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Der kleine Ort zum Glücklichsein

Der kleine Ort zum Glücklichsein

Roman

Taschenbuch
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Der kleine Ort zum Glücklichsein — Inhalt

Willkommen in Herzbach!

Ellie hat genug von ihrem aufreibenden Job und ihrer On-Off-Beziehung. Sie verordnet sich eine Auszeit und reist zu ihrer Großtante ins münsterländische Herzbach. In dem beschaulichen Dorf, das mit seiner romantischen Wassermühle und bunten Fachwerkhäusern idyllisch zwischen Wiesen und Feldern am Ufer der Stever liegt, will sie sich darüber klar werden, wie es mit ihrem Leben weitergehen soll. Doch ihre Großtante ist überraschend verreist. Und sie hat Ellie nicht nur ein rätselhaftes Kochbuch hinterlassen, sondern auch eine Aufgabe: sich in ihrer Abwesenheit um ihre Freunde im Dorf zu kümmern …

Fans von Jenny Colgan werden diese wunderschöne Feel-good-Reihe lieben!

€ 10,00 [D], € 10,30 [A]
Erscheint am 06.04.2020
336 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-31495-4

Leseprobe zu „Der kleine Ort zum Glücklichsein “

Liebe Ava,

ich kann dir nicht sagen, wie sehr ich mich auf dich und meine Auszeit in Herzbach freue! Es sind nur noch fünf Tage, und ich bin so aufgeregt wie ein kleines Mädchen, das in die Ferienfreizeit fährt. Ich vermisse das Münsterland, die weite Landschaft und die endlosen Felder, doch am allermeisten vermisse ich dich. Und jetzt habe ich drei Monate Zeit, um all das zu genießen und mir klar zu werden, was ich wirklich will.

Was für ein wunderschöner Gedanke!

Wir sehen uns am Samstag um neun Uhr bei dir.

Bis dahin alles Liebe

deine Ellie


1

Das [...]

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Liebe Ava,

ich kann dir nicht sagen, wie sehr ich mich auf dich und meine Auszeit in Herzbach freue! Es sind nur noch fünf Tage, und ich bin so aufgeregt wie ein kleines Mädchen, das in die Ferienfreizeit fährt. Ich vermisse das Münsterland, die weite Landschaft und die endlosen Felder, doch am allermeisten vermisse ich dich. Und jetzt habe ich drei Monate Zeit, um all das zu genießen und mir klar zu werden, was ich wirklich will.

Was für ein wunderschöner Gedanke!

Wir sehen uns am Samstag um neun Uhr bei dir.

Bis dahin alles Liebe

deine Ellie


1

Das Erste, was mir im Münsterland wieder bewusst wurde, war, wie geräuschvoll die Stille sein konnte. Ich hörte den Wind, der durch die Bäume strich und die Blätter zum Rascheln brachte. Das Summen der Insekten. Das Singen der Vögel. Einen Hund, der in der Ferne bellte. Ich lehnte mich gegen meinen Wagen, den ich auf dem Dorfparkplatz abgestellt hatte, schloss die Augen und genoss die Morgensonne, die mein Gesicht streichelte. Es war Samstag, der 5. Mai und mein erster Tag in Herzbach, dem bezaubernden kleinen Ort, in dem ich mein dreimonatiges Sabbatical verbringen würde. Ich atmete in tiefen Zügen die Luft ein, die so viel klarer war als in Düsseldorf, dann holte ich mein Gepäck aus dem Kofferraum und machte mich an den kurzen Spaziergang zum Haus meiner Großtante Ava. Es gab auch keine andere Möglichkeit, denn Herzbach war faktisch autofrei. Idyllisch am Ufer der Stever gelegen, mit einer romantischen Wassermühle und einem Marktplatz, um den sich bunte Fachwerkhäuser reihten, hatte sich Herzbach in den letzten Jahren zu einem beliebten Ausflugsziel für Touristen entwickelt. Und so waren Wochenende für Wochenende die Autokarawanen über das Kopfsteinpflaster gedonnert, bis es den Dorfbewohnern zu bunt geworden war. Nun gab es vor dem Ortseingang ein großes Hinweisschild, das höflich darum bat, den Wagen auf dem neuen, kostenfreien Parkplatz abzustellen. Genau genommen war es ein Stück Wiese von Bauer Westkamp, um das seine Söhne eilig einen Zaun errichtet hatten, doch es erfüllte seinen Zweck. Dabei gingen die Einheimischen mit gutem Beispiel voran, wie die Kennzeichen um mich herum vermuten ließen. Eine wunderbare Idee, dachte ich, während ich meinen Rollkoffer durch das Gras hinter mir herzog. Zumindest, solange es nicht regnete. Doch danach sah es nun wahrlich nicht aus. Keine Wolke zeigte sich am tiefblauen Himmel, und obwohl es erst neun Uhr morgens war, war es bereits so warm, dass in meinem Nacken kleine Schweißperlen kribbelten. Wenn man den Meteorologen glauben durfte, stand uns ein Jahrhundertsommer bevor, und ich war die Letzte, die sich darüber beschweren würde.

 

Avas Haus lag am Rande des Dorfes auf einem weitläufigen Grundstück, das bis zur Stever reichte, die hier schmal und verträumt ihre Bögen zog. Am gegenüberliegenden Ufer begann der Wald, ein dichtes Gehölz, das überwiegend aus Buchen, Eichen und Birken bestand. Als Kind war ich einmal beim Spielen in den Fluss gefallen, während meine Mutter und Ava auf der Terrasse saßen und Kaffee tranken. Ich konnte mich kaum an den Vorfall erinnern, doch meiner Mutter hatte er einen solchen Schrecken versetzt, dass sie mich zu ihren nächsten Treffen nicht mehr mitnahm. Ein Umstand, den ich sehr bedauerte. Denn ich war hingerissen von meiner Großtante Ava, die so ganz anders war als die übrigen Erwachsenen, die ich mit meinen sieben Jahren furchtbar langweilig fand. Wenn ich bei ihr zu Besuch war, bastelten wir Schiffe aus Papier, die wir auf dem Fluss schwimmen ließen, malten auf einer Staffelei im Garten oder sammelten im Wald Blätter und Blüten, die wir hinterher pressten und in Alben klebten. Großtante Ava ließ mich mit ihrem Schmuckkästchen spielen und lachte aus vollem Hals, wenn ich über und über mit Ketten, Ringen und Broschen geschmückt wie eine kleine Königin durch das Wohnzimmer schritt und dabei majestätisch mit der Hand wedelte, um mein Volk zu grüßen, das aus ihr und meiner Mutter bestand. Auf dem Dachboden lagerte eine Holzkiste, in der Ava Kleider aufbewahrte, die sie als junge Frau getragen hatte. Die mochte ich besonders. Auch wenn sie mir viel zu groß waren, konnte ich Stunden damit verbringen, eins nach dem anderen anzuziehen, mich vor dem Spiegel zu drehen und mir vorzustellen, ich wäre eine Zeitreisende, die sich plötzlich und unerwartet in den Sechzigerjahren wiederfand.

Ach, wie hatte ich die Besuche bei Ava geliebt. Doch es half kein Betteln und kein Flehen. Was ihre Sturheit anging, war meine Mutter eine waschechte Westfälin. Und so setzte ich mich eines Nachmittags an meinen Schreibtisch und schrieb Ava eine Postkarte. Auf der Vorderseite war ein Teddybär abgebildet, der auf einer Bank saß und traurig in die Ferne blickte. Darüber stand in goldenen Buchstaben Ich vermisse dich. Meine Großtante antwortete postwendend. Ihre Karte zeigte eine dickliche alte Dame, die ihr Ohr wie ein Indianer an die Schienen gelegt hatte und dabei fröhlich grinste. So fing unsere Postkartenfreundschaft an. Natürlich hätten wir uns auch Briefe schreiben können, doch das hätte nur halb so viel Spaß gemacht. Denn am spannendsten fand ich die Motive auf den Postkarten. Ich gab mir viel Mühe bei der Auswahl und Ava ebenso. Selbst als mich meine Mutter zur Belohnung für mein bronzenes Schwimmabzeichen wieder nach Herzbach mitnahm, behielten Ava und ich unser Ritual bei. Wir schrieben uns meine gesamte Schulzeit hindurch, während meines Studiums in Münster und auch, als ich nach Düsseldorf zog, um meinen Job bei der Unternehmensberatung Aufhäuser & Stark zu beginnen.

Das war nun elf Jahre her. Inzwischen war ich fünfunddreißig Jahre alt und arbeitete immer noch dort. Zumindest bis zum gestrigen Abend um 21:42 Uhr. Denn da hatte ich meinen Computer heruntergefahren. Und nun lagen drei Monate Sabbatical vor mir, in denen ich tun und lassen konnte, was ich wollte. Jede Menge Zeit, um einen klaren Kopf zu bekommen und mir zu überlegen, was ich mit meinem restlichen Leben anstellen wollte …

 

Als ich auf die Klingel drückte, spürte ich, wie mein Herz vor Freude anfing, schneller zu klopfen. Ich hatte Ava zuletzt auf dem Geburtstag meiner Mutter im Januar gesehen. Während wir auf dem Sofa saßen und an Mamas selbst gemachtem Eierlikör nippten, hatte ich ihr von meinen Plänen für eine Auszeit erzählt. Von meiner Sehnsucht nach Ruhe und Abstand, nach langen Spaziergängen in der Natur und guten Gesprächen, nach Büchern, die man nicht schon in dem Moment vergaß, in dem man sie ausgelesen hatte. Und dann muss man ja auch noch Zeit haben, einfach dazusitzen und vor sich hin zu schauen, hatte ich Astrid Lindgren zitiert, und Ava hatte gelächelt und gesagt: „Warum kommst du nicht zu mir nach Herzbach? Es gibt keinen schöneren Ort auf dieser Welt, um einfach dazusitzen und vor sich hin zu schauen.“

Und jetzt war ich also hier. Gespannt blickte ich an der Fassade hoch. Avas Heim war so schön wie eh und je. Ein gepflegtes Fachwerkhaus mit weißen Sprossenfenstern, darunter Blumenkästen, in denen Narzissen, Ranunkeln, Vergissmeinnicht und Veilchen farbenfroh um die Wette leuchteten. Ich trat einen Schritt vor und drückte erneut auf die Klingel. Wie ich Ava kannte, bereitete sie gerade ein zweites Frühstück für mich vor, und allein bei dem Gedanken an frisch gebrühten Kaffee und warme Butterhörnchen mit selbst gemachter Erdbeermarmelade fing mein Magen laut an zu knurren. Ich neigte den Kopf und lauschte, doch alles, was ich hörte, war der Gesang einer Amsel.

Als sich auch nach dem dritten Klingeln nichts tat, ließ ich mein Gepäck stehen und ging um das Haus herum in den Garten.

Ava hielt nicht viel von adrett geschnittenen Hecken und Buchsbäumen. Ihr Garten war das, was man einen Naturgarten nannte. Mit steinernen Mauern, Wildblumen und Obstbäumen, blühenden Sträuchern und einer blau gestrichenen Holzbank mit Blick auf die Stever und den angrenzenden Wald. Der Anblick war traumhaft schön. Überall summte und brummte es. Schmetterlinge tanzten über den Rasen, Bienen schwirrten umher, und im Lavendel hatten sich unzählige Hummeln niedergelassen. Es duftete nach Sommer im Mai. Ein tiefes Glücksgefühl überkam mich, und ich stand da und lächelte, bis mir die Mundwinkel wehtaten. Schließlich erinnerte ich mich daran, warum ich gekommen war. Ich wandte mich um und fand die Terrassentür nur angelehnt vor.

„Ava?“, rief ich, als ich das lichtdurchflutete Wohnzimmer mit dem offenen Kamin betrat und weiter durch den Essbereich mit der großen Tafel in Richtung Küche lief. „Ich bin es, Ellie.“

Doch in der Küche war Ava auch nicht. Ich wollte schon im ersten Stock nachsehen, als mein Blick an einem ledergebundenen Buch hängen blieb, das auf dem Küchentisch lag. Davor lehnte eine Postkarte, die als Motiv die historische Herzbacher Mühle zeigte. Verwundert drehte ich sie um und begann zu lesen.

Meine liebste Ellie,

es ist so wunderbar, dass du da bist! Ich wünschte mir, ich könnte dich in die Arme schließen, doch leider musste ich überraschend verreisen. Ich weiß selbst noch nicht, wie lange ich fort sein werde, aber ich erkläre dir alles, sobald ich zurück bin. Versprochen. Bis dahin mach dir bitte keine Sorgen um mich, und fühle dich wie zu Hause. Bitte sei so lieb und kümmere dich in meiner Abwesenheit um Max und meine Freunde von der Herzbacher Tafelrunde. Ich habe ihnen erzählt, dass du heute kommst, und sie freuen sich schon sehr auf dich.

Ich drücke dich.

Deine Ava


Ich las die Postkarte ein zweites und drittes Mal und kippte sie anschließend mit schnellen Bewegungen hin und her. Ganz so, als könnte hinter den geschriebenen Worten eine Geheimbotschaft versteckt sein, die mir mehr über Avas Verschwinden verriet. Schließlich gab ich auf und ließ mich schwer auf einen Stuhl fallen. Ich war enttäuscht, hatte ich mir doch meine Ankunft in Herzbach ganz anders vorgestellt. In der guten Stunde Autofahrt von Düsseldorf hierhin hatte ich mir ausgemalt, wie Ava und ich im Garten frühstückten, den Libellen zuschauten, wie sie über das Wasser jagten, und dabei so viel redeten und lachten, dass wir darüber die Zeit vergaßen. Doch nun war Ava verreist, und ich war alleine. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, wo sich meine Großtante gerade befand. Geschweige denn, dass ich wusste, wann sie wiederkommen würde. Wie auch, sie wusste es ja selbst nicht. Und wie hatte sie das gemeint, dass ich mich um ihre Freunde und um Max kümmern solle? Was war das für eine Tafelrunde, und wer war dieser mysteriöse Max, und warum kamen sie nicht alleine zurecht? Sosehr ich in meinem Gedächtnis kramte, die Namen riefen keinerlei Erinnerung bei mir hervor. Wenn ich Ava wenigstens anrufen könnte! Doch sie weigerte sich standhaft, ein Handy anzuschaffen. „Ich habe vierundsiebzig Jahre lang keins gebraucht, warum sollte ich mir jetzt eins kaufen?“, hatte sie fröhlich erwidert, als ich sie auf dem Geburtstag meiner Mutter zuletzt danach gefragt hatte. Es war zum Haareraufen. Andererseits, überlegte ich dann, war sie auch nicht schneller zurück, wenn ich hier saß und Trübsal blies. Mit einem langen Seufzer stand ich auf und füllte den Tank der Kaffeemaschine. Während das Wasser erhitzte, holte ich mein Gepäck ins Haus und inspizierte den gut gefüllten Kühlschrank. Der Anblick tröstete mich ein wenig über Avas Abwesenheit hinweg. Es gab Orangensaft, Aufschnitt und Käse, Erdbeer- und Aprikosenmarmelade sowie frische Butter, Eier und Milch vom Westkamp-Hof. Im Brotkasten fand ich einen Laib aus Roggenmehl, der so knusprig aussah und so appetitlich roch, als wäre er gerade erst gebacken worden. 

 

Als der Kaffee durchgelaufen war, stellte ich alles, was ich für mein Frühstück benötigte, auf ein Tablett und trug es nach draußen auf die Terrasse. Anschließend ging ich noch einmal hinein, um das Buch vom Küchentisch zu holen. Bestimmt hatte es einen Grund, dass Ava die Postkarte ausgerechnet davor platziert hatte. Vorsichtig befühlte ich den weinroten Einband, in den die Wörter Herzbacher Tafelrunde eingraviert waren. Da war er wieder, der Name. Ich nahm einen Schluck von meinem Kaffee und genoss den bitteren, nussigen Geschmack auf meiner Zunge und das warme Gefühl, das sich augenblicklich in meinem Bauch ausbreitete. Dann schlug ich das Buch auf und betrachtete das Inhaltsverzeichnis, das in einer wunderschönen, altmodisch anmutenden Handschrift verfasst war.

Stimmungen & Gemütslagen lautete die Überschrift, darunter waren ebensolche aufgeführt, alphabetisch sortiert. Unter dem Buchstaben A las ich Begriffe wie abgespannt und aufgewühlt, unter B bedrückt, besorgt und brummig. Fasziniert fuhr ich mit dem Zeigefinger die einzelnen Wörter entlang. Es gab einsam und griesgrämig, melancholisch und scheu, verzagt und zweifelnd. Insgesamt waren es an die hundert Begriffe, jeder einzelne mit einer Seitenzahl versehen.

Eine Biene landete auf meinem Teller, und ich hielt einen Moment inne, um sie zu betrachten. An ihren Beinchen klebten gelbe Blütenpollen, sie war also schon fleißig gewesen. „Das brummig hat dich wohl angesprochen, wie?“, lächelte ich und sah zu, wie sie sich wieder in die Lüfte erhob und in Kreisen davonflog. „Dann wollen wir doch mal sehen, was es damit auf sich hat.“ Ich nahm einen weiteren Schluck von meinem Kaffee, schlug die entsprechende Seite auf und staunte. Was ich da vor mir hatte, war das Rezept für eine Kräutermischung. Ein ziemlich kompliziertes obendrein, von den meisten Zutaten hatte ich noch nie etwas gehört. Schnell blätterte ich weiter, und tatsächlich – offenbar war gegen jede schlechte Stimmung ein Kraut gewachsen. Zumindest behaupteten das die kunstvoll verfassten und mit hübschen Zeichnungen illustrierten Begleittexte, die zusätzlich Gerichte aufführten, in denen die Mixturen verabreicht werden sollten.

„Sie müssen Ellie sein.“

Erschrocken fuhr ich herum und erblickte die hochgewachsene Gestalt eines Mannes, der wie aus dem Nichts hinter mir aufgetaucht war. „Entschuldigen Sie“, sagte er und hob beschwichtigend die Arme, „ich wollte Ihnen keinen Schrecken einjagen. Ich habe geklingelt, und als niemand aufgemacht hat, dachte ich mir, dass Sie im Garten sind.“

„Und da haben Sie einfach mal nachgeschaut.“

Die Worte kamen patziger heraus, als ich es beabsichtigt hatte. Normalerweise war ich nicht furchtsam, doch ich war so vertieft gewesen, dass mich sein plötzlicher Auftritt kalt erwischt hatte. Ich klappte das Buch zu, schirmte mit meiner rechten Hand die Sonne ab und sah ihn zum ersten Mal richtig an. Er war etwa Ende dreißig und ausnehmend attraktiv. Mit den kurzen dunkelblonden Haaren, den braunen Augen und dem Dreitagebart erinnerte er mich an den Schauspieler Ryan Reynolds, für den ich eine Schwäche hatte. Außerdem hatte er die schlanke, trainierte Figur eines Mannes, der gerne Sport machte. Die alte Jeans und das verblichene graue T-Shirt ließen darauf schließen, dass er nicht mehr Zeit vor dem Kleiderschrank verbrachte als nötig, was ihn mir zusätzlich sympathisch machte.

„Ich wollte Sie nicht anfahren“, meinte ich daher versöhnlich. „Sie haben mich nur ziemlich überrumpelt.“ Erst jetzt bemerkte ich den goldfarbenen Labrador, der geduldig neben ihm wartete und dabei freundlich mit dem Schwanz wedelte. Mein Mund verzog sich zu einem Lächeln. Was für ein schönes Tier! Der Mann nickte schuldbewusst.

„Das war nicht meine Absicht. Ich bin Jonas Graf, Avas Nachbar.“

Avas Nachbar … Wie elektrisiert richtete ich mich auf. „Sie wissen nicht zufällig, wo meine Großtante steckt?“, platzte ich heraus.

Der Mann schüttelte bedauernd den Kopf. „Das wollte sie mir nicht verraten, als sie gestern Nachmittag vorbeikam. Sie hat mich lediglich gebeten, auf Max aufzupassen, bis Sie da sind.“

Überrascht sah ich zu dem Hund, der beim Klang seines Namens noch freudiger mit dem Schwanz wedelte. „Du bist also Max“, stellte ich fest. Damit war das erste Rätsel gelöst. Max bellte einmal kurz und tief, was wohl so viel wie Ja heißen sollte. „Seit wann hat Ava einen Hund?“, fragte ich Jonas Graf und kam mir dabei ein bisschen dumm vor, weil ich nichts von seiner Existenz gewusst hatte.

„Erst seit zwei Monaten“, kam die beruhigende Antwort. „Er ist ihr zugelaufen. Ava hat überall Fotos von ihm aufgehängt und ihre Festnetznummer als Kontakt dazugeschrieben, doch bisher hat sich niemand gemeldet. Also lebt er jetzt bei ihr. Ihre Großtante hat es nicht übers Herz gebracht, ihn ins Heim zu bringen.“

Ich nickte. Das klang sehr nach Ava. »Und wenn Sie sagen, Sie haben auf ihn aufgepasst, bis ich da bin … heißt das, dass ab sofort ich für ihn zuständig bin?« So ließ es die Formulierung in Avas Postkarte vermuten, aber ich wollte doch sichergehen.

Der Mann lächelte, was ihm ein jungenhaftes Aussehen verlieh. „Haben Sie denn Erfahrung mit Hunden?“

„Nicht die geringste“, gab ich zu. Als Kind hatte ich mir zwar immer einen Hund gewünscht, doch da meine Mutter eine Allergie hatte, war es bei dem Wunsch geblieben. Später dann hatte ich zu viel gearbeitet, um einen Hund zu halten, aber die Sehnsucht danach war nie ganz verschwunden. Max trottete zu mir und schnupperte so vertrauensvoll an meiner Hand, dass mir das Herz aufging. „Aber so schwer kann das ja nicht sein“, ergänzte ich leichthin.

Um die Augen von Avas Nachbar bildeten sich Lachfältchen. „Es ist ein bisschen so, als hätte man ein Kleinkind, das nicht älter wird.“

Noch während er sprach, schlabberte Max mit seiner warmen Zunge über meinen Unterarm. Die Berührung kitzelte so sehr, dass ich ein Kichern unterdrücken musste. „Ich befürchte, von Kindern habe ich genauso wenig Ahnung“, gestand ich.

Darauf wusste Jonas Graf nichts zu erwidern. Er rieb sich mit einer Hand den Nacken und räusperte sich. „Also, ich muss dann jetzt. Meinen Sie, Sie kommen klar?“ Sein Blick glitt unschlüssig zwischen Max und mir hin und her. Er wirkte besorgt, was süß war, aber unbegründet. Ava wusste, wie sehr ich Hunde liebte, sonst hätte sie mir Max niemals anvertraut. Außerdem würde sie sicher bald zurückkehren.

Ich schlang meine Arme um den kräftigen Hals des Tieres. „Was denkst du?“, fragte ich ihn und drückte meine Wange in sein warmes Fell. „Kommen wir klar?“

Max bellte zustimmend, und ich lachte auf. Erst als Jonas Graf gegangen war, fiel mir ein, dass ich vergessen hatte, ihn nach der Herzbacher Tafelrunde zu fragen.



2

Nachdem ich mein Frühstück mit Max geteilt hatte, beschloss ich, dass es Zeit für einen Spaziergang war. Ich war seit Jahren nicht mehr in Herzbach gewesen, und so war ich sehr gespannt, was sich in der Zwischenzeit alles verändert hatte. Auch wenn ich Avas Gesellschaft vermisste – Sorgen machte ich mir nicht um sie. Meine Großtante war mit ihren vierundsiebzig Jahren kerngesund. Sie stand auf eigenen Füßen und war einer der bedachtesten Menschen, die ich kannte. Was auch immer sie bewegt haben mochte zu verreisen, sie hatte bestimmt gute Gründe dafür. Außerdem hatte sie geschrieben, dass sie mir alles erklären werde, wenn sie zurückkehrte, und das war mir für den Moment genug. Ich band mein langes braunes Haar zu einem Pferdeschwanz und zog meinen knallroten Lippenstift nach, der so etwas wie mein Markenzeichen war. Als Kind hatte ich meinen Mund zu groß und mein Lachen zu breit gefunden, doch spätestens seit ich Julia Roberts in Pretty Woman gesehen hatte, war ich stolz darauf. Im Garderobenschrank im Flur fand ich eine Hundeleine. Sobald ich sie vom Haken genommen hatte, fing Max laut an zu bellen und aufgeregt hin und her zu springen.

„Sitz“, befahl ich versuchsweise und freute mich sehr, als er meiner Aufforderung prompt nachkam. Das war bestimmt nicht normal, redete ich mir ein, sondern lag an der Chemie, die von der ersten Sekunde an zwischen uns bestanden hatte. Ich befestigte die Leine an seinem Lederhalsband und tätschelte seinen Kopf. „Braver Hund.“ Der brave Hund sprang auf und stürmte in einem solchen Tempo Richtung Haustür, dass ich kaum hinterherkam.

 

Wir gingen Avas Straße hinunter, die zu beiden Seiten von malerischen Fachwerkhäusern gesäumt wurde. Die Vorgärten waren das reinste Blütenmeer. Es war kein Wunder, dass so viele Touristen nach Herzbach kamen, wenn selbst die Straßen wie ein Postkartenmotiv aussahen. Diese Formulierung hatte ich jüngst erst in einem Reiseblog gelesen, der von dem entzückenden Ortskern, der historischen Mühle und der wunderschönen Landschaft schwärmte, die wie geschaffen sei für ausgedehnte Fahrradtouren und Spaziergänge. Ich blickte mich neugierig um. In welchem der schmucken Bauten mochte Jonas wohnen? Vielleicht in dem mit den grünen Fensterläden? Kurz überlegte ich, einen schnellen Blick auf die Klingelschilder zu werfen, verwarf den Gedanken aber sofort wieder. Was, wenn er mich dabei ertappte, wie ich vor seiner Haustür herumstromerte? Ich musste lächeln, als ich mir die Szene bildhaft vorstellte.

Auf einmal kam mir Martin in den Sinn, an den ich seit meiner Ankunft noch nicht einmal gedacht hatte. Martin war mein Freund, oder war es zumindest bis vor Kurzem, so genau wusste man das bei der Beziehung, die wir führten, nie. Er hatte eine Wohnung in Köln, in der er sich selten aufhielt. Als Produktionsleiter beim WDR war er die meiste Zeit des Jahres unterwegs. Jetzt gerade hielt er sich in China auf, wo er eine Dokumentationsreihe drehte. Es war bezeichnend für uns, dass ich ihm von meiner Auszeit am Telefon erzählen musste. Auf seine Frage, ob sich die Auszeit auch auf uns beziehe, antwortete ich schlicht: „Ja.“ Doch noch bevor ich ihm eine Erklärung geben konnte, hatte er beleidigt aufgelegt. Es war nicht das erste Mal, dass wir eine Pause einlegten, aber diesmal fühlte es sich anders an. Ich war in Herzbach, um mir in Ruhe Gedanken darüber zu machen, wie ich mein zukünftiges Leben gestalten wollte. Und ich war mir nicht sicher, ob Martin darin noch einen Platz haben würde. Ich schüttelte den Gedanken ab und konzentrierte mich wieder auf meine Umgebung.

Ein älterer Herr mit Nickelbrille, der in seinem Vorgarten das Unkraut zupfte, winkte Max und mir zu. Auf dem Bürgersteig kamen uns zwei Frauen entgegen, die einander untergehakt hatten und Mutter und Tochter sein mussten. Die Ähnlichkeit ihrer Züge wurde durch ihre identische Frisur noch verstärkt. Beide trugen Ponyfransen und einen kinnlangen, nach außen geföhnten Bob, der nicht so recht in die heutige Zeit passte. Ich zog Max zur Seite, um ihnen Platz zu machen, und sie bedankten sich freundlich.

Wir folgten einer Gruppe von Radfahrern, die in gemächlichem Tempo an uns vorbeifuhr, und erreichten schließlich den Marktplatz mit seinem prächtigen Maibaum in der Mitte. Der wurde traditionell vor dem ersten Mai aufgestellt. In meiner Kindheit hatte ich beobachtet, wie das die jungen Männer des Dorfes zusammen mit den Mitgliedern der Freiwilligen Feuerwehr übernahmen.

Auf dem Platz herrschte reger Betrieb. Anders als in so vielen Dörfern auf dem Land, in denen ein Geschäft nach dem anderen schließen musste, verfügte Herzbach dank der vielen Ausflügler über eine florierende Infrastruktur. Es gab ein Hotel, ein Restaurant und ein Eiscafé, die aufgrund des schönen Wetters Tische und Stühle nach draußen gestellt hatten.

Auch der Bauernladen, in dem regionale Produkte verkauft wurden, war gut besucht. Vor der Bäckerei und dem Metzger hatten sich sogar Schlangen gebildet. Dazu gab es einen Buchladen, eine Apotheke, ein Blumengeschäft und eine Geigenbau-Meisterwerkstatt, die seit Generationen von derselben Familie betrieben wurde. Am Brunnen neben dem Maibaum spielten Kinder, die sich gegenseitig mit Wasser bespritzten und dabei glucksend lachten. Und so kam es, dass das westfälische Herzbach an diesem Samstagvormittag im Mai beinahe so etwas wie ein mediterranes Flair verströmte.

Nachdem ich mit meinem Wunsch nach einem Cappuccino zum Mitnehmen gescheitert war, weil die Dorfbewohner, wie ich lernte, nicht nur etwas gegen lärmende Autos hatten, sondern auch gegen Umwelt verschmutzende Pappbecher, nahm ich vor der Eisdiele Platz. Die hatte es bei meinem letzten Besuch auch schon gegeben, doch das Blumengeschäft war neu. Und auch das Restaurant schien einen neuen Besitzer zu haben. Zumindest hieß es nicht mehr Dorfkrug, sondern Kiepenkerl, und die Tische und Stühle, die davorstanden, waren nicht mehr aus weißem Plastik, sondern aus geschmackvollem Holz und Korbgeflecht. Max streckte sich und gähnte herzhaft, dann rollte er sich auf dem Boden zusammen und legte seinen Kopf auf meine Füße. Er sah kurz auf, als die junge Kellnerin ihm einen Napf mit frischem Wasser brachte, wedelte zustimmend mit dem Schwanz und schloss die müden Augen.

Während ich an meinem Cappuccino nippte und mich über die warmen Temperaturen freute, sann ich über das nach, was ich in Düsseldorf zurückgelassen hatte. Da war mein Job, der elf Jahre lang an erster Stelle für mich gestanden hatte.

Ich war gut in dem, was ich tat. Meine Kunden mochten mich, meine Projekte liefen erfolgreich. Ich bekam viel Bestätigung und wurde immer wieder angefragt. Und so hatte ich mit den Jahren immer mehr gearbeitet, die Abende am Computer verbracht, häufig auch die Wochenenden. Mein Bekanntenkreis bestand ausschließlich aus Kollegen, mit denen ich hin und wieder nach der Arbeit ein Glas Wein trinken oder essen ging. Vielleicht hatte ich mir deshalb einen Freund wie Martin ausgesucht. Einen Mann, der nie da war und der mich nicht dafür kritisieren konnte, dass ich zu viel arbeitete.

Martin hatte mich nie dazu gebracht, über mein Lebensmodell nachzudenken, darüber, ob ich Familie und Kinder haben wollte, ob ich glücklich war. Da musste erst etwas anderes passieren. Ich schmunzelte, als ich mich an das Ereignis im letzten Dezember erinnerte, das mich schlussendlich dazu veranlasst hatte, meinen Chef um eine Auszeit zu bitten. Es war nicht spektakulär, wie man vielleicht vermuten könnte, es war genau genommen sogar ziemlich banal. Ich war am Flughafen und wartete auf meine Verbindung nach München, als der Kunde anrief, zu dem ich unterwegs war, und unseren Termin kurzerhand absagte. Also stornierte ich meinen Flug und nahm mir ein Taxi zurück in die Innenstadt, wo unser Büro lag. An einer roten Ampel fiel mein Blick auf den Weihnachtsmarkt und die Eisbahn, und plötzlich verspürte ich das kindliche Verlangen, Schlittschuh zu laufen. Ehe ich wusste, was ich tat, bezahlte ich den Taxifahrer und stieg aus. Mich erwartete niemand, ich hatte keine Termine. Und so drehte ich Runde um Runde auf der glitzernden Eisfläche, wärmte mich mit heißem Kakao, fuhr Riesenrad auf dem Burgplatz, lauschte dem Klavierspieler vor dem Schlossturm und aß geröstete Maronen, an deren Schalen ich mir die Fingerspitzen verbrannte. Ich tat einfach, wonach mir der Sinn stand, ohne auch nur eine Sekunde an die Arbeit zu denken. Als ich an diesem Abend im Bett lag, mit einem wohlig warmen Gefühl im Bauch, gestand ich mir ein, dass es der schönste Tag seit Langem gewesen war. Und mit dem vagen Gedanken, dass ich mehr davon wollte, schlief ich ein. Danach sollte es noch einen Monat dauern, bis mein Entschluss, ein Sabbatical zu nehmen, gereift war, doch es war jener verzauberte Wintertag, der den Ausschlag gegeben hatte.

 

Nachdem ich meinen Cappuccino ausgetrunken und bezahlt hatte, schlenderte ich mit Max am Ufer der Stever entlang. Der Fluss plätscherte gemächlich dahin, die Sonne wärmte mein Gesicht, und von der gegenüberliegenden Seite drangen die Geräusche des Waldes zu mir herüber.

Ich genoss es, jeden Spaziergänger, der meinen Weg kreuzte, zu grüßen. In Düsseldorf hatte ich die Angewohnheit abgelegt, nachdem sie mir wiederholt eisiges Schweigen und misstrauische Blicke eingebracht hatte. Hier erwiderten die Menschen nicht nur meinen Gruß, sie lächelten auch. Der eine oder andere ältere Spaziergänger tippte sich sogar an die Mütze.

An der alten Wassermühle, die ein beliebter Ort für Trauungen war, führte eine Holzbrücke über den Fluss in den Wald. „Du läufst nicht weg, wenn ich dich losmache, oder?“, fragte ich Max, und als er mit ehrlicher Entrüstung zu mir hochschaute, löste ich seine Leine. Und tatsächlich sprang er zufrieden neben mir her.

Nach einer halben Stunde Spaziergang lichtete sich der Wald und gab den Blick auf endlos weite Wiesen und Felder frei. Dazwischen lagen wie bunte Tupfer einzelne Gehöfte. „Wenn man das Münsterland so sieht“, sinnierte ich, „könnte man tatsächlich meinen, die Erde sei eine Scheibe.“

Max würdigte mich keiner Antwort. Stattdessen hob er den Kopf und wirkte plötzlich so angespannt, dass ich ihn aufmerksam musterte. „Was ist denn? Hast du etwas gerochen? Ein Kaninchen vielleicht?“

Wie auf Kommando spurtete er los. Eine Sekunde lang war ich zu perplex, um zu reagieren, dann lief ich ihm hinterher. Ich fand ihn hinter der nächsten Biegung, am Fuße eines wackelig aussehenden Hochstandes, und er war nicht alleine. Er beschnupperte einen Dackel, der sich seine Annäherungsversuche mit freundlicher Miene gefallen ließ.

Die Miene von dessen Besitzerin dagegen war alles andere als freundlich. Sie zupfte ungeduldig an der Leine und schimpfte, als der Dackel keine Anstalten machte, ihr zu folgen. Ihre dunklen Augen wirkten genervt, als sie mich bemerkte. „Ist das Ihr Hund?“, fragte sie, und ich schluckte meinen Witz „Der tut nichts, der will nur spielen“ herunter.

„Kann man so sagen“, erwiderte ich stattdessen. „Genau genommen ist Max der Hund meiner Großtante. Ich passe nur vorübergehend auf ihn auf.“

Die Frau hob eine Augenbraue, und ich konnte ihr ansehen, dass sie nicht fand, dass ich mich dabei besonders hervortat. Ich betrachtete sie genauer. Sie war in meinem Alter und ziemlich groß, bestimmt eins achtzig, und hatte dunkelbraune, glänzende Locken, die ihr bis auf die Schultern reichten. Mit ihrem weißen Seidentop, den modisch-zerrissenen Jeans und den pinken Wildledermokassins wirkte sie hier im Wald ziemlich deplatziert auf mich.

„Und der Dackel gehört Ihnen?“, fragte ich, um Konversation bemüht.

Ihr Blick wurde weicher, als er den kleinen Hund streifte. „Bautz ist der Hund meiner Mutter. Zumindest im Moment noch.“ Ihre Züge verdüsterten sich wieder, so als hätte sie zu viel gesagt. Sie sah auf ihre teuer aussehende Armbanduhr und runzelte die Stirn. „Ich muss jetzt auch los, ich bin spät dran.“ Da sie keine Anstalten machte zu gehen, vermutete ich, dass ich den Anfang machen sollte.

Den Gefallen tat ich ihr gerne. „Alles klar. Komm, Max, verabschiede dich von deinem neuen Freund.“

Und dann ging alles ganz schnell. Die Frau bückte sich, um Bautz wegzuziehen. Max, der seinen Kameraden jedoch nicht so einfach ziehen lassen wollte, sprang hinterher. Die Frau versuchte, ihn abzuschirmen, dabei trat Max ihr mit einer seiner riesigen Pfoten auf den Fuß.

Wie gebannt schaute ich auf den hässlichen braunen Fleck, der sich auf ihrem Mokassin ausbreitete. Die Frau stieß einen Fluch aus, bei dem jeder Seemann vor Scham errötet wäre. „Das sind Tod’s“, fauchte sie und zeigte mit einem manikürten Finger auf mich. „Haben Sie eine Ahnung, was die gekostet haben?“ Sie funkelte mich wütend an, doch davon ließ ich mich nicht beirren. Es war der erste Tag meiner Auszeit, und nichts und niemand würde mich dazu bringen, mich zu ärgern.

»Hören Sie …« Ich hielt inne, als mir bewusst wurde, dass ich ihren Namen nicht kannte.

„Maria“, sagte sie unwillig. „Lehrbach.“

„Ellie Lindemann“, stellte ich mich nun ebenfalls vor. „Frau Lehrbach“, fuhr ich fort, „es tut mir wirklich sehr leid, was Max mit Ihrem Schuh angestellt hat, und natürlich komme ich für den Schaden auf. Ich gebe Ihnen meine Nummer, und Sie rufen mich an, wenn Sie wissen, wie viel ich Ihnen schulde.“ Ich machte Anstalten, mein Handy hervorzuholen, doch sie winkte ab.

„Nicht nötig. Meine Schuhe bezahle ich immer noch selbst.“ Mit diesen Worten drehte sie sich um und ging mit erhobenem Kopf davon. Eine große, schlanke Frau mit ihrem winzigen Dackel.

Max und ich sahen ihnen hinterher. „Leute gibt es hier“, murmelte ich, und Max sah schräg zu mir hoch und bellte.

 

„Ist die Luft rein?“, ertönte plötzlich eine Stimme über mir.

Max und ich sahen uns verwundert an. „Hast du das auch gehört?“, fragte ich ihn, und er wedelte aufgeregt mit dem Schwanz.

„Ich bin hier oben.“ Die Stimme erklang erneut, diesmal ein wenig lauter. Ich hob den Kopf und erblickte einen alten Mann, der vom Hochsitz zu mir heruntersah. Wie genau war ich eigentlich auf die Idee gekommen, in Herzbach gehe es ruhig zu?

„Und was machen Sie da oben?“, fragte ich höflich.

„Ich habe Vögel beobachtet“, war seine Antwort, und ich bemerkte das kleine Fernglas, das um seinen Hals baumelte. „Zumindest bis diese Frau mit ihrem Dackel hier aufgetaucht ist. Warten Sie, ich komme herunter.“

Er stieg vorsichtig die Holzleiter hinab, und ich betete im Stillen, dass sie nicht unter ihm nachgab. Meine Ausbildung zur Ersthelferin war zu lange her, als dass ich mich noch an die Einzelheiten erinnern konnte. Als er heil unten angekommen war, wurde er von Max stürmisch begrüßt.

„Hallo, mein Junge“, lachte er und klopfte ihm auf den Rücken, was Max ausnehmend gut zu gefallen schien. Er schmiegte sich an die Beine des Mannes, die in braunen Cordhosen steckten, und hechelte zufrieden. Nach ein paar Sekunden richtete der Mann sich auf und strahlte mich an. Mit seinen schlohweißen Haaren, den leuchtend blauen Augen und den unzähligen Lachfältchen war er mir sofort sympathisch. „Ich bin Hermann“, sagte er. „Und Sie sind bestimmt Ellie. Ava hat mir erzählt, dass Sie heute anreisen. Wie gefällt Ihnen Herzbach?“

Während wir uns die Hände schüttelten, verriet ich ihm, dass ich ganz verliebt in den Ort sei, was ihn sehr zu freuen schien.

„Und woher kennen Sie meine Großtante?“, erkundigte ich mich. Etwas klingelte bei dem Namen Hermann bei mir, aber ich kam nicht darauf, was es war. Auf einmal meldete sich mein Magen lautstark, und ich legte eine Hand auf meinen Bauch. „Entschuldigen Sie, das muss die frische Luft sein.“

Hermann schmunzelte. „Möchten Sie eine Stulle?“ Er begann in seinem Rucksack zu kramen und beförderte eine quietschgrüne Brotbox hervor, wie Schulkinder sie für ihr Pausenbrot benutzten. „Ich habe Käse oder Salami. Sie haben die Wahl.“

„Käse bitte“, antwortete ich dankbar. Als Max das Brot sah, begann er mitleiderregend zu fiepen. Ach herrje! Genau wie ich hatte er seit dem Frühstück nichts mehr gegessen, und inzwischen musste es früher Nachmittag sein. Mir kam in den Sinn, dass ich keine Ahnung hatte, was Hunde fraßen. Und wie viel. Oder wie oft.

Hermann, der mir mein schlechtes Gewissen angesehen haben musste, legte mir kurz eine Hand auf die Schulter. „Er wird schon nicht verhungern, wenn er heute etwas später zu fressen bekommt“, meinte er und gab Max seine Salamistulle, die der mit zwei Bissen herunterschlang.

„Jetzt haben Sie gar nichts mehr“, stellte ich fest und hielt ihm mein Käsebrot hin, von dem ich bereits einmal abgebissen hatte.

Hermann schüttelte belustigt den Kopf. „Essen Sie nur. Ich hatte schon einen Apfel, das reicht, bis ich zu Hause bin. In meinem Alter braucht man nicht mehr so viel. Begleiten Sie mich zurück ins Dorf? Dann erzähle ich Ihnen unterwegs, woher ich Ihre Großtante kenne.“

 

Hermann war früher Kapitän eines Containerschiffes, wie er mir berichtete. „Die Liebe zum Meer hat mich zwei Ehen gekostet, doch ich konnte nicht davon lassen. Es gab nichts anderes, was ich tun wollte.“ Ava hatte er kennengelernt, als sie in einem Sommer vor zwanzig Jahren als Passagierin auf seinem Frachtschiff mitfuhr. Es ging von Genua nach Buenos Aires, und sie war der einzige Gast an Bord inmitten einer Mannschaft, die fast ausschließlich aus Philippinern bestand. Beim Abendessen seien sie ins Gespräch gekommen, fuhr Hermann fort. Sie stellten fest, dass sie nicht nur denselben Humor teilten, sondern auch viele Interessen. Beide mochten französische Filme, liebten gutes Essen und kräftigen Rotwein, lasen gerne, besonders blutrünstige Krimis, und waren fasziniert von fremden Ländern und Kulturen. Als sich Ava in Buenos Aires von Hermann verabschiedete, waren sie Freunde geworden. Im nächsten Sommer buchte Ava erneut eine Passage auf seinem Schiff, und als er einige Zeit später in Rente ging und sich in seiner Wohnung in Bielefeld zu Tode langweilte, schlug sie ihm vor, doch nach Herzbach umzusiedeln. Dort habe er Gesellschaft, wann immer er wolle.

„Meinen Umzug habe ich nie bereut“, schloss Hermann seine Geschichte. Wir hatten inzwischen die Wassermühle erreicht. Jetzt erinnerte ich mich auch wieder, dass Ava mir von ihrem Freund Hermann erzählt hatte. Die Ansichtskarten, die sie mir von ihren gemeinsamen Reisen geschickt hatte, lagen in der großen Kiste in meinem Schrank, in der ich sämtliche Post von ihr aufbewahrte. Ob die beiden ein Paar waren? Der Gedanke war mir früher nie gekommen, aber wäre er so abwegig? Ava war eine attraktive Frau, und Hermann wirkte wahnsinnig nett und charismatisch auf mich. Während ich mit dem Gedanken spielte, ihn zu fragen, blieb Max so abrupt stehen, dass ich ins Straucheln geriet. Sein Blick wanderte von mir zum Fluss, und er begann leise zu jaulen.

„Was hat er denn?“, fragte ich besorgt.

Hermann schmunzelte. »Er möchte ins Wasser. Max ist ein Labrador – die sind verrückt danach. Wenn Sie einverstanden sind, lassen Sie ihn gerne schwimmen. Das ist an dieser Stelle des Flusses kein Problem.«

Ich beugte mich zu Max herunter und kraulte seine Ohren. „Dann ist wohl dein Glückstag heute. Na los, lauf schon.“

Das ließ sich Max nicht zweimal sagen. Mit einem langen Satz sprang er die Uferböschung hinunter und landete mit einem lauten Bauchplatscher im Wasser. Zwei Enten, die gerade gemächlich herangeschwommen waren, ergriffen laut schnatternd die Flucht.

Hermann und ich lachten. „Zu Hause wollte er nicht baden“, wunderte ich mich. „Dabei fließt die Stever doch an Avas Garten vorbei.“

„Er würde schon wollen, aber er darf nicht. Ava hat ihm verboten, ins Wasser zu gehen, wenn sie nicht dabei ist. Sie hat keine Zeit, ständig auf ihn aufzupassen. Also haben die zwei die Vereinbarung getroffen, dass zu Hause nicht geschwommen wird, und nach allem, was ich gehört habe, funktioniert das gut.“ Hermann sah zu Max. „Das kann jetzt jedenfalls dauern“, meinte er, und es klang, als würde er aus Erfahrung sprechen.

Er führte mich zu einer Holzbank, von der aus wir Max beim Spielen im Fluss zuschauen konnten. Das Wasser ging ihm nur bis zum Bauch, und die Strömung war so schwach, dass er nach Herzenslust herumtollen und dabei die übrigen Enten erschrecken konnte, die noch nicht vor ihm Reißaus genommen hatten. Es war ein bezauberndes Bild: die Stever, die im Sonnenlicht glitzerte, die Trauerweiden am Ufer, deren Zweige die Wasseroberfläche berührten, und der spielende Hund. Schade, dass Ava nicht da war, um den Moment mit uns zu teilen.

Ich wandte mich an Hermann. „Ich war überrascht, als ich heute Morgen ankam und nur eine Postkarte von meiner Großtante vorfand. Wissen Sie, wohin sie verreist ist?“

Hermanns Blick ruhte weiter auf dem Fluss. „Nein, tut mir leid, meine Liebe. Sie sagte, sie müsse etwas erledigen, was keinen Aufschub dulde. Und mehr kann ich dazu leider nicht sagen.“

Ich öffnete den Mund, um weiter nachzubohren, überlegte es mir dann aber anders. Seine letzten Worte hatten zwar freundlich geklungen, doch sie enthielten eine unmissverständliche Botschaft. Vielleicht weiß ich mehr, vielleicht auch nicht, aber hier und heute werde ich mich nicht weiter dazu äußern.

Er räusperte sich und wechselte das Thema. „Vor ihrer Abreise hat Ava mich gebeten, Ihnen von unserer Tafelrunde zu erzählen. Wenn wir uns nicht getroffen hätten, wäre ich nachher bei Ihnen vorbeigekommen.“ Auch wenn er beiläufig sprach, bemerkte ich den angespannten Tonfall, der sich plötzlich in seine Stimme geschlichen hatte.

Ich dachte an das Buch mit dem roten Einband, das bei meiner Ankunft auf dem Küchentisch gelegen hatte. „Ava hat mir ein Kochbuch mit der Inschrift Herzbacher Tafelrunde herausgelegt“, berichtete ich ihm. „Es ist nicht nach Gerichten, sondern nach Stimmungen geordnet, die es aufzuhellen gilt. Ich hatte mich schon gefragt, was es damit auf sich hat.“

Hermann wirkte ein wenig verlegen. „Das Buch stammt von Avas Großtante. Ihr Name war Muriel. Muriels Vater gehörte die Apotheke in Herzbach, und er brachte seiner Tochter von klein auf alles bei, was er über Kräuter und Pflanzen und ihre Wirkungsweisen wusste. Während er Arzneien gegen die offenkundigen, die körperlichen Leiden mischte, hatten es Muriel die Gebrechen angetan, die im Verborgenen lagen. Die Gebrechen der Seele. Muriel nutzte ihr Wissen, um den Menschen im Dorf zu helfen. Den Melancholischen, den Sorgenvollen, den Verzagten. Ihre Rezepte schrieb sie in dem Buch nieder, das Ava Ihnen hingelegt hat. Weil Muriel unverheiratet blieb und keine Nachkommen hatte, vermachte sie es Ava. Die beiden hatten ein enges Verhältnis. Genau wie Sie und Ihre Großtante.“ Er lächelte mich an, und ich erwiderte sein Lächeln.

Was für eine zauberhafte Geschichte. Doch warum hatte ich nie davon gehört? Und wenn Muriel Avas Großtante war, in welchem verwandtschaftlichen Verhältnis stand sie dann zu mir? Ich versuchte, im Kopf einen Stammbaum zu zeichnen, was komplizierter war, als ich vermutet hätte. Plötzlich erinnerte ich mich, dass Hermann eingangs von unserer Tafelrunde gesprochen hatte, und den Aspekt fand ich so interessant, dass ich meine Ahnenforschung auf später vertagte.

„Heißt das, die Herzbacher Tafelrunde kocht auch heute noch nach Muriels Rezepten?“, fragte ich und richtete mich gespannt auf. „Wer gehört alles dazu? Sie und Ava, vermute ich, und wer noch?“ Ich legte den Kopf schief. „Und wogegen essen Sie an?“ Noch während ich die letzte Frage stellte, schalt ich mich selbst, nicht so indiskret zu sein. Vielleicht litt Hermann ja unter einem Gebrechen der Seele, wie er es genannt hatte. Und wenn dem so war, dann hatte er sicher kein Interesse daran, mit mir, einer Fremden, darüber zu sprechen. Doch Hermann wirkte nicht im Geringsten verstört ob meiner Neugier. Ganz im Gegenteil, auf seinem Gesicht lag ein amüsierter Ausdruck, als er meine Fragen eine nach der anderen beantwortete.

„Ja, wir kochen nach Muriels Rezepten. Genauer gesagt, Ava kocht, und wir anderen essen. Und zwar jeden zweiten Sonntag um Punkt 13 Uhr in Avas Haus. Was Ihre zweite Frage angeht: Ihre Großtante ist, wie gerade erwähnt, die Gastgeberin der Herzbacher Tafelrunde. Sie hat sie ins Leben gerufen und mich aufgenommen, als ich hierhin zog. Das war übrigens keine Selbstverständlichkeit. Die Mitglieder der Tafelrunde müssen zustimmen, wenn jemand Neues dazukommt, und zwar einstimmig. Ich habe also großes Glück gehabt.“ Er zwinkerte mir zu. „Außer Ava und mir gibt es noch Irene. Ihr Verlobter ist vor vierzig Jahren sang- und klanglos verschwunden. Seitdem ist die Arme melancholisch und befürchtet in jeder Situation das Schlimmste. Sara wiederum hat schrecklichen Liebeskummer, aber das erzählt sie Ihnen am besten selber. Bei der kleinen Greta ist es die Schüchternheit, die ihr zu schaffen macht, und Jonas ist dafür, dass er Professor ist und zahlreiche Fachbücher geschrieben hat, erstaunlich wortkarg. Tja, und bei mir ist es das Heimweh. Ich vermisse das Meer.“

Ich schwieg, um die vielen neuen Informationen zu verarbeiten. „Wenn Jonas Avas Nachbar ist, habe ich ihn heute Morgen bereits kennengelernt“, sagte ich schließlich. Professor war er also. Darauf wäre ich nicht gekommen. Die Professoren, an die ich mich aus meiner Unizeit erinnerte, waren viel älter gewesen. Und längst nicht so attraktiv.

Hermann nickte. „Er wohnt direkt neben Ava. Jonas hat vor zwei Jahren eine schwierige Scheidung durchgemacht. Seine Ex-Frau ist Neuseeländerin. Sie hat Liam, ihren gemeinsamen Sohn, mit in ihre Heimat genommen. Darunter leidet Jonas sehr. Er sieht den Jungen viel zu selten.“

„Das kann ich mir vorstellen“, entgegnete ich. Tiefes Mitgefühl überkam mich. Es musste furchtbar sein, wenn der eigene Sohn am anderen Ende der Welt aufwuchs. Gleichzeitig wurde mir bewusst, dass Jonas aller Voraussicht nach Single war. Der Gedanke verwirrte mich, weil er mich merkwürdig zufrieden stimmte.

Schweigend beobachtete ich, wie Max mit dem Zweig einer Trauerweide kämpfte und dabei seinen Kopf hin und her warf in dem Versuch, ihn vom Baum zu lösen. Irgendwann gab er auf und bellte frustriert.

„So“, sagte Hermann. „Jetzt wissen Sie, was es mit der Herzbacher Tafelrunde auf sich hat.“

Ich wandte ihm meine Aufmerksamkeit zu. „Helfen die Rezepte denn? Es klingt zu schön, um wahr zu sein.“ Auch wenn mir die Vorstellung gefiel, gegen den Kummer der Seele anzuessen, konnte ich doch nicht glauben, dass es funktionierte.

„Finden Sie es heraus“, lautete Hermanns rätselhafte Antwort. Ich sah ihn verständnislos an, und er lächelte breit. „Morgen in einer Woche ist die nächste Tafelrunde. Falls Ava bis dahin nicht zurück sein sollte, wären wir Ihnen dankbar, wenn Sie ihre Rolle übernehmen könnten.“

„Ich? Wieso denn ich?“, platzte ich heraus. Ich musterte ihn, um festzustellen, ob er mich auf den Arm nahm, doch in seiner Miene konnte ich keine Anzeichen dafür entdecken.

„Weil Sie ihre Großnichte sind“, entgegnete er ruhig. „Und weil Ava Ihnen das Buch anvertraut hat.“

Das erstaunte mich in der Tat. Erst jetzt verstand ich auch ihre Bemerkung, ich solle mich um ihre Freunde von der Tafelrunde kümmern. Aber wie war sie nur auf diese Idee gekommen? Ava wusste, dass es um meine Kochkünste nicht gut bestellt war. Meine knappe Freizeit verbrachte ich lieber mit anderen Dingen. Essen gehen zum Beispiel. Und wenn ich doch einmal kochte, dann für mich alleine oder höchstens noch für Martin. Doch der war so selten da, dass es nicht zählte.

Im Kopf überschlug ich die Mitglieder der Tafelrunde. Ohne Ava waren es fünf: Hermann, Irene, Sara, Greta und Jonas. Jonas … Ich dachte daran, wie er mich angelächelt hatte, und auf einmal gefiel mir die Vorstellung, eine Mittagsgesellschaft zu geben. Ich hatte ja das Kochbuch, sagte ich mir, und dazu eine Woche Zeit, um mich darauf vorzubereiten. Außerdem interessierte es mich tatsächlich, wie Muriels Rezepte wirkten und ob sie es überhaupt taten. Ich hob das Kinn. „Einverstanden. Ich mach’s. Geben Sie den anderen bitte Bescheid, dass ich sie nächsten Sonntag um dreizehn Uhr erwarte?“

„Das mache ich gerne“, erwiderte Hermann und wirkte dabei sehr zufrieden. Ich wollte ihn gerade auf die Rezepte ansprechen, die mir beim ersten Durchblättern doch sehr kompliziert erschienen waren, als Max, der inzwischen genug vom Wasser hatte, auf uns zukam. Sein goldgelbes Fell triefte vor Nässe.

»Du wirst doch nicht …«, setzte ich an, kam aber nicht mehr dazu, meinen Satz zu Ende zu sprechen. Denn direkt vor uns begann Max sich zu schütteln, dass die Tropfen nur so flogen. Ich drehte mich weg, doch es war zu spät. Nach wenigen Sekunden war ich pitschnass. Ich sah Max vorwurfsvoll an, was er mit einem so treuherzigen Blick erwiderte, dass ich gegen meinen Willen lachen musste. „Na komm, du Monster“, sagte ich und stand auf. „Dann gehen wir beide jetzt wohl mal nach Hause, damit ich mich umziehen kann.“

Hermann hatte auch einiges abbekommen. Dennoch verriet er mir zum Abschied, wo Ava das Hundefutter aufbewahrte und wie ich es dosieren musste. „Nicht, dass du es verdient hättest“, raunte er Max zu und tätschelte sein feuchtes Haupt – eine liebevolle Geste, die seine strengen Worte Lügen strafte.

Janina Lorenz

Über Janina Lorenz

Biografie

Janina Lorenz, geboren 1979, wuchs in der Nähe von Münster auf. Heute lebt und arbeitet sie in Düsseldorf. Wann immer ihre Zeit es zulässt, schreibt sie – am effektivsten am Schreibtisch, doch am liebsten auf dem Sofa oder in Düsseldorfs bezaubernden Cafés. Dabei haben es ihr besonders moderne...

Veranstaltung
Buchpräsentation
Montag, 27. April 2020 in Dülmen
Zeit:19:30 Uhr
Ort:Buchhandlung Sievert,
Viktorstr. 1
48249 Dülmen
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Lesung
Donnerstag, 07. Mai 2020 in Steinfurt
Zeit:19:30 Uhr
Ort:Buchhandlung Büchereck am Markt,
Münsterstr. 26
48565 Steinfurt
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Im beschaulichen, münsterländischen Dorf Herzbach werden Wünsche wahr – wenn man nur fest daran glaubt. Die Romane der Autorin Janina Lorenz helfen vor allem bei Liebeskummer, Heimweh und Traurigkeit ...
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