Entwicklungsroman
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»So ist das, das Leben. Chaos. Zufall. Willkür.«

»Als die Kirche den Fluss überquerte« ist der neue Roman der österreichischen Autorin Didi Drobna, die 2016 mit dem »Innsbruck liest«-Preis ausgezeichnet wurde. Ihr zweites Buch wird alle Fans von modernen Coming-of-Age- und Entwicklungsromanen wie »Tschick« oder den Büchern von Joachim Meyerhoff begeistern. Hinreißend witzig und unglaublich berührend erzählt Didi Drobna vom Mikrokosmos Familie, einem schleichenden Verlust und der Suche nach der eigenen Rolle im Leben. In unserem Interview beantwortet sie Fragen zur Entstehung ihres neuen Romans.

Fragen an Didi Drobna zu »Als die Kirche den Fluss überquerte«

Didi Drobna, Ihr Roman beginnt mit einer fast slapstickhaften Szene, in der Daniels Familie einen Küchenbrand löscht. Es gelingt ihnen, aber sie fühlen sich danach in ihrer Küche nicht mehr wohl. Es ist, als kündigte sich damit schon der Zerfall der Familie an, ein wichtiges Thema in Ihrem Roman…

Familie ist ein Thema, das Thema. Schlussendlich sind wir alles Herdentiere, die gemeinsam den Mond anheulen und in Rudeln jagen (wollen). Im Roman geht es vor allem darum, dass Familie einen zwar krank macht, aber nicht immer gleich umbringt. Das Leben geht schließlich trotz Familie – und auch manchmal wegen ihr – weiter.

Darum geht es auch für Daniel, seine Familie gibt ihm Halt, selbst als sie zerfällt. Und durch den Zerfall gibt es auch die Möglichkeit, alles neu zu sortieren und sogar näher zusammenzurücken.

 

Neben der Scheidung der Eltern, die der Familie den ersten Riss gibt, nimmt das langsame Verschwinden der Mutter durch ihre Parkinson-Demenz einen wichtigen Raum ein. Daniel sieht eines Nachts zufällig in einem Dokumentarfilm, wie eine Kirche über einen Fluss in einen anderen Ort transportiert wird, und muss dabei an seine Mutter denken. Wie sind Sie auf dieses titelgebende Bild gekommen?

Die Fluss überquerende Kirche gibt es wirklich, es handelt sich um die Emmauskirche in Sachsen – ebenso gibt es die Dokumentation, die das Prozedere begleitet. In dieser Doku fiel eben jener Nebensatz »Als die Kirche den Fluss überquerte«, bei welchem es mich beim Zuhören senkrecht aufgesetzt hat – ich war mir sicher, dass dieser Satz so in der Geschichte der Menschheit noch nie gesagt wurde. Ich fand ihn genial in der Absurdität des Bildes und zugleich sehr spannend als Metapher für das Verschwinden und die Entwurzelung der Mutter durch ihre Krankheit. Im Roman ist sie anfänglich die unzerstörbare Matriarchin und wird am Ende von ihrer Parkinson-Demenz nicht nur körperlich, sondern vor allem geistig zersetzt. Schlussendlich stirbt sie: Die mächtige, kleine Kirche überquert metaphorisch den Fluss auf die andere Seite, nämlich in den Tod – egal wie sehr sich ihre Familie dagegenstemmt.

Wieso ist Ihnen gerade die Figur Daniels so wichtig, dass Sie aus seiner Perspektive schreiben, ihn ins Zentrum dieser Familie setzen?

Daniels Figur ist sehr spannend, da er sehr spezielle, individuelle Beziehungen zu den restlichen Familienmitgliedern hat. An sich ist Daniel ein junger Mann, der in einer Familie mit starken Frauen aufgezogen wurde und ein sehr offenes, modernes Männlichkeitsbild lebt. Nach der Trennung der Eltern erleidet er dennoch eine absolute Identitätskrise. In die kranke Schwester verliebt er sich, die sterbende Mutter will er im Alleingang retten und dem Vater beweisen, dass er ein starker Mann sein kann, der die Familie in seiner Abwesenheit selbstsicher aus unsicheren Gewässern hinausmanövriert. Gleichzeitig will er künstlerisch und empfindsam sein, geht bei seiner Großcousine Miriam in die Bildhauerlehre, von seinem Onkel Billy will er sich abschauen, ein cooler, souveräner Mann zu sein. Diese vielen verschiedenen Wünsche und Identitäten zu vereinen, ist natürlich nicht möglich – es zerreißt Daniel beinahe. Erst als er versteht, dass er nur eine Rolle einnehmen kann, nämlich seine eigene, kann er sich finden und seinen Weg gehen.

Als die Kirche den Fluss überquerteAls die Kirche den Fluss überquerte

Roman

Daniels Welt gerät aus den Fugen. Am letzten Urlaubstag beschließen seine Eltern völlig überraschend, sich zu trennen. Daniel erklärt den Vater zum Schuldigen und stürzt sich mit aberwitzigem Eifer in die Überkompensation: Er verliebt sich in seine Schwester Laura, will für sie der einzige Mann sein, will Künstler werden wie seine schräge Großcousine Miriam und Lebemann wie sein Onkel Billy. Und scheitert dabei kolossal. Beinahe entgeht ihm, dass auch seine Mutter unter der Situation leidet. Ihre schlummernde Parkinson-Demenz macht sich bemerkbar. Und während sie immer schwächer und vergesslicher wird, sortiert sich die Familie um sie herum neu. Tragikomisch erzählt dieser Entwicklungsroman von großen Verlusten und ebenso großen Chancen.

Daniels Welt gerät in diesem Roman völlig aus den Fugen, die ganze Familie erleidet große Verluste und muss sich neu sortieren. Das liest sich berührend, aber immer wieder auch überraschend komisch….

Österreichischer Literatur wird immer wieder ein spezieller Sound nachgesagt. Ein bisschen Fatalismus, ein bisschen Melancholie gepaart mit ›es muss ja gehen‹ und dazwischen Ironie und ein liebevoll-sarkastischer Blick auf alles und jeden als ständiges Grundrauschen. Ist mein Roman so? Ich kann es nicht direkt abstreiten. Mir ist wichtig zu zeigen, dass nicht alles nur schrecklich oder nur wundervoll ist. Das Leben ist vielfältig, Literatur muss es auch sein: Daher gehen Tragik und Komik Hand in Hand bei mir.

Sie halten gerade am Wiener Institut für Sprachkunst eine Vorlesung mit dem Titel ›How not to die of hunger just because you’re pursuing a career in writing.‹ Ist das eine Sorge, die Sie umtreibt?

Nein, es ist keine Sorge die mich umtreibt. Ich habe zwei erfolgreiche Karrieren und die möchte ich auch parallel weiterführen. Schreiben allein wäre mir nicht abwechslungsreich genug, nur ein Corporate Job ebenfalls nicht. Ich empfinde es als sehr herausfordernd aber bereichernd, mich in zwei Welten zu bewegen und in jedem meiner Berufe andere Gehirnareale einzusetzen – das hält auf Trab! Finanzielle Freiheit durch einen ›Brotberuf‹ ist außerdem viel wert.

Die Vorlesung hat einen anderen Grund: Mir ist in den vergangenen Jahren immer wieder aufgefallen, dass insbesondere am Anfang stehende, aber auch durchaus arriviertere KollegInnen viele blinde Flecken in Bezug auf den Literaturbetrieb und seine Funktionsweisen haben. Möglichkeiten nicht ausgeschöpft werden, Synergien nicht genutzt werden, Wissen nicht weitergegeben wird. Ich selbst hätte mir ein ähnliches (Bildungs)Format am Anfang meiner Schreibkarriere sehr gewünscht.

Über die Autorin

Didi Drobna wurde 1988 in Bratislava geboren und lebt seit 1991 in Wien. Sie studierte Kommunikationswissenschaft und Germanistik an der Universität Wien, außerdem Sprachkunst an der Universität für angewandte Kunst. Ihre literarische Arbeit wurde mit mehreren Stipendien und Literaturpreisen ausgezeichnet. Daneben war sie auch als Jurorin für Literaturpreise und -stipendien tätig, ab 2018 lehrt sie an der Universität für angewandte Kunst. Didi Drobna arbeitet seit Jahren hauptberuflich in der IT-Branche und leitet derzeit die Kommunikation & Presse für ein IT-Forschungszentrum.

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