentalen Welten, bei der die Grenze zwischen Realität und Traum schon bald verschwimmt. Und dann stehen Zacharias und Florence einem skrupellosen Gegner gegenüber, der sogar die Realität bedroht ...

€ 10,00 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 11.01.2019
640 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-28188-1
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 11.01.2019
640 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99247-3

Leseprobe zu »Seelenfänger«

Ein neugieriger Mann

Wie machen sie es?«, fragte der Mann, den das Philanthropische Institut geschickt hatte. Er gab sich sehr freundlich, aber Florence und ihre Kollegen hielten ihn trotzdem für einen Controller, der ihnen auf die Finger sehen sollte. »Wie stellen sie es an?«

»Es sind besonders begabte Personen«, erwiderte Direktor Rasmussen und erweckte den Eindruck, sich in seinem grauen Vollbart verkriechen zu wollen. »Wir geben ihnen und den Patienten Tetranol, und das ermöglicht es den SGPs, den Special Gifted Persons beziehungsweise Travellern, [...]

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Ein neugieriger Mann

Wie machen sie es?«, fragte der Mann, den das Philanthropische Institut geschickt hatte. Er gab sich sehr freundlich, aber Florence und ihre Kollegen hielten ihn trotzdem für einen Controller, der ihnen auf die Finger sehen sollte. »Wie stellen sie es an?«

»Es sind besonders begabte Personen«, erwiderte Direktor Rasmussen und erweckte den Eindruck, sich in seinem grauen Vollbart verkriechen zu wollen. »Wir geben ihnen und den Patienten Tetranol, und das ermöglicht es den SGPs, den Special Gifted Persons beziehungsweise Travellern, wie wir sie nennen, sich mit dem Unterbewusstsein der Kontaktpersonen zu verbinden.«

»Sie spazieren darin umher, nicht wahr?«, fragte der PIMann fasziniert und sah durchs große Fenster in den Raum, der wie ein gemütlicher Salon eingerichtet war. Zurzeit hielten sich dort vier Traveller auf, unter ihnen einer, der im Rollstuhl saß und als besonders talentiert galt: Zacharias. »So hat man es mir beschrieben. Sie nehmen mental an den Träumen der Zielpersonen teil und agieren darin wie Komparsen in einem Film. Obwohl sie eigentlich selbst krank sind und hier therapiert werden, nicht wahr?«

»Nun …« Rasmussen wechselte einen Blick mit Florence und den anderen Therapeuten. »Ich würde sie nicht als ›krank‹ bezeichnen, Mr. Thorpe. Sie sind … anders als wir. Einige von uns glauben, sie könnten eine Antwort der menschlichen Evolution auf das Ende der uns vertrauten Welt sein. Und wie sie es anstellen … Ein Trauma kann für den Geist einer Person ähnlich dramatische Folgen haben wie eine Krebserkrankung für den physischen Körper. Manchmal wuchert es, bildet Metastasen und vergiftet das Bewusstsein. Die Traveller sind wie Chirurgen des Geistes. Sie finden die Geschwulst im Denken und Fühlen der Zielperson und schneiden sie heraus.«

»Das klingt … aufregend«, sagte Thorpe.

»Es kommt darauf an, was Sie unter Aufregung verstehen«, warf Florence ein. »Sie haben eben von Komparsen in einem Film gesprochen. Mögen Sie Horrorfilme, Mr. Thorpe?«




Die Foundation

1

Die Sonne hing rot wie Blut an einem grauen Himmel, unter dem sich die Wellen eines grauen Meeres zu schaumgekrönten Bergen auftürmten. Mit zornigem Donnern schmetterten sie auf einen Strand aus schwarzem Kies, der nach zwei Dutzend Metern an den brüchigen Fassaden hoher Gebäude endete. Die Tür, die sich vor Zacharias und Florence geöffnet hatte, schwebte etwa einen Meter über dem Strand, der Brandung so nahe, dass sie die Gischt spürten. Sie standen auf der Schwelle, hinter ihnen ein grollender, kalbender Gletscher, weiß unter einem kobaltblauen Himmel, und vor ihnen die Welt mit dem wütenden Meer und den Klippen aus Gebäudefronten, grau wie der aufgewühlte Ozean und der Himmel darüber.

»Er versucht uns zu verwirren.« Zacharias sprang, landete auf nassem, knirschendem Kies und half Florence herunter. Wie von einem Windstoß erfasst schlug die Tür zu und verschwand. »Was sagen die Daten?«

Florence hob die Hand zum Interface-Äquivalent am Ohr. »Sein Zustand ist stabil. Er schläft. Tetranol-Phase bei sechzig Prozent. Wir haben Zeit genug, Zach.«

»Er schläft«, sagte Zacharias und beobachtete, wie eine weitere Welle wuchs, wie sie noch höher wurde als die anderen vor ihr und zum Strand rollte. »Aber er weiß von uns, und sein Unterbewusstsein wehrt sich mit Derealisation. Er will uns verwirren und vom Weg abbringen.« Zacharias konzentrierte sich auf die Welle, und sie teilte sich, schlug rechts und links von ihnen auf den Kies. Ihre Ausläufer erreichten die nächste Gebäudefront und leckten daran empor. Einige lockere Putzfladen lösten sich, und die Reste der Welle nahmen sie mit, als sie über den Strand zurückströmten und sich wieder mit dem Meer vereinten.

»Die Verbindung ist gut«, sagte Zacharias zufrieden. »Ich bleibe in ihm.« Es fühlte sich auch gut an, zu sprechen und sich zu bewegen. Er genoss es jedes Mal und brauchte Florence nicht extra darauf hinzuweisen; sie wusste es genau. Er lächelte bei diesem Gedanken.

»Warum lächelst du, Zach?«, fragte Florence.

»Nur so«, log er und nahm ihre Hand. »Komm, lass uns die nächste Tür suchen. Sie muss hier ganz in der Nähe sein; ich spüre es.« Es juckte hinter seinem linken Auge, ein sicherer Hinweis.

Seite an Seite gingen sie über den schwarzen Kies, während das Meer rauschte und weiterhin Wellen donnernd auf den Strand schlugen. Die Erschütterungen waren so heftig, dass der Boden unter Zacharias’ Füßen erzitterte.

»Ich habe nie etwas davon gehalten, dass die Patienten direkt vorher vom Kontakt erfahren«, sagte er. »Es gibt ihnen Gelegenheit, sich vorzubereiten, ob Tetranol oder nicht. Es ist besser, die Verbindung herzustellen, wenn sie nicht direkt damit rechnen. Das macht es leichter für uns.«

»Du schaffst es«, sagte Florence. »Du wirst immer besser.« Zacharias lächelte erneut. »Spricht da die Therapeutin, die mein Selbstbewusstsein stärken will, oder …?«

»Lass dich nicht ablenken«, mahnte Florence. »Von nichts. Erinnere dich an Lingbeek. Zuerst die Aufgabe, Zach.«

Sein Lächeln wuchs in die Breite. »Lingbeek … das ist eine Ewigkeit her; damals war ich jung und unerfahren.«

»Und heute bist du alt und reif, ja?«

Zacharias ging nicht darauf ein. »Wenn wir dies erledigt haben, könnten wir noch ein wenig bleiben. So wie beim letzten Mal. Niemand braucht zu wissen, wie lange es gedauert hat. Wir nehmen uns ein wenig Zeit …«

»Pass auf!«

Aus dem Augenwinkel bemerkte Zacharias eine Bewegung. Ein hoher Erker löste sich von dem Gebäude, an dem sie gerade vorbeikamen, und stürzte in die Tiefe.

»Schließ die Augen, Flo.«

Sie kam der Aufforderung sofort nach.

Zacharias beobachtete den tonnenschweren Erker, der wie eine steinerne Faust auf sie herabschlug, und dachte: Es gibt dich nicht; du kannst mich nicht von deiner Existenz überzeugen.

Es krachte, der Boden erbebte heftiger, Steinsplitter flogen umher, und es wogte Staub, so dicht, dass Meer, Strand und Gebäude für einige Sekunden hinter einem Schleier grau wie der Rest der Welt verschwanden.

»Das Trauma versucht sich zu schützen«, sagte Zacharias und ging weiter, Florences Hand noch immer in der seinen. Sie hob die freie Hand zum Interface. »Die Sensoren registrieren stärkere Hirnaktivität. Herzschlag und Atmung werden schneller.«

»Er schläft, aber sein Unterbewusstsein ist hellwach.« Zacharias blickte über die Fassaden, suchte nach Hinweisen und verließ sich dabei auf seinen besonderen Instinkt.

»Wir sind hier nicht unverwundbar«, sagte Florence mit einem leisen Vorwurf in der Stimme. »Du bist besser geworden, Zach, aber du machst noch immer den Fehler, gelegentlich in deiner Wachsamkeit nachzulassen. Denk an Helen und Duke. Sie sind ebenfalls unvorsichtig gewesen und haben drei Monate gebraucht, um den Schock zu überwinden. Von Penelope ganz zu schweigen.«

Penelope, dachte er, während er die Suche nach der nächsten Tür fortsetzte. Santa Maria. »Weißt du, was mit ihr passiert ist?«

Sie schritten über den Strand, über knirschenden, ächzenden Kies, während links von ihnen das wütende Meer donnerte und die Sonne blutrotes Licht auf den Strand warf.

»Such die Tür, Zach.«

»Ich suche sie, Flo, ich suche sie. Aber du hast Penelope erwähnt und mich neugierig gemacht. Was ist mit ihr passiert? Seit drei Jahren liegt sie im Bett, nicht wahr? Angeschlossen an Maschinen, die sie am Leben erhalten. Hat sie einen Schock erlitten wie Helen und Duke?«

Florence sah sich voller Unbehagen um. »Ich weiß, wie gern du redest, wenn wir unterwegs sind, Zach, aber wie gesagt: Du solltest besser aufpassen. Unterschätze die Gefahr nicht. Fühl dich nie zu sicher.«

Ich spreche, weil ich hier sprechen kann, dachte Zacharias und fragte: »Hat sich Penelope zu sicher gefühlt? War sie unvorsichtig? Und wie kam es zur Stigmatisation? Ist sie in einer der Seelen, die sie besucht hat, Jesus begegnet?« Es war scherzhaft gemeint, aber diese Welt, mit dieser blutroten Wunde am leichengrauen Himmel, gab den Worten einen seltsamen Klang.

»Sie war ein Traveller wie du und die anderen …«

»Nein, nicht wie ich«, sagte Zacharias sofort.

Florence verstand ihn und nickte. »Sie lag schon in dem Bett, als ich zur Foundation gekommen bin«, fuhr Florence fort. Der Wind zerzauste ihr das dunkle Haar und ließ die Locken fliegen. Mit Mühe widerstand Zacharias dem plötzlichen Wunsch stehen zu bleiben, die zierliche Frau in die Arme zu schließen und sie zu küssen. Ich würde sie gern umarmen, weil ich sie hier umarmen kann, dachte er. »Und die Male an den Händen erschienen ein Jahr später. Niemand zweifelt daran, dass sie psychogener Natur sind. Helen war die Erste, die sie Santa Maria nannte.«

»Aber was ist mit ihr passiert?«

»Ein Trauma bei einer Behandlung, habe ich gehört«, sagte Florence. »Sie hat versucht, jemanden zu heilen, und dabei ist sie krank geworden. Auch das kann passieren, wenn man nicht aufpasst, Zach.«

»Hat jemand versucht, in ihr nach dem Rechten zu sehen und sie zurückzuholen? He!« Er wandte sich Florence zu.

»Wir könnten es versuchen. Was hältst du davon?«

»Du bist gut, Zach, aber noch nicht so gut. Es fehlt dir an Disziplin. Vielleicht in einigen Monaten …«

Das Jucken hinter dem linken Auge wiederholte sich, und Zacharias deutete zur fleckigen Gebäudewand vor ihnen. »Da ist sie, die nächste Tür, gut versteckt. Und die letzte, glaube ich.« Zacharias neigte kurz den Kopf zur Seite, als lauschte er einer Stimme, die ihm etwas zuflüsterte. »Ja, die letzte.«

Dünne Linien bildeten sich in der Mauer, als Zacharias sie berührte. »Komm schon, zeig dich«, sagte er ungeduldig. »Ich weiß, dass du da bist.«

Die Linien wuchsen aus der Gebäudefront heraus und in die Breite, wurden zu einer Tür, schmaler als die anderen. Silbrig glänzende Stacheln bildeten sich an ihrer Klinke, fielen aber mit einem Klirren wie von Glas ab, als Zacharias den Blick darauf richtete. Er öffnete die Tür und trat auf eine breite Straße, ihr Kopfsteinpflaster so blutrot wie die Sonne am Himmel über dem tosenden Meer. Rechts und links führte die Straße an Backsteinmauern vorbei, die fast so rot waren wie das Kopfsteinpflaster und sich nach jeweils etwa hundert Metern in grauem Nichts verloren. Auf der anderen Seite, der Tür direkt gegenüber, stand ein breites schmiedeeisernes Tor offen und gab den Weg frei auf eine asphaltierte Zufahrt, die vor einer schneeweißen, im Jugendstil errichteten Villa endete. Mehrere Luxuslimousinen standen dort, und weitere Wagen reihten sich auf dem Parkplatz neben der Villa aneinander.

Nichts rührte sich. Es war vollkommen still.

»Das Ziel befindet sich in dem Haus«, sagte Zacharias mit plötzlicher Gewissheit. »Wir sind fast da, Flo.«

Sie überquerten die Straße – hinter ihnen verschwand die schmale Tür –, schritten durchs Tor und folgten dem Verlauf der Zufahrt. Nichts regte sich, nicht ein einziges Blatt an den Bäumen, die das Asphaltband säumten.

Rechts neben der Villa, hinter mehreren Büschen und von der Straße aus nicht zu sehen, stand eine Kutsche mit zwei angeschirrten rabenschwarzen Pferden, beide ebenso in Zeitlosigkeit erstarrt wie alles andere, das eine mit gesenktem Kopf, das andere mit einem gehobenen Vorderlauf.

»Was hat die Kutsche zu bedeuten?«, fragte Zacharias und versuchte, alle seine Gedanken auf die Mission zu fixieren. Florence hatte recht. Es war gefährlich, sich ablenken zu lassen. Unglücklicherweise war es gerade der Umstand, dass er sich frei bewegen und sprechen konnte, der es ihm oft schwer machte, sich zu konzentrieren.

Florence lauschte kurz dem Flüstern des Interface-Äquivalents. »Die Datenbanken enthalten keine relevanten Informationen.«

»Und die Villa?«

»Das Haus seiner Eltern. Er wohnte dort noch, als er den ersten Selbstmordversuch beging.«

Sie gingen zum breiten, von Säulen gesäumten Eingang des Hauptgebäudes, vorbei an mehreren silbergrauen Limousinen. Neben einem Bentley stand ein älterer Mann in dunkler Livree und hielt, ebenso in einem Moment eingefroren wie die beiden schwarzen Pferde, einen Lappen in der Hand, mit dem er Staub vom Kotflügel geputzt hatte. Zacharias sah ihm in die Augen, fand aber kein Leben darin. Als er die Treppe zwischen den beiden Säulen hochstieg und durch die offene Tür trat, spürte er ein Prickeln tief in seinem Innern.

»Ich hab ihn auf dem Radar«, sagte er. »Er ist im Haus.«

Er, das war Randolph Amadeus Quint, achtzehn Jahre jung und ein Prioritätspatient der Foundation, eingeliefert vor einigen Tagen, nach seinem dritten Selbstmordversuch. Dass er zu einem PP geworden war, verdankte er seiner Mutter, die Teilhaberin des Philanthropischen Instituts war. Sie besaß Anteile an dem IT-Riesen MS-Oracle, Mitglied des Konsortiums, das den Bau von Sea City finanziert hatte. Mutter Q war so philanthropisch gewesen, ihre Beziehungen spielen zu lassen, um Sohn Randolph Amadeus ganz oben auf die Behandlungsliste zu setzen. Um ihm das Leben zu retten und zu verhindern, dass er noch einmal versuchte, sich umzubringen.

Auf dem Weg durch den Flur kamen sie an zwei Kellnern vorbei, die sich anschickten, Tabletts mit Dutzenden von Sektgläsern in einen Ballsaal zu tragen. Einer kam gerade durch die Tür der Küche, und der zweite weiter vorn hatte einen Fuß zum nächsten Schritt gehoben.

»Ich weiß, warum hier alles erstarrt ist«, sagte Zacharias.

»Er braucht seine ganze Aufmerksamkeit für etwas anderes. Vielleicht bereitet er etwas vor.«

»Eine Falle?«

»Vielleicht. Oder er versucht, sich zu verbergen. Aber jetzt entwischt er mir nicht mehr.« Er ging weiter, an den Kellnern vorbei und in den Ballsaal, auf dessen Tanzfläche Dutzende von elegant gekleideten Paaren standen, die Männer in dunklen Anzügen, die Frauen in Abendkleidern. Auch sie bewegten sich nicht und schienen darauf zu warten, dass an diesem stillen Ort erneut Musik erklang und sie den Tanz fortsetzen konnten. »Gib mir den Grundriss, Flo.«

»Du solltest jetzt besser keine Daten empfangen.«

»Meine Güte, von wie vielen Kilobyte reden wir hier? Hundert? Zweihundert? Es dauert nur den Bruchteil einer Sekunde!«

»Jede Datenübertragung gefährdet die Synchronisation, Zach.«

»Ich komme damit klar, Flo. He, ich habe alles im Griff. Gib mir Telemetrie.«

Sie gab ihm die Daten, und für einen Moment verschwammen die Gestalten auf der Tanzfläche, als würde man sie durch welliges Glas betrachten, das jemand aufund abbewegte. Ein Brummen zog durch den Saal, wie von einem Insektenschwarm, und Florence schloss die Hand um das Interface-Äquivalent an ihrem Ohr. Die Verbindung schien zerfasern zu wollen, aber Zacharias hielt sie fest.

Er war so sehr darauf konzentriert, die Synchronisation mit dem Patienten zu stabilisieren, dass er die Gestalt zu spät bemerkte. Sie kam aus den Schatten links neben dem Eingang, selbst kaum mehr als ein Schemen, huschte ihm entgegen und hob einen im Licht des großen Kronleuchters glitzernden Gegenstand. Eine scharfe Klinge schnitt erst durch die Luft und dann in den Arm, den Zacharias instinktiv gehoben hatte, um den Kopf zu schützen. Er duckte sich zur Seite, als rasiermesserscharfer Stahl Fleisch und Knochen durchtrennte, verbannte den Schmerz mit einem autosuggestiven Befehl aus der Wahrnehmung und sprang, um dem zweiten Hieb, mit der Rückhand geführt, zu entgehen.

Der abgetrennte Arm fiel zwei Meter entfernt zu Boden, neben der dunklen Gestalt mit dem seltsam leeren, stillen Gesicht. Zacharias achtete nicht auf das Blut, das mit jedem Herzschlag aus seinem Armstumpf spritzte. Er dachte daran, sich zu wehren, hielt plötzlich eine Pistole in der anderen Hand, richtete sie auf die Gestalt und drückte ab, als das Messer erneut nach oben kam.

Seine Wahrnehmung teilte sich, wie es manchmal während eines Einsatzes geschah, wenn das Tetranol wirkte, wie es wirken sollte, und wenn er in der richtigen Stimmung war, wenn er »auf der Welle ritt«, wie es bei den Travellern hieß. Mit dem einen Auge sah er die Kugel, die den Lauf der Waffe verließ und durch die Luft glitt wie durch Wasser, eine Fahne kleiner Verwirbelungen hinter sich herzog, die Stirn des Angreifers erreichte und ein Loch hineinbohrte. Eine halbe Sekunde später kam sie aus dem Hinterkopf, setzte ihren Flug fort, noch immer silbrig, ohne einen Mantel aus Blut, erreichte die Wand und blieb darin stecken.

Mit dem anderen Auge sah Zacharias das Haus wie eine detaillierte grafische Darstellung auf einem Computerschirm der Foundation: leicht grünliche, durchsichtige Wände, mit Linien, die Leitungen und Kabel markierten, dahinter Zimmer und Flure mit eingeblendeten Zahlen, die Auskunft gaben über Entfernung, Länge, Breite und Höhe; rote Silhouetten, wo sich Menschen aufhielten; blinkende Warnsymbole, die auf Sicherheitssysteme hinwiesen – vor allem im großen Arbeitszimmer des Westflügels, wo es einen Wandsafe gab –, und blaue Punkte, die den kürzesten Weg zum Ziel markierten.

Die dunkle Gestalt mit dem leeren Gesicht starrte ihn an, das Loch in der Stirn wie ein drittes Auge, kleiner als die beiden anderen. Sie klappte den Mund auf und sagte: »Wer auch immer du bist, verschwinde von hier.«

Sie drehte sich um und lief plötzlich dorthin, wo die Kugel in der Wand steckte, sprang daneben in ein Gemälde, das einen würdevollen Mann an einem großen MahagoniSchreibtisch präsentierte, und verwandelte sich dort in ein Foto, das neben dem PC-Monitor in einem edlen Rahmen steckte und einen jungen Mann zusammen mit einem Mädchen zeigte, von dem Zacharias plötzlich wusste, dass es die Schwester des jungen Mannes war.

Erster Schmerz machte sich bemerkbar. Zacharias ging zum abgetrennten Arm, hob ihn auf, hielt ihn an die Schulter und stellte sich vor, wie Stumpf und Arm zusammenwuchsen: Knochen, Muskeln, Sehnen, Adern, alles. Der Schmerz verschwand, Blut strömte durch wiederhergestellte Venen; der Arm fühlte sich wie neu an und ließ sich bewegen, als wäre überhaupt nichts geschehen.

»Ich bin gut«, sagte Zacharias stolz auf sich.

»Werd nicht übermütig«, warnte Florence. Sie stand neben ihm, die Hand noch immer am Interface, als könnte sie die Daten dadurch besser empfangen. »Die Biometrie teilt mir mit, dass du müde wirst, Zach. Weil du unvorsichtig bist, Fehler machst und dann mit ihren Konsequenzen fertigwerden musst. Wie jetzt gerade. Du hast noch nicht gelernt, mit doppelten Datenströmen zurechtzukommen, mit dem internen, der dich mit dem Patienten verbindet, und dem externen, der Zugriff auf unsere Datenbanken gestattet. Die Störung der Synchronisation durch die Datenübertragung gab dem Angreifer Gelegenheit, dich zu attackieren.«

Zacharias legte den Arm um ihre zarten Schultern, drückte Florence kurz an sich und ließ sie dann wieder los. »Du machst dir zu viele Sorgen.«

»Und du bist zu unbekümmert.«

Er bewegte noch einmal den wieder angewachsenen Arm und vergewisserte sich, dass alles in Ordnung war. Von Schwäche keine Spur. Er steckte voller Kraft und freute sich über jede Gelegenheit, Gebrauch davon zu machen.

»Ich habe den Grundriss«, sagte er und sah ihn jetzt mit beiden Augen, eine schematische Darstellung vor den Konturen des Ballsaals, mit blauen Punkten, die ihm den Weg wiesen. »Ich weiß, wo er ist, unser Randolph Amadeus. Er will nicht, dass wir entdecken, was ihn zu den Selbstmordversuchen getrieben hat.« Er empfing die Informationen, als hätte er Zugriff auf ein fremdes Gedächtnis, und in gewisser Weise war das tatsächlich der Fall. Das Leben von Randolph Amadeus Quint lag vor ihm ausgebreitet, ein Haufen mehr oder weniger banaler Details, die Monate und Jahre gefüllt hatten. Nichts, das er nicht woanders in ähnlicher Form gesehen hatte, ein wohlbehütetes Leben in Luxus, die besten Schulen, jetzt eine private Elite-Universität, finanziert vom Philanthropischen Institut, einige gute Freunde, unter ihnen einer, der …

»Oh, ich glaube, wir kommen der Sache näher«, sagte Zacharias und schritt am Rand der Tanzfläche entlang zur Treppe auf der anderen Seite, die ins Obergeschoss mit Randolphs Zimmer führte. »Mir scheint, Randy hat in den letzten beiden Jahren seine Homosexualität entdeckt. Dies ist sein achtzehnter Geburtstag, und er feiert ihn auf besondere Weise.« Das Zielzimmer im Obergeschoss wies nicht eine rote Silhouette auf, sondern drei, zwei dicht beisammen und eine bei der Tür.

»Das soll der Grund für seine Selbstmordversuche sein?«, fragte Florence skeptisch. »Homosexualität? Meine Güte, dies ist das einundzwanzigste Jahrhundert. Heutzutage bringt sich doch niemand um, weil er plötzlich feststellt, schwul zu sein.«

»Wer weiß.«

Sie hatten die Treppe fast erreicht, als Bewegung in die stille Welt kam. Die Paare auf der Tanzfläche erwachten aus ihrer Starre, drehten sich langsam und glotzten Zacharias und Florence an. Eine nur wenige Meter entfernt stehende Frau in mittleren Jahren, das Haar zu einem kastanienbraunen Turm aufgesteckt und die Augen üppig geschminkt, öffnete den Mund, und ihr Tanzpartner folgte diesem Beispiel. Die Lippen der anderen teilen sich ebenfalls, und ein vielstimmiger Schrei erklang. Er begann wie das Brummen einer langsam anlaufenden Sirene, wurde dann lauter und kletterte gleichzeitig die Tonleiter hinauf, bis er als schrilles Heulen das Glas des Kronleuchters zerspringen ließ. Abrupt brach er ab, und Hunderte von Splittern hingen über der Tanzfläche in der Luft. Die Tänzer waren wieder reglos und standen wie gelähmt, mit Gesichtern wie Fratzen.

»Du bist die Therapeutin«, sagte Zacharias und stieg die Treppe hoch. »Welche symbolische Bedeutung steckt in dem, was wir gerade beobachtet haben? Was hat es mit dem zerbrochenen Kronleuchter auf sich? Und warum sind die Gesichter der Tanzenden zu Fratzen geworden?«

»Es wird alles aufgezeichnet«, erwiderte Florence. »Die Auswertung erfolgt später. Lily wird uns dabei helfen.«

Lily, so nannten Florence und die anderen die Cray XE der Foundation, einen Hochleistungscomputer mit fast hundertfünfzigtausend Cores, die zwei Petaflops erreichten; seine Ressourcen wurden vor allem für die Verwertung von meteorologischen Daten und Klimaberechnungen genutzt. Nur einer kleiner Teil der Kapazität stand der Foundation zur Verfügung, genügte aber selbst für komplexe medizinisch-psychologische Analysen und die Kontrolle der Interface-Systeme mit den daran angeschlossenen Datenbanken. Matthias, einer der Sysadmins von Sea City, hatte für diesen Teil der Cray einen androgynen Avatar programmiert, mit neutraler Stimme, aber irgendwann hatte jemand begonnen, ihn Lily zu nennen, und alle Versuche von Matthias, dem Avatar einen anderen Namen zu geben, waren gescheitert.

Zacharias blieb am Ende der Treppe stehen und deutete in den Ballsaal hinab. »Ich weiß, dass es Randys Geburtstag ist«, sagte er, »aber wo sind die jungen Leute, die man bei einer solchen Gelegenheit erwarten könnte? Flo?«, fügte er hinzu, als Florence nicht sofort antwortete.

»Ich bekomme ein Signal«, sagte sie überrascht, die Hand wieder am Ohr. »Wir werden zurückgerufen.«

Zacharias schüttelte den Kopf und ging weiter. »Nicht jetzt. Sag ihnen, dass wir dies zu Ende bringen. Nur noch ein paar Minuten.« Für ihn hätten es auch Stunden oder Tage sein können, oder Wochen und Monate. Die Rückkehr fiel ihm immer schwer, denn sie bedeutete, dass er auf seine Augen reduziert war und auf den Rest verzichten musste. Hier fühlte er sich besser, stärker, robuster, Herr der Lage. Das andere Leben hatte im Vergleich mit diesem kaum einen Reiz; in dem anderen Leben konnte er kein Mann für Florence sein.

Die Tür am Ende des Flurs war verriegelt; das wusste Zacharias, ohne den Knauf zu drehen. »Schließ die Augen, Flo.«

»Es ist ein Dringlichkeitssignal, Zach …«

»Keine Störungen jetzt. Schließ die Augen und komm.« Er ergriff ihre Hand und zog sie mit sich, durch die Tür, die ihm kaum Widerstand bot, weil er nicht wollte, dass sie ihn aufhielt. Das hatte er bei den letzten Einsätzen gelernt: festen Dingen die Substanz zu nehmen, sie seinem Willen unterzuordnen. Es funktionierte nicht immer, und nicht immer gleich gut; es hing vom Patienten ab, und davon wie das Tetranol wirkte, wie er sich fühlte. Dass Florence die Augen schloss, machte es für sie leichter, denn dadurch kam es zu weniger Konflikten zwischen ihrer Wahrnehmung und dem, was ihr Gehirn für möglich hielt.

Im Zimmer hinter der geschlossenen Tür brannte nur eine Lampe in einer Ecke, und jemand hatte ein Tuch über sie gelegt, um ihr Licht zu dämpfen. Im Bett lagen zwei Jungen, eng umschlungen wie ein Liebespaar, einer von ihnen Randolph Amadeus, mit zotteligem, schweißfeuchtem Haar, die Augen im schmalen Gesicht groß, die Zunge halb im Mund des anderen Jungen, der Malcolm hieß und ein Jahr älter war, die Hand unter der Decke an seinem Glied. Sie hatten sich am College kennengelernt, erinnerte sich Zacharias mit fremden Erinnerungen. Komm, wir machen’s in deinem Zimmer, während die anderen tanzen, das gibt uns den richtigen Kick, flüsterten diese Erinnerungen, begleitet von Hoffnung und Aufregung.

Zacharias blinzelte, und die beiden Jungen lagen nicht mehr eng umschlungen. Malcolm hatte sich zur Seite gerollt und griff nach seinen neben dem Bett liegenden Sachen; Randy zog sich erschrocken das Laken zum Kinn hoch und starrte den Mann an, der vor dem Bett stand. Onkel Dulberg, Halbbruder von Randolphs Vater und das schwarze Schaf der Familie. Na, so was, na, so was, wer hätte das gedacht, sagte Onkel Dulberg zufrieden. Tja, ich habe es gedacht, es überrascht mich überhaupt nicht, mein Lieber. Beobachte dich schon seit einer ganzen Weile. Es wundert mich, dass die anderen noch nicht gemerkt haben, dass du schwul bist. Haben vielleicht nicht den richtigen Blick dafür. Malcolm hat ihn. Nicht wahr, Malcolm? Hast es ziemlich eilig, in deine Klamotten zu kommen, wie? Warum nur, frage ich mich. Wir sind hier doch unter uns.

Bitte, Onkel Dulberg …, wimmerte Randolph, und mit dem Kopf voller fremder Gedanken dachte Zacharias: Armer Randy. Bist da wirklich in eine blöde Situation geraten. Dein Onkel ist schwul wie du und hatte dich schon seit einer ganzen Weile auf dem Kieker. Er hat sich einen Schlüssel für dein Zimmer besorgt und auf die richtige Gelegenheit gewartet.

Oh, mach dir keine Sorgen, Randolph, ich verrate deinem Vater nichts. Dies bleibt unter uns, ganz klar. Und du, Malcolm, bleib ruhig hier. Dulberg streckte den Arm und versperrte damit den Weg zur Tür. Es gibt nichts zu befürchten. Euer kleines Geheimnis ist bei mir gut aufgehoben. Und Randolph, da heute dein Geburtstag ist … Ich habe ein Geschenk für dich. Er knöpfte sich die Hose auf.

»Das ist es?«, fragte Florence. »Das ist der Grund?«

»Er hat ihn erpresst.« Zacharias sah noch andere Szenen, komprimiert auf ein oder zwei Sekunden, nackte Gestalten in anderen Zimmern, einige von ihnen schäbig, die verschwitzten Gesichter von Männern, die vierzig oder fünfzig Jahre älter waren als Randolph. »Dulberg hat ihn gezwungen, zum Lustknaben seiner Kumpel zu werden. Ein feiner Onkel ist das, wirklich prächtig. Ich schätze, Mrs. Quint wird ein Wörtchen mit ihm reden wollen, wenn sie hiervon erfährt.«

»Zach … Ich empfange erneut ein Signal. Absolute Priorität. Wir müssen zurück.«

»Nach der ganzen Mühe?«, erwiderte Zacharias. »Wir haben es fast geschafft. Wir wissen, was mit Randy los ist. Jetzt geht es darum, das Trauma zu eliminieren und die Grundlage für eine erfolgreiche Therapie zu schaffen. Ich schlage vor, wir erledigen den Onkel. Das sollte Randys Unterbewusstsein zeigen, dass er ihm nicht völlig hilflos ausgeliefert ist.«

»Absolute Priorität«, wiederholte Florence. Sie stand neben der Tür, ihr schwarzes Haar halb mit den dortigen Schatten verschmolzen, ihr Gesicht ein helles Oval im Halbdunkel. »Die Zentrale schickt jemanden, der uns ersetzt.«

»Jemanden, der die Früchte unserer Arbeit erntet?« Enttäuschung machte sich in Zacharias breit, und sie galt nicht nur der Mission. Er hatte gehofft, noch etwas Zeit mit Florence zu haben. Und ganz abgesehen davon: Die Rückkehr bedeutete für ihn, wieder Fesseln zu tragen.

»Es scheint sehr wichtig zu sein, Zach.« Florence drehte den Schlüssel im Schloss, und als sie die Tür öffnete, trat ein schlanker, grauhaariger Mann ein, mit einer Nase wie ein Klumpen im Gesicht. Conrad, einer der anderen Traveller, ein »Handwerker«, wie man jene Gruppe nannte. Sie räumten auf, erledigten den Rest, beseitigten manchmal die Trümmer, wie auch immer man es nennen mochte.

»Rasmussen erwartet euch«, sagte Conrad und beobachtete die Szene.

»Es ist der Onkel.« Zacharias deutete auf den Mann mit der heruntergelassenen Hose. »Verpass ihm eine Abreibung. Zeig dem Jungen, dass seine Situation nicht völlig hoffnungslos ist.«

»Ich bin auf dem Laufenden«, sagte Conrad würdevoll.

Zacharias wich langsam zur Tür zurück, die nicht mehr auf den Flur führte, sondern in einen vertrauten Raum. Einen Schritt davor zögerte er.

»Komm, Zach«, drängte Florence.

»Weißt du was, Flo?« Er ließ den Blick durchs halbdunkle Zimmer streichen, nahm sich einige Sekunden Zeit und empfing weitere Szenen aus den Erinnerungen von Randolph Amadeus Quint. »Vielleicht hast du recht.«

»Was?« Florence hatte ihr Interface-Äquivalent vom Ohr gezogen, hielt es in der Hand und stand in der Tür, halb auf dieser Seite und halb auf der anderen.

»Es … fühlt sich nicht ganz richtig an«, sagte Zacharias.

»Schwul zu sein und deshalb vom eigenen Onkel erpresst zu werden … Reicht das als Grund für drei Selbstmordversuche?«

»Wenn man sehr sensibel ist …«, Conrad zuckte die Schultern. »Ich kümmere mich jetzt darum. Vielleicht finde ich noch etwas anderes.«

Zacharias nickte, atmete tief durch und ging zusammen mit Florence durch die Tür, die sie zur Foundation zurückbrachte.

 

Unter dem Bett waren die Schatten dichter und dunkler, und sie gerieten in Bewegung, als sich die Tür schloss und das einzige Licht im Zimmer wieder nur von der halb zugedeckten Lampe kam. Zwei Punkte glühten in der Finsternis, wie Sterne am Nachthimmel, oder wie Augen, die kurz den Schein des Mondes reflektierten. Dünne schwarze Linien wuchsen unter dem Bett hervor, kletterten wie Ranken an den Pfosten hoch, erreichten die beiden Jungen – der eine am Bettrand, der andere unterm Laken –, krochen an ihnen empor, ohne dass die Erstarrten etwas bemerkten, und legten sich ihnen wie Schlingen um den Hals. Zwei weitere Linien schlängelten sich an den Innenseiten von Dulbergs Beinen hoch und wickelten sich um sein steil nach oben zeigendes Glied, verschwanden dann unterm Hemd, kamen am Kragen wieder zum Vorschein und bildeten auch an seinem Hals eine Schlinge. Sie schienen sich zuzuziehen, denn die Gesichter der beiden Jungen und des Mannes verwandelten sich in Fratzen, und die Augen traten ihnen aus den Höhlen.

Es blieb alles still. Nach einer Weile flackerte die Lampe und ging aus. Dunkelheit erfüllte alle Ecken des Zimmers und wartete.

Andreas Brandhorst

Über Andreas Brandhorst

Biografie

Andreas Brandhorst, geboren 1956 im norddeutschen Sielhorst, schrieb mit seinen futuristischen Thrillern und Science-Fiction-Romanen wie »Das Schiff« und »Omni« zahlreiche Bestseller. Spektakuläre Zukunftsvisionen sind sein Markenzeichen. Der SPIEGEL-Bestseller »Das Erwachen« widmet sich dem Thema...

Pressestimmen

Fantasia 765e

»›Seelenfänger‹ ist ein ungemein faszinierender und außergewöhnlich origineller Science-Fiction Roman (…)«

Hamburger Morgenpost

»›Ewiges Leben‹ überzeugt mit einem Mix aus Philosophie, wissenschaftlichen Fakten und einer Story, deren Spannung sich stetig steigert und unsere ganze Vorstellungskraft fordert«

buchwelten.blog

»Andreas Brandhorst nimmt uns auf unglaubliche Reisen mit, die sich durch seinen bildhaften Schreibstil im Kopf der Leser ausbreiten.«

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