Péter Esterházy: In memoriam an einen großen Schriftsteller
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»Am Anfang hatten wir keinen Namen« Péter Esterházy

Freitag, 15. Juli 2016 von Piper Verlag


Péter Esterházy ist im Alter von 66 Jahren gestorben.

Péter Esterházy wurde 1950 in Budapest geboren. Für seinen Roman »Harmonia Cælestis« erhielt er u. a. den Ungarischen Literaturpreis und den Grinzane Cavour-Preis. 2004 wurde er mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Er war Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung sowie der Berliner Akademie der Künste. Esterházy galt neben Péter Nádas und Imre Kertész zu den wichtigsten zeitgenössischen Autoren Ungarns.

Sein Erstlingswerk, »Fancsikó und Pinta«, schrieb er 1972–74, es erschien 1976 in Ungarn. Viele kleine Erzählpartikel fügen sich zu einem Aquarell – leicht, leise und radikal. Es folgte der erste Roman, »Ein Produktionsroman (Zwei Produktionsromane)«, der Esterházy über Nacht bekannt machte und Kultstatus erlangte.

Sein wichtigstes Werk ist zweifelsohne »Harmonia Cælestis«: Exakt Hundert  Jahre nach Thomas Manns Buddenbrooks legt Péter Esterházy seinen großen Familienroman vor. Die Süddeutsche Zeitung schrieb: »Wir danken für den großen europäischen Roman, den wir in Händen halten.«

Die Esterházysche Familiengeschichte ist Landesgeschichte, und dieser monumentale Roman »Harmonia Cælestis« konnte kurz nach Erscheinen auch als »Nationalepos« (Corriere della Sera) begrüßt werden. Aber Esterházy wäre nicht der Erneuerer der ungarischen Literatur, wenn er nicht die Form des bürgerlichen Familienromans zugleich auch unterliefe. Bietet Buch I ein barockes Füllhorn an Legenden, Chroniken, Registern, Mythen und Episoden, so erzählt Buch II vom Leben einer aristokratischen Familie im 20. Jahrhundert unter den Bedingungen der Diktatur, seit der Räterepublik 1919 bis in die jüngere Vergangenheit. Eine Geschichte von Enteignung, Aussiedlung und Verarmung, die Geschichte einer Familie vor dem Nichts.

Zwischen diesen beiden Polen, dem Alles und dem Nichts, bewegt sich das Familienschicksal der Esterházys. Im Januar 2000 entdeckte Péter Esterházy die Agentenakte seines geliebten Vaters, dem er gerade erst ein literarisches Denkmal gesetzt hatte. In »Verbesserte Ausgabe« (2003) berichtet er von dieser persönlichen Tragödie — ein literarisches Dokument von einer zeitgeschichtlichen Bedeutung weit über Ungarn hinaus.

Es folgte 2006 die deutsche Übersetzung der »Einführung in die schöne Literatur«. Als sie 1986 im Original erschien, bedeutete dies einen Wendepunkt in der ungarischen Literatur: Esterházy vollendete eine durch die Diktatur zerstörte Entwicklung der Moderne - schon der erste Satz des 900seitigen Buchs war eine Hommage an James Joyce -, und gegen die offizielle Ideologie brachte er eine neue Literatur in Stellung: »Am 16ten Juni, einem Werktag, zogen der Reihe und dem Namen nach folgende Wörter ein …«.

Die FAZ nannte das fast neunhundert Seiten umfassende Werk eine »Bibel der ungarischen Moderne«. 2008 erschien »Keine Kunst«, ein Roman über Esterházys Mutter und zugleich ein Fußballroman (der von der Deutschen Akademie für Fußball-Kultur zum Fußballbuch des Jahres 2009 gekürt wurde): Die Mutter spricht mit ihm und erzählt Geschichten - über die fünfziger Jahre, über die ungarische »Wundermannschaft« von Bern 1954, ihre Freundschaft mit den Fußballgöttern Hedegkúti und Puskás, der ihr den Hof machte und dem es 1951 gelang, die Familie vor der Deportation zu bewahren. Fußball war ihr ganzes Leben. Dribbelnd, passend und fallrückziehend gelingt Esterházy eine wunderbare Hommage an seine Mutter.

Wir trauern um einen großen Europäischen Autor.

Der Fußball hat die gesamte Famile Esterházy geprägt: Péters jüngerer Bruder Marton nahm 1986 mit der ungarischen Fußball-Nationalmannschaft an Weltmeisterschaft in Brasilien teil. Hier Ausschnitte aus einem seiner größten Spiele – Ungarn – Brasilien 3:0, Vorbereitungsspiel zur WM 1986:

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