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Dinner for One

Dinner for One

Vom Glück, in der Küche eine Verabredung mit sich selbst zu haben

Anthologie mit Beiträgen von William Boyd, Wäis Kiani, Harriet Köhler, Katja Lange-Müller, Haruki Murakami, Harry Rowohlt, Leanne Shapton u.v.a.

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Dinner for One — Inhalt

Jeder tut es, aber nur wenige reden darüber, und wenn, dann nur sehr ungern: Das Alleinessen. Dabei ist die Verabredung mit sich selbst in der Küche eine Kunst. Dass währenddessen ein besonderes Moment des Genießens entstehen kann, davon erzählt dieser Band - in Geschichten von William Boyd, Wäis Kiani, Susanne Kippenberger, Harriet Köhler, Katja Lange-Müller, Haruki Murakami, Harry Rowohlt, Denis Scheck, Leanne Shapton und vielen anderen.

€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 26.10.2012
Herausgegeben von: Friederike Schilbach
192 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-8270-7544-4

Leseprobe zu »Dinner for One«

Über dieses Buch
Das Alleinessen hat einen schlechten Ruf. Für andere
kocht man gerne, auch gerne aufwändig. Die berühmte
große Tafel, an der sich Familie und Freunde treffen, um
gemeinsam zu essen und zu trinken, ist ein Sehnsuchtsort.
So geht das gute Leben, haben wir gelernt.
Aber warum fühlt es sich so seltsam an, sich ohne
die anderen genauso viel Mühe zu machen? Für sich zu
kochen, ein Dinner for One zuzubereiten und es auch
noch allein zu essen? Weil wir es gewohnt sind, zu teilen?
Weil das Alleinessen als trist und unsinnlich, als
Ausdruck eines Mangels [...]

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Über dieses Buch
Das Alleinessen hat einen schlechten Ruf. Für andere
kocht man gerne, auch gerne aufwändig. Die berühmte
große Tafel, an der sich Familie und Freunde treffen, um
gemeinsam zu essen und zu trinken, ist ein Sehnsuchtsort.
So geht das gute Leben, haben wir gelernt.
Aber warum fühlt es sich so seltsam an, sich ohne
die anderen genauso viel Mühe zu machen? Für sich zu
kochen, ein Dinner for One zuzubereiten und es auch
noch allein zu essen? Weil wir es gewohnt sind, zu teilen?
Weil das Alleinessen als trist und unsinnlich, als
Ausdruck eines Mangels gilt, nur etwas für Leute ist, die
niemanden um sich haben? Hat es zugleich nicht etwas
Wunderbares, sich selber genau so ernst zu nehmen wie
die Freunde, die man so gern bekocht, und in der Küche
einfach nur mit sich selbst verabredet zu sein?
Normalerweise reden Menschen nicht gern darüber,
was sie sich kochen, wenn sie alleine sind. Sie drucksen
herum, erwähnen höflich ein schmales Sandwich oder
vielleicht einen Salat und reden von einer Zeitschrift,
die sie nebenbei lesen. Erst wenn man wieder und wieder
nachfragt, hört man von Toast mit Marmelade und
Käse, Erdnussbutter, Pasta und allerlei Dingen, die in
wenig erwartbaren Kombinationen zu interessanten Uhrzeiten
auf den Teller kommen. Hüttenkäse mit Chips vor
dem Fernseher, ein Steak spät nachts, ein Kuchen, der
in den frühen Morgenstunden entsteht. »Die absichtliche
Unorganisiertheit der Praktiken des Kochens und
Essens«, schreibt Jean-Claude Kaufmann, »schafft eine
diffuse, tiefe Begeisterung«. Und es stimmt, manchmal
ist es großartig, Kombinationen auszuprobieren, die man
nur mit sich selber teilt, und die Teller danach nicht
abzuspülen. Jedenfalls nicht gleich. Vielleicht hat man
gerade Rote Bete oder Granatapfel für sich entdeckt –
und isst ein paar Tage vor allem das –, mit Walnüssen,
mit Ziegenkäse, mit Parmesan, mit Koriander, dann alles
zusammen und dann wieder von vorn. Oder rote Linsensuppe
mit Aprikosen. Oder Saltimbocca. Oder Kartoffeln
mit Quark, Radieschen, Schnittlauch und sehr viel
Butter.
Genau um diesen Moment, in dem man allein mit ein
paar Einkäufen oder ein paar Resten im Kühlschrank in
der Küche steht, geht es in diesem Buch: Das Kochen,
Essen und Trinken allein zu feiern, den Zauber zu teilen,
den ein Dinner for One bereithalten kann, egal ob
es ein improvisierter Snack oder ein fein komponiertes
Menü ist. Es nicht automatisch als »Verrat an einem größeren,
geselligeren Vergnügen« zu begreifen, wie Denis
Scheck schreibt. 25 Beiträge, Geschichten, Erzählungen
und persönliche Bekenntnisse kommen von
Autorinnen und Autoren unterschiedlichster Herkunft:
Schriftsteller, Journalisten, Food-Blogger, Restaurantkritiker
und Restaurantbesitzer. Katja Lange-Müller erzählt
von einer eleganten älteren Dame, die zum Dinner
zwei putzige Gefährten ausführt. Harry Rowohlt isst im
SPAR-Schlemmermarkt alleine Capri-Eis. Gabriele von
Arnim erzählt von einer Freundin, die beim Kauf eines
einzigen Steaks vor dem Metzger in Tränen ausbricht.
Mary Scherpe schreibt über die Ankunft des Kohls, der
eines Tages in der Gemüsekiste vor ihrer Wohnungstür
liegt. Susanne Kippenberger genießt ein köstliches
Frühstück in Kalifornien. Oliver Strand gelingt die perfekte
Pasta mit Ricotta, Meersalz und Fenchelpollen,
die nach Sommerluft und der Farbe Gelb schmeckt,
weil sie ihn an eine Reise mit seiner Frau erinnert. Bei
Friederike Knüpling gibt es zartes Rindergulasch, bei
Harriet Köhler Leberwurstbrot, bei Rainer Moritz bunte
Nudeln, bei Leanne Shapton Zitronenkuchen, bei Nora
von Waldstätten Schnitzel, bei William Boyd Omelett
und Wäis Kiani geht in Berlin auf die Jagd nach Baby-
Artischocken und Zucchiniblüten.
Auch in Restaurants wagen sich die Autoren allein:
Detlef Kuhlbrodt bestellt Schaschlik am Ostseestrand,
Heidi Svømmekjær ein Dessert-Dinner in einer dänischen
Pâtisserie, Lenz Koppelstätter geht in den Berliner
Imbissladen Rogacki, und Stephan Meyer nimmt
für einen Abend im Speisesaal des ehrwürdigen Grand
Hotel Waldhaus im Engadin Platz.
Das meines Wissens nach erste Buch, dass die schöne
Seite am Alleinkochen und -essen feiert, hat der deutsche
Journalist Wolf Uecker, Mitgründer des Kunstmagazins
art, geschrieben. Es erschien 1988 und trägt
wie dieser Band den Titel Dinner for One. Es ist so unprätentiös,
wie ein Buch sein kann: Auf dem Cover sind
nicht mehr als ein einfaches Küchenmesser, Zwiebeln
und Knoblauch zu sehen, und drin stehen Rezepte für
Gerichte wie Sandwich Avocado, Geschmorte Paprika,
Grapefruit Washington oder Rührei mit Aubergine.
Mehr nicht. In der Einleitung schreibt Uecker: »Da reden
die Leute immer von der Sehnsucht nach Freiheit,
und wenn sie ihr begegnen, schlagen sie eine Tonart
an, als würden sie einen Krankenbesuch machen (…)
Woran soll es denn fehlen? Langeweile? Dumme Leute
langweilen sich in jeder Lebensform.«
Ein tolles Buch mit Geschichten über das Alleinkochen
und -essen hat auch die Amerikanerin Jenni
Ferrari-Adler herausgeben. In Alone in the Kitchen with
an Eggplant, große Inspiration für diesen Band, erzählen
Autoren in bester Tradition amerikanischen Food
Writings davon, wie sie gelernt haben, das Alleinessen
für sich zu entdecken. Drei von ihnen, Haruki Murakami,
M. F. K. Fisher und Ann Patchett, sind mit ihren
Geschichten auch hier vertreten. Patchett zum Beispiel
findet: »Essen als einfaches Mittel, um den Hunger zu
stillen, stellt eine der großen Freiheiten des Alleinseins
dar, wie nachmittags allein ins Kino zu gehen, oder wie
damals in der goldenen Jugend eine Zigarette in der
Badewanne zu rauchen.«
Fans des Dinner for One gab es schon immer. Die legendäre
britische Autorin Elizabeth David, die ihr Lebensthema
im Essen fand, schrieb 1959 in der Vogue: »Wenn
ich an Weihnachten essen und trinken könnte, was ich
wollte – und das wird nicht der Fall sein –, würde ich
mich mittags für ein Omelette, Schinken und eine gute
Flasche Wein entscheiden, und abends für ein Sandwich
mit Räucherlachs und dazu ein Glas Champagner – serviert
im Bett.« In einem anderen Artikel schreibt Elizabeth
David über die Unsitte, Frauen, die allein in Restaurants
essen, mit Miniflaschen Wein abzufertigen. Sie
erzählt, wie sie einmal im Speisewagen eines britischen
Expresszugs sitzt und der Kellner von ihrer Bestellung
so überfordert ist, dass er sie anschreit: »Eine ganze
Flasche, Lady? Eine ganze Flasche? Wissen Sie, wieviel
in einer ganzen Flasche ist?« Sie wusste es nur zu
gut, und sie wusste auch: Allein zu Hause essen ist das
eine, allein in einem Restaurant oder einer Bar etwas
anderes. Als Gast nur mit sich selbst am Tisch strahlt
man größtmögliche Verletzlichkeit aus. Und zugleich
sind jene, die sich den Blicken der anderen aussetzen,
oft die, die am genauesten wissen, was sie wollen. Sie
gönnen sich etwas und können es auch noch genießen,
einfach, weil ihnen gerade der Sinn danach steht: Grüne
Bohnen mit Pommes Allumettes, wie es sie nur in dem
einen Restaurant gibt. Oder einen Wein, den sonst keiner
hat. Ein Abend ohne Unterhaltung? Nein, die Unterhaltung
findet nur in anderer Form statt – wie Gabriele
von Arnim schreibt, »mit den Gerichten, den Düften
und der Zunge«.
Auch in der Literatur hat es sie schon immer gegeben,
die Alleinesser. In einem kleinen Seitenkapitel seines
Buchs Über das Essen in der deutschen Literatur aus
dem Jahr 1987 versammelt der Wissenschaftler Alois
Wierlacher berühmte Figuren der Literatur, die allein
kochen und essen, mal zu Hause, mal im Restaurant.
Sie sind weder zu kurz gekommen noch vereinsamt. Sie
tun es kein bisschen ungern. Als sie mit den Ziegenhirten
essen, eröffnet Sancho Panza seinem Don Quijote:
»Ich muss Euch sagen, gnädiger Herr, dass, wenn ich
etwas Gutes zu essen habe, es mir im Stehen und so
für mich weit besser schmeckt (…) Und soll ich vollends
die Wahrheit bekennen, so schmecken mir Brot
und Zwiebeln in meinem Winkel besser, wo ich ohne
Umstände und Komplimente essen darf, als Puterbraten,
wenn ich nur langsam kauen soll, wenig trinken,
mir alle Augenblicke den Mund wischen muss, weder
niesen noch husten darf, wenn mir die Lust ankommt,
oder andre Dinge tun, die sich mit der Einsamkeit und
Freiheit vertragen.« Auch Goethes Werther kocht und
isst allein, er pflückt Zuckererbsen im Wirtsgarten und
dünstet sie in seiner kleinen Küche in einem Topf mit
Butter. Bei Heinrich Böll geht Geheimrat Fähmel aus
Billard um halb zehn jeden Morgen ins Café Kroner
und verlangt sein »Paprikafrühstück«, bestehend aus
Rahmkäse mit Paprika. Auf die Frage des Kellners
»Gestatten die Frage, wieviel Paprika in wieviel Käse
der Herr wünschen?«, sagt Fähmel: »Fünfundvierzig
Gramm Käse, mit einem Fingerhut voll Paprika gut
durchgeknetet – und hören Sie, Ober, ich werde auch
morgen hier frühstücken, übermorgen, den Tag nach
übermorgen, in drei Wochen, drei Monaten und drei
Jahren – hören Sie?« Das tut er dann auch und unterhält
mit seinem täglichen Auftritt die anderen Gäste.
Fähmel ist vielleicht der Exzentrischste unter den Alleinessern,
er braucht sein Publikum, und wenn er nicht
im Café sitzt, so erzählt man sich, lebt er von »Erbsensuppe,
die er sich selber kocht; kriegt von seiner alten
Mutter die Erbsen geschickt und den Speck, sogar die
Zwiebeln«.
Dinner for One ist keine Anleitung zum Alleinessen,
aber vielleicht kann der Band ein Begleiter sein für jene
Momente, die wir allein in der Küche verbringen. Etwa
an einem ganz gewöhnlichen Dienstagabend gegen halb
acht – im Dialog mit einem Glas Sancerre und jener
jungen Lachsforelle, die uns auf dem Weg nach Hause
so freundlich angelacht hat.
Friederike Schilbach

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