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Cold Kiss – Der Kuss des Todes

Cold Kiss – Der Kuss des Todes - eBook-Ausgabe

Becca Foster
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Cold Kiss – Der Kuss des Todes — Inhalt

So heiß wie die Liebe, so kalt wie der Tod.
Ihre Zeit in der Gewalt eines Serienkillers wird Marlie nie vergessen. Vor sieben Jahren gelang ihr die Flucht, indem sie mit einem Messer auf den Entführer einstach. Seither ist sie bekannt als „das Mädchen, das einen Killer getötet hat“. Als ihre kleine Schwester Kaitlyn spurlos verschwindet, findet sich Marlie erneut in einem Alptraum wieder. Hat der Killer damals überlebt? Und übt er jetzt Rache? In ihrer Not wendet sich Marlie an den Ermittler Kenai. Während sie gemeinsam nach Kaitlyn suchen, knistert es gewaltig zwischen ihnen. Dabei ahnen sie nicht, in welch tödlicher Gefahr sie schweben.

Nach „Blind Date – Tödliche Verführung“ der neue gefährlich prickelnde Roman von USA-Today-Bestsellerautorin Becca Foster! Ein Romantic-Suspense-Roman, der keine Wünsche offenlässt!

„Becca Foster weiß, wie man prickelnde, spannende Geschichten schreibt, bei denen man bis zum Ende fieberhaft miträtselt, wer der Täter ist.“ Romance Reviews Today

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 30.11.2020
Übersetzt von: Vanessa Lamatsch
352 Seiten
EAN 978-3-492-99682-2
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Leseprobe zu „Cold Kiss – Der Kuss des Todes “

Prolog

Einatmen. Ausatmen.

Einatmen. Ausatmen.

„Marlie, ich weiß, dass du hier bist.“

Ein irrer Singsang hallt durch den stillen Raum und jagt mir kalte Schauder über den Körper. Ich glaube, der Tonfall ist das Schlimmste – dieser fröhliche Klang ohne jedes Schuldgefühl, der sofort verrät, wie verrückt er ist. Der verrät, wie weit er gehen wird, um genau das zu erreichen, was er will. Mich töten. Mich foltern und mir einen langsamen, qualvollen Tod bescheren.

Atme.

Atme einfach.

Ein humorloses Lachen erklingt. »Du glaubst doch nicht wirklich, dass du mir [...]

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Prolog

Einatmen. Ausatmen.

Einatmen. Ausatmen.

„Marlie, ich weiß, dass du hier bist.“

Ein irrer Singsang hallt durch den stillen Raum und jagt mir kalte Schauder über den Körper. Ich glaube, der Tonfall ist das Schlimmste – dieser fröhliche Klang ohne jedes Schuldgefühl, der sofort verrät, wie verrückt er ist. Der verrät, wie weit er gehen wird, um genau das zu erreichen, was er will. Mich töten. Mich foltern und mir einen langsamen, qualvollen Tod bescheren.

Atme.

Atme einfach.

Ein humorloses Lachen erklingt. „Du glaubst doch nicht wirklich, dass du mir entkommen kannst, oder?“

Kalter, klebriger Schweiß rinnt über meine Stirn, und ich zittere am ganzen Körper, als ich mich tiefer in den Schrank drücke. Wieso habe ich mich für einen Schrank entschieden? Ich verstehe nicht, was mich dazu gebracht hat, etwas so Dummes zu tun. Meine einzige Chance auf Freiheit … und ich treibe mich selbst in eine Ecke, aus der ich nicht entkommen kann. Ich habe nicht nachgedacht. Ich bin einfach weggelaufen, und all meine Instinkte haben nach einem Unterschlupf geschrien. Also habe ich mich versteckt. Erst als ich bereits hier drinnen saß, ist mir klar geworden, was für ein Fehler das war – und jetzt sitze ich in der Falle. Es ist zu spät, den Schrank zu verlassen.

Wieder überläuft ein Zittern meinen Körper, als ich in das Licht spähe, das durch den winzigen Türspalt dringt. Vielleicht kann ich die Tür auftreten und sie ihm ins Gesicht knallen. Dadurch könnte ich mir ein paar Minuten Vorsprung verschaffen. Aber ich kann nicht genug sehen, um abzuschätzen, wann er nah genug ist. Ich bin auf das Licht angewiesen – das flackert und sowieso nicht besonders hell ist.

„Ich weiß, dass du hier drin bist. Du bist nicht clever genug, um mir zu entkommen. Wir können es uns leicht machen, oder wir können es uns schwer machen. Wenn du willst, dass ich dich langsam töte, bleib in deinem Versteck. Wenn es schnell gehen soll, komm raus. Auf jeden Fall wirst du sterben, Marlie. So lautet der Plan. Das verstehst du doch, oder?“

Der Typ ist ja krank.

Er spricht mit mir, als wäre ich eine Untergebene oder ein schlecht erzogenes Kind. Als wäre es vollkommen normal, herumzustehen und meinen Tod zu diskutieren. Als könnten die verschiedenen Möglichkeiten, die er mir anbietet, dafür sorgen, dass ich mich besser fühle.

Ich schließe fest die Augen und versuche, die Galle zurückzudrängen, die in meine Kehle steigt. Ich darf mich jetzt nicht übergeben; wenn ich das tue, kann ich mich nicht mehr konzentrieren, und er wird mich sicher in die Fänge bekommen. Und ich weiß, was er dann machen wird. Erst wird er mir die Knie zerschmettern, denn das ist seine Vorgehensweise. Ich habe alles über ihn gelesen. Alle haben das getan. Ich weiß genau, in wessen Gewalt ich mich befinde. Nachdem er meine Knie zertrümmert hat, wird er anfangen, mir die Haut abzuziehen. Meine Kehle brennt, und ich schreie innerlich; bete, dass das alles nur ein schrecklicher Albtraum ist.

Aber ich weiß, dass er das nicht ist.

„O Marlie, Marlie, Marlie, wieso musst du dir die Sache so schwer machen? Es ist, als wünschtest du dir einen langsamen, qualvollen Tod. Was für mich vollkommen in Ordnung ist, aber du müsstest doch eigentlich klüger sein.“

Ein winziges, gebrochenes Geräusch entkommt meiner Kehle, und erneut presse ich die Augen zu, die Hände zu Fäusten geballt, während ich mich frage, warum ich mir keine Waffe gesucht habe. Wieso bin ich nicht zur Eingangstür gelaufen? Ehrlich, was zum Teufel habe ich mir bloß dabei gedacht, mich in diesem Raum zu verkriechen? Natürlich wird er mich finden; natürlich weiß er, wohin ich gegangen bin. Er hat das bereits dreizehn Mal getan. Es zu Ende geführt.

Keine einzige Frau ist ihm entkommen.

Die Schranktür schwingt auf. Ich starre in diese tödlich blauen Augen und auf ein schiefes Lächeln. Würde man ihm auf der Straße begegnen, würde man nie vermuten, dass er zu so etwas fähig ist. Verdammt, ich hatte keine Ahnung. Ihm war seine Aktentasche heruntergefallen, und ich hatte mich vorgebeugt, um sie für ihn aufzuheben, und zack … hatte er mir schon einen Lappen ans Gesicht gedrückt. Bevor ich wusste, wie mir geschah, war ich gefesselt und lag auf der Ladefläche eines weißen Lieferwagens. Ganz allein und verängstigt. Es hatte ihn keinerlei Mühe gekostet.

Alles nur, weil ich hilfsbereit sein wollte.

Das Leben ist manchmal so ungerecht.

Irre Augen suchen meinen Blick, und er lacht überdreht, als er auf meine jämmerliche Gestalt herunterblickt und mich rauszieht. „Hab ich dich. Weißt du, ein paar der Mädchen haben versucht, mir zu entkommen. Eine hat es fast geschafft. Ich habe sie streng bestraft – bei ihr hat es am längsten gedauert, bis sie gestorben ist.“

Ich versuche rückwärtszukriechen, nur um mit dem Rücken gegen die Wand zu stoßen. Mir stockt der Atem, und alles in mir verlangt danach, um Hilfe zu schreien, doch ich weiß genauso gut wie er, dass niemand kommen wird, um mich zu retten.

In solchen Situationen kommt nie jemand, nicht wahr?

Er schwingt den Baseballschläger, und das Rundholz trifft meine Kniescheiben.

Ich falle zu Boden, fange mich mit den Händen auf dem alten, verblassten Teppich ab. Vor Schmerz schreiend rolle ich mich auf den Rücken. Er schlägt mich wieder, doch diesmal trifft der Schläger meine Schienbeine.

Er macht weiter, lässt den Schläger immer wieder auf meine Beine niedersausen. Ich kann hören, wie meine Knochen brechen, aber ich kann nichts tun, um ihn abzuwehren.

Ich kann bloß schreiend daliegen und mir den Tod herbeiwünschen.

Als ich meinen zerschundenen Körper in Richtung Küchentresen ziehe, spucke ich Blut auf den Boden. Ich weiß nicht einmal, wieso ich noch lebe. Er hat meine Knie zerschmettert oder die Knochen um sie herum oder jeden einzelnen Knochen in meinen Beinen. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich sterben will, das aber nicht kann. Und es auch nicht werde. Irgendwie habe ich es hierher geschafft. Ich ziehe mich so schnell wie möglich zur Arbeitsplatte. Schweiß rinnt über mein Gesicht, während mein Körper mich anfleht, einfach still zu liegen.

Ich kann nicht.

Das erste Mal ist mir die Flucht nicht gelungen. Doch jetzt wird es klappen.

Ich erreiche den Tresen und ziehe mich nach oben. Irgendwie schaffen es meine verletzten Hände, fest genug zuzupacken, sodass ich auf die Beine komme. Ich schreie vor Schmerz, aber ich bemühe mich nicht länger, leise zu sein. Ich weiß nicht mal mehr, wie ich ihm entkommen bin. Er hat mich betäubt. Doch als wären meine Gebete erhört worden, war ich offensichtlich früher aufgewacht als geplant. Ich hatte vorgegeben, noch bewusstlos zu sein, als er sich um mich herum bewegte.

Er hatte meine Fesseln gelöst und angefangen, mich zu verschieben, wahrscheinlich, um mich für mein grausames Ende vorzubereiten, aber ich habe es hinbekommen, ihn zu überrumpeln. Ich habe mein zertrümmertes Knie hochgerissen und ihn so hart im Schritt getroffen, dass er nach hinten gestolpert war. Zweifellos waren das die schlimmsten Schmerzen, die ich je in meinem Leben empfunden habe. Ich habe es geschafft, mich vom Bett zu ziehen und nach der Lampe daneben zu greifen. Bevor er aufstehen konnte, habe ich ihm die Lampe auf den Kopf geschlagen und ihn so ausgeknockt.

Dann bin ich so schnell wie möglich von dort verschwunden. Es ist erstaunlich, wozu der Mensch fähig ist, wenn es sein muss. Irgendwie ziehe ich meinen zerstörten Körper aus diesem Raum, obwohl die Schmerzen allumfassend sind.

Es geht lediglich um wenige Minuten, doch für mich fühlt es sich an wie Stunden. Ich habe nicht das Gefühl, mich schnell genug zu bewegen. Er wird mich verfolgen. Ich habe gehört, wie er aufgestanden ist, nachdem er wieder aufgewacht ist. Sekunden. Mir bleiben nur noch wenige Sekunden. Ich greife nach den Küchenmessern und ziehe eines aus dem Block. Noch nie habe ich daran gedacht, jemanden zu töten … aber im Moment bin ich mehr als bereit, ein Leben auszulöschen, um meines zu retten.

„Ich werde dir die Haut abziehen!“, schreit er, als er aus dem Raum stolpert. „Dann werde ich sie dir in den Mund stopfen, bis du an deinem eigenen Fleisch erstickst!“

Ich drücke das Messer eng an mich und lasse meinen Körper zu Boden sinken, drücke mich ganz nah an den Tresen, um Schutz zu suchen. Ich habe nur eine Chance, und die muss ich nutzen. Meine Finger zittern um den kalten Stahlgriff, den ich an meine Brust presse, während ich immer wieder gegen Galle anschlucke und bete, dass ich mich nicht übergeben muss.

Wenigstens noch eine Minute lang nicht.

Scharfer Schmerz schießt durch meinen Schädel, trifft mich unvorbereitet. Mir wird klar, dass er sich über mir befindet. Er hat eine Handvoll meines Haars gepackt. Sein großer Körper liegt über der Arbeitsplatte, während er den Arm senkt und versucht, mich nach oben zu zerren. Ich schreie, als dicke Strähnen sich aus meiner Kopfhaut lösen. Die Schmerzen sorgen dafür, dass ich den Halt am Messer verliere und es über den Boden rutscht.

„Ich werde dir die Haut vom Körper reißen, Zentimeter für Zentimeter.“

Er zerrt wieder an meinen Haaren. Obwohl mein Blick verschwimmt, greife ich verzweifelt nach dem Messer. Ich schreie vor Pein, als er wiederholt zieht. Endlich kann ich die Klinge packen und meine blutigen Finger um das Heft schließen. Ich sehe auf. Durch das Blut, das über mein Gesicht und in meine Augen rinnt, werfe ich einen letzten Blick auf den Mann, von dem ich weiß, dass er mich für immer in meinen Albträumen verfolgen wird. Doch ich werde tun, was ich tun muss – egal, welche Narben das auch hinterlassen mag.

Ich stoße das Messer nach oben.

 

1  
Sieben Jahre später

Zwitscher. Zwitscher.

Stöhnend werfe ich einen Arm übers Gesicht. Es ist bereits Morgen? Ein neuer Tag? Wirklich? Ich fühle mich, als wäre ich erst vor fünf Minuten ins Bett gegangen … wie kann es schon Zeit sein aufzustehen? Das fröhliche Vogelgezwitscher draußen verrät mir, dass es tatsächlich Morgen ist. Also liegt nun wieder ein endlos langer Tag voller Elend und Einsamkeit vor mir.

Okay, das klingt vielleicht etwas dramatisch, aber was soll ich sagen? Das ist jetzt mein Leben.

Weiteres lautes Zwitschern sorgt dafür, dass ich den Arm vom Gesicht ziehe und mit der Hand neben mir aufs Bett schlage. „Okay, okay, ich bin ja wach“, murmle ich und versuche, mich aufzusetzen.

Mir tut alles weh, und mein Kopf pulsiert vor Schmerzen. Inzwischen wache ich fast jeden Morgen scheinbar in diesem Zustand auf. Mein Arzt sagt, mit mir wäre physisch alles in Ordnung und ich würde mir das nur einbilden. Sein Körper wurde nicht von oben bis unten mit einem Baseballschläger bearbeitet, also was zum Teufel weiß er schon? Ich fühle es jedes Mal, wenn ich mich bewege. Überwiegend in den Beinen. Einen Schmerz, der sich anfühlt, als wolle er zu keiner Zeit vergehen; ein Ziehen in meinen Muskeln, das nie ganz verschwindet.

Ich schiebe mich in eine sitzende Position und starre aus dem Fenster, wo ich nichts sehe als Bäume. Nur eine endlose Fläche voller hoch aufragender, aber üppiger Bäume. Es gibt keinen Ort, an dem ich lieber wäre, das ist schlicht und ergreifend die Wahrheit. Vor drei Jahren habe ich diese winzige Hütte mit nur einem Schlafzimmer ein kleines Stück außerhalb von Colorado Springs für einen Spottpreis gekauft. Der Besitzer hat mir ein gutes Angebot gemacht, weil er in einer familiären Notsituation war und dringend verkaufen musste. Für mich wurde damit ein Traum wahr.

Kurz zuvor hatte ich mein altes Leben in Denver hinter mir gelassen – ungefähr zu der Zeit, als mich plötzlich alle Welt kannte, weil ich einem Serienkiller hatte entkommen können. Das sage ich sicher nicht leichtfertig: Der Ruhm war kein Befreiungsschlag, sondern wurde schnell zur Hölle auf Erden. Ich war psychisch labil, doch meine Mutter hatte kein Problem damit, mich ins Rampenlicht zu zerren, indem sie einen Roman darüber schrieb, wie mich ein Psychopath kidnappte und gefangen hielt. Ich werde nie vergessen, wie viele Stunden sie sich mit Reportern, der Polizei und mir unterhalten hat. Es ist ihr gelungen, genügend Informationen zusammenzutragen, um daraus ein Buch zu machen.

Der Plan ging auf.

Die Geschichte über mich wurde ein Bestseller, und alle sprachen darüber.

Und das Gleiche galt für mich.

Damit begann die Zeit, wo ich nicht die Straße entlanggehen konnte, ohne von jemandem erkannt zu werden. Wenn die Leute mich nicht um Autogramme baten – ernsthaft, wer tut so etwas? –, starrten sie mich an, als wäre ich ein Tier im Zoo. Entweder hatten sie zu viel Angst, mit mir zu reden – weil sie zweifellos befürchteten, dass ich jeden Moment einen Zusammenbruch erleiden könnte –, oder sie wollten mir unzählige sinnlose Fragen über meine Entführung stellen. Als sprächen wir über einen Film und nicht über mein Leben.

Eine Weile spielte ich mit, meiner Familie zuliebe – überwiegend wegen meiner verwitweten Mutter, die zum ersten Mal lächelte, seitdem mein Vater nur ein Jahr, bevor ich gekidnappt wurde, gestorben war. Doch später haderte ich damit, dass sie mein Martyrium kommerzialisiert hatte. Ihre Tochter war nur knapp dem Tod entkommen, aber wen kümmerte es, wenn man damit Millionen verdienen konnte, oder?

Plötzlich war ich eine Überlebende. Das Mädchen, das fliehen konnte. Die Mutige. Diejenige, die eine zweite Chance bekommen hatte.

Ich wollte nichts davon.

Ich weiß nicht, warum ich nicht schon früher meine Sachen gepackt habe und verschwunden bin, aber an den meisten Tagen konnte ich mich ja nicht mal an meinen eigenen Namen erinnern. Intensive Therapie und die Leute, die auf der Straße nach meiner Geschichte geiferten, sorgten dafür, dass mein bereits traumatisiertes Hirn einfach abschaltete. Ich war wie ein Zombie. Ich machte mit allem bloß weiter, weil ich es musste – nicht weil ich es wollte. Statt mich zu unterstützen, ging es bei meinem Leiden plötzlich um meine Mutter. Deswegen hege ich einen tiefen Groll gegen sie. Weil sie nicht für mich da war, als ich sie gebraucht hätte. Weil sie mir nicht geholfen hat, als ich gelitten habe. Weil sie mich nicht getröstet hat, wenn ich schreiend aus meinen Albträumen aufgewacht bin.

Aus diesen grauenhaften Albträumen.

Selbst jetzt sehe ich jedes Mal sein Gesicht, wenn ich die Augen schließe. Meine Therapeutin versichert mir, dass das nicht für alle Zeiten der Fall sein wird. Ich glaube, sie irrt sich. Ich verstehe einfach nicht, wie mit jemandem zu reden etwas daran ändern soll, dass er sich in meinem Kopf eingenistet hat … und ich bin mir verdammt sicher, dass er nie verschwinden wird.

Aber ich werde es überleben – nun, wo ich dort weg bin; wo ich allein lebe. Ich werde es schaffen. An manchen Tagen weiß ich nicht genau, wie … aber ich glaube, die Einsamkeit hilft. Keine Reporter. Keine Familienmitglieder. Keine Leute, die auf der Straße Urteile über mich fällen. Keine Angst. Nur ich. Ich fühle mich sicher – ein Gefühl, das ich lange Zeit nicht empfunden habe.

Ich steige aus dem Bett. Meine Knie protestieren, aber ich bleibe stur. Ich brauche keine weiteren Erinnerungen daran, was er getan hat. Meine Knie versuchen, meine Gedanken in der Vergangenheit zu halten. Teilweise ist das auch meine Schuld, nehme ich an. Schließlich habe ich mir den schlimmsten Job für kaputte Knie ausgesucht – Kellnern. Zu meiner Verteidigung muss ich allerdings anführen, dass es so weit außerhalb von Denver kaum andere Möglichkeiten für mich gab.

Mein Chef hat Verständnis.

Meistens.

Außer an Tagen wie heute, wenn ich verschlafe.

Ich muss nicht arbeiten. Tatsächlich werde ich wahrscheinlich für den Rest meines Lebens nicht arbeiten müssen, doch ich weigere mich, Geld auszugeben, das ich bekommen habe, weil ich in die Fänge eines Unmenschen geraten bin und ihm entfliehen konnte. Zwar ist meine Mom die Autorin, aber es wurde unter meinem Namen veröffentlicht, sodass ich davon finanziell profitiere. Einen Großteil der Einnahmen habe ich ihr gegeben, und trotzdem sind auf meinem eigenen Konto noch ein paar Millionen gebunkert, die ich nie anrühre. Es wird sogar immer noch mehr, weil das Buch sich weiterhin gut verkauft. Ich will das nicht. Ich glaube nicht, das Geld jemals besitzen zu wollen.

Halb gehe, halb stolpere ich zu meinem Schrank und ziehe meine Arbeitskleidung heraus, die aus einem kurzen, schwarzen Minirock und einem engen Tanktop besteht. Das Diner ist ein wenig heruntergekommen, also besteht mein Chef darauf, es aufzuwerten, indem er uns attraktiver macht. Ich trage Leggins unter meinem Rock, da die Narben an meinen Knien viel zu scheußlich sind. Für meinen Chef ist das okay. Ich glaube, er wusste, dass er eigentlich keine andere Wahl hat.

Da ich keine Zeit mehr habe, um zu duschen, lasse ich mein Nachthemd fallen und ziehe mich ordentlich an, bevor ich mein Haar zu einem Pferdeschwanz binde und in die Schuhe schlüpfe. So, ich bin bereit. Stöhnend gehe ich in die winzige Küche und halte direkt auf die Kaffeemaschine zu, wobei ich bete, dass ich nicht vergessen habe, sie für den Morgen vorzubereiten.

Ich seufze glücklich, als sie röhrend zum Leben erwacht.

Dem Himmel sei Dank.

Ich gieße den Kaffee in meine Mitnehmtasse. Dann schnappe ich mir meine Schlüssel und eile aus der Tür. Ich muss mir künftig wirklich einen Wecker stellen – aber das würde bedeuten, eine Verpflichtung einzugehen. Und dieses Jahr habe ich mir selbst versprochen, dass mein Leben sich entwickeln darf, wie es eben möchte. Okay, wem will ich etwas vormachen? Ich finde einfach Trost in meinem Bett … und in den meisten Nächten brauche ich so lange, überhaupt einzuschlafen, dass ich dann nicht mehr aufwachen will. Das zieht sich oft bis in den Vormittag.

Ich steige in den kleinen, heruntergekommenen Truck, den mein Chef mir geschenkt hat, nachdem er beschlossen hatte, dass er viel zu ungeduldig ist, um ihn zu reparieren. Ich hatte einen Freund, der das Auto für mich in Ordnung bringen konnte. Dieser Freund steht auf mich, oder hat das zumindest einmal getan, also hat er es umsonst gemacht. Außerdem gehört er zu diesen Leuten, die alles für jemand anderen tun. Eine Zeit lang habe ich mich gefühlt, als hätten die Leute mir nur geholfen, weil sie Mitleid mit mir hatten … doch es hat sich herausgestellt, dass manche Leute einfach nett sind. Manche Menschen haben keine Ahnung, wer ich bin, sodass ich normale Gespräche führen kann, ohne dass über mich geurteilt wird, ohne dass ich mit aufdringlichen Fragen gelöchert werde oder die Leute mir mitleidige Blicke zuwerfen.

Ich gehe nirgendwo anders hin. In den letzten paar Jahren war ich auch nicht zu Hause, um meine Mutter oder meine Schwester Kaitlyn zu besuchen. Sie kommen zu mir, doch die Vorstellung, in diese Stadt zurückzukehren und mich den Leuten zu stellen, ist einfach zu viel für mich. Das würde mich nur an alles erinnern, was in meinem Leben schiefgelaufen ist. Ich wohne nah genug, dass sie mich kontaktieren können, wenn es nötig ist, aber weit genug weg, dass die schwere Last meiner Vergangenheit mich nicht mehr nach unten zieht.

Ich weiß, dass das Auswirkungen auf Kaitlyn hat.

Meine Schwester hat gelitten, als ich entführt wurde. Sie hatte panische Angst und dachte, sie würde mich niemals wiedersehen. Ich kann mir nicht vorstellen, wie das für sie gewesen sein muss. Ich bin alles, was sie hat. Wir standen uns immer sehr nahe, besonders, nachdem unser Dad gestorben ist und Mom die Kontrolle über ihr Leben verloren hat. Kaity und ich hatten nur einander, und jede von uns konnte sich auf die andere verlassen.

Nach meiner Entführung hat meine Mom sich vollkommen auf mich und den Medienrummel um meine Person konzentriert. Plötzlich zählte Kaitlyn nicht mehr. Das hat meine Schwester verletzt, und in letzter Zeit merkt man das. Als meine liebe Mutter das letzte Mal angerufen hat, hat sie mir erzählt, dass Kaitlyn mit einem neuen Mann ausgeht, der mit Drogen und anderen schrecklichen Dingen zu tun hat.

Daraufhin rief ich Kaity an, die mir versicherte, Mom würde langsam den Verstand verlieren und alles wäre in bester Ordnung.

Ich war mir nicht sicher, ob ich ihr glauben sollte, also habe ich unsere gemeinsame Freundin Hannah gebeten, ein Auge auf sie zu haben. Kurz nach meinem Martyrium hat meine Schwester sie in einem Yogakurs kennengelernt und sie mir dann auch vorgestellt. Von Anfang an war Hannah so wahnsinnig freundlich zu mir. Hat nicht geurteilt. Sie brachte frischen Wind in mein Leben. Ganz anders als die anderen Leute um mich herum. Wir wurden schnell enge Freundinnen. Sie berichtet mir jetzt schon seit ein paar Wochen und lässt mich regelmäßig wissen, dass alles längst nicht so gut läuft, wie Kaity behauptet. Ich vertraue Hannah.

Ich hoffe nur, dass Kaity sie auch an sich heranlässt, weil ich langsam wirklich anfange, mir Sorgen zu machen.

Denn meine Schwester ist das Einzige, was mir noch geblieben ist.

2  

„Bestellung ist fertig!“

Paul, mein Chef, schiebt einen Teller über den Edelstahltresen und schlägt immer wieder auf die Klingel, während er mir mit seinen dunkelbraunen Augen böse Blicke zuwirft. Im Grunde ist er ein guter Mensch, doch er nimmt seine Angestellten an die Kandare. Er erwartet Einsatz von ihnen, und überwiegend bekommt er den auch. Nur nicht von mir. Doch er hat gelernt, mit meinen Höhen und Tiefen umzugehen. An manchen Tagen – den meisten Tagen – arbeite ich hart. An anderen dagegen, wie heute, fällt mir das schwer.

Paul war nett zu mir, als ich in die Stadt kam und ihn um einen Job gebeten hatte. Natürlich hatte er mein Gesicht in den Nachrichten gesehen, wusste, was ich durchgemacht hatte, und hat mir den Job ohne Zögern gegeben. Er hat niemals Fragen gestellt. Er hat nicht über mich geurteilt, und er hat mich zu nichts gedrängt. Paul hat ein gutes Herz. Er gehört zu den Menschen, die viel geben. Dafür werde ich ihm immer dankbar sein.

„Ich kann dich hören, Kumpel. Immer mit der Ruhe.“ Ich grinse. Wieder wirft er mir einen bösen Blick zu, doch ich sehe, dass seine Mundwinkel zucken.

„Ich dachte nur, ich wecke dich mal auf. Du siehst aus, als hättest du gestern Nacht nicht geschlafen, Lee.“

Paul ist der Einzige, der mich Lee nennt, was mich nicht im Geringsten stört, denn ich hasse den Namen Marlie. Ich fand schon immer, dass er wie ein Hundename klingt, und hey: Es gab sogar einen Film über einen Hund namens Marley. Also echt?

Ich schenke ihm ein schwaches Lächeln. „Habe ich nicht, aber auf mein Trinkgeld wird sich das sicher nicht auswirken, selbst wenn ich einen schlechten Tag habe.“

Er grinst und zwinkert mir zu. „Daran zweifle ich keine Sekunde. Mach mal Pause, sobald du die Teller ausgeliefert hast; du arbeitest seit sechs Stunden durch.“

Ich werfe einen Blick auf meine Uhr. Ach du Scheiße, das stimmt wirklich.

Herrje. Kein Wunder, dass meine Beine mich fast umbringen.

„Kein Problem.“

Schnell nehme ich die Teller und bringe sie zum entsprechenden Tisch, lächle den Kunden höflich zu, dann mache ich Pause. Ich schnappe mir mein Handy und ein Croissant aus der Vitrine und verlasse das Diner durch die Hintertür. Dort steht ein wackeliger Stuhl, den Pauls Angestellte für ihre Raucherpausen und andere Dinge nutzen. Ich will gar nicht wissen, was diese anderen Dinge sind, aber ich habe gehört, dass dieser Stuhl eine Menge Geschichten zu erzählen hätte.

Hungrig beiße ich in das buttrige Croissant und starre auf mein Handy. Sieben verpasste Anrufe. Vier von Hannah, drei von meiner Mutter. Meine Mutter ruft eigentlich bloß an, wenn sie sich noch mehr Geld „leihen“ will. Obwohl sie es sich einfach nehmen kann, wenn sie es will, glaubt sie, es wäre besser, meine Erlaubnis einzuholen. Sie hat mich erst vor zwei Tagen um Geld gebeten, also ist es ungewöhnlich, dass sie schon wieder anruft. Doch noch besorgniserregender sind die Anrufe von Hannah. Ich sehe kurz nach, ob ich Textnachrichten habe, aber es gibt nur ein paar, die mich auf Mailboxnachrichten hinweisen.

Ich spare mir die Mühe, sie abzuhören, und rufe gleich Hannah an.

„Marlie, es tut mir so leid“, sagt sie. Sie klingt atemlos. „Ich weiß, dass du in der Arbeit bist. Ich hätte nicht angerufen, wenn es nicht wichtig wäre.“

Sie hört sich panisch an. Mein Herz beginnt zu rasen.

„Hannah, ist alles in Ordnung?“

„Hör mal, du weißt, dass ich dich nicht unnötig beunruhigen würde, aber Kaitlyn ist verschwunden.“

Mir gefriert das Blut in den Adern. „Was meinst du mit verschwunden?“

„Ich meine, dass sie einfach weg ist. Ich habe dir doch gesagt, dass ich ein Auge auf sie habe. Du weißt ja, dass sie mit diesem Chris ausgegangen ist. Vor Kurzem habe ich erfahren, dass sie jetzt Drogen nimmt. Ich wollte es dir erzählen, aber sie hat mich angefleht, nichts zu sagen, und mir versichert, es wäre eine einmalige Sache gewesen. Ich hatte seit gestern nichts von ihr gehört, also bin ich heute zu ihrer Wohnung gefahren und …“

„Und was?“, frage ich. Meine Kehle ist wie zugeschnürt.

„Und ihre Wohnung ist ein einziges Chaos. Jemand hat alles durchwühlt, aber sie ist nicht da. Inzwischen sind achtzehn Stunden vergangen, und ich kann sie nicht finden.“

Nein.

O Gott.

Eine vertraute, kalte Angst nistet sich in meiner Brust ein. Automatische Paranoia. Mein Hirn spuckt die schlimmsten Szenarien aus und klammert sich daran fest.

„Hast du die Polizei verständigt?“

„Habe ich. Und ich habe auch deine Mom angerufen. Aber, Marlie, du musst nach Hause kommen.“

Meine Gedanken überschlagen sich. Nach Hause. Nach Hause. Nein, ich kann nicht nach Hause gehen. Ich will nicht nach Hause fahren. Verdammt noch mal. Ich will nicht an diesen Ort zurückkehren, doch für Kaitlyn … verdammt … muss ich es tun.

„Ich weiß einfach, dass etwas nicht stimmt“, fährt Hannah fort. „Sie war mit diesem schrecklichen Kerl und seinen furchtbaren Freunden zusammen. Irgendetwas Schlimmes ist passiert; du musst hier sein, deine Mutter ist vollkommen durch den Wind.“

„Okay“, sage ich. Meine Stimme klingt schwach und zittrig. „Okay, Hannah. Aber gib mir heute noch Zeit, um mir freizunehmen.“

„Ich werde hier auf dich warten. Ruf mich an, wenn du kommst. Das wird schon werden, Marlie.“

„Wird es?“, flüstere ich.

„Da bin ich mir sicher, aber komm schnell.“

„Okay. Bye“, flüstere ich ins Leere, weil Hanna bereits aufgelegt hat.

Obwohl ich weiß, dass meine Freundin mich nicht angelogen hat, wähle ich die Nummer meiner Schwester. Es klingelt und klingelt. Noch immer ist meine Kehle wie zugeschnürt. Ich versuche es erneut. Und wieder nichts. Kaity geht immer ans Telefon und reagiert auf meine Nachrichten … oder sie lässt mich wissen, dass sie gerade nicht reden kann. Darauf kann ich mich verlassen. Irrationale Panik schlägt in echte Angst um, als ich versuche, mir eine glaubwürdige Erklärung zurechtzulegen. Vielleicht braucht sie einfach etwas Abstand. Vielleicht hat sie ihr Handy verloren. Vielleicht ist sie bei Freunden. Vielleicht ist sie einfach nur beschäftigt. Ich gehe im Kopf all diese Möglichkeiten durch, doch ich spüre es tief in meinem Herzen.

Es geht ihr nicht gut.

Ich richte meine trockenen Augen – Augen, die seit drei Jahren nicht geweint haben – auf den dichten Wald ein Stück entfernt und versuche, meinen Herzschlag zu beruhigen.

Aber überwiegend bete ich darum, dass Kaitlyn nach Hause kommt und wohlauf ist, bevor ich nach Denver muss. Wenn ich dort hinfahre, werden all die Dämonen, die ich zur Ruhe gelegt habe, sich wieder erheben. All die Erinnerungen, all die Albträume, die ganze vertraute Angst und Verzweiflung … all das wird zurückkehren. Ich werde gezwungen sein, mich an die schrecklichen Monate nach meinem Entkommen zu erinnern. Ich werde den Albtraum erneut durchleben müssen, den ich mit solcher Mühe vergessen habe.

Ich will nicht zurück.

3 

Die Sonne brennt auf meine Windschutzscheibe, als ich zur Villa meiner Mutter abbiege. Vor dem Zaun stehen Streifenwagen. Kaum fällt mein Blick auf sie, verkrampft sich mein Magen. Es sind jetzt sechsunddreißig Stunden. Kaitlyn wird offiziell vermisst.

Meine Schwester. Die Einzige in meiner Familie, die sich je um mich gekümmert hat. Die Einzige, die versteht, was ich durchgemacht habe. Und im Moment weiß ich nicht, wo sie ist oder was sie gerade durchmachen muss.

Ich lenke meinen Truck an den Randstein und starre das riesige, dreistöckige Haus an, das meine Mutter sich hat bauen lassen, nachdem mein Buch die Bestsellerlisten gestürmt hatte. Bisher habe ich es bloß einmal betreten und war seitdem nicht mehr da – allein sein Anblick erinnert mich daran, dass es nur erbaut werden konnte, weil Mom meine schreckliche Geschichte ausgeschlachtet hatte. Wie kann sie es überhaupt als Zuhause empfinden, wenn man bedenkt, woher das Geld dafür kam? Ein Schauder überläuft meinen Körper, und ich reibe meine verschwitzten Hände an meinen Jeans trocken. Dann werfe ich einen Blick in den Rückspiegel und bemerke, wie furchtbar ich aussehe. Mein honigfarbenes Haar ist zu einem unordentlichen Pferdeschwanz gebunden, und meine stahlgrauen Augen wirken leer – und passen farblich fast zu den dunklen Ringen darunter.

Ich schlucke schwer, ehe ich die Autotür aufstoße und mit zittrigen Beinen zur Eingangstür von Moms Haus gehe. Ich klopfe nicht, sondern gehe einfach hinein. Vier Polizisten sitzen um ihren großen, runden Esstisch. Einer von ihnen hat die Hand auf den Rücken meiner Mutter gelegt und reibt ihn leicht, während er versucht, mit ihr zu reden. Ihr blondes Haar fällt wirr über die Glasplatte, und ihre Schultern beben.

Ich räuspere mich.

Fünf Augenpaare richten sich auf mich.

Ich erkenne zwei der Männer. Officer Black und Officer Haynes. Sie waren dabei, als ich gerettet wurde. Black mochte ich, aber Haynes war ein unsensibler Trottel. Wenn ich meine Mutter richtig einschätze, hat sie die beiden speziell für diesen Fall angefordert. Es gibt Hunderte von Beamten in Denver, doch sie hat sich für diese beiden entschieden. Sie dürften sich der Bekanntheit unserer Familie bewusst sein, womit wir sicher eine Sonderbehandlung bekommen würden. Black schiebt seinen Stuhl zurück. Seine blauen Augen sind groß, als er zu mir kommt, ein vorsichtiges Lächeln auf den Lippen. „Ich hätte nicht gedacht, dass wir uns noch einmal begegnen. Marlie, wie geht es dir?“

Er erreicht mich und zieht mich in eine Umarmung, die ich steif erwidere. Seit meiner Entführung scheue ich vor jeglichem körperlichem Kontakt zurück. Ich kann ihn tolerieren, wenn es nötig ist, aber ich ziehe es vor, das nicht tun zu müssen. Black tätschelt mir den Rücken, dann gibt er mich frei und lächelt auf mich herunter. Sein Haar, das bei unserer letzten Begegnung noch dunkel war, wird an den Schläfen langsam grau. Das passt zu ihm, lässt ihn distinguierter aussehen.

„Marlie!“

Der Aufschrei meiner Mutter lässt mich herumwirbeln. Sie steht auf und rennt auf mich zu, die Arme ausgebreitet, um sie um meinen Hals zu werfen. Ich tätschle ihr den Rücken, als hätte sie sich verschluckt, während ich steif dastehe und warte, dass sie mich freigibt. Als sie es endlich tut, weint sie. Dicke Tränen rinnen ihr über die Wangen.

„Ich weiß nicht, wo sie ist. Oh, Marlie.“

„Das wird schon wieder, Mom“, meine ich monoton, bevor ich mich an Black wende. „Was wird unternommen?“

Er seufzt und deutet Richtung Tisch. Ich gehe auf einen Stuhl zu, wobei ich Haynes einen bösen Blick zuwerfe, den er prompt erwidert. Trottel. Ich setze mich. Black und Mom kehren ebenfalls an den Tisch zurück.

„Wie ich gerade deiner Mutter erklärt habe, hatte Kaitlyn schlechten Umgang. Wir haben einen von ihren Bekannten wegen des Dealens mit harten Drogen verhaftet. Erst letzte Woche habe ich von einem Informanten gehört, dass sie relativ häufig mit dieser Gruppe gesichtet wurde.“

„Wie soll uns das helfen, sie zu finden?“, frage ich.

Black seufzt und fährt sich mit der Hand durchs Haar. Er wirkt müde. „Marlie, im Moment gibt es nichts, was darauf hinweist, dass Kaitlyn etwas zugestoßen ist. Ihr Freund Chris hat die Stadt verlassen, also besteht die Chance, dass sie ihn einfach begleitet hat. In diesem Fall haben wir keine gesetzliche Handhabe, sie davon abzuhalten.“

„Das würde sie nicht tun“, widerspreche ich. „Sie würde nicht einfach verschwinden, ohne jemandem davon zu erzählen.“

„Sie war in letzter Zeit schwierig.“ Mom weint. „Du verstehst das nicht, Marlie. Sie hat Probleme.“

„Vielleicht“, blaffe ich. „Aber du kannst nicht einfach davon ausgehen, dass sie beschlossen hat zu verschwinden. Ihre Wohnung wurde durchwühlt.“

„Aber es sieht nicht so aus, als wäre etwas gestohlen worden“, meint Black sanft. „Nicht einmal Bargeld. Ich vermute, dass jemand nach Drogen gesucht hat. Es gab keine Hinweise auf einen Kampf. Wir ermitteln, aber unglücklicherweise hat der Fall keine Priorität, weil durchaus die Chance besteht, dass Kaitlyn freiwillig verschwunden ist. Auch wenn die Wohnung chaotisch aussah, ist das nicht besonders verdächtig. So etwas geschieht ständig.“

„Aber Sie wissen nicht, was mit ihr passiert ist“, schreie ich frustriert. „Sie geht nicht an ihr Handy, dabei nimmt sie meine Anrufe sonst immer entgegen! Vielleicht ist sie nicht einmal bei diesem Chris, haben Sie daran mal gedacht? Was, wenn jemand sie in seiner Gewalt hat? Was, wenn …“

„Marlie“, sagt Black, legt eine Hand auf meine Schulter und schenkt mir einen mitfühlenden Blick, der dafür sorgt, dass ich seine Hand zur Seite schlagen will. „Ich glaube nicht, dass Kaitlyn entführt wurde. Ich glaube, sie ist bei Chris. Aber wir ermitteln trotzdem, um auf Nummer sicher zu gehen.“

„Wie lange wird das dauern?“, frage ich. „Wenn jemand sie entführt hat, könnte schnelles Handeln ihr das Leben retten.“

Er wirkt vollkommen unbesorgt. „Das ist schwer zu sagen.“

„Suchen Sie nach Chris?“

„Wir bemühen uns, aber das hat sich als schwieriger herausgestellt, als wir zu Beginn dachten. Er verkehrt nicht gerade in den besten Kreisen, und seine Freunde reden nicht gerne mit der Polizei.“

„Es geht um meine Schwester!“, schreie ich. Meine Hände zittern. „Sie müssen sich mehr anstrengen.“

„Ja. Ich weiß, dass du dir Sorgen machst, und ich verspreche dir, dass ich alles tue, was in meiner Macht steht.“

„Aber Sie können mir nichts garantieren, oder?“

Er wirkt traurig. „Tut mir leid, nein. Menschen mit Problemen laufen ständig weg, und wir tun, was wir können. Aber da es keinen Grund für die Annahme gibt, dass sie in Gefahr schwebt, können wir nicht mehr tun als eine Personenfahndung.“

„Sie ist nicht weggelaufen“, flüstere ich. „Das spüre ich einfach. Und was ist mit der Tatsache, dass ihr Handy nicht mehr an ist? Als ich vor ein paar Tagen zum ersten Mal bei ihr angerufen habe, hat es noch geklingelt. Wieso erreiche ich jetzt nur noch die Mailbox?“

„Wenn sie nicht gefunden werden will, Marlie, dann können wir sie auch nicht finden. Ein ausgeschaltetes Handy ist nicht unbedingt ein Grund zur Beunruhigung – sie kann es selbst ausgeschaltet haben.“

„Etwas stimmt hier nicht, Black.“

Er mustert mich voller Mitgefühl. „Wir überprüfen das. Ich werde tun, was ich kann, das verspreche ich dir.“

Aber das reicht nicht.

 

Nachdem die Polizisten gegangen sind, wandere ich ziellos durch das Haus meiner Mom. Es ist riesig, eingerichtet mit den teuersten Möbeln. Doch es fühlt sich auch so verdammt leer an. Strahlt kein bisschen Wärme aus. Es ist schlimmer als ein Musterhaus. Es ist ein Musterhaus, das auf einem Fundament aus Finsternis erbaut wurde. Zitternd reibe ich mir die Arme, als ich ein Räuspern hinter mir höre. Ich wirble herum und atme erleichtert auf, als ich Hannah im Flur entdecke.

„Hannah!“ Mit einem schwachen Lächeln gehe ich auf meine Freundin zu. Was bin ich froh, sie zu sehen. Sie breitet die Arme aus, und ich trete in ihre Umarmung. Abgesehen von Kaity ist sie die Einzige, deren Berührungen ich ertragen kann, doch auch nur für eine kurze Zeit.

„Wie geht es dir?“, fragt sie.

„Gut. Die Polizei ist vor einer Weile gegangen.“

Sie tritt zurück und mustert mich. Hannah hat wunderschöne blaue Augen, die gepaart mit ihrem dunklen Haar eine bemerkenswerte Kombination ergeben. „Was haben sie gesagt?“

Ich seufze. „Dass Kaity in letzter Zeit öfter in Schwierigkeiten steckte und sie glauben, sie wäre von sich aus verschwunden. Sie gehen der Sache nach, aber die Ermittlung hat keine Priorität.“

Hannah starrt mich mit offenem Mund an. „Das kann doch nicht sein!“

„Das habe ich auch gesagt“, murmle ich. „Aber was kann ich schon tun?“

„Es muss einen anderen Weg geben. Kaitlyn würde nicht einfach verschwinden. Und was sagen sie dazu, dass ihr Handy plötzlich ausgeschaltet ist?“

„Das habe ich auch erwähnt“, sagte ich und lasse mich auf die luxuriöse Couch meiner Mutter fallen. „Aber sie haben nur gesagt, sie würden das überprüfen. Sie halten nach diesem Chris Ausschau, aber sie haben nicht viel Hoffnung, ihn zu finden.“

„Das ist so dämlich!“

„Ich weiß“, antworte ich und lasse den Kopf in die Hände sinken.

„Marlie“, meint Hannah zögernd, „es gibt noch eine andere Möglichkeit.“

Ich hebe den Kopf, um sie anzusehen. „Und die wäre?“

Sie kaut auf ihrer Unterlippe, dann sagt sie: „Kenai Michaelson.“

„Verdammt, nein!“, rufe ich und springe auf die Beine. „Auf keinen Fall werde ich diesen mürrischen, arroganten, überteuerten Idioten um Hilfe bitten.“

Hannah stemmt die Hände in die Hüften und wirft mir einen strengen Blick zu. Sie mag klein sein, aber wenn sie will, kann sie knallhart auftreten. „Du kennst ihn doch nicht einmal. Du hast ihn nie getroffen. Und er ist der beste Privatdetektiv in diesem Teil des Landes.“

„Ich mag ihm nie begegnet sein, aber jeder weiß, wie er ist. Jeder. Ich habe die Geschichten über ihn gelesen. Er ist ein schrecklicher Mensch.“

Ihre Lippen zucken. „Es könnte die Polizei Monate kosten, irgendetwas herauszufinden. Oder sogar länger. Kenai ist unglaublich. Er könnte deine Schwester und Chris in der Hälfte der Zeit finden.“

Ich werfe ihr einen Blick zu. „Also willst du, dass ich einen Pakt mit dem Teufel eingehe?“

Sie hält meinem Blick stand. „Ich nehme an, das hängt ganz davon ab, wie dringend du Kaity finden willst.“

Ihre Worte treffen mich wie ein Schlag.

„Nicht“, warne ich. „Tu das nicht, Hannah. Du weißt, wie sehr ich an ihr hänge.“

Sie zuckt mit den Achseln und hebt die Hände, nur um sie danach sofort wieder in die Hüften zu stemmen. „Dann geh und sprich mit ihm. Ja, es heißt, es wäre nicht einfach, mit ihm zu arbeiten, aber jeder, der irgendeine Ahnung hat, sagt auch, er sei der Beste.“

„Hat er nicht diese Frau aus dem Wagen geworfen, weil sie ihn wütend gemacht hat? Also wortwörtlich hochgehoben und aus seinem Wagen geworfen … während der Fahrt?“

„Du weißt nicht, ob das wirklich stimmt. Außerdem habe ich gehört, dass der Wagen gerade mal gerollt ist.“

„Hannah!“

Sie mustert mich sanft. „Denk darüber nach, Marlie. Du weißt, dass er helfen kann.“

Ich brumme missgestimmt.

Sie tätschelt meine Schulter.

Verdammt, wahrscheinlich hat sie recht.

Becca Foster

Über Becca Foster

Biografie

Becca Foster ist das Pseudonym einer USA-Today-Bestsellerautorin. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Töchtern im sonnigen Norden von Queensland, Australien. Das Schreiben hat sie schon im Alter von fünfzehn Jahren für sich entdeckt. Seither steckt sie jede freie Minute in den Schaffensprozess...

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