WM 1954 - Das Wunder von Bern
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Das Wunder von Bern

Deutschland wird zum ersten Mal Weltmeister

Donnerstag, 09. Juni 2016 von Piper Verlag


Die Fußball der WM 1954

Bern am 4. Juli 1954: Im Endspiel um die Fußball-Weltmeisterschaft spielt Deutschland gegen Ungarn. Im Vorrundenspiel haben die Deutschen noch 8:3 verloren. Doch dann besiegte der Außenseiter die ungarische Jahrhundertmannschaft besiegt und wurde zum ersten Mal Weltmeister. Als der englische Schiedsrichter das Spiel abpfiff, gab es für die deutschen Anhänger im Wankdorfstadion kein Halten mehr, und in der Bundesrepublik jubelten Millionen. Das »Wunder von Bern« war geboren.

Ein Auszug aus dem Buch »Deutsche Geschichte in 100 Objekten« von Prof. Dr. Hermann Schäfer.

Der Ball, mit dem Helmut Rahn das entscheidende Tor im Finale von Bern am 4. Juli 1954 erzielte, trug die offizielle Bezeichnung »Swiss World Cup Match Ball«. Die Schweiz stellte als Gastgeber den Ball, der in Größe (Umfang 67 Zentimeter) und Gewicht (ca. 410 Gramm) einer von der FIFA vorgegebenen Norm (Ballgröße 5) entsprechen musste, um einen Streit wie bei der Weltmeisterschaft 1930 zu vermeiden; damals hatte es für das Endspiel zwischen Argentinien und Uruguay einen »Zwei-Bälle-Kompromiss« gegeben: Die gastgebenden »Urus« waren Weltmeister geworden, nachdem sie in der zweiten Halbzeit die Partie mit »ihrem« Ball »drehen« konnten.

Wie der WM-Ball nach Deutschland kam

Seit der WM 1986 bestehen die Bälle aus Kunststoff, damals war der Ball aus Rindsleder; seine auffällige gelbliche Färbung erhielt er durch ein neues Herstellungsverfahren, bei dem die einzelnen Lederstücke lohgegerbt statt eingefettet wurden. Nach dem Schlusspfiff im Wankdorfstadion in Bern nahm Bundestrainer Sepp Herberger (1897–1977) ihn mit den Unterschriften der elf Spieler als sein persönliches Erinnerungsstück mit in sein Haus in Hohensachsen bei Weinheim. Nach Herbergers Tod wurde er viele Jahre im Archiv des Deutschen Fußball-Bunds in Frankfurt am Main aufbewahrt, selten öffentlich präsentiert, einer breiteren Öffentlichkeit vor allem 2000 anlässlich des 100. Jahrestags der Gründung des DFB in einer Ausstellung im Oberhausener Gasometer.

Er ist seit Sommer 2015 dauerhaft im Deutschen Fußballmuseum in Dortmund ausgestellt. Für die Fußballweltmeisterschaft 1954 hatten sich 16 Mannschaften qualifiziert, darunter Deutschland nach eher mühevollen Spielen gegen Norwegen und das – bis Ende 1956 noch (teil-)autonome – Saarland, dessen Nationalmannschaft übrigens von Helmut Schön betreut wurde, Herbergers Nachfolger als Bundestrainer. Die WM wurde nach einem neuen, damals umstrittenen, aber bis heute gültigen Modus ausgetragen.

Sepp Herberger bereitete die Mannschaft akribisch vor

Nach einem 14-tägigen Trainingslager in Grünwald bei München bezogen die 22 Spieler mit Trainerstab, Masseur Erich Deuser und dem Schuhfachmann Adi Dassler als Zeugwart Quartier im kleinen Spiez am Thuner See. Die Türkei, Südkorea und das mit seiner seit 1950 ungeschlagenen»Goldenen Elf« hoch favorisierte Ungarn waren die Gruppengegner; der 4:1-Sieg gegen die Türkei am 17. Juni war »Pflicht«, aber drei Tage später gegen Ungarn ließ Herberger zum Entsetzen der mitgereisten Fans eine Ersatzmannschaft antreten und haushoch, aber »planmäßig« mit 8:3 verlieren; Deutschland musste zum Entscheidungsspiel nochmals gegen die Türkei antreten und gewann leicht mit 7:2.

Was dann folgte – Viertelfinale mit 2:0 in Kontertaktik gegen Jugoslawien, Halbfinale mit einem auch spielerisch überzeugenden 6:1 gegen Österreich –, wurde als »eine Zeit der Wunder« (Heinrich) beschrieben. Spätestens seit dem Halbfinale zog die Weltmeisterschaft immer mehr Menschen in ihren Bann, bestimmte die Gespräche in Deutschland, lockte Tausende zu den Spielen in die Schweiz und Millionen vor Radio- und Fernsehgeräte, deren Verkauf enorm zunahm.

Beim Endspiel im – eigens zur WM für rund 65 000 Zuschauer erweiterten– Wankdorfstadion zu Bern war der Gegner erneut die ungarische Elf, der Topfavorit. Bei Spielanpfiff um 17 Uhr schienen die Städte in Deutschland wie ausgestorben, nur vor Elektrogeschäften mit Fernseher im Schaufenster stauten sich die Menschen, Gaststätten schlossen wegen Überfüllung. Nach wenigen Minuten (6. und 8.) führten die Ungarn mit 2:0, die erwartete Blamage, wie schon in der Gruppenphase, schien sich anzubahnen. Doch die deutsche Elf erzielte (11. und 18. Minute) den Ausgleich.

Sie war von Herberger taktisch, körperlich und mental hervorragend eingestellt und soll von Adi Dassler in der Halbzeit wegen des Regenwetters mit neuen Schraubstollen versehen worden sein, während die Ungarn doppelt so schwere Schuhe mit genagelten Lederstollen trugen. Und schließlich, in der 84. Minute, sechs Minuten vor Spielende, rief der Reporter Herbert Zimmermann über das Radio die legendär gewordenen Worte: »Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen, Rahn schießt . . . Tooor! Tooor! Tooor! Tooor!« Und Deutschland gewann mit 3:2.

Der Außenseiter hatte die ungarische Jahrhundertmannschaft besiegt und wurde zum ersten Mal Weltmeister. Als der englische Schiedsrichter das Spiel abpfiff, gab es für die deutschen Anhänger im Wankdorfstadion kein Halten mehr, und in der Bundesrepublik jubelten Millionen. Das »Wunder von Bern« war geboren.

Ankunft der Weltmeister in Deutschland

Die Rückkehr der Mannschaft nach Deutschland im roten Sondertriebwagen mit der Aufschrift »Fußball-Weltmeister 1954« wurde zum Triumphzug. Abertausende, wenn nicht Millionen Menschen säumten die Strecke, in Singen drängten sich über 6000 Menschen allein auf dem Bahnsteig, reichten Präsente in den Zug, erhielten Autogramme, jubelten den »Helden von Bern« zu. In München erreichte der Jubel mit der offiziellen Feier des DFB seinen vorläufigen Höhepunkt.

Aber es gab auch einen Tiefpunkt, denn die Sprache des damaligen DFB-Präsidenten Dr. Peco Bauwens bei der offiziellen Feier im Löwenbräukeller in München war so national-gestrig, dass der Bayerische Rundfunk seine Liveübertragung abbrach. Dies und ein Vorfall während der Siegerehrung in Bern waren die Ursachen für viele kritische Stimmen: Während Fritz Walter als Mannschaftskapitän den Coupe Jules Rimet entgegennahm, erklang im Wankdorfstadion die deutsche Nationalhymne, und viele der etwa 25 000 deutschen Anhänger sangen mit, jedoch die erste anstatt der dritten Strophe – das Radio schaltete die Übertragung ab.

Das Ausland war entsetzt, zog Parallelen zu den Olympischen Spielen in Berlin 1936, englische, italienische und französische Zeitungen titelten sogar in deutscher Sprache »Deutschland über alles«(Daily Express, Guerin Sportivo) und »Achtung« (Le Monde), ein Kopenhagener Blatt schrieb: »Nur die ›Sieg Heil‹-Rufe fehlten« (Information).

Politiker der Bundesrepublik waren spätestens nach dem Eklat im Löwenbräukeller alarmiert. Schon zum Turnier in der Schweiz hatten sie Abstand gehalten, kein führender Politiker besuchte das Endspiel. Die Vermischung von Sport und Politik galt als ein Instrument totalitärer Staaten. Der Bundeskanzler gratulierte nach dem Titelgewinn eher knapp. Als Bundespräsident Theodor Heuss die Mannschaft um Fritz Walter im Berliner Olympiastadion auszeichnete, verwies er erneut darauf, dass der Sport außerhalb der Politik stehe, und sorgte dafür, dass nicht die erste Strophe des »Deutschlandlieds« gesungen wurde.

Sepp Herberger - Vater des WM-Triumphs


Allerdings unterschied sich der Jubel von 1954 deutlich von dem von 1936 und den inszenierten Feiern des Nationalsozialismus, er war Ausdruck eines neuen, nicht »verordneten« Gemeinschaftsgefühls und ein identitätsstiftender Faktor.

Von der Politik wollten die meisten Deutschen zu dieser Zeit nichts wissen, der Sport jedoch schien unbelastet zu sein. Dabei ergänzte der sportliche Erfolg den wirtschaftlichen Aufstieg und gab den Menschen das Gefühl, die Schatten der Kriegs- und Nachkriegszeit hinter sich lassen zu können. Im friedlichen sportlichen Wettstreit der Nationen und sogar als Außenseiter zu bestehen brachte ein Gefühl der Erleichterung mit sich. Kontinuitäten zum »Dritten Reich« spielten dabei keine Rolle, auch nicht, dass Sepp Herberger am 1. Mai 1933 in die NSDAP eingetreten, 1938 zum Reichstrainer avanciert war und sich stets mit dem nationalsozialistischem System arrangiert hatte.
Im Entnazifizierungsverfahren 1946 als »Mitläufer« eingestuft und mit einer »Sühne«-Zahlung von 500 Reichsmark (sowie 350 RM Verfahrenskosten) belegt, wurde er 1950, nach Wiedergründung des DFB, Bundestrainer. Mit seinem fußballerischen Können als Trainer, seinem psychologischen Geschick als »Vater« seiner Mannschaft, auch durch den von ihm geförderten »Geist von Spiez« verkörperte er nach dem errungenen Weltmeistertitel gewissermaßen das Idealbild des »guten Deutschen«.

Seine Tugenden und Charaktereigenschaften wurden »wie bei Millionen anderer Deutscher als Rechtfertigungsmuster für den eigenen Opportunismus im NS-Staat« (Mikos in Pfeiffer/Schulze-Marmeling) gesehen. Sepp Herberger hatte für seine Nationalspieler im »Dritten Reich« Privilegien durchgesetzt, auch wenn Fritz Walter 1940 zur Infanterie eingezogen wurde. Für Sepp Herberger war das Finale von 1954 Höhepunkt seiner Karriere, Fritz Walter nannte ein Fußballspiel in sowjetischer Kriegsgefangenschaft als »Spiel seines Lebens«.

Er hatte in verschiedenen Soldatenmannschaften in Frankreich, Sardinien, auf Korsika und Elba gespielt, geriet nach Kriegsende in der Ukraine in sowjetische Gefangenschaft und kam in ein Lager in Rumänien. Dort beteiligte er sich – obwohl geschwächt von Malaria – an einem Fußballspiel mit Wachsoldaten und wurde dabei erkannt. Angeblich bewahrte der dortige Lagerkommandant ihn und seinen jüngeren Bruder Ludwig vor dem Gulag in Sibirien, im Oktober 1945 durften beide heimkehren.

Die gesellschaftliche Bedeutung von »Das Wunder von Bern«

Das »Wunder von Bern« war eine vorläufige Krönung für die Mühen des Wiederaufbaus, und neun Jahre nach dem Krieg schien es so, als sei die Bundesrepublik bereit für die Rückkehr in die Welt. In beiden Teilen Deutschlands wurde der Sieg gefeiert, auch wenn die politische Führung der DDR einen Sieg des sozialistischen »Bruderlandes« Ungarn lieber gesehen hätte.

Der DDR-Fußballverband war erst 1952 in die FIFA aufgenommen worden und hatte deswegen noch nicht an der Qualifikation für die WM teilgenommen.So groß der Freudentaumel in Deutschland war, so heftig war die Enttäuschung in Ungarn. In Budapest gingen Hunderttausende nachdem Endspiel auf die Straße, zerstörten Schaufenster mit Bildern der Mannschaft, stürzten sogar Straßenbahnen um und verwüsteten die Wohnung des Nationaltrainers.

Aus der Randale aus Enttäuschung über das verlorene Endspiel wurde – zwei Jahre vor dem von den Sowjets blutig niedergeschlagenen Ungarischen Volksaufstand 1956 – die erste politische Demonstration nach Kriegsende. Nach ihrer Heimkehr wurden die ungarischen Nationalspieler als Verantwortliche der »nationalen Schande« gebrandmarkt, der Torwart wegen Landesverrats angeklagt und in die Provinz verbannt, andere Spieler konnten auswandern.

Der ungarische Fußball erreichte nie mehr die Qualität jener Jahre. Die sportlichen Siege und der Jubel um sie wurden in Verbindung mit dem beginnenden wirtschaftlichen Aufschwung Westdeutschlands als Zeichen eines neuen deutschen Nationalismus gedeutet. Herbert Zimmermann, der im Zweiten Weltkrieg als Panzerkommandant gedient hatte und im Februar 1945 mit dem Ritterkreuz ausgezeichnet worden war, wurde eine militaristische Reportagesprache vorgeworfen.

Aber als er in einem der letzten Sätze seiner Abmoderation sagte: »Wir wollen auch in diesem Augenblick nicht vergessen, dass es ein Spiel ist«, begriff in Deutschland kein Mensch mehr dieses Spiel als Spiel. Es war eine»ungeheure Erlösung« (Pogarell) von der Schmach der militärischen und moralischen Niederlage, die Deutschen hatten wieder einen Grund, als Volk glücklich und stolz zu sein. Friedrich Christian Delius (Jahrgang 1943) hat dies in seiner autobiografischen Erzählung Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde (1994) in Worte gefasst.

Der Journalist und Historiker Joachim Fest benannte die dreifache »Gründung« der Bundesrepublik und ihre drei »Gründungsväter«: politisch Konrad Adenauer, wirtschaftlich Ludwig Erhard, mental Fritz Walter. Auch wenn der DFB das Verbot des Frauenfußballs erst 1970 aufhob, nahm der Fußball in Deutschland einen enormen Aufschwung, für die Männer mit drei Siegen in Europameisterschaften (1972, 1980, 1996) und nach 1954 drei weiteren Weltmeisterschaften (1974, 1990, 2014), für die Frauen mit acht Europa- und zwei Weltmeisterschaftstiteln (2003, 2007). Neben solchen Erfolgen, neben dem »Wunder von Bern« bleibt vor allem das »Sommermärchen« des Jahres 2006 in Erinnerung, beidem Deutschland zwar »nur« Dritter wurde, die wiedervereinigte Nation sich aber in einem neuen, positiven, fröhlichen Selbstbewusstsein und als guter Gastgeber präsentierte, »die Welt zu Gast bei Freunden« hatte.

Prof. Dr. Hermann Schäfer, geb. 1942, ist Historiker und international renommierter Museumsfachmann, Gründungspräsident der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Das von ihm aufgebaute und zwanzig Jahre geleitete Museum für Zeitgeschichte erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Preise, es setzte neue Maßstäbe für Themen und in der Gestaltung von Ausstellungen.

Blick ins Buch
Deutsche Geschichte in 100 Objekten Deutsche Geschichte in 100 Objekten
Was haben eine Ritterrüstung, die Tabakdose Friedrichs des Großen und der WM-Fußball von 1954 gemeinsam? Es sind drei von 100 Mosaiksteinen der deutschen Geschichte, stumme Zeugen der Vergangenheit. Hermann Schäfer, einer der führenden Vertreter der deutschen Museumsszene, fügt sie in diesem opulent ausgestatteten Band zusammen. Anschaulich und gut verständlich bringt er die Objekte zum Sprechen und macht zugleich auch ihre erstaunliche Umdeutung im Dienst politischer Interessen und gesellschaftlicher Umbrüche deutlich. Für den interessierten Laien leicht zugänglich, eine Schatzkiste für immer neue Entdeckungen: Aus 100 fesselnden Geschichten wird eine große historische Erzählung. Ein farbiges Panorama der vergangenen über zwei Jahrtausende, von den vorgeschichtlichen Anfängen bis in die jüngste Gegenwart.
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Vorwort

Deutsche Geschichte anhand von 100 Objekten zu erzählen ist – schon allein aufgrund des immensen Umfangs eines solchen Projekts – eine gewaltige Herausforderung: Jahrtausende sind in den Blick zu nehmen, in jeder Epoche Erinnerungswürdiges, möglichst Geschichtsträchtiges, vielleicht Überraschendes aufzufinden und am Ende die vielen Einzelteile zu einem großen Ganzen zusammenzufügen – wie farbige Mosaiksteinchen, die jedes für sich, aber erst recht als Gesamtbild ihre magische Wirkung auf den Betrachter entfalten.

Tatsächlich besitzt die Zahl 100 für viele Menschen etwas Magisches: Sei es, weil Zahlen bis 100 noch überschaubar und darum leichter zu merken sind; sei es, weil 100 Grad Celsius den Siedepunkt markieren, weil wir von 100 Punkten als Maximum oder von 100 Tagen Schonzeit sprechen, weil das kleine Einmaleins bei 100 endet oder weil uns der Hundertjährige Kalender manchmal verlässlicher scheint als der Wetterdienst.

Allerdings gibt es weder einen themen- noch einen objektbezogenen Grund, sich auf exakt die Zahl von 100 Objekten zu beschränken. Doch ähnlich wie die interessanteste Ausstellung nur dann besucherfreundlich ist, wenn ihr Spannungsbogen zu überblicken ist und Anfang wie Ende absehbar sind, dient hier die Begrenzung dazu, einen Rahmen für die Auswahl abzustecken – auch wenn dadurch ersichtlich wird, was fehlt, was ausgelassen und in der Darstellung übergangen wurde. Aufgrund seiner eigenen Interessen wird jeder Leser andere Leerstellen sehen, und all diese verweisen darauf, dass unsere Geschichte, ihre Themen wie ihre Objekte, in Herkunft und Zukunft unendlich sind.

Die Relikte aus den vergangenen 300 000 Jahren werden an vielen verschiedenen Orten aufbewahrt, gepflegt, interpretiert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Sie alle verlangen die ganze Sorgfalt, Pflege und Hingabe der Museums-, Bibliotheks- sowie Archivmitarbeiter ebenso wie der Ausstellungsmacher. Nicht von ungefähr zieht es allein in Deutschland jährlich mehr als 100 Millionen Besucher in die Museen. Historische Themen, die am Beispiel von Menschen, Orten, Bauwerken oder eben meist von Objekten dargestellt werden, erfreuen sich dabei besonderer Beliebtheit. Vor allem Originale besitzen häufig eine Aura, der sich kaum jemand entziehen kann oder will. Wer sie betrachtet, sich auf sie einlässt, nimmt diese Eindrücke im Kopf und im Herzen mit. Aus diesem Umfeld heraus hat sich auch die Idee für dieses Buch entwickelt: Im Lauf eines langen und spannenden Berufslebens reifte der Gedanke. Zahlreiche Publikationen über einzelne Exponate und Objektgeschichten erscheinen im Rückblick wie der Testlauf für das vorliegende Buch. Das Echo auf sie war Ermutigung, sich auf das Projekt einzulassen, ein solches Mammutunternehmen in Angriff zu nehmen.

Das Projekt sollte möglichst alle Epochen abbilden: die Antike und das Mittelalter, Spätmittelalter und Frühe Neuzeit, die neuere und neueste Geschichte bis hin zur jüngsten Zeitgeschichte; seine regionale Begrenzung findet es im heutigen Deutschland. Es sollte eine zeitliche Spanne umfassen, die von den ersten Speeren der Menschheit bis zur Energiewende und zum heutigen Selbstverständnis der Deutschen reicht. Langfristige strukturgeschichtliche Veränderungen waren wichtiger als kurzfristige politische Wechsel. Zu den Themen zählen technische Neuerungen ebenso wie Industrialisierung und sozialer Wandel, Erster und Zweiter Weltkrieg, beide Diktaturen auf deutschem Boden und ihre Folgen, schließlich die Vereinigung des geteilten Deutschlands bis hin zum europäischen Einigungsprozess und den Problemen des 21. Jahrhunderts – dies sind nur einige der Facetten, aus denen sich die einzelnen Teile zusammensetzen.

Manche Objekte – vielleicht den Käfer, die Pille, ein Carepaket oder ein Westpäckchen – wird der Leser wie alte Bekannte begrüßen, weil er an sie eigene Erinnerungen knüpft. Oft sind es auch Überraschungsfunde, von denen die wenigsten hätten sagen können, dass sie tatsächlich zur deutschen Geschichte gehören, wie der erste Computer oder auch die Aspirin-Tablette. Jedes einzelne der 100 Objekte wird in den historischen Zusammenhang gestellt, seine Herkunft und individuelle Geschichte beschrieben. Manche können als Leitobjekte exemplarisch für ganze Phasen historischer Entwicklungen gesehen und interpretiert werden, andere werfen Schlaglichter auf kürzere oder längere Prozesse, prägende Strukturen und besondere Ereignisse. Trotz aller gesellschaftlichen Umbrüche und Veränderungen lässt sich doch über die Jahrhunderte auch eine – sicherlich nicht auf deutsche Geschichte beschränkte – Konstante erkennen: die beharrlichen Versuche der Herrschenden, Geschichte zu instrumentalisieren und für ihre Zwecke zu vereinnahmen. Das fängt bei der römischen Gesichtsmaske an und hört bei Angela Merkels Handy längst nicht auf.

Wie aber wählt man am Ende aus der Fülle des Materials aus, welche historischen Überreste sind geeignet, Deutsche Geschichte in 100 Objekten zu repräsentieren? Schließlich gibt es keinen Kanon der deutschen Geschichte und schon gar nicht einen, der sich konkret auf die Exponate beziehen würde. Manches ist Pflicht, anderes ist Kür, aber jede Auswahl ist subjektiv geprägt und hat zwangsläufig viel mit den Vorlieben sowie biografischen Erfahrungen des Autors zu tun. Das Neumagener Weinschiff etwa vermochte ihn schon als Jugendlicher zu fesseln und stand ihm wieder vor Augen, als er dieses Buch zu schreiben begann. Anderen Objekten begegnete er in späteren Jahren in seinem Berufsleben, wieder andere fielen durch ihre besondere Provenienz auf. In jedem Fall sollten die Objekte anziehen, fesseln und zur Kommunikation anregen. Gesucht wurden mehr dreidimensionale als flache Objekte – selbst wenn diese Vorgabe bei manchen Themen langwierige und nicht immer erfolgreiche Recherchen nach sich zog. Beispielsweise existieren die 1834 beseitigten Zollschranken heute nicht mehr, während Teile der Berliner Mauer in unendlicher Zahl zu besichtigen sind. Aus ebendiesen Gründen wurden weder die Zollschranken noch Mauerüberreste in diese Auswahl aufgenommen, andere Exponate zur deutschen Kleinstaaterei und zum Mauerfall aber sehr wohl.

In der Zusammenschau aller Objekte und Themen kann und will das Buch weder Geschichtsbücher noch Überblicksdarstellungen oder Speziallektüre ersetzen und erst recht nicht den Besuch von Ausstellungen und Museen. Vor allem anderen möchte es neugierig machen auf die Auseinandersetzung mit der Geschichte und dem Leser durch das emotionale Erfahren der Objekte einen weniger abstrakten, konkreteren Zugang zu unserer Vergangenheit eröffnen. Es möchte ein breites, historisch interessiertes Publikum ansprechen. Wer sich eingehender informieren will, dem bietet es Hinweise auf weiterführende Literatur, die auch der Arbeit an diesen Texten zugrunde lag. Wenn der Leser hinschaut, hinterfragt, Zusammenhänge nachvollzieht und auf diese Weise aus den Objekten und ihren Kontexten eine Art Netz von Erinnerungen zu spannen vermag, dann fügen sich Zusammenhänge zu einem Gesamtbild, und das Buch hat eines seiner Ziele erreicht. Ein anderes Ziel ist die Sensibilisierung für die Objekte, ein weiteres die Auseinandersetzung mit den Themen und vielleicht sogar mit den Leerstellen, die es aus eigenem Interesse und eigener Neugier zu füllen gilt. Denn die Vergangenheit ist ja nicht gänzlich vergangen, sondern bleibt immer auch Entstehungsgeschichte, also Grundlage unserer Gegenwart.

Meinen Dank für die vielfältige Unterstützung, die ich während der Arbeit an diesem Projekt immer wieder erfahren konnte, habe ich an anderer Stelle zum Ausdruck gebracht. Neben den Kolleginnen und Kollegen in den Museen, Archiven, Bibliotheken und allen weiteren Einrichtungen, die sich mit Liebe und Leidenschaft der Bewahrung, Pflege und Erforschung ihrer Objekte widmen, danke ich vor allem allen Besucherinnen und Besuchern von Museen und Ausstellungen, denen ich begegnen durfte und die sich als Alltagsmenschen anziehen und faszinieren ließen, interessante Fragen stellten, meine Sensibilität schärften und so durch ihre Neugier das Entstehen dieses Buches maßgeblich förderten.

Ihnen allen sei es gewidmet!

 

Hermann Schäfer

Köln/Bonn, im September 2015

 

 

1 Die Speere von Schöningen

Homo erectus und die » deutsche « Vorgeschichte

Die ältesten auf deutschem Boden gefundenen Überreste unserer Vorfahren gehören – natürlich – zu unserer Geschichte. Und das nicht nur, weil sie überraschend einsatzfähig aussehen: acht Speere, sieben aus Fichten-, einer aus Kiefernholz, 1,80 bis 2,50 Meter lang, drei bis fünf Zentimeter dick, beidseits angespitzt, sorgfältig von Menschenhand gefertigt und bearbeitet. In Bauform und Wurfeigenschaften ähneln sie sogar heutigen Speeren und lassen sich 70 Meter weit werfen. Sensationsfunde aus dem Oktober 1994, die allen wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge die weltweit ältesten bisher gefundenen Jagdwaffen der Menschheit sind und deren Erforschung das Bild der kulturellen Entwicklung des frühen Menschen nachhaltig verändert.

Als 1983 der Abbau im Helmstedter Braunkohlerevier an der innerdeutschen Grenze bei Schöningen begann, ahnte niemand, welche archäologischen Schätze hier Jahrtausende überdauert hatten. Die Entdeckungen sprengten selbst die kühnsten Erwartungen aller Experten. Archäologen begleiteten den Tagebau und fanden anfangs dicht unter der Oberfläche viele Spuren der jüngeren Vergangenheit. Nach neun Jahren kamen schließlich – gut zehn Meter unter der Oberfläche und aufbewahrt in Jahrmillionen alten Torfschichtungen über die Abfolge zweier Eiszeiten hinweg – acht hölzerne Speere aus der Altsteinzeit zum Vorschein. Nach allen bisherigen Erkenntnissen dienten sie den hier lebenden Urmenschen – Homo erectus – zu Jagd- oder auch Verteidigungszwecken und sind unfassbare 300 000 bis 400 000 Jahre alt.

Neben den Wurfspeeren legten die Archäologen in angrenzenden Schichtpaketen weitere Artefakte frei, die dem Urmenschen dieser Region vermutlich als Distanzwaffen dienten. So die als Lanze, als Wurfstock bzw. -holz und als Klemmschäfte interpretierten menschlichen Jagd- und Arbeitsgeräte, etwa 20 bis 30 Steinwerkzeuge (Schaber) sowie einen angekohlten, auf den Gebrauch von Feuer verweisenden Holzstab, möglicherweise in der Funktion eines Bratspießes. Diese menschlichen Hinterlassenschaften wiederum befanden sich inmitten einer Ansammlung von etwa 12 000 Tierknochen, die von mehr als 20 Wildpferden, vereinzelt von Rothirsch, Wisent, Nashörnern und Elefanten stammen. Die Spuren an den Skelettresten der Pferde sowie aufgeschlagene Knochen weisen auf gezielte menschliche Bearbeitung, vermutlich Schlachtung durch Steinwerkzeuge, hin, wie sie der afrikanische Urmensch bereits vor 1,5 Millionen Jahren etwa mit dem Faustkeil praktizierte.

Alles in allem liegt mit dem Fundensemble die beinahe eine halbe Million Jahre alte Momentaufnahme menschlicher Frühgeschichte vor, im luftdichten Boden des Tagebaus konserviert für die Gegenwart. Was sagt sie uns für das Verständnis unserer Vorfahren, über ihre Intelligenz, das Sozialverhalten und die Anpassungsfähigkeit des Homo erectus im Nordwesten des heutigen Deutschland?

Der mittlerweile gut dokumentierte Fund der Schöninger Speere, dem mit dem »Paläon« am Entdeckungsort seit 2013 ein Besucherzentrum und Museum gewidmet ist, schließt eine große Lücke im archäologischen Geschichtsbuch der frühen Menschheitsgeschichte, auch wenn noch viele Mutmaßungen bleiben. Etwa 800 000 Jahre ist es nach bisherigem Erkenntnisstand her, dass die ersten Vertreter der vom Menschenaffen und Frühmenschen unterschiedenen Menschenart Homo erectus von Afrika aus Europa erreichten. Als nomadisierender Jäger und Sammler fand dieser aufrecht gehende Urmensch auch im Norden des heutigen Deutschland gute Lebensgrundlagen. Das belegen die ältesten hierzulande gefundenen Überreste von Menschen wie der 1907 entdeckte Unterkiefer des »Homo erectus heidelbergensis« von Mauer bei Heidelberg (600 000 Jahre) und der 1933 gefundene Schädel des »Urmenschen von Steinheim« an der Murr (250 000 bis 300 000 Jahre alt). Der 1856 bei Düsseldorf entdeckte Neandertaler ist demgegenüber viel jünger (40 000 Jahre), und noch jünger ist das 1914 bei Bonn-Oberkassel gefundene Paar mit dem ältesten Haushund Europas (14 000 Jahre).

Dabei bedurfte das Überleben des altsteinzeitlichen Menschen in dieser Region ausgebildeter Anpassungsfähigkeiten an wechselvolle Lebensverhältnisse und das entsprechende Klima. Sein Lebensraum im geologischen Eiszeitalter, dem mittleren Pleistozän, wurde über Jahrhunderttausende bestimmt durch den Wechsel von Warm- und Kaltzeiten, den Vorstoß gigantischer skandinavischer Gletschermassen, die in der Zeit vor 400 000 bis 320 000 Jahren auch den niedersächsischen Mittelgebirgsrand erreichten.

Auch die Schöninger Jagdrelikte stammen aus einer Warmphase zwischen zwei Eiszeiten, der Elster- und der Saale-Eiszeit. Am Speere-Fundort, davon geht die Forschung heute aus, entstand im Verlauf eiszeitlicher Ablagerungen aus einer Senke ein See und damit ein vom Menschen häufig aufgesuchter Rast- und Jagdplatz. In der Folge wurde dieses Gebiet wiederum über Jahrhunderttausende hinweg (bis vor etwa 150 000 Jahren) von bis zu 100 Meter hohen Gletschern übertürmt und am Übergang zum Holozän vor etwa 11 700 Jahren mit einer viele Meter starken Schicht aus Löss bedeckt. Auf diese Weise konnten die Speere wie in einem Magazin ungestört lagern und zum Zeitpunkt ihrer Entdeckung wie »frisch vergraben« erscheinen.

Das Eiszeitalter oder Quartär ist der jüngste Abschnitt der Erdgeschichte; darin findet die Entwicklung des Menschen, der Gattung »Homo«, statt. Sie begann vor 2,6 Millionen Jahren und dauert bis heute an. Das Quartär wird in zwei geologische Zeitabschnitte unterteilt, das Pleistozän und das Holozän, die Jetztzeit. Die altsteinzeitlichen Funde von Schöningen stammen aus dem mittleren Pleistozän, sind also 320 000 bis 300 000 Jahre alt. Tausende von Generationen vor der Bildung erster Zivil- und Staatsgemeinschaften in Mesopotamien (ca. 4000 v. Chr.) und den ältesten Hochkulturen der Menschheit in Ägypten, Babylonien, Mexiko und Kreta erscheint also der Mensch im Pleistozän. Im nördlichen Mitteleuropa beginnt er als Homo erectus mit seiner Herrschaft über widrige Naturbedingungen, auf heutigem deutschem Boden bewährt er sich als mutiger und listiger Jäger von Wasserbüffel, Auerochse oder Wildpferd, und er tritt bewaffnet den Giganten des Eiszeitalters wie dem Eurasischen Altelefanten, der Säbelzahnkatze oder dem Steppenmammut gegenüber.

Der Schatz von Schöningen fügt sich in dieses archäologische Bild ein und ergänzt es zugleich, denn er wirft Fragen zum Entwicklungsgrad dieses europäischen Homo erectus im Allgemeinen und zum Heidelbergmenschen im Besonderen auf. Fragen, die nicht nur den Archäologen bewegen. Umso spannender, wie die moderne Forschung die »Schöninger Jagdszene« aus der Altsteinzeit interpretiert.

Da die Jagdgeräte, der »Bratspieß« und die steinernen Werkzeuge zum Zerlegen inmitten einer Fläche lagen, die von Tausenden Tierknochen bedeckt war und erwiesenermaßen nicht durch nachträgliche Seebewegungen entstand, lassen sich diese Relikte tatsächlich als Beleg für die – mutmaßlich häufiger stattfindende – systematische Jagd des steinzeitlichen Jägers und Sammlers deuten. Der Homo erectus wie später der Neandertaler ernährte sich sehr fleischreich; nördliches Klima und Lebensraum verlangten viel Energie bei einem nomadisch geführten Leben. So wurden wohl auch hier an dem ehemaligen Ufer eines Sees gemeinsam Wildpferde gejagt und vermutlich Strategien der Großwildjagd in der sozialen Gemeinschaft verabredet. »Wer glaubt«, so der Speere-Entdecker Hartmut Thieme, »dass das mit Grunzlauten und Armfuchteln möglich war, der irrt! Eine subtile Kommunikation war nötig, mit Sicherheit gab es bereits eine Form von Sprache.« Zu den kognitiven Fähigkeiten (bewusst und vorausschauend planen, strategisch denken, sozial kommunizieren und koordinieren) kommen also handwerkliche Fertigkeiten und ein technologisches Wissen hinzu, wie das gezielte handwerkliche Bearbeiten von Rohmaterial (Holz, Stein) zur Werkzeug- oder Waffenherstellung für den gemeinschaftlichen Jagdzweck. Zu solchen Intelligenzleistungen sind nur Wesen aus der Familie der Hominiden befähigt. Sie setzen ein großvolumiges, hoch organisiertes Gehirn voraus, aber auch von Generation zu Generation weitergegebene Erfahrungen.

Die Speere belegen, dass die Schöninger Jäger bereits eine Jagdtechnik besaßen, denn sie sind nicht nur sorgfältig bearbeitet und mit ihren unterschiedlichen Längen vermutlich der Konstitution ihrer Werfer angepasst. Sie sind auch ballistisch optimal austariert, geformt wie heutige Wettkampfspeere und als Distanzwaffen gebaut. Unbeantwortet bleibt bislang die Frage, weshalb die Speere am Schöninger Jagdgrund zurückgelassen wurden. Sind sie eventuell Relikte ritueller Handlungen (H.  Thieme), Bestandteil eines frühen Opferkults des Homo erectus?

 

Ungeachtet der Vielzahl von Deutungsmöglichkeiten und noch ausstehender Detailuntersuchungen korrigieren die Speere von Schöningen bereits heute eine lange verbreitete Auffassung der Evolutionstheorie, wonach der kräftig gebaute Mensch des Pleistozäns noch kein Jäger gewesen sei, trotz seines starken Kiefers hauptsächlich vegetarisch gelebt und sich wie Tiere von Aas ernährt habe. Wenn aber bereits der Vorfahre des europäischen Neandertalers, der Homo erectus von Schöningen, in großem Stil Wildtiere angegriffen, erbeutet und in der Gruppe unterschiedliche Waffen und Angriffstechniken (Wurfspeere, Lanze) verwendet hat, dann muss das erste Auftreten menschlichen Jagdverhaltens »um mindestens ein Vierfaches an Zeit« (Thieme) zurückdatiert werden. Bereits der Schöninger Homo erectus war also Großwildjäger und Fleischesser, planender Denker und sprachlicher sozialer Kommunikator mit Anpassungsstrategien für die Klima- und Umweltverhältnisse im nördlichen Harzvorland. Insofern rückt der Schöninger Speerfund den Homo erectus der Altsteinzeit mit seiner menschlichen Intelligenz dem Homo sapiens evolutionsgeschichtlich so nah wie noch nie. Solchen detaillierten Aufschluss über den europäischen »Prä-Neandertaler« konnten bisherige Knochen-, Schädel- und Siedlungsfunde wie 1908 und 1972/73 im thüringischen Bilzingsleben (400 000 Jahre alt) bislang nicht gewähren.

Auch die Besiedlungsgeschichte Nordeuropas erhält mit dem Speere-Schatz einen neuen Mosaikbaustein, denn sie sind der bisher älteste Siedlungsnachweis des Menschen in Niedersachen – wiederum gut 14 000 Generationen, bevor der moderne Homo sapiens auch auf dem Boden des heutigen Deutschland sesshaft wurde, Ackerbau betrieb und menschliche Kulturlandschaften wie Siedlungen und Großsteingräber schuf (um 5600 v. Chr.).

Dank der altsteinzeitlichen Jagdspeere ist das Braunschweiger Land rund um den Elm heute eine weltweit bedeutsame archäologische Fund- und Untersuchungslandschaft. Sie umfasst inzwischen rund sechs Quadratkilometer und verspricht auch nach 30 Jahren intensiver Forschung noch weitere Erkenntnisse: so zum Beispiel zu urgeschichtlichen Siedlungen, zu Befestigungsanlagen sowie zu Gräbern aus der Jungsteinzeit, der Bronze- und Eisenzeit. Auf diese Weise ergeben sich immer wieder überraschende »Kurzschlüsse« der modernen Zivilisation mit ihren Ursprüngen, die wesentlich erst durch die Schaufelradbagger des industriellen Fortschritts ermöglicht wurden.

»Es gibt nicht nur Schätze aus Silber und Gold, sondern auch Schätze der Erkenntnis«, sagen Archäologen mit Bezug darauf, dass sich »über 99 Prozent der Menschheitsgeschichte unseres Landes nur in paläontologischen und archäologischen Quellen« (Harald Meller, nach: Güntheroth/Pursche) abbilden. Einzigartige Entdeckungen wie die von Steinheim und Mauer, Weimar-Ehringsdorf und Mettmann, Nebra oder Schöningen belegen diese Sichtweise. Sie öffnen neue Fenster in die Ursprungszeit des Menschen unserer Region, geben den Äonen des weltumspannenden Zivilisationsprozesses ein wenig klarere Konturen oder lassen bei allem Staunen überhaupt erst verständlich werden, wie lang die Kette der menschlichen Kulturentwicklung wirklich ist. Und wie viele Glieder in dieser Kette immer noch fehlen.

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