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20 Jahre PIPER Fantasy

Abenteuer, Magie und Wunder

Piper Fantasy gehört zu den größten deutschen Fantasy Verlagen, mit mehr als 40 Novitäten im Jahr und über 300 lieferbaren Titeln aus allen Bereichen des Genres, sei es High Fantasy, Dark Fantasy, humorvolle Fantasy oder Phantastik.

Schon für das erste kleine Programm im Herbst 2002 konnten unter der Programmleitung von Friedel Wahren namhafte Autoren wie Wolfgang Hohlbein, Monika Felten oder Sara Douglass gewonnen werden. 2003 übernahm der Piper Verlag im Zuge des Verkaufs der Ullstein-Heyne-List-Gruppe die ehemalige Heyne-Fantasy.

Das Piper Fantasy Programm wuchs damit um das Zehnfache an und wurde zum neuen Verlag für Genregrößen wie Robert Jordan oder Terry Pratchett. Bis heute hat das Piper Imprint seine Marktanteile immer weiter ausgebaut und sich als Heimat zahlreicher Bestsellerautoren sowie neuer vielversprechender Stimmen etabliert.

Zu den größten Erfolgen gehören die High-Fantasy Romane von Markus Heitz und Michael Peinkofer. Hinzu kommen die Werke von Autoren wie Richard Schwartz, Dan Wells, Alexey Pehov, Jennifer Estep und Laura Kneidl, die das Genre nachhaltig prägen und verändern.

Feiern Sie mit uns 20 Jahre PIPER Fantasy!

Unsere PIPER Fantasy-Klassiker

„Ich hatte die Freude, den Aufbau von Piper Fantasy als Autor von Anfang an bis heute zu begleiten und mitzuerleben, wie aus einem zarten Pflänzchen ein etablierter Verlagsbereich wurde.“


Wolfgang Hohlbein

Fantasy-Gewinnspiel

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Buchempfehlungen aus dem Fantasy-Lektorat

Unsere Lieblingsbücher aus 20 Jahren PIPER Fantasy

Richard Schwartz „Das Geheimnis von Askir“

„Das Geheimnis von Askir“ zählt zu den beliebtesten High-Fantasy-Reihen Deutschlands: Als ein eisiger Winter ein abgelegenes Gasthaus von der Außenwelt abschneidet, entdecken ein Krieger mit einer dunklen Vergangenheit und eine undurchsichtige Magierin Spuren, die sie in eine vergessen geglaubte Welt führen. Ein episches Abenteuer mit einer einzigartigen, intensiven und bedrohlichen Atmosphäre!« 

Das Erste HornDas Erste Horn

Das Geheimnis von Askir 1

Ein verschneiter Gasthof im hohen Norden: Havald, ein Krieger aus dem Reich Letasan, kehrt in dem abgeschiedenen Wirtshaus „Zum Hammerkopf“ ein. Auch die undurchsichtige Magierin Leandra verschlägt es hierher. Die beiden ahnen nicht, dass sich unter dem Gasthof uralte Kraftlinien kreuzen. Als der eisige Winter das Gebäude vollständig von der Außenwelt abschneidet, bricht Entsetzen aus: Ein blutiger Mord deutet darauf hin, dass im Verborgenen eine Bestie lauert. Doch wem können Havald und Leandra trauen? Die Spuren führen in das sagenhafte untergegangene Reich Askir … Ein sensationelles Debüt mit einer intensiven, beklemmenden Atmosphäre, die in der Fantasy ihresgleichen sucht.

In Kürze wieder lieferbar

1. Die Maestra


Ich war schon häufiger im Gasthof Zum Hammerkopf gewesen, und so besaß ich das Privileg, einen einzelnen Tisch in der Nähe der Theke mein Eigen nennen zu dürfen. Von dort aus hatte ich einen guten Blick auf die Tür, und der Zufall wollte es, dass ich in jenem Moment aufsah, als sie die Gaststube betrat.
Die Frau verstand es, einen Auftritt hinzulegen: erst der Blitz, welcher die dunkle Gaststube durch die Ritzen der Fensterläden erhellte, dann der Donner, der die Erde vibrieren ließ. Dass sie in diesem Moment die Tür zur Gaststube aufstieß und ein kalter Luftzug die Hälfte der rauchigen Talgkerzen in der Stube erlöschen ließ, war sicherlich Zufall.
Der Wind griff mit kalten Fingern nach der Tür und schlug sie hinter ihr mit solch einer Wucht in den Rahmen, dass ich fürchtete, das Lederband würde abreißen, das der Tür als Scharnier diente. Gleißende, blendende Helle strömte erneut durch jede Ritze der schweren Fensterläden und der Tür; ein weiterer Donnerschlag folgte, der den Gasthof zu erschüttern schien.
Nur das Pfeifen des Windes war zu hören, als wir die dunkle Gestalt sprachlos musterten, hier und da sah ich jemanden das Zeichen der Dreieinigkeit schlagen und Idole küssen oder hörte einen Söldner einen Gott anrufen, von dem kaum jemand hier jemals etwas gehört hatte.
Für einen Moment stand sie still da, ließ unsere Augen auf sich verharren. Der mitternachtsblaue Mantel, schwer und nass von ihrem Ritt durch einen der schlimmsten Schneestürme des Jahrzehnts, täuschte nicht über ihre Weiblichkeit hinweg, das nasse Gewebe betonte eher noch ihre Formen. Die Kapuze war tief ins Gesicht gezogen, gab uns im unsicheren Schein der verbliebenen Kerzen den Blick auf ein rundes, entschlossenes Kinn und einen vollen Mund frei, der nun zu einem dünnen Strich zusammengepresst war. Nach einem Ritt durch einen solchen Schneesturm wäre auch ich nicht bester Laune.
Ihre Haut war weiß, so weiß wie der Schnee, der diesen entlegenen Gasthof zu begraben drohte. Der lange Umhang verhüllte den Rest von ihr, bis auf die Spitzen ihrer Kettenstiefel, und trotz all der kleinen Flocken, die sich auf ihren Mantel niedergelegt hatten, war jenes dunkelblaue Funkeln auszumachen, das Mithril kennzeichnete.
Für jeden ersichtlich ragte der Griff des Bastardschwerts durch einen Schlitz im Umhang über ihre linke Schulter. Der silberne Drachenkopf war höher als ihr Haupt, das dunkle gewundene Leder des Griffs führte zu einem Parierstück, das aus zwei Pranken bestand, die silbernen Klauen wirkten beinahe lebendig in den unsicheren Schatten, und die Augen des Drachen waren eine Bedrohung aus dunklem Rubin. Ein Elmsfeuer lief über den Griff, über ihre ganze Gestalt, hüllte sie in schwaches blaues Leuchten, als sie die Hand hob, die Kapuze zurückschlug und den Mantel öffnete.
Ihr fahles Gesicht war nicht minder eindrucksvoll als ihr Auftritt. Eine klassische Schönheit, auch wenn ihre Augen rötlich glühten. Die Haare, die man nun sah, waren zu einem langen Zopf gebunden, ein weißes Blond, das im Elmsfeuer von einem inneren Leuchten erfüllt schien. Ein Albino – oder eine der legendären Elfen.
Die Rüstung, die der offene Mantel preisgab, zählte zu jenen Schätzen, über die Königreiche in Streit geraten konnten: ein Kettenhemd aus Mithril, fein und weich wie Seide und kaum schwerer als Leder; wie ein dunkelblauer Fluss fiel es über ihre Formen und hüllte sie in ein Lodern.
Ein Greif schimmerte in den Kettengliedern auf ihrer Brust, er schimmerte, ebbte ab und erschien erneut im Rhythmus ihrer Atemzüge.
Ein breiter Schwertgurt lag auf ihren Hüften auf, betonte ihre schlanke Taille und hielt ein weiteres Schwert, ein Langschwert, das nicht minder exquisit gefertigt war.
Die Handschuhe, die sie nun auszog, waren aus dunkelblauem Leder, weich und geschmeidig, glänzend und mit feinen Schuppen. Ich schüttelte langsam den Kopf, denn ich glaubte nicht, was ich hier erblickte. Ich erkannte Drachenhaut, wenn ich sie sah, und dieses Leder stammte nicht nur von einem solchen, sondern war von einer ganz besonderen Körperstelle entnommen worden. Welches Vieh auch immer ihr das Leder für diese Handschuhe gespendet hatte, es hatte keinen Nutzen mehr für seine Eier.
Vielleicht vierzig Leute befanden sich in der Gaststube, und sie hielt jeden von uns hypnotisiert wie ein Kaninchen vor der Schlange. Verantwortlich dafür war der Ausdruck in ihrem Gesicht, der Blick aus diesen roten Augen, als er über uns schweifte.
„Mein Name ist Sera Maestra de Girancourt. Ich trage Steinherz, die Klinge der Gerechtigkeit.“
Schwertgebunden war sie also auch noch. Das war kaum anders zu erwarten, mit dem Griff über ihrer Schulter. Der Drachenkopf schien den Gastraum genauso zu mustern wie sie.
Hoher Besuch für diese arme Hütte, in der Tat. Und eine Erklärung, wieso sie lebendig hier ankam. Eine Rüstung wie diese mochte zwar schützen, aber sie war auch ein Vermögen wert. Ich fragte mich, wie viele Räuber und Vogelfreie der Versuchung erlegen waren und Steinherz zu spüren bekommen hatten.
Ihre Stimme war wie sie: glasklar und von winterlicher Kälte. Sie erreichte jedes Ohr in diesem Raum und hinterließ den Eindruck von eiskalter Schönheit und noch kälterem Willen.
Der Wirt, ein kleiner, stämmiger Mann mit einer Halbglatze, erholte sich als Erster von seinem Schrecken. Er sah ihre Erwartung, dass er zu ihr kommen möge, und tat es nun mit einer tiefen Verbeugung.
„Willkommen im Hammerkopf, dem besten Gasthof zwischen Lassahndaar und Coldenstatt.“ Wahr gesprochen, mein Freund. Vor allem, wenn man bedachte, dass es auch die einzige Bleibe war, falls man nicht in der alten Festung am Pass nächtigen wollte. Und das wollte niemand. Zu viele Geister.
„Ich bin Eberhard, der Wirt, mein bescheidenes Heim sei Euer. Ihr werdet mein bestes Zimmer erhalten, ich muss es nur noch räumen lassen.“
„Bis dahin wäre ich dankbar für einen guten Braten und einen anständigen Wein“, antwortete die Sera.
„Gewiss, gewiss …“ Immer wieder ehrfürchtig verbeugend, geleitete er die Dame zu dem Tisch neben meinem und versprach ihr sofortige Bedienung. Mit einer flüssigen Bewegung hängte sie Steinherz’ Scheide aus und stellte es auf die Spitze neben ihren Tisch, wo es, ohne angelehnt zu sein, senkrecht stehen blieb – ein einfaches und doch beeindruckendes Zeichen, dass dies tatsächlich eines der gebundenen Schwerter war.
Eine Schankmagd eilte bereits herbei und stellte der Sera einen gewärmten Zinnbecher mit Rotwein und kostbaren Nelken auf den Tisch, knickste respektvoll, um sofort wieder in die Küche zu flüchten. Derweil drehte sich der Wirt zu mir um; ich ahnte schon, was er wollte.
„Ser! Ihr müsst verstehen …“, sagte er. Ich wartete. „Die Sera bedarf eines Zimmers. Ihr werdet sicherlich nichts dagegen haben, Eures für eine solche Dame aufzugeben. Es ist das beste, wie Ihr wisst …“
„Nein“, erwiderte ich bestimmt. „Es ist mein Zimmer. Ich zahle dafür mit des Königs Münze, und das für drei volle Wochen. Ich werde den Raum nicht freigeben.“
„Aber Ihr könnt doch nicht …“ Er rang mit den Händen, seine Verzweiflung stand ihm in die Augen geschrieben.
„Gebt ihr die zweitbeste Kammer.“
Seine Augen wanderten zu dem Söldnerführer am anderen Tisch, der dort mit fünf seiner Männer gesessen und Würfel gespielt hatte, bis die Abwechslung durch die Sera den Abend belebte. Der Mann lächelte bissig, seine Zähne gelb wie die eines Raubtiers. Wagt Euch, kleiner Mann, schien dieses Grinsen auszustrahlen.
Hilfe suchend wandte sich der Wirt wieder mir zu.
„Aber Herr, Ihr seht doch, dass die Söldner nicht bereit sind zu gehen. Ich bitte Euch!“
Dass die Sera das Gespräch verfolgte, war mir klar. Sie hatte sich in die bestmögliche Position begeben, hielt es wie ich von Vorteil, die Theke im Rücken zu haben, und beobachtete ebenfalls den Gastraum und ab und an auch mich. Nichts in ihrem Gesicht zeigte, dass sie ein Interesse an der Unterhaltung zwischen dem Wirt und mir hatte, dennoch wusste ich, dass es so war. Auch versäumte sie nicht, die Söldner zu mustern, deren Gier unter dem Schleier der Betrunkenheit leicht auszumachen war.
„Gebt ihr den nächsten Raum, der frei ist“, sagte ich. „Sie wird ihn nehmen und Euch wohlgesonnen sein, obwohl Ihr ihr das beste Zimmer angeboten habt, auch wenn es bereits vermietet war. Hättet Ihr es der Sera nicht versprochen, wärt Ihr nicht in Bedrängnis.“
„Aber …“
„Tut es.“ Ich hob meine Stimme kaum, aber mein Blick fing seinen ein, und seine Augen weiteten sich. Er nickte eifrig.
Mit zittriger Stimme erklärte er nun der Sera, dass er nur einen bescheidenen Raum für sie hatte, er wünschte sie nicht zu beleidigen, aber …
Sie hob eine schlanke Hand. „Guter Mann, es ist in Ordnung. Sorgt nur dafür, dass die Flöhe nicht zu eifrig sind, das soll mir genügen.“
Dankbar nickte der Wirt, ganz fassungslos, dass ihm so leicht verziehen wurde, und eilte davon in die Küche, wo er den Braten mit besonderer Sorgfalt richten wollte.
Sie nutzte die Zeit, sich jeden hier im Raum anzuschauen und sich zu orientieren. Nun lagen ihre Augen auch auf mir. Ich erwiderte ihren Blick ohne Regung.
Ich wusste, was sie sah. Einen dunklen Umhang aus grobem Leinen und Leder, die Kapuze tief in mein Gesicht gezogen und ein langes ledernes Bündel, das hinter mir an der Wand lehnte. Ich hatte meine Hände noch in den Ärmeln, der Becher Wein vor mir schien kaum angerührt. Unter meinem Umhang sah sie breite Schultern. Als ihr Blick zu meinen Füßen wanderte, konnte sie dort Kettenstiefel erkennen, nicht unähnlich ihren eigenen, aber weitaus weniger kostbar und nicht so fein gearbeitet. Mehr sollte von mir nicht zu sehen sein. Abgesehen davon war es kühl in der Stube, und inzwischen fror ich leichter als früher. Grund genug, mich in meinen Umhang zu hüllen.
„Ich suche Roderic von Thurgau“, begann sie in ihrer kühlen Stimme. „Man sagte mir in Lassahndaar, dass er sich hier in dieser götterverlassenen Gegend sein Winterquartier suchen wollte. Seine Beschreibung passt auf Euch, seid Ihr es, den ich suche?“
Ich seufzte innerlich. Ich musste es wohl sein, mein Äußeres ähnelte niemand anderem hier im Raum.
„Thurgau ist tot. Seit fast dreißig Jahren. Er fiel in der Schlacht bei Avincor.“
„So sagt man.“ Sie erhob sich von ihrem Platz, nahm Steinherz gedankenlos mit zu meinem Tisch und stellte es wieder neben sich.
„Ihr erlaubt?“, fragte sie etwas verspätet, denn sie setzte sich schon. Ich hatte mich nicht gerührt.
„Nein.“
Sie zog eine Augenbraue hoch. „Ihr wünscht nicht, dass ich an Eurem Tisch Platz nehme?“
„Ihr habt es erfasst, Sera. Ich suche hier meine Ruhe nach einer langen Reise, und mir ist nicht nach weibischem Geschwätz zumute.“
Sie blinzelte einmal, zweimal.
„Ihr seid rüde.“
„Ja, und Ihr sitzt noch immer hier. Euer Wein wartet an Eurem Tisch.“
Sie nickte. „Der Wirt wird ihn mir sogleich bringen.“
Eberhard hörte es und eilte herbei, um ihr den Kelch aus dunklem Zinn zu reichen.
Sie schenkte ihm dafür ein Lächeln, und für einen Moment dachte ich, er stürbe auf der Stelle vor Verzückung, aber dann fing er sich und eilte wieder nach hinten.
„Ihr könnt Euch ja entfernen, wenn Ihr wollt“, schlug sie mit einem Lächeln vor. „Aber dann muss auch ich mich erneut bewegen, denn ich möchte Euch ein Geschäft vorschlagen.“
„Welches mich nicht interessiert“, erwiderte ich und wollte mich in der Tat erheben, als sie an ihren Hals griff und einen Beutel hervorholte. Sie entleerte ihn in ihre Hand und ließ von dort einen Ring auf den Tisch fallen.
Es war ein schwerer Siegelring, der Ring eines Mannes, obwohl das Ringmaß zu klein für einen männlichen Finger war. Jemand hatte ihn sich wohl enger machen lassen. Auf rubinrotem Grund zeigte er ein Relief aus Elfenbein. Ein Einhorn und eine Rose. Das Wappen derer von Thurgau.
Ich betrachtete es.
„Ein schönes Stück“, sagte ich mit betont neutraler Stimme.
„Einst war er das Pfand Eurer Ehre.“
„Ehre ist heutzutage völlig überbewertet. Sie bringt den Tod und wenig Glück“, antwortete ich ihr. Ich ließ eine Hand aus meinem Umhang gleiten – ohne den Dolch, den ich dort verborgen hatte – und hielt sie dann hoch. Sie war noch immer breit und kraftvoll, aber dunkle Altersflecken zierten das Pergament meiner Haut.
„Als Ser Roderic ihr diesen Ring gab, war sie gerade zehn Jahre alt. Dies ist über dreißig Jahre her, sie sah ihn nie wieder. Denn er starb, wie jeder weiß, im Pass von Avincor. Zusammen mit den Rittern des Bunds. Nicht einer überlebte, aber sie hielten den Pass.“
„Wisst Ihr noch, wie sie aussah?“, fragte sie mich.
Ich zuckte die Schultern. „Die Prinzessin, meint Ihr? Ich bewege mich nicht in so erlauchter Gesellschaft. Aber ich habe gehört, dass sie zierlich war, blond und krank. Auch Ser Roderic sah wohl kaum mehr als eine schlanke Hand, die seinen Ring in Empfang nahm. So sagt man es in dieser Ballade. Ein jeder kennt die Geschichte.“
„Er und die vierzig Getreuen. Ein jeder schwor ihr, dass er sein Leben geben würde, um ihr Land vor den Barbaren zu schützen. Sie hielten den Pass. Zwölf Tage lang.“ Ihre Stimme hatte sich gesenkt, sie sprach leise, fast ehrfürchtig. „Lange genug, damit das Heer des Grafen Filgan in Stellung war, um die Barbaren zu empfangen, sobald sie durch den Pass kämen. Aber sie kamen nie.“
„Und hätte der Graf einen Kundschafter geschickt, wäre ihm klar geworden, dass er gut die Hälfte der Getreuen hätte retten können. Aber so saß er in seinem perlenbestickten Zelt auf seinem Hintern und wartete einfach ab.“
Meine Stimme klang bitter. Aber der Groll war lediglich ein Echo, ein Schatten vergangener Tage. Schwach, wie ich es war.
„Ich bin alt. Dies hat Ser Roderic gemein mit mir. Er müsste sechzig sein oder älter. Selbst wenn ich er wäre, wie könnte ein alter Mann einer Sera Maestra von Nutzen sein? Nicht nur, dass Ihr Steinherz tragt, Ihr seid auch gebildet im Umgang mit der Magie. Was könnte Ser Roderic für Euch tun, das Ihr nicht selbst vermögt?“
Ich drehte meine Hand vor ihren Augen.
„Ser Roderic ist weitaus älter, als Ihr es seid. Und was ich von ihm möchte, ist sein Rat.“
„Ich kann Euch den Rat geben, ihn zu vergessen. Ser Roderic ist in jenem Pass gestorben.“
„Wollt Ihr nicht wissen, warum ich seinen Rat benötige?“
Ich zuckte mit den Schultern und nahm einen Schluck aus meinem Kelch. Schließlich hatte ich den Wein bezahlt. Ich war angenehm überrascht. Man konnte ihn sogar trinken.
„Nicht wirklich. In wenigen Jahren wird mich nichts mehr interessieren. Vielleicht sind es nur Monate. Lange bin ich gewiss nicht mehr von dieser Welt.“
„Die Stadt Kelar fiel letzten Monat an das Imperium von Thalak.“
Kelar. Ich erinnerte mich an die hohen Mauern, die Lagerhäuser und die Speicher. Ihre Worte überraschten mich. Vor zweihundertneunzig Jahren war Kelar für fast zwanzig Jahre belagert worden, ohne zu fallen. Früher hätte mich das alles interessiert, aber heute …
„Die Belagerung dauerte nun schon acht Jahre. Es war abzusehen.“
Sie blickte auf. „Habt Ihr denn kein Mitleid?“
„Wofür? Krieg ist Krieg.“ Der Vorteil des Alters war, dass man solche Dinge sagen konnte, ohne sich dabei idiotisch anzuhören.
„Der Imperator ließ die Stadt schleifen. Jedes Kind, jede Frau und jeder Mann wurde hingerichtet. Und Melbaas, Angil und Jatzka ergaben sich, aus Furcht, das gleiche Schicksal könnte sie ereilen.“
„Melbaas ergab sich?“ Das war eine weitere Überraschung. Eine unangenehme. Die Stadt galt als uneinnehmbar. Mit dem Hafen im Rücken hätte sie unbegrenzt aushalten können.
„Thalak hat dunkle Magie verwendet, um Kelar zu befrieden. Die Nachricht sagt, dass er seine eigenen toten Soldaten mit Katapulten über die Mauern der Stadt werfen ließ, um sie in der Nacht wieder zum Leben zu erwecken.“
„Eindrucksvoll. Und kreativ.“
Sie warf mir einen strafenden Blick zu. „Nach dem Fall von Kelar kapitulierte das Königreich Jasfar vollständig und sandte den Prinzen als Unterpfand nach Thalak.“
Ich seufzte. Jetzt wusste ich, wohin das führen sollte. Ich nickte langsam. „So steht kaum noch etwas zwischen unserem Reich und dem seinen. Unsere schöne Prinzessin wird ihr blondes Haupt vor dem Imperator beugen müssen. Das Schicksal gekrönter Häupter. Mal kniet man vor ihnen, mal müssen sie knien.“
Sie schlug mit der geballten Faust auf den Tisch, und gerade noch verhinderte ich, dass mein Becher umfiel. Er war noch fast voll, und vom vielen Reden bekam ich Durst. Ich trank einen Schluck, bevor der gute Wein sinnlos auf dem Tisch endete.
„Ser, wie könnt Ihr so etwas sagen! Es ist unsere Königin!“ Ich hob mahnend den Finger. „Nicht mein Land, nicht meine
Königin. Ich stamme aus Letasan.“
„Ser Roderic …“
Ich unterbrach sie erneut. Schlechte Manieren, jawohl, ein weiterer Vorteil des Alters. Außerdem hatte ich nichts zu verlieren, selbst wenn sie mich in einen Igel verwandelte. Wen interessierte das schon?
„Ich bin nicht Ser Roderic.“ Ich beobachtete meine Hand, wie sie einen Finger in den Rotwein tunkte und ein Dreieck auf den Tisch zeichnete. Fasziniert sah ich zu, wie meine Hand eine kleine Geste machte und das Dreieck aufglühte. Der Geruch von brennendem Holz stieg auf. „Bei der Dreieinigkeit, ich bin nicht Ser Roderic.“
Eine weitere kleine Geste, und das Leuchten hörte auf, übrig blieb ein perfektes Dreieck, ins Holz gebrannt. Überraschend, woran man sich so alles erinnern konnte, wenn man nicht aufpasste.
Als ich wieder zu ihr aufblickte, sah ich das Verstehen in ihren Augen und die Niederlage. Von Ser Roderic war bekannt, dass er nicht einmal eine Kerze mit Magie entzünden konnte. Er war ein Krieger, ein famoser Kämpfer, aber ohne magisches Talent. Meine Stimme wurde leiser, freundlicher.
„Was genau wolltet Ihr von ihm, Sera Maestra?“, fragte ich sie.
„Ich brauche eine Eskorte durch die Donnerberge, die Steppe, dann das Kaiserreich Xian, bis hin nach Askir.“
„Askir? Existiert es überhaupt? Ich dachte, es sei eine Legende. Zudem würde diese Reise Monate dauern. Wenn alles glatt ginge.“ Ich starrte in meinen Becher. Ich hatte doch wohl mehr getrunken als gedacht, er war fast leer. „Eine ziellose Reise, die man einem alten Mann nicht zumuten sollte. Ganz abgesehen davon, dass man, um zu den Donnerbergen zu gelangen, über den Pass muss.“ Ich schüttelte den Kopf. „Auch mit Euren magischen Kräften ein vergebliches Unterfangen.“
Für eine Weile schwiegen wir. Im Hintergrund hörte ich die Unterhaltung der anderen Gäste, leiser als zuvor, immer wieder warfen sie Blicke in unsere Richtung. Etwas, das mir nicht gefiel. Man würde sich an die Sera erinnern, es war fast nicht möglich, dass man sie vergessen konnte. Genauso würde man sich an den alten Mann erinnern, dessen Gesellschaft sie so offensichtlich suchte.

Judith und Christian Vogt „Schildmaid“

„Ein wunderbarer Fantasyroman zur Wikingerzeit rund um eine Gruppe Schildmaiden und ein Langboot, das ursprünglich nie dazu gedacht war, in See zu stechen. Besonders liebe ich an diesem Buch, wie perfekt sich nordische Sagas mit neuesten Forschungserkenntnisse aus der Archäologie verbinden, um eine mitreißende Geschichte mit ungewöhnlichen Protagonistinnen zu erzählen.“

Blick ins Buch
SchildmaidSchildmaid

Das Lied der Skaldin

Eine göttliche Stimme aus der tiefgrünen See.
Ein blaues Segel in einem Traum.
Und der Aufbruch zu einer Reise, von der es kein Zurück mehr gibt ...

Seit sieben Jahren baut die Einzelgängerin Eyvor ein Drachenboot in einem Fjord. Als sich immer mehr Außenseiterinnen um sie scharen, wird sie unerwartet zur Kapitänin eines Schiffes, das eigentlich niemals in See stechen sollte.
Die Letzte, die sich ihr anschließt, ist Herdis, das Krähenkind: Verfolgt von Berserkern zwingt sie die Gruppe zum Aufbruch. Es beginnt ein tödliches Wettrennen vom skandinavischen Festland bis ins Land der Eisriesen hinein, an dessen Ende nichts Geringeres droht als Ragnarök, das Weltenende selbst.

Mystisch, mitreißend und abenteuerlich: eine moderne Neuinterpretation nordischer Sagen.

***„Schildmaid. Das Lied der Skaldin“ ist ein Einzelband.***

Anfang einer Saga


1

Vergiss, was du weißt.

Diese Saga kommt aus einer Zeit, in der Menschen nur geringen Anteil an dieser Welt hatten. Es war das Unsterbliche, das die Welt beherrschte und gestaltete. Das Monströse, das sie zermalmen würde.

Wenn die Welt ungeheuerlich ist, dann werden es auch deine Gedanken. Deine Träume. Dann weißt du nicht, ob die Monster draußen im eisigen Wind lauern oder ob du sie in deinem Herzen mit hereingebracht hast.

Es wird die Zeit kommen, in der du ihnen in die Augen blicken musst.


2

Dies ist die Saga von Eyvor Unträumbar, Tochter der Ássá und des Béga. Ássá und Béga waren Kinder eines umherziehenden Stammes aus Sápmi gewesen, von den Eisküsten des Nordens. Ássá und Béga hatten ihrer Tochter niemals gesagt, warum sie sich in der Fremde niedergelassen hatten, denn Ränke und Scham darüber waren im Spiel. Zunächst hatten sie mit Pelzen und Leder gehandelt, doch mit ihren flinken Händen und scharfen Augen brachte es Ássá als Weberin zu einigem Ruhm. Sie lehrte Eyvor das Weben.

Der Schiffsbauer Orm, der Holz-Orm genannt wurde – aus mehr als einem Grund –, heiratete Eyvor und zahlte ihrer Herkunft zum Trotz einen stattlichen Preis aus vielen breiten Armreifen, denn er brauchte ihre Kenntnisse für die Herstellung seiner Segel.

Eyvor und ihre Mutter und ihre Schwestern woben Segel für Holz-Orms Schiffe.

Sie brauchten dafür ebenso lange wie seine Männer brauchten, um die Schiffe zu fertigen, und auf den Reisen an den Küsten entlang nach Westen und nach Osten kam dem Segel ebenso viel Wert zu wie den Planken.

Holz-Orm selbst brach eines Tages ins Land Garðaríki auf, das im Osten liegt, denn dort fließen Flüsse nach Süden in fremde Meere zu neuen Reichen und Reichtümern. Er reiste mit fünf fertigen Segeln zu den Rus, einer gewaltigen, kostbaren Last, doch er starb auf dem Weg oder kam auf andere Weise abhanden, und niemand weiß, was mit seinen Segeln geschah.

Eyvor blieb zurück und trauerte nicht um Holz-Orm. Sie sagte zu einer ihrer Schwestern an dem Tag, an dem diese selbst heiraten sollte: „Ich bin heute Morgen aufgewacht und hatte vergessen, dass ich verheiratet war.“

Eine Weile webte sie weiter in Holz-Orms Webhaus mit ihrer Mutter, ihrer jüngsten Schwester und den Freigelassenen seines Haushalts. Eyvor verkaufte Tuch, lebte gut davon und von allem, was Holz-Orm, den Eyvor so rasch fortgeträumt hatte, ihr hinterlassen hatte.

Kurz nachdem die jüngste Schwester auf einen anderen Hof geheiratet hatte, starben Ássá und Béga an einem kalten Sturm, der aus dem Norden gekommen war, und an der Krankheit, die er mitgebracht hatte. Man munkelt, so habe ihr Stamm sie sich zurückgeholt.

Der Fluch aus Sápmi streckte auch nach Eyvor die Finger aus und sie wachte fieberkrank aus einem Traum voller Schnee auf. Mit feuchtem Husten in der Kehle schleppte sie sich zum Fjord, in dessen Schutz einst Holz-Orms Schiffe zusammengefügt worden waren.

Kein Schiff lag hier. Eyvor war allein. Doch in ihrem Traum hatte sie durch den Schnee hindurch ein Drachenboot mit blauem Segel gesehen.


3

Andere würden das Schiff einen unträumbaren Traum nennen.

Aber Träume reichen tief, und niemand weiß genau, welche davon wahrhaft unträumbar sind und welche Teil unseres Urðr, des Schicksals. Die Stimme in Eyvors Traum war aus der tiefgrünen Tiefe gekommen, ebenso wie eine Hand, auf der es von Seegras, Seepocken, Muscheln und kleinen Krebsen wimmelte. Diese Hand, die Hand der Meeresgöttin Rán, hatte Eyvor beschirmt und ihr das Drachenboot gezeigt.

Göttinnen sind Hüterinnen unträumbarer Träume. Welche Geschenke könnten mächtiger sein als etwas, das nicht nur unmöglich ist, sondern auch noch unträumbar? Rán begehrte solch ein Geschenk. Wenn Eyvor es ihr geben wollte, musste sie es erst erschaffen.

Eyvor musste gesund werden, um Rán ein Schiff zu bauen.

Dort, wo der Fjord breiter und seine Klippen niedriger wurden, lag ein Wald. Orm und seine Arbeiter hatten an diesem Ort das Holz für die Schiffe ausgewählt und es gab dort eine Hütte. In diese Hütte ging Eyvor und dort begann sie mit dem Bau ihres Drachenboots. Das Fieber und der Husten wichen aus Respekt vor dem Traum und der ihn hütenden Göttin.

Eyvor arbeitete allein an einem Ort, der nicht für sie bestimmt war. Das Unträumbare träumen ist schwer genug, doch es als Sámi zu träumen, es als Frau zu träumen in einem Land der Nordmänner, das ist schwerer, als die passenden Stämme zu finden, sie zu fällen, sie zu spalten, das Holz auf die richtige Weise zu trocknen, zu krümmen, zu ölen.

 

Hin und wieder ging sie zur Küste, um Rán zu sagen, dass sie aufgab. Dass der Schnee wiederkommen solle, um sie zu verschlingen. Alles sei besser, als noch einen Stamm zu spalten. Noch einen Fehler zu machen. Noch einmal mit der Leere des Scheiterns einzuschlafen.

Doch Rán schwieg, wie es die Art der Göttinnen ist. Die Nornen jedoch spinnen jedes Menschen Schicksal als Faden und verweben ihn mit anderen Fäden zu einem Tuch. Der erste Faden, den sie an den von Eyvor knüpften, war der von Wortriff-Tinna, einer Skaldin, obwohl es keine Skaldinnen gab. Ein weiterer Faden war von Störr-Skade, halbwild, mit einem Hauspeer in der einen Hand und ihren Kindern an der anderen. Ein weiterer Faden gehörte der Seherin, Herdis Kráka, dem Krähenkind. Wäre sie nicht gekommen, wäre Eyvors Schiff geblieben, wofür es alle hielten: ein unträumbarer Traum.

 

Eyvor nannte ihr Schiff Skjaldmær, Schildmaid.


4

Während Eyvor zum ersten Mal Bäume gefällt hatte, um sie in Wuchsrichtung zu spalten, hatte Tinna das Recht erworben, sich Skalde zu nennen.

Ihr Lehrmeister hatte ihr alles beigebracht, was er wusste, die Kunst der Drápa, der epischen Gedichte, und die Kunst der kürzeren Flokk, sogar, wie man die Níðs, die Schmähgedichte, führt wie einen Speer, der ins Herz eines gerüsteten Anführers fährt, ohne die Rüstung zu beschädigen. Tinna beherrschte die Kenningr, die Wörter, die ein anderes Wort meinen, und den Stabreim. Tinna kannte die Asen und die Vanen, die Geschlechter der Riesen und der anderen Ungesehenen, für die die Menschen Spielfiguren sind in ihrem Schicksalsspiel. Sie kannte ihre Geschichten und Óðinns zweihundert Namen. Tinna kannte Runen, nicht, wie eine Zauberin sie kennt, sondern sie kannte die Bilder der Runen und die dahinter verborgenen Bilder und die verborgenen Bilder wiederum dahinter.

Tinna war auf der Jagd nach einer Rune.

Es war eine Jagd ohne Waffen, eine Spurensuche, an deren Ende ein Ringen mit einem Geist stand.

Von dieser Rune flüsterte nur, wer sicher war, dass andere das Geheimnis bewahren würden. Tinna hatte sich als vertrauenswürdig erwiesen, die richtigen Fragen gestellt und im rechten Moment geschwiegen. Geduld und Hartnäckigkeit hatten sie auf die Fährte eines Mannes namens Hervard geführt. Die Spur führte zu seinem Grab.

Zu dieser Zeit hatte Eyvor gelernt, Stämme zu gleichmäßigen Planken zu spalten, und sie hatte einen langen Eichenstamm als Kiel ausgewählt und würde noch ein ganzes Jahr beobachten, wie der Baum den Stürmen trotzte, und entscheiden, welche seiner Äste später Bodenwrangen ergäben. Mal sprach sie ihm geduldig zu, an anderen Tagen verfluchte sie ihn.

Am Tag des großen Sturms, der die Eiche fällte, kam Tinna an Hervards Grab an. Viele Männer hatten schon danach gesucht, weil sie es auf Schätze und Schwerter abgesehen hatten, und so gönnte sich Hervard keine Ruhe im Tod. Der Hof in der Nähe war verlassen, denn erwachte Tote sind boshaft und wütend. Erst treiben sie das Vieh in den Irrsinn, dann dringen sie in die Träume der Menschen ein. Entweder, man sammelt seinen Mut und tritt ihnen entgegen, oder man sucht sich einen neuen Hof.

Tinna stand vor dem geöffneten Grabhügel. Auf der Schwelle hockte Hervard. Boshaft, in sich zusammengesunken starrte er mit gelben Augen in den Sturm.

Tinna verbeugte sich vor Hervard. „Ganz schön schlechtes Wetter, Bruder. Ich könnte wohl einen Ort zum Unterstellen gebrauchen.“

„Hast du mal auf dem Hof geschaut, Schwester?“

„Da spukt’s“, sagte Tinna.

Hervard meckerte ein trockenes Lachen und ließ sie eintreten.

Gemeinsam saßen sie in der niedrigen Kammer und das Licht der Blitze fing sich in Hervards Schwertern und Schätzen. Tinna ließ sich zu keinem einzigen Blick hinreißen.

„Nicht nur der Regen hat dich hergeführt, aber du hast weder Blick noch Hand nach meinen Schätzen ausgestreckt“, stellte Hervard nach sieben Blitzen fest.

„Du hast mich Schwester genannt, dann weißt du, was mich herführt.“

Hervards gelber Blick drang Tinna bis unter die Haut. Er entblößte algenbefallene Zähne – ein Lächeln. „Du hast von Peorþ gehört.“

Sie nickte.

„Sag es, es ist zu dunkel, um dich zu sehen!“

„Ich suche die Tiefe von Peorþ, die allen verborgen ist. Aber man sagt, du bist hinabgestiegen.“

„Das bin ich. Ich kann sie dir zeigen. Eine Sturmesnacht ist wie dafür gemacht.“ Damit stand der alte Leichnam auf und griff nach einem seiner Schwerter. „Nimm das andere!“

Tinna witterte eine Falle. Er würde ihr die Finger abschlagen, wenn sie nach seinem Schwert griff. „Ich habe ein Sax“, sagte sie.

Hervard der Draugr lachte erneut wie ein Ziegenbock. „Damit ist es schwerer. Leichter ist es mit meinem, denn es kennt Peorþs Linien schon.“

„Schwer bin ich gewohnt.“

Er nickte und schnitt seinen verfaulten Brustkorb auf. Das Leuchten seines alten Geistes schien heraus. „Zuerst musst du dein Herz rausholen.“

„Ich bin nicht tot wie du, ich werde daran sterben.“

„Nicht in meinem Grabhügel. Hier bin ich der Herr über den Tod.“

Tinna sammelte zwei Atemzüge lang ihren Mut, dann hob sie ihr Sax zur Brust und schnitt tief. Ihr eigenes Herz leuchtete wie eine eingesperrte Sonne. Es war ein seltsamer Schmerz, heiß und tief, als sie ihr Herz freiließ.

Sie rang nach Luft, doch es gab nur das Glühen der Sonne.

Hervard nahm sein Herz und zeigte es ihr. Auf dem pulsierenden Gelb war die Rune glutrot. „Du musst sie in dein Herz schneiden, dann vereint sie Hamr und Hugr – deine Form wird, was dein Geist wünscht. Das ist das Geheimnis.“

Tinna griff unter ihre Rippen und holte ihr Herz vorsichtig heraus. Es war, als hielte sie ihre Hand ganz nah an glühende Kohlen. Sie umklammerte das Sax mit aller Kraft, Hervard nickte ihr zu. Sein rostiger Kettenpanzer rasselte. Sie setzte die Spitze des Messers an.

„Die Magie dieser Rune auf deinem Herz wird deine Form nach deinen Wünschen wandeln. Anderen, die dich zu kennen glauben, wird sichtbar werden, wer du bist“, flüsterte Hervard eine letzte Warnung. „Sie werden das nicht mögen. Sie haben Worte und Strafen dafür.“

Doch Tinna schnitt, als hätte sie ihn gar nicht gehört, und rot blühte Peorþ auf ihrem Herzen auf.

Ein Blitz besiegelte es, und sie wusste später nicht mehr, wie sie ihr Herz wieder unter die Rippen geschoben, wie sie die Wunde geschlossen hatte. Als sie zu sich kam, lag sie mit der kurzen Klinge des Sax über der Brust auf Hervards Grab. Sie nahm ihren Schwertgurt ab und legte das Schwert ihres Vaters neben die Schwerter Hervards. Sie verbeugte sich auf der Schwelle und trat hinaus in den Regen.

 

Als Eyvor sah, dass die Eiche im Sturm gestürzt war, wusste sie, dass es kein Zurück gab. Sie schlug alle Äste ab und spannte Ochsen vor den Stamm. Er war der Kiel ihres Drachenboots.


5

Als Eyvor den Webstuhl aufbaute, um ganz allein ein Segel zu weben, hatte Skade gerade eine Tochter geboren, um deren Leben sie bangen musste, obwohl die Kleine gesund und munter zur Welt gekommen war.

Um zu erklären, was geschehen war, müssen wir jedoch weiter zurückgehen, denn Skades Weg in diese Geschichte beginnt früher als Eyvors Weg zu ihrem Schiff.

Als Skade zum ersten Mal einen Speer schwang, war ihr Erstgeborener Lífþrasir gerade alt genug, um den anderen Kindern des Hofs bei ihrem Treiben hinterherzutapsen. Sie selbst war nach der Geburt ihres zweiten Sohns noch nicht wieder in den Alltag eingespannt. Er war zu früh auf die Welt gekommen, und obwohl die Hebamme zuversichtlich gewesen war, hatte er in der ersten Nacht aufgehört zu atmen und Miðgarðr so schnell verlassen, wie er es betreten hatte. Skade selbst hatte sich schnell von den Strapazen der Geburt erholt – die anderen Frauen des Hofs hatten angemerkt, dass sie trotz ihrer schmalen Hüften wie dafür gemacht schien, weitere Kinder zur Welt zu bringen, ohne dass es sie wie so viele andere das Leben kosten würde.

Sie hatte das unbenannte tote Kind begraben. Der kleine Líf lebte und war gesund – und sie würde sicherlich noch häufiger schwanger werden, als ihr lieb war.

Jetzt war eine Zeit, sie selbst zu sein, und nur sie. Sie wirbelte den Speer durch die Luft und hielt damit unsichtbare Unholde auf Abstand. Dabei schlug ihr der Schaft gegen den Hinterkopf – doch sie ließ sich nichts anmerken. Es tat gut, ihren Körper zu spüren ohne die Trägheit der vergangenen Monate, die veränderte Balance und die Zipperlein, die selbst die gesündeste Schwangere heimsuchen.

Hákon schüttelte lachend den Kopf. „An dir ist ein Krieger verloren gegangen. Oder eine Schildmaid: Skade Stoßspeer! Freyja hätte einen Jungen aus dir machen können!“

Sie ignorierte ihn. Selbst, wenn sie sich vor ihm lächerlich machte: Er würde niemandem davon erzählen, und der Drang, die Waffe auszuprobieren, den Speer zu führen, statt ins Webhaus zurückzukehren, war einfach zu stark. Alle Muskeln gleichzeitig zu bewegen braute ein Gefühl der Lebendigkeit zusammen, das einen Schleier zwischen sie und die Tränen der letzten Tage warf. Hákon sah immer wieder vom schweren Leib der Bache auf, die er auf dem Tisch zerlegte. Seine Hände waren blutbeschmiert – wie die der Hebamme, dachte Skade und verwirbelte mit dem Speer alle Gedanken.

Hákon sagte so etwas ab und an. Vielleicht wünschte er tatsächlich, sie wäre ein Mann, vielleicht hätte das ihre Freundschaft einfacher gemacht. Aber er mochte sie dennoch, und dass er glaubte, es besser zu wissen als Freyja, schmeichelte ihr, ohne dass sie ganz fassen konnte, weshalb. Seit sie auf dem Hof voller Fremder angekommen war, war er ihr erster und bester Verbündeter. Er war nicht Teil von Ivars Hof, sondern ein Sonderling, der Gejagtes gegen Alltägliches tauschte.

Skade hatte ihren Spaß, wenn sie unter ihrem Ehemann lag, aber ansonsten war mit Ivar nicht viel anzufangen. Mit Hákon konnte sie scherzen und spotten wie mit einem Bruder. Ivar ahnte nicht, dass sie Zeit mit einem anderen Mann verbrachte, und er durfte es auch nie erfahren. Ivar tobte nicht wie andere Männer. Zum Glück fuhr er jedes Jahr monatelang auf Víking.

Hákon jedoch blieb und hatte keine Frau, die eifersüchtig werden konnte.

Blut glänzte auf der Spitze des Federspießes. Hákon hatte sie noch nicht gereinigt, nachdem er die Wildsau damit erlegt hatte, und Skade hegte kurz die beinahe kindliche Fantasie, sie halte den Speer einer Schildmaid aus den Sagas. „Zeig mir, wie es geht!“, forderte sie und stellte den Fuß des Speers schwer atmend auf dem Boden ab.

„Na gern! Schnapp dir dein Messer, dann lernst du, wie man eine Sau ausnimmt!“, erwiderte er mit einem Zwinkern.

„Du weißt genau, was ich meine, du Furz von einem Waldtroll!“ Sie musste bald wieder zurück, Líf würde nach ihr suchen. „Du hast es versprochen.“

„Und ich halte meine Versprechen“, sagte er. „Aber heute ist mir die Sau dazwischengekommen. Wir können früh üben, wenn du deinen Hintern vor allen anderen aus dem Bett bekommst.“

„Ich bin morgen früh hier!“

„Das hat aber nichts mit dem Tänzchen zu tun, das du da aufführst“, sagte Hákon.

„In der Arnviðr-Saga heißt es, die geschicktesten Schwertkämpfer sind auch gute Tänzer.“

„Von Schwertern verstehe ich so wenig wie von Sagas.“

„Aber von Speeren.“

„Davon ja.“ Geschickt trennte er mit der Klinge Fell von Fleisch.

Sie konnte sich noch nicht vom Speer trennen, blickte nach oben, betrachtete die blattförmige Spitze und die kurze Querstange darunter. „Wozu die Querstange? Stört die nicht beim Zustoßen?“

„Es stört die Sau dabei, dich zu töten! Stell dir vor, das Wildschwein hier“, er drückte gegen den massigen Leib, „rennt auf dich zu und du spießt es auf. Wildschweine sind schlau, aber wenn der Zorn sie packt, sind sie nicht zu bremsen. In ihrer Raserei merkt die Sau nicht, dass sie eigentlich schon tot ist.“

„Wie ein Berserker.“

„Ohne die Querstange könnte die Bache den Schaft des Speers mit ihrem ganzen Gewicht und der Wucht des Ansturms einfach durch sich hindurchtreiben und dich mit ihren Haken aufschlitzen.“ Er hielt sich das Sax als gewaltigen Eckzahn an den Unterkiefer.

„Hält man damit auch einen Keiler auf? Oder sagen wir einen … Berserker?“

Hákon legte das Messer beiseite und stützte sich auf den Tisch, musterte den offenen Leib darauf und wich ihrem Blick aus. „Einen Berserker tötest du nicht mit einem Stich. Du kannst nicht gegen jemanden gewinnen, dem es egal ist, ob er verletzt wird. Da rettet dich auch die Querstange nicht“, sagte er, als das Schweigen zu lang andauerte.

„Welche Waffe würdest du gegen den Berserker nehmen?“ Dies hier war gefährliches Terrain, und in welcher Tonlage solche Fragen gestellt wurden, entschied alles.

„Meine Beine. Ich würde weglaufen und die Götter und alle Ungesehenen um Gnade anflehen.“

„Was, wenn er dich in die Enge getrieben hätte?“

„Dann würde ich eine Waffe nehmen, die schreckliche Wunden schlägt. Mit der man einen Gegner auf Abstand halten kann und Fleisch, Muskeln, Sehnen durchtrennt und Knochen zertrümmert. Mit der man ins Herz stoßen, aber auch Gliedmaßen abschlagen kann. Ich würde einen Hauspeer nehmen.“

„Aha“, sagte Skade.

„Das ist eine Kriegswaffe, kein Jagdwerkzeug“, sagte Hákon leise.

„Ich will weder jagen noch in den Krieg ziehen. Ich lerne es wie einen Tanz.“

Er gab sich mit einem Seufzen geschlagen. „Dann, Skade Widderkopf, sehen wir uns morgen früh nach Sonnenaufgang auf der Lichtung. Du wirst sehen, wie man mit dem Hauspeer tanzt.“

Sie jubelte innerlich. Äußerlich blieb sie gelassen. „Ich werde da sein. Wenn Lífþrasir mich lässt.“

Hákon nickte und hielt am nächsten Tag sein Versprechen.

 

„Ich werf es gegen die Wand! Ich ersäuf es im Fluss“, brüllte Ivar zwei Jahre später. „Du läufige Trollin! Das ist nicht meine Tochter! Es ist seins, nicht wahr? Seins!“ Er spie vor Zorn, und die Speicheltröpfchen trafen Skade, die sich an die kalte Rückwand der Schlafnische presste, die Tochter schützend an sich gedrückt und nach der Geburt am Ende ihrer Kräfte.

Die alte Hebamme redete auf Ivar ein, ihre Schwester war weinend aus dem Haus gerannt. Das Neugeborene klagte leise.

Es war sein Kind, natürlich war es seins! Loki spielte Skade einen grausamen Streich damit, dass er ihrer Tochter ein Grübchen am Kinn verpasst hatte! Ein Grübchen, wie Hákon eins hatte. Skade verfluchte ihn – jeden ihn; alle Männer, sogar Hákon und seine Kinnkerbe, aber besonders Loki, Ivar und alle, die das Langhaus nicht betraten und Ivar seiner Wut überließen.

Die Skade und das Neugeborene Ivars Wut überließen.

Gefährlich wie eine Feuersbrunst war Ivar, wenn er sich der Bärenwut hingab. Sie machte ihn im Krieg zu einem schier unbezwingbaren Kämpfer und besungenen Helden, aber brachte im Frieden alle, die ihm nah waren, in Lebensgefahr. Skade wusste, dass sie ihn nicht reizen durfte, und tat es trotzdem oft, weil ihre Zähne sich weigerten, auf ihre Zunge zu beißen. Sie verlor selbst die Beherrschung – über Gedanken, die zu Gesprochenem wurden! Oft schon hatte er geklagt, einen zu hohen Brautpreis für ein störrisches Weib gezahlt zu haben. Ihre Schönheit, das Erbe ihrer Mutter, habe ihn geblendet. Trotzdem mied er Konflikte mit ihr – er wusste, warum.

Doch diesmal – diesmal stand er kurz vor der Bärenwut. Adern pochten dick unter seiner Haut, das Weiße der Augen wurde rot. Er brüllte wortlos und das vertrieb auch die Hebamme. Mit sich hebenden und senkenden Schultern kämpfte er mühsam um seine Beherrschung.

„Gib sie mir!“, flüsterte er heiser. „Her mit dem kleinen Bastard.“ Seine Schreie klingelten noch in ihren Ohren. „Gib sie mir freiwillig, sonst kann ich dir nicht versprechen, dass du überlebst.“

Sie wimmerte vor Angst. Um sich selbst, aber vor allem um dieses kleine Mädchen, das in ihrem Körper begonnen hatte zu leben und nun in ihren Armen lebte.

Was, wenn sie es ihm gab? Dann wäre es tot wie das zweite. Noch hatte es keinen Namen. Keine Fylgja. Keinen Geist.

Aber es war so lebendig, und es war sein Kind! Sie zitterte am ganzen Leib. Sie konnte riechen, wie das Tier in seinem Innern Besitz von ihm ergriff, und es raubte ihr den Atem.

„Bitte, ich schwöre dir, Ivar, es ist dein Kind. Deine Tochter!“ Sie schluchzte.

„Du sollst sie mir geben.“ Die künstliche Ruhe in seiner Stimme verflog, er presste die Worte zwischen den Zähnen hervor, ein entweichender Dunst aus Hass. Die Pranken zu roten Fäusten geballt schwollen die Muskeln seiner Arme an, stemmten sich zitternd gegen den Stoff. Ivar kämpfte um die eigene Beherrschung – und er würde diesen Kampf verlieren.

Wenn sie das Kind weiter an sich presste, würde er nicht an sich halten. Das Neugeborene töten, sie töten, andere auf dem Hof … vielleicht sogar Lífþrasir. Und trotzdem konnte sie es nicht loslassen. Sie musste Verwirrung in seine Wut streuen wie Sand in die Augen eines Feindes. Das Kind an sich gedrückt kroch sie aus der Bettnische mit Gliedern wie aus Holz. Sie schützte es mit ihrem Körper, als sie vor Ivar auf die Knie sank. Ihr Körper schmerzte, aber sie ignorierte ihn und senkte den Kopf. Vermisste Ivar nicht stets Ergebenheit an seiner Frau? Hier war sie.

Sie hasste ihn dafür, dass er sie um das Leben seines eigenen Kindes flehen ließ. Doch in ihren Adern pulsierte kein göttlicher Herzschlag und dieser Hass blieb wirkungslos.

Aber die Geste blieb es nicht. Seine Hände entspannten sich. Er atmete schnaufend ein.

„Du schwörst, dass das mein Kind ist und nicht das von Hákon dem Níðingr?“

„Ja! Ich schwöre es!“ Das fiel ihr leicht, es war die Wahrheit.

„Dann ist dir das Leben unserer Tochter sicher mehr wert als das Leben irgendeines freien Mannes“, sagte er und die besinnungslose Wut wich kalter Bosheit in seinem Blick.

„Ja, natürlich.“ Sie ergriff die Gelegenheit, das Leben ihrer Tochter zu retten, ohne zu zögern.

„Unsere Tochter wird leben, Skade. Ich stelle auf andere Weise sicher, dass unsere Ehre intakt ist“, sagte er und verließ das Haus.

Skade sackte an die Bettstatt, aber die Erleichterung kam nicht. Stunden später lag das Erlebte bereits wie unter einem Schleier. Sie zeigte Líf das neue Schwesterchen und kümmerte sich gemeinsam mit der Hebamme um ihre Tochter. Das Mädchen, das Ivar später Heiðr nannte, nach seiner Mutter, trank gierig und kräftig, als wüsste es, dass es schnell stark werden musste in dieser Welt.

Hákons Leiche fand man in seiner Hütte am Waldrand. Er war zu Tode geprügelt worden. Ivar machte keinen Hehl daraus, prahlte aber auch nicht damit, zahlte Blutgeld an Hákons Familie, und damit war die Sache erledigt.

Skade schloss die Trauer für den geliebten Freund mit der Schuld in sich ein. Tage später stahl sie sich zu Hákons verwüsteter Hütte, nahm den Hauspeer mit der langen Klinge und versteckte ihn in einer Scheune. Mit dem letzten Blick auf den Speer schwor sie, dass Ivar nie wieder jemandem etwas antun würde, den sie liebte.


6

Als Eyvor sich daran versuchte, die Planken der Außenhaut wie Ziegel aneinanderzulegen und mit Eisen zu vernieten, war Herdis Kráka allein in der Halle ihres Großvaters und nahm den Zierrat von der Wand. Er hatte ihrem Vater Bolli gehört und ihre Mutter hatte ihn aus dem Osten mitgebracht – anders als ihren Vater, denn Bolli war lange schon tot. Wenn Herdis’ Großvater getrunken hatte, zischte er stets, dass sein Schwiegersohn vieles gewesen sei, aber gewiss nicht Herdis’ und Birgers Vater. Er wünschte wohl auch, Folka sei nicht ihre Mutter, aber so etwas ließ sich nun einmal nicht leugnen.

Bolli hatte in der Leibgarde eines Königs gedient, in Mikligarðr im Osten und Süden. Folka lachte jedes Mal darüber und sagte, es heiße Konstantinopel nach seinem größten König. Als Bolli im Kampf gefallen war, war Folka zu ihrem Vater heimgekehrt, denn welchen Platz hatte Mikligarðr für eine Witwe wie sie? Kaum bei ihrem Vater angekommen war sie aufs Lager gefallen und hatte Zwillinge geboren.

Birger und Herdis sahen nicht aus, wie man sich Bollis und Folkas Kinder ausgemalt hatte. Warum sie so dunkel seien, hatte Folkas Vater gefragt. „Im Süden schien viel die Sonne“, hatte Folka leichthin erwidert.

Herdis ließ ihre Hand über den Zierrat gleiten. Er war alt, sehr, sehr alt, hatte ihre Mutter gesagt, und er sei ihrem Vater vor allem wegen der Edelsteine darauf gegeben worden.

Die Klinge war das, was so sehr, sehr alt war; eine kurze, breite und an der Spitze dreieckig zulaufende Klinge. Die Schneiden waren inzwischen stumpf, teils uneben, was das Silber, mit dem die Klinge überzogen war, jedoch verhehlte. Ein altes Schwert, in Ehre entlassen. Den Grünspan putzte Folka stets fort, denn es war eines von zwei Andenken an Bolli: dieses Schwert, das ihre Mutter Gladius nannte, und die gewaltige zweihändige Dänenaxt, die Bolli als Leibwache geführt hatte; ungleiche Zwillinge.

Sie hatte beide Waffen im Traum gesehen – einem beunruhigenden Traum, selbst für jemanden wie Herdis, die nur beunruhigende Träume kannte. Ihre Krähe äugte aus dem Windloch herein.

„Es ist niemand da“, murmelte Herdis, die nicht aufschauen musste, um den Vogel zu bemerken. Normalerweise wurde die Krähe vertrieben, wenn sie sich zu nah an die Menschen wagte.

Sie fuhr mit den Fingern über die Klinge zum bronzenen Parierstück. Dieses war im Gegensatz zur Klinge neu, reich mit Steinen geschmückt umschmiegte es den Griff aus Holz und Elfenbein. Herdis setzte die Schwertspitze zwischen ihren Beinen auf den Boden und drehte die Waffe vorsichtig, wie die Völva es mit ihrem Eisenstab tat.

Gestern Abend war Birger fortgegangen. Er war ein Berserker, seit seiner Geburt, und als solcher würde man ihn auf dem Siebten Langboot darin unterweisen, seine Wut in die richtigen Bahnen zu lenken, Feinde statt Freunde zu zerschmettern. Seine Krähe war mit ihm gezogen, und er, nur wenig breiter und größer als seine Zwillingsschwester, würde lernen müssen, die Dänenaxt zu führen, die ihn noch lange überragen würde.

Herdis drehte das Schwert wie die Völva den Stab und beschwor den Traum erneut herauf:

 

Ein Schwarm aus Schwertern auf spiegelndem Eis

Ein Schwirren von Schwarzmöwen unter stürmischen Himmeln

Schwert und Schweif führen Schwester und Bruder

Sie schlagen die Schlacht, bis Schwertwasser fließt

 

Im Traum war es ihre Hand gewesen, die das Schwert führte – und Birgers Hände schwangen die Dänenaxt. Erbittert waren sie aufeinandergeprallt: Funken und abgesprungenes Silber.

 

Fest in der Faust des Fimbulwinters gehalten

Die Frucht der Folka fällt in der Schlacht

Es fallen aus Vogelhöhen einander ferner Schwärme

Die Flüche des Fjölnir, die Vögel ihrer Seelen.

 

Gegeneinander würden sie kämpfen in jenem letzten langen Winter vor dem Weltenende, in jenem Zeitalter der Wölfe. Herdis war zu schlau, um zu hoffen, eine Weissagung ändern zu können, die schon geträumt war. Aber anders als die Männer der Sagas würde sie die Warnung nicht in den Wind schlagen und halsstarrig weitermachen, wonach ihr vor der Prophezeiung der Sinn gestanden hatte.

Nicht nur Birger war seit seiner Geburt von Óðinn erwählt, auch sie war es. Wie alle Menschen bestanden Auserwählte aus vier Teilen: Hamr, die Form des Körpers. Hugr, der Kern des Wesens. Fylgja, der Geist einer Ahnin. Und ihr Glück. Doch bei den Auserwählten nahm Fylgja die Form einer Krähe an, die stets in der Nähe und so unvermeidlich wie unverwüstlich war. Eine Fylgja außerhalb des Körpers ließ Platz für Óðinns Geschenk. Bei Männern war es die Berserkerwut. Bei Frauen war es Seiðr, die gefährlichste und mächtigste aller magischen Gaben.

Mit dieser Gabe mochte Herdis herausfinden, welches Schicksal sie sterbend erfüllen würde. Und warum sie dieses stumpfe Schwert so gut würde führen können, dass ihr Bruder mit ihr starb.

 

Als Herdis Gladius zum ersten Mal drehte wie eine Völva ihren Stab und dabei doch nur in einen Schleier blickte, den die Nornen zwischen sie und ihre Bestimmung warfen, begriff Eyvor, dass sie mit dem Beplanken von vorn würde beginnen müssen. So oft sie auch geholfen, zugesehen und mitgeschwitzt hatte, wenn Holz-Orm mit den Schmieden, den Zimmerleuten und allen helfenden Händen die Planken gefügt hatte, so deutlich wurde ihr nun, dass niemand allein in einem Wald ein Schiff bauen konnte.


7

Eyvor steckte in einem unmöglichen Traum.

Sie hatte aufgehört, daran zu glauben. Meist stand sie dennoch morgens auf und fällte Bäume. Versuchte, dennoch Planken zu spalten, zu krümmen, festzunieten. Holte Tierhaar von den benachbarten Höfen, um die Zwischenräume damit abzudichten. Sammelte es selbst in den Ställen auf. Sie hatte begonnen, das Segel zu weben, doch es waren erst wenige Handbreit geschafft. Ein Schiff, das nicht existierte, konnte auch nicht segeln. Überhaupt, wer sollte es segeln?

Manchmal stand sie morgens nicht auf, sondern wartete darauf, aus diesem Traum aufzuwachen. Doch wenn Göttinnen rufen, kann man nicht einfach so tun, als höre man sie nicht.


8

An solch einem Morgen fand Tinna zu Eyvor.

Als sie von Hervards Grab zurückgekehrt war, hatte Tinna ihrem Lehrmeister gesagt, sie beabsichtige nicht, Fürsten als Skalde zu dienen, sondern als Skaldin. Er hatte nur den Kopf geschüttelt. Er kannte Tinna schon lange, hatte einiges geahnt und manches gefürchtet.

Argr-Tinna hatte man sie in der Fürstenhalle genannt. Hervard hatte sie gewarnt: Argr, das bezeichnet Männer, die feige sind, weibisch, die sich für andere Männer bücken oder im ärgsten Falle alles zugleich. Tinna hatte versucht, eine Skaldin zu sein, und war gescheitert. Es gab keine Skaldin in den Hallen von Fürsten.

Es gab überhaupt keine Skaldinnen.

Dabei war an ihrer Dichtkunst nichts auszusetzen: Ihre Drapa hatten Flügel, ihre Níðs hatten Klauen, und so ging sie im Hinterland, wo niemand ihren Beinamen kannte, von Hof zu Hof und erwarb sich Brot und Bier damit, dass sie den gastgebenden Hausherrn zur Freude seiner Frau verspottete, aber die Feinde des Hausherrn noch mehr. Sie spann in jede kleinliche Fehde ein wenig Glanz, Größe und göttliches Schicksal, brachte beide Parteien zu Fall, doch die eine landete wie eine Katze auf den Füßen und die andere wie ein hörnerloses Lamm auf dem Kopf.

Sie war weit in den Norden gereist, wo die Fürsten mehrere Frauen hatten und die Höfe einsam und karg waren, ohne Goldplaketten an den Säulen. Als die Tage kürzer wurden, schien ihr die Welt klein, nur wenige Tagesmärsche würden sie wieder dorthin bringen, wo man ihrem Namen ein Schmähwort hinzufügte. Da hörte sie von einer Frau, die allein im Wald ein Schiff baute.

Eyvor Unträumbar nannte man sie und dieses Schmähwort entzündete etwas in Tinna. Unträumbare Träume waren ihr Spezialgebiet. Sie hegte ihre eigenen und besang die der anderen.

Sie fand das steil aufgestellte Schiff im Wald – gefällte Bäume und herumliegende, verworfene Trümmer hatten ihr den Weg gewiesen. Es war noch nicht viel, aber es ähnelte durchaus einem Schiff. Sie umrundete es und hielt Ausschau.

Unweit der Baustelle stand eine Hütte.

In dieser Hütte war eine Frau dabei, Thor aufzufordern, ihr das Dach über dem Kopf zusammenbrechen zu lassen. Thor jedoch hatte gerade Besseres zu tun und statt eines Donnergrollens klopften Knöchel an der Tür. Die Frau setzte sich vorwurfsvoll auf. Es fiel kaum Licht in die Hütte und Tinna blieb auf der Schwelle stehen.

„Bist du Eyvor Unträumbar?“

„Eyvor Bégasdóttir bin ich. Was willst du?“ Sie schwang die Beine vom Lager, verschränkte die Arme und baute sich vor Tinna auf, die in den Raum trat, um nicht größer zu wirken, als sie ohnehin war. Sie überragte Eyvor dennoch um zwei Haupteslängen, und diese nahm es zur Kenntnis mit der Resignation einer Person, die immer die kleinste im Raum ist, sofern keine Kinder anwesend sind.

„Ich bin Tinna Skaldkuna.“

„Wenn du nur Worte und nicht Hammer, Dechsel oder Bohrer schwingen kannst, gibt es hier keine Geschichte für dich.“

Tinna setzte sich auf einen Hocker und Eyvor ihr gegenüber auf die Bank neben der Tür. Sie musterten einander, das schmale neugierige, blondumrahmte Gesicht mit der kühnen Nase sah in das runde, argwöhnische mit den hohen Wangenknochen.

„Es gibt also nur etwas zu besingen, wenn ich mehr beitrage als Verse?“

„Wenn du keine harte Arbeit gewöhnt bist, ist das hier nichts für dich.“

„Die härteste Arbeit hier scheint zu sein, vor dem Mittag aus dem Bett zu kommen. Und mir ist gelungen, dich dazu zu bewegen.“

„Du siehst nicht gerade kräftig aus.“

„Mehr als die Kraft meiner Arme treiben meine Spottgedichte an, aber meine Hände sind auch nicht ohne.“

Eyvor musterte sie, dann stand sie abrupt auf und warf den unordentlichen braunen Zopf auf den Rücken. „Wir arbeiten, bis es Nacht wird. Wir werden sehen, Versenschmiedin, was du mit einem Hammer taugst.“


9

Eine Zeit lang arbeiteten sie zu zweit, und Eyvor versuchte seltener, den Ruf der Rán zu ignorieren. Die Außenhaut gedieh so weit, dass sie bald bei der dicksten Planke an der zukünftigen Wasserlinie angekommen waren, und die erste Bahn des Segels war auf dem Webstuhl ein paar Handbreit gewachsen.

Am nächsten Morgen fand Tinna Eyvor am Meer, an das der Wald fast heranreichte. Ráns gierige Gezeiten hatten haufenweise Algen angespült, die ihr nicht geheuer waren. Vom anderen Ende der Bucht kam ein Boot herüber, drei Gestalten saßen darin.

„Wartest du auf jemanden?“, fragte sie. Eyvor neben ihr schüttelte den Kopf.

Es war ein grauer Tag im Góa, an der Schwelle zwischen Winter und Frühjahr, nicht neblig, aber so trüb, dass die drei in dem Boot genauso gut eine Botschaft aus unterseeischer Tiefe hätten sein können. Eyvor sah aus, als fürchte sie genau das.

„Es sind drei Mädchen.“ Tinna erkannte Haar und Kleidung. Eine von ihnen war eine Ambátt, das Haar kurz geschnitten. Die beiden anderen trugen Stirnbänder und das Haar zu Knoten am Hinterkopf verschlungen. „Sie rudern wie Leute, die keine Übung darin haben. Ich glaube nicht, dass deine Göttin sie geschickt hat.“

„Dann sind sie geschickt, um meinem Treiben ein Ende zu machen.“

„Man lacht über Eyvor Unträumbar. ›Soll sie es doch versuchen‹, sagt man. ›Sie wird schon sehen.‹ Ich glaube nicht, dass man dir drei Mädchen schickt, um dir deinen Untraum zu nehmen.“ Außerdem hätten sie den Landweg gewählt und keine Nussschale durch den Fjord gejagt.

Sie warteten am Strand auf Antworten. Schließlich kratzte der Kiel im Sand, Algenberge gaben unter den letzten Paddelschlägen nach, dann sprang die Ambátt heraus und schob das Boot mithilfe der Wellen so weit auf den Strand, dass die beiden Mädchen aussteigen konnten, ohne nasse Füße zu bekommen. Die Ungeduldigere wurde dennoch von einer Welle eingeholt, die ihre Schuhe überspülte.

„Bist du Eyvor Unträumbar?“, fragte die Älteste, die vielleicht siebzehn war, und ihr Blick heftete sich auf Tinna. Ihr braunes Haar hatte in den Längen den Rotstich, der entstand, wenn man es mit Lauge heller wusch. Ihre ungeduldige Gefährtin war strohblond und wirkte herrisch – oder unsicher – in der Art, wie sie ihr Gesicht verzog. Die Ambátt schließlich war dunkelhaarig, voller Sommersprossen und klein, schmaler als die beiden Freien, aber nicht so dünn, dass es den Anschein machte, sie sei schlecht behandelt worden.

„Das hier ist Eyvor Unträumbar, die Erbauerin der Skjaldmær. Ich bin Tinna, ihre Skaldin.“

„Was wollt ihr hier? In wessen Auftrag seid ihr hier?“, fragte Eyvor.

„Wir sind hier, um … Ich bin Gudny, das ist Thorbjorg, meine Cousine, und das ist unsere Dienerin Unn.“

Sie sagten nicht, wessen Töchter sie waren. Tinna sah Eyvor unauffällig von der Seite an. Sie würde nach ihrem vollen Namen fragen und sie dann wieder auf ihre Höfe schicken. Wenn sie fortgelaufenen Töchtern Obdach bot, würde es nicht mehr lange gut gehen mit ihrem Untraum. Aber Eyvor maß die drei Mädchen mit Blicken.

„An den Paddeln hattet ihr es schwer. Vielleicht habt ihr an Hämmern und Beilen mehr Glück. Kommt mit.“

James A. Sullivan „Die Chroniken von Beskadur“

„Ein wahrhaft episches Fantasyabenteuer rund um das Volk der Elfen, Reinkarnation und mächtige Magie. Wie es im Genre üblich ist, geht am Anfang des Romans ein junger Held auf eine lange Reise – doch wie auch sein Held betritt James A. Sullivan mit diesem Roman ganz neue Wege und bringt frischen Wind ins High-Fantasy-Genre." 

Blick ins Buch
Das Erbe der ElfenmagierinDas Erbe der Elfenmagierin

Roman

Gemeinsam mit Bernhard Hennen schrieb James A. Sullivan einen der erfolgreichsten deutschen Fantasy-Romane: „Die Elfen“. Mit der vorliegenden High-Fantasy-Dilogie kehrt er nun in sein Heimatgenre zurück.

Sullivans elfischer Protagonist, Ardoas, trägt die Seele und die Erinnerungen der legendären Magierin Naromee in sich – und damit eine schwere Bestimmung: Nur er soll in der Lage sein, seinem Volk die vor langer Zeit gestohlene Seelenmagie zurückzubringen. Helfen soll ihm ein mysteriöses Orakel, das jedoch spurlos verschwunden scheint – und mächtige Feinde sind ihm auf den Fersen. Zahlreiche Gefahren lauern auf dem Weg zum Felsentempel von Beskadur, wo sich Ardoasʼ Schicksal entscheidet.

Der erste Band des Zweiteilers „Die Chroniken von Beskadur“: Ein fantastisches Abenteuer, das die klassische High Fantasy neu denkt.

Ardoas


In der Elfensiedlung Ilbengrund gab es an diesem Feiertag nur ein Haus, in dem Ruhe herrschte. Es fügte sich zwischen den Fürstenpalast und den Turm der Gelehrten. Manche nannten es das schmale Haus, andere bezeichneten es als das Haus der Inkarnationen, für die meisten aber war es das Haus der Naromee – das Haus der Magierin, die vor mehr als zweitausend Jahren in der Fremde starb und in immer neuen Inkarnationen wiedergeboren wurde.
Zwischen den beiden hohen und prachtvollen Gebäuden wirkte das schmale Haus mit seinen drei Stockwerken, der zerfurchten Borkenfassade, dem tief gezogenen Schilfdach und den geschlossenen Fensterläden unscheinbar – als wollte es nicht mehr Aufmerksamkeit als nötig auf sich ziehen. Dabei war es an diesem Tag das wichtigste Gebäude der Siedlung.
Die Elfen von Ilbengrund feierten das Fest der Naromee. Da der Geburtstag der legendären Zauberin nicht in den Chroniken verzeichnet war und jene, die damals schon am Leben gewesen waren, sich nicht des Datums erinnerten, ehrte man Naromee an dem Geburtstag ihrer jeweiligen Inkarnation. In diesen Jahren – am neunundzwanzigsten Tag des fünften Mondes – war es der Geburtstag des Elfen Ardoas. An diesem Tag war es jedoch keine gewöhnliche Feier, denn Ardoas wurde zweiunddreißig Jahre alt und galt damit als erwachsen.
In der dritten Etage, direkt unter dem Dach, zwischen Schränken, Truhen und Büchern, betrachtete Ardoas an diesem Morgen das große Gemälde, das Naromee zeigte. Sie hatte kaum Ähnlichkeit mit ihm, denn sie war blass, er hingegen hatte braune Haut; sie hatte längere und spitzere Ohren als er; ihre Augen waren blau, die seinen dunkelbraun. Zwar hatten sie beide dunkles Haar, aber ihres, das fast bis zu den Hüften reichte, war glatt, seines war lockig. Auf dem Gemälde trug Naromee ein traditionelles Gewand einer Elfe aus Alvasur – blau, mit einem weiten Rock, aus dem ihr rechtes Bein zum Teil herausschaute und den magischen Teil ihres Unterschenkels zeigte. Das Segment wirkte wie ein lang gezogener Stein, der mit der Haut oberhalb und unterhalb verwachsen war. Der Sage nach hatte ein Drache Naromee verletzt, und sie war nur knapp mit dem Leben davongekommen.
Ardoas hatte die Geschichten von Naromees Abenteuern als Kind gerne gehört: wie sie in Alvasur zur Heldin geworden war, hier in Alvaredur für eine Weile mit ihrer Geliebten – der Kriegerin Nyra – zur Fürstin von Ilbengrund gewählt wurde, dann aber die Würde vorzeitig an den Rat zurückgegeben hatte, nachdem Nyra am Glanzfieber hatte sterben müssen, kurz bevor ein Heilmittel gefunden war.
Nach der Zerstörung der Siedlung Nalmenhain, deren Hintergründe nie aufgeklärt wurden, kehrte Naromee den Elfengefilden den Rücken. In den meisten Sagen hieß es, sie wäre der Spur der Täter in die Fremde gefolgt, um Rache zu nehmen. Niemand kannte die Wahrheit. Nur er selbst wusste es, denn irgendwo tief in ihm verborgen lag die Antwort. Was immer in der Fremde geschehen war – Naromee hatte dort den Tod gefunden, wie all ihre Inkarnationen nach ihr, wie alle, die Ardoas vorausgegangen waren.
Je öfter er die Geschichten von Naromees Abenteuern als Kind vernommen hatte, umso deutlicher hatte er verstanden, was sie ihm sagen sollten: Wage dich nicht in die Fremde! Verweile in sicheren Gefilden!
Von alten Zweifeln bewegt, wandte Ardoas sich von dem Gemälde Naromees ab. Vordergründig war er auf das vorbereitet, was ihn an diesem Tag erwartete. Er trug sein edelstes Gewand und war ausnahmsweise ausgeschlafen. Aber wie es Tradition war, wusste er nichts von dem, was vor seiner Tür geschah.
Über die Wendeltreppe im hinteren Teil des Hauses stieg er in den zweiten Stock hinunter. Zur Linken blickte er im Vorbeigehen durch die sechs offenen Türen in die kleinen Kammern, in denen die Schriften und einige Habseligkeiten seiner früheren Leben zu finden waren. Die siebte Tür und die drei, die folgten, waren geschlossen. Sie waren für ihn und die Inkarnationen gedacht, die nach ihm kommen mochten. Die Zimmer waren Mahnmale des Versagens.
Über die vordere Wendeltreppe gelangte er in den ersten Stock und passierte seinen Schlafbereich. Im Erdgeschoss angekommen, verharrte Ardoas lauschend. Harfen und Trommeln probten draußen gegeneinander, und der Chor mischte sich ein, als wollte er zwischen ihnen vermitteln.
Ardoas ging nach hinten in seine Studiernische und ließ seinen Blick über die Landkarte wandern, die über dem glatten Lesetisch hing – die Karte einer Welt, die er nicht näher kennenlernen würde, solange er die Erinnerung an Naromees Leben nicht zurückgewonnen hatte.
Bei der Frage, welche Veränderung er sich anlässlich seiner Volljährigkeit wünschte, war er nicht weitergekommen. Die Zwänge, denen er unterworfen war, ließen ihm nur wenige Möglichkeiten. Zu viel hing davon ab, dass er sein Ziel erreichte – die Erinnerung an Naromees Leben zu finden, ihr Wissen zu enträtseln und der Gemeinschaft zur Verfügung zu stellen. Sollte er auch in dieser Inkarnation zu früh den Tod finden, müssten alle Mühen wieder von vorne beginnen. All das, was die Gemeinschaft ihm gewährt hatte, würden sie der nächsten Inkarnation erneut gewähren müssen.
Es klopfte an der Verbindungstür zum Palast, und Ardoas fragte sich, wen seine Eltern – der Tradition folgend – zu ihm schickten, um ihn abzuholen. Er öffnete und erstarrte vor Überraschung beim Anblick der Frau, die dort auf dem hell erleuchteten Palastgang stand.
Er hätte mit vielen gerechnet: mit seinem Bruder Lydon, seiner Schwertlehrerin Xidasara und seinem Sprachenlehrer Uldoril, aber vor ihm stand Zordura – seine Tante, die Schwester seines Vaters, die in manchen seiner früheren Leben seine Lehrmeisterin gewesen war, in einem sogar seine Mutter.
Das letzte Mal hatte er sie vor genau vierzehn Jahren gesehen. Damals war sie so dünn gewesen, dass viele sich um ihre Gesundheit gesorgt hatten. Doch nun wirkte sie wohlgenährt. Sie hatte ein fülligeres Gesicht bekommen, und ihre dunkelbraune Haut wirkte nicht mehr ausgetrocknet, sondern glänzte. Ihre Ohren waren – wie die seines Vaters und seine eigenen – für Elfenohren klein und stachen kaum aus ihren dunklen Locken hervor.
„Du?“, sagte Ardoas leise und bat sie herein.
Zorduras Lächeln wirkte gelöst und schwankte nicht wie bei ihrer letzten Begegnung zwischen besorgt und gequält hin und her. Mit ihrem unverkennbaren Singsang, den hier in Ilbengrund fast nur noch die ältesten Elfen pflegten, sagte sie: „Alles Gute, mein lieber Ardoas“, dann trat sie ein. „Damit hast du nicht gerechnet, nicht wahr?“
„Dass du Derothur meinetwegen verlassen würdest? Nein.“ Seine Tante lebte als Einsiedlerin auf dem Hügel Derothur, dem Hügel der Ankunft. Dort hatten Elfen, Zwerge und die Feenwesen auf ihrer langen Reise ein magisches Portal aus der vorigen Welt in diese durchschritten – von Alvasur nach Alvaredur.
„Du hast dich kaum verändert.“ Zordura musterte Ardoas von oben bis unten.
„Es ist eine Weile her“, entgegnete er.
Zordura lachte. „Du darfst ruhig sagen, dass ich mich verändert habe. Als wir uns das letzte Mal sahen, war ich krank. Ich musste mich zurückhalten, um all die köstlichen Speisen nicht in mich reinzustopfen.“
„Nun siehst du gesund aus.“
„Nur für deinen Blick. Ich bin mir sicher, die anderen hier tuscheln bereits darüber, dass ich mich auf einen gewaltigen Zauber vorbereite, der an meinem Körper nagen wird, und ich deswegen ein bisschen dicker bin. Aber du? Du hast ein gutes Auge. Du siehst, dass ich mich einfach wohlfühle.“ Sie breitete die Arme aus, und er zögerte nicht und drückte Zordura an sich.
„Ich habe dich vermisst“, sagte er, nachdem er sich von ihr gelöst hatte und ihr in ihre braunen Augen schaute. „Jeden Moment von damals habe ich in Erinnerung behalten. Das hat sich tiefer eingeprägt als manche Jahre, die ich hier in Eintönigkeit verbrachte.“
Sie strich ihm sanft über die Wange. „Du wirst hier von den Besten unterwiesen. Eine solche Ausbildung hätte ich mir in deinem Alter gewünscht.“
„Aber was nützt es, Sprachen zu lernen, die ich nie anwenden kann; meine Kampfkünste zu verfeinern, wenn ich nie kämpfen werde? Selbst das Bogenschießen habe ich gelernt, obwohl ich nie hinaus auf die Jagd gehe. Wozu all das Wissen über eine Welt, die ich nie erkunden werde?“
„Deine Eltern wollen dich schützen“, erwiderte Zordura. „Glaub mir, wir alle haben viel zu oft erlebt, dass deine Seele wiedergeboren wurde. Und dennoch glauben wir an dich.“
„Ja. Aber statt mich der Erinnerung näher zu bringen, erinnert es mich nur an das, was ich niemals haben werde. Sie trösten mich, indem sie die Wunde offen halten.“
„Hast du mit ihnen darüber gesprochen?“
„Sie meinen, ich müsste auf alles vorbereitet sein. Falls etwas Unvorhergesehenes passiert.“
Zordura grinste. „Oder aber etwas Vorhersehbares: dass es dich auch in diesem Leben in die Fremde zieht.“
„Mein Scheitern scheint bereits eine abgemachte Sache zu sein. Sie zweifeln an mir.“
Zordura biss sich auf die Lippen, holte tief Luft und sagte: „Du bist es, der hier zweifelt: an den Absichten jener, die dich lieben. Deine Eltern hoffen, dass die Dinge, die du lernst, deine Erinnerung wecken. Sie wollen nur, dass du allem auf Elfenweise begegnest.“
Auf Elfenweise! Das hieß, Dinge anzustoßen, ihnen Zeit zur Entfaltung zu lassen, während man mit der Zuversicht weiterlebte, irgendwann das Ziel zu erkennen und es schließlich zu erreichen. Auf Elfenweise zu zweifeln hieß, das eigene Scheitern kommen zu sehen.
„Ich wünschte, du wärest meine Lehrmeisterin geworden“, sagte Ardoas.
„Auf gewisse Weise war ich dir eine Lehrmeisterin. Oder willst du sagen, du hast die Aufgaben, die ich dir gestellt habe, nicht erledigt?“
Ardoas musste grinsen. Sie hatte ihn damit beauftragt, eine Liste von Recherchen abzuarbeiten: Personen, Orte und Ereignisse. „Ich habe alles erfüllt. Aber das ist es ja. Auch deine Fragen zielten auf Dinge außerhalb unserer Gefilde ab. Das Schicksal irgendeines Magiers, die Geschichte irgendeines Ortes. Ich habe unzählige Reiseberichte gelesen – mit der Gewissheit, dass ich diese Reisen niemals selbst nachvollziehen werde.“
„Du hast gelernt, dass die Schriften derer, die auf Reisen gingen, dir zur Reise werden können.“
„Das ist wahr. Und ich muss zugeben, dass deine Aufgaben reizvoller waren als das meiste, das ich hier lernte. Es hatte keinen Bezug zu meinem Leben. Es hat mir so gut gefallen, dass ich mir oft gewünscht habe, meine Eltern hätten mich damals mit dir nach Derothur geschickt.“
Zordura lachte leise. „Das hätte dich zu nahe an die Außenwelt geführt – zu nahe an die Gefahr, die dir immer wieder das Leben nahm. Du hättest aus dem Fenster geschaut und mitten im Flusstal Vaalburg gesehen. Und der Anblick der Stadt hätte vielleicht Sehnsüchte geweckt. Dem wollten dich deine Eltern sicherlich nicht aussetzen.“
„Ich glaube, hätten sie mich damals mit dir gehen lassen, hätte ich mehr aus diesen Jahren gemacht. Aber ich freue mich, dass sie dich geschickt haben, um mir die Fragen zu stellen.“
Zordura tippte sich gegen die Stirn, als wäre es eine Zaubergeste. „Ja, die Fragen! Die Zeremonie muss natürlich ihren Lauf nehmen. Aber möchtest du wirklich, dass ich dich zum Schein prüfe und sage: Du bist ein großer Heilzauberer und ein Seher der magischen Flüsse? Wäre es nicht besser, dir eine Frage zu stellen, deren Antwort du nicht vorher schon kennst?“
„Das wäre mir wahrhaftig lieber“, sagte Ardoas.
„Nun, dann …“ Sie nahm eine gerade Haltung ein und sagte mit übertriebener Stimme: „Ardoas der Zweite, Sohn der Elwaree und des Yordoas, die siebte Inkarnation Naromees! Nur eine Frage musst du mir beantworten: Was kann ich dazu beitragen, dass du auf deinem Weg vorankommst?“
Ardoas überraschte diese Frage, die nicht weiter vom Zeremoniell hätte abweichen können. Tatsächlich hätte Zordura Stück um Stück seine Bildung abfragen müssen, um am Ende festzustellen, dass er mündig war. Er überlegte nur kurz und sagte: „Hilfst du mir, die Zweifel loszuwerden?“
„Aber natürlich“, antwortete Zordura mit sorgenvoller Miene. „Ist etwa das geschehen, was ich befürchtet habe?“
Ardoas nickte langsam. „Die Frage, ob die Zuneigung der anderen mir gilt oder aber jenen, die vor mir kamen, war Nahrung für all meine Zweifel.“
„Es ist nicht leicht, eine Last wie die deine zu tragen. Die anderen sehen dich, aber sie wollen vielleicht jemand anders sehen: die anderen Ardoasse, die anderen Ardoanas, die anderen Ardowyns. Sie erkennen nicht, dass sie alle in dir weiterleben.“
„Aber wie sollen sie das erkennen, wenn ich selbst noch nicht fühle, was ich in früheren Leben gefühlt habe? Freundschaft, Liebe – das alles ist vergessen. Und wenn ich ihre Blicke bemerke, habe ich oft das Gefühl, nachlässig zu sein.“
„Aber du bist es nicht. Noch kann niemand das nachfühlen, was du fühlst. Wenn du deine Erinnerung findest und wir durch Naromees Erbe wieder lernen, auch bei anderen zu entdecken, wessen Inkarnationen sie sind, dann wirst du mit deiner Erfahrung nicht mehr einsam sein.“
„Das habe ich nie verstanden. Warum kann die Magie meiner Eltern von allen immer nur Naromees Seele erkennen?“
„Die Frage hast du mir als Kind schon einmal gestellt.“
„Das habe ich vergessen“, sagte er und fragte sich, wie er sich der früheren Leben erinnern sollte, wenn er schon in diesem Leben so vergesslich war. „Was hast du geantwortet?“
„Damals sagte ich nur, es habe vermutlich damit zu tun, dass Naromee die Großtante deines Vaters ist. Nun aber füge ich hinzu, dass es nicht allein an der Verwandtschaft liegen kann, denn es erklärt nicht, warum deine Mutter Naromees Seele spüren kann.“
„Vater meint, es könnte daran liegen, dass es in früheren Generationen eine Verwandtschaft gibt.“
„Sicherlich. Aber ich glaube, es hat weniger mit deinen Eltern als mit Naromee zu tun.“ Zordura legte ihm ihre Hand auf die Brust. „Irgendwas in dir – irgendetwas an Naromees Seele – spricht zu deinen Eltern. In einigen deiner früheren Leben habe ich mit dir nach einer Antwort gesucht, aber wir kamen nicht weit.“ Sie zog ihre Hand langsam zurück.
„Wir könnten es noch einmal versuchen“, sagte Ardoas.
„Glaubst du, deine Eltern würden zulassen, dass du mit mir nach Derothur gehst?“
„Du könntest sie bitten.“
„Ich könnte. Aber damit würde ich wahrscheinlich ihr Misstrauen wecken.“
„Wenn sie wirklich misstrauisch wären, hätten sie dich nicht zu mir geschickt.“
„Nun gut, ich werde mit ihnen reden, denn ich wäre gerne noch einmal deine Lehrmeisterin.“ Zordura schaute sich im Raum um. „Aber bist du sicher, dass du dein Leben hier zwischen Turm und Palast eintauschen möchtest gegen das Leben in einer Steinhöhle auf einem Hügel abseits von allem? Am Ende könntest du feststellen, dass du die Enge hier gegen eine noch viel schlimmere eingetauscht hast?“
„Das hier ist die schlimmere. Ich übe das Leben, ohne selbst je zu leben.“
Zordura wies zur Tür, und es wirkte wieder einmal wie eine magische Geste. „Da draußen ist das Leben. Sie alle sind deinetwegen gekommen. Genieße es! Und dann höre dir an, was deine Eltern zu sagen haben. Du weißt, dass du dich ihrem Willen auch widersetzen darfst.“
„Für mich gilt das nicht. Ich werde immer mit der Stimme der Gemeinschaft in diese oder jene Richtung gedrängt, weil wieder einmal alles verloren wäre, würde ich auch diesmal ums Leben kommen.“
„Du schuldest ihnen keinen Gehorsam, nur weil sie dir auf deinem Weg geholfen haben. Sobald du Naromees Erinnerung wiedergewonnen hast, wird all das, was sie gewährt haben, nicht das aufwiegen können, was du ihnen – uns allen – zurückgeben wirst.“ Zordura fasste ihn an den Schultern. „Und nun komm!“ Sie führte ihn zur Haustür. „Merkst du, wie still sie da draußen geworden sind?“
Zordura schob den glatten Holzknauf zur Seite. Damit war der Riegel gelöst, und sie zog die Tür auf.
Noch ehe Ardoas jemanden sehen konnte, erhob sich auf dem Platz Jubel, und die Trommeln setzten ein. Zordura ging voraus, trat zur Seite und öffnete damit Ardoas’ Blick auf all jene, die sich hier auf dem Platz versammelt hatten. An allen Fenstern ringsum waren Elfen zu sehen. Sie winkten, riefen seinen Namen und beglückwünschten ihn. Sogar die Feen, die selten ihre winzigen Häuser in den Birken am Rande der Siedlung verließen, flatterten mit glänzenden Flügeln über den Köpfen der Elfen.
An Zorduras Seite trat Ardoas aus dem Schatten des Daches hinaus. Zu seiner Linken, auf dem unteren Balkon des blassen Palasts, setzte der Chor von Ilbengrund ein. Sie sangen das Lied der Naromee, das auf der Sage der Zauberin basierte.
Auf einem weiteren Balkon über dem Chor standen Ardoas’ Eltern und sein Bruder. Während sein Vater ein helles Magiergewand aus der alten Welt trug, das sich deutlich von seinem schwarzen Haar und seiner braunen Haut abhob, war seine Mutter in die schwarz getünchte Rüstung einer Portalwache gekleidet, von der sich ihrerseits ihr blondes Haar und ihre helle Haut absetzten. Ihre Eltern spielten wieder einmal mit Kontrasten. Hier der Magier, dort die Kriegerin. Hier der Stabträger, dort die Schwertträgerin. Beide lächelten, und es war eine willkommene Abwechslung, einmal nicht Sorge in ihren Mienen zu finden.
Ardoas’ Bruder – Lydon – trug ein graues Gelehrtengewand und wirkte gelangweilt. Wahrscheinlich war er mit seinen Gedanken wieder bei seinen Arbeiten, bei denen sich Handwerk und Magie verbanden. So wie Ardoas in einer Welt aus Schriften und Erinnerungen lebte, so hatte sich Lydon seinen Erfindungen gewidmet. Man erwartete von Ardoas, dass er eines fernen Tages das Erbe seiner Eltern antrat und sich um den Fürstenthron bemühte – etwas, das ihm grundsätzlich zuwider war. Obwohl der Thron längst nicht mehr vererbt, sondern durch eine Wahl verliehen wurde, hatten Ardoas’ Eltern befürchtet, es könnte zu Streitereien zwischen ihm und Lydon kommen. Dabei überschätzten sie aber sowohl seine als auch Lydons Ambitionen.
Lydon war erst zweiundzwanzig und hatte kein Interesse daran, Verantwortung zu übernehmen. Und er war offensichtlich ebenso wenig daran interessiert, hier auf dem Fest mehr Zeit zu verbringen als nötig. Vermutlich träumte er wie sonst auch davon, sein Flugschiff zu vollenden, das er in Anlehnung an die legendären Schiffe des Königreichs Ioderon bauen wollte. Nachdem Ardoas aber Lydon und auch seinen Eltern zugewinkt hatte, breitete sich ein Lächeln auf dem Gesicht seines Bruders aus. Das freute Ardoas, denn er sah Lydon viel zu selten lächeln.
Zordura führte Ardoas auf den Platz hinaus, und die Gäste strebten ihnen ihrerseits entgegen. Sie strichen ihm über Hände, Arme und Schultern, einige wenige über die Wangen, manche umarmten ihn. So viel Zuneigung zu spüren war Ardoas zwar nicht fremd, aber er hatte es lange nicht mehr genossen. Er war sich jedoch nicht sicher, wie viel dieser Zuneigung echte Gefühlsäußerung und wie viel Zeremonie war.
Gesandte aus Feenwalden und Nalmenhain waren gekommen, den beiden anderen Elfensiedlungen des Ostens – und aus Blauensee, der größten Elfensiedlung des fernen Westens. Am beeindruckendsten fand er aber die drei Zwerge, die aus dem Reich unter dem Berg gekommen waren, um ihm Ehre zu erweisen. Sie hielten Abstand, doch auf dem Gesicht ihres Anführers konnte Ardoas trotz des langen Bartes ein Lächeln ablesen. Er nickte grüßend, und Ardoas nickte zurück.
„Das ist Glosstor“, flüsterte Zordura ihm ins Ohr.
Glosstor war ein Berater des Zwergenkönigs. In früheren Inkarnationen hatte Ardoas den Zauberer kennengelernt und in den jeweiligen Schriften von ihm berichtet.
„Ardoas“, sagte jemand neben ihm. Er wandte sich zur Seite, und an ihren blauen Augen erkannte er die Elfe Velbaree, die er in seinem letzten Leben, als er eine Frau gewesen war, geliebt hatte. Ihr schwarzes Haar, das ihr bei ihrer letzten Begegnung in diesem Leben bis zu den Hüften gereicht hatte, fiel ihr nun nicht einmal bis auf die Schultern. Auf ihrem blassen Gesicht konnte er noch immer die Unzufriedenheit ablesen, die seine Nähe offenbar in ihr weckte. Anders als damals war sie heute nicht komplett in Rüstung. Eine waldfarbene Lederrüstung bildete das Oberteil, statt Hosen trug sie einen faltigen Rock, der an den einer Harfenspielerin erinnerte. Diese Kombination aus Kriegerin und Künstlerin berührte Ardoas, und wieder einmal schämte er sich. Sie trug diese Kleidung schließlich nicht seinetwegen; sie trug sie, um zu zeigen, wer sie war.
Velbaree stammte zwar aus Ilbengrund, lebte aber inzwischen in Nalmenhain. In seinem letzten Leben hatte nicht nur Velbaree ihn geliebt, sondern er hatte – als Ardoana III. – auch sie geliebt.
„Glückwunsch“, sagte sie in einem unverfänglichen Ton, der weniger zu der Kriegerin passte, die weithin für ihre Fähigkeiten gerühmt wurde, als zu der Handwerkerin, die für ihre kunstvoll gefertigten Waffen und Rüstungen bekannt war.
Ardoas bedankte sich, dass sie gekommen war; ehe er Weiteres sagen konnte, hatte sie sich jedoch bereits zurückgezogen, um neuen Gästen Raum zu gewähren. Er hatte das Gefühl, nicht genug getan zu haben, um das Verhältnis zwischen ihm und Velbaree zu entlasten. Doch der Überschwang, mit dem die Glückwünsche der anderen sich fortsetzten, lenkten ihn ab.
„Wer soll die Ehrenplätze an deiner Seite einnehmen?“, fragte ihn Zordura.
Er hatte völlig vergessen, sich Gedanken darüber zu machen, wer zu seiner Linken und zu seiner Rechten sitzen sollte. Da so viele Blicke auf ihn gerichtet waren und er niemanden enttäuschen wollte, traf er eine Wahl, die niemanden verwundern würde. „Zu meiner Rechten soll Glosstor sitzen“, sagte er. Das anerkennende Raunen nutzte Ardoas, um zu überlegen, wer zu seiner Linken Platz nehmen sollte. Er suchte nach den Gesandten aus Feenwalden, Nalmenhain und Blauensee. Da traf sein Blick auf Velbaree.
„Eine gute Wahl“, sagte seine Tante. „Velbaree!“
Ardoas erstarrte und beobachtete, wie sich ein Ausdruck qualvoller Überraschung auf Velbarees Gesicht legte.
„Das war doch deine Wahl, richtig?“, fragte Zordura.
Langsam nickte Ardoas. „Richtig“, sagte er. „Velbaree soll zu meiner Linken sitzen.“
Er schämte sich, dass er Velbaree in eine Lage brachte, die sie sich gewiss nicht wünschte. Aber er war sich sicher, dass eine Kriegerin wie sie eine Zurückweisung vor aller Augen als weit größere Kränkung empfunden hätte, als neben dem Gastgeber am Tisch zu sitzen.
„Vertrau mir“, flüsterte Zordura ihm zu. Ihre Worte ermutigten ihn nicht, sondern machten ihm Angst.
Zordura begleitete Ardoas zu seinem Platz an der Tafel, die sich vor der großen Linde ausbreitete. Zu seiner Rechten führte sie dann Glosstor, den er noch einmal als Gast willkommen hieß. Das Elfisch des zwergischen Magiers war altertümlich, seine Stimme tief und melodisch. Ardoas wusste nicht, wie alt der Magier war. Seine Mimik wirkte jung, die Stimme erfahren und weise. „Es kommt selten vor, dass mich ein Elf als Ehrengast an seine Seite wählt“, sagte er grinsend. „In meiner großen Bescheidenheit bereitete ich mich nicht darauf vor. Hab also Nachsicht mit jemandem, der die meiste Zeit seines Lebens in Bibliotheken vor Inschriften und über Büchern verbracht hat.“
„Nur wenn du deinerseits Nachsicht mit einem Gastgeber hast, der seine Zeit über den Chroniken vergangener Leben verbracht hat“, erwiderte Ardoas.
„Einverstanden“, sagte Glosstor.
Der angenehme Moment endete schlagartig, als Zordura Velbaree an ihren Platz zu Ardoas’ Linken führte. Während sich die Kriegerin setzte, schaute sie ihn mit regungsloser Miene an.
„Danke, dass du nicht abgelehnt hast“, sagte Ardoas.
Nach langem Zögern erwiderte sie: „Ich weiß, dass du mich nicht an deiner Seite haben wolltest. Deine Tante wählte mich, und du wolltest mich nicht demütigen. Dafür danke ich dir.“ Sie wandte ihren Blick ab und schaute zwischen den Tischreihen hindurch zu dem Teil der Festgesellschaft, der nun aus dem Palast auf den Platz kam.
„Ich hoffe, du nimmst es Zordura nicht übel“, sagte Ardoas. „Ich habe in deine Richtung geguckt, und das muss sie falsch verstanden haben.“
Velbaree musterte ihn von oben bis unten. „Würde ich sie nicht so bewundern, wäre ich vielleicht sauer auf sie. So aber bleibst nur du – mit deinem schuldvollen Blick, der so unpassend ist.“
„Dann sag mir, was ich tun soll, Velbaree. Jede Geste meinerseits hast du zurückgewiesen. Das wäre nicht weiter schlimm. Ich kenne das. Aber du wirkst wütend auf mich.“
„Ich bin wütend auf dich, weil du all das verdrängt hast, was ich liebte.“
„Als wir uns das letzte Mal sahen, hast du mir das nicht so offen gesagt – dass dich meine Existenz beleidigt, meine ich.“
Velbaree senkte kurz den Blick, dann schaute sie ihn wieder an und sagte: „Dies ist der falsche Ort, um dir so etwas zu sagen. Verzeih mir.“
„Klarheit ist mir lieber als ein Geflecht aus Lügen.“
„Es ist aber nicht die Wahrheit“, entgegnete Velbaree. „Deine Existenz beleidigt mich nicht. Ich bin auch nicht sauer auf dich. Ich bin auf den Teil von dir sauer, der mich damals zurückließ und in die Außenwelt ging und dort umkam. Ardoana hatte die Wahl zwischen mir und der Fremde, und sie entschied sich für die Fremde.“
„Hat sie dir gesagt, warum sie fortging?“
„Das hast du mich schon einmal gefragt. Und meine Antwort ist die gleiche wie damals: Sie wollte mich in Sicherheit wissen.“
Velbaree hatte damals mit anderen nach Ardoana gesucht, aber nach seiner Geburt, die Ardoanas Tod zu einer Gewissheit machte, hatten seine Eltern einen Boten ausgesandt, um sie nach Hause zu rufen. Sie hatten weder Ardoanas Leiche noch das Tagebuch gefunden, das sie laut Velbaree bei sich geführt hatte.
Ardoas’ Blick fiel auf einen silbernen Ring, den Velbaree trug. „Du hast ihn immer noch“, sagte er.
Velbaree schaute auf den Ring, dann stutzte sie. „Woher weißt du, dass er von Ardoana ist?“
„Wahrscheinlich aus ihren Tagebüchern.“
„Sie hat diesen Ring als Abschiedsgeschenk machen lassen. Das kann nicht in den Schriften erwähnt sein, die sie zurückließ.“
„Habe ich dich das vielleicht das letzte Mal gefragt?“
„Ich habe den Ring lange nicht getragen. Vielleicht hast du gerade …“, sagte sie. Ihr Blick fuhr ins Leere. „Vielleicht hast du dich erinnert.“ Sie blinzelte und schaute sich um, als suchte sie jemanden unter den tanzenden, singenden und lachenden Gästen.
„Aber warum jetzt?“
„Die Frage lautet vielleicht ganz anders“, sagte Velbaree. „Seit wann? Seit wann schleichen sich die Erinnerungen früherer Leben in dieses Leben ein?“
Ardoas nickte. All die Versuche, das Gelesene lebendig werden zu lassen, hatten seinen Blick möglicherweise für die Grenze zwischen gelesenen und tatsächlichen Erinnerungen verschwimmen lassen. „Wenn ich dich fragen würde, ob du mich begleitest, was würdest du sagen?“
„Du meinst, meine Anwesenheit könnte dir noch mehr entlocken?“
„Vielleicht.“
„Ich würde dich fragen, wohin ich dich begleiten soll.“
„Das entscheidet sich heute.“
„Und dann würde ich dir sagen, dass ich nicht will.“
„Und doch bist du hier.“
Ein Schmunzeln schob sich auf Velbarees Lippen. „Ich sagte nicht, dass ich gut darin bin, Dinge zu überwinden.“ Sie schaute zu einem der Seitentische, wo einige Elfen saßen, die vorhin in ihrer Nähe gewesen waren. „Die drei dort. Siehst du sie? Die Frau mit dem ganz kurzen Haar, den blassen Mann und den grauhaarigen Varuwyn?“
Ardoas erblickte sie. Die Frau hatte große Augen und ein rundes Gesicht. Die sandfarbene Gesichtsbemalung, die sich links und rechts in jeweils drei Streifen von ihrer braunen Haut abhob, wies sie als kämpfende Magierin aus. Die Striche standen für Stäbe, an denen sich die Prüfungen ablesen ließen, die sie absolviert hatte. Der Mann neben ihr war tatsächlich sehr blass. Sein schwarzes Haar reichte ihm bis zur Hüfte. Die dritte Person kannte Ardoas; sie stammte aus Ilbengrund und hieß Odewyn – ein Varuwyn, eine Person, die sich den Kategorien Mann und Frau entzog. Odewyn bezeichnete sich selbst seines Körpers wegen als maskuliner Varuwyn – als Asvaruwyn. Mit seinem grauen Haar, das im Kontrast zu seiner dunklen Haut stand, war er sehr auffällig – jemand, an den man sich erinnerte.
„Ich sehe sie“, sagte Ardoas.
„Das sind meine Geliebten. Coreldava, Jalmon und … nun, Odewyn kennst du ja.“
„Nicht so gut, wie ich es sollte. Ich habe gehört, dass er einer der besten Boten sein soll.“
„Der beste Bote, den ich kenne. Coreldava ist eine Magierin und Kriegerin. Jalmon kennt die Elfenpfade besser als irgendwer und ist ein Meister des Spurenlesens. Das ist meine Familie. Ich würde mit ihnen in jedes Abenteuer ziehen – aber in aller Ruhe in deiner Nähe bleiben, das wäre eine Zumutung für sie.“
„Das verstehe ich“, sagte Ardoas.
„Und doch würden sie es für mich tun. Genauso wie ich alles für sie tun würde.“ Sie lächelte Coreldava zu, und sowohl sie als auch die anderen lächelten zurück.
„Ich beneide dich“, sagte Ardoas, und ein Schauer lief ihm über den Rücken. Der mitleidvolle Blick, den Velbaree ihm zuwarf, traf ihn wie ein Zauber. Er hatte nichts und niemanden. Er war trotz all der Leute, die seinetwegen gekommen waren, so einsam wie selten in seinem Leben.

Zordura war mit ihrem Bruder, Fürst Yordoas, und ihrer Schwägerin, Fürstin Elwaree, allein in der Kammer hinter dem Thronsaal.
„Wirst du Ardoas mit nach Derothur nehmen und ihn dort unterweisen?“, fragte Yordoas.
Da sie fürchtete, ein zu schnelles Einverständnis würde Yordoas’ und Elwarees Misstrauen wecken, sagte sie: „Warum schickt ihr ihn nicht zu Glosstor? Stellt euch vor, er würde bei ihm unterwiesen.“
„Glosstor wird einer der ganz großen Magier werden“, entgegnete Elwaree. „Dessen bin ich mir sicher.“
„In meinen Augen ist er es bereits“, sagte Yordoas. „Und gewiss wäre es eine Ehre, würde Ardoas von ihm unterwiesen. Doch bei den Zwergen oder in anderen Siedlungen könnte man Ardoas ausnutzen und einst das Wissen, das er entdeckt, gegen uns wenden.“
„So weit denkt ihr voraus?“, erwiderte Zordura. „Nach all dem Zusammenhalt fürchtet ihr alte Rivalitäten?“
„Auf eine Zeit der Eintracht folgt eine der Zwietracht“, sagte Elwaree, und Yordoas fügte hinzu: „Gemeinschaften knüpfen sich und zerbrechen wieder.“
„Ich liebe es, wenn ihr die alten Epen zitiert“, erwiderte Zordura. „Aber ich glaube an unseren Zusammenhalt, verfüge jedoch nicht über eure Erfahrung. Mein Blick war meist in mein Innerstes gerichtet, nicht nach außen.“
„Und deswegen glauben wir, dass du Ardoas weiterbringen kannst“, sagte Yordoas.
„Was, wenn ich wieder nur das wecke, was ihm zuvor schon den Tod brachte? Inzwischen bin ich überzeugt, dass wir unser Vorgehen von Grund auf ändern müssen.“
„Du bist also bereit, es noch einmal zu versuchen?“, fragte Yordoas.
„Wenn ihr mich darum bittet, werde ich es tun.“
„Wir bitten dich darum“, sagte Elwaree. „Es ist Zeit, dass das Alte in etwas Neues mündet.“
„Ich werde ihn unterweisen“, erwiderte Zordura. „Aber dann muss er zu mir nach Derothur kommen. Nur dort kann ich ihm das geben, was er jetzt benötigt. Aber dort könnte er – die Außenwelt vor Augen – wieder in Versuchung geraten, die Grenze zu überschreiten. Falls er sich entschlösse, euer Gebot zu missachten, könnte ich ihn nicht daran hindern.“
„Vielleicht doch“, entgegnete Elwaree. „Wenn es um Inkarnationen und die Erinnerung an frühere Leben geht, vertraut er dir mehr als uns. Wirst du mit aller Macht versuchen, ihn daran hindern, unser Gebot zu brechen?“
„Ich werde tun, was in meiner Macht steht“, antwortete Zordura. „Ich werde ihn auf eine Weise herausfordern, wie ihn noch nie jemand herausgefordert hat.“
Yordoas schloss sie in die Arme. „Ich wusste, dass wir uns auf dich verlassen können.“
Elwaree musterte sie mit ihren grünen Augen, in denen immer ein ergründender Zauber zu lauern schien, und umarmte sie zögerlich. Nachdem sie sich voneinander gelöst hatten, sagte sie: „Es tut mir leid, was ich dir damals nach Ardoanas Tod gesagt habe.“
Zordura nickte. Elwaree hatte ihr Vorwürfe gemacht. Doch Velbarees Worte hatten damals die schlimmste Schelte abgefangen. Die Kriegerin hatte beschrieben, wie verbissen Ardoana gewesen war. Niemand hätte sie davon abhalten können, in die Fremde zu ziehen.
Einem weiteren prüfenden Blick Elwarees begegnete Zordura mit einem Lächeln. „Wir haben Grund zur Hoffnung“, sagte sie. „Denn irgendetwas an Ardoas ist diesmal anders.“
„Du hast recht“, sagte Elwaree. „Er ist ruhiger, nicht so temperamentvoll. Eher ausgeglichen.“
„Ihr habt ihn hervorragend vorbereitet.“
Yordoas lächelte. „Er hat sich selbst vorbereitet.“
Während sie gemeinsam den Raum verließen, machte sich in Zordura Erleichterung breit. Ihr Bruder und ihre Schwägerin schienen nichts von ihren wahren Plänen bemerkt zu haben.

Mit der Ankunft von Ardoas’ Eltern, die sich neben Glosstor an die Tafel setzten, waren alle Gäste an ihren Plätzen, und nach verspielter Harfenmusik der allseits beliebten Elfe Dulvaree, Ardoas’ Lieblingssängerin, war es an der Zeit, Geschenke zu überreichen.
Ardoas wusste nicht, wie ihm geschah. Er war überwältigt von zu viel Lob, zu viel Würde – zu viel Geschenk. Er war froh, wenn sich einige Gäste zusammengetan hatten, um ihm eine gemeinsame Gabe zu überreichen.
Zordura schenkte ihm einen magischen Ring, offenbarte ihm aber nicht, worin der Zauber des goldenen Schmuckstücks bestand. Sein Bruder schenkte ihm ein Buch und sagte ihm, dass er es selbst gemacht habe. Ardoas strich mit den Fingerspitzen in die Furchen, die den Einband durchzogen, und schließlich über den Almandin. Der rotbraune Edelstein fügte sich gut in das braune Leder. Das Buch wollte nicht herausstechen, seine Schönheit schien sich nur dem aufmerksamen Blick offenbaren zu wollen.
Velbaree näherte sich mit einem Bogen und einem Köcher Pfeile. „Dieser Bogen war in deinem letzten Leben dein“, sagte sie. „Du hast ihn mir geliehen. Der Köcher ist von mir, alles andere haben deine Hände gefertigt. Ich habe dein Werk gepflegt und dort erneuert, wo es nötig war.“ In ihrem Gesicht las Ardoas Bedauern.
Ihm wurde heiß, als er Bogen und Köcher entgegennahm. Das zu berühren, was er mit anderer Hand einst gefertigt hatte, überwältigte ihn. Seine Lippen bebten, und er brauchte einen Augenblick, bis er glaubte, seine Stimme sei sicher genug. „Du ahnst nicht, wie wichtig mir dieses Geschenk ist“, sagte er, und alle mussten an seiner schwankenden Stimme erkennen, wie sehr ihn Velbarees Gabe berührte. „Möge diese Gabe meine Erinnerung wecken.“
Seine Worte schienen ein Lächeln auf Velbarees Gesicht zu zaubern. Es verblühte zwar sofort wieder, aber es gesehen zu haben ließ ein ungewohntes Gefühl der Verbundenheit in Ardoas aufkeimen.
Glosstor erhob sich. Da Ardoas mit ihm auf Augenhöhe sein wollte, nahm er Platz. Der Zwergenmagier hielt ein Schwert in Händen. „In unseren Berggefilden sagt man, dass du ein guter Kämpfer bist.“
„Hat Gausteen davon berichtet?“, fragte Ardoas. Gausteen hatte ihn im Kampf mit Stangenwaffen unterwiesen, ehe er nach langer Zeit wieder in die Zwergenreiche heimgekehrt war.
„Er hat uns von dir erzählt. Und deswegen macht unser König dir diese Waffe zum Geschenk. Sie soll dir sagen, dass er um dich weiß und deine Stärken würdigen will.“
Der König der Zwerge – Alwaodin – machte ihm durch Glosstor ein Geschenk. Obwohl viele hier in Ilbengrund und anderswo sich daran stießen, dass im Zwergenreich noch immer Titel vererbt wurden, ging ein bewunderndes Raunen durch die Festgesellschaft.
Glosstor überreichte ihm das mittellange Schwert, das in einer schlichten braunen Scheide steckte. Die Waffe hatte einen reich verzierten Wiegenknauf, in den ein dunkelblauer Edelstein eingelassen war.
Ardoas zog die Klinge behutsam aus der Scheide. Sie war schmal und perfekt ausbalanciert; sie war vergleichsweise leicht und hatte eine einfache, nicht zu große Parierstange. „Das Schwert wurde nach Gausteens Vorgaben gefertigt“, erklärte Glosstor.
„Ich wünschte, er wäre mit dir gekommen.“
„Eine Verpflichtung ließ es leider nicht zu. Er ist der Hüter einer magischen Quelle und hat einen Schwur geleistet.“
„Ich danke deinem König – und Gausteen, dir und allen anderen für dieses Geschenk.“
Glosstor neigte sein Haupt, schob dann seinen Stuhl an den Tisch und trat zurück, um Ardoas’ Eltern Platz zu machen. Sie schlossen ihn in die Arme und zeigten ihm dann ihr Geschenk: Kleidung aus bestem Material. „Dieses Reisegewand aus Alvasur soll dich kleiden auf deinem Weg“, sagte sein Vater.
Ardoas lächelte. „Ihr habt also nichts dagegen, dass ich Ilbengrund verlasse.“
Seine Mutter reichte ihm die Jacke; den Mantel und das Hemd legte sie auf den Tisch. Während Ardoas mit den Händen über den grünen Stoff strich, sagte sie: „Die Reise zu deinen Erinnerungen muss dich von hier fortführen. Deswegen haben wir Zordura gebeten, dich in Derothur zu unterweisen.“
„Sie ist auf dich vorbereitet und wird neue Wege der Lehre mit dir beschreiten“, sagte sein Vater.
„Danke“, war alles, was Ardoas hervorbrachte. Er hatte es sich zwar gewünscht, aber dass seine Eltern ihn tatsächlich nach Derothur gehen ließen, war trotz allem noch schwer zu glauben. „Danke“, wiederholte er.
„Die Kleidung ist die eines Kundschafters und Boten“, sagte sein Vater. „Sei du unser Kundschafter. Finde die Erinnerung deiner früheren Leben! Und dann kehre zu uns als Bote dieser Erinnerung zurück.“
Seine Mutter legte ihm die Hände auf die Schultern. „Irgendetwas ist diesmal anders. Nicht nur du bist anders. Die Welt ist anders. Wir sind anders. Wir sind es, die sich verändern müssen, damit du dein Ziel erreichst.“
Breite Zustimmung baute sich unter der Festgesellschaft durch ermutigende Zurufe auf. Ardoas jedoch war sich nicht sicher, ob das ernst gemeint war oder wieder einmal Teil der Zeremonie – dazu gedacht, ihm Mut zu machen. Die glänzenden Augen seiner Mutter aber sagten ihm, dass zumindest sie es ernst meinte.
„Es ist üblich, dass der Mündige einen Rat einfordert“, sagte nun Zordura, die neben Ardoas kam. „Von wem möchtest du einen Rat hören?“
„Von meiner Mutter“, sagte er und wandte seinen Blick nicht von Elwarees Gesicht ab.
Seine Mutter lächelte und strich ihm über die Wange. „Traditionen sind uns wichtig“, sagte sie. „Ohne sie hätten wir auf unserem langen Weg durch die Welten nicht überlebt. Es war wichtig, die Traditionen aufrechtzuerhalten. Aber mit jeder Welt änderten sich die Umstände, und die Umstände veränderten uns. Wir sahen Dinge, die wir in zurückliegenden Welten nicht hatten sehen können. Und manche unserer Traditionen erkannten wir als falsch oder als Last, die es sich nicht zu tragen lohnt. Wir ließen die Feindseligkeit unseresgleichen und Fremden gegenüber fallen. Gemeinsamkeiten wurden uns wichtiger als Unterschiede. So behielten wir die Traditionen, die uns auf unserem Weg voranbrachten, und ließen jene zurück, die uns aufhielten oder gar auf Abwege führten.“
Sie küsste ihre Fingerspitzen und legte sie Ardoas auf die Stirn. „Du befindest dich auf deinem eigenen Weg. Was wir als Gemeinschaft einst im Großen getan haben, das tue du im Kleinen. Prüfe die Traditionen, die wir dich lehrten. Entscheide, ob sie dir nützen, und verwerfe sie, wenn sie dich nicht auf deinem Weg voranbringen. Nur so wirst du zu Naromees Erinnerungen finden.“
Die Festgesellschaft applaudierte.
„Wir vertrauen dir“, sagte Yordoas, als sich alles wieder beruhigt hatte. „Zordura wird dir neue Pfade zeigen, auf denen dein Geist sich entfalten kann.“
Ardoas dankte seinen Eltern leise, als aber Zordura ihn daran erinnerte, dass er zur Festgesellschaft sprechen solle, zögerte er. Er war sich nicht sicher, ob er die richtigen Worte finden würde. Dann aber schaute er in die Runde und sagte: „Ich weiß, was ich in früheren Leben an dieser Stelle verkündete: dass ich euch diesmal nicht enttäuschen werde, dass ich diesmal einen anderen Weg gefunden habe, dass ich die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen werde. Worte, die Selbstsicherheit zeigen sollen. Doch die Selbstsicherheit meiner vergangenen Leben ist mir nicht gegeben. Ich bin ein Zweifler.“
Er wandte sich an seine Mutter. „Vielleicht führt mich der Zweifel dazu, Traditionen infrage zu stellen und neue Pfade zu entdecken. Ich nehme euren Rat an und werde mich Zordura anvertrauen.“ Er schaute kurz zu seiner Tante, die ihm entgegenlächelte. „Denn selbst wenn ich an mir zweifle – an Zordura habe ich nie gezweifelt. Wenn mir jemand auf meinem Weg helfen kann, dann sie. Wenngleich ich nicht oft das Haus verlassen habe und weit weniger Anteil an eurem Leben hatte, als es angemessen gewesen wäre, hoffe ich, dass ihr mich mit euren besten Wünschen nach Derothur entlasst. Ich danke euch für alles, was ihr mir gegeben habt, und hoffe, dass ich euch einst etwas Großes zurückgeben kann.“
Die Gäste applaudierten, als hätte er gerade verkündet, dass er sich an Naromees Leben erinnerte. So viel Hoffnung hatte er seit Jahren nicht in den Mienen anderer gesehen. Doch trotz des Schwalls an Zustimmung und Hoffnungsrufen ergriffen Ardoas wieder die Zweifel. Zwar glaubte er, dass der Applaus eine echte Gefühlsäußerung und nicht lediglich ein Teil der Zeremonie war, hatte aber das Gefühl, diesen Jubel nicht verdient zu haben. Wenn die Hoffnung so hoch hinaufstieg, wie tief würde dann die Enttäuschung sein, falls er versagte.

„Vielen Dank dafür, dass ihr Türen in so viele magische Welten für uns öffnet!“


Christian Handel

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