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Die Kunst des digitalen Lebens

„News sind für den Geist, was Zucker für den Körper ist.“ Rolf Dobelli

Der digitale Wandel hat unseren Medienkonsum in den letzten Jahren stark verändert. Nachrichten stürmen ununterbrochen auf uns ein, echte News sind immer schwerer von Fake News zu unterscheiden und wir bewegen uns zunehmend in Filterblasen. Viele Ratgeber versuchen, der Informationsflut mit Zeitmanagement, Medienmanagement oder gar Selbstmanagement beizukommen. Bestsellerautor Rolf Dobelli wählt da einen radikaleren Ansatz: Lassen Sie die Nachrichten ganz weg!

Der Autor des Bestsellers Die Kunst des guten Lebens sagt über sein aktuelles Buch: »Dies ist mein bisher persönlichstes Buch. Ich war ein News-Junkie, aber seit vielen Jahren lebe ich gänzlich ohne News und kann die Auswirkungen dieser Freiheit sehen, spüren und aus erster Hand schildern: höhere Lebensqualität, klareres Denken, wertvollere Einsichten und deutlich mehr Zeit. Verzichten Sie auf News! Sie werden bessere Entscheidungen treffen – für Ihr Privatleben und im Beruf. Und das Beste: Sie werden nichts Wichtiges verpassen.«

Die Kunst des digitalen LebensDie Kunst des digitalen Lebens

Wie Sie auf News verzichten und die Informationsflut meistern

Wir sind immer bestens informiert und wissen doch so wenig. Warum? Weil wir ständig „News“ konsumieren – kleine Häppchen trivialer Geschichten, schreiende Bilder, aufsehenerregende „Fakten“. Der Bestsellerautor Rolf Dobelli lebt seit vielen Jahren gänzlich ohne News – und kann die befreiende Wirkung dieser Freiheit aus erster Hand schildern. Machen Sie es wie er: Klinken Sie sich aus. Radikal. Und entdecken Sie die Kunst eines stressfreien digitalen Lebens mit klarerem Denken, wertvolleren Einsichten und weniger Hektik. Sie werden bessere Entscheidungen treffen – für Ihr Privatleben und im Beruf. Und Sie werden auf einmal mehr Zeit haben, die Sie nutzen können für das, was Sie bereichert und Ihnen Freude macht.

MAN HÄTTE EINE STECKNADEL FALLEN HÖREN KÖNNEN

Am 12. April 2013 lud mich die Redaktion der englischen Zeitung The Guardian ein, die Übersetzung meines damals gerade erschienenen Buchs Die Kunst des klaren Denkens vorzustellen. Jede Woche darf ein Autor kurz sein neues Buch präsentieren, und in jener Woche wurde mir die Ehre zuteil. Chefredakteur Alan Rusbridger trommelte die Redaktion zusammen. Langsam füllte sich der Raum. Etwa fünfzig Journalisten standen da, Morgenkaffee in der Hand, tuschelten und warteten darauf, dass Rusbridger endlich erklären möge, wer dieser in England komplett unbekannte Mensch sei. Meine Frau hatte mich begleitet. Meine Hand umklammerte die ihre – ein Versuch, meine Nervosität in Schach zu halten. Hier waren die besten Köpfe einer weltweit führenden Zeitung versammelt, und ich hatte das einmalige Privileg, ein paar meiner Aperçus aus der Welt der Kognitionswissenschaft zum Besten zu geben – in der Hoffnung, dass einer von ihnen über mein Buch schreiben würde. Nach einem Räuspern hob Rusbridger an und sagte trocken: „Ich war gerade auf Ihrer Webseite und habe Ihren frechen Artikel entdeckt. Sprechen Sie darüber, nicht über Ihr neues Buch.“

Darauf war ich nicht vorbereitet. Auf meiner Zunge lagen eingeübte, hoffentlich überzeugende, wohlformulierte Sätze zur Kunst des klaren Denkens, die idealerweise eins zu eins ihren Weg in den Guardian finden würden. Ich schluckte sie herunter. Der Artikel, den Rusbridger auf meiner Webseite entdeckt hatte, listete die wichtigsten Argumente gegen den Konsum von genau dem auf, was diese weltweit respektierten Profis Tag für Tag produzierten: News. Wohl oder übel legte ich los, tischte Grund um Grund auf, warum man auf das beliebteste Produkt einer ganzen Branche am besten verzichtet. Statt von zuvor fünfzig mir wohlgesinnten Menschen war ich jetzt von fünfzig Gegnern umzingelt. Ich versuchte, möglichst ruhig zu bleiben und das Kreuzfeuer ihrer Blicke auszuhalten. Nach zwanzig Minuten war ich mit meinen Argumenten am Ende und schloss mit dem Satz: „Seien wir ehrlich: Was Sie, meine Damen und Herren, hier betreiben, ist im Grunde Unterhaltung.“

Stille. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Rusbridger kniff die Augen zusammen, schaute sich um und sagte: „Ich möchte, dass wir Dobellis Argumente publizieren. Noch heute.“ Er drehte sich um und verließ den Raum, ohne sich zu verabschieden. Die Journalisten folgten ihm. Keiner schaute mich an. Keiner wechselte auch nur ein Wort mit mir.

Vier Stunden später stand eine Kurzversion meines Artikels auf der Guardian-Webseite. Innerhalb kürzester Zeit hatten sich 450 Leserkommentare angesammelt – das technische Maximum. Der Artikel „News is bad for you“ wurde paradoxerweise zu einem der meistgelesenen Zeitungsartikel des Jahres.

Das Büchlein, das Sie in den Händen halten, basiert auf eben diesem „frechen“ Artikel. Aber es enthält noch viel mehr: mehr Gründe gegen den News-Konsum, mehr Forschung, was News mit uns anstellen, und mehr Tipps, wie wir die Sucht danach in den Griff bekommen und überwinden. Durch die Digitalisierung haben sich News von einem harmlosen Unterhaltungsmedium in eine Massenvernichtungswaffe gegen den gesunden Menschenverstand verwandelt. Dieser Gefahr gilt es, aus dem Weg zu gehen.

Eins ist mir dabei sehr wichtig: Den News-Konsum einzuschränken bedeutet keinen bitteren Verzicht. Im Gegenteil: Sie werden reich beschenkt – mit viel Zeit und mit einem neuen Blick für das, was wirklich wesentlich ist und uns glücklich macht.

Weil man Bücher gleich zweimal hintereinander lesen sollte, damit man nichts vergisst, habe ich es Ihnen für den zweiten Durchgang leicht gemacht: Lesen Sie die Take-aways. Viel Vergnügen bei der Lektüre!

Rolf Dobelli, im April 2019


1 MEIN WEG ZUM NEWS-VERZICHT – TEIL 1

„Hallo, mein Name ist Rolf, und ich bin ein News-Junkie.“ Gäbe es Selbsthilfegruppen für News-Süchtige, wie es sie zum Beispiel für Alkoholiker gibt, hätte ich mich mit diesem Satz in die Runde gesetzt und auf Verständnis gehofft. Das war vor über zehn Jahren.

Angefangen hatte alles ganz normal. Hineingeboren in eine wunderbare Mittelklassefamilie, wuchs ich mit der üblichen News-Routine auf, die Ihnen bekannt vorkommen wird, wenn Sie ebenfalls in den 70er-Jahren jung waren. Jeden Werktag um 6:30 Uhr hörte ich, wie der Bote die Zeitung durch den Schlitz in den Briefkasten schob. Kurz darauf öffnete meine Mutter die Haustür einen Spalt weit und zupfte die Zeitung mit einer geschickten Handbewegung aus dem Kasten, ohne dass sie einen Schritt nach draußen machen musste. Auf dem Weg zur Küche trennte sie die Zeitung in zwei Teile, legte einen Teil meinem Vater hin (sie bestimmte, welchen) und behielt den anderen Teil bei sich. Während wir alle unser Frühstück genossen, blätterten unsere Eltern die Zeitung durch, tauschten dann die beiden Zeitungsteile, blätterten weiter. Um Punkt 7 Uhr lauschten wir alle den Nachrichten im Schweizer Radio DRS. Kurz darauf machte sich mein Vater zur Arbeit auf und wir Kinder zur Schule. Um 12 Uhr versammelte sich die ganze Familie um den Mittagstisch. Nach dem Mittagessen, um 12:30 Uhr, hatte man ruhig zu sein: Zeit für die Nachrichten im Radio. Dito am Abend, um 18:30 Uhr. Um 19:30 Uhr dann der Höhepunkt des Abends: die Tagesschau des Schweizer Fernsehens.

News gehörten zu meinem Leben wie Ovomaltine zum Frühstück. Und doch hatte ich schon damals das Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmte. Es erstaunte mich, dass die Zeitung jeden Tag gleich dick und gleich aufgebaut war. Die lokale Zeitung, die meine Eltern abonniert hatten (Luzerner Neuste Nachrichten), bestand aus einem Auslandsteil von einer Seite, einem Wirtschaftsteil von einer Seite, einem Stadt-Luzern-Teil von immer zwei Seiten und so weiter. Dabei spielte es keine Rolle, ob am Vortrag viel oder wenig passiert war. Es gab damals noch keine Sonntagszeitungen auf dem Schweizer Markt. Selbst die Montagsausgabe hatte dieselbe Stärke (sechsunddreißig Seiten), obwohl sie die News von zwei Tagen – Samstag und Sonntag – enthielt. Ich fand das irgendwie seltsam. Aber das galt nicht nur für die Zeitung. Auch die Tagesschau dauerte immer genau gleich lang. Ich fand das merkwürdig. Denn es bedeutete: Was an einem ereignisarmen Tag als wichtig gilt und in die Berichterstattung aufgenommen wird, gilt an einem anderen, prallvollen Tag notgedrungen als unwichtig. „Geht halt nicht anders“, dachte ich – und nicht mehr weiter darüber nach.

Mit den Jahren entwickelte ich mich zu einem unersättlichen Zeitungsleser. Im Alter von siebzehn erreichte diese Begierde nach Nachrichten aus der großen weiten Welt einen ersten Höhepunkt. Damals blätterte ich jede Zeitung, die mir in die Finger kam, von vorne bis hinten durch. Nur den Sportteil ließ ich aus. Während meine Freunde sich im Wald, auf dem Fußballfeld, mit Modellflugzeugen oder mit Mädchen die Zeit vertrieben, verbrachte ich ganze Samstage im Lesesaal der Bibliothek in Luzern. Die Zeitungen waren in einen Holzstock eingeklemmt, damit die losen Seiten nicht auseinanderfielen und man die Zeitung an einem Haken aufhängen konnte. Die meisten Zeitungen waren damals so groß und umfangreich und der Stab so lang und schwer, dass das Handgelenk schon nach kurzer Zeit schmerzte, wenn man in einem der Lesesessel saß. Also setzte ich mich an einen der riesigen Arbeitstische und blätterte die Seiten um, wie ein Priester die Seiten der auf dem Altar liegenden Bibel wendet – nur dass ich jeweils aufstehen und mich über den Tisch bücken musste, um die Berichterstattung am weit entfernten oberen Zeitungsrand zu lesen.

Ich beobachtete, wie sich täglich zur selben Uhrzeit die immer gleichen älteren Herren (fast nie Frauen) in Anzug und Krawatte – was sich im erzkonservativen Luzern an Wochenenden noch gehörte – in der gleichen Weise an die Zeitungen machten. Diese Herren mit ihren Hornbrillen machten auf mich einen höchst intelligenten Eindruck – so klug und belesen wollte ich später auch einmal aussehen. Bei der Zeitungslektüre kam ich mir sogar schon so vor. Ich wähnte mich informiert, unbeeindruckt von den Kleinigkeiten des Alltags, intellektuell auf Flughöhe: Präsidenten, die sich die Hände gaben, Naturkatastrophen, Putschversuche. Das war die große Welt, die Welt, die wirklich zählte – und ich fühlte mich verschmolzen mit ihr.

Während des Studiums rutschte der News-Konsum in den Hintergrund, weil wir Studenten schlicht zu viele Bücher lesen mussten. Doch schon mit dem ersten Job nach der Uni war die Lust auf News wieder da. Als Finanz-Controller für die Swissair saß ich fast täglich in einem Flieger. Wenn die Stewardess mit dem Zeitungsstapel die Runde machte, stürzte ich mich gleich auf alle Titel. Was ich während des Flugs nicht „abarbeiten“ konnte, stopfte ich in meinen Aktenkoffer (genau, so ein eckiges Modell mit Zahlenschlössern links und rechts, wie man sie heute nur noch in billigen Krimis zu sehen bekommt, wo damit Bündel von Dollarnoten transportiert werden), um die World-News später im Hotelzimmer fertig zu lesen. Weil jetzt auch die internationalen Zeitungen und Zeitschriften zu meiner Lektüre gehörten, fühlte ich mich euphorisch. Es kam mir vor, als hätte ich die Kraft, die Welt jeden Tag in all ihren Facetten zu durchleuchten. Ich war selig.


2 MEIN WEG ZUM NEWS-VERZICHT – TEIL 2

Aber es waren nicht nur die Zeitungen, die Zeitschriften, das Fernsehen und das Radio, deren Nachrichten es mir angetan hatten. In den 90er-Jahren kam das Internet auf, und plötzlich gab es noch mehr zu wissen, nein, alles – News aus allen Erdteilen, umfassend, sofort und kostenlos. Ich erinnere mich an den ersten Bildschirmschoner, der nicht irgendwelche langweiligen herumfliegenden Dreiecke zeigte, sondern die aktuellsten Headlines. Er hieß PointCast, und ich konnte stundenlang vor diesem genialen Screensaver sitzen: nonstop Schlagzeilen wie am Times Square in Manhattan, nur eben auf dem eigenen Bildschirm! Parallel dazu rüsteten die großen Zeitungen und Zeitschriften, später auch die Lokalzeitungen, ihre Webseiten auf. Wirklich fertig mit der News-Lektüre war man jetzt nie mehr – man konnte es nicht sein. Es gab immer noch eine Zeitung, deren Schlagzeilen man noch nicht gelesen hatte. Und inzwischen hatten die anderen bereits wieder neue.

Die zweite und dritte Generation der Internet-Browser erlaubten Push-Nachrichten und RSS-Feeds. Ich abonnierte sie alle. Die Zeitungen offerierten tägliche Newsletter. Ich abonnierte auch diese. News-Podcasts kamen auf. Keine Frage: Auch sie durfte ich nicht verpassen. Ich fühlte mich voll am Puls der Zeit, war begeistert, berauscht, betrunken. Es war wie Alkohol. Nur, so dachte ich, nicht verdummend, sondern verschlauend.

In Wahrheit sind News so gefährlich wie Alkohol. Eigentlich noch gefährlicher, denn die Hürde, die Sie als Alkoholtrinker nehmen müssen, ist viel höher. Genauer gesagt: Beim Alkohol ist die Hürde größer als null, bei den News kleiner als null. Sie müssen sich bemühen, Alkohol zu kaufen, es kostet Sie Zeit und Geld. Alkohol wird Ihnen nicht frei Haus geliefert. Und falls Sie tatsächlich Alkoholiker sind und (noch) in einer Beziehung leben, müssen Sie die Flaschen verstecken und die leeren Flaschen so schnell wie möglich loswerden. Das bedeutet Aufwand. Bei den News hingegen haben Sie diesen Aufwand nicht. Nachrichten sind überall, sie sind zum größten Teil kostenlos, und sie schlüpfen automatisch in Ihr Bewusstsein. Sie müssen sie nicht lagern, und es gibt nichts zu entsorgen. Wegen dieser „negativen Hürde“ sind News so heimtückisch. Nur bemerkte ich das erst viel später – erst als ich mir nach Zehntausenden von Nachrichtenstunden diese zwei Fragen stellte: Verstehst du die Welt nun besser? Und: Triffst du nun bessere Entscheidungen? Die Antwort war in beiden Fällen: nein.

Trotzdem spürte ich eine nie nachlassende Faszination für das überwältigende, grelle News-Gewitter. Und dies, obwohl es mich offensichtlich nervös machte. Ständig schoben sich Bruchteile von News-Meldungen vor die Realität, die mich umgab, und ich hatte plötzlich Mühe, längere Texte am Stück zu lesen. Es war, als hätte jemand meine Aufmerksamkeit in winzige Stücke zerschnitten. Ich verfiel in Panik, dass ich meine Aufmerksamkeit nie mehr heilen, dass ich diese Fetzen nie mehr zu einem Ganzen würde zusammenfügen können. Langsam begann ich, mich vom News-Theater zu verabschieden. Ich löschte die Newsletter, die RSS-Feeds und versuchte, mich auf ausgewählte Webseiten zu beschränken (NZZ, Spiegel, New York Times, Financial Times, Wall Street Journal). Doch selbst das war noch zu viel. Also reduzierte ich weiter – von fünf auf vier, auf drei, auf zwei Quellen – und erlaubte mir höchstens drei News-Besuche pro Tag. Auch das funktionierte nicht. Ich hangelte mich wie ein Affe von News-Link zu News-Link und verlor mich bald wieder im endlosen Nachrichtendschungel. Es musste eine radikale Lösung her. Und zwar dringend. Sie lautete: Schluss mit News. Komplett. Radikal. Sofort. Und siehe: Das funktionierte!

Mich von der News-Sucht zu befreien brauchte einiges an Zeit, Experimentierfreudigkeit und Willenskraft. Vor allem suchte ich Antworten auf die folgenden Fragen: Was sind News? Was macht sie so unwiderstehlich? Was passiert im Hirn, wenn wir News konsumieren? Warum sind wir so gut informiert und wissen doch so wenig?

Der radikale Abschied von den News fiel mir doppelt schwer, weil viele meiner Freunde Journalisten sind. Sie gehören zu den intelligentesten, witzigsten und gebildetsten Menschen, die ich kenne. Mehr als das. Sie haben ihren Beruf vorwiegend aus moralischen Gründen gewählt – um die Welt ein Stück gerechter zu machen und den Mächtigen auf die Finger zu schauen. Dummerweise sind sie heute in einer Industrie gefangen, die mit echtem Journalismus kaum mehr etwas zu tun hat. Das Jonglieren von News ist sinnleer geworden.

Heute bin ich „clean“. Seit 2010 lebe ich gänzlich ohne News und kann die Auswirkungen dieser Freiheit sehen, spüren und aus erster Hand schildern: höhere Lebensqualität, klareres Denken, wertvollere Einsichten, weniger Nervosität, bessere Entscheidungen und viel mehr Zeit. Seit 2010 habe ich keine Tageszeitung mehr abonniert, keine Tagesschau mehr gesehen, keine Nachrichten im Radio mehr gehört, mich von keinen Online-News mehr berieseln lassen. Was als Selbstversuch begonnen hatte, ist zu einer Lebensphilosophie geworden. Ich kann Ihnen den News-Verzicht mit gutem Gewissen ans Herz legen. Sie werden bessere Entscheidungen treffen. Sie werden ein besseres Leben haben. Und glauben Sie mir: Sie werden nichts Wichtiges verpassen.


3 NEWS SIND FÜR DEN GEIST, WAS ZUCKER FÜR DEN KÖRPER IST

Was genau sind News? Die einfachste Definition: „Kurznachrichten aus aller Welt“. Ein Busunglück in Australien. Ein Erdbeben in Guatemala. Staatspräsident A trifft Staatspräsident B. Schauspielerin C hat sich von D getrennt. Regierungsumbildung in Italien. Raketenstart in Nordkorea. Eine App, die alle Rekorde bricht. Ein Mann aus Texas verspeist fünf Kilo lebende Würmer. Ein Weltkonzern feuert seinen CEO. Der Tweet eines Politikers. Ein neuer UNO-Generalsekretär. Ein Mann sticht seine Großmutter nieder. Die Nobelpreiskandidaten. Ein Friedensabkommen. Ein Hai beißt einem Taucher die Beine ab. China baut einen neuen Flugzeugträger. Ein Bestechungsskandal. Die EZB warnt vor einer Rezession. Gipfeltreffen der G7, G8, G20, G87, G123. Argentinien ist zahlungsunfähig. Ein Unternehmer wandert ins Gefängnis. Eine Regierung dankt ab. Ein Putsch. Ein Schiffsunglück. Der Schlusskurs des Dow Jones.

Manchmal nennen die Medien diese Kurznachrichten großspurig Breaking News oder Top World Headlines. Das ändert aber nichts daran, dass sie für Ihre persönliche Welt größtenteils irrelevant sind. Ja, Sie können getrost davon ausgehen: je mehr „breaking“, desto belangloser.

„News“ sind – verglichen mit Büchern – eine junge Erfindung. Das Format ist gerade mal 350 Jahre alt. Die erste Tageszeitung kam 1650 auf den Markt – die Einkommende Zeitung in Leipzig. Wenige Jahrzehnte später gab es Hunderte von Tageszeitungen in Europa. Nachrichten waren endgültig zu einem Geschäft geworden. Alles, was das Interesse der Leser schürte und so den Verkauf der Zeitungen förderte, bezeichneten die Herausgeber fortan als „berichtenswert“ – egal ob wichtig oder unwichtig. An diesem fundamentalen Betrug – das Neue wird als das Relevante verkauft – hat sich bis heute nichts verändert. Es bleibt das dominante Modell, egal ob gedruckte Zeitung, Online-News, Social-Media-News, Radio oder Tagesschau im Fernsehen.

Was sich seit der ersten Zeitung verschärft hat, ist die Unverfrorenheit, die Vehemenz, die Lautstärke, mit der das Neue als das Relevante angepriesen wird. In den letzten zwanzig Jahren, mit der Etablierung des Internets und des Smartphones, hat sich die Sucht nach News zu einer gefährlichen Manie entwickelt. Man kann den News kaum mehr entfliehen. Es ist höchste Zeit, dass wir unsere Einstellung zur News-Flut überdenken. Es ist höchste Zeit, dass wir die Auswirkungen des News-Konsums erkennen und eine Detox-Kur einleiten.

Das Gegenprogramm zu den „News“ sind die langen Formate: lange Zeitungs- und Zeitschriftenartikel, Essays, Features, Reportagen, Dokumentarsendungen und Bücher. Viele dieser Inhalte sind wertvoll, liefern neue Erkenntnisse und Hintergrundinformationen. Doch Vorsicht: Diese Formate sind noch lange keine Garantie für Relevanz. Solange sie in Medien erscheinen, die sich hauptsächlich über Werbung finanzieren, bleibt die Gefahr bestehen, dass sie den Neuigkeitswert über die Relevanz stellen. Weil ich mir nicht jedes Mal den Kopf darüber zerbrechen will, ob ein langer Artikel als wertvoll oder wertlos zu bewerten ist, verzichte ich gänzlich auf die Lektüre von Zeitungen (Print und Online), auf Radio und Fernsehen. Hinzu kommt, dass viele dieser langen Qualitätsformate ohnehin von einem Konfetti-Regen aus gehaltlosen Kurznachrichten umgeben sind. Mit anderen Worten: Sie sind oft news-verseucht. Und ich mag nicht aus verseuchten Quellen trinken. Zugegeben, ein radikaler Weg. In den nächsten Kapiteln zeige ich Ihnen, wie auch Sie ihn beschreiten können, um sich von den toxischen News zu befreien.

Unbestreitbar bleibt: Das Kurzfutter der täglichen News ist nicht nur komplett wertlos, sondern sogar schädlich. In den letzten Jahrzehnten haben wir viele Gefahren erkannt, die mit falscher Ernährung einhergehen: Insulinresistenz, Übergewicht, Anfälligkeit für Entzündungen und Müdigkeit. All das kann bis zu einem verfrühten Tod führen. Wir haben unsere Ernährung umgestellt und gelernt, den verführerischen Reizen von Zucker und anderen einfachen Kohlenhydraten zu widerstehen. In Bezug auf News sind wir heute an dem Punkt, wo wir in Bezug auf Zucker und Fast Food vor zwanzig Jahren standen, denn: News sind für den Geist, was Zucker für den Körper ist. News sind appetitlich, leicht verdaulich und gleichzeitig höchst schädlich. Die Medien füttern uns mit kleinen Häppchen trivialer Geschichten, mit Leckerbissen, die unseren Hunger nach Wissen aber keineswegs stillen. Anders als bei Büchern und langen, gut recherchierten Artikeln stellt sich beim News-Konsum keine Sättigung ein. Wir können unbegrenzte Mengen von Nachrichten verschlingen – und doch bleiben sie billige Zuckerbonbons. Die Nebenwirkungen zeigen sich – wie beim Zucker, Alkohol, Fast Food oder Rauchen – erst mit Verzögerung.

Eine gesunde Ernährung ist wichtig für den Körper, aber ebenso wichtig ist eine gesunde geistige Ernährung. Dieses Manifest soll ein Gegenprogramm zum All-you-can-eat-Menü der täglichen News sein. Und übrigens: Wenn Sie es schaffen, dieses Buch zu Ende zu lesen, können Sie sich glücklich schätzen. Denn dann gehören Sie noch nicht zu den News-Junkies, die so viel von dem Kurzfutter konsumiert haben, dass sie ihre Konzentrationsfähigkeit verloren haben. Halten Sie also durch. Entzugstherapien sind immer hart. Doch sie lohnen sich.

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Teilnahmeschluss: 31.Oktober 2019

„99% aller Nachrichten sind schädlich. Für Sie persönlich.”

Illustrationen zu "Die Kunst des digitalen Lebens" von El Bocho - Streetart Künstler und Illustrator

Immerzu konsumieren wir News in Form von Schlagzeilen, Häppchen, Bildern. Gut tut uns das nicht, im Gegenteil: Diese Art der raschen Informationsaufnahme rund um die Uhr verstellt den Blick für das wirklich Wichtige, sorgt für Stress und blockiert unsere Willenskraft. Der Schweizer Bestsellerautor Rolf Dobelli verzichtet seit Jahren bewusst auf Nachrichtenkonsum – und schildert nun die befreiende Wirkung dieser „Kunst des digitalen Lebens” in seinem neuen Buch aus erster Hand.


Felicitas von Lovenberg

Hörprobe zu "Die Kunst des digitalen Lebens"

Das Hörbuch ist bei Hörbuch Hamburg erschienen.

Die Kunst des digitalen Lebens ist mein bisher persönlichstes Buch. Denn es beschreibt ein Selbstexperiment, das vor zehn Jahren begonnen hat. Vor zehn Jahren habe ich aufgehört, News zu konsumieren. Seit 2010 habe ich keine Tageszeitung mehr gelesen, keine Tagesschau mehr gesehen, keine Nachrichten im Radio mehr gehört und mich nicht mehr von Online-News berieseln lassen. Seit 2010 lebe ich gänzlich ohne Nachrichten und kann die Auswirkungen dieser Freiheit sehen, spüren und aus erster Hand schildern: höhere Lebensqualität, klareres Denken, wertvollere Einsichten, weniger Nervosität und unendlich viel mehr Zeit. Was vor zehn Jahren als frivoler Selbstversuch eines News-Junkies begonnen hat, ist heute zum Kern meiner Lebensphilosophie geworden.

Ich kann Ihnen eine solche News-Diät mit gutem Gewissen ans Herz legen. Sie werden bessere Entscheidungen treffen – für Ihr Privatleben und im Beruf. Und das Beste: Sie werden nichts Wichtiges verpassen.

In den letzten Jahrzehnten haben wir viele Gefahren erkannt, die mit falscher Ernährung einhergehen: Insulinresistenz, Übergewicht, Anfälligkeit für Entzündungen, Müdigkeit bis hin zu einem verfrühten Tod. Wir haben unsere Ernährung umgestellt und gelernt, den verführerischen Reizen von Zucker und anderen einfachen Kohlenhydraten zu widerstehen.

Heute sind wir in Bezug auf News an dem Punkt, wo wir in Bezug auf Zucker vor zwanzig Jahren standen. Denn News sind für den Geist, was Zucker für den Körper ist . Nachrichten sind appetitlich, leicht verdaulich und gleichzeitig höchst schädlich.

Die Medien füttern uns mit kleinen Häppchen trivialer Geschichten, mit Leckerbissen, die unseren Hunger nach Wissen nicht wirklich stillen. Anders als bei Büchern und langen, gut recherchierten Artikeln stellt sich beim Newskonsum keine Sättigung ein. Wir können unbegrenzte Mengen von Nachrichten verschlingen. Doch sie bleiben billige Zuckerbonbons für den Geist.

Mich von dieser News-Sucht zu befreien, brauchte viel Zeit, Experimentierfreudigkeit und Willenskraft. Vor allem suchte ich Antworten auf die Fragen: Was sind News? Warum sind sie so unwiderstehlich? Was passiert im Hirn, wenn wir Nachrichten konsumieren? Warum sind wir so gut informiert und wissen doch so wenig? Und warum sind Bücher so unendlich viel wertvoller, als viele denken?

Die Antworten auf diese Fragen finden Sie in meinem neuen Buch. Und noch viel mehr. Es liefert einen Leitfaden, wie Sie Schritt für Schritt den gigantischen News-Wirbelsturm hinter sich lassen können, der Sie täglich stresst.

Über Rolf Dobelli

Rolf Dobelli, Jahrgang 1966, studierte Betriebswirtschaft und promovierte in Philosophie an der Universität St. Gallen. Er war CEO verschiedener Tochtergesellschaften der Swissair-Gruppe und gründete zusammen mit Freunden den weltgrößten Verlag von komprimierter Wirtschaftsliteratur. Er lebte in Hongkong, Australien, England und viele Jahre in den USA. Rolf Dobelli ist Gründer und Kurator von WORLD.MINDS, einer Community von weltweit führenden Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Kultur und Wirtschaft. Er schreibt Romane und Sachbücher, darunter die Nr.-1-Spiegel-Bestseller „Die Kunst des klaren Denkens“ sowie „Die Kunst des klugen Handelns“, die weltweit eine Millionenauflage erreichten und in über 40 Sprachen übersetzt wurden. Er lebt mit seiner Familie in Bern.

52 Wege für ein besseres Leben

Rolf Dobelli erreicht mit seinen Büchern ein Millionenpublikum. Und das aus gutem Grund: Er verbindet einen scharfen wissenschaftlichen Verstand mit einer beeindruckenden philosophischen Herangehensweise und zündet ein Feuerwerk an Erkenntnissen, die nicht nur überraschen, sondern sich oft genug auch ganz praktisch nutzen lassen.

Wer wissen will, wie man richtig denkt, handelt und lebt, wird bei Dobelli garantiert fündig. Das Beste dabei: Seine Bücher sind ein echtes Lesevergnügen!

Die Kunst des guten LebensDie Kunst des guten LebensDie Kunst des guten Lebens

52 überraschende Wege zum Glück

Seit der Antike, also seit mindestens 2500 Jahren, aber vermutlich noch viel länger, haben sich Menschen immer wieder die Frage nach dem guten Leben gestellt: Wie soll ich leben? Was macht ein gutes Leben aus? Welche Rolle spielt das Schicksal? Welche Rolle spielt das Geld? Ist das gute Leben eine Sache der Einstellung, oder geht es vielmehr um das Erreichen von Lebenszielen? Ist es besser, nach Glück zu streben oder Unglück zu umschiffen? Jede Generation stellt sich diese Fragen neu. Die Antworten sind im Grunde stets enttäuschend. Warum? Weil man immer auf der Suche nach dem einen Prinzip ist, dem einen Grundsatz, der einen Regel. Doch diesen heiligen Gral des einfachen Weges gibt es nicht. Auf verschiedenen Gebieten fand in den letzten Jahrzehnten eine stille Revolution des Denkens statt. In den Wissenschaften, in der Politik, in der Medizin und in vielen anderen Bereichen hat man erkannt: Die Welt ist viel zu kompliziert, als dass wir sie mit einer großen Idee oder einer Handvoll Prinzipien erfassen könnten. Wir brauchen einen Werkzeugkasten von Mentalen Modellen, um die Welt zu verstehen. Es ist an der Zeit, einen solchen Werkzeugkasten auch für das praktische Leben zusammenzustellen. Voilà. Hier finden Sie 52 gedankliche Werkzeuge, die Ihnen ein gutes Leben zwar nicht garantieren, es aber wahrscheinlicher machen.
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Rolf Dobelli liefert Denkanstöße und schreibt Klartext – geistreich, amüsant, brillant.


Dr. Christoph Franz, ehem. CEO der Deutschen Lufthansa AG, Chairman von Roche

Hörprobe zu „Die Kunst des guten Lebens“

Kommentare

1. Frau
Kathy Schneider am 02.09.2019

Ein interessanter Weg, um zu lernen, einfach mal alles "abschalten" zu dürfen!

2. Die kunst des digitalen Lebens
Karlo am 02.09.2019

Ich erlebe es auch oft, wenn ich im Ausland bin und keine Nachrichten erhalte, dass sich fast nichts Weltbewegendes in der Region hier verändert hat

3. Lesenswerte Reihe
N. Schollmeyer am 09.09.2019

Mit "Die Kunst des digitalen Lebens" schließt sich für mich der Kreis, wie der moderne Mensch die Datenflut richtig angeht und verarbeitet.
Erstrebenswert, aber nicht ganz einfach von heute auf morgen umzusetzen.

4. 1974
Paula Spano am 09.09.2019

Das Thema interessiert mich sehr.

5. Chapeau, Herr Dobelli!
PW am 09.09.2019

Recht hat er, der Herr Dobelli! Wer braucht heutzutage all die Push-Nachrichten sowie diesen nur so vor Rechtschreibfehlern und inhaltlichen Fehlern strotzenden Copy-Paste-Journalismus? Allerhöchstens Personen, die sich permanent im Hamsterrad drehen, sensationsgierig ohne Ende sind oder schlichtweg keine Hobbies haben. Ganz furchtbar sind Besserwisser und Selbstdarsteller im Journalismus. Will ich beispielsweise lesen müssen, in welchem Alter eine Journalistin ihre Unschuld verloren hat?!? Definitiv nicht! Richtig gut recherchierte Inhalte trifft man bei Dokumentarfilmen, Sachbüchern oder in Fachmagazinen an. Bezahlzeitungen hingegen haben für mich definitiv keine Zukunft.

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