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Die Symphonie des Augenblicks

Die Symphonie des Augenblicks - eBook-Ausgabe

Marie Fitzgerald
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Roman

„›Die Symphonie des Augenblicks‹ ist ein wunderschöner Roman, den man mit einem wohligen Seufzer am Ende zuklappt und dessen Figuren man am liebsten nicht gehen lassen möchte.“ - WDR4 Buchtipps

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Die Symphonie des Augenblicks — Inhalt

Mit heiterer Gelassenheit wartet der 80-jährige, blinde Klavierlehrer Claude auf den Tod. In der Zwischenzeit muntern ihn nicht nur Chopin und Beethoven auf – da ist auch dieser Obdachlose, der vor seinem Haus Quartier bezogen hat. Kurzerhand gesellt Claude sich mit Baguette und Wein zu ihm. Alain hat zwar alles verloren, aber die Freundschaft zu Claude gibt ihm neuen Mut. Als er beobachtet, wie Claudes hübsche Nachbarin Carole von ihrem Mann geschlagen wird, beschließen die beiden, sie zu retten. Dafür brauchen sie jedoch die Hilfe von Corentin, Claudes hochbegabtem Klavierschüler. Da der über jede Sekunde froh ist, die er nicht mit seinen ehrgeizigen Eltern verbringen muss, zögert er nicht lang. Gemeinsam begeben sich die vier auf eine ganz besondere Reise und erkennen, dass es nie zu spät ist, um dem Glück zu begegnen.

€ 16,99 [D], € 16,99 [A]
Erschienen am 01.09.2017
Übersetzt von: Hanna Klimesch
288 Seiten
EAN 978-3-492-97810-1
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Leseprobe zu „Die Symphonie des Augenblicks“

Sobald die Dunkelheit einsetzt, fühle ich mich nicht mehr wohl. Ja, ich bekomme Angst. Sogar zweifach, denn ich fürchte sie schon, bevor sie mich erreicht. Ich ahne sie voraus, so wie man bei einem tropfenden Wasserhahn nervös auf den nächsten Tropfen lauert. Es bereitet ihr eine gewisse Freude, mit meinen Nerven zu spielen. Sowie sie sich ankündigt, breitet sich in mir die Gewissheit aus, dass sie sich einige Minuten später in jeder Zelle meines Körpers einnisten wird. Jeden Abend kehrt sie zurück. Ich bin ihre Beute. Seit fünfundzwanzig Nächten habe [...]

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Sobald die Dunkelheit einsetzt, fühle ich mich nicht mehr wohl. Ja, ich bekomme Angst. Sogar zweifach, denn ich fürchte sie schon, bevor sie mich erreicht. Ich ahne sie voraus, so wie man bei einem tropfenden Wasserhahn nervös auf den nächsten Tropfen lauert. Es bereitet ihr eine gewisse Freude, mit meinen Nerven zu spielen. Sowie sie sich ankündigt, breitet sich in mir die Gewissheit aus, dass sie sich einige Minuten später in jeder Zelle meines Körpers einnisten wird. Jeden Abend kehrt sie zurück. Ich bin ihre Beute. Seit fünfundzwanzig Nächten habe ich nicht mehr geschlafen – oder nur in kurzen Phasen. Seit fünfundzwanzig Tagen zerrinnt mir das Leben zwischen den Fingern. Alles kommt mir vor wie eine Ewigkeit. Mir fehlt der Antrieb. Tagsüber beobachte ich, was um mich herum geschieht. Das lenkt mich von meinem Leben ab. Doch eigentlich habe ich kein echtes Leben mehr. Man hat es mir gestohlen, und das Schlimmste ist die Tatsache, dass ich es geschehen ließ. Wie gelähmt erdulde ich das Vergehen der Zeit. Ich erwarte nicht einmal mehr den Tod, und ich habe nicht den Mut, ihm entgegenzutreten. Ich habe mich verwandelt, in eine Pflanze. Tag, Nacht, Kälte, Hitze, Regen, Wind. Und jetzt ist es so weit: Die Düsternis hat alles geschluckt. Ich wehre mich, um ihr zu entkommen, indem ich die Augen weit aufreiße, bis ich auf der Straße eine Bewegung wahrnehme, auf die ich mich konzentrieren kann. Ich bete, dass es bald dämmert. Nicht etwa deshalb, weil ich noch einen Tag leben möchte, sondern damit die Angst aufhört. Sehr lustig, dass mein Flehen offenbar erhört wurde. Nicht von Gott – aus seinem Verein bin ich längst ausgetreten, und das ist auch gut so. Aber allmählich kommt der Sommer, und die Nächte werden kürzer. Mit ihnen auch mein Leiden. Ich weiß nicht, warum ich solche Furcht vor der Nacht habe. Vielleicht weil meine Gedanken in der Stille nur noch lauter werden.

Gerade läutet das Glockenspiel meiner Wanduhr zur Mittagsstunde. Ich mag die klare, helle Musik, die mir den Lauf der Zeit anzeigt und damit natürlich auch den Tod, der näher rückt. Doch im Unterschied zu manchen Glocken, die mir einen­ Schauer über den Rücken jagen, verbreitet meine kleine Uhr eine schalkhafte Freude. Ich warte die zwölfte Glocke ab, bevor ich mich aus meinem Sessel erhebe und mit vorsichtigen kleinen Schritten in die Küche gehe, um mein Essen aufzuwärmen. Jeder, der mit seinen Tagen nicht allzu viel an­­zufangen weiß, wird mir zustimmen: Essen unterbricht die Monotonie der langsam dahinfließenden Stunden. Und so lasse ich nie eine Mahlzeit ausfallen, obwohl ich eigentlich selten Hunger habe. Und dies geschieht, weil ich von morgens bis abends in meinem Sessel sitze. Ich esse, um mich zu beschäftigen, um einen Grund zu haben, aus meinem Sessel aufzustehen. Und außerdem aus Gewohnheit.

Ich könnte hinausgehen. Rein körperlich wäre es möglich, doch ich bin noch nie gern allein spazieren gegangen, und dann auch nicht besonders lange. Ich werde schnell müde. Das liegt zugegebenermaßen an der mangelnden Bewegung. Doch warum, großer Gott, sollte ich mich zwingen, ziellos durch die Kälte oder den Regen zu marschieren? Das versuche ich meiner Haushälterin Angela immer zu erklären. Ich versichere ihr, dass mir die Schritte, die ich zwischen Schlafzimmer, Wohnzimmer und Küche zurücklege, ausreichend Bewegung verschaffen. Ich weiß ja, sie hat recht, man sollte jeden­ Tag an die frische Luft gehen, zumindest einmal den Block umrunden, das wäre gut. Aber ich finde immer eine Ausrede, und außerdem ärgere ich sie gern. Wir kabbeln uns freundlich, wie ein altes Ehepaar. Angela ist eine der Frauen, die kein leichtes Leben haben, sich jedoch nie beschweren und sich sieben Tage in der Woche für die Kinder abrackern. Eine Frau wie sie bleibt natürlich hartnäckig und versucht unab­lässig, mich zur Vernunft zu bringen.

„Sie müssen an die frische Luft, sonst werden Sie noch bettlägerig. Und glauben Sie bloß nicht, dass ich für Sie die Krankenschwester spiele! Wie stellen Sie sich das eigentlich vor? Ich habe schließlich eine Familie, um die ich mich kümmern muss.“

„Aber wer will schon bei dieser Kälte nach draußen gehen?“

Zu jeder Jahreszeit finde ich die passende Ausrede. Ich führe die Hitze an oder die Sonne, den Regen, den Wind. Es funktioniert jedes Mal, und sie wird wütend. Auch heute habe ich meiner kleinen Nervensäge wieder Paroli geboten und noch einen Kommentar hinzugefügt.

„Und Sie glauben wirklich, dass es mir Abwechslung verschafft, den Gehsteig entlangzutrotten? Ich bin blind, falls Sie das vergessen haben … Und mit achtzig habe ich doch wohl das Recht, nur das zu tun, worauf ich Lust habe.“

Ich gebe zu, ich war ein wenig heftig. Aber ich mag unsere Wortgefechte. Es geht darum, wer das letzte Wort behält. Und ich möchte gewinnen, ganz einfach.

„Was denken Sie denn, was mir das bringt, einmal im Kreis zu laufen? Fehlt nur noch, dass ich meinen gestreiften Schlafanzug anziehe. Dann würde ich mich wie ein Gefangener im Hochsicherheitstrakt fühlen.“

Großer Fehler meinerseits, noch einen draufgesetzt zu haben, denn ihr Schweigen verriet mir, dass es mit ihrem Mit­gefühl vorbei war. Nein, vielmehr hätte sie um ein Haar ihre gute Kinderstube vergessen. Außerdem machte sie sich auf den Weg ins obere Stockwerk und ließ ihre Wut an den Treppenstufen aus, die sie unter Einsatz ihres gesamten Gewichts zum Beben brachte. Damit wollte sie mir demonstrieren, welche Beschimpfungen sie mir gern an den Kopf geworfen hätte, aufgrund ihrer guten Erziehung aber nicht auszusprechen vermochte. Wie ich sie kannte, würde sie nun mit eiserner Hand den armen Möbeln zu Leibe rücken, die doch schon jetzt blank poliert waren. Dabei würde sie sich zweifellos vorstellen, statt der Kommode oder des Beistelltischchens sei ich das Opfer ihrer Gewalttätigkeit. Und so konnte ich es mir nicht verkneifen, ihr einen Ruf hinterherzuschicken.

„Angela, hören Sie auf, wie eine Wahnsinnige zu polieren! Den Unterschied kann ich doch gar nicht sehen.“

Und ich lachte laut auf.

„Ach, Sie! Sie sollten sich lieber ganz schnell eine neue Haushälterin suchen.“

Das ist der magische Satz, der das Ende aller Feindseligkeiten markiert. Er bedeutet, dass Angela das Kriegsbeil begraben hat. Und seien wir ehrlich – müsste ich sie ersetzen, wäre das ein schreckliches Drama. In Wirklichkeit weiß sie ganz genau, dass sie in diesem Haus das Sagen hat, und darüber möchte ich mich nicht beschweren, ganz im Gegenteil. Und so antworte ich ihr der Form halber.

„Ah, jetzt drohen Sie mir wieder, sehr gut!“

 

 

Laut lasse ich die Tür hinter mir ins Schloss fallen. Das mache ich jedes Mal, wenn ich zum Unterricht muss. Auf diese Weise zeige ich ihnen, dass ich nicht aufgegeben habe. Damit sie sich nicht einbilden, sie hätten gewonnen, während sie doch ganz offenbar nicht ganz dicht sind. Wie ein Mantra bete ich ihnen regelmäßig vor, dass ich weder Klavier noch Tennis mag. Einfach nicht mein Ding, Punkt. Glaubt ihr, sie hätten mich gefragt, was ich gern möchte? Von wegen! Sie entscheiden für mich, egal, worum es geht. Na klar, Klavier und Tennis, das klingt natürlich schicker als Badminton, um vor den Freunden anzugeben. Ich kapiere allerdings nicht, wieso sie überhaupt noch Freunde haben. Na ja, ich darf nicht vergessen, dass sie auf dem gleichen Trip sind. Wenn sie sich zum gemeinsamen Abendessen treffen, habe ich den Eindruck, dass sie einen Wettkampf austragen: Wer macht die beste Figur? Die Regeln sind einfach: Während Aperitif, Essen und Kaffee hat jeder Kandidat Zeit, seinen Gegner auszustechen. Manchmal spielen sie auch Doppel: Die Männer unterhalten sich in einem Team, die Frauen in einem anderen. Zwangsläufig verdoppeln sich dabei auch die Gewinnchancen. O Mann, das reinste Chaos! Sie hören sich kaum noch zu. Höchstens um kurz zu checken, ob der Input des Gesprächspartners irgendwie von Bedeutung war und – ganz wichtig – ob sie selbst einen Punkt gemacht haben.

Jetzt kapiert ihr sicher, warum es außer Frage steht, dass meine Eltern mich Badminton spielen lassen, oder? Sie haben sogar zu mir gesagt: „Also, Corentin, wir verstehen wirklich nicht, warum du solch ein Theater veranstalten musst. Es ist schließlich auch ein Sport mit einem Netz und einem Schläger.“ Was soll ich auf derartig dämliche Argumente erwidern? Jede Einzelheit muss herhalten, um meine Person auszuschmücken, nicht mich, Corentin, sondern ihr Wunderkind Corentin. Brillant auf dem Gymnasium, ein Künstler am Klavier, ein Tennisass. Solchen Schwachsinn geben sie von sich.

Ihr hättet das Gesicht der Kassiererin in dem Lädchen bei uns ums Eck sehen sollen, die es nicht mehr erträgt, meiner Mutter zuzuhören, die hinausposaunt, welch hervorragende Noten ich an diesem Tag oder in jener Woche wieder eingeheimst habe. Ich kann euch verraten, dass in dem Blick der Frau nur ein Wunsch geschrieben steht – dieser vor Hochmut fast platzenden alten Schachtel, die sich für Einsteins Mutter hält, das gesamte Magazin einer Kalaschnikow ins Gesicht zu feuern, damit sich ihre Körperteile durch die Wucht der Salven im ganzen Laden verteilen.

Ich persönlich kann die Frau gut verstehen, schließlich fällt ihr meine Mutter nicht nur auf die Nerven, sie blockiert auch regelmäßig wegen ihrer fünf Tomaten die gesamte Kasse. Mit vor Rührung tränenden Augen legt sie nach und dreht sich zur Schlange um, die sich hinter ihr gebildet hat. Ihre Stimme erklimmt an jedem Satzende neue Oktaven, um schließlich in einem schier unerträglich schrillen Quietschen zu münden.

„Stellen Sie sich das doch nur vor! Mein Sohn hier, Corentiiiiiiiin …“ Sie fühlt sich bemüßigt, diese Tatsache für all jene klarzustellen, die noch nicht mit ihrem genialen Filius vertraut sind, dem sie nun demonstrativ die Hand auf den Kopf legt. „… kaum zu glauben, er hat schon wiiiiiiieder die volle Punktzahl, ja wirklich, eine Eins mit Stern, sogar mit zwei Sternen! Ein Geschenk des Hiiiiiiiiiimmels, dieses Kind. Selbst seine Lehrer sind …“

An diesem Punkt tritt die Kassiererin in Aktion. Sie fixiert den nächsten Kunden mit durchdringendem Blick, Modell Angelhaken. Sie dirigiert ihn, ohne ihn eine Sekunde lang aus den Augen zu lassen, unter Hypnose näher zur Kasse, während sie meiner Mutter einen Satz hinpfeffert.

„Manche Leute hier sind in Eile, Madame Clairmagne … Treten Sie doch bitte nach vorn, Monsieur!“

Jetzt warte ich draußen. Bestimmt hasst mich die Kassiererin und wünscht sich, dass meine Mutter ihre Einkäufe anderswo erledigt.

Ihr werdet lachen, aber wenn man mir eines Tages mit­teilen würde, dass meine Mutter abgemurkst wurde, wäre ich nicht überrascht. Vielleicht wünsche ich es mir ja sogar ein kleines bisschen. Natürlich nur unbewusst. Dann denke ich schnell an etwas anderes, weil ich ein ganz schlechtes Gewissen habe, wenn ich mir so etwas vorstelle.

Aber ich habe es einfach satt, für ihre enttäuschten Ambitionen herhalten zu müssen, ich habe es satt, ein Wunderkind zu sein. Ich habe alles satt. Ich hätte gern ein ganz normales Leben wie die anderen in meiner Klasse. Seit zwei Jahren meiden sie mich wie eine Gestalt aus einem Gruselkabinett, mit meinem IQ von 170. Seit dem verdammten Tag, an dem meine Mutter erfuhr, dass ich überdurchschnittlich intelligent bin, befinde ich mich in Quarantäne. Am nächsten Tag posaunte sie es so laut herum, dass sich in weniger als einer Woche ein Vakuum um mich herum bildete. Ich wurde unsichtbar für die anderen. Als ob mich ein schwarzes Loch geschluckt hätte und ich aufgehört hätte, Licht zu reflektieren. Die Kumpels, die ich hatte, meiden mich, laden mich nicht mehr ein. Und wenn sie mich ansprechen, dann nur, weil sie Hilfe bei den Hausaufgaben brauchen.

Bald bin ich achtzehn, und ich weiß, was ich an diesem Tag machen werde: Ich werde ihnen sagen, dass ich mit Klavier und Tennis aufhöre und den großen Tag ganz für mich allein im Kino verbringen möchte. So kann ich mein kaputtes Leben vergessen, sobald die Lichter ausgehen. Dort möchte ich sein – im Dunkeln, wo mich niemand sieht.

 

 

Ich mag dieses Eck. Es ist mein Lieblingseck. Es ist vielleicht nicht das schönste, aber von Anfang an hat es mich angezogen. Vielleicht weil mich dieses Häuschen, das zwischen den beiden Gebäuden eingeklemmt ist, an mein Leben erinnert. Es sieht aus, als bekäme es keine Luft mehr … und dennoch ist es in der Lage, Widerstand zu leisten. Bei mir ist das nicht mehr der Fall. Das Häuschen besitzt einen altmodischen Garten, der ein wenig verwildert wirkt. Ich betrachte es von dem kleinen Platz gegenüber aus, auf meiner Bank im Schatten des einzigen Baums weit und breit. Ich weiß nicht, um welche Baumart es sich handelt. Wahrscheinlich ist es eine Pflaumensorte. Damit mir niemand meinen Platz streitig macht, stelle ich meine große Reisetasche auf die Bank. In Wirklichkeit ist das unnötig, denn nach fünfundzwanzig Tagen auf der Straße bin ich nicht mehr vorzeigbar. Mein Äußeres treibt die Passanten in die Flucht, und das kommt mir ganz gelegen. Mein Aussehen verfehlt nie sein Ziel. Sobald sie mich wahrnehmen, beschleunigen sie die Schritte und wechseln die Straßenseite. Durch meine strategische Position halte ich sie auf Abstand und vermeide ihre Blicke. Die Blicke beschämen mich mehr als meine Situation. Der Blick auf das Anders­artige! Mir ist vorher nie aufgefallen, welchen Einfluss dieser Blick hat. Er ist zerstörerisch. Deshalb fühle ich mich auf meinem Platz geschützt. Aber nicht einsam. Seltsam, dass ich selbst am Rande der Gesellschaft verfolge, wie sich die Welt bewegt. Brauche ich einfach die Gewissheit, dass ich noch nicht vollkommen tot bin? Oder hoffe ich, dass mich eines Tages­ ein Passant in das Geheimnis seiner Lebenslust, seiner Träume und Ziele einweiht? Zwei Wochen ist es nun her, dass ich mein Haus entdeckt habe. Schon komisch. Ich bin gekommen, um mit ihm zu sprechen, und ich rede mir ein, dass es mich versteht. Die Einsamkeit ist gefährlich, da ich mir schnell alles Mögliche einbilden könnte.

Dieses Eck ist aus einem weiteren Grund ideal – es ist nicht übermäßig viel los. Es befindet sich nicht mitten im Geschäftsviertel, also herrscht kein Trubel, sondern es ist gerade angenehm belebt. Durch meine stetigen Beobachtungen der Menschen und ihrer Bewegungen kenne ich ihre Gewohnheiten, die Marke und Farbe ihrer Autos und von manchen auch die Kinder. Irgendwie sind sie meine Nachbarn. Ich halte den gesamten kleinen Platz sauber, damit die Anwohner sich nicht beschweren können, weil ich auf ihre Bank gezogen bin.

Moment mal! Da hält ja schon wieder dieser Lieferwagen vor meinem Haus. Den habe ich doch letzte Woche schon gesehen­. Dieselbe Frau steigt aus. Sie ist mittleren Alters, ihr blondiertes Haar ist zu einem Pferdeschwanz zusammen­gebunden. Sie ist nicht wirklich attraktiv, hässlich aber auch nicht, ein wenig gewöhnlich vielleicht. Groß, stark, dynamisch. Sie ist immer in Eile, öffnet die Heckklappe, taucht mit dem Oberkörper in den Kofferraum, um eine Kühlbox hervorzuziehen. Danach schiebt sie die Klappe zu, ohne den Wagen hinter sich abzuschließen. Sie bleibt nie lange im Haus.

 

 

Oh, die quietschende Heckklappe! Das ist Annabelle, die mir mein Essen bringt. Ich habe es Ihnen noch nicht erzählt, aber die Gemeinde lässt mir zweimal pro Woche Mahlzeiten liefern, montags und donnerstags. Es ist zwar nicht gerade ge­­hobene Kochkunst, wenn man da überhaupt von Kochkunst sprechen kann, aber es ist praktisch. Ich muss mir die einzelnen Gerichte nur in der Mikrowelle aufwärmen. Seit ich Annabelle kenne, geben wir uns Küsschen, und wenn sie fünf Minu­ten Zeit hat, setzt sie sich und erzählt mir aus ihrem Leben, während sie eine Zigarette raucht, die sie sich aus meiner Schublade nimmt. Mit dem Rauchen habe ich schon vor Jahren aufgehört, aber ich liebe den Geruch, und für meine Besucher habe ich immer Zigaretten vorrätig. Nun ja, Besucher ist vielleicht ein wenig hoch gegriffen. Außer Annabelle gibt es noch Angela, die sich Dienstag- und Freitagvormittag um den Haushalt kümmert, aber sie würde natürlich niemals eine Zigarette anrühren. Dann sind da noch jeden Montagnachmittag meine Klavierschüler und manchmal meine Neffen. Aber es ist schon lange her, seit sie das letzte Mal hier waren. Also sind meine Zigaretten für Annabelle und für einen meiner Neffen, wenn er mir mal die Ehre erweist und nachsieht, was aus mir geworden ist.

„Was haben Sie mir heute mitgebracht, Annabelle?“

Ich höre den Reißverschluss der Kühlbox.

„Also, als ersten Gang“, beginnt sie mit dröhnender Stimme, so als ob sie die Gewinner bei einem Fernsehquiz verkün­den würde, „haben Sie die Wahl zwischen Selleriesalat, einer Scheibe Knoblauchwurst, Karottenrohkost, gemischtem Gemüse, Tomaten mit hart gekochtem Ei und Couscoussalat.“

„Es ist aber auch immer das Gleiche.“

„Und als Hauptgang Lasagne, eine Scheibe Kassler mit Kartoffelpüree …“

Und sie fährt mit ihrer Aufzählung der Mahlzeiten fort, die mir bis zu ihrem nächsten Besuch reichen sollen. Sechs Mahlzeiten für drei Tage. Sie musste mir die Liste noch nie wiederholen, weil ich auch mit meinen achtzig Jahren ein Gedächtnis wie ein Elefant habe. Zwangsläufig schärft man, wenn man nicht sehen kann, die anderen Sinne. Und Alzheimer erwartet mich auch nicht, das kann ich Ihnen garantieren. Sie räumt nie die Boxen in den Kühlschrank, sondern reicht mir die Vorspeisen nach Kategorie sortiert an, damit ich sie im obersten Fach aufreihen kann. Links die Salate, rechts den Aufschnitt. Danach verfahren wir genauso mit dem Fleisch, dem Fisch und dem Gemüse, das seinen Platz im darunterliegenden Fach hat. Auf diese Weise finde ich mich im Kühlschrank zurecht. Der Scheibenkäse und die Nachspeisen gehören in eins der Fächer in der Tür.

Manchmal, wenn sie nicht in Eile ist, setzt sie sich aufs Sofa, und wir unterhalten uns ein wenig. Meistens erzählt sie mir von sich. Annabelle hat eine kräftige, tiefe Stimme, die sehr imposant klingt, und außerdem spricht sie sehr laut. Ich weiß nicht, ob sie überhaupt flüstern kann. Aber das passt auch gut zu ihrer Persönlichkeit – Madame Furchtlos. Annabelle ist eine großartige Entertainerin, die gern spottet und kein Blatt vor den Mund nimmt. Sie enthält mir nichts vor, nicht einmal die intimsten Details ihres Lebens. Sie lässt nichts anbrennen, das können Sie mir glauben.

Seit einiger Zeit richtet sie es so ein, dass ihre Vormittagsrunde bei mir endet und sie ihr mitgebrachtes Mittagessen in meiner Gesellschaft zu sich nimmt.

„Wissen Sie, dass gegenüber ein Obdachloser lebt? Ich sage Ihnen das, weil Sie Ihre Tür zusperren müssen. Früher war er nicht da, aber die letzten drei, vier Male habe ich ihn auf der Bank auf dem kleinen Platz gegenüber gesehen. Ehrlich gesagt sieht er nicht wie ein typischer Obdachloser aus. Eher wie jemand, der sich seit einigen Tagen nicht mehr umgezogen und gewaschen hat. Vielleicht ist er neu in dem Gewerbe.“

„Wie sieht er denn aus?“

Ich höre, dass sie aufsteht und ans Fenster tritt.

„Ich kann Ihnen nicht sagen, ob er groß oder klein ist, weil er sitzt. Ich würde sagen, so mittelgroß. Dünn. Hat wahrscheinlich auch nicht viel zu essen. Ungepflegter Bart. Die Kleidung ist in Ordnung, aber zerknittert. Und sauber ist auch was anderes! Er hat eine große Reisetasche dabei. Aber man sieht, dass er nicht gleich in den nächsten Zug steigt. Das ist bestimmt sein gesamtes Hab und Gut, das er mit sich herumschleppt.“

„Wie alt?“

„Schwer zu sagen … zwischen siebenundfünfzig und sechzig, schätze ich. Das Haar eher weiß als grau. Gut, ich muss los. Dann bis Donnerstag! Und denken Sie dran, Ihre Tür zuzusperren!“

Ich höre, wie sie die Außentreppe hinuntersteigt, dann entfernen sich ihre eiligen Schritte, bevor sie schließlich das Gartentor zuwirft. Ich weiß, dass sie es nie schließt, wenn sie kommt, weil es nur zweimal quietscht: wenn sie kommt und wenn sie wieder geht. Ich höre, wie sie ihr Auto anlässt und losfährt. Sehende haben überhaupt keine Vorstellung, wie viele Informationen uns das Gehör liefert. Es ist auch genauer als die Augen, weil es weniger subjektiv ist. Geräusche sind untrüglich wie ein Radar. Am Klang der Schritte merke ich, wer gerade den Kiesweg entlangkommt, und ihrem Rhythmus entnehme ich, in welcher Stimmung mein Besucher ist. Sind die Schritte schnell, so ist er in Eile, doch sind sie schnell und akzentuiert, dann ist er genervt. Ein leichter Schritt bedeutet gute Laune, während die Schritte bei Traurigkeit und Müdigkeit langsam und schwer werden … Ich kann mich nicht recht entschließen, wirklich aufzustehen und die Tür zu verriegeln. Es stimmt, ich sperre nie ab, außer wenn ich schlafen gehe. Ich habe immer so gelebt und keine Lust, es anders zu handhaben. Unser Viertel ist ruhig, und es gibt nichts zu stehlen.

 

 

Ich muss zehn Minuten gehen, um zu meinem Klavierlehrer zu kommen. Er ist eigentlich ganz nett, und es ist ja nicht seine Schuld, dass ich Klavier nicht leiden kann. Das ist natürlich echt blöd für ihn, aber ich kann es nicht ändern. Im September habe ich angefangen. Also vor acht Monaten. Beim letzten Mal hat er zu mir gesagt: „In der Kunst, wie auch bei allem anderen, erreicht man nie etwas Gutes, wenn man sich rückwärts bewegt.“ Im ersten Moment war ich total genervt, aber vielleicht wollte er andeuten, dass er weiß, wie ungern ich zu seinen Stunden komme. Außerdem ist er ein alter Mann. Ich weiß nicht, wie alt, aber deutlich älter als mein Großvater. Wenn ich wenigstens was über zeitgenössische Komponisten lernen würde, aber nein! Ich komme in den Genuss des vollen Programms: Chopin, Mozart und so weiter. Na ja, nur noch ein Monat, dann ist es vorbei. Dann bin ich endlich achtzehn.

Komisch, der Obdachlose gegenüber ist immer noch da. Und muss dieses verdammte Türchen jedes Mal quietschen? Das nervt! Es ist, als stiege ich in eine Zeitmaschine, wenn ich den Garten betrete. „Öffnen Sie das Gartentor, und treten Sie ein in die Welt der Dinosaurier!“ Gut, das stimmt nicht ganz. Das Haus ist Gründerzeit, so viel steht fest. Aber innen ist es ultramodern. Zweckmäßig, aber gemütlich. Eine Sache fand ich schon beim ersten Mal reichlich albern. An den Wänden hängen Bilder, so als ob er sie sehen könnte. Total verrückt! Ich weiß nicht, ob die Deko extra für seine Besucher gedacht ist. Oder ob einer seiner Freunde die leeren weißen Wände plötzlich nicht mehr aushielt und loszog, um ein paar Landschaften zu besorgen …

Ich klopfe an die Tür, obwohl ich weiß, dass sie immer offen ist. Aber ich will auch nicht, dass er einen Herzinfarkt kriegt. Jedes Mal ruft er: „Hereeeiiin!“ Es klingt, als ob er singt. Ich glaube, er freut sich über die Ablenkung. In seinem Alter und mit seiner Behinderung macht er wahrscheinlich nicht mehr allzu oft Party.

„Ich bin es, Monsieur.“

„Ich weiß, dass du es bist, Corentin. Es ist Montag, Punkt siebzehn Uhr. Wie geht es dir?“

„Passt schon“, sage ich, um irgendetwas zu antworten.

Doch dann ärgere ich mich sofort über mich selbst, weil ich so unfreundlich war.

„Na ja, ganz normal“, füge ich daher hinzu.

Wenn ich ehrlich bin, mag ich ihn wirklich gern, diesen Alten­. Da er nichts sieht, kann ich einfach ich selbst sein und muss nicht mal lächeln. Ich gehe zum Klavier, doch er bleibt in seinem Sessel sitzen, statt mir zu folgen. Ich warte eine Weile, aber er bewegt sich nicht. Vielleicht hat er einen Schwächeanfall. Könnte ja sein, schließlich hat er die Augen immer zu, sodass das schwer zu erkennen ist.

„Monsieur, ist alles in Ordnung?“

„Heute muss der Unterricht noch ein wenig warten, Corentin. Zieh bitte die Vorhänge zu, aber mach das Licht nicht an! Und dann setz dich!“

Ich stehe vom Klavierhocker auf, schließe die Vorhänge und taste mich wieder zu ihm ins Wohnzimmer zurück. Ich mache das Sofa ausfindig und lege mich der Länge nach darauf. Wahnsinn, was für eine Befreiung, dass mich niemand sehen­ kann!

»Wenn ich wütend bin und mich so richtig über eine Sache ärgere, für die ich absolut nichts kann, dann … Nun ja, dann höre ich die Pathétique von Beethoven, und heute bin ich wütend. Wenn es dir also nichts ausmacht …

Er drückt die Fernbedienung, und die ersten Akkorde erfüllen den Raum. Am Anfang muss ich fast lachen. Jetzt mal im Ernst: Der Typ ist sauer, er gibt sich Musik aus dem Höhlenzeitalter, und ich finde mich plötzlich im Stockdunkeln wieder, statt auf meinen Tasten zu klimpern. Aber wenn es ihm Spaß macht, dann tue ich ihm den Gefallen. Immerhin geht die Zeit vom Unterricht ab. Erst versuche ich noch, in seine Richtung zu blinzeln, aber ich erkenne sowieso nicht viel, also warte ich einfach, bis es vorbeigeht. Weil ich ja nichts sehe, schließe ich irgendwann die Augen, mein Kopf liegt auf der Armlehne des Sofas, und ich bin gezwungen, seiner Musik zuzu­hören. Anfangs bin ich noch nicht bei der Sache, aber irgendwie fängt das Ganze an, mir echt an die Nieren zu gehen. Seine Pathétique zieht mich total runter. Es kommt mir vor, als würde ich meinen eigenen Dämonen zuhören. Als könne ich die Wut über mein jämmerliches Leben, meine Eltern, meine Einsamkeit hören. Am liebsten würde ich weinen, aber plötzlich ist alles still, und ich wage mich nicht zu bewegen. Wir warten, ich weiß nicht, worauf. Aber was hat er denn heute?

„Weißt du, Corentin? Ich bin vielleicht blind, aber ich kann trotzdem hellsehen!“

Ich lache nervös, ohne es verhindern zu können. Warum macht er aber auch so miserable Wortspiele?

»Na, zumindest habe ich dich zum Lachen gebracht, das ist doch immerhin ein Anfang. Die meisten Menschen, die nicht viel mit Blinden zu tun haben, schämen sich, sobald ihnen bewusst wird, dass sie das Wort sehen verwendet haben. Sie brechen peinlich berührt mitten im Satz ab und stammeln eine unbeholfene Entschuldigung. Die Armen! Wenn sie wüssten, wie oft man das Wort sehen jeden Tag verwendet, mich ein­geschlossen. Nun ja. Kommen wir zu dir zurück, Corentin. Wann willst du mir endlich die Wahrheit sagen?«

Was soll das denn jetzt schon wieder? Wovon spricht er, um Himmels willen? Ich fühle, wie ich rot werde. Was für ein Blödsinn!

„Denkst du nicht, dass heute ein guter Tag wäre, es mir zu sagen?“

„Was zu sagen?“

Jetzt beunruhigt mich der Alte wirklich. Und dieses Schweigen, das finde ich überhaupt nicht mehr lustig.

„Man muss kein Hellseher sein, um zu merken, dass du die Klavierstunden hasst. So etwas merke ich bei einem Schüler am ersten Tag – ob er sich zwingen muss oder ob es ihm Spaß macht. Und du, Corentin, du zwingst dich seit Monaten.“

Er hat das ohne jede Wertung gesagt. Aber was soll ich darauf antworten? Ich weiß nicht, ob es an der Pathétique im Dunklen liegt, weshalb meine Nerven so in Aufruhr geraten sind, auf jeden Fall kommt es jetzt raus.

„Meine Eltern zwingen mich.“

„Ah, jetzt sprechen wir die gleiche Sprache.“

Erneutes Schweigen.

„Ich vermute, dass die Musik, wie bei allen Jugendlichen deiner Generation, eine wichtige Rolle in deinem Leben spielt. Sie tut dir gut, die Texte sprechen dich an, du identifizierst dich damit. Für mich ist das genauso, nur eben bei der klassischen Musik. Ich nenne sie die große Zauberin. Weißt du, warum? Weil sie in der Lage ist, die unendliche Palette unserer Gefühlszustände auszudrücken. Wahrscheinlich könnte ich dir sogar mein Leben erzählen, ohne Worte, indem ich dir ein Musikstück nach dem anderen vorspiele. Dann könntest du alles nachempfinden, ohne dass ich es dir erkläre.

Lass mal überlegen … Meine Symphonie des Lebens könnte beginnen mit The Cold Song aus der Oper King Arthur von Henry Purcell. Diese Arie drückt meine langen und schmerzlichen Lehrjahre aus, als meine Eltern beschlossen, mich auf ein besonderes Internat in Paris zu schicken. Es herrschte Krieg, und ich war zum ersten Mal weit weg von zu Hause, in einem Internat für junge Blinde. Ich lehnte mich gegen mein Schicksal auf, empfand panische Angst und fühlte mich ausgeliefert. Ich verübelte es meinen Eltern, dass sie mich weggeschickt hatten. Ich dachte, sie wollten mich los sein. Erst im Nachhinein begriff ich, dass sie eine gute Entscheidung getroffen hatten. In diesem Internat lernte ich nicht nur Braille. Ich erfuhr auch, wie man mit unserer Behinderung zurechtkommt und dank eines manuellen Berufs auch selbstständig leben kann. Zum Beispiel als Stuhlmacher oder – bei einem Hang zur Musik wie bei mir – als Klavierstimmer oder Lehrer, in solchen Berufen eben. Anfangs wehrte ich mich gegen meine Situation und lehnte die Musik ab. Jahrelang hatte ich Angst, und die Zukunft bereitete mir geradezu Panik. Ich hasste alle, die sehen konnten und es als gegeben hinnahmen. Warum hatte es ausgerechnet mich getroffen?

Mit der Zeit gewöhnte ich mich allerdings an die Traurigkeit und merkte, dass die Musik ein wichtiger Bestandteil meines Alltags wurde. Ich wandte mich ihr zu, wenn ich traurig war, und spürte, welche Schwingungen ich darin wahrnahm, jeweils abhängig von meiner Stimmung. Erst wurde die Musik eine Verbündete, dann eine Freundin. Sie war immer für mich da. Entweder war sie es, die zu mir sprach, oder ich war es, der mich durch sie ausdrückte. Wir hatten Gespräche, die unterbrochen wurden, wieder aufgenommen, manchmal verändert und dem Augenblick und den Gegebenheiten angepasst. Ich klammerte mich an die Musik wie ein Ertrinkender an einen Rettungsring, voller Verzweiflung. Doch allmählich verblasste die Angst, und schließlich konnte ich die Musik einfach genießen. Ich verstand, dass sie immer für mich da war. Mehr noch – ich würde immer noch Neues an ihr und somit auch an mir entdecken. Schließlich bin ich kein Abenteurer. Vielmehr erlebe ich meine Abenteuer mit dem Herzen, da ich meine Reisen im Innern unternehme. Was mich zum nächsten Punkt bringt: Du bist du. Du bist nicht ich und auch sonst niemand anders. Keiner kann dich zwingen, Musik zu mögen, noch viel weniger, sie zu erlernen. Du musst selbst entdecken, wofür du geschaffen bist. Hast du das deinen Eltern erklärt?“

„Natürlich!“, platzte es aus mir heraus. »Aber meine Mutter besteht darauf. Ich sage das jetzt nicht, damit Sie sich schlecht fühlen, aber sobald ich achtzehn bin, erkläre ich Ihnen­, dass ich mit allem aufhöre.«

„Wann wirst du achtzehn?“

„Nächsten Monat, am achtundzwanzigsten Juni.“

Er schweigt eine Weile.

»Gut. Da wir nur noch einen Monat haben, schlage ich dir Folgendes vor: Wir hören mit den Klavierstunden auf, aber du kommst weiterhin her, und ich führe dich in die Welt der Musik­ ein. Ich ersetze sozusagen den praktischen durch theoretischen Unterricht. Wenn deine Eltern also fragen, wohin du gehst, musst du nicht lügen. Du kannst ihnen sagen, dass dieser Monat einer Einführung in die Klassik gewidmet ist, die unverzichtbare Basis einer guten Allgemeinbildung. Wärst du damit einverstanden?«

„Ehrlich gesagt wäre ich damit mehr als einverstanden. Schluss mit den furchtbaren Noten und den verkrampften Händen!“

»Gut. Womit fangen wir an? Oder besser – mit wem? Ich weiß es, mit Liszt, Am See von Walenstadt. Ein bisschen Be­­ruhigung kann dir nicht schaden.«

Und damit öffnet er seine Schublade, sucht nach dem richtigen Stapel, fängt von unten an zu zählen, hält bei einer bestimmten CD inne, zieht sie heraus und legt sie in den CD-Spieler ein.

Ganz schön raffiniert, das System! Was Technologie betrifft, ist der Alte wirklich auf dem neuesten Stand. Ich sehe sofort, dass seine Welt aus Klang besteht.

Marie Fitzgerald

Über Marie Fitzgerald

Biografie

Marie Fitzgerald war als Redakteurin für französische Zeitungen tätig, bevor sie zum größten lateinamerikanischen Fernsehsender nach Mexiko wechselte. In den darauffolgenden Jahren bereiste sie alle fünf Kontinente und lebte unter anderem in Deutschland, Ägypten, Borneo und den USA. 2016 kehrte sie...

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„›Die Symphonie des Augenblicks‹ ist ein wunderschöner Roman, den man mit einem wohligen Seufzer am Ende zuklappt und dessen Figuren man am liebsten nicht gehen lassen möchte.“

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