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Blut der GötterBlut der GötterBlut der Götter

Blut der Götter

Roman

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Blut der Götter — Inhalt

Das Fürstentum Arades ist von neun Strömen des Verderbens umgeben, die auf das Unendliche Meer hinausführen. Alle wissen: Dort draußen lauern nichts anderes als die Monstrositäten der Tiefe – und der sichere Tod. Doch eines Tages legen fremde Schiffe im Hafen der Hauptstadt an. Die Besatzung erklärt, sie kämen von einem Land jenseits des Meeres. Was hat es mit ihnen auf sich? Dunkle Legenden besagen, dass einst der unheilige Götterfresser, der Feind aller Götter, hinter das Unendliche Meer verbannt wurde. Bringen die Fremden Verderben über das Land? Arades' Fürst muss eine Entscheidung treffen – doch diese kann den Untergang des Reiches bedeuten. Und einen Krieg der Götter.

Erschienen am 01.09.2016
624 Seiten, Klappenbroschur
ISBN 978-3-492-70319-2
Erschienen am 01.02.2018
624 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-28140-9
Erschienen am 01.09.2016
624 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-97484-4

Leseprobe zu »Blut der Götter«

Mückentag: morgens

 

 

Blut war der Schlüssel, Blut war der Schlüssel zu allem!

Unbemerkt ließ sich das Stechmückenweibchen von dem bemalten Deckenbalken fallen und flog klammheimlich mit leisem Sirren an der langen Wand des Thronsaals entlang. Die Platten aus poliertem, rotem Stein, mit denen die Wände bis zur halben Höhe verkleidet waren, erschienen dunkler, als sie eigentlich waren. Und das Gold, das die Fugen zwischen ihnen füllte und von geschickten Künstlerhänden zu Kletterpflanzen, Schilf oder zerbrechlichen Bäumchen geformt worden war, auf deren [...]

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Mückentag: morgens

 

 

Blut war der Schlüssel, Blut war der Schlüssel zu allem!

Unbemerkt ließ sich das Stechmückenweibchen von dem bemalten Deckenbalken fallen und flog klammheimlich mit leisem Sirren an der langen Wand des Thronsaals entlang. Die Platten aus poliertem, rotem Stein, mit denen die Wände bis zur halben Höhe verkleidet waren, erschienen dunkler, als sie eigentlich waren. Und das Gold, das die Fugen zwischen ihnen füllte und von geschickten Künstlerhänden zu Kletterpflanzen, Schilf oder zerbrechlichen Bäumchen geformt worden war, auf deren Ästen zahllose Vögelchen saßen, vielleicht trillerten, gewiss aber hin und wieder schnäbelten, glänzte nur matt.

An einem der schweren Vorhänge, deren Zweck es war, allzu laute Geräusche zu ersticken, unterbrach die Mücke ihren Flug. In den tiefen, verstaubten Falten fühlte sie sich sicher und zu Hause. Doch ihre Rast dauerte nicht lange.

Der Flug der Mücke kreuzte nun immer öfter leuchtende Korridore, die das Licht des frühen Vormittags in das Halbdunkel gestanzt hatte. Ganz hinten, am Ende des Saales, wartete ihre Beute, die nichts von dem Blutzoll ahnte, den die Mücke in wenigen Augenblicken zu erheben gedachte.

Blut war der Schlüssel, Blut war der Schlüssel zu allem!

Das Mückenweibchen, das sich ungesehen auf den Schenkel des Prinzen setzte, hätte das Blut, das seinen Leib bereits von einer ersten Mahlzeit prall hatte anschwellen lassen, nicht benötigt, um sich zu ernähren. Wie den Männchen seiner Art hätte ihm hierfür süßer Pflanzensaft völlig ausgereicht. Tatsächlich war auch das Weibchen noch vor wenigen Wochen ganz zufrieden mit solch zahmer Kost gewesen. Doch die Paarung hatte manches verändert, jene wenigen Augenblicke, als Dutzende von Männchen gierig über das Weibchen hergefallen und mit ihm auf ein hartes Liebeslager gesunken waren, mitten auf einem steinigen Weg zwischen Arades und Piatra. Seither verspürte das Mückenweibchen diesen neuen Durst, der von seinen noch ungeschlüpften Kindern geweckt worden war. Sie verlangten nach einem Stoff, den ihnen keine Pflanze der Welt liefern konnte.

Blut war der Schlüssel!

Ohne Blut würden niemals Klumpen winziger Mückeneier auf einem trüben Tümpel treiben, würden niemals Larven aus diesen Eiern schlüpfen, würden niemals wieder Schwärme friedfertiger Männchen und blutrünstiger Weibchen im Abendwind tanzen.

Blut war der Schlüssel, Blut war der Schlüssel zum Leben.

Doch mitunter auch zum Tod, wie das Weibchen erfahren musste, als es der Prinz hoheitsvoll erschlug.

 

Prinz Katalin zerrieb die Überreste des Mückenkörpers zwischen den Fingern und betrachtete den roten Fleck auf den Fingerkuppen. Wessen Blut klebte da an seiner Hand? Das eines Bediensteten des Palastes, eines Angehörigen der Sippen oder eines Sippenlosen? Das Blut eines Mannes oder einer Frau? Womöglich gehörte es einem Mitglied der Fürstenfamilie, am Ende gar dem Herrscher selbst?

Er führte die besudelten Finger dicht vor die Augen, roch an den Spitzen, als könne er dadurch etwas über den einstigen Besitzer des roten Lebenssaftes erfahren, und widerstand der absurden Versuchung, den Finger in den Mund zu stecken und das Blut abzulecken. Stattdessen streckte er mit einem leisen Räuspern den Arm aus und wartete. Sofort trat Jonel zu ihm, um die verschmutzten Finger mit einem feuchten Tuch zu säubern. Nun erwies es sich als vorteilhaft, dass der Vater des Prinzen seinen beiden Leibdienern – dem großväterlichen Jonel und dem nur halb so alten Beryks – befohlen hatte, sich zu entfernen und zu seinem Sohn zu gesellen, als der Gelehrte den Saal betreten hatte.

Der Prinz hatte den etwas farblosen Mann zwar schon mehrmals gesehen und kannte sogar seinen Namen – Ionach, falls er sich nicht irrte. Worin der gebildete Besucher des Fürsten allerdings bewandert war, das wusste er nicht. Eigentlich konnte seine Anwesenheit nur mit einem von zwei Gründen zu tun haben: Der erste betraf die Ernte, die auch in diesem Jahr wieder schlechter ausfallen würde als erhofft. Und da das Volk unweigerlich seinem Fürsten die Schuld dafür geben würde, suchte dieser schon seit Tagen nach irgendetwas, womit er seine schon bald murrenden Untertanen auf andere Gedanken bringen konnte.

Der zweite mögliche Grund waren selbstverständlich die drei fremden Schiffe, die vor einigen Tagen in den Hafen eingelaufen waren und deren schiere Existenz die Welt erschütterte, da sie so vieles, was bislang als sicher gegolten hatte, auf den Kopf stellte!

Einen flüchtigen Augenblick lang fragte sich der Prinz, ob sein Vater auch ihm befohlen hätte, sich außer Hörweite zu begeben, als der Gelehrte den Saal betrat, so wie er es mit seinen beiden Dienern getan hatte. Gewundert hätte es ihn nicht, denn der Fürst liebte Geheimnisse und bewahrte sie oft sogar auch gegenüber dem Menschen, der ihm einst auf dem Thron folgen würde.

Erneut streckte Katalin den Arm aus, doch da sein Begehr dieses Mal nicht so offensichtlich war wie zuvor, ließ er sich zu einer Äußerung herab: »Das Fernrohr.«

Jonel brachte ihm das Verlangte. Katalin erhob sich aus dem Sessel, trat mit dem nicht ganz unterarmlangen Instrument ans Fenster und hielt es ans Auge. Einem festen Ritual folgend, das er sich selbst verordnet hatte – und das ihn zwang, seine Ungeduld zu beherrschen –, richtete er das Fernrohr wie immer zuerst auf das Vertraute und Wohlbekannte, um es dann langsam zum Neuen und Überraschenden wandern zu lassen. Er begann bei den vergoldeten Dächern der Palastgebäude mit ihren kleinen Ziertürmchen und schwenkte es dann zu den mit grauen Holzschindeln gedeckten Häusern der Stadt, die sich in der Form eines Halbmondes drei Meilen nach Norden und zwei nach Süden ans Meerufer schmiegte. Er ließ den Blick über die verwinkelten, zum Wasser hin abfallenden Gassen gleiten und verweilte kurz bei der breiten Schneise der erst kürzlich aus Gründen des Brandschutzes abgerissenen Häuser, an deren Stelle künftig eine bis zum Meer reichende Prachtstraße treten sollte. Von den Sippenhäusern mit ihren bunt bemalten Fassaden ließ er den runden Ausschnitt der Wirklichkeit, den ihm das Rohr darbot, zu den Tempeln von Sanz, Nethanz und Herkle springen, von denen jedoch nur der unscheinbare, oberirdische Teil zu sehen war. Diese scheinbar unentschlossene Suche unterbrach er auch an diesem Tag zum ersten Mal bei dem Platz unterhalb des Palasthügels. Um diese Tageszeit war er für gewöhnlich voller Menschen.

Für Katalin war sein Fernrohr ein Spielzeug, mit dessen Hilfe er für eine Weile am Leben der einfachen Leute teilnehmen konnte, ohne an dessen Widrigkeiten teilhaben zu müssen. Es gewährte ihm kleine Einblicke in ihr Dasein, ohne dass sie etwas davon mitbekamen. Manchmal erheiterte den Prinzen, was er sah, bisweilen erschien es ihm kurios und rätselhaft, manchmal berührte es ihn auch. Gerade Letzteres ließ ihn bisweilen in Tagträumen schwelgen, in denen er gleich einem allwissenden und gütigen Gott in das Leben dieser gebeutelten Menschlein eingriff und dafür sorgte, dass sich aus einem Grund, den sie nie verstehen würden, alles für sie zum Guten wendete.

Das Alter beugt deinen Rücken? Ich gebe dir Jugend! Krankheit zwingt dich zum Betteln? Ich schenke dir Gesundheit!

Das Fernrohr zeigte dem Prinzen eine Frau in Eile. Beide Arme hatte sie nach hinten ausgestreckt, und an jedem hing ein Kind, das mit dem mütterlichen Sturmschritt kaum mithalten konnte und sich daher mehr oder weniger hinterherschleifen ließ. Sie erinnerte den Prinzen frappierend an seine Hauptfrau Luminita, wenn sie mit ihren winzigen Kötern im Palastgarten spazieren ging.

Als Nächstes fing das Fernrohr zwei alte Männer ein, die beide in das typische Schwarz und Grau der Krummschnabelsippe gekleidet waren und gestenreich miteinander stritten. Der Prinz beobachtete sie eine Zeit lang und murmelte dann: »Langweilig.«

Doch schon fand das Fernrohr ein anderes und wesentlich ansprechenderes Paar! Einen Burschen und ein Mädchen, beide ungefähr im Alter des Prinzen. Wie hübsch die junge Frau herausgeputzt war! Wie angenehm es war, ihre Bewegungen zu verfolgen! Selbstverständlich machte ihr der junge Mann den Hof, und genauso selbstverständlich machte er sich dabei zum Narren!

Katalin war froh, dass er gegen solche Torheiten des Fleisches geschützt war. Gleich nach seinem achtzehnten Geburtstag war er mit der etwas älteren Luminita verehelicht worden, seiner Hauptfrau, die sorgfältig unter den Fürstenfamilien des Bundes für ihn ausgesucht worden war. Am selben Tag noch hatte er der Tradition entsprechend je eine Tochter der Sippen geheiratet, neun insgesamt. Auch sie waren mit Bedacht ausgesucht worden, allerdings nicht vom Fürstenhof. Alle neun waren noch Kinder und damals geradeso alt wie heutzutage der kleine Alexandru, Katalins bislang einziger Sohn. Was sich die Sippenältesten bei diesen Kinderbräuten gedacht hatten, war leicht zu durchschauen: Die Jahre würden vergehen, und Luminita würde ihre Jugend und Schönheit verlieren. Vielleicht wäre ihr Gemahl ihrer dann sogar überdrüssig. Für diesen Fall stünde wie eine gereifte Frucht eine neue Bewerberin um die Gunst des künftigen Herrschers bereit, mehr als zehn Jahre jünger als die Hauptfrau und … sich ihrer Familienbande durchaus bewusst!

Ein wirklich schlauer Plan der Sippenführer, wenn nicht jeder Einzelne von ihnen haargenau denselben Einfall gehabt hätte!

Unzufrieden mit den heute wenig unterhaltsamen Stadtbewohnern, richtete Katalin das Fernrohr auf den Ort, mit dem er seine Beobachtungen üblicherweise abschloss – das unendliche Meer! Wie meistens befiel ihn bei seinem Anblick eine Mischung aus Fernweh und Grusel. Wie gerne wollte er reisen und ferne Orte besuchen! Bislang hatte Katalin dabei an die neun Städte des Bundes gedacht und vielleicht auch an die nördlichen Steppen oder die Reiche des Südens mit ihren Wundern. Neuerdings war das aber anders.

Die Schiffe des Bundes und auch jedes andere der bekannten Welt wagten sich nur so weit auf die See hinaus, wie sie das Land sehen konnten. In diesen küstennahen Gewässern fühlten sie sich sicher! Doch weiter draußen gehörte das Meer den großen Raubfischen, den Haien! Kleinere Vertreter ihrer Art, Jungtiere, wie es hieß, verirrten sich gelegentlich bis zur Küste, um Robben zu fressen oder unachtsame Fischer und Schwimmer.

Doch sie waren längst nicht der größte Schrecken des Meeres, denn jenseits des Reiches dieser gefräßigen und zahnstarrenden Fische wurde nach allgemeiner Ansicht das Meer von Kreaturen bevölkert, die sich ausschließlich von Haien ernährten, und zwar nicht von den jungen, sondern von den ausgewachsenen Tieren! Aber auch sie fanden ihre Meister in Gestalt von noch schrecklicheren Ungeheuern, die ihren Hunger ausschließlich mit diesen Haie zerfleischenden und verschlingenden Kreaturen stillten!

Denn neun Ströme des Verderbens umgaben das feste Land, und je weiter man ins Meer vordrang – oder vielmehr vorgedrungen wäre –, desto mörderischer wurden die in den blauen Tiefen lauernden Bestien, bis schließlich und endlich der Ort erreicht wäre, an den der Gottvogel Kakalith einstmals den Götterfresser Sartris verbannt hatte.

An dieser unumstößlichen Wahrheit hatte bis vor einigen Tagen niemand gezweifelt. Doch dann waren die Fremden mit ihren Schiffen im Hafen eingelaufen und hatten behauptet, von jenseits des Meeres zu kommen. Nicht von weit draußen, etwa von einer unbekannten Insel, sondern klipp und klar von jenseits des unendlichen Meeres!

Eine der Saaltüren wurde geräuschvoll geöffnet und bewog Katalin, das Fernrohr abzusetzen und sich nach dem Verursacher der Störung umzuwenden. Einen kurzen Augenblick lang erkannte er im Türspalt das lachende Gesicht seines Sohnes Alexandru, dann wurde die Tür wieder geschlossen, fast genauso laut, wie sie geöffnet worden war, und trappelnde Füße verrieten, dass der Kleine wegrannte. Doch nur wenig später öffnete sich die Tür erneut, und abermals erschien Alexandrus strahlendes Gesichtchen. Katalin zog eine alberne Grimasse und legte den Finger mahnend auf die Lippen, was jedoch nicht die erhoffte Stille zur Folge hatte, sondern ein fröhliches Quieken hervorrief. Erneut schob das Kind die Tür zu. Der Prinz grinste breit und warf einen Blick zum anderen Ende des Saales, wo der Fürst und sein Besucher an einem der Fenster standen. Der Gelehrte Ionach fuchtelte beim Reden mit den Händen und bestritt die Unterhaltung augenscheinlich ganz allein, während der Fürst schwieg und nur hin und wieder zum Fenster hinausblickte. Katalin schüttelte den Kopf. Der Gelehrte bedrängte den Fürsten. Wie ungeschickt! Der Herrscher von Arades ließ sich niemals von irgendjemandem zu etwas drängen! Auch Katalin hatte dies in seinen Kinderjahren schmerzhaft lernen müssen.

Zum dritten Mal öffnete sich die Tür, und erneut erwies sich Alexandru als der kleine Störenfried. Beim Anblick seines Vaters gab er ein paar fröhlich glucksende Laute von sich, die aber umgehend von der barschen Stimme des Fürsten übertönt wurden: »Jonel, sorg endlich für Ruhe!«

Der Kammerdiener schritt gehorsam zu dem Kind, nahm es bei der Hand und schloss nun die Tür geräuschlos von außen. Katalin fühlte, wie ihm das Blut in die Wangen schoss und richtete mit zittrigen Fingern das Fernrohr wieder auf das Leben außerhalb des Palastes. Ziellos ließ er es wandern, ohne wahrzunehmen, was es ihm zeigte. Der Fürst hatte ihn öffentlich getadelt! Er hatte nicht ihn aufgefordert, dafür zu sorgen, dass sich sein Sohn ruhig verhielte, sondern einen der Diener. Ebenso gut hätte er sagen können: Jonel, sorg für Ruhe, wenn es schon mein Sohn nicht für nötig hält oder fertigbringt!

Diese Schmach brannte!

Plötzlich bemerkte der Prinz, dass er das Fernrohr schon geraume Zeit auf die Schiffe der Fremden gerichtet hielt. Er konnte sie leicht an ihrer größeren Anzahl an Masten von den einheimischen Schiffen unterscheiden, auch wenn man ihre riesigen, blauen Segel jetzt eingeholt hatte. Sie waren nämlich das auffälligste Merkmal dieser Schiffe. Eigentlich waren sie nicht durchgängig blau, sondern völlig wirr hell- und dunkelblau gescheckt. Angeblich war dieses farbliche Durcheinander dafür verantwortlich, dass sie erst so spät entdeckt worden waren. Sozusagen, als sie schon fast im Hafen einliefen. Katalin konnte nicht beurteilen, ob das stimmte. Vielleicht war das Ganze lediglich die Ausrede eines nachlässigen Ausgucks, denn sinnvoll erschien ihm eine solche Färbung nicht. Seines Wissens legten heimkehrende Seeleute doch gerade Wert darauf, frühzeitig gesichtet zu werden, damit ihre Familien Zeit hatten, sich am Kai zu versammeln und die Fracht unverzüglich gelöscht werden konnte.

Wie üblich herrschte bei den Fremden ein Kommen und Gehen zahlreicher Schaulustiger. Katalin hatte jedoch das Interesse verloren, noch weiter irgendjemanden durch das Fernrohr zu beobachten. Über die Fremden würde er auf diese Weise sowieso nicht mehr erfahren, als er bereits aus den Berichten der Spitzel wusste. Und bis zu dem Tag, an dem er endlich einem von ihnen von Angesicht zu Angesicht gegenüberstünde, würden noch über zwei Wochen vergehen. Diese Wartezeit auf eine Audienz war von den Beratern des Fürsten als angemessen und notwendig festgelegt worden, da die Fremden sich schließlich nicht zu wichtig nehmen sollten. Dazu hatte man ihnen weisgemacht, dass das höfische Protokoll von Arades sehr streng sei und leider keine Ausnahmen zulasse.

 

Dem Gelehrten Ionach war mitnichten entgangen, dass es um seine Angelegenheit nicht zum Besten stand, doch da er die Stille fürchtete, die unweigerlich einträte, sobald er schwiege, sprach er immer weiter, den Kopf leicht gesenkt und den Blick fest auf das obere Drittel der Tunika des Fürsten gerichtet. Mit der Zeit fiel es ihm immer schwerer, neue Argumente zu finden. Zwar schien alles gesagt zu sein, aber war es auch genug gewesen? Er hob den Kopf und blickte nun unmittelbar in das runde Gesicht mit den weißen Bartstoppeln. In einem Anflug von Verzweiflung suchte er Zuflucht bei dem Versprechen, das er Fürst Alexandru fünf Jahre zuvor gegeben hatte, wenige Tage nach der Geburt von dessen gleichnamigem Enkelsohn: »Bedenket, mein Herrscher, welchen Ruhm und welche Macht Ihr auf Euch vereinigen werdet! Euer Name wird den eines jeden Gekrönten in den letzten tausend Jahren mühelos überstrahlen. Euer …«

Doch dieses Mal verfehlten die magischen Worte ihre Wirkung, denn der Fürst fiel dem Gelehrten ungeduldig ins Wort: »Ich bin zu der Ansicht gelangt, dass dein Vorhaben zu gefährlich ist und die Risiken die ungewisse Aussicht auf mehr Macht und mehr Ansehen nicht aufwiegen. Es ist ja keineswegs so, dass ich von beidem noch nichts besäße! Daher wirst du deine Arbeit umgehend beenden.«

Ionach war wie betäubt. Wie konnten die Götter zulassen, dass ihm etwas derart Schreckliches zustieß? Bevor er begriff, was er eigentlich tat, platzte es aus ihm heraus: »Ist es wegen der Ausgaben?«

»Selbstverständlich nicht!«, erwiderte der Fürst ungehalten. »Ich habe dir den Grund genannt, und du wirst handeln, wie ich es befohlen habe. Hörst du?«

Der Gelehrte nickte und ließ sich zitternd auf die Knie sinken. Schluss, Ende, alles war vorbei! Als ihm der Fürst die Hand entgegenstreckte, ergriff er sie und küsste jeden der vier Ringe an ihren Fingern. Alles ist vorbei, hallte es unablässig in seinen Gedanken wider.

»Damit wir uns richtig verstehen«, hörte er seinen Herrscher sagen. »Du wirst auch alle Aufzeichnungen vernichten und keine Abschriften übrig lassen. Verbrenn sie.«

Jäh warf Ionach den Kopf in den Nacken und sah zum Fürsten auf. »Doch was wird sein, wenn Ihr es Euch eines Tages anders überlegt?«

»Hältst du mich für wankelmütig?«, fragte Fürst Alexandru seltsam belustigt.

»Nein, natürlich nicht!«, quetschte der Gelehrte zwischen den Lippen heraus. »Verzeiht, Herr, verzeiht! So war es nicht gemeint.«

Als er sich aufrichtete, überkam ihn plötzlich eine große Schwäche. Bevor er jedoch stürzte, packte der Fürst seinen Arm mit überraschend festem Griff und stützte ihn. In freundlichem Ton suchte er den Gelehrten zu beruhigen: »Sorge dich nicht, Ionach. Du bist nicht in Ungnade gefallen. Ich habe nur einen neuen Entschluss gefasst. Nun gehe und verfahre, wie ich es angeordnet habe.«

Immer noch unsicher, begab sich Ionach zu einer der Türen und verließ den Saal. Im Gang davor brannten Leuchter, da erst nachmittags ausreichend Licht in ihn hineinfiel, um die Dunkelheit völlig zu vertreiben. Der Gelehrte ging einige Schritte, lehnte sich dann aber erschöpft gegen die Wand. Anders als die Wände im Saal war sie nicht mit Steinplatten verkleidet, sondern mit poliertem Holz von etwas dunklerer Farbe, in dem sich das gelbe Licht der Leuchter spiegelte. Die Wand darüber war mit Motiven aus der bewegten Vergangenheit der Stadt, des Fürstentums und des Bundes bemalt. Weiter entfernt hörte er ein Kind toben. Es gab viele Kinder im Palast.

 

Der Fürst sah dem scheidenden Gelehrten hinterher. Musste er sich seinetwegen Sorgen machen, überlegte er. Vermutlich nicht. Ionach war ihm ergeben. Zwar mochte ihm die Anweisung, die er erhalten hatte, große Seelenpein bereiten, aber er würde sie dennoch ausführen. Allerdings wäre es sträflicher Leichtsinn, nun alles als erledigt zu betrachten und sich keine weiteren Gedanken um die Zukunft zu machen!

Ein Blick zum anderen Saalende lehrte den Fürsten, dass sein Sohn nicht mehr mit seinem »Spielzeug« beschäftigt war und brachte ihm in Erinnerung, dass er an diesem Vormittag noch eine weitere wichtige Entscheidung treffen wollte. Dazu musste er allerdings zuerst mit dem Prinzen sprechen. Auf halbem Weg zu ihm gab er Beryks ein Zeichen. Der vierschrötige Mann, der so viel mehr war als nur ein Kammerdiener, eilte ihm entgegen, und der Fürst erklärte ihm leise: »Ich habe zwei Wünsche, Beryks. Beide betreffen den Gelehrten Ionach Blaufeder. Mein erster Wunsch ist, dass er bis auf Weiteres die Stadt nicht verlässt. Meines Wissens zieht es ihn zwar recht selten nach draußen, aber es kann nicht schaden, wenn jemand unauffällig darüber wacht, dass er keine weiten Reisen plant oder gar Umzugspläne in Angriff nimmt. Mein zweiter Wunsch ist, dass recht bald irgendeine neue Tätigkeit für ihn gefunden werden möge. Sie soll ihm ein Auskommen bescheren und ihn gut beschäftigt halten, sodass er nicht schädlichem Müßiggang und Grübelei anheimfällt. Das ist alles. Nun geh!«

Beryks nickte knapp und machte sich an die Ausführung seines Auftrags. Der Fürst war dankbar, dass er ihm nie erklären musste, mit wem er zu sprechen hatte. Beryks war ein guter Diener seines Herrn!

Katalin hatte inzwischen mitbekommen, dass sein Vater etwas von ihm wollte und erwartete ihn angespannt. Der Fürst eröffnete ihm nicht sofort, was ihm auf dem Herzen lag, sondern gönnte sich zunächst ebenfalls einen Blick durch das Fernrohr. Im Unterschied zu seinem Sohn richtete er es aber sofort auf den Ort, der ihn interessierte.

»Was hast du über unsere Besucher herausgefunden?«, fragte er, als er es wieder absetzte.

»Sie sind neugierig und stellen viele Fragen«, antwortete Katalin.

»Das ist völlig naheliegend«, erwiderte der Fürst. »Was wollen sie denn wissen?«

»Ein Teil ihrer Fragen betrifft den Handel. Welche Waren wir beziehen, woher sie kommen und über welche Entfernungen sie geliefert werden. Auch wie wir zu den anderen Städten des Bundes stehen.«

Der Fürst nickte. Das war ebenfalls nicht weltbewegend.

»Sie scheinen sehr angetan zu sein von den goldenen Dächern und wollen wissen, woher das Gold stammt. Ob wir es tauschen, in Minen abbauen oder aus Flüssen waschen.«

»Unser Gold?«, wiederholte der Fürst. »Was beschäftigt sie mehr? Die Pracht, die es Arades verleiht, oder sein Wert?«

Katalin schwieg und sortierte augenscheinlich im Geiste, was ihm zugetragen worden war. »Der Wert des Goldes, meine ich«, urteilte er schließlich.

Alexandru nickt erneut. »Fahr fort!«

»Pferde, seltsamerweise. Man könnte fast meinen, sie hätten noch nie zuvor welche gesehen, so angetan sind sie von ihnen! … Sie stellen auch viele Fragen nach den Göttern, denen wir huldigen.«

»Nach den Göttern?«, staunte der Fürst. »Sind sie Priester?«

»Ich glaube nicht. Aber das ist ein Thema, das ihnen nie langweilig wird. Unweigerlich kommen sie darauf zu sprechen: Wie heißen eure Götter und wofür sind sie zuständig? Was ist ihr Ursprung? Haben sie einen Vater oder eine Mutter? Habt ihr je von anderen Göttern gehört? Welche Legenden und Mythen kennt ihr … und so weiter und so fort.«

»Seltsam«, antwortete der Fürst. »Sehr seltsam. Wem huldigen sie?«

Darauf konnte ihm sein Sohn keine Antwort geben. »Diese Frage hat ihnen anscheinend niemand gestellt, sodass nicht einmal geklärt ist, ob sie überhaupt eigene Götter haben.«

Nun kam der Fürst zu seiner letzten Frage. »Mit wem reden sie? Was machen sie den ganzen Tag über?«

»Sie sprechen mit fast jedem. Teils mit gemeinem Volk, teils mit Handwerkern, Händlern, Geschichtenerzählern …«

»Ich meinte ihre Anführer«, unterbrach ihn der Fürst.

»Sie führten Gespräche mit den bedeutenderen Kaufleuten sowie mit den Sippenräten und Sippenältesten der Blaufedern, der Rotschwänze, der Weißkehlen und der Kropfe. Wahrscheinlich werden sie sich auch noch an die fehlenden fünf Sippen wenden.«

Nachdenklich blickte der Fürst zum Hafen und beschloss, seinem Sohn und Nachfolger eine Unterweisung über die Kunst der Herrschaft zu geben.

»Man kann das alles auf zweierlei Art sehen, Katalin. Das sind Fremde, die gern mit uns Handel treiben würden. Sie wollen unsere Sitten und Gebräuche kennenlernen, um sie zu achten und zu ehren. Unser Verhältnis zu unseren Nachbarn ist deswegen von Belang für sie, weil sie niemandem auf die Füße treten wollen, und solange der Herrscher – also ich – sie nicht empfängt, stellen sie sich höflich den Sippenführern vor. Das sind zwar ehrenwerte Gründe, aber es ist eben nur eine mögliche Sichtweise. Doch merke dir, mein Sohn, es gibt stets noch eine zweite! Verlier das nie aus den Augen! Ebenso gut könnten unsere Besucher unseren Reichtum erkunden und ausloten, mit wem sie sich verbünden und wen sie gegeneinander ausspielen sollten. Welche Sichtweise entspricht nun der Wahrheit? Ich möchte mir morgen ein Bild von ihnen machen.«

Der Prinz war überrascht. »Schon morgen? So schnell? Was ist mit dem angeblichen Protokoll, das keinen früheren Empfang erlaubt? Werden sie sich nicht wundern? … Gerade wenn dein Verdacht stimmt, mein Vater und Fürst …«

Fürst Alexandru brachte ihn mit einer Handbewegung zum Schweigen. »Darüber habe ich mir bereits Gedanken gemacht, deren Umsetzung ich dir anvertrauen werde, Katalin. Wähle eine verlässliche Person aus und schicke sie zu den Fremden. Sie soll sich ihnen gegenüber als bestechlich ausgeben und behaupten, sie habe dein Ohr und könne dich – gegen eine glaubwürdige Entschädigung – dazu bringen, mich zu überreden, ihnen eine Audienz außer der Reihe zu gewähren. Das Ganze müsse allerdings morgen geschehen, weil … vielleicht muss die Person ja dringend nach Bihorbis, und vielleicht ist diese Reise auch an ihrer Bestechlichkeit schuld … dir wird schon etwas einfallen. Ich verlasse mich ganz auf dich, mein Sohn! Ich möchte die Fremden hier haben und … ich möchte nicht, dass sie sich groß vorbereiten können.«

Dem Prinzen gefiel der Plan, allerdings hatte er noch Bedenken. »Was, wenn sie nicht auf das Angebot eingehen wollen?«

»Das wäre doch aufschlussreich«, antwortete der Fürst. »Aber auch in diesem Fall gäbe es mindestens zwei Möglichkeiten einer Deutung.«

 

Der kleine Alexandru ließ sich von dem alten Mann, der noch viel älter war als sein Großvater, an der Hand zu dem Zimmer führen, wo seine Spielsachen lagen. Dort setzte er sich auf den Boden, griff nach den darauf verstreuten Figürchen aus Holz und Stein und stellte sie in einer Reihe auf. Sobald der alte Mann wieder gegangen war, erhob sich Alexandru, trat zur Tür und öffnete sie. Er war enttäuscht, als der alte Mann nicht davorstand. Diese Enttäuschung währte jedoch nicht lange, denn nun beschloss Alexandru, das zu tun, was ihm immer das Zweitliebste war, gleichgültig, was ihm kurz zuvor noch das Liebste gewesen sein mochte. Er quetschte sich durch den Türspalt und rannte juchzend durch die Gänge des Palastes. Nach einer Weile gelangte er auf einen Flur, der ihm noch unbekannt war. Türen gingen von ihm ab, und an seinem Ende führte eine Treppe zu den Stockwerken darüber und darunter. Unschlüssig blieb Alexandru stehen. Ein wenig unheimlich war ihm dieser fremde Gang. Andererseits gab es dort viele Türen, die er öffnen konnte. Was sollte er tun? Umkehren oder das Unbekannte erforschen?

Unschlüssig kratzte er sich am Arm, wo ihn eine gewisse Stelle schon länger juckte. Er warf einen Blick darauf und entdeckte eine leicht gerötete Erhebung auf der Haut. Missbilligend schüttelte Alexandru den Kopf: »Böse Stechmücke!«

Karl-Heinz Witzko

Über Karl-Heinz Witzko

Biographie

Karl-Heinz Witzko, geboren 1953, war zunächst als Redakteur für das Fantasy-Rollenspiel »Das Schwarze Auge« tätig, bevor er sich mit seinen erfolgreichen Romanen um »Die Kobolde« als einer der wichtigsten deutschen Autoren der Humoristischen Fantasy etablierte. Mit »Blut der Götter« begibt sich der...

Pressestimmen

phantastik-couch.de

»Das liest sich faszinierend und spannend, bietet überraschende Aus- und Einsichten abseits des üblichen Fantasy Mainstreams und überzeugt auch stilistisch. Fantasy aus deutschen Landen, die sich sehen lassen kann.«

zauberwelten-online.de

»›Blut der Götter‹ ist wunderschöne Fantasy mit guten Einfällen und Charakteren, die mitreißen können, mit Intrigen und Täuschungen sowie etwas Mord und Totschlag, die die entsprechende Würze geben, und sorgt für einige spannende Lesestunden.«

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