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Kluftingers sechster Fall

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Schutzpatron — Inhalt

Kommissar Kluftingers sechster Fall - jetzt auch als Taschenbuch!

Eine Arbeitsgruppe für die Sicherung des Altusrieder Burgschatzes, der im Allgäu gefunden wurde und jetzt nach einer weltweiten Ausstellungstour endlich wieder in die Heimat kommt – so ein Schmarrn!, denkt sich Kommissar Kluftinger, der doch gerade den mysteriösen Mord an einer alten Frau aufklären muss. Oder hat das eine gar mit dem anderen zu tun?

€ 11,00 [D], € 11,40 [A]
Erschienen am 17.09.2012
432 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-27483-8
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 31.05.2011
432 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-95259-0

Leseprobe zu „Schutzpatron“

Für Michi.
Danke,
Volki

Für Volker.
Danke,
Michi

Künder ew’ger, froher Wahrheit,
unsres Land’s Apostel, du,
bringe uns ersehnte Klarheit
und im Sturm der Zeiten Ruh.
(Aus dem Magnuslied nach D. Haugg)

Heiliger Antonius,
kreizbraver Ma,
fihr mi an des Plätzle na,
wo i mei Sach verlore ha.
(Volksmund)

Prolog

„Wotan?“
Reglos lauschte er in die vorabendliche Stille hinein. Kein Laut. Er drehte sich einmal um die eigene Achse, doch das diffuse Licht der heraufziehenden Dämmerung, das durch die Wipfel der knorrigen Bäume hinunter zum feuchten Waldboden drang, [...]

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Für Michi.
Danke,
Volki

Für Volker.
Danke,
Michi

Künder ew’ger, froher Wahrheit,
unsres Land’s Apostel, du,
bringe uns ersehnte Klarheit
und im Sturm der Zeiten Ruh.
(Aus dem Magnuslied nach D. Haugg)

Heiliger Antonius,
kreizbraver Ma,
fihr mi an des Plätzle na,
wo i mei Sach verlore ha.
(Volksmund)

Prolog

„Wotan?“
Reglos lauschte er in die vorabendliche Stille hinein. Kein Laut. Er drehte sich einmal um die eigene Achse, doch das diffuse Licht der heraufziehenden Dämmerung, das durch die Wipfel der knorrigen Bäume hinunter zum feuchten Waldboden drang, ließ ihn nur wenige Meter weit sehen.
„Wotan!“
Wie immer, wenn er den Namen rief, war er ihm ein wenig peinlich. Selbst schuld, dachte er, niemand hat dich gezwungen, deinem winzigen Hund einen derart martialischen Namen zu geben. Aber er hatte den Kontrast so putzig gefunden: der kleine Dackel mit den krummen Beinchen und der Name der germanischen Gottheit. Langsam begann er sich Sorgen um ihn zu machen. Es war nicht Wotans Art, einfach so fortzulaufen.
„Wotan?“ Er schnippte seine Zigarette weg, trat sie aus und hielt inne. Hatte er da nicht etwas gehört? Er blickte zurück auf den Weg, der, mit Baumstämmen befestigt, hinunter ans Flussufer führte. Nichts.
Vor ihm ragte das Plateau mit der Ruine auf. Bei ihrem Anblick fröstelte es ihn. Nebelschwaden hatten sich auf der Wiese ausgebreitet und hüllten die moosbewachsenen Steine des Turms in einen fahlen Schleier. Das Dämmerlicht hatte die Farben aus der Natur gewaschen, alles wirkte grau, trostlos und unheimlich. Er gestand es sich nur ungern ein, aber der Schauder, der von ihm Besitz ergriff, kam nicht von der Temperatur. Er versuchte sich einzureden, dass es nur die Angst um seinen Hund war, denn er wagte gar nicht sich auszumalen, was passiert sein könnte, wenn Wotan nicht in Richtung Auto, sondern zum Steilufer gelaufen war. Mühelos hätte er unter den Latten des Zauns dort hindurchschlüpfen können, um dann … Gerade als er seinen Blick mit einer bösen Vorahnung in Richtung Abgrund wandte, hörte er ihn.
Es war ein ungewöhnlich aggressives Knurren, aber es kam zweifellos von seinem Hund. Ohne zu zögern, rannte er los, achtete nicht auf die Äste, die ihm ins Gesicht peitschten, sprang über Wurzeln und welkes Laub, blieb stehen und lauschte, den Kopf geneigt, den Blick unbestimmt in die Dämmerung gerichtet. Da! Erneut ein Knurren. Es kam … er kniff die Augen zusammen, als könne er so seine Sinne schärfen … ja, es kam eindeutig von der Lichtung.
Aus der Richtung des Gedenksteins flog Erde und Laub in hohem Bogen auf die Lichtung. „Wotan!“ Sein Hund scharrte wie verrückt in der Erde und knurrte den Waldboden an. Gar nicht auszudenken, was dieser Dreck auf den Polstern des neuen Autos anrichten würde. Nur noch Wotans Hinterteil ragte hinter dem Tuffstein hervor, dessen altertümliche Inschrift an die „Veste Alt-Kalden“ erinnerte, eine mächtige Burg, die einst hier in Altusried gestanden hatte. Er erinnerte sich noch, dass irgendeine Katastrophe ihr ein jähes Ende bereitet hatte.
„Hör – jetzt – auf!“, schrie er wutentbrannt, da das Tier nicht reagierte. Er stampfte dabei mit dem Fuß auf, was ein merkwürdig dumpfes Geräusch verursachte, als sei es unter der Grasnarbe hohl. Erschrocken hob der Dackel den Kopf, jaulte einmal kurz und kam auf ihn zu, da spürte der Mann einen Zug modriger Luft von unten, hörte das Krachen berstenden Holzes und fiel ins Bodenlose. Dann wurde es dunkel.

Finsternis und Kälte. Mehr nahm er zunächst nicht wahr, als er wieder zu sich kam. Doch sofort gesellten sich rasende Kopfschmerzen hinzu, ein Hämmern hinter der Schläfe, als wolle ihm jemand von innen den Schädel sprengen. Unwillkürlich fasste er sich an den Kopf, spürte ein feuchtes, warmes Rinnsal und wusste, auch ohne es zu sehen, worum es sich dabei handelte: Blut. Sein Blut.
Urplötzlich drängte sein Mageninhalt mit aller Gewalt nach oben, und er übergab sich heftig. Mit dem Handrücken fuhr er sich zittrig über den Mund. Er versuchte, seine Gedanken trotz des mörderischen Pochens in seinem Schädel zu sammeln. Was war passiert? Sein Spaziergang auf dem engen Waldweg zum Fluss fiel ihm wieder ein, der Aufstieg, die Ruine, der Stein, Wotans plötzliches Verschwinden …
„Wotan?“
Jetzt erst bemerkte er das verzweifelte Bellen über sich. Er legte den Kopf in den Nacken, was das Hämmern in seinen Schläfen noch verstärkte. Oder war es die Tatsache, dass über ihm nichts war als undurchdringliche Schwärze? Wie lange war ich weg? Er hatte keinerlei Gefühl für die Zeit, die seit seinem Sturz vergangen war. Sein Sturz! Hektisch tastete er seinen Körper ab. Er schien einigermaßen glimpflich davongekommen zu sein. Offensichtlich war nichts gebrochen, nur sein Schädel brummte erbärmlich. Doch die Erleichterung wurde sofort von einem beängstigenden Gedanken verdrängt: Wie sollte er hier je wieder rauskommen? Wotans Bellen klang, als käme es aus mindestens vier, fünf Metern Höhe. Der Hund musste an der Stelle stehen, wo er eingebrochen war, doch nicht ein einziger Lichtstrahl drang bis hier unten vor. Ächzend stand er auf, breitete die Arme aus und drehte sich mehrmals um die eigene Achse. Blind stolperte er ein paar Schritte nach links, bis er gegen eine feuchte Wand stieß. Seine Finger tasteten über behauene Steine. Er versuchte, sich an ihnen hochzuziehen, aber sie waren glitschig, und er fand keinen Halt. Verzweifelt ließ er sich zu Boden sinken und lehnte seinen malträtierten Kopf an die kühle Mauer. Was würde er jetzt für eine Zigarette geben. Er hielt inne. Die Streichhölzer! Aufgeregt kramte er sie aus seiner Hosentasche, schob die verbeulte Packung vorsichtig auf und zündete eines an. Zuerst fiel sein Blick auf seine vom Dreck beinahe schwarzen Finger. Sie zitterten, als er das Hölzchen hob. Die Wände des Lochs schienen im flackernden Schein der Flamme einen schaurigen Tanz aufzuführen. Sein Verlies maß höchstens fünf auf fünf Meter, und ihm war sofort klar, dass er keine Chance hatte, sich aus eigener Kraft daraus zu befreien. Zu steil und glitschig waren die Wände. Er drehte sich noch ein Stückchen weiter, dann musste er das Streichholz fallen lassen, und es verlosch.
„Scheiße“, zischte er. Es waren vielleicht noch ein Dutzend Hölzer in der Packung. Er musste sie sich gut einteilen. Auch wenn es hier unten stockfinster war, schloss er die Augen, um sich das Bild, das er sich von dem Raum gemacht hatte, noch einmal in Erinnerung zu rufen. Plötzlich riss er sie wieder auf. „Das Gitter“, flüsterte er, zündete ein weiteres Streichholz an und hielt es mit ausgestreckter Hand nach vorn. Tatsächlich, er hatte sich nicht getäuscht: In die gegenüberliegende Wand war ein rostiges Gitter eingelassen. Er starrte so fasziniert darauf, dass er die Flamme ganz vergaß und erst wieder daran dachte, als sie ihm die Fingerkuppe ansengte. Doch er ignorierte den Schmerz, krabbelte zu dem Gitter und rüttelte mit aller Kraft daran. Er merkte schnell, dass es nicht lange dauern würde, bis er es aus seiner Verankerung herausgerissen hätte. Stück für Stück löste es sich aus der Mauer. In einer letzten Anstrengung zerrte er keuchend daran, biss die Zähne zusammen, als das rostige Metall in seine Finger schnitt – und riss es schließlich mit einem Krachen aus der bröckeligen Steinwand. Er warf es neben sich und entzündete ein weiteres Streichholz: Vor ihm tat sich ein etwa fünfzig Zentimeter hoher Gang auf, der in eine ungewisse Schwärze führte.
Er hielt kurz inne und faltete die Hände. Da er nicht wusste, welcher Schutzheilige für seine missliche Situation zuständig war, schickte er einfach ein kurzes Stoßgebet gen Himmel. Er bekreuzigte sich hastig und kroch hinein. Schon nach wenigen Metern jedoch bereute er seine Entscheidung: Der Gang war so eng und schwarz, dass sich die Panik wie ein enger, dunkler Mantel um ihn legte. Er holte hektisch ein weiteres Streichholz heraus. Er brauchte Licht, musste etwas sehen – und schrie auf. Direkt vor ihm, ausgestreckt auf dem Boden, lag ein Mensch. Das heißt: Das, was von ihm übrig war, denn er starrte direkt in die schwarzen Höhlen eines Totenschädels. Er erschrak so heftig, dass er das Streichholz fallen ließ, worauf er sofort ein neues entzündete. Der Schädel sah nicht so aus wie die Skelette, die er aus dem Fernsehen kannte. Dieser hier war nicht weiß, sondern dunkel, fast schwarz, und in seiner Stirn klaffte ein Loch. Er veränderte seine Haltung etwas, und das Licht der Flamme brach sich nun in Metall, offenbar Teile einer uralten Rüstung. Als er die knöchernen Überreste einer Hand sah, war seine Angst urplötzlich wie weggeblasen. Denn an einem der Finger prangte ein schillernder, blitzender Ring, dahinter lag ein mit Edelsteinen besetzter Armreif. In diesem Moment erlosch die Flamme wieder.
Mein Gott, ein Schatz, dachte er, kramte ein weiteres Hölzchen heraus, nicht mehr darauf bedacht, es für seine beschwerliche Rückkehr an die Oberfläche aufzusparen. Er leuchtete den Boden ab, entdeckte die andere Hand, deren Fingerknochen auf etwas zu zeigen schienen. Und tatsächlich: In einem Spalt zwischen zwei Steinen steckte ein Messer, dessen Griff ebenfalls mit Edelsteinen besetzt war. Ohne nachzudenken, griff er danach, zog es heraus, worauf sich einer der Mauersteine löste und einen Hohlraum freigab. Er entfernte noch weitere Steine aus der Wand, dann wurde es wieder finster.
Was kommt denn jetzt noch?, fragte er sich, streckte seine Hand im Dunkeln aus und fasste in das Loch. Er bekam etwas Weiches zu fassen, griff zu, merkte, dass darunter etwas Metallisches war, zog es heraus und zündete eines seiner letzten Streichhölzer an: Er starrte auf einen halb verfaulten Stofffetzen, der um etwas Großes, Metallisches geschlagen war. Sein Mund war trocken, als er den Stoff abzog – und einen selbst unter all dem Dreck golden schimmernden Gegenstand in Händen hielt, der über und über mit Edelsteinen besetzt war. Er wusste nicht genau, was es war, das er da in Händen hielt: Ein prächtiger Strahlenkranz ging von der Mitte aus, unten besaß es einen massiven Fuß, der ebenfalls aus Gold zu sein schien.
Fahrig suchte er im Dunkeln nach weiteren Gegenständen. Neben einigen Ringen ertastete er noch einen Kelch und zwei verzierte Armreifen. Er raffte seinen Fund zusammen, schlug alles notdürftig wieder in den Stoff ein und robbte damit weiter. Sein ganzes Denken kreiste nun nicht mehr um seinen Weg nach draußen, sondern um die geheimnisvollen Gegenstände. Wie sind sie hierhergekommen? Warum hat sie vor mir niemand entdeckt? Woher kommt das Loch in dem Totenschädel? Bin ich jetzt reich? Er merkte gar nicht, wie der Gang um ihn herum sich weitete, immer geräumiger wurde. Erst als er statt Erde feuchte Holzplanken spürte, hielt er inne. Er erhob sich ganz langsam und stand plötzlich wieder aufrecht. Wo bin ich bloß? Er kramte die Streichholzschachtel hervor. Nur noch ein Hölzchen befand sich darin. Er biss sich auf die Lippen: Das muss jetzt klappen. Atemlos stand er da, als sich die Flamme flackernd entzündete. Dann seufzte er erleichtert. Er ahnte, wo er war.

Kaum eine halbe Stunde später atmete er wieder die klare, kalte Nachtluft. Der Gang hatte ihn in einen Hohlraum unter der Turmruine geführt, von dort hatte er sich mithilfe ein paar herumliegender Hölzer durch die brüchige Mauer einen Weg nach draußen gebahnt, wo Wotan winselnd einen Freudentanz um ihn herum vollführt hatte. Jetzt saß er in seinem Wagen und sog gierig den Rauch der Zigarette in seine Lungen. Seine neuen Polster waren ihm nun vollkommen egal. Er starrte nur ungläubig auf die Dinge, die er aus der Unterwelt mitgebracht hatte.
Jetzt musste er eine Entscheidung treffen.

Ein warmes Gefühl der Selbstzufriedenheit im Bauch sagte ihm, dass er den richtigen Entschluss gefasst hatte. Er lenkte seinen Wagen zielsicher durch die dunkle Kemptener Innenstadt. Außer den riesigen Köpfen auf den Wahlplakaten, die die Straßen säumten, war keine Menschenseele zu sehen. Als er anhielt und ausstieg, fiel sein Blick für einen Moment auf das Plakat in der Mitte des Rathausplatzes. Beim Anblick des dicken Mannes mit dem roten Kopf musste er grinsen. Dass ein Bayer Bundeskanzler werden könnte, schien selbst hier im Allgäu äußerst unwahrscheinlich. Doch die Wahl, für die er sich noch vor wenigen Stunden so brennend interessiert hatte, war ihm nun nicht mehr als einen flüchtigen Gedanken wert.
„Komm, Wotan“, zischte er, nahm die Sachen vom Beifahrersitz und betrat das Gebäude.
„Moment, Hunde ham da herin nix zu …“ Der junge Mann am Schreibtisch verstummte mitten im Satz. Seine Augen weiteten sich, als die verdreckte Gestalt mit dem blutverkrusteten Gesicht in den Schein der Lampe trat. Der Mann wurde begleitet von einem nicht minder schmutzigen Dackel.
„Kohler. Andreas Kohler mein Name, grüß Gott. Lassen Sie sich nicht von meinem Aussehen täuschen“, rief die Gestalt durch das Zimmer, lief zum Tresen und legte ohne weitere Erklärungen seine Fundstücke darauf. „Ich glaub, ich hab da was für Sie.“
Dem jungen Beamten klappte der Kiefer nach unten. Er erhob sich langsam aus seinem Stuhl und ging auf den Tresen zu, wobei er die Gegenstände, die nun dort lagen, nicht aus den Augen ließ.
Kohler schätzte den Polizeibeamten auf etwa fünfundzwanzig Jahre, auch wenn ihn sein schütteres Haar älter wirken ließ. Der Polizist war schlank, und in seiner Uniform wirkte er sportlich. Als er den Tresen erreicht hatte, schluckte er und murmelte nur ein Wort: „Priml!“

„Aus Dietmannsried?“
„Aus Dietmannsried.“
„Andreas Kohler, richtig?“
„Richtig.“
Der Beamte tippte die letzten Angaben umständlich in die Schreibmaschine ein, wobei er immer wieder fluchend unterbrach und mit Tipp-Ex auf dem Papier herummalte. Schließlich zog er den Bogen heraus und reichte ihn über den Tresen. „Gut, wenn Sie das Protokoll bitte hier unterschreiben, Herr Kohler.“
„Und wie geht es jetzt weiter?“
Der junge Beamte kratzte sich am Kopf. „Ehrlich gesagt: Das weiß ich nicht. Also, einen Schatz, das haben wir hier meines Wissens noch nie gehabt.“
„Aber ich krieg doch eine Belohnung?“
„Ja, sicher. Das steht Ihnen ja zu. Obwohl Sie die ja wohl gar nicht nötig haben.“ Der Polizist grinste und deutete durch die Scheibe auf das nagelneue graue Auto, das vor der Wache im Schein einer Laterne parkte.
„Ja, schön, gell? Aber es gehört nicht mir.“
Der Blick seines Gegenübers verfinsterte sich.
„Ich meine, doch, doch, schon meins, aber ich bin Autoverkäufer und fahre immer die neuesten Vorführwagen.“
„Sie meinen, der wär zu verkaufen?“
Kohler hob die Augenbrauen. Warum sollte er nicht auch noch ein Geschäft machen, so ganz nebenbei, auf der Polizeiwache? Der Tag war ohnehin schon verrückt genug verlaufen. „Sind Sie interessiert?“
„Mei, schon. Käme halt auf den Preis an. Was ist es denn für ein Modell?“
„Ein Volkswagen. Der nagelneue Passat Variant – als Diesel. Ist erst seit ein paar Tagen auf dem Markt. Der hält ewig. Und ist sparsam obendrein.“
„Sparsam?“ Der Polizeibeamte zog interessiert die Brauen hoch. „Sie verstehen Ihr Handwerk. Aber ewig muss er ja gar nicht halten, bloß ein paar Jahre.“
Der Autoverkäufer fischte mit seinen schmutzigen Fingern eine Visitenkarte aus dem Geldbeutel. „Rufen Sie mich einfach an.“ Dann winkte er seinem Hund und ging.

Dreißig Jahre später
Dienstag, 7. September

„Himmelarsch!“
Missmutig knallte Kluftinger die Fahrertür seines alten Passats zu. Dabei war er vor zwanzig Minuten noch leidlich gut gelaunt zu Hause aufgebrochen. Und die kurze Fahrt von seinem Wohnort Altusried bis zu seinem Büro in der Kemptener Innenstadt hatte ihn sogar noch fröhlicher gestimmt. Kluftinger liebte es, wenn sich der Sommer allmählich seinem Ende entgegenneigte. Endlich durfte man sich wieder guten Gewissens drinnen aufhalten, und seine Frau würde ihn nicht mehr mit absurden Vorschlägen wie „Wollen wir nicht zum Baden gehen?“ traktieren. Über der Iller standen wieder erste Nebelschwaden, die ungemütliche Hitze des kurzen Sommers war einer herrlichen Frische gewichen, und die Septembersonne tauchte die Landschaft in mildes Licht.
Doch wieder einmal hatte Kluftingers Freude über diesen wunderschönen Tag keinen Bestand angesichts eines beinahe allmorgendlichen Ärgernisses: Seit die Kemptener Kriminalpolizei vor einigen Monaten in ein neues Gebäude umgezogen war, gab es keine reservierten Parkplätze für die Mitarbeiter mehr. Noch nicht einmal für ihn als leitenden Kriminalhauptkommissar. Nur Dienstautos durften im Hof abgestellt werden. Aber er fuhr halt lieber mit seinem eigenen Wagen und rechnete die gefahrenen Kilometer ab. Er hatte einmal mittels eines komplizierten Rechenvorgangs, den er selbst nicht mehr nachvollziehen konnte, herausgefunden, dass ihm dies finanzielle Vorteile brachte. Nun wurde er das Gefühl nicht los, dass es sich bei der neuen Parkplatzregelung um eine Art Erziehungsmethode für renitente Selbstfahrer handelte. Aber er dachte nicht daran, mit dieser Gewohnheit zu brechen. Jetzt erst recht nicht! Dennoch verfluchte er sich regelmäßig dafür, denn hier in der Innenstadt waren die kostenfreien Parkplätze mehr als rar. Zwar gab es in hundert Meter Entfernung ein Parkhaus, in dem mittlerweile die meisten seiner Kollegen Plätze zu einem reduzierten Preis gemietet hatten, doch für Kluftinger kam das nie und nimmer infrage. Allein der Gedanke, dafür zu zahlen, dass er während der Arbeit sein Auto abstellen durfte, trieb ihm Schweißperlen auf die Stirn.
Heute war es jedoch besonders schlimm. Kein einziger der ihm bekannten Gratisparkplätze war mehr frei gewesen. Und jetzt war er auch noch zu spät dran. Wenigstens bekam das sein oberster Vorgesetzter, Polizeipräsident Lodenbacher, nun nicht mehr mit. Denn der residierte weiterhin im Polizeikomplex am Stadtrand. Für Kluftinger eigentlich die beste Neuerung, die der Umzug mit sich gebracht hatte.
Nach langer Suche überquerte der Kommissar nun mit hastigen Schritten die Straße. Er nickte dem Bordellbesitzer von nebenan freundlich zu, der wie fast jeden Morgen seinen ziemlich ungemütlich aussehenden Hund ausführte, von dem aber sowohl das Herrchen als auch die für ihn arbeitenden Frauen behaupteten, dass er ein „ganz ein Lieber“ sei. Der Kommissar schmunzelte. Niemals hätte er gedacht, dass sich ein so gutes nachbarschaftliches Verhältnis zwischen den beiden doch so gegensätzlichen Etablissements entwickeln würde.
Gedankenversunken stieg er die Treppe zu „seinem Stockwerk“ hoch; sein Büro lag in der zweiten Etage.
„So, so! Wenn die Katz ausm Haus is, tanzn die Mäus aufm Tisch, oda, Kluftinga? I glaub, i muass wieder a bisserl mehr kontrollieren, in Ihrem Saustall da heroben!“
Kluftinger hielt kaum merklich einen kurzen Moment inne und schloss die Augen. Priml. Lodenbacher! Die niederbayerische Heimsuchung! Noch bevor er den Treppenabsatz erreicht hatte, presste er hervor: „Ah, Herr Lodenbacher, was verschafft uns denn heut schon so früh die … Ehre?“
Mit zusammengezogenen Brauen musterte der Polizeipräsident den Kommissar, auf dessen Stirn sich winzige Schweißtröpfchen bildeten – sei es wegen seines Zuspätkommens oder wegen des hastigen Tempos, mit dem er die Treppen genommen hatte. Schließlich fasste Lodenbacher den Kommissar am Arm und zog ihn in Richtung der Büros.
„Auf geht’s, mit dera Sach, die wo heut ansteht! I hob net vui Zeit, i bin nachher beim Golf mit dem Landrat. Kemman S’! Alle warten schon im großen Besprechungsraum auf Sie, ned wahr? Gehen S’ weiter und walten S’ Ihres Amtes!“
Kluftinger sah ihn ratlos an. Er hatte nicht die geringste Ahnung, was heute Besonderes auf dem Programm stand. Außer einer Serie von Autodiebstählen ging es bei der Kemptener Kripo gerade ziemlich ruhig zu.
„I hob Eahna doch a Memo gschickt!“, beantwortete der Polizeipräsident Kluftingers fragenden Blick.
Au weh, dachte der Kommissar. Seine E-Mails kontrollierte er eher unregelmäßig. Aber er hatte doch die Abteilungssekretärin Sandy Henske gebeten, ihm wirklich Wichtiges auszudrucken! Und am Vortag hatte sie ihm nichts gegeben. Kluftinger wischte sich mit der flachen Hand den Schweiß von der Stirn.
Von Lodenbacher wurde er nun vehement in Richtung des großen Besprechungsraumes geschoben.
„Ich schau nur noch schnell in meinem Büro vorbei“, versuchte Kluftinger wenigstens einen kleinen Aufschub zu bekommen, vielleicht konnte er ja sogar Sandy oder einen seiner Mitarbeiter fragen, worum es heute gehen sollte. Richard Maier, der Streber, wusste doch immer, was gerade los war. Doch sein Chef dachte gar nicht daran, ihn noch einmal entkommen zu lassen, und stieß die Tür des Besprechungsraums auf. Kluftinger hörte das eintönige Gemurmel einer lockeren Unterhaltung, dann verstummten nach und nach die Gespräche. Er sah sich im Raum um und blickte in die erwartungsvollen Gesichter seiner „Kernmannschaft“, wie er sie gerne nannte: die Kommissare Richard Maier, Eugen Strobl und Roland Hefele. Sie hatten sich alle drei vor einer Platte mit kalten Häppchen postiert, und dem Zustand dieser Platte nach zu urteilen, standen sie schon eine Weile dort. Doch es waren noch weitere Personen im Raum, was Kluftinger zu dem Schluss kommen ließ, dass es sich wohl um eine Angelegenheit von einiger Wichtigkeit handelte, wegen der sie heute hier zusammengerufen worden waren: Willi Renn, Chef des Erkennungsdienstes, stand am Fenster, wippte ungeduldig von einem Bein auf das andere und warf dem Kommissar einen vorwurfsvollen Blick zu, der wohl seiner Verspätung geschuldet war. Willi hasste Unpünktlichkeit noch mehr als verwischte Spuren am Tatort. Es hatten sich außerdem noch ein paar Mitarbeiter der Verwaltung eingefunden sowie einige Sekretärinnen aus anderen Abteilungen.
Kluftinger war völlig ratlos, was das Ganze zu bedeuten hatte. Die einzige Gemeinsamkeit, die ihm zu den hier anwesenden Personen einfiel, war die Tatsache, dass sie bei der Polizei arbeiteten.
Er wurde jäh aus seinen Gedanken gerissen, als Lodenbacher mit einem deutlich vernehmbaren Knall die Tür hinter sich zuzog und sich ein Geschenk samt Schleife und Karte griff, das auf einem Sideboard bereitlag. Daneben stand, in einem Bierglas als provisorischer Vase, ein üppiger Blumenstrauß.
Kluftinger zuckte schließlich mit den Schultern und wollte sich zu seinen Kollegen gesellen. Er würde ja bestimmt gleich erfahren, worum es sich handelte, und nahm sich vor, bei Lodenbachers Rede, die ihnen sicherlich drohte, hin und wieder wissend zu nicken. Als er an seinem Chef vorbeiging, nahm der ihn noch einmal beiseite.
„Jetzt fangen S’ amol an mit Ihrer Rede, ich schließ mich dann an.“
„Meiner …“
„Jetzt gengan S’ zua. I hob aa ned ewig Zeit.“ Lodenbacher machte eine Handbewegung, als verscheuche er ein lästiges Insekt.
Rede?
Das Wort dröhnte in seinem Kopf wie der grollende Donner eines nahenden Gewitters. Wie sollte er eine Rede halten, wenn er nicht einmal wusste, weswegen? Kluftinger sah auf und blickte in die erwartungsvollen Augen der versammelten Kollegen, alle Gespräche waren verstummt.
Herrgott, denk nach!, befahl er sich. Wieder begann er zu schwitzen. Er versuchte es mit seiner kriminalistischen Kombinationsgabe: ein Jubiläum vielleicht. Zumindest kein einfacher Geburtstag, zu dem wären schließlich der Präsident und die Kollegen aus den anderen Abteilungen nicht extra gekommen. Kluftinger blickte in die Runde, ein Gesicht nach dem anderen nahm er sich vor. Hefele. Ein runder Geburtstag? Nein, Hefele war in etwa sein Jahrgang. Außerdem stand sein untersetzter Kollege dermaßen unbeteiligt herum, dass es um jemand anders gehen musste. Maier. Ein Dienstjubiläum? Zwanzig Jahre? Er hätte nicht sagen können, wie lange es her war, dass Richie von der baden-württembergischen zur bayerischen Polizei gewechselt war. Allerdings: Wenn es um ihn gegangen wäre, würde er sich sicher nicht so vornehm zurückhalten. Also Strobl. Vielleicht ja doch eine Beförderung? Eigentlich unmöglich, dann würde Eugen mit ihm gleichziehen. Schließlich war Kluftinger selbst seit … Kluftinger stutzte – vor wie vielen Jahren war er damals in den Polizeidienst eingetreten? Polizeischule mit neunzehn. Er versuchte zu überschlagen. Mit Mitte zwanzig dann der Eintritt in die Kriminalpolizei. Mitte zwanzig? Sollte heute sein dreißigjähriges Dienstjubiläum bei der Kripo Kempten sein? Das könnte ziemlich genau hinkommen. Noch einmal sah er in die Gesichter der anderen. Alle lächelten ihn an. Sie warteten auf eine Rede. Natürlich, ein paar launige Worte zu seinem Jubiläum. Die Anspannung wich von ihm. Er zupfte seinen Janker zurecht und legte los.
„Meine lieben … Kollegen, liebe … andere Anwesende. Schön, dass ihr hier zusammengekommen seid, es freut und ehrt mich gehörig. Wie ich hier seinerzeit als junger Beamter angefangen habe, da war ich noch … jung … also relativ halt. Dreißig Jahre ist das jetzt her …“
„Herr Kluftinger, jetzt warten S’ halt!“, unterbrach ihn sein Vorgesetzter. Der Kommissar stutzte über den wenig feierlichen Ton, den Lodenbacher anschlug. An seinem großen Tag könnte der ja schon ein wenig netter sein.
„Wir wollen schließlich ned ohne die Hauptperson beginnen. Es geht ja ned bloß allweil um Sie!“

Volker Klüpfel

Über Volker Klüpfel

Biografie

Volker Klüpfel, geboren 1971 in Kempten, aufgewachsen in Altusried, studierte Politologie und Geschichte. Er war Redakteur in der Kultur-/ Journal-Redaktion der Augsburger Allgemeinen und wohnt in Augsburg. Mit seinem Co-Autor Michael Kobr ist er seit der Schulzeit befreundet. Nach ihrem...

Michael Kobr

Über Michael Kobr

Biografie

Michael Kobr, geboren 1973 in Kempten, studierte Romanistik und Germanistik, ist Lehrer und wohnt mit seiner Frau und seinen Töchtern im Allgäu. Mit seinem Co-Autor Volker Klüpfel ist er seit der Schulzeit befreundet. Nach ihrem Überraschungserfolg „Milchgeld“ erschienen zahlreiche weitere...

Medien zu „Schutzpatron“


Weitere Titel der Serie „Kluftinger“

Kommissar Kluftinger, die Hauptfigur der Krimireihe von Michael Kobr und Volker Klüpfel, wohnt in Altusried im Allgäu, ist Kriminalhauptkommissar bei der Polizei in Kempten und glücklich verheiratet mit Erika, mit der er einen Sohn namens Markus hat. Kluftinger mag keine Leichen, er leidet unter Flugangst, tut sich mit Fremdsprachen schwer, hat weder für modische Accessoires noch für technische Neuerungen etwas übrig, fährt einen uralten VW Passat Diesel und liebt deftige Speisen wie Kässpatzen. Sein Intimfeind ist der Arzt Dr. Martin Langhammer, der unglücklicherweise ebenfalls in Altusried wohnt. Dessen Gattin Annegret ist mit Erika, Kluftingers Frau, eng befreundet. An Kluftingers Seite ermitteln seine Kollegen Strobl, Maier und Hefele.
Pressestimmen
Der Spiegel

„(…) hintersinnig humorvoll.“

Stern

„Kommissar und Arzt fetzen sich beim Lösen der Fälle immer, dass es eine Freude ist.“

Bild und Funk

„Mit Schmunzelgarantie!“

Frankfurter Neue Presse

„Allgäuer Temperament.“

Welt am Sonntag

„Sie veranstalten etwas, das mit ›Lesung‹ nur unzureichend bezeichnet ist. Krimicomedy trifft es eher. (...) Sie frotzeln sich an. Spaßbereit ist das Publikum, kennt jede Anspielung, lacht sich schräg.“

Sächsische Zeitung

„Das Allgäu dient (hier) nicht als Pappkulisse, sondern prägt als Landschaft voller Geschichte und Geschichten die Handlung.“

Süddeutsche Zeitung

„Volker Klüpfel und Michael Kobr halten, gerade weil sie so viele Einzelheiten in ihre Geschichte packen, den Leser bei den Seiten. Das ist ihr Talent. Auch reichlich Komik, die besonders vor Publikum offensichtlich werden wird und sich gerne aus der Mann-Frau-Schublade bedient, gibt dem Buch Charme.“

General-Anzeiger

„Neuer ›Kluftinger‹ zwischen Regionalkrimi und Hollywoodkino.“

Münchner Merkur

„Gewohnt witzig, kurzweilig und dennoch spannend lassen Klüpfel und Kobr ihren Klufti durch den Fall stolpern. Dass (…) der Fall selbst, der bei allem Witz klug erzählt wird und alles andere als ein provinzielles Plagiat eines Hollywoodfilms ist, im Mittelpunkt steht, tut der Geschichte gut.“

Bild München

„Kluftinger ist Kult.“

Focus

„Den beiden Autoren gelingt etwas Seltenes: Sie bringen die Deutschen dazu, über sich selbst zu lachen.“

Frankfurter Neue Presse

„Die Stärke der beiden munteren Autoren ist die detailreiche Beschreibung von Seelenlage und Umfeld des Kommissars Kluftinger, ein Antiheld aus dem Alltag, sympathisch und wiedererkennbar ... Klüpfel und Kobr sind nicht nur zwei begabte Schreiberlinge, die sich den Kultkommissar Kluftinger ausgedacht haben, sondern auch begnadete Interpreten ihrer Figuren.“

Die Welt

„Die Kluftinger-Serie von Klüpfel und Kobr macht den Regionalkrimi zur Sitcom – Gags und Crime im Allgäu mit Bühnenreife in Hör- und Drehbuchqualität. Liebevoll ausgemalte menschliche Schwächen sind die Stärken, sind das komödiantische Grundkapital dieser Serie.“

Der Spiegel

Mit über 3 Millionen verkauften Büchern… das erfolgreichste Autorenduo Deutschlands.

Jolie

„Mordsmäßig spannend.“

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