Eine Zusammenfassung zu »Karl der Große«
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Montag, 09. Dezember 2013 von Piper Verlag


Eine Zusammenfassung zu »Karl der Große«

Lesen Sie hier eine Zusammenfassung zum Leben und Wirken Karl des Großen. Welche Dinge sind in der heutigen Zeit noch vom mächtigsten Kaiser des Mittelalters geblieben? Ein Überblick von Mittelalterhistoriker Stefan Weinfurter:

Was ist geblieben von der Eindeutigkeits-Offensive Karls des Großen? Manche seiner Maßnahmen zur Vereinheitlichung sind für diese Frage nicht von Belang. Dazu gehört, dass Karl den Monaten einheitliche Namen gab, wie von Einhart (cap. 29 ) berichtet wird. Der Januar sollte Wintarmanoth heißen, der Februar Hornung, der März Lentzinmanoth, der April Ostarmanoth,der Mai Winnemanoth, der Juni Brachmanoth, der Juli Hewimanoth,der August Aranmanoth, der September Witumanoth, derOktober Windumemanoth, der November Herbistmanoth undder Dezember Heilagmanoth. Auch die Winde soll er mit einheitlichen Namen versehen haben. Von der Vereinheitlichung der Maße und Gewichte war schon die Rede ( ›Admonitio generalis‹ ). Auch die Gesetze der Völker habe er angleichen wollen, ein Unterfangen, mit dem er aber wenig Erfolg hatte. Alle diese Maßnahmen und noch andere mehr sind für die Frage nach der Nachhaltigkeit unerheblich. 

Es gibt aber zwei Aspekte,die für die Zukunft eine ganz zentrale Rolle spielen sollten. Dies betrifft zum Ersten die neue Rolle der Wahrheit. Die Wahrheit im Verständnis der Zeit Karls des Großen ging von Gott aus. Sie war zwar nicht identisch mit ›Eindeutigkeit‹, aber sie verlangte nach eindeutiger Unterscheidung zwischen Gut und Böse, zwischen rechtem Handeln und falschen Entscheidungen, zwischen Gerechtigkeit und Unrecht, zwischen gottgefälliger Lebensweise und Vernichtung der Seele. Um das Gute und Wahre zu erkennen, waren Wissen und Bildung, Methoden der Erkenntnis, Schulung des Geistes und zuverlässige Grundlagen der Überlieferung und der Texte erforderlich. Nur auf diese Weise konnte der Versuch unternommen werden, verbindliche und eindeutige Normen für die Lebensordnung des Einzelnen und für die Ordnung des Staatswesens als Ganzes zu schaffen. 

Die Folge war ein einzigartiger Wissenstransfer von der Antike ins frühe Mittelalter und der Aufbau von Wissensspeichern in Form von Bibliotheken, war eine bis dahin nicht da gewesene Bildungsoffensive und eine neuartige Führungsrolle der geistigen Elite in weiten Teilen des christlichen Europa. Das Bestreben nach Wahrheit, ihrer Erkenntnis und ihrer Gültigkeit verlangte aber auch die Unterwerfung der Völker unterdas Gesetz der Wahrheit Gottes, also die Christianisierung. Die neue ›Wahrheitsgesellschaft‹ war vollständig auf die Normen und Wahrheiten der Kirche ausgerichtet. Diese waren freilich keineswegs immer eindeutig, so dass Karl der Große und sein Gelehrtenteam immer wieder in kirchliche Glaubensfragen eingreifen mussten. 

Der Papst in Rom blieb von den fränkischen Direktiven nicht verschont. So wurde auch hier ein Prozess der Vereindeutigung vorangetrieben. Karl selbst, so war zu sehen, erachtete den Erfolg seiner Bemühungen in seinen letzten Lebensjahren als nicht befriedigend. Er hatte die Kraft der Vielfalt, der regionalen, lokalen und individuellen Ansprüche, Interessen und Traditionen unterschätzt. Seine Ansprüche und Erwartungen waren offenbar zu hoch gewesen, und die Schwäche der menschlichen Natur war bei Karls Untertanen – wie auch sonst in der Geschichte – durch Normen und Regulierungen nicht leicht zu überwinden. 

Dennoch kann man nicht von einem Scheitern sprechen. Die weitere Geschichte lehrt uns vielmehr, dass all die geschilderten Ansätze einer Wissens- und Wahrheitsgesellschaft keineswegs untergegangen sind. Sie haben über Jahrhunderte weitergewirkt, haben, wie eingangs erwähnt, im zwölften Jahrhundert die Universitäten hervorgebracht und die Verfeinerung der wissenschaftlichen Methoden angeregt.

Der zweite Bereich, der in einem Resümee zur Epoche Karls des Großen genannt werden soll, ist das Mönchtum. 811 treffen alle Klöster des Reiches verbindlich vorzuschreiben. Diese Anordnung beruhte auf einem längeren Vorlauf. Schon der Missionar Bonifatius und Bischof Willibald von Eichstätt hatten die Benediktregelin das Reich gebracht. Sie galt als die eigentliche römische Regel und war damit als Norm autorisiert. Ihre besondere Bedeutung aber lag darin, dass sie geeignet war, in einzigartiger Weise das Anliegen der Reform Karls und seiner Gelehrten zu bündeln. 

Getragen vom Geist der feinen Unterscheidungskraft (discretio) und unter Beachtung der Gerechtigkeit (iustitia) sollte der Abt wie ein Vater jedem Mitglied seiner Gemeinschaft die Grundsätze der Gottes- und der Nächstenliebe vermitteln.

»Seine Befehle und seine Lehren sollen wie Sauerteig göttlicher Gerechtigkeit (divina iustitia) die Herzen der Jünger durchdringen« (Benediktregel cap. 2 ). Diese wiederum sollten den Weisungen das »Ohr ihres Herzens« (aurem cordis) öffnen (Prolog). Hinzu kamen eindeutige Regelungen für die Organisation einer klösterlichen Gemeinschaft. Der aus der Zeit Karls stammende sogenannte St. Galler Klosterplan, der in Wirklichkeit auf der Reichenau entstanden ist, hat die bauliche Gestaltung abzubilden versucht. Den großen Aufschwung erfuhr die Benediktregel dadurch, dass sie um 800 von Benedikt von Aniane in Aquitanien zur Musterregel erhoben wurde. 

Der Westgote Witiza, wie Benedikt zuerst hieß, verfügte über eine mächtige Stellung und großen Besitz in der Region Languedoc-Roussillon. Sein Kloster, von dem schon die Rede war, gründete er 782 am Bach Aniane, westlich von Montpellier. Daraus entstand eine riesige Anlage mit tausend und mehr Mönchen, wie es in der Vita Benedikts heißt. Fast alle Klöster Aquitaniens schlossen sich der Regel an. Man kann sagen, dass dieses Kloster zur geistigen und religiösen »Vormacht« im Unterkönigreich Ludwigs von Aquitanien aufstieg.

Benedikt von Aniane wurde zum »Heerführer und Strategen des Gottesreiches«. Strenge Zucht und genaue Regelbefolgung waren gefordert. Die Mönche sollten zum Vorbild für die Menschen werden, mit einer ebenso vorbildlichen und auf Eindeutigkeit ausgerichteten Lebensordnung, die das Seelenheil garantierte. Wissen und Bildung waren dafür erforderlich, um die kirchlichen und klösterlichen Vorschriften zu kennen und verstehen zu können. Es war zwar keineswegs so, als hätten sich nun alle Klöster des karolingischen Reiches diesem Modell angeschlossen, aber der Einfluss, der von dieser Reform ausging, war enorm.

In späteren Jahrhunderten konnte darauf aufgebaut werden. So waren die Klöster im elften und zwölften Jahrhundert die ersten Institutionen, die straffe und überspannende Organisationsformen (Generalkapitel) in Europa entwickelten und klare und eindeutige Rechtsordnungen (Constitutiones) entwarfen. Als Träger der Bildung, des Wissens und der Wissenschaften blieben sie über lange Zeit die Mittelpunkte der geistigen und technischen Innnovationen für die Gesellschaft. 

Man sieht in den Klöstern heute sogar die ›Innovationslabore‹ der Moderne. So sehr es vielleicht überraschen mag: Es waren vor allem die Klöster, die das Vermächtnis der Epoche Karls des Großen gehütet und die Impulse der ›Vereindeutigung‹ weitergetragen und fortentwickelt haben.Es wäre nun müßig, darüber zu spekulieren, welchen Anteil an allen diesen Vorgängen Karl der Große persönlich hatte. Es wäre nutzlos, Forschungen darüber anzustellen, bis zu welchem Niveau er mit den Gelehrten mithalten konnte oder wie weit er die Tragweite theologischer Disputationen erfasste. 

Dass er in hohem Maße die Prozesse beeinflusste, ja steuerte, steht außer Frage. Seine Kapitularien und Anordnungen zur Organisation seines ›Staates‹ sprechen eine deutliche Sprache. Auch die vielen Hinweise auf seinen außergewöhnlichen Bildungsstand können nicht nur als Fiktion seiner Zeitgenossen abgetan werden. Karl war die anerkannte Autorität im fränkischen Reich. Von den Zeitgenossen wurde er geschätzt und geachtet. Vor allem war er von seiner Persönlichkeit her in der Lage, das Ordnungsmodell des Gottesreichs auf Erden mit seinen »eindeutigen« Normen als neuartiges Herrschaftsprogramm umzusetzen. 

In diesem Sinne darf man Karl den Großen als Leitfigur einer besonderen Epoche bezeichnen, die sich der Idee der ›Vereindeutigung‹ verschrieben hatte – und zwar in allen Bereichen politischer, gesellschaftlicher, kultureller und religiöser Ordnung. Ihre Wirkkraft war enorm, auch wenn es scheint, dass wir uns heute mit der Vision der ›Unbestimmtheit‹ von ihr gelöst haben.


Blick ins Buch
Karl der GroßeKarl der Große

Der heilige Barbar

Am Weihnachtstag des Jahres 800 setzte Papst Leo III. in Rom dem Frankenkönig Karl feierlich die Kaiserkrone auf. Als Gründervater Deutschlands und Frankreichs, als wahrhafter Europäer wird »Charlemagne« bis heute verehrt. Aber wer war er wirklich? Stefan Weinfurter, der bekannte Heidelberger Mittelalterforscher, zeigt in seinem hochgelobten Buch die vielen Gesichter Karls des Großen und bringt uns einen der charismatischsten Herrscher des Mittelalters nahe.
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Vorwort

»›Seine Gedanken‹, so sagt Cicero, ›schriftlich niederzulegen, ohne sie zu ordnen, schön zu formulieren und den Leser damit zu ergötzen, heißt Zeit und Schrift zu vergeuden.‹ Dieser Ausspruch des großen Redners hätte mich vom Schreiben abschrecken können, wäre ich nicht von dem Entschluss geleitet gewesen, mich lieber der Kritik auszusetzen und durch diese Arbeit den Ruf meines Talents in Gefahr zu bringen, als vor lauter Bedachtsamkeit die Erinnerung an einen so großen Mann unbeachtet zu lassen« (So heißt es bei Einhart in seiner Vorrede zur ›Vita Karoli Magni‹). Wie für den berühmten Biografen und Zeitgenossen Karls ist auch heute noch die Beschäftigung mit Karl dem Großen ein überaus reizvolles Unterfangen – trotz der Flut von Forschungen, vor allem aus der angelsächsischen Wissenschaft. Es sind die ungewöhnliche Bündelung der Kräfte und die enorme Effizienzsteigerung auf allen Gebieten der Gesellschaft, Politik und Kultur, die von dieser Epoche ausgehen und jeden, der sich damit beschäftigt, in ihren Bann ziehen.

Die Begeisterung für dieses Thema hat sich zu meinem Glück auch auf das Team meiner wissenschaftlichen Mitarbeiter übertragen, sodass ich von ihrer Seite wertvolle Unterstützung erfuhr. Eigens bedanken möchte ich mich bei Frau Theresa Jäckh, Frau Nora Küppers und Herrn Florian König. Darüber hinaus haben die Fachgespräche mit dem Team meines Heidelberger Forschungsprojekts »Wissenstransfer von der Antike ins Mittelalter«, dem Herr Priv.-Doz. Dr. Tino Licht, Frau Dr. Julia Becker, Frau Dr. Natalie Maag und Frau Kirsten Tobler angehören, wichtige Anregungen geliefert. Am Heidelberger Marsilius-Kolleg, an der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, an der Universität München und am Deutschen Historischen Institut Rom hatte ich Gelegenheit, Grundgedanken zu meiner These der »Vereindeutigung« vorzutragen und zu diskutieren. Mein Kollege Prof. Dr. Bernd Schneidmüller hat schließlich klaglos die Last einer inhaltlichen Überprüfung auf sich genommen. Alle seine kundigen Anregungen, für die ich ihm sehr dankbar bin, sind in die Darstellung eingeflossen.

Ein besonderer Dank geht auch an Frau Kristin Rotter vom Piper Verlag, nicht nur für die professionelle Betreuung, sondern auch für ihren Mut, an dem Vorhaben trotz manch unvorhersehbarer Umstände festgehalten zu haben. Frau Dr. Heike Wolter danke ich für die wertvolle Lektoratsarbeit. Meiner Familie zu danken ist schließlich das Mindeste angesichts der Tatsache, dass sie für mehrere Monate eigentlich nur noch »Karl« vor sich hatte. Dieser wird hiermit in die Öffentlichkeit entlassen.

 

Heidelberg, im Juli 2013

 

 

Kapitel 1

Fern oder nah? Unser Verhältnis zur Epoche Karls des Großen

 

Karl der Große regierte das Frankenreich von 768 bis 814, fast ein halbes Jahrhundert – ungewöhnlich lang für einen Herrscher des Mittelalters. Eine solche Zeitspanne bot ihm die Gelegenheit, Zeichen zu setzen, Weichen zu stellen und seine Persönlichkeit in das politische Geschehen in hohem Maße einzubringen. Wie hat er diese Möglichkeiten genutzt? Und vor allem: War er ein guter oder ein böser Herrscher? Gerade die letzte Frage beschäftigt die Forschung seit vielen Jahren.

Es gab Zeiten, da hat man ihn dafür gelobt, dass er die Grundlagen für das Abendland gelegt und der christlichen Kirche zum Durchbruch verholfen habe. Er galt geradezu als der strahlende »Vater Europas« (pater Europae) – ein Zitat aus dem zeitgenössischen ›Paderborner Epos‹ (kurz vor 800) – oder als »Baumeister Europas«, um ein Zitat aus der Forschung des 20. Jahrhunderts anzufügen.1 Ihm – so lautete die überwiegende Meinung – sei die Basis des künftigen Europa zu verdanken. Jahrhundertelang sah man in ihm das Vorbild des mächtigen, gerechten, barmherzigen, siegreichen und untadeligen Herrschers. Darüber hinaus wurde er nicht nur zum Stammvater der französischen Könige, sondern als ›heiliger Karl‹ auch die Symbolfigur für das römisch-deutsche Kaisertum. Dieses Bild des glanzvollen Kaisers entwickelte eine starke Ausstrahlungskraft, die bis in unsere Zeit hinein wirkt. Also ein guter Kaiser?

Doch weist die Forschung auch schon lange auf die dunklen Seiten dieses Herrschers hin. War er nicht auch ein »brutaler«, ja »kaltblütiger und berechnender« oder »verschlagener« Barbar, wie einige der jüngeren Urteile lauten? Ließ er nicht seine Gegner mitsamt Frauen und Kindern töten? Hatte er nicht Tausende von Sachsen, Awaren und Langobarden auf dem Gewissen und das bayerische Fürstenhaus Tassilos III. ausgelöscht? Führte er nicht, wie eine spätere Legende ausmalte, ein liederliches und ausschweifendes Leben, sodass bei seinem Tod die Teufelsschar schon bereitgestanden habe, um seine Seele in die ewige Finsternis zu führen? Beugte er nicht den Adel, der sich gegen seine Gewaltaktionen erhob, gnadenlos nieder? Also ein böser Kaiser?

Die Frage ist auch heute nicht gelöst. Es scheint aber doch so zu sein, dass Karls Glanz etwas im Schwinden begriffen ist. Der große Karl wird kleiner. Das hängt damit zusammen, dass auch ›Europa‹ zunehmend seine Attraktivität verloren hat, oder besser: dass die Vorstellung von Europa als einem kulturellen und zivilisatorischen Vorsprungs-Kontinent mittlerweile nicht mehr gilt. ›Eurozentrismus‹ zählt heute – ebenso wie die Kategorie der Nation – zu den gröbsten Verirrungen der Geschichtswissenschaft (und anderer Wissenschaften). Auch die Idee von einem ›Christlichen Abendland‹ hat längst ihre Kraft verloren angesichts moderner Sehnsüchte nach einer transkulturellen Gesellschaft, in der sich auch die Religionen in einem ständigen Bewegungsfluss gegenseitig befruchten mögen.

Die Bewertung, ob ein Kaiser des Mittelalters gut oder böse war, hängt entscheidend von unserem eigenen Wertekanon und unseren Vorstellungen von guten oder schlechten Ordnungsmodellen in Politik und Gesellschaft ab. Können wir bei einer Darstellung Karls des Großen dieser Gebundenheit, in der wir uns befinden, und den daraus entstehenden Vorurteilen entkommen? Dafür ist es zuallererst erforderlich, die Normen und Kriterien für das Handeln des Herrschers aus den Bedingungen seiner eigenen Zeit heraus zu erschließen. Wir müssen versuchen, nicht nur das Handeln zu beschreiben, sondern auch die dahinterstehenden Konzeptionen von politischer und gesellschaftlicher Ordnung zu entschlüsseln.

Bei Karl dem Großen befinden wir uns in dieser Hinsicht in einer guten Lage, denn gerade zur Frage der ideellen, konzeptionellen und moralischen Grundlagen seines Handelns gibt es eine Vielzahl an Quellen. Freilich stammen sie in der Hauptsache nicht von ihm persönlich, sondern von den Menschen in seiner Umgebung, insbesondere den Gelehrten an seinem Hof. Insofern wird man stets Vorsicht walten lassen müssen und die Aufmerksamkeit darauf zu richten haben, inwieweit sich hier nur ein ideales Herrscherbild niedergeschlagen hat. Die Autoren der Quellen brachten ja ihre eigenen Wünsche und Interessen ein oder waren zumindest in kollektive Vorstellungszirkel eingebunden. Aber das sollte uns nicht zu voreiliger Geringschätzung dieser Quellen führen, denn die Bilder Karls, die sie bieten, sind immerhin Ausdruck des ›Zeitgeistes‹.

War die gesellschaftliche Ordnung vor 1200 Jahren etwas gänzlich Andersartiges als die heutige und müssen wir uns deshalb auf die Erkenntnis dieser Andersartigkeit (›Alterität‹) beschränken? Das gilt wohl nur zum Teil.2 Nicht weniges, was die Menschen heute bewegt, gab es immer. Die Sehnsucht nach Frieden und Friedensräumen ist wahrlich nicht neu. Und selbst die Veränderung an sich verbindet uns mit dem Mittelalter, denn: »Nichts Beständigeres gibt es als den Wandel«, so stellte der Chronist Otto von Freising im zwölften Jahrhundert fest. Wir sollten uns jedenfalls darum bemühen, mit den alten Zeiten und ihren Menschen ›fair‹ umzugehen. Aus einem späteren Wissensvorsprung heraus ist es immer einfach, sich von ihnen abzugrenzen oder sich gar über sie zu erheben und sie als ›unterentwickelte‹« Kulturen des Mittelalters zu belächeln. Aber damit sollten wir vorsichtig sein. Dasselbe könnte uns in künftigen Zeiten ebenso widerfahren. Vor allem: Unsere eigene Kultur, unser Wissen und unsere gesellschaftliche und politische Ordnung sind nicht aus dem Nichts entstanden. Alles, was unser kulturelles Profil ausmacht, mitsamt den Einschnitten, Wandlungen und Veränderungen steht auf den Fundamenten von Jahrhunderten.

So gesehen, sollten wir die ›Andersartigkeit‹ früherer, mittelalterlicher Zeiten nicht zu sehr betonen, etwa in dem Sinn, dass wir damit gar nichts mehr zu tun hätten. Dies trifft sogar in ganz besonderer Weise auf die Zeit um 800 zu. Dass hier in der Tat die Grundlagen für die weitere Entwicklung Europas gelegt wurden, wird von niemandem bestritten. Diese Zeit war in verschiedener Hinsicht eine Schlüsselepoche europäischer Geschichte. Das liegt vor allem daran, dass nach dem Zusammenbruch des weströmischen Reiches erstmals wieder große Teile Europas unter einer Herrschaft vereint wurden. Dieser Vorgang veränderte zwangsläufig die Anforderungen, die an einen Herrscher gestellt wurden. Wie konnte man einen Raum, der vom Ebro in Spanien bis an den Ärmelkanal, von der dänischen Grenze bis nach Rom, vom Atlantik bis an die Elbe reichte, ordnen, befrieden, gestalten? Ein Herrscher, so hat einmal der frühere Direktor des Deutschen Historischen Instituts in Paris, Karl Ferdinand Werner, formuliert, musste darüber informiert sein, was in dem Land, das er regierte, geschah. Er musste die Macht haben, seine Anweisungen bekannt zu machen und umzusetzen. Er musste in der Lage sein, Ungehorsam und Missbrauch zu bestrafen, und schließlich über die Ressourcen verfügen, um seine Aktionen finanzieren und Belohnungen verteilen zu können.3

Vor diesen Aufgaben und Anforderungen stand Karl der Große, dessen Reich eine Vielzahl von Völkern und Kulturen Europas umfasste und einen für damalige Verhältnisse gewaltig großen Raum umschloss. Wie ging er damit um? In welchem Maße konnte er die Veränderungen steuern? Welche Modelle der Verwaltung und der Organisation entwickelte er und was entstand daraus? Und nicht zuletzt: Können wir bei diesen Vorgängen Maßnahmen, Einrichtungen und Ordnungsentwürfe erkennen, die in der Geschichte weitergewirkt haben?

Von fundamentaler Bedeutung war gewiss die Verchristlichung des ›Staatswesens‹ um 800. Karl und seine Berater verfolgten das Ziel, die Grundlagen und die gesamte Legitimation der ›staatlichen‹ Ordnung aus den christlichen Normen und Vorgaben heraus zu entwickeln und zu gestalten. Die theoretische Vorlage dafür lieferte das Werk von Augustinus ›Über den Gottesstaat‹ (›De civitate Dei‹). In diesem Buch, in dem zum ersten Mal in der europäischen Geschichte das Ineinanderwirken von Christentum und Staatlichkeit in einem großen theoretischen Wurf entwickelt wurde, fand Karl das gesamte Programm für den Umbau seines Reiches zu einem ›Gottesstaat‹. Es ist wahrlich kein Zufall, dass Einhart (gest. 840), der intime Kenner und Biograf des karolingischen Kaisers, eigens betonte, Karl habe die größte Freude an diesem Buch von Augustinus gehabt.4 Hier konnte er geradezu die Anleitung für sein Handeln finden, wie wir noch sehen werden. Auf dieser Grundlage schuf Karl einen ganz neuen Typus der staatlichen Ordnung, den ›christlichen Gottesstaat‹ – und er bereitete damit zugleich den Mythos vor, der ihn später zum heiligen Kaiser werden ließ.

Noch nachhaltiger waren die geistigen und wissenschaftlichen Impulse, die sich in seiner Zeit voll ausformten. Vieles, was wir heute als selbstverständlich hinnehmen, hat seinen Ausgang in der Zeit um 800. Ein sinnfälliges Beispiel ist unsere heutige Schrift. Sie entwickelte sich – auf der Grundlage spätantiker Schriftformen – in der zweiten Hälfte des achten Jahrhunderts und wird ›Karolingische Minuskel‹ genannt. Unsere Schrift, vor allem die viel gebrauchte Computerschrift Times New Roman, ist also keineswegs eine ›lateinische‹ Schrift. Als solche wurde sie erst von den Humanisten bezeichnet, die sich nicht vorstellen konnten, dass eine so schöne und hocheffiziente Schrift aus dem barbarischen Mittelalter stammen könnte.

Dieser Hinweis sollte uns neugierig machen: Was war das für eine Zeit, in der eine Schrift entstand, die so perfekt gestaltet war, dass wir sie heute noch verwenden? Welches Verständnis von Wissen, von Texten, ja von Wissenschaft stand hinter einem solchen Vorgang? Wir werden sehen, dass die neue Schrift nur ein Segment einer großen Wissens- und Bildungsoffensive darstellte, die mit einem gewaltigen Aufwand verbunden war und den kulturellen Nährboden für Jahrhunderte schuf.

Aber auch mit dieser Feststellung erreichen wir noch keineswegs den Kern der Vorgänge. Die eigentliche Kraft der Neuorientierung entsprang einer faszinierenden Idee: der Idee der Eindeutigkeit. Es ging um die ›Vereindeutigung‹ in möglichst vielen Lebensbereichen, es ging um die Deutungshoheit im religiösen und moralischen Verhalten, um die Eindeutigkeit der Sprache, der Argumentation und der zeitlichen Ordnung, es ging um die Eindeutigkeit in der politischen, militärischen und kirchlichen Organisation.

Eindeutigkeit wurde zur Voraussetzung für richtiges und gerechtes Handeln und damit auch für die Wahrheit an sich. Schon Alkuin, der herausragende Gelehrte am Hof Karls des Großen, nannte die Erkenntnis der Wahrheit das vornehmste Ziel aller Studien und Wissenschaften. Letztlich war die Wahrheit Gott selbst. In einem Brief an Abt Rado von Saint-Vaast bei Arras (790 – 808) legte er diesem ans Herz: »Halte die Brüder dazu an, dass sie die heiligen Schriften sehr sorgfältig lesen! Sie sollen nicht auf den Klang der Zunge vertrauen, sondern auf das Verständnis der Wahrheit, damit sie denen, die der Wahrheit widersprechen, Widerstand leisten können!«5 Die Kirche benötige gegen die vielen falschen Gelehrten (multi pseudodoctores) viele Verteidiger, die durch die Lehre der Wahrheit die Burg Gottes tapfer zu verteidigen wissen.6 Ganz ähnlich hat dreihundert Jahre später der Theologe und Gelehrte Anselm von Canterbury (gest. 1109) in seinem Buch ›Über die Wahrheit‹ (›De veritate‹) argumentiert: Eindeutigkeit (norma) sei die Grundlage für Gerechtigkeit und damit für die Wahrheit.7

Diese tief greifenden Prozesse, die auf eine ›Wahrheitsordnung‹ und eine ›Wahrheitsgesellschaft‹ abzielten, wurden in der Zeit selbst stark empfunden und reflektiert. Die Gedanken, Argumente, Konzeptionen und Anordnungen wurden schriftlich festgehalten. Die Epoche Karls des Großen brachte daher eine Flut von Texten hervor. Schriftlichkeit ist ein typisches Zeichen für Zeiten, in denen es um die »Durchsetzung von Erneuerung« geht.8 Natürlich kann man den Wissensaustausch um 800 nicht im Entferntesten mit unserer Kommunikationsfülle vergleichen, aber man sollte die Möglichkeiten und Leistungen der karolingischen Welt auf diesem Gebiet nicht unterschätzen. Dem ›Schreibrausch‹ vor 1200 Jahren ist es immerhin zu verdanken, dass die klassischen Autoren und frühchristlichen Väterschriften erhalten blieben, weil sie damals in vielen Tausenden von Exemplaren auf haltbares Pergament übertragen wurden. Ein Beispiel von ungewöhnlicher Nachhaltigkeit, würde man heute sagen. Auch diese Texte dienten dem Studium der Wahrheit und dem Streben nach Eindeutigkeit.

Die Eindeutigkeit der Wahrheit wurde zum alles bestimmenden Programm. So begann um 800 der Prozess, der im Lauf des Mittelalters die Methoden zur Erforschung der Wahrheit immer mehr verfeinerte und der im Prinzip bis weit in das 20. Jahrhundert hinein noch den Anspruch der Wissenschaft bestimmte. Man sollte in diesem Zusammenhang daran denken, dass die europäischen Universitäten, die Keimzellen der Wissenschaften und der Wahrheitssuche, im zwölften Jahrhundert entstanden sind. Wissenschaft und Wahrheitssuche sind eine Leistung des europäischen Mittelalters.

Um hier gleich einem möglichen Missverständnis vorzubeugen: Eindeutigkeit gibt es in der Lebenspraxis der Menschen nie und kann es auch nicht geben. Aber es gibt Epochen und Kulturen, in denen um Eindeutigkeit gerungen wurde. Dazu gehörte das Zeitalter Karls des Großen in ganz besonderem Ausmaß.

Es gibt andere frühe Kulturen, in denen gerade das Gegenteil angestrebt wurde, nämlich die Vieldeutigkeit von Aussagen, von Schrift und Begriffen. Ein Beispiel dafür ist die altorientalisch-assyrische Welt. Der Heidelberger Assyriologe Markus Hilgert hat gezeigt, dass die mesopotamischen Keilschriftzeichen dafür eingesetzt wurden, möglichst breite Wissens- und Bedeutungsfelder abzudecken.9 Jedes Zeichen konnte in verschiedener Weise, in verschiedener Zuordnung und auch mit der Möglichkeit eines Bedeutungswandels eingesetzt werden. Diese Schrift stellte ganze ›Cluster‹ von Wissensgeflechten zur Verfügung. Für den Sinn, den sie transportierte, war gerade die Mehrdeutigkeit kennzeichnend. Mit ihr konnte Wissen nicht nur gespeichert, sondern auch in ganz unterschiedlichen Kontexten abgerufen und verwendet werden. Eine der frühen und bedeutendsten Hochkulturen der Menschheit hat sich demnach also gerade nicht für die Eindeutigkeit der Sprache und der Schrift entschieden, sondern für Multidimensionalität, Variabilität, Instabilität und Offenheit von vielfältig verflochtenen, aber nicht linearen Wissensinhalten und Wissensobjekten.

Es kommt also darauf an, ob eine Gesellschaft Eindeutigkeit anstrebt oder nicht. Heute scheinen wir uns eher den Vorstellungen der altorientalischen Kulturen zu nähern. Unter uns hat längst die Überzeugung um sich gegriffen, dass es ebenso viele Wahrheiten gibt wie Kulturen und deren Traditionen in der Welt, denen man sich öffnen möchte. Ein Pochen auf Eindeutigkeit wäre dabei störend. Ganz im Gegenteil, man will »der Vereindeutigung entkommen«.10 Auf wissenschaftlichen Kongressen wird es derzeit gewöhnlich als »ausgesprochen horizonterweiternd« empfunden, wenn sich am Ende möglichst viele Mehrdeutigkeiten einstellen und eindeutige Antworten vermieden werden.11 In den Geisteswissenschaften spricht man schon von einer »Ontologie-Angst«12. Ob die Forderung nach »Genauigkeit«, die neuerdings in die Diskussion eingebracht wurde, einen Ausweg bietet, wird sich erweisen.13

Auch den Anspruch, Wahrheit innerhalb eines Wissenschaftssystems zu erlangen oder wenigstens zu fordern, hat man weitgehend aufgegeben – trotz gelegentlicher Ankündigung einer »Rückkehr der Wahrheit«.14 Wahrheit, so lautet die längst dominierende Überzeugung unserer ›postmodernen‹ Zeit, sei – ebenso wie Eindeutigkeit – nicht nur niemals erreichbar, sondern auch gar nicht erstrebenswert. Nur wenn wir heute den »essentialistischen Wahrheitsbegriff« aufgeben, so lautet die Position der jungen Forschung, können wir die Voraussetzung dafür schaffen, »dass verschiedene, kulturell spezifische Formen epistemischer Praxis als prinzipiell gleichwertige Alternativen gelten können«.15

An die Stelle der Eindeutigkeit ist die Offenheit für die Vielfalt wissenschaftlicher Methoden getreten, für die Vielfalt kultureller Bewegungen, Begegnungen, Transfers und Wechselwirkungen. Sie ist das neue Ideal, sei es in der Gesellschaft, in der Politik oder in der Wissenschaft. Das heutige Signalwort dafür lautet »Unbestimmtheit«.16 Diese Vorgänge und die Rolle der ›Unbestimmtheit‹ in unserer Wissenschaft und im gesamten ethischen Verhalten werden in der modernen Geschichtsforschung, in der Philosophie und in den Gesellschafts- und Lebenswissenschaften intensiv diskutiert, gewiss zu Recht, denn dieser Wandel greift an die Substanz unseres gesamten überkommenen Denk- und Wissenschaftssystems. Auch der Blick der Forschung auf das Mittelalter konzentriert sich längst auf ›Ambiguität‹, also auf die Vielfalt der Ordnungen und Wertestrukturen. Sie ist hier ohne Frage reichlich anzutreffen und hat die Lebenswirklichkeit des Mittelalters im Ganzen gesehen geprägt.

Diese Veränderungen unserer modernen Zeit oder gar ein Werturteil darüber sollen aber nicht Gegenstand dieses Buches sein. Hier soll vielmehr gezeigt werden, dass es Phasen in der europäischen Geschichte gab, in denen ein gegenteiliges Konzept angestrebt wurde, ein Konzept, das auch das Handeln des Herrschers und der politischen und intellektuellen Elite in höchstem Maße bestimmte: das Bemühen um Eindeutigkeit. Genau dies ist das besondere Kennzeichen der Epoche Karls des Großen. Sehr treffend ist diese Grundhaltung eingefangen worden von Einhart, dem Gelehrten am Hof Karls, der uns noch mehrfach begegnen wird. Er bezeichnete das Bemühen Karls als »Beseitigung jeder Unbestimmtheit« (omni ambiguitate remota).17

Es ist gar nicht anders denkbar, als dass der Herrscher einer solchen gesellschaftlichen Konzeption selbst von dieser Idee geleitet war, dass er folglich selbst die vielfältigen Impulse, Anregungen, theoretischen Reflexionen und sonstigen Anstöße aufnahm, bündelte und ihnen auch von seiner Seite weitere Impulse gab. Karl der Große erscheint aus dieser Perspektive nicht nur als ein barbarischer oder christlich-heiliger Kaiser, sondern auch als ein Herrscher, der höchsten Anspruch auf Deutungshoheit entwickelte, um Eindeutigkeit zu schaffen. Die weiteren Überlegungen und Darstellungen sollen zeigen, welche Konsequenzen dieses Streben nach ›Vereindeutigung‹ für die Menschen, die Organisationen und die Strukturen seines Reiches hatte, welche Instrumentarien, Methoden und Kommunikationsformen – wie die Schrift – dafür eingesetzt wurden oder daraus entstanden sind und was dies alles für das politische Handeln und schließlich die Formung einer bestimmten Gesellschaftsordnung bedeutete.

Kommentare

1.
Detlef Stapf am 04.01.2014

Stefan Weinfurter Karl der Große DER HEILIGE BARBAR ist eine Literaturempfehlung in der Tour Karl der Große in Aachen unter http://kulturreise-ideen.de/geschichte/deutsche-geschichte/Tour-karl-der-grosse-in-aachen.html

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