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Das Dunkel aller Tage (Schmidt & Schmidt 2)

Thi Linh Nguyen
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Alexander Oetker
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Kriminalroman

Paperback (18,00 €) E-Book (14,99 €)
€ 18,00 inkl. MwSt. Erscheint am: 29.02.2024 In den Warenkorb Im Buchshop Ihrer Wahl bestellen
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Das Dunkel aller Tage (Schmidt & Schmidt 2) — Inhalt

Und die Wahrheit ist noch dunkler

Eine Explosion hüllt den Berliner Osten in Rauchschwaden: Im hinteren Teil des Dong Xuan Centers fliegt eine Baracke in die Luft, mehrere Menschen sterben. Schnell wird klar, dass dort Drogen gekocht wurden – und ausgerechnet der Bruder von Kommissarin Linh Schmidt wird als Drahtzieher festgenommen. Überzeugt von seiner Unschuld, mischt sich Linh in die Ermittlung ein. 

Dass mit Rabenstein der ärgste Feind ihres Mannes die ermittelnde SEK leitet, macht die Sache nicht leichter. Die größten Sorgen bereitet Linh jedoch Adam selbst: Ihr Ehemann steckt mitten in einer schweren Depression. Als er eines Tages durch das offene Fenster einen Streit im Nachbarhaus mithört und glaubt, Zeuge häuslicher Gewalt zu werden, quält er sich gegen seine Angstattacken aus dem Bett. Er bittet die Mutter zweier Kinder, gegen ihren Mann auszusagen – und stößt auf eine Mauer des Schweigens. Bis der Mann die Treppe des Hauses herunterfällt und stirbt. War es wirklich ein Unfall?

Um die beiden Fälle zu lösen, müssen Linh und Adam nicht nur gegen die Zeit und die eigenen Geheimnisse ankämpfen, sondern auch gegen Verräter in den eigenen Reihen ...

Hochspannend und hochaktuell  – in ihrem zweiten Fall wird es für das deutsch-vietnamesische Ermittlerpaar persönlich!

Die neue Krimi-Serie von SPIEGEL-Bestsellerautor Alexander Oetker und Linh Thi Nguyen.

Thi Linh Nguyen, 1991 im vietnamesischen Bac Ninh geboren, kam mit drei Monaten nach Deutschland und wuchs in Berlin-Marzahn auf. 

Alexander Oetker, geboren 1982 in Berlin, ist Bestsellerautor französischer Kriminalromane und Preisträger der DELIA für den besten Liebesroman 2022. Er hat Thi Linh Nguyen unterstützt, ihre Geschichte in dieser Krimiserie zu erzählen.

„Das Dunkel aller Tage“ ist der perfekte Krimi für Fans von Wolfgang Schorlaus Dengler-Reihe und der Serien „Im Angesicht des Verbrechens“ und „4 Blocks“.

„Schmidt & Schmidt dürfen gerne in Serie gehen!“ Rhein-Neckar-Zeitung

„Ein geschickt geplotteter und rasant erzählter Großstadtkrimi.“ Der Freitag​ über „Die Schuld, die uns verfolgt“ 

€ 18,00 [D], € 18,50 [A]
Erscheint am 29.02.2024
288 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-06402-6
Download Cover
€ 14,99 [D], € 14,99 [A]
Erscheint am 29.02.2024
288 Seiten, WMePub
EAN 978-3-492-60572-4
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Leseprobe zu „Das Dunkel aller Tage (Schmidt & Schmidt 2)“

PROLOG

Es piepte zweimal, dieses kleine metallische Geräusch, das tagein, tagaus Nachrichten ankündigte. Vielleicht war es diesmal eine Bitte um Mietrückstellung, eine hoffnungsvolle Frage nach einem Kredit – oder sogar eine Nachricht der jungen Frau, die er kürzlich im Internet kennengelernt hatte. Er hatte sich nie ins Dating gestürzt, weil das Geschäft für ihn immer Vorrang hatte, aber seit ein paar Wochen war er bei Tinder angemeldet, und irgendwie hatte es diese junge Vietnamesin, die er zweimal getroffen hatte, vermocht, ihm ein Lächeln aufs [...]

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PROLOG

Es piepte zweimal, dieses kleine metallische Geräusch, das tagein, tagaus Nachrichten ankündigte. Vielleicht war es diesmal eine Bitte um Mietrückstellung, eine hoffnungsvolle Frage nach einem Kredit – oder sogar eine Nachricht der jungen Frau, die er kürzlich im Internet kennengelernt hatte. Er hatte sich nie ins Dating gestürzt, weil das Geschäft für ihn immer Vorrang hatte, aber seit ein paar Wochen war er bei Tinder angemeldet, und irgendwie hatte es diese junge Vietnamesin, die er zweimal getroffen hatte, vermocht, ihm ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern. Mehr als ein Cafébesuch und ein Abendessen waren dann aber doch nicht daraus geworden. Er wollte es so. Die Liebe kostete Zeit – und Zeit war Geld. Er liebte Geld deutlich mehr als die Liebe, so viel war klar. Oder zumindest wollte er sich das einreden. Mit Geld kannte er sich auf jeden Fall besser aus als mit Beziehungen.

Das Handy lag auf dem Wannenrand, und er beachtete es zunächst gar nicht, weil es bestimmt dreihundertmal am Tag auf diese Weise bimmelte und er nicht gestört werden wollte. Zumindest jetzt noch nicht. Er mochte es, in der frei stehenden Wanne mit Blick auf die Skyline des Potsdamer Platzes seinen Tag zu beginnen. Erst um 11 Uhr war er heute aufgestanden, weil er sich angeschlagen fühlte, dafür würde er am Abend länger arbeiten. Jetzt aber wollte er noch für ein paar Minuten die Ruhe genießen.

Doch ihm war, als wäre da irgendwas Drängendes, als wäre da ein innerer Reflex, als hätte das Handy anders geklingelt als sonst, was natürlich Quatsch war. Er seufzte, hob seinen schweren Körper aus der Wanne und fuhr mit dem nassen Finger über das Display. Dann las er einmal, zweimal. Nein, das konnte nicht wahr sein. Er las die kurze Nachricht sicher zehnmal. Und dann war es, als würde die Hitze aus der Wanne noch zunehmen, als hätte jemand den sündhaft teuren goldenen Wasserhahn auf achtzig Grad gedreht.

Er spürte, wie seine Hand zitterte. Dennoch gelang es ihm, die Nachricht zu beantworten.

Welche Halle?

Nur diese zwei Worte.

Der andere tippte. „Schreibt …“ stand da.

Er wartete, noch immer in seiner Wanne stehend. Wartete und zitterte. Unten glühte er, oben fror er.

Die Worte erschienen nach drei Sekunden.

Halle 15.

Er ließ das Handy sinken und schloss die Augen, dann stieg er aus der Wanne, dabei rutschte er aus, weil sein Fuß viel zu nass war für den Marmorboden. Er hielt sich gerade noch fest, aber sein Bauch schlug auf dem glänzenden Stein auf.

Er blieb dort liegen, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Er stöhnte, aber nicht vor Schmerzen, nein, es war die Verzweiflung. Die Angst.

Er sah auf die Uhr seines Smartphones. Wie lange würden sie brauchen, um ihn zu finden? Eine halbe Stunde? Vielleicht eine Stunde?

Er erhob sich schwerfällig vom Boden, sein Knie war jetzt schon rot von dem Sturz. Aber das war sein geringstes Problem. Er ging ins Nebenzimmer, nahm das große Bild von der Wand, das eine grüne Landschaft und einen Fluss in Vietnam zeigte, dessen Namen er sich nie merken konnte, dann drehte er die Nummernfolge und öffnete den Tresor.

Da lag seine Exit-Strategie: ein falscher Pass, zwanzigtausend Dollar, eine Kreditkarte auf anderen Namen. Und eine Beretta.

Eine Beretta, die er vor zwei Jahren in Halle 6 gekauft hatte, als er zum ersten Mal wieder Angst hatte haben müssen. Wegen seiner eigenen Schuld. Wegen seiner eigenen Dummheit.

Er betrachtete die Waffe, fuhr mit der Hand über das kalte Metall. Er konnte fliehen. Oder er konnte verschwinden. Einfach so. Eine Kugel. Und alle Angst wäre vorüber. Er schüttelte den Kopf, verscheuchte die wirren, dummen Gedanken.

Er sah sie vor sich. Seine Schwester. Der er versprochen hatte, dass er nie wieder Mist bauen würde. Geschworen hatte er es. Weil er fast gestorben wäre in jener Nacht vor vielen Jahren. Und sie auch.

Und nun hatte er wieder Scheiße gebaut. Vor zwei Jahren hatte er gedacht, es sei Überlebensinstinkt. Nun wusste er: Das war Unsinn. Er wäre schon irgendwie über die Runden gekommen. Nein, es war die Gier, die ihn angetrieben hatte. Und nun …

Er würde nicht fliehen. Nicht schon wieder weglaufen vor seinen Taten. Er würde hier warten. Warten und seine Strafe annehmen. Wie auch immer sie aussehen würde.

Der Blick seiner Schwester – der würde seine größte Strafe sein.

Duc setzte sich in den Sessel, sodass er auf die Skyline blicken konnte, auf das Sony Center und den Platz dort unten mit den vielen Touristen. Er betrachtete das alles durch die tiefe Fensterfront dieser sündhaft teuren Wohnung, die so viel Miete kostete, wie andere in drei Monaten verdienten.

Bald würde er wesentlich sparsamer leben müssen. Auf sehr viel kleinerem Raum. Das kannte er schon. Aber er hatte niemals dorthin zurückgewollt.

Was für ein Scheiß. Was für eine Schande. Für ihn selbst. Die Scham überrollte ihn so heftig, dass er die Stirn krauszog, als er die Augen schloss.

Das Center war explodiert. An einem sonnigen Wintertag war sein Lebenswerk in Flammen aufgegangen.


1

Einige Tage vorher

Die Tür knarzte in den Angeln, und für einen Moment waren von draußen leise Stimmen zu hören und die vietnamesische Bambusflötenmusik, die weiter vorne in den Hallen des Dong Xuan Centers den ganzen Tag dudelte.

Dann traten die zwei Männer ein. Der zweite, kleinere marschierte schnurstracks weiter, bis es Thanh reichte.

„Tür zu, nun mach schon!“, befahl er.

Der Kleine sah ihn unter zusammengezogenen Brauen an, als verstünde er nicht recht. Thanh musste auf die Tür zeigen. „Zumachen, na los!“ Endlich verstand er, drehte sich um und knallte die Tür ins Schloss.

Die Hallenwände erzitterten. Diese Fabrikhalle war wirklich der letzte Schund, dachte Thanh einmal mehr. Im Sommer gingen sie hier drinnen vor Hitze ein, erst recht, wenn sie kochen mussten. Und im Winter pfiff der Wind durch alle Ritzen, und manchmal tropfte es von der Decke. Aber hey: Lage, Lage, Lage. Besser als hier waren sie nirgendwo versteckt und vor neugierigen Blicken geschützt.

Phong trat zu ihm, und der Kleine schien sich irgendwie hinter dem wuchtigen Mann verstecken zu wollen.

„Spricht er Deutsch?“, fragte Thanh so deutlich, dass es nun wirklich jeder verstehen musste. Der Kleine blinzelte, und Phong sagte: „Nee, ist eben erst angekommen.“ Thanh musterte den Neuen. Er war viel zu dünn angezogen bei der Kälte, trug nur ein dunkelblaues T-Shirt. Deshalb lag da auch eine dicke Gänsehaut auf seinen dunklen Armen. Die hellblaue Jeans war verschlissen und an zwei Stellen gerissen. Sein Blick fiel auf die sauberen Hände mit den ordentlich geschnittenen Nägeln.

„Seit wann bist du hier?“, fragte Thanh jetzt in dem lupenreinen Vietnamesisch, das sie in Hanoi sprachen.

„Seit einer Woche.“

„Und woher kommst du?“

Der junge Mann nannte ein Nest, dessen Name Thanh vage bekannt vorkam, irgendwo im Speckgürtel der vietnamesischen Hauptstadt.

„Und du hast schon mal gekocht?“

„Ja.“ Diesmal antwortete der Mann auf Deutsch und nickte beflissen. „Ja, schon gekocht.“

„Drüben?“

Erneut ein Nicken.

„Gut.“ Er wechselte wieder ins Vietnamesische. „Wir arbeiten hier mit Ephedrin und Lithium, weil die Lieferung des Phenylacetons seit den dämlichen Lockdowns nicht mehr richtig klappt. Hier klappt einfach gar nichts mehr. Aber die Leute wollen ihr Zeug trotzdem.“ Er zuckte die Schultern. „Denen ist es letztendlich auch egal, mit was sie sich zudröhnen, Hauptsache, es wirkt. Mir soll’s recht sein.“ Er wies auf die Fässer in der Ecke, die mit einer großen Plane notdürftig abgedeckt waren. „Da ist das Zeug. Macht euch an die Arbeit. Wir wollen übermorgen ausliefern. Alles klar?“

Phong und der kleine Mann nickten und wollten sich gerade in Bewegung setzen, als Thanh sie zurückhielt.

„Einen Moment noch. Wie heißt du?“

„Tuan Le…“

„Halt!“, unterbrach ihn Thanh. „Keine Nachnamen, verstanden?“

Der Mann nickte wieder und senkte den Kopf.

„Okay, Tuan. Dann hau rein. Wenn du Fragen hast, frag. Und steck mir hier nicht die Bude an.“

Thanh ging in Richtung der Kammer, die mit einer Glasscheibe vom Rest der Halle abgetrennt war. Dort hatte er sich ein Büro eingerichtet, gleich nachdem sie im ersten Pandemiewinter mit der Küche hier eingezogen waren. Auf einem improvisierten Schreibtisch stand ein kleiner Laptop, auf dem alle Bestellungen und Lieferungen vermerkt waren – und den er sehr schnell ausschalten konnte. Er hatte auch einen Notlöschmechanismus installiert, falls all ihre anderen Sicherheitssysteme einmal versagten.

Er musste versuchen, doch noch Phenylaceton aufzutreiben. Vielleicht hatten sie in Tschechien welches. Mittlerweile war ihm fast egal, welchen Preis er zahlen musste. Damit ging es einfach viel schneller und besser – und auch die Qualität des Stoffs war höher. Aber jetzt musste es erst mal so klappen, nur für diese eine Lieferung. Morgen Abend würden sie die gekochten Steine mit der Waage in gleiche Mengen aufteilen und in die durchsichtigen Plastiktüten rieseln lassen, in denen seine Mutter immer die Glasnudeln und die Kräuter gegeben hatte, die er damals als Mittagsverpflegung mit in die Schule genommen hatte. Er musste lächeln bei dem Gedanken an seine Mutter – und an seine Schulzeit. Jetzt war das alles so lange her, und er war in einem anderen Land. In einem Land, das nun sein Zuhause war. Auch wenn die Heimat ganz woanders lag.

Irgendetwas riss ihn aus seinen Gedanken. Er blieb stehen und wandte sich noch einmal um. Etwas störte ihn. Er betrachtete den jungen Mann, Tuan, so hieß er also. Gemeinsam mit Phong zog er gerade die große Plane von den Fässern.

Direkt daneben standen die drei Industrieherde mit den angeschlossenen Gasflaschen, darüber hing die riesige Dunstabzugsanlage, die Thanh einem insolventen Restaurant abgekauft hatte. Und auf dem stählernen Regal lagerten griffbereit die Gefäße zum Kochen, große Töpfe, genau die gleichen, in denen weiter vorne auf dem Markt Tag für Tag die Pho-Suppe vor sich hin köchelte. Rinderknochen, Markscheiben, jede Menge Ingwer, Zwiebeln, Sternanis, Kardamom, Zimt. Jeden Tag wurde eine neue Suppe angesetzt, die dann bis zum nächsten Morgen kochte, mindestens. Allein dafür kamen die Menschen aus allen Teilen der Stadt zu diesem Markt. Seit sich die Küche seiner Heimat vom Armeleuteessen zum Synonym für gesunde Ernährung gemausert hatte, war Pho-Suppe bei den Berlinern total angesagt. Thanh musste wieder grinsen. Wenn die alle wüssten, was sie hier, drei Hallen weiter, in genau den gleichen Töpfen kochten …

Na ja, angesagt war ihr Produkt auch. Nur gesund war es nicht. Dafür aber deutlich gewinnbringender als der Verkauf von Pho.

Noch einmal betrachtete er Tuan. Irgendetwas stimmte nicht. Aber er wusste nicht, was ihn so irritierte. Gerade hoben der junge Mann und sein massiger Kochpartner die Deckel von den blauen Fässern an und hielten kurz inne, als sie auf die darin lagernden Chemikalien blickten.

„Hey!“, rief Thanh ihnen zu. „Phong, du weißt doch, dass ihr mit Schutzausrüstung kochen müsst. Los, zieht euch um. Anzüge und Masken liegen dahinten. Und dann fangt an, Zeit ist Geld.“ Er wandte sich wieder um und versuchte, das schlechte Gefühl abzuschütteln. „Zeit ist Geld“, murmelte er noch mal leiser und wie zu sich selbst.


2

„Rot oder Weiß?“

„Einfach noch mal wie eben, zwei rote und zwei weiße.“

„Alles klar.“ Frank, der Weinhändler, den hier alle beim Vornamen nannten, weil er der wichtigste Bestandteil dieses Marktes war, füllte die Tassen mit dampfendem Bioglühwein.

„Darf’s sonst noch etwas sein?“

Sie berührte mit den Fingerspitzen den Rand ihrer Tasse und legte den Kopf schief. Ein leichtes Lächeln umspielte ihre Mundwinkel. „Kann ich die auch wieder mit Schuss bekommen?“

„Ist aber auch wirklich kalt heute, wa?“ Frank lächelte sie an und drehte sich wieder um. In seiner dicken Daunenjacke sah er aus wie ein Michelin-Männchen. Ein gut aussehendes Michelin-Männchen, zugegeben. Unter seiner blauen Mütze schauten einige verwuschelte graue Haare hervor. „Hier, bitte schön.“ Er schob die Tassen zu ihr hinüber. „Macht achtzehn.“

„Stimmt so.“ Er nahm den Zwanziger und nickte ihr zu, während sie zwei Tassen in jede Hand nahm und sich umdrehte. Sie ging zwischen den Marktständen hindurch und betrat dann den Spielplatz auf dem Kollwitzplatz, diese umzäunte Sandfläche mit einigen Spielgeräten, an deren Rand sechs Bänke standen. Auf jeder von ihnen saßen mehrere Erwachsene, sie alle hielten Tassen in den Händen und prosteten sich zu, während die Kinder im Sand buddelten oder die Rutsche heruntersausten. Es war klirrend kalt, deshalb trugen die Kleinen dort unten im Sand alle dicke Matsch- oder Schneehosen und diese teuren Funktionsjacken von The Northface oder Patagonia. Canada Goose zog hier im Epizentrum des guten Gewissens niemand mehr an, weil irgendwer mal behauptet hatte, das Fell an den Jacken stamme von kanadischen Kojoten.

Seine Stimme hallte über den Platz, und sie musste gar nicht hinsehen, um zu erahnen, wie viel Qualm beim Reden aus seinem Mund drang, wegen der Kälte, aber auch, weil er die Kippe gar nicht aus dem Mundwinkel nahm. Manuel rauchte nur, wenn er trank. Also rauchte er oft.

„… denn dein Bonus ausgezahlt? Das war ja in den letzten beiden Jahren nicht mehr so sicher – mit den unterbrochenen Lieferketten und so. Aber bei uns läuft es wieder. Onlinehandel ist ’ne sichere Bank. Werden bestimmt zwanzig Scheine bei mir. Aber die Hälfte zahl ich ja eh an Steuern, na ja, vielleicht noch mehr. Gott sei Dank verdient Lisa so wenig. Da ist es dann nicht ganz so krass.“

Sein Lachen hallte zu ihr herüber, und Roger, der mit Franka auf der Bank neben ihnen saß, fiel mit ein.

„So, der Glühwein“, rief sie eine Spur zu laut und setzte sich zu Manuel auf die Bank. Er nahm ihr die Tassen aus der Hand und reichte eine an Roger weiter.

„Na, dann wollen wir mal.“ Er prostete ihnen zu, wartete aber nicht auf ihre Antwort, sondern nahm sofort einen großen Schluck.

„Rocco“, rief Lisa, „pass auf, ja?“

Der Kleine hing kopfüber an der obersten Stange des Klettergerüsts. Seine Beine baumelten in der Luft, und sie hatte Angst, dass er stürzen und sich den Kopf aufschlagen könnte.

„Nun lass ihn doch mal“, fuhr Manuel sie an. „Der klettert doch super. Toll, Schatz!“ Er reckte den Daumen in die Höhe, dabei schwappte etwas aus der Tasse auf den hellen Steinboden, der den Spielplatz begrenzte. „Mist, der teure Glühwein“, rief er übertrieben laut, und Roger fiel erneut in sein Lachen ein.

„Gehst du denn wieder ins Büro?“, fragte er seinen besten Freund.

„Ich gehe meistens drei Tage die Woche in die Firma. Ist mir eigentlich schon zu viel, ich hatte mich gerade so schön ans Homeoffice gewöhnt. Wie ist es bei euch geregelt? Arbeitest du wieder im Büro?“

„Wir können das handhaben, wie wir wollen. Wir brauchen gar nicht zu kommen, wenn wir nicht wollen. Alle Chefs sind direkt am Tag des Lockdowns losgefahren, um noch vor der Ausgangssperre ihre Finca auf Mallorca oder ihr Haus auf Sylt zu erreichen. Und dort sitzen sie wahrscheinlich noch immer. Die haben doch gar keine Lust, aus ihrem Haus mit Pool ins graue Berlin zurückzukehren.“

„Boah, Malle könnte ich jetzt auch gerade gut gebrauchen“, sagte Franka und stieß mit ihrer Tasse an Lisas. „Du nicht auch?“

„Hm …“, murmelte sie gedankenverloren und betrachtete die schon wieder geleerte Tasse ihres Mannes.

Sie wollte tatsächlich nur weg von hier, nach Mallorca oder sonst wohin. Einfach nur weg. Berlin war unerbittlich zu dieser Jahreszeit, aber in diesem Januar war es besonders schlimm. Seit mehreren Wochen hatte der Winter die Stadt fest im Griff. Die schneidende Kälte hatte jeden Gang vor die Tür unerträglich gemacht, und so hatten sie zu Hause festgesessen. Nun zeigte sich zum ersten Mal seit ein paar Tagen die Sonne, und die Kinder konnten endlich wieder ein wenig draußen spielen. Was sollten sie denn auch sonst den ganzen Tag tun? Die Kita war seit dreieinhalb Wochen wegen Personalmangel geschlossen. Wenn das so weiterging, würde Rocco am Ende gar nicht mehr wissen, wie die anderen Kinder aus seiner Gruppe überhaupt hießen.

Sie hörte erst das Krachen und dann sofort diesen Ton, den sie aus Dutzenden anderen Kindertönen heraussortieren konnte. Das helle Weinen ihres Sohnes. Verdammt! Sie sprang auf, rannte los und rief: „Rocco, Rocco!“ Dann war sie bei ihrem Kind, und er hielt sich den Kopf und weinte bitterlich. Sie hob ihn von dem Holzhaus herunter und stellte ihn auf den Boden, dann ging sie in die Hocke und fuhr ihm vorsichtig durch die dunkelblonden Haare, aber da war kein Blut zu erkennen. Was für ein Glück! Erleichtert rieb sie mit dem Handrücken zweimal kräftig über die Stelle, um den Schmerz zu vertreiben. Noch immer schluchzte Rocco und drückte sich an ihre Schulter, bis sich auf einmal zwei Arme um seinen Bauch legten und ihn hochhoben. Lisa wurde zur Seite gedrängt.

„Nun mach mal nicht so ein Gewese“, murmelte Manuel ihr zu, dann hielt er Rocco ein Stück von sich weg.

„Ist doch alles gut, mein Großer. Hast du super gemacht. Toll abgerollt, echt.“

„Er hat sich nicht abgerollt, er …“

„Komm, zeig mal her, ist nur eine kleine Beule. Magst du einen Donut oder einen süßen Riegel? Glühwein darfst du ja noch nicht, sonst hätte ich dir einen gekauft. Aber magst du vielleicht irgendwas Süßes? Was meinst du?“

Sofort hörte Rocco auf zu weinen, und Manuel sah sie mit hochgerecktem Kinn an. „Siehst du, man muss ihn ja nicht noch darin bestärken zu heulen. Motivation, Lisa, Motivation. Auch so einen kleinen Unfall kann man positiv umdeuten. Du liest doch ständig diese Elternratgeber. Da steht so was doch drin, oder nicht?“

Sie sah, wie Rocco wieder eine Schippe zog, und wollte ihn zu sich nehmen, aber Manuel drehte sich von ihr weg, das Kind hielt er fest im Arm. „Komm“, sagte er und ließ ihn runter, „such dir drüben was Leckeres aus. Ach, und frag Noah, vielleicht will der auch was. Ich lade euch ein.“

„Noah“, rief Rocco, und der Junge, der drei Jahre älter war und ganz oben auf dem schwierigen Kletterturm hing wie ein Affe, sah sofort zu seinem kleineren Bruder.

„Papa kauft uns Süßigkeiten. Kommst du?“

Lisa sah zu, wie der Junge von oben herunterkletterte. Dabei merkte sie nicht, dass Manuel auf einmal ganz dicht neben ihr stand. Als sie seine Stimme hörte, zuckte sie zusammen.

„Du?“

„Hm?“

„Ich hab das gesehen, da, vorhin mit Frank. Wenn der dich noch einmal so anlächelt, dann …“ Er schnaufte, und ein bitterer Unterton legte sich in seine Stimme. „Na ja, das würde der ja nicht machen, wenn du nicht mitmachen würdest. Echt, Lisa, das ist so billig.“

Dann drehte er sich um und rief freundlich: „Noah, Rocco, kommt, Zuckerexplosion.“

Als Lisa die drei über die Straße gehen sah, spürte sie, wie sich eine eisige Kälte in ihr ausbreitete, die diesmal ausnahmsweise nicht von den winterlichen Temperaturen kam.


3

Diese Ruhe, das leichte Rascheln der kahlen Äste im Wind, dazu das leise Gurren der wenigen Tauben, die sich von dieser Kälte noch nicht hatten abschrecken lassen.

Die Gardine wellte sich in einer kleinen Böe, und das Licht des frühen Abends drang herein, zusammen mit einer groben Kühle, die ihn sofort an Schneeluft denken ließ. Obwohl es schon dämmerte, kam es Adam viel zu hell vor. Das Licht des Winters war kalt und weiß. Er musste die Augen zusammenkneifen. Er wusste, dass er nur aufzustehen und die Gardine zuzuziehen brauchte, aber selbst das schien ihm ein Ding der Unmöglichkeit zu sein.

Adam stöhnte und wand sich auf seinem Kissen, er spürte, dass es feucht war von seinem Schweiß, obwohl es so kalt war. Er rückte sich einmal mehr zurecht, schmiss sich auf die andere Seite, drehte sich weg vom Fenster, weg vom Licht, zur Wand hin, in der Hoffnung, dass die Ruhe kommen würde. Endlich die Ruhe, die er so ersehnte, die er aber nicht finden konnte, nicht in den letzten drei Stunden, seit er sich ins Bett gelegt hatte. Und auch davor nicht.

Er schloss die Augen, und sofort war es, als würden in seinem Kopf alle Schleusen geöffnet, als hätte der Sturm darin nur auf die Dunkelheit gewartet, um endlich wieder loszubrausen.

Er hatte irgendwann mal gelesen, dass der menschliche Körper nur eine halbe Stunde lang panische Angst empfinden konnte, bevor er sich selbst herunterregelte, weil ein permanenter Panikzustand nicht möglich war. Adam hätte über diesen psychologischen Leitsatz gerne gelacht, wenn er irgendwie lustig gewesen wäre. War er aber nicht. Weil dieser Leitsatz bei ihm nicht funktionierte. Sosehr er auch darauf hoffte. Er wartete immer auf den Moment, in dem er ruhiger werden würde, in dem sich sein Atem legte und die Angst verschwand.

Aber dieser Moment kam nicht. Wenn er die Augen schloss, dann ging alles wieder von vorne los. Schlimmer als zuvor.

Die Gedanken fegten über ihn hinweg, so heftig, dass er sein Herz hören konnte, weil es so laut schlug, und spürte, wie er ganz flach atmete. Wie sich seine Stirn in Falten legte und er die Augen zukniff, weil die Gedanken in ihm tobten wie ein Inferno. Wie seine Hände sich zusammenkrampften, im Kissen unter seinem Kopf, diesem nassen Kissen. Manchmal fasste er sich auch einfach nur zwischen die Beine, weil es ihn beruhigte.

Sorgen. Und Ängste. Dann lähmende Panik. Es war wieder losgegangen, ohne dass er hätte sagen können, wann genau es angefangen hatte. Es war nicht von heute auf morgen passiert. Er hatte gemerkt, wie er die Kontrolle verlor, zuerst nur selten, dann immer häufiger. Wie er sich selbst nicht mehr im Griff hatte. Immer schlechter funktionierte. Vor allem seit dem Einsatz im letzten Sommer, der Linh und ihm alles abverlangt hatte. Der in ihm Erinnerungen an seine Vergangenheit geweckt hatte – Erinnerungen, die er nur zu gern für immer auslöschen würde. Genauso wie die Schuld, die damit verbunden war.

Dann, vor drei Wochen: Er war morgens aufgewacht und hatte gewusst, dass die Dämonen wieder da waren. Linh hatte ihn beim Frühstück angesehen, und sie hatte nichts gesagt, weil Caro mit am Tisch gesessen und herzhaft in ihr Nutellabrötchen gebissen hatte. Sie hatte ihn nur angeblickt, mit fragenden Augen, und er hatte nichts sagen müssen. Ihre sorgenvolle Miene hatte ihn wissen lassen, dass sie verstand.

Er war an dem Tag noch aufs Revier gefahren, hatte die meiste Zeit an seinem Schreibtisch verbracht und nachmittags seine Therapeutin angerufen. Der Anrufbeantworter hatte ihn darüber informiert, dass sie im Urlaub war. Sie würde aber zurückrufen. Adam sprach ihr eine Nachricht aufs Band. Als sie ihn in der Woche darauf zurückrief, war er schon nicht mehr in der Lage, ans Telefon zu gehen. Linh hatte ihren Hausarzt angerufen und eine Krankschreibung für ihn organisiert.

Und nun lag er hier. Den ganzen Tag. Und jetzt in der Abenddämmerung. Während er in der Nacht in der Wohnung herumtigerte oder sich irgendwann, wenn das letzte Partyvolk mit seinen Späti-Bieren von der Kollwitzstraße verschwunden war, endlich nach draußen traute und durch seine nächtliche Straße ging, unter den Laternen entlang, immer nah an den Häusern, wie durch eine verlassene Stadt. Nur dann, wenn er eine halbe Stunde lang immer um denselben Wohnblock gegangen war, wurde er endlich ruhiger, fühlte er sich nicht mehr ganz so rastlos. Auf die Schönhauser Allee traute er sich nicht, weil er wirklich niemandem begegnen konnte. Außerdem wäre der Weg zurück nach Hause dann zu weit, wenn seine Beine doch nachgaben.

Es würde nicht mehr lange gut gehen. Irgendwann würde er es nicht mehr verbergen können, dessen war er sich sicher. Dann würde Carolin es erfahren, wenn sie es nicht schon längst wusste. Und alle seine Kollegen. Dann würde er alles verlieren. Seine Tochter. Und seine Arbeit.

Es war ohnehin ein Wunder, dass er es so lange hatte verstecken können. Als Carolin noch jünger gewesen war, war es einfacher für ihn gewesen, seine Panikattacken zu überspielen. Sie war zu klein gewesen, um sein merkwürdiges Verhalten zu verstehen. Wahrscheinlich dachte sie, alle Papas seien so. Und Linh hatte ihn geschützt, wann immer es nötig war. Linh. Sein Fels. Aber wer wusste schon, wie viel sie noch ertragen konnte. Wann es auch ihr zu viel wurde. Seine Schwäche. Seine beschissene Schwäche.

Und auf der Arbeit? Das war das zweite Wunder. Er hatte einfach funktioniert. Manchmal brauchte er morgens ein Glas Weißwein, um es ins Büro zu schaffen. Aber war er erst mal da, konnte er auch ausrücken. In den schlimmsten und größten Menschenansammlungen für Ordnung sorgen. Dort arbeiten, stundenlang. Selbst Fälle, die seine Nerven bis aufs Äußerste strapazierten, wie die Kindesentführung im letzten Jahr, hatte er gemeistert. Während er es jetzt nicht einmal mehr schaffte, sich im Supermarkt an einer Kasse anzustellen, an der vor ihm zwei andere Kunden warteten. Wie absurd konnte ein Kopf funktionieren? Sein Kopf.

Sobald er im REWE City die kurze Schlange vor sich sah, die Menschen in den Gängen wahrnahm und bemerkte, dass hinter ihm auch schon ein Einkaufswagen anrollte, spürte er den Schweiß, der sich auf seiner Brust breitmachte. Sein Herz begann zu rasen, er fühlte sich gefangen und nahm Reißaus. Er ließ den Wagen mit dem Toastbrot und dem Nutella und dem Rotwein stehen, dem Rotwein, den er eigentlich brauchte, um sich am Abend wenigstens ein bisschen leichter zu fühlen. Er schob ihn einfach zurück in den Gang, als hätte er etwas vergessen, dann drängelte er sich schnell an der Kasse vorbei, kein Blick für die Kassiererin, die ihn fragend ansah. Er drehte sich nicht mehr um.

Und dann rannte er nach Hause, unfähig, an etwas anderes zu denken als an die Scham. Die Angst war sofort weg, wenn die vermeintliche Gefahr weg war, nur das schwere Atmen war noch da – und der Schweiß. Einmal hatte er auf dem Weg zum Briefkasten umkehren müssen, weil ihn zwei andere Passanten zu lange angesehen hatten. Er hatte Angst bekommen – er konnte nicht einmal sagen, wovor – und war heimgekehrt, heim in sein kühles Zimmer mit dem Bett, das ihm mittlerweile genauso viel Angst machte, weil es ihm schien, als käme die Decke immer näher. Und doch war es der einzige Ort, an dem er sich einigermaßen sicher fühlte.

Er wollte schlafen. Einfach nur schlafen. Und war doch wach. Er wusste, dass er nicht tief einschlafen würde, tief und fest und sicher, und doch musste er die Augen schließen.

Ja, er hätte die Augen auch einfach offen halten können. Aber dann war er sofort so müde, dass er wusste, dass dies hier einfach nur vorbei sein musste. Dieses ganze Elend. Er würde alles dafür geben, um endlich wieder richtig schlafen zu können, und sei es nur für eine Nacht.

Obwohl es im Zimmer mittlerweile eiskalt war, spürte er den klammen Schweiß auf seiner Stirn, griff zum Kissen unter sich und drehte es wieder einmal um, als würde das den Schlaf bringen. Er zerknüllte es unter sich und drückte seinen Kopf ganz fest darauf. Sein Blick ging zum geöffneten Schlafzimmerfenster. Die Wohnung lag im dritten Stockwerk. Vielleicht zehn Meter waren das. Das würde nicht reichen. Aber … Er schloss die Augen, weil die Gedanken, die auf ihn einfluteten, so grausam waren.

Im Hinterhof war es absolut ruhig bis auf die zwei Vögel, die seit Stunden abwechselnd zwitscherten, alle paar Sekunden ein Ton, dann die Antwort, dann wieder ein Ton und immer so weiter. Doch plötzlich war da noch etwas: eine Stimme, eine tiefe Stimme, die an sein Ohr drang. Und der Ton dieser Stimme bewirkte, dass er die Augen öffnete.

Adam lauschte angestrengt. Trotz seiner Erschöpfung fühlte er sich plötzlich hellwach. Da waren Schritte auf altem Holz, Adam konnte den Dielenboden richtig vor sich sehen. Und diese Stimme, die sonor war, nein, sonor traf es gar nicht, kalt war sie, kalt und hart. Obwohl sie ruhig war, ruhig und gefasst.

Ihm war schon oft aufgefallen, wie klar die umliegenden Hauswände Geräusche zurückwarfen. Und jetzt, in der Stille des Winterabends, verstand er jedes Wort, das gesprochen wurde.

„Ich kann das wirklich gar nicht leiden, und das weißt du. Meinst du, das ist witzig für mich, wenn mich Roger dann so komisch ansieht? Als sei ich ein beschissener Alki? Ich bin kein Alki, und ich würde mir wünschen, dass du mich nicht so hinstellst, als wäre ich einer. Mir ist ja total egal, was deine Freundin Svea von mir denkt, das ist mir echt so egal, was ihr in eurem Hühnerhaufen über mich lästert, aber …“ Die Stimme war mal lauter und mal leiser, Adam vermutete, dass es manchmal eine Windböe gab, die die Worte im Hof von seinem Fenster wegtrug, im nächsten Moment aber war sie wieder ganz nah.

„Aber Roger ist mein Freund, und denkt ihr, wir würden nicht auch über euch sprechen? Ihr gebt euch doch sogar die Kante, wenn die Kids dabei sind, hier ein Sekt, da ein Aperol … echt, jeden Tag, und …“

Nun war da eine zweite Stimme. Eine Frauenstimme, auch sie wirkte ruhig, aber nicht ganz so fest. Adam spürte, dass da etwas unter der Beherrschung lag, etwas Düsteres, Unheilvolles.

„Nein, ich wollte doch gar nicht … Ich hab doch nur gedacht, vielleicht hätten wir die dritte Runde nun nicht auch noch gebraucht. Du weißt doch, dass es dann manchmal … Na ja, wir wollen doch nachher vielleicht noch ausgehen und …“

„Nein.“ Die Stimme war nun lauter, unkontrollierter. „Das ist mir doch scheißegal, was du noch vorhast. Ich hab einfach mal Lust, hier zu sein. Und wenn ich mir jetzt noch ’ne Flasche Wein aufmache, dann ist das meine Sache, oder etwa nicht?“ Eine Pause, wie um den Worten nachzuspüren. „Was willst du dann machen?“

„Hör mal, Manuel, natürlich kannst du noch eine Flasche aufmachen – und ich möchte ja vielleicht auch noch ein Glas. Wir könnten aber natürlich auch …“

Adam hörte den Versuch des Schmeichelns. Die Frau hatte die letzten Worte gezogen wie einen Kaugummi.

„Ey, Lisa, meinst du echt, ich hab es so nötig? Da kackst du mich vor aller Welt an, und dann ziehst du hier zu Hause ’nen Schmollmund, und alles ist wieder super? Vergiss es einfach, vergiss es! Das kannst du bei deinen Kunden im Laden abziehen, die Nummer, die stehen ja alle so sehr auf dich, dass es kracht, aber ich falle darauf nicht rein.“

„Was soll denn das mit den Kunden heißen?“ Jetzt war auch ihre Stimme lauter geworden.

„Na, du benimmst dich doch im Laden wie ’ne läufige Hündin, das hab ich doch gesehen, als ich neulich mal da war. Wie die dich alle anhimmeln. Aber die müssten dich mal hier zu Hause erleben, da würde denen der Spaß vergehen. Wenn die sehen würden, wie du dich benimmst – und dass du mir nicht mal den Dreck unter den Fingernägeln gönnst.“

„Was meinst du denn jetzt damit? Ich gönne dir …“

„Warum kannst du nicht mal aufhören?“ Nun war aus der Kälte ein Schreien geworden. „Du hörst einfach nicht auf, und du weißt, wie wütend mich das macht.“

„Aber …“

Adam stellte langsam seinen Fuß aus dem Bett, dann zog er den zweiten nach. Es kam ihm so vor, als wäre jede Bewegung eine ungeheure Kraftanstrengung. Er verharrte in seiner Position und konzentrierte sich wieder auf die Stimmen. Er wusste nicht, warum. Aber etwas an dieser Situation jagte einen Schauder durch seinen Körper und bewirkte, dass sich ihm die Haare auf den Armen aufstellten.

„Bitte, das ist doch kein Grund, so wütend …“

„Doch, weil du mich wütend machst. Und ich will jetzt endlich ’ne Flasche Wein, geh mir aus dem Weg!“

Keine Antwort. Adam lauschte angestrengt und hörte nichts. Doch. Da waren wieder Schritte auf den Dielen, schnell und laut, dann stöhnte die Frauenstimme auf.

„Au, hey, pass doch auf, was soll …?“

Es gab einen Schlag, klar und deutlich hörbar. Ein Klatschen, und dann war nichts mehr. Stille.

Angetrieben von einem plötzlichen Adrenalinstoß, stand Adam auf und ging zum Fenster. Er blickte hinaus, sah aber nichts. Er beobachtete die wenigen geöffneten Fenster im Innenhof. Nur in der vierten und fünften Etage waren drei Fenster geöffnet, in den unteren Etagen waren sie alle geschlossen.

Er hörte nun das Zetern des Mannes, es klang nicht mehr so wütend. Die Stimme entfernte sich vom Fenster. Von der Frau war gar nichts mehr zu hören.

Adam ging zum Kleiderschrank und nahm sich mit zitternden Händen seine Sportjacke heraus, dann zog er eine Jogginghose an. Er spürte, dass ihm die Finger wehtaten, weil er seine Hände in den letzten Minuten zu fest geballt hatte.

Vorsichtig öffnete er die Tür und lauschte in die Stille der leeren Wohnung. Carolin war nach der Schule noch zu einer Freundin gegangen, Linh war heute Morgen nach Brandenburg aufs Revier gefahren. Niemand war bisher zurückgekehrt. Nur er hatte den ganzen Tag in dieser Abgeschiedenheit verbracht, er war nicht mal in der Küche gewesen, um ein Glas Wasser zu trinken.

Er vermied den Blick in den Spiegel, der im Flur hing, trat zur Wohnungstür und wollte die Klinke herunterdrücken, aber dann hielt er inne. Er senkte den Kopf und schloss die Augen. Wann war er zum letzten Mal draußen gewesen? Vor drei Tagen, dachte er und war sich nicht sicher, ob das stimmte. Dann hörte er wieder den klatschenden Schlag, wie ein Echo in seinem Kopf, und ein Gedanke durchfuhr ihn, so zwingend, dass er sich fast wie ferngesteuert in Bewegung setzte. Er musste nachsehen, was nebenan vor sich ging. Er drückte die Klinke herunter.

Im Treppenhaus roch es nach dem Reinigungsmittel des Hausmeisters, offenbar war also Donnerstag. Die Fenster sahen frisch geputzt aus, der Kokosteppich war von Flusen befreit und gesaugt. Das hier war der Kollwitzkiez, hier herrschte Recht und Ordnung.

Er nahm die Treppe und hoffte auf jeder Etage, dass niemand gerade jetzt die Tür öffnete. Er musste ins Nachbarhaus, etwas in ihm trieb ihn an, aber die Gefahr, dass er doch noch umkehrte, war groß. Gott sei Dank schienen alle Bewohner des Hauses ein Einsehen zu haben. Nach einer Minute stand er trotzdem schweißgebadet an der Haustür. Wieder die Klinke, wieder ein Augenblick des Innehaltens. Er spürte einen Kloß im Hals, und sein Bauch fühlte sich an, als lägen Steine darin. Unaufhaltsam, schwer, kalt. Dann zog er die Tür auf, sie schien ihm eine Tonne zu wiegen.

Er tat einen Schritt, dann noch einen, seine Beine fühlten sich an wie warmes Wachs. Zum Nachbarhaus war es nicht so weit wie zum Briefkasten, und dennoch zählte er jeden Schritt. Er musste einigen Passanten ausweichen, die ihm mit Einkaufstüten und Bierkästen beladen entgegenkamen. Obwohl er die Gegend wie seine Westentasche kannte, fühlte er sich orientierungslos. Alles kam ihm irgendwie fremd vor. Unwirklich. Beängstigend. Er blieb stehen und versuchte, sich zu sammeln. Ein Mann, der, Handy am Ohr und einen Schäferhund an der Leine, hinter ihm gelaufen war, rempelte ihn an. Adam zuckte zusammen. Er musste dringend hier weg. Es war einfach viel zu voll.

Adam bog um die Ecke in die Wörther Straße. Die Tür war blau und hatte ein Glasfenster. Er achtete darauf, nur auf die unteren Klingeln zu drücken, ein-, zwei-, drei-, viermal. Nach wenigen Sekunden ertönte eine Stimme.

„Ja?“

„Amazon“, antwortete er.

Die Tür surrte auf. Adam trat in das Treppenhaus, das genauso aussah wie sein eigenes. Ein Spiegel an der Wand über den Briefkästen, Stuck an den Decken, ein teurer Läufer, der mit goldenen Klemmen befestigt die Treppenstufen bedeckte. Er stieg die Treppe hinauf, doch schon im ersten Stock öffnete sich die Tür.

„Hä?“ Der junge Mann sah ihn fragend an. „Wo ist denn mein Paket?“

„Schließen Sie bitte die Tür“, sagte Adam. „Polizei.“

Ohne etwas zu erwidern, schloss der Bewohner kopfschüttelnd die Tür. Adam stieg weiter nach oben. Im dritten Stock spürte er, wie sein Atem schwer wurde, und er wusste nicht, ob es tatsächlich Seitenstiche waren, die er spürte. Verdammt, er hatte doch keine schwere Grippe. Er hatte nur Angst. Adam ballte die Hand zur Faust. Noch eine Etage. Im vierten Stock überlegte er kurz, welche Wohnungsseite an sein Haus grenzte. Rechts. Es musste rechts sein. Er las den Namen. Gutierrez. Es war so bemerkenswert, wie sich die Namen an den Klingeln in seinem Revier unterschieden, von Straßenzug zu Straßenzug. Im Wedding konnte er froh sein, wenn es einmal einen Müller oder Schmidt auf dem Klingelschild gab, versteckt zwischen den vielen arabischen, türkischen, vietnamesischen und russischen Namen. Und hier wiederum, in seinem Haus, in diesem Haus hier, vielleicht sogar im ganzen Kollwitzkiez, gab es an den Klingeln nicht einen einzigen Namen, der auf eine Herkunft aus der Türkei oder aus Palästina schließen ließ. Stattdessen haufenweise von und zu, schwäbische und schweizerische Namen, ab und zu ein Spanier oder ein Italiener, gerne auch Franzosen, also Menschen, die überall leben konnten – und das auch taten –, also überall dort, wo es schön und teuer war.

Er lauschte, doch aus dem Inneren der Wohnung drang nichts nach draußen. Die Stimme vorhin hatte keinen Akzent gehabt, gar keinen. Nicht die des Mannes, nicht die der Frau. Gutierrez klang jedoch eindeutig nach Spaniern oder Südamerikanern.

Adam schüttelte den Kopf und sah an sich herab. Das T-Shirt unter der Sportjacke war verschwitzt. Aber wenigstens hatte sich sein Atem beruhigt. Er stieg die Treppe noch eine weitere Etage empor. Rechte Seite. Der Name: Schirrmacher.

Er drückte die Klingel. Es dauerte nicht mal fünf Sekunden, da hörte er Schritte, dann hob jemand den Hörer der Gegensprechanlage ab. Es war durch die Tür zu hören.

„Ja?“ Die Stimme von vorhin. Adam klopfte. Drinnen war ein kurzes Poltern zu hören.

„Herrgott“, wieder die Stimme, dann wurde die Tür geöffnet. „Warum erschrecken Sie mich denn …?“

Der Mann im Türrahmen war groß und breit, sein Bauch hatte einen winzigen Ansatz, und er sah dennoch gut und trainiert aus. Er sah tatsächlich ganz anders aus, als er klang. Aber als Adam seine Augen betrachtete, wusste er genau, dass dies hier der Mann war. Tiefgrau und lauernd lagen sie auf ihm, als wägten sie bereits den nächsten Schritt ab.

„Was wollen Sie?“

„Adam Schmidt, Polizei Berlin.“

Der Mann zog die Stirn kraus und legte den Kopf schief. Dann ließ er seinen Blick über den Besucher schweifen. Adam spürte, wie er bei seiner nass geschwitzten Brust hängen blieb. Auch seine zerzausten Haare und seine dunklen Augenringe musste der Mann bemerkt haben. Adam war sich bewusst, dass er als Polizist keinen überzeugenden Eindruck machte. Und je länger der Mann ihn musterte, desto lauter wurde die Unruhe in ihm. Er trat von einem Fuß auf den anderen. Er hatte diesen Mann schon ein paarmal gesehen, beim Spazierengehen oder wenn einer von ihnen aus der Haustür gekommen war. Der Kiez war groß, und dennoch kannte man sich hier vom Sehen.

„Haben Sie einen Ausweis?“

Adam machte einen Schritt nach vorn, aber es war eine Übersprunghandlung, so wie ihm sein ganzer Besuch mittlerweile wie eine einzige Übersprunghandlung vorkam – oder besser: sein ganzes Leben. Verdammt! Der Ausweis. Er lag neben seiner Dienstwaffe im Tresor. Adam war seit zwei Wochen nicht mehr im Büro gewesen.

„Der ist im Auto.“

„Wie kann denn das sein? Sie müssen sich bitte …“

„Sie sind Herr Schirrmacher?“

„Wieso?“

Adam sah im Treppenhaus kurz nach unten, als wollte er auf eine imaginäre Person hinweisen, die dort in den Schatten wartete.

„Wir haben einen Anruf bekommen. Von einem Nachbarn aus Ihrem Haus.“

„Ach ja?“

„Es soll hier zu einem Fall von häuslicher Gewalt gekommen sein.“

Der Mann legte den Kopf noch schiefer, doch das kühle Lächeln auf seinem Gesicht konnte nicht täuschen. Er bebte.

„Es soll … was?“

„Es gab die Aussage, dass es nach einem lautstarken Streit zu einer Auseinandersetzung gekommen ist.“

„Wer erzählt denn so einen Quatsch?“ Die Stimme war nicht so wütend, wie Adam sie vor einer Viertelstunde gehört hatte. Aber es lag schon dasselbe Timbre darin.

„Das kann ich Ihnen nicht sagen. Aber möchten Sie mir sagen, was hier passiert ist?“

„Hier ist gar nichts passiert!“

„Wir nehmen den Anruf sehr ernst, weil der Anrufer ganz genau geschildert hat, was vorgefallen ist. Sie haben Ihre Frau geschlagen.“

„Sie zeigen mir jetzt sofort Ihren Ausweis, oder Sie gehen!“ Der Mann machte einen Schritt zurück in die Wohnung und versuchte, die Tür zu schließen, doch Adam stellte seinen Fuß hinein. Die Panik hatte mittlerweile dem Adrenalin Platz gemacht, und Adam wurde in diesem Moment bewusst, wie gut sich das anfühlte – endlich spürte er mal wieder etwas anderes als diese beschissene Angst.

„Hey, was soll das denn?“ Der Mann war jetzt richtig wütend.

„Kann ich bitte mit Ihrer Frau sprechen?“

„Nein, das können Sie nicht, ich rufe jetzt gleich …“

„Was? Die Polizei an?“ Adam machte noch einen Schritt nach vorn, seine Hand ruhte am Türrahmen. „Holen Sie Ihre Frau.“

„Das ist … das ist Hausfriedensbruch, ich bin rechtsschutzversichert! Kann ich mal Ihre Dienstnummer haben?“

„Meine Dienstnummer ist BE 0A157. Kriminalhauptkommissar Adam Schmidt. Rufen Sie gern im Abschnitt 15 an. Aber da hier Gefahr im Verzug ist, werden Sie jetzt Ihre Frau holen. Sonst mache ich das.“

Der Mann schien abzuwägen, seine Brust war in Bewegung, weil er so heftig atmete.

„Lisa“, rief er in die Wohnung hinein, als er sich entschieden hatte, dann wandte er sich um und versuchte erneut, die Tür zu schließen. Doch Adam schüttelte den Kopf.

„Die Tür bleibt auf. Ich will sie sehen. Sie gehen nicht in eines der Zimmer, verstanden?“

„Bin ich verhaftet, oder was? Was sind denn das für Wildwestmethoden?“ Wieder zog der muskulöse Mann die Stirn kraus. Er schien zu überlegen, ob er sich gegen den Polizisten wehren könnte, und ein leichtes Lächeln umspielte seine Mundwinkel. Adams verschwitztes T-Shirt und seine Blässe, die er vorhin in dem Spiegel unten im Haus gesehen hatte, verbunden mit den dunklen Augenringen, schienen auf Schirrmacher alles andere als einschüchternd zu wirken.

„Holen Sie Ihre Frau“, wiederholte Adam.

„Lisa, kommst du mal bitte?“ Wieder der Ruf, diesmal freundlicher.

Die Tür hinten rechts im Flur öffnete sich nach außen. Adam hielt den Atem an. Eine Frau sah erst vorsichtig um die Ecke, dann kam sie auf sie zu. Sie war schlank und stylish angezogen, sie trug eine dunkelblaue Stoffhose und eine Seidenbluse, als würde sie gleich ins Büro aufbrechen wollen. Doch das Make-up um ihre Augen herum war verschmiert. Adam nickte ihr freundlich zu und lächelte sanft.

„Frau Schirrmacher?“ Er versuchte, in einem Bruchteil von Sekunden ihr Gesicht zu scannen, zu schauen, wo es eine mögliche Verletzung gegeben haben könnte.

„Ja?“ Sie wischte sich über die Augen.

„Adam Schmidt, Polizei Berlin. Wir haben einen Anruf bekommen, dass es in dieser Wohnung zu häuslicher Gewalt gekommen ist.“

Der Ehemann stand zwischen Adam und der Frau, die ganz blass geworden war, sich dann aber den blonden Pony aus der Stirn strich und den Kommissar ansah.

„Was sagen Sie da?“

„Es gab eine Auseinandersetzung zwischen Ihnen und Ihrem Mann, sagte der Anrufer.“ Adams Stimme war prüfend. Er ahnte es schon.

Sie blickte ihren Mann an, der einen Schritt zur Seite machte, wie um sie durchzulassen. „Es gab doch keine Auseinandersetzung, na, aber ich bitte Sie. Wir sind doch hier keine … Na ja, nicht solche Leute.“ Sie zog eine Augenbraue hoch.

„Der Anrufer war sich sehr sicher“, sagte Adam, der seine Tarnung noch immer nicht preisgeben wollte. Es wäre weder gut, wenn diese Leute wüssten, dass er eigentlich nicht im Dienst war, noch, dass er seit Wochen in einem abgedunkelten Schlafzimmer genau nebenan lag.

„Ich sage doch: Ihr Anrufer muss sich geirrt haben. Wir sind gerade erst nach Hause gekommen. Die Kinder sind nach dem Spielplatz noch mit zu Freunden gegangen, und wir wollten uns einen schönen Abend zu zweit machen.“

„Sie haben geweint, Frau Schirrmacher.“

„Ach das …“ Wieder wischte sie sich über die Augen. „Ich habe mich nicht zu Ende abschminken können.“ Sie zeigte den Versuch eines Lächelns. „Weil Sie vor der Tür standen.“

Adam beugte sich vor und musterte die Frau. „Hören Sie, Frau Schirrmacher, wenn es etwas gibt, das ich wissen sollte, dann können wir auch unter vier Augen …“

„Sie haben meine Frau gehört“, fiel ihm der Mann mit dröhnender Stimme ins Wort. Alle Last schien jetzt von ihm abgefallen zu sein. „Wir sind dann hier fertig. Kommen Sie wieder, wenn Sie einen Ausweis dabeihaben. Ich habe gehört, dass Dienstaufsichtsbeschwerden sehr lästig sein können.“

Adam atmete einmal tief durch. Er nahm den Blick nicht von der Frau.

„Ist wirklich alles in Ordnung?“

Sie antwortete nicht, sondern nickte nur, ohne ihn anzusehen.

„Gut. Dann wünsche ich Ihnen noch einen schönen Abend. Sollten wir noch mal einen Anruf bekommen, dann rücken wir mit ein paar mehr Kollegen an. Haben Sie verstanden, Herr Schirrmacher?“

„Gehen Sie“, zischte der Mann drohend und trat einen Schritt näher an ihn heran. Adam zog seinen Fuß zurück. Bevor der Kommissar noch etwas erwidern konnte, hatte der Ehemann die Tür geschlossen. Adam nahm einen tiefen Atemzug. Er blieb noch einen Moment im Treppenhaus stehen und lauschte, aber von drinnen drangen keine Geräusche heraus.

Widerwillig wandte er sich um und nahm die Treppen ins Erdgeschoss. Die Angst war weg, das spürte er, aber auch die Energie des Adrenalins. Stattdessen war die dumpfe Sorge um die Frau hinter der Tür ihm tief in den Magen gefahren.

Thi Linh  Nguyen

Über Thi Linh Nguyen

Biografie

Thi Linh Nguyen ist 1991 im vietnamesischen Bac Ninh nahe Hanoi geboren und kam mit drei Monaten nach Deutschland. Sie wuchs im Berliner Bezirk Marzahn auf und erlebte die Hochphase der vietnamesischen Mafia in den Plattenbautenvierteln im Osten der Stadt. Auch heute noch lebt Thi Linh Nguyen in...

Alexander Oetker

Über Alexander Oetker

Biografie

Alexander Oetker, geboren 1982, ist Bestsellerautor und TV-Journalist, als Frankreich-Experte von RTL und n-tv berichtet er seit 15 Jahren über Politik und Gesellschaft der Grande Nation. Er ist zudem Kolumnist und Restaurantkritiker der Gourmetzeitschrift „Der Feinschmecker“. Seine Krimis und...

Weitere Titel der Serie „Schmidt & Schmidt“

Meisterhaft erzählt, atmosphärisch, hochspannend: Bei SPIEGEL-Bestsellerautor Alexander Oetker und Ti Linh Nguyen begibt sich ein deutsch-vietnamesisches Ermittlerpaar an die Aufklärung von Verbrechen. 

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