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Das Arkonadia-RätselDas Arkonadia-Rätsel

Das Arkonadia-Rätsel

Ein Roman aus dem Omniversum

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Das Arkonadia-Rätsel — Inhalt

Ein Bund von mächtigen Völkern, Omni genannt, wacht in der Milchstraße über die Entwicklung von Leben und Zivilisationen. Jasper und seine Tochter Jasmin gehören zu den wenigen Auserwählten, die in den Diensten Omnis stehen. Ihr Auftrag führt sie zu dem fernen Planeten Arkonadia. Seit Jahrtausenden stranden dort immer wieder Raumschiffe unter dem Einfluss einer unerklärlichen Raumzeit-Anomalie. Zudem bewirkt das geheimnisvolle Nerox, das alle 453 Jahre auftritt, technologischen Stillstand und stürzt den ganzen Planeten ins Chaos. Niemand kennt den Ursprung des Phänomens. Jasper und Jasmin sollen das Rätsel von Arkonadia lösen und stoßen dabei auf ein Geheimnis, das eine Milliarde Jahre alt ist und auch Omni betrifft …

Erschienen am 02.05.2017
544 Seiten, Klappenbroschur
ISBN 978-3-492-70426-7
Erschienen am 02.05.2017
544 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-96584-2

Leseprobe zu »Das Arkonadia-Rätsel«

Omni


Im Herzen der Galaxis, im Kern der Milchstraße, wo die Sonnen so dicht stehen, dass planetare Nächte nie ganz dunkel sind, und wo es Energie im Überfluss gibt, haben sich die am höchsten entwickelten Völker vor Äonen zu »Omni« zusammengeschlossen, einem Bund von Superzivilisationen. Omni verwaltet das Erbe der Pandora, der ersten großen Zivilisation in der Milchstraße, und setzt ihr Werk fort, indem es auf öden Welten Keime des Lebens ausbringt, die Entwicklung von intelligenten Spezies beobachtet und gelegentlich eingreift, um zu helfen – oder um [...]

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Omni


Im Herzen der Galaxis, im Kern der Milchstraße, wo die Sonnen so dicht stehen, dass planetare Nächte nie ganz dunkel sind, und wo es Energie im Überfluss gibt, haben sich die am höchsten entwickelten Völker vor Äonen zu »Omni« zusammengeschlossen, einem Bund von Superzivilisationen. Omni verwaltet das Erbe der Pandora, der ersten großen Zivilisation in der Milchstraße, und setzt ihr Werk fort, indem es auf öden Welten Keime des Lebens ausbringt, die Entwicklung von intelligenten Spezies beobachtet und gelegentlich eingreift, um zu helfen – oder um bestimmte Entwicklungen zu verhindern. Geleitet wird Omni dabei vom Ethox, einem ethischen Kodex, dessen Regeln für Außenstehende nicht immer leicht zu verstehen sind. Omnis Technik ist so fortschrittlich, dass sie für andere Völker von Magie kaum zu unterscheiden ist. Darin liegt Macht, aber diese Macht setzen die Superzivilisationen sehr zurückhaltend ein. Was ihnen manchmal Kritik einbringt, ließe sich mit einer derartigen Technologie doch viel bewirken und verändern.
Omni nimmt Reisende in seine Dienste, Angehörige von Völkern, die noch keinen so hohen Entwicklungsstatus erreicht haben, dass sie hoffen dürften, in die Gemeinschaft der Superzivilisationen aufgenommen zu werden. Diese Reisenden werden biologisch verändert, damit sie lange leben und ihre Aufgabe erfüllen können, andere Völker zu beobachten und ihnen zu helfen, wenn Omni Hilfe für nötig hält. Zwei dieser Reisenden sind Jasper und Jasmin, Vater und Tochter, in ihrem früheren Leben Vinzent Akurian Forrester und Isdina-Iaschu, wegen ihres roten Haars und ihrer roten Augen Zinnober genannt. Ihre erste große Mission für Omni führt sie nach Arkonadia, weit von allen Zivilisationen der Milchstraße entfernt. Zwar befinden sie sich erst seit kurzer Zeit in Omnis Diensten, aber sie ahnen, dass sich tief in der Vergangenheit von Omni ein Geheimnis verbirgt. Es ist eine Milliarde Jahre alt.

 

 

Prolog
Arkonadia:Zirzo, der Werkzeugmacher
Noch vier Jahre und sechs Monate bis zum Beginn der 45. Ära


Draußen rief jemand: »Die Brüder sind vom Vulkan zurück! Und sie kommen mit vollen Taschen!«
Zirzo sah nicht von der Werkbank auf. Dies war ein besonderer Tag, er fühlte es in seinen alten Knochen, und nicht nur wegen der Rückkehr der beiden Feuerläufer, wie man Eray und Etini nannte – hoffentlich brachten sie genug Supra mit. Ein Prickeln in den Fingern hatte ihn mitten in der Nacht aus dem Schlaf geholt, ein Kribbeln, das besonders gute Werkzeuge verhieß. Mit leichtem Fieber war er aus dem Bett gekrochen und in seine Werkstatt gewankt, nur um dort festzustellen, dass es den Fingern nicht nach seinen Instrumenten verlangte, damit er Supra – dem geringen Vorrat, der ihm noch geblieben war – Form und Funktion gab. Stattdessen hatte ihn das Prickeln in den kleinen Raum mit den bereits fertiggestellten Werkzeugen geführt, zu dem geheimen Fach hinten in der Ecke, wo er seinen kostbaren Schatz aufbewahrte, das beste Werkzeug, an dem er schon seit vielen Jahren arbeitete, die Krönung seines Lebens: eine Statuette, Rumpf und Beine bereits perfekt; es fehlten die Arme und die Hälfte des Kopfes.
Als er jetzt auf seine Hände blickte, im Sonnenlicht, das durchs nahe Fenster fiel, sah er, dass sie zitterten, nicht aus Schwäche, nicht unter der Last von Alter und Krankheit, sondern weil sie spürten, dass sich Großes anbahnte.
Zirzo legte seine Instrumente beiseite und drückte die Hände flach auf die Werkbank, um das Zittern aus ihnen zu vertreiben. Er wartete.
Schließlich klopfte jemand an die einen Spaltbreit offen stehende Tür.
Zirzo atmete tief durch und drehte sich um. »Was habt ihr gefunden?«
Jemand zog die Tür ganz auf, und für einen Moment war der Hang des Vulkans zu sehen; eine graubraune Wolke verhüllte den Gipfel. Zwei Männer traten ein, schmutzig, begleitet von einem Geruch nach Schwefel. Beide verneigten sich kurz, bevor der erste vortrat, seine Tasche öffnete und dem Werkzeugmacher ihren Inhalt zeigte.
Zirzo nahm einen der Steine, drehte ihn, betrachtete ihn unter einem Vergrößerungsglas und nickte anerkennend. »Ein hoher Anteil an gutem Supra, mit einer Reinheit von siebzig Prozent, würde ich sagen. Noch immer die Westtunnel?«
Die beiden Feuerläufer wechselten einen Blick. »Nein«, sagte Eray, der Mann, der seine Tasche geöffnet hatte. »Wir haben uns diesmal die Lavatunnel nördlich des Hauptschlots angesehen.«
»Sie sind nicht stabil, wenn ich richtig informiert bin«, sagte Zirzo. »Dort kann es zu Ausbrüchen kommen.«
»Wir dachten, dass sich die Suche lohnen könnte, weil sich nur selten jemand dorthin wagt«, sagte der zweite Mann namens Etini, der jüngere Bruder von Eray. Er wirkte aufgeregt. Dies war noch nicht alles.
»Was hast du mitgebracht, Etini?«
Auch die zweite Tasche enthielt faustgroße Steine, aber die Mineralienadern in ihnen waren nicht silbern wie bei den ersten, sondern schimmerten golden und … grün. Zirzo sah genauer hin. Seine alten Augen trogen ihn nicht: grünes Supra. Darauf hatte er ein ganzes Jahr gewartet.
Der Werkzeugmacher legte den Stein so vorsichtig zurück, als könnte er zerbrechen. »Ich nehme alles«, sagte er. »Alles, was ihr mitgebracht habt. Wenn es von dieser Qualität ist.«
»Das ist es, Zirzo, das ist es.« Eray lächelte erfreut und rieb sich die Hände. »Gute Qualität hat einen guten Preis. Und das grüne Supra …«
»Ihr bekommt, was euch zusteht.« Zirzo stellte die beiden Taschen unter seine Werkbank, stand auf und ging ins Schlafzimmer. Seine Hände zitterten erneut oder noch immer, als er eine Schublade des schmalen Schranks neben dem Bett öffnete, das kleine Gerät hervorholte, das er vor Jahrzehnten als junger Mann von den Tingla bekommen hatte, und seinen persönlichen Code eingab. Anschließend überlegte er kurz und sagte: »Viertausend.« Nicht viel, aber genug. Er war ein reicher Mann, und er war auch deshalb reich geworden, weil er es mit den Ausgaben nicht übertrieb.
Der Gerät sagte: »Identität bestätigt. Viertausend Verrechnungseinheiten werden bereitgestellt.« Ein Geldstreifen kam aus der Seite, drei Zentimeter lang und einen breit, blau und fälschungssicher. Kleine Dellen und Höcker gaben Auskunft über den Betrag.
Wieder in der Werkstatt sagte er: »Hier sind viertausend. Ihr bekommt noch einmal so viel, wenn ihr mir mehr bringt, vor allem grünes Supra.« Die beiden schmutzigen, nach Schwefel riechenden Brüder eilten fort.
Zirzo verbrachte einen großen Teil des Morgens damit, auf die Steine zu starren und daran zu denken, dass er jetzt Gelegenheit bekam, die Arbeit an der Figur fortzusetzen. Das grüne Supra, das ihm Eray und Etini verkauft hatten, genügte nicht für ihre Vollendung, aber wenn sie ihm noch mehr brachten, konnte er die Statuette vielleicht fertigstellen, bevor ihn das Fieber dahinraffte. Während der nächsten Monate musste er zahlreiche Werkzeuge herstellen, denn der Beginn der neuen Ära, der fünfundvierzigsten, rückte näher, und Tausende von Arkonadiern, die seit Jahren und Jahrzehnten Vorbereitungen trafen, würden sich auf den Weg machen, sobald feststand, in welcher Region das Nerox nach vierhundertdreiundfünfzig Jahren wieder erschien. All diese Reisenden brauchten Werkzeuge für den Versuch, die vielen Hindernisse zu überwinden und ins Innere des Nerox zu gelangen. Es würde Zirzo nicht leichtfallen, Zeit für die Arbeit an der Figur zu finden, doch er durfte auch nicht zu lange warten, wenn er sie fertigstellen wollte, denn sein Leben neigte sich dem Ende entgegen.
Der Nachmittag brachte eine unerwartete Lösung für dieses Problem und gab der letzten Phase seines Lebens eine überraschende Wendung. Mit wieder ruhig gewordenen Händen arbeitete Zirzo an einem Werkzeug, das in wenigen Tagen fertig sein musste, als es draußen im Dorf still wurde. Zirzo saß am offenen Fenster, blinzelte im hellen Sonnenschein, lauschte und hörte nur das Grollen des Vulkans, wie das Magenknurren eines Riesen. Dann vernahm er gedämpfte Stimmen, so leise, dass er die Worte nicht verstand, und schwere, energische Schritte, die sich seiner Hütte näherten. Die Tür wurde geöffnet, ohne dass sich der Besucher mit Anklopfen aufhielt. Eine große, massige Gestalt stapfte herein und ließ die Tür offen. Zirzo bemerkte mehrere Soldaten, die vor seiner Hütte Aufstellung bezogen.
»General Tailos, es ist mir eine Ehre«, sagte er.
»Zweifellos, zweifellos«, erwiderte der Besucher mit tiefer Stimme. Er stand halb gebückt, um nicht mit dem Kopf an die Decke zu stoßen. Der etwa zwanzig Zentimeter lange gelbe Nasenrüssel neigte sich von einer Seite zur anderen. »Es riecht hier nach Arbeit, nach guter Arbeit.«
»Ich bemühe mich«, sagte Zirzo betont bescheiden. Tailos von den Jannaschi, zu deren Territorium der Vulkan gehörte, galt als launisch, und er war so mächtig, dass seine Launen sehr gefährlich werden konnten.
»Du wirst dich zweifellos bemühen, Werkzeugmacher, für mich, für meinen Sohn Lotin«, sagte der General mit einer Stimme, die Mauern erzittern lassen konnte. »Du giltst als der beste Werkzeugmacher weit und breit, und du wirst für mich das beste Werkzeug anfertigen, das du jemals geschaffen hast. Dazu hast du vier Jahre und sechs Monate Zeit. Du wirst dich mit nichts anderem beschäftigen, Zirzo, und dich ganz auf das Werkzeug für Lotin konzentrieren.«
»Ach …« Zirzo seufzte kummervoll und ein wenig übertrieben. »Es gibt wichtige Aufträge, die ich erfüllen muss, General, und hinzu kommt meine Krankheit, das schleichende Fieber.« Er hustete, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen. »Ich fürchte, mir bleiben keine viereinhalb Jahre mehr.«
»Ich habe dir etwas mitgebracht, Zirzo.« Tailos griff unter seine Uniformjacke, holte zwei Beutel aus schwarzem Leder hervor und legte den ersten auf die Werkbank. »Nur zu, öffne ihn, du wirst überrascht sein, zweifellos.«
Der alte Werkzeugmacher zog an der Schnur, öffnete den Beutel und sah einen Stein, groß wie eine Hand und grün wie die Knospen eines Windbaums. Ihm stockte der Atem. Es war kein Stein, der grünes Supra enthielt. Es war ein großer Brocken Supra mit ein wenig Stein darin. »Wo haben Sie das gefunden, General?«
»Spielt keine Rolle«, brummte Tailos. »Es ist grünes Supra, fast rein, und es liegt auf deiner Werkbank, bereit für deine Hände, mehr als genug für ein erlesenes Werkzeug. Und das hier wird dir genug Zeit geben für die Fertigung.« Der General öffnete den zweiten Beutel selbst und entnahm ihm ein kleines Glas mit violetter Flüssigkeit. Er stellte es neben das grüne Supra.
Zirzo glaubte, seinen Augen nicht trauen zu können. »Ist das wirklich …?«, begann er.
»Zweifellos. Das Elixier des Lebens, von den Tingla, nach einem Rezept der hohen Ho-Korat, wie es heißt.« Bei diesen Worten erklang selbst in der Stimme des Generals so etwas wie Ehrfurcht. »Es wird dir zwanzig Jahre geben, Zirzo. Das ist mein Geschenk für dich, oder besser: die Bezahlung für das Werkzeug, das du bauen wirst.«
»Aber …«
General Tailos klopfte sich mit der Faust auf die breite Brust. »In vier Jahren und sechs Monaten erscheint das Nerox, und wir wissen sogar, wo es erscheinen wird.« Er beugte sich vor und flüsterte: »Es ist kein Feuervogel erschienen, der uns mit heißem Odem das Geheimnis zugeflüstert hat. Ein Orakel der Tingla hat es uns verraten, meinem Sohn Lotin und mir. Sonst weiß niemand davon. Nur so viel, und du wirst darüber schweigen, wenn dir dein Leben lieb ist: Die neue Ära beginnt diesmal im tiefen Süden von Arkonadia, in Kelarien. In einem halben Jahr werden wir uns auf den Weg machen, Zirzo, und du wirst uns begleiten.«
»Ich soll …«
»Wir können nicht an diesem Ort warten, bis du fertig bist. Wir müssen in Kelarien sein, wenn die Orakel verkünden, wo genau das Nerox erscheinen wird. Wir müssen zur Stelle sein, damit uns niemand zuvorkommt, und das Werkzeug, das du bauen wirst, muss dann bereit sein.« General Tailos legte Zirzo eine schwere Hand auf die Schulter. »Mein Sohn wird damit das Nerox betreten und Regent von Arkonadia werden, der dritte in der Geschichte dieser Welt.«

 

 

Kalte Vergangenheit
1 // Jasmin (früher: Zinnober)

Oben pfiff der Wind über schroffe Felsen, die braun und schwarz aus dem Eispanzer ragten. Unten, in der Mulde, war es still. Jasmins Hände strichen über kalte Vergangenheit, eine Milliarde Jahre alt.
Sie beobachtete, wie Jasper die Kontrollen seiner Thermojacke betätigte. »Hier ist es so kalt, dass sich nicht einmal ein Wefing wohlfühlen würde«, sagte er und verzog das Gesicht.
Thrako von den Inper, dreizehnte der Superzivilisationen von Omni, war vorausgegangen und stand am Eingang der Höhle, neben dem kleinen Pelzbündel des Mimmit, der ihnen den Weg gezeigt hatte, obwohl das nicht nötig gewesen wäre. Er wartete, während das Geschöpf an seiner Seite aufgeregt hüpfte und zirpte.
Jasmins Hände strichen über die Reste der Mauer, und mit den inneren Augen sah sie … Schatten der Vergangenheit, kälter als das Eis dieser Welt, und weit entfernt, obwohl zum Greifen nah. In den vergangenen drei Jahrzehnten, während der Veränderung ihres Körpers und auch ihres Geistes, war dieses Empfinden immer deutlicher geworden. Manchmal genügte es, Objekte zu berühren, um einen Eindruck von ihrer Vergangenheit zu gewinnen.
»Die Mauern sind leider nicht gut erhalten«, sagte Thrako. Er stand ein Dutzend Meter entfernt, aber Jasmin hörte seine Stimme klar und deutlich. »Es liegt an Eis und Wind. Die Hinterlassenschaften in der Höhle sind in einem wesentlich besseren Zustand.«
Jasmin nahm die Hand von den Mauerresten. Dünnes Eis bedeckte ihre Fingerkuppen.
»Was hast du gesehen?«, fragte Jasper, ihr Vater, der in einem anderen Leben den Namen Forrester getragen hatte. Sorge lag in seinen Worten; er traute ihrer neuen Fähigkeit noch immer nicht ganz.
»Tiefe«, sagte sie. »Eine Tiefe der Zeit.«
»Keine Bilder?«
»Nein.« Jasmin wandte sich von den Resten der Mauer ab und trat über den schmalen Pfad, angetrieben von einer Unruhe, die sie seit einigen Jahren begleitete, seit dem Ende der ersten Phase der Omni-Anpassung, wie Thrako es nannte. Vor dreißig Jahren waren sie und ihr Vater gewöhnliche Menschen gewesen, sie selbst zur Hälfte eine Crohani. Nach den Ereignissen um Aurelius und die Pandora-Maschine hatte Omni, die Gemeinschaft der Superzivilisation im Kern der Milchstraße, sie in ihre Dienste genommen und verändert, nicht nur ihre physische Existenz – sie genossen relative Unsterblichkeit und brauchten keine Nahrung mehr; Kontinua-Energie erhielt sie am Leben –, sondern auch ihre Psyche. Manchmal erstaunte es Jasmin, wie weit die Veränderungen gingen; es kam vor, dass sie das Gefühl hatte, sich selbst fremd geworden zu sein, ein fremder Geist in einem fremden Körper.
Jasmins Unruhe wuchs, als sie sich dem Höhleneingang näherte. Dort stand Thrako, elfenbeinfarben und halb durchsichtig, wie ein humanoides Stück Eis, der Rumpf schmal in der Mitte, mit großen silbernen Augen und einem schmalen Kopf, der eine nach hinten führende bogenförmige Erweiterung aufwies. Er hatte nur leichte Kleidung an, mit vielen Taschen, auf denen unterschiedliche Inper-Embleme glänzten. Ein unsichtbarer Kontinua-Film, den er wie eine zweite Haut trug, schützte ihn vor der Kälte.
»Sie mögen alte Dinge, nicht wahr, Jasmin?«, fragte der Inper.
»Das wissen Sie. In den dreißig Jahren, die wir bei Omni sind, hätte ich mir gern mehr von den Relikten und Hinterlassenschaften alter Zivilisationen angesehen, die Sie hüten. Leider haben Sie mir kaum Gelegenheit dazu gegeben.«
Thrakos Gesicht veränderte sich. Vielleicht lächelte er. »Höre ich da einen Vorwurf?«
Jasmin versuchte, ihre Unruhe unter Kontrolle zu halten. »Was enthält die Höhle? Warum haben Sie uns hierher gebracht?«
»Sie sind hier, weil ich um die Archäologin in Ihnen weiß«, erwiderte der Inper. »Und weil ich/wir eine neue Mission für Sie haben.«
»Hoffentlich eine nicht so langweilige wie die letzten beiden.« Die Worte sprangen aus ihrem Mund. »Zwei in drei Jahrzehnten, Thrako.«
»Sie lernen noch«, sagte der Inper sanft.
Lass es dabei bewenden, dachte Jasmin. Lass dich überraschen, von der Höhle und der neuen Mission. Aber sie sagte: »Wir haben genug gelernt, um in einen richtigen Einsatz geschickt zu werden. Um etwas zu tun. Um zu helfen.«
»Zinnober …«, sagte Jasper mit einem warnenden Unterton. Gelegentlich sprach er sie mit ihrem früheren Namen an, der inzwischen seltsam klang, wie der einer völlig anderen Person.
Der Blick der beiden großen silbernen Inper-Augen fing sie ein und hielt sie fest. »Wir werden sehen«, sagte Thrako langsam.
Der Mimmit zirpte etwas, das Thrako offenbar verstand, denn er vollführte eine zustimmende Geste, woraufhin das kleine Geschöpf davonstob. Sein weißer Pelz ließ es schon nach wenigen Metern mit Schnee und Eis verschmelzen.
Jasmin betrat einen schmalen Tunnel mit Wänden, die Bearbeitungsspuren aufwiesen. Sie hörte, wie Jasper hinter ihr fragte: »Dies ist nicht natürlichen Ursprungs, oder?«
»Nein«, antwortete Thrako. »Diesen Tunnel haben die Vorfahren der Mimmit angelegt, vor vielen Tausend Jahren, damals, vor der Regression, vor der Rückentwicklung, die sie zu den Geschöpfen machte, die sie heute sind.«
»Ursache war die klimatische Veränderung auf dieser Welt, nicht wahr?«, hörte Jasmin ihren Vater fragen. »Vor zwölftausend Jahren unserer alten Zeitrechnung. Die Bibliotheken haben mir davon erzählt.«
Der Teil der Omni-Bibliotheken, zu denen wir Zugang haben, und das ist ein sehr, sehr kleiner Teil, dachte Jasmin, aber diesmal gelang es ihr, die Worte zurückzuhalten.
»Der Hauptgrund war das Ende der tektonischen Aktivität«, erklärte Thrako. »Der Kern dieses Planeten erkaltete und erstarrte. Das Magnetfeld brach zusammen und schützte nicht mehr vor der kosmischen Strahlung. Die lange Eiszeit begann. Eins führte zum anderen. Der Basalt dieser Region stammt von den letzten Vulkanausbrüchen. Er ist eine Milliarde Jahre alt.«
»Genauso alt wie die Mauerreste und das, was Sie uns in der Höhle zeigen wollen«, sagte Jasmin.
»Mauern und Höhle sind etwas älter«, erwiderte Thrako. »Einige Tausend Jahre, glauben wir.«
Jasmin verharrte vor einer in die Tiefe führenden Treppe. Einige Lichter glühten in der Dunkelheit, geschaffen von Kontinua-Energie. Dies war ein geschützter Bereich – Jasmin fühlte die Präsenz von Omni, wie ein vertrautes Kribbeln im Nacken.
»Die Höhle ist älter? Wieso wurden sie und ihr Inhalt nicht durch die vulkanische Aktivität zerstört?«
»Weil die Schöpfer ihr Werk schützten.«
»Vor einer Milliarde Jahren? Ich nehme an, wir sprechen hier nicht von den Mimmit?«
»Nein. Wir sprechen von einem der Völker, die damals verschwanden«, sagte Thrako.
»Sie meinen die Exilanten?« Das weckte Jasmins Interesse.
»So werden sie manchmal genannt, ja.« Der Inper deutete die Treppe hinunter. »Es ist nicht mehr weit. Sind Sie nicht neugierig?«
Jasmin musterte ihn argwöhnisch. »Fürchten Sie weitere Fragen? Ich nehme an, Sie wissen, dass ich über Jahre hinweg versucht habe, mehr über die Exilanten herauszufinden, die damals nicht an der Gründung von Omni teilnahmen.«
Der Inper hob die Schultern. »Es gibt Fragen, und es gibt Antworten. Und es gibt einen geeigneten Zeitpunkt sowohl für das eine wie für das andere. Möchten Sie sehen, was sich in dieser Höhle befindet?«
Er ging an Jasmin vorbei und die Treppe hinunter. Sie sah ihm nach, nachdenklich und verärgert.
»Suchst du Streit mit ihm?«, flüsterte Jasper ihr zu, als er sie erreichte. »Was ist los mit dir?«
Sie schüttelte wortlos den Kopf, von sich selbst verwirrt, und folgte Thrako über die Treppe. Es wurde noch kälter, so kalt, dass die automatische Temperaturregelung ihrer Thermojacke reagierte.
Die Treppe endete an einem Torbogen aus Obsidian, und dahinter lag ein runder Raum, mit einem Durchmesser von etwa zehn Metern. Wände und Decke bestanden aus dunklem Basalt, wie der Rest, doch smaragdgrüne Fliesen bildeten den Boden.
Die Schatten der Vergangenheit verdichteten sich und drängten Jasmin entgegen. Ihr fiel plötzlich das Atmen schwer.
»Was ist?«, fragte ihr Vater. »Was ist?«
»Sie spüren es, nicht wahr?«, fragte Thrako.
Jasmin nickte, ging langsam an der linken Wand entlang, betrachtete die langen, schmalen Nischen und berührte ihre Kanten. »Dies ist … wie die Gruft unter der Bastion des Duka von Javaid«, sagte sie. »Wie die Stadt der Toten, die ich als Kind gesehen habe. Katakomben.« Sie blieb stehen und sah den Inper an. »Diese Nischen … Es sind Gräber, nicht wahr?«
»Ja.«
»Aber sie sind leer.«
»Eine Milliarde Jahre sind wirklich viel Zeit, selbst für uns, selbst für Omni«, sagte Thrako. Er stand im Schein eines Lichts, das etwa einen Meter über ihm schwebte. Der Rest blieb in Schatten gehüllt. »Vielleicht sind die Toten, die hier einst bestattet waren, längst zu Staub zerfallen. Nach so langer Zeit bleiben vielleicht nicht einmal Knochen übrig. Oder die Erbauer kamen nie dazu, die Grabnischen zu benutzen. Der Vulkanausbruch könnte sie daran gehindert haben.«
»Dieser Ort war geschützt«, sagte Jasper. »Die Lava ist um ihn herumgeflossen.« Er blickte nach oben. »Und darüber hinweg.«
»So sieht es aus.«
»Haben Sie nicht mehr herausgefunden?«, fragte Jasmin. Sie legte beide Hände in eine Nische und spürte einen dumpfen, fast schmerzhaften Druck, empfing aber keine Bilder. »Ich nehme an, Sie hatten Zeit genug für Untersuchungen. Jahrtausende. Jahrmillionen. Und Ihnen stehen ganz andere Möglichkeiten zur Verfügung.«
»Sie haben noch nicht alles gesehen.«
Das Licht über dem Inper bewegte sich. Es schwebte zur Seite, in die Mitte des Raums, und dort fiel sein Schein auf eine Statue, grün wie der Boden, aus dem sie herauszuwachsen schien.
»Eine Milliarde Jahre«, betonte Thrako noch einmal. »Bemerkenswert, nicht wahr? Viel, viel Zeit. Und doch hat diese Statue alles gut überstanden. Das Material, aus dem sie besteht, ist sehr interessant. Scheint künstlichen Ursprungs zu sein. Härter als Diamant. Gewissermaßen für die Ewigkeit geschaffen. Wer auch immer der Figur Form gegeben hat … Er wollte offenbar, dass sie Äonen übersteht.«
Jasmin näherte sich der Statue. Sie zeigte eine humanoide Gestalt, größer als sie, größer auch als Jasper und Thrako, aber zierlich und schmal. Eine Frau, dachte sie, obwohl Brüste fehlten und die Hüften gerade waren. Etwas vermittelte ihr den Eindruck, dass es sich um eine Frau handelte, die … verletzt zu sein schien, voller Schmerz, trotz des glatten Gesichts. Die Arme waren gehoben, die Hände der Decke entgegengestreckt, wie auf der Suche nach Hilfe, nach Beistand. In den Augen – zwei nach vorn gewölbte Ovale – ließ sich nichts erkennen; dennoch glaubte sich Jasmin von ihrem Blick gestreift.
»Wer ist das?«, fragte sie leise.
»Finden Sie es heraus, Jasmin.«
Sie trat noch einen Schritt vor und berührte die Statue, vorsichtig, wie etwas, das zerbrechen könnte.
Einen Moment später begann sie zu weinen.

Andreas Brandhorst

Über Andreas Brandhorst

Biographie

Andreas Brandhorst, geboren 1956 im norddeutschen Sielhorst, zählt mit seinen futuristischen Thrillern und Science-Fiction-Romanen wie »Das Schiff« und »Omni« zu den erfolgreichsten Autoren unserer Zeit. Spektakuläre Zukunftsvisionen sind sein Markenzeichen. Der SPIEGEL-Bestseller »Das Erwachen«...

Unser Blog zu Andreas Brandhorst
Veranstaltung
Buchpräsentation
Freitag, 05. Mai 2017 in Dillingen
Zeit:20:00 Uhr
Ort:Buchhandlung Drachenwinkel,
Beckinger Str. 1
66763 Dillingen
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Lesung und Gespräch
Donnerstag, 01. Juni 2017 in Nordhorn
Zeit:17:00 Uhr
Ort:Buchhandlung LeseZeichen,
Neuenhauser Str. 2
48529 Nordhorn
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Lesung
Freitag, 23. Juni 2017 in Stuttgart
Zeit:18:00 Uhr
Ort:Buchhaus Wittwer,
Königstraße 30
70173 Stuttgart
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Medien zu »Das Arkonadia-Rätsel«


Pressestimmen

BR 2 "Diwan"

»Abenteuerliteratur pur.«

hysterika.de

»Hier hat es der Autor geschafft, eine sehr rasante Geschichte zu entwickeln, die durch die nicht zu langen Kapitel und die jeweils auftretenden Wechsel der Protagonisten sehr schnell geschnitten wirkt, was lediglich dazu führte, dass man schlichtweg einfach weiter lesen musste. (…) ›Das Arkonadia-Rätsel‹ ist jedenfalls ein absoluter Tipp aus der Welt der anspruchsvollen, philosophischen und angenehm unaufgeregt erzählten Science Fiction; gleichzeitig trotzdem spannend und in meinen Augen das beste Buch, welches ich bisher von Andreas Brandhorst gelesen habe – und das waren dann doch schon einige.«

forum.scifinews.de

»Andreas Brandhorst ist und bleibt einer der begabtesten Science-Fiction-Schriftsteller die es derzeit gibt. Er ist gesegnet mit Herz, Verstand und der Liebe zum Unmöglichen. ›Das Arkonadia-Rätsel‹ ist eine ergreifende Geschichte über Tod, Unendlichkeit, Auferstehung, Machthunger, Lügen und Zuneigung. Die Figuren verlieren sich trotz der Größe ihrer Taten nicht und Omni hat das Potential zu einer Serie zu werden, welche noch viele Jahre spannende Abenteuer hervorbringt.«

Bielefelder

»Bunte, faszinierende Space Opera mit Herz und Verstand.«

Geek!

»Andreas Brandhorsts bisher bestes Werk. Es greift die grundlegenden Ideen des Vorgängerwerks ›Omni‹ auf und erfüllt das darin geschaffene Universum mit zusätzlicher Tiefe und neuem Leben. Und ist auch ohne dessen Kenntnis ein absolutes Muss für alle Freunde gut gemachter SF.«

Kommentare zum Buch

Zweiter Band aus dem Omniversum
Karin am 22.07.2017

Die beiden Reisenden Jasper und Jasmin, die im Namen von Omni unterwegs sind, sollen das Rätsel um das Nerox auf dem Planeten Arkonadias lösen. Dabei handelt es sich um ein Phänomen, welches sich alle 453 Jahre wiederholt: das Nerox erscheint für kurze Zeit und lockt die Bewohner von Arkonadia, in dem es demjenigen, der es schafft, hineinzugelangen, Macht und Einfluss über den Planeten in Aussicht stellt. Das nächste Erscheinen des Nerox steht kurz bevor und das Wettrennen unter den Bewohnern Arkonadias um die Macht hat begonnen – und stürzt dabei den Planeten immer wieder in Chaos und Anarchie.   Da mir der erste Band schon sehr gut gefallen hat, war ich auf die Fortsetzung gespannt. Besonders habe ich mich auf ein Wiedersehen mit Jasper, Jasmin und Cassandra gefreut. Umso erstaunter war ich, dass seit den Geschehnissen in „Omni“ bereits dreißig Jahre vergangen sind. Wobei diese Zeitspanne nur uns Menschen so lange erscheint, aus der Perspektive von Omni, einem Zusammenschluss von derzeit vierzehn Superzivilisationen, entsprechen dreißig Jahre nicht mal einem Wimpernschlag. Diese unterschiedliche Zeitauffassung ist auch immer wieder Thema des Buches, mit seinen Vor- aber auch Nachteilen, je nachdem, auf welcher Seite man steht.   Als Reisende wurden die Menschen Jasmin und Jasper biologisch so verändert, dass auch ihre Lebenserwartung deutlich höher liegt – man denke nur an den zehntausendjährigen Aurelius, ebenfalls einem Reisenden, aus dem ersten Buch.   Jasmin brennt darauf, endlich Gutes im Universum zu tun, die technischen Möglichkeiten, über die Omni verfügt, zum Wohle aller einzusetzen. Daher ist sie immer wieder frustriert, wenn von Omnis Seite aus nichts geschieht, aus Gründen, die sie nicht nachvollziehen kann oder weil Omni eben in ganz anderen Zeitabständen denkt. Außerdem möchte sie sich mehr Wissen über Omni aneigenen, aber die Bibliotheken von Omni sind für solch junge Reisende noch nicht zugänglich. Sie stellt Fragen und reagiert ungeduldig, weil sie keine Antworten darauf bekommt.   Oder ist es vielmehr so, wie es der Arkonadier Balthasar Jasmin gegenüber andeutet, dass Omni einiges zu verbergen hat, was die Zeit ihrer Gründung angeht? Balthasar will das Nerox bezwingen, um den Fluch des ewigen Zyklus zu durchbrechen und damit dem Planeten den Weg in Fortschritt und Wohlstand dauerhaft zu ebnen. Werden seine Zweifel bei Jasmin auf fruchtbaren Boden fallen?   Jasper dagegen vertraut auf die Entscheidung und das Opfer Aurelius', welches ihn und seine Tochter Jasmin zu Reisenden gemacht hat. Jasper kam mir inzwischen gereifter vor und handelt glücklicherweise auch etwas überlegter als im ersten Buch.   Neben Jasper und Jasmin liegt der Erzählfokus auf dem arkonadischen Werkzeugmacher Zirzo, der beauftragt wird, ein Werkzeug herzustellen, mit dem es gelingt, in das Nerox zu gelangen. Aber es gibt noch einen anderen Grund, warum er plötzlich mitten im Geschehen um die Lösung des Rätsels von Arkonadia steht.   Spannend fand ich in diesem Roman, dass auf Arkonadia in der Zeit, in der das Nerox erscheint, sämtlich höherentwickelte Technologie nicht mehr funktionierte; das war für mich in einem Science Fiction-Roman unerwartet, fand ich aber gelungen. Ebenfalls sehr gut haben mir die surreal anmutenden Szenen rund um die Fallen des Nerox gefallen, die schon phantastische Ausmaße hatten.   Dieser Band liefert dem Leser weitere Einblicke in Omni und beantwortet die eine oder andere Frage, die sich aus dem ersten Buch ergeben haben. Aber Omni bleibt weiterhin geheimnisvoll genug, umso mehr freut es mich, dass es weitere Bände aus dem Omniversum geben soll.

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