Claire Fuller interviewt Übersetzerin Susanne Höbel
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Donnerstag, 02. März 2017 von Piper Verlag/ Claire Fuller


Claire Fuller | Publishing Interviews

In ihrer Reihe »Publishing Interviews« spricht unsere Autorin Claire Fuller Menschen aus der Buchbranche über - genau - das Büchermachen. Mit der Übersetzerin ihres Romans »Eine englische Ehe« sprach sie über die Besonderheiten beim Übersetzen von Romanen.

 

 

(Claire Fuller) Wie bist du Übersetzerin für Belletristik geworden?

(Susanne Höbel) Das war – außer natürlich, Schriftstellerin zu werden - immer mein Wunsch. Meine erste Wahl war damals Französisch, und ich erinnere mich, dass ich noch in der Schule die ersten Sätze von Albert Camus′ »L′Etranger« übersetzen wollte und gleich stecken blieb.

 

»Man muss sich dem Werk mit Empathie nähern«


Susanne Höbel

Dies ist vielleicht eine naive Frage, aber du übersetzt nur vom Englischen ins Deutsche und nicht andersherum. Warum nicht?

Das musste ich auch erst lernen: Belletristik-Übersetzer übersetzen immer in ihre Muttersprache. Nur Übersetzer von technischen oder juristischen Texten oder Konferenzdolmetscher übersetzen in beide Richtungen. Es war dann aber doch der richtige Weg für mich, denn als Studentin der englischsprachigen Literatur war ich daran interessiert, diese Werke ins Deutsche zu übertragen. Es bedeutete allerdings, dass ich nicht, wie ich vorgehabt hatte, in England leben konnte, weil ich Zugang zu deutschen Verlagen finden musste, um Übersetzungsaufträge zu bekommen.

 

Wenn du von einem Verlag einen Auftrag bekommst, wie geht es dann weiter, und wie lange dauert die Arbeit im Allgemeinen?

Die Verlage haben einen ziemlich strengen Zeitplan und vergeben Übersetzungsaufträge immer mit einem Abgabetermin. Normalerweise habe ich vier bis fünf Monate Zeit, und das reicht für gewöhnlich auch aus.
Der Übersetzungsvorgang ist ziemlich unaufregend. Zuerst übersetze ich das Manuskript Satz für Satz. Normalerweise lese ich das Buch nicht im Voraus, denn im Verlauf der Arbeit arbeite ich es mindestens viermal durch. Im ersten Durchgang finde ich heraus, worum es in dem Roman geht und welche schwierigen Fragen oder knifflige Probleme sich stellen. Dann überarbeite ich die Rohübersetzung und bedenke dabei alles, was ich beim ersten Durchgang gelernt habe. Dabei geht es um Vokabular, Tonhöhe, Sprachregister. Um Zitate, Wiederholungen, Namen von Personen und Orten.
Ich benutze echte Wörterbücher, aber die Recherche, für die ich früher im Brockhaus nachgesehen habe oder in die Bibliothek gegangen bin, mache ich jetzt über das Internet. Ich habe Nachschlagewerke über Tiere und Pflanzen, ein technisches Wörterbuch, ein Bildwörterbuch in Englisch und Deutsch und andere Bücher, die mir sehr wichtig sind. Um ein besseres Verständnis für ein Wort zu bekommen, benutze ich oft das OED, ein einsprachiges Wörterbuch, und wenn ich eine Vorstellung davon habe, was das Wort im Deutschen sein sollte, benutze ich ein einsprachiges deutsches Wörterbuch.
Wenn die Überarbeitung abgeschlossen ist – die manchmal so lange dauert wie der erste Durchgang –, lese ich den vollständigen Text noch einmal. Das vierte Mal lese ich die Übersetzung, wenn ich die Druckfahnen vom Verlag bekomme. Das ist meine letzte Chance, Fehler zu verbessern und Änderungen zu machen, und deshalb nehme ich dieses Stadium sehr ernst.

 

Was für ein Art Mensch ist deiner Meinung nach der beste Übersetzer?

Jemand, der Bücher liebt. Der Sprache liebt, sowohl die Sprache und Kultur des Originals als auch die eigene Sprache. Jemand mit Selbstdisziplin, der seinen Arbeitstag gestalten kann und sich nicht zu leicht ablenken lässt. Jemand, der Ausdauer und Durchhaltevermögen hat. Der sich jeden Tag hinsetzen und schreiben kann - man muss ja nicht auf Inspiration warten, denn es steht alles schon da. Der sich für Details und Nuancen interessiert und es nicht leid wird, ihnen nachzugehen. Der gern allein arbeitet und eine Büroatmosphäre oder Kollegen nicht vermisst. Dem es nichts ausmacht, hinter oder in dem Original zu verschwinden.
Außerdem jemand, dem es nichts ausmacht, wenig Geld zu verdienen.

 

Was ist das Schwierigste, wenn man vom Englischen ins Deutsche übersetzt? Gibt es Dinge, von denen du sagen würdest, sie sind unübersetzbar?

Es gibt praktisch jeden Tag etwas, das unübersetzbar ist. Für mich ist das Übersetzen eine Annäherung. Ähnlich wie die Kommunikation. Nehmen wir ein Wort wie »Lunch«. Das Wort hat viele Konnotationen, von denen keine vermittelt wird, wenn ich das Wort als »Mittagessen« übersetze, das seine eigenen vielfältigen Konnotationen hat. Oder die Zweideutigkeit des Satzes: »Flying planes can be dangerous.« Im Deutschen braucht man zwei Sätze, um den Doppelsinn zu transportieren. Gut, man kann die beiden Bedeutungen übersetzen, aber die ungeheuer befriedigende Raffiniertheit der Satzstruktur geht verloren. Also ist der Satz unübersetzbar.

 

Was möchtest du erreichen, wenn du ein Buch übersetzst?

Ich möchte, dass sich das Buch in der Übersetzung genauso gut liest wie im Original. Der Leser soll beim Lesen nicht daran erinnert werden, dass er eine Übersetzung liest. Ich möchte, dass die deutsche Sprache leuchtet und vollständig idiomatisch ist. Ich möchte nicht, dass das Original durchschimmert.
 

Was würdest du jemandem raten, der Übersetzer werden möchte?

Diese Frage ist mir schon manchmal von Übersetzern, die gerade anfangen, gestellt worden, und jedesmal möchte ich als erstes sagen: »Sei wie ein Schwamm.« Damit meine ich: Sauge so viel du kannst auf von der Kultur, der Literatur und Sprache des Landes, für das du dich entschieden hast. Lass nie nach in deiner Neugier, lerne jeden Tag etwas Neues. Lies das Wörterbuch. Lies die Literatur.
Natürlich muss jeder Übersetzer auch in der eigenen Sprache bewandert sein und sich mit weitgefächerter Lektüre weiterbilden.

 

Das ist vielleicht eine etwas kecke Frage – gab es bei der Übersetzung von »Eine englische Ehe« besondere Herausforderungen?

Ich habe Swimming Lessons von Anfang an sehr gemocht, obwohl die Geschichte auch etwas Verstörendes hat. Mir hat es besonders der elliptische Stil in den Dialogen und den Beschreibungen angetan. Die Knappheit und Präszision, mit der du Szenen und Personen zeichnest, das wollte ich unbedingt im Deutschen erhalten. Ich mochte das Schwebende an der Sprache, die dem Leser selten mitteilt, was eigentlich los ist, und ihn mit Mutmaßungen und Deutungen auf den Weg schickt, so dass viele Lesarten der Geschichte entstehen.
Manchmal habe ich das Gefühl, es reicht, das, was auf der Seite steht, wortgetreu zu übersetzen. Dann wiederum möchte ich in den Text kriechen und ihn von innen heraus übersetzen. Vielleicht unterscheiden sich die Ergebnisse der beiden Vorgehensweisen kaum, aber der zweite Ansatz bedeutet, dass man sich dem Werk mit mehr Empathie nähert, und ich fand, das war die beste Herangehensweise für dein Buch.

Die letzte Frage: Kannst du uns etwas über dich und deine Arbeit sagen, das Leser überraschen würde?

Ich liebe meine Arbeit nach wie vor und freue mich jeden Morgen, wenn ich mich an den Schreibtisch setze.
Ich bin jedes Mal ungeheuer dankbar, wenn ein Lektor anruft und mir eine Übersetzung anbietet.
Ich bin froh, dass ich nicht Schriftstellerin geworden bin, froh, dass jemand anders sich die Geschichte und die Handlung ausgedacht hat und die Figuren im Griff hat.
Manchmal habe ich das Gefühl, ich habe dem Autor das Buch gestohlen, denn hier ist es, das Buch, aber der Autor hat kein einziges Wort darin selbst geschrieben und kann meistens auch gar nicht verstehen, was da geschrieben steht.
Ich bin sehr gern Übersetzerin, obwohl ich manchmal bezweifle, ob Übersetzung überhaupt möglich ist oder wirklich exisitiert.

Blick ins Buch
Eine englische EheEine englische EheEine englische Ehe

Roman

Eigentlich hatte sie andere Pläne. Ein selbstbestimmtes Leben, Reisen, vielleicht eine Karriere als Schriftstellerin. Doch als sich Ingrid in ihren Literaturprofessor Gil Coleman verliebt und von ihm schwanger wird, wirft sie für ihn all dies über Bord. Gil liebt seine junge Frau, und dennoch betrügt er sie, lässt sie viel zu oft mit den Kindern in dem kleinen Ort an der englischen Küste allein. In ihren schlaflosen Nächten beginnt sie, Gil heimlich Briefe zu schreiben. Statt ihm ihre innersten Gedanken anzuvertrauen, steckt sie ihre Briefe in die Bücher seiner Bibliothek und verschwindet schließlich auf rätselhafte Weise. Zwölf Jahre später glaubt Gil, seine Frau wieder gesehen zu haben - und ihre gemeinsame Tochter Flora, hin und her gerissen zwischen Hoffnung und Verzweiflung, beginnt nach Antworten zu suchen, ohne zu ahnen, dass sie nur die Bücher ihres Vaters aufschlagen müsste, um sie zu erhalten ...  

Prolog

Gil Coleman blickte aus dem Fenster der Buchhandlung im ersten Stock und sah seine tote Frau unten auf dem Gehweg. Er hatte sich den ganzen Nachmittag zwischen den Regalreihen aufgehalten und in den antiquarischen Büchern geblättert. Wenn er eine umgeknickte Ecke oder ein paar unterstrichene Zeilen entdeckte, hielt er einen Moment inne und blätterte dann weiter, als wollte er die Seiten ermuntern, ihm das zu offenbaren, was sich möglicherweise zwischen ihnen verbarg. Der Tee, den Viv ihm gebracht hatte, war kalt geworden und stand vergessen auf dem Fenstersitz. Gegen drei Uhr hatte er »Wer verändert war und wer gestorben war« in die Hand genommen, ein Buch, das ihm bekannt vorkam und das er, zumindest hielt er es für möglich, schon besaß. Es hatte sich von selbst aufgeschlagen, und da, zwischen den Seiten, entdeckte er zu seiner Überraschung ein gefaltetes Blatt aus gelbem Papier mit zarten blauen Linien.

Zitternd hatte Gil sich neben die Tasse gesetzt und das Buch seitlich gedreht, dass er den Zettel auffalten konnte, ohne ihn aus dem Buch zu nehmen. Eine seiner Regeln war, dass die Dinge, die er fand, niemals vom Fundort entfernt werden durften. Er hob das Buch mit dem Blatt ans regennasse Fenster. Auch dies war ein Brief, handgeschrieben in schwarzer Tinte, und mit zusammengekniffenen Augen konnte er das Datum entziffern – 2. Juli 1992, 14.17 Uhr –, dann seinen eigenen Namen. Die Schrift darunter war kleiner, und der Verfasser hatte sich nicht an die gezogenen Linien gehalten, seine Schriftzüge folgten stattdessen einer Abwärtslinie, als wäre er beim Schreiben in Eile gewesen.

Gil betastete die Vorderseite seines Jacketts, nahm das Buch in die andere Hand und griff in die Innentasche, dann betastete er seine Hosentaschen. Keine Lesebrille. Er bewegte den Brief vor den Augen vor und zurück, um schärfer sehen zu können, dann lehnte er sich näher ans Fenster. Das Licht war trüb, der für Samstag angesagte Sturm war einen Tag früher aufgekommen. Als Gil sein Auto auf dem Parkplatz neben dem Jurassic Minigolfplatz abgeschlossen hatte, war ihm aufgefallen, dass der Wind eine Tüte um die Vorderklauen des Tyrannosaurus Rex gewickelt hatte, sodass es aussah, als wollte das Tier jeden Moment über den Maschendrahtzaun klettern und einkaufen gehen. Und auf dem Weg entlang der Promenade zur Buchhandlung beobachtete Gil, wie der Wind tiefe Täler in das graue Meer grub und die Gischt von den Wellenspitzen zum Land herüberschleuderte, und jetzt, während er zwischen den alten Büchern stand, konnte er Salz auf seinen Lippen schmecken.

Mit einer Windbö wurde Regen an die Fensterscheibe geschlagen, und das war der Moment, in dem Gil einen Blick auf die schmale Straße unter sich warf.

Gegenüber auf dem Gehweg stand eine Frau in einem Militärmantel, der ihr zu groß war, und sah die Straße entlang. Nur ihre Fingerspitzen waren am Ende der Ärmel zu sehen, und der Saum reichte ihr fast bis zu den Knöcheln. Im Regen hatte der Mantel eine schmutzig olivgrüne Farbe angenommen – die Farbe des Meeres nach einem Schauer –, und Gil dachte, dass seine Tochter Flora den richtigen Namen der Farbe wüsste. Die Frau wischte sich mit dem Handrücken eine nasse Strähne aus dem Gesicht und wandte sich der Buchhandlung zu. Die Vertrautheit der Geste war ein solcher Schock, dass Gil aufstand und dabei, ohne es zu bemerken, die Teetasse umstieß. Die Frau hob das herzförmige Gesicht und sah hinauf, als wüsste sie, dass Gil sie beobachtete, und in dem Moment begriff er, dass dies seine Frau war, älter zwar, aber zweifellos sie. Das nasse Haar klebte ihr am Kopf und war dunkler, das Wasser rann ihr vom Kinn, aber sie sah ihn so herausfordernd an wie damals, als er sie kennenlernte. Er hätte diesen Ausdruck und diese Frau überall erkannt.

Ingrid.

Gil schlug mit der Handfläche an die Fensterscheibe, die Frau wandte sich ab, sah wieder die Straße hinunter, zur Stadt hin, und als hätte sie die Person gesehen, auf die sie dort unten wartete, oder zumindest deren Auto, ging sie mit raschen Schritten davon. Er schlug wieder an die Scheibe, aber die Frau blieb nicht stehen. Er presste seine Wange seitlich an das kalte Glas und sah ihr nach, bis sie aus seinem Sichtfeld verschwand. »Ingrid!«, rief er, aber das war nutzlos.

Er schlug das Buch in seiner Hand zu, drückte es an die Brust und eilte nach unten, zum vorderen Teil des Ladens, und stürmte hinaus. Viv, die hinter der Kasse saß, rief ihm etwas nach, aber er war schon davon. Der Regen klebte ihm das graue Haar an die Stirn und durchnässte sein Jackett. Die Straße war leer, er hastete weiter, rannte ein paar Schritte, spürte das Stechen in den Lungen. Als er zur High Street kam, blieb er keuchend und außer Atem stehen. Er stand an der Ecke und sah den Hügel hinauf. Niemand war auf dem Gehweg zu sehen. In die andere Richtung eilten ein paar Menschen zum Meer hinunter und wurden von dem böigen Wind vorangetrieben. Er hastete ihnen nach, suchte nach einer Person im langen Mantel, blickte durch die beschlagenen Scheiben des Cafés und der Bäckerei. Er überholte eine junge Frau mit einem Buggy und überquerte die Straße, ohne von dem plötzlichen Schmerz in der Hüfte Notiz zu nehmen oder auf den Verkehr zu achten. Jetzt war er auf der Promenade, zwei Meter oberhalb des Strands. In der Ferne stemmte sich ein Mann vornüber in die Böen, ein hässlicher Hund sprang umher und schnappte nach dem Wind – es war zu wild für Mai, mehr ein Herbststurm. Gil ging jetzt langsamer und setzte mit gesenktem Kopf seinen Weg auf der Promenade fort, bis der Strand unterhalb aufhörte und die Mole mit den großen Betonklötzen begann, die von der fliegenden Gischt nass war. Der Regen schlug ihm ins Gesicht, der Wind schob ihn an das Metallgeländer der Promenade, bis sein Oberkörper sich darüberbog, als würde er in einem gewaltsamen Tanz von einer Hand zur anderen gereicht. Nur wenige Schritte weiter zwischen den Felsen unter ihm meinte Gil, einen Fleck Olivgrün und eine Strähne verwehten Haars zu sehen.

»Ingrid!«, rief er, aber der Wind riss ihm die Wörter vom Mund, und die Frau, falls da eine Frau war, wandte sich nicht einmal um. Er ging auf der Promenade weiter in ihre Richtung. Zweimal blieb er stehen und beugte sich über das Geländer, aber aus dem Winkel dort oben auf der Promenade hatte er sie aus dem Blick verloren, zumal sie sich hingeduckt zu haben schien. Als er seiner Einschätzung nach an der Stelle angekommen war, wo Ingrid sein musste, beugte er sich wieder über das Geländer, aber diesmal sah er auch ihren Mantel nicht. Er steckte Kopf und Oberkörper durch den weiten Durchlass zwischen den Geländerstreben, und während er das Buch in der einen Hand hielt und sich mit der anderen an einem Pfosten abstützte, hob er sein linkes Bein über die untere Strebe und drehte es so, dass der Fuß mit den Zehen auf der Kante der Promenade stand, dann manövrierte er auch das rechte Bein über die untere Strebe, und als beide Beine auf der anderen Seite waren und er mit der freien Hand den nassen Pfosten umklammert hielt, schob er den Rest seines Körpers zwischen den Streben hindurch. Dann glitt der linke Fuß im Lederschuh aus.

Gil hatte das Gefühl, in Zeitlupe zu fallen, sodass ihm reichlich Zeit blieb, darüber nachzudenken, was für ein Drama seine ältere Tochter Nan machen würde und wie besorgt Flora wäre, und dann dachte er, ob er seinen Kindern das Versprechen abnehmen sollte – falls er den Sturz überlebte –, bei seinem Tod, wenn er eintrat, seine Bücher auf einem einzigen großen Haufen zu verbrennen, und was das für ein Spektakel wäre. Das Feuer – ein Leuchtfeuer, das seinen Tod verkündete – wäre vermutlich noch von der Isle of Wight zu sehen. Und ihm kam der Gedanke, dass Ingrid – wenn dies der 2. Mai 2004 war, was er für wahrscheinlich hielt – seit genau elf Jahren und zehn Monaten verschwunden war, und dann dachte er, er hätte ihr deutlicher zeigen sollen, dass er sie liebte. All dies ging ihm durch den Kopf, als er zwischen die Felsbrocken fiel, und dann war da ein Schmerz in seinem Arm und ein Lichtstrahl in seinem Kopf, und bevor es um ihn herum dunkel wurde, sah er das Buch offen neben sich, der Rücken gebrochen.

 

1

Das Klingeln weckte Flora aus tiefem Schlaf. Neben ihr lag Richard mit einem Kissen auf dem Kopf, und sie kletterte über ihn hinweg in das kalte, düstere Zimmer. Sie stieg über das Durcheinander von Klamotten, leeren Flaschen und schmutzigen Tellern auf dem Fußboden, nahm eine alte Tischdecke vom Sofa, mit der sie die Fettflecken darauf abdeckte, die vom vorigen Mieter stammten, und warf sie sich über die Schultern. Das Klingeln hörte auf. Flora seufzte, und als sie ausgeatmet hatte, fing es wieder an. Sie ortete das Klingeln und wühlte in dem Kleiderberg, bis sie ihre Jeans fand, in der ihr Mobiltelefon steckte. Nan, stand auf dem Display. Richard drehte sich mit einem Stöhnen um, und Flora ging ins Bad. »Nan?«, sagte sie. Sie zog an der Schnur für das Licht und zuckte bei dem hellen Schein zusammen.

»Hallo? Flora!«

»Oh, entschuldige bitte«, sagte Flora. »Ich hätte anrufen sollen. Herzlichen Glückwunsch nachträglich.«

»Danke«, sagte Nan, »aber das ist nicht der Grund, warum ich anrufe.« Ihre Stimme klang angespannt, besorgt, und in Floras Magen regte sich ein Tier.

»Ist was passiert?« Floras Stimme war ein Flüstern. Sie hockte sich auf den Fußboden und schob sich zwischen Badewanne und Waschbeckenfuß an die Wand. Aus der Nähe betrachtet, verwandelten sich die gestickten Kringel und Strudel auf der Tischdecke in silberblaue Fische, die über ihre Knie schwammen.

»Was?«, sagte Nan. »Ich kann dich nicht richtig verstehen. Der Empfang ist furchtbar. Flora? Hallo?« Nans Stimme war zu laut. »Es ist wegen Dad«, rief sie.

»Wegen Daddy?«, sagte Flora, und sofort entstanden in ihrem Kopf verschiedene Schreckensbilder.

»Es gibt keinen unmittelbaren Grund zur Sorge, aber …«

»Was?«

»Er hatte einen Unfall.«

»Was für einen Unfall? Wo? Wann?«

»Ich kann dich nicht hören«, sagte Nan.

Flora stand auf, stieg in die Badewanne und öffnete das Fenster zu dem Schacht unterhalb des Gehwegs. Draußen war es dunkel, was Flora verwirrend fand. Ein Windstoß fuhr durchs Fenster, über ihr schwankten die Formen der Bäume und Büsche. »Ist es besser so?«

»Ja, besser«, sagte Nan immer noch mit lauter Stimme. »Dad ist von der Promenade in Hadleigh auf die Felsen gefallen. Platzwunden, blaue Flecke, vielleicht eine Gehirnerschütterung, Handgelenk verstaucht. Nichts Ernstes …«

»Nichts Ernstes – meinst du wirklich? Soll ich besser kommen?«

»… vielleicht ist er auch gesprungen«, sagte Nan weiter.

»Gesprungen?«

»Nein, jetzt nicht.«

»Von der Promenade?«

»Flora, musst du alles, was ich sage, wiederholen?«

»Dann erzähl mir doch, was passiert ist.«

»Bist du betrunken?«

»Natürlich nicht«, sagte sie, aber möglicherweise war sie es noch.

»Oder bekifft? Bist du bekifft?«

Flora musste lachen. »Heute sagt niemand mehr bekifft, Nan. Man sagt high.«

»Also – bist du high?«

»Ich habe geschlafen«, sagte Flora. »Erzähl! Was ist passiert?«

»Habe ich dich geweckt? Es ist Abend, halb zehn am Abend, meine Güte.« Nan klang entrüstet.

»Am Abend?«, sagte Flora. »Es ist nicht Morgen?«

Nan machte ein missbilligendes Geräusch, und Flora sah vor sich, wie ihre Schwester den Kopf schüttelte.

»Ich war die ganze Nacht auf«, sagte Flora. Sie würde Nan ganz sicher nicht erzählen, dass sie und Richard die letzten zwei Tage im Bett verbracht hatten. Dass sie sich zweimal Jeans und Pullover angezogen hatte, zu dem Laden in der Stockbridge Road gelaufen war und zwei Flaschen Wein, ein Stück blassen Cheddar, eine Tüte geschnittenes Weißbrot, Bohnen in Tomatensoße und Schokolade gekauft hatte. Richard hatte angeboten zu gehen, aber Flora hatte ein paar Minuten ohne ihn sein wollen. Sobald sie zurück war und die Tür zu der Wohnung im Souterrain hinter sich geschlossen hatte, legte sie den Beutel hin, zog die Jeans aus und kroch wieder zu ihm ins Bett.

»Und was hast du gemacht?«, sagte Nan. »Oh Flora, bist du spät dran für einen Abgabetermin?«

»Bist du im Krankenhaus? Kann ich mit ihm sprechen?«

»Er schläft. Aber ich wollte noch etwas sagen.« Ihre Schwester schniefte und schien sich die Nase zu putzen, dann atmete sie tief ein. »Er hat mir erzählt, er habe Mum vor der Buchhandlung in Hadleigh gesehen, in seinem alten Militärmantel, der, in dem du früher Verkleiden gespielt hast, und dass er bis zur Mole hinter ihr hergegangen sei.«

Adrenalin rauschte wie eine Welle durch Flora hindurch, von ihrer Körpermitte in alle Glieder, die Fingerspitzen, den Kopf. »Mum? In Hadleigh?« Plötzlich konnte sie Kokosnuss riechen, einen Geruch, der für sie mit der Farbe goldgelben Honigs verbunden war, süß und sauber zwischen den Dornen und den welken Blüten des Ginsters.

»Er hat sie natürlich nicht gesehen«, sagte Nan. »Er glaubt, er hat sie gesehen. Wahrscheinlich hat es mit seinem Alter zu tun oder mit der Gehirnerschütterung.«

»Ja«, flüsterte Flora. Der Wind sprühte Regentropfen über sie, und sie duckte sich und lehnte sich gleichzeitig zum Fenster hin, um die Verbindung nicht zu verlieren.

»Flora? Bist du noch da?«, sagte Nan an ihrem Ohr.

»Noch da«, sagte Flora. »Ich komme zum Krankenhaus. Ich packe meine Tasche und nehme den nächsten Zug.«

»Nein, tu das lieber nicht. Dad schläft gerade. Ich hatte gehofft, sie würden ihn heute Abend noch entlassen, aber dafür ist es jetzt zu spät. Er wird erst morgen entlassen, wenn jemand von der psychologischen Abteilung bei ihm gewesen ist.«

»Von der psychologischen Abteilung? Was hat er denn?«

»Flora, beruhige dich. Sie wollen einfach ein paar Dinge ausschließen können. Wahrscheinlich ist es ein Harnwegsinfekt. Komm lieber morgen. Wir treffen uns zu Hause, dann können wir alles bereden.« Der Swimming Pavilion: ihr Zuhause. Sie beide nannten es noch so, obwohl sie dort nicht mehr wohnten.

»Ich will ihn sehen.«

»Das kannst du auch, morgen. Denk dran, dass du die Zeiten für die Fähre nachguckst. Nicht, dass du wieder nicht rüberkommst, wie letztes Mal.«

Flora hatte vergessen, dass ihre Schwester die irritierende Angewohnheit hatte, an alles zu denken, was nötig war.

Nachdem sie sich verabschiedet hatten, legte Flora ihr Mobiltelefon auf den Rand des Waschbeckens und putzte sich die Zähne. Als sie sich umdrehte, gab sie ihm versehentlich einen Stoß, und es fiel mit einem Plumps in die Toilette.

 

Im Zimmer – Küche, Schlafzimmer und Wohnzimmer in einem – brannte Licht, aber Richard, der zwischendurch aufgestanden sein musste, lag wieder im Bett und hatte die Augen geschlossen. Die schmutzigen Teller, die auf dem Boden gestanden hatten, waren jetzt auf dem Tisch gestapelt, und die Essensreste waren in den Mülleimer gekratzt worden. Flora fand im Küchenschrank eine Packung Curryreis, in die sie ihr Mobiltelefon legte. Sie setzte sich aufs Sofa und versuchte sich ihren Vater vorzustellen, wie er verletzt und zerschunden in einem Bett im Krankenhaus lag. Aber sie konnte ihn nur drahtig und braun gebrannt sehen, wie er neben ihr durch die Heide lief oder wenn er ihr ein Buch zeigte, das er gefunden hatte. Sie dachte an ihre Mutter, die in diesem Moment durch Hadleigh streifte oder in einem Laden, einem Pub oder einem Café saß. Ihre Hände begannen zu zittern, und das Tier in ihrem Magen machte einen Satz. Doch dann wurde ihr bewusst, dass ihre Mutter nicht in Hadleigh wäre – sie würde zu Hause auf sie warten.

Flora betrachtete den schlafenden Richard. Im Zimmer war von dem Wind und dem Regen nichts zu hören. Das Licht der Glühbirne schien ihm ins Gesicht, und er sah ohne Brille anders aus, nicht nur jünger, sondern auch ausdrucksloser, weniger geformt. Sie kniete sich neben ihn und tastete unter dem Bett nach ihrem Koffer.

»Wer war das?«, fragte Richard und öffnete ein Auge.

»Niemand«, sagte Flora und zog an etwas, das, so hoffte sie, der Griff war.

»Warum hast du das da an? Ist das nicht eine Tischdecke? Du musst halb erfroren sein. Komm wieder ins Bett.« Er hob die Bettdecke, sodass sein Körper zu sehen war.

»Ach«, sagte sie. »Das hatte ich ganz vergessen.«

»Was?« Richard verdrehte den Kopf und starrte auf seinen Körper. Mit der freien Hand tastete er in dem offenen Fach des Nachttischs nach seiner Brille. Als er sie aufsetzte, machte er ein gespielt überraschtes Geräusch. Zwischen den braunen Haaren, die auf seiner Brust wuchsen und sich zu seinem Bauchnabel hinunterzogen, war eine anatomische Zeichnung seines Skeletts und seiner inneren Organe – Rippen, Brustbein, Schlüsselbein und der Anfang der Hüftknochen, die aufgerollte Schlange seines Darms – zu sehen, alles mit wasserfestem schwarzen Filzstift gezeichnet. »Du musst wieder ins Bett kommen.« Er lehnte sich vor und zog sie zu sich. »Ich habe weder Arme noch Beine. Du musst die Zeichnung fertig machen, sonst kann ich nicht zur Arbeit gehen.« Er lächelte.

»Weißt du eigentlich, dass es halb zehn ist?«, fragte Flora. Sie zog wieder an dem Koffergriff und fiel rückwärts auf den Teppich.

»Halb zehn? Morgens?« Richard deckte sich wieder zu.

»Nein, abends«, sagte Flora.

Richard tastete wieder im Fach des Nachttischs. Diesmal fand er sein Mobiltelefon, das ins Ladegerät eingestöpselt war, und Flora ärgerte sich einen Moment lang, denn nicht nur hatte Richard daran gedacht, sein Telefon aufzuladen, er hatte es vernünftigerweise auch an einen sicheren Ort gelegt.

Er stieß einen langen Pfiff aus. »Halb zehn. Vielleicht ist es halb zehn einen Tag später, und wir haben den ganzen Samstag verpasst. In der Buchhandlung werden sie ganz schön sauer auf mich sein.«

Flora ließ das mit dem Koffer, ging an die Schublade, wo sie ihre Unterwäsche verstaute, und wühlte darin herum.

»Ist alles in Ordnung?« Er setzte sich im Bett auf und sah sie an.

»Das war Nan«, sagte Flora. »Am Telefon.«

»Deine Großmutter?«

»Nanette. Meine Schwester.«

»Ich wusste gar nicht, dass du eine Schwester hast. Älter oder jünger?«

»Fünfeinhalb Jahre älter«, sagte Flora. Sie warf eine Handvoll Unterhosen und BHs auf den Boden. Dann ging sie wieder an die Kommode und kramte in ihren Jeans und Pullovern.

»Was wollte sie?«

»Ich muss nach Hause fahren.«

»Jetzt? Also: Sofort?«

»Ja, jetzt«, sagte sie, warf einen Armvoll Klamotten zu der Wäsche auf dem Boden und sah ihn an. »Jetzt sofort. Daddy ist ins Krankenhaus eingeliefert worden, und ich muss dich bitten aufzustehen, damit ich den Koffer unter dem Bett hervorholen kann.«

»Daddy?«, fragte Richard.

»Genau. Gil, mein Vater. Musst du alles, was ich sage, wiederholen?« Flora stemmte die Fäuste in die Hüften. Richard stand aus dem Bett auf, nahm Unterhose und Jeans und zog sie an. Er bückte sich und holte ihren Koffer hervor, dann setzte er sich auf die Bettkante und sah ihr beim Packen zu. Der Koffer hatte ihrer Mutter gehört und war aus blauer Pappe mit abgerundeten Ecken. Flora hatte ihm den Rücken zugewandt, aber sie spürte, dass er nachdachte.

»Moment mal«, sagte er. »Gil? Dein Vater heißt Gil? Heißt du nicht mit Nachnamen Coleman?«

Flora seufzte. Sie hatte nicht gewusst, dass er ihren Nachnamen kannte. Er hatte keine zwei Wochen gebraucht, um ihren Namen herauszufinden. Das war gar nicht so schlecht. Einmal hatte sie entdeckt, dass ein Junge nur deshalb mit ihr schlief, weil er herausgefunden hatte, wer ihr Vater war. Seine Anrufe hatte sie nicht erwidert.

»Der Gil Coleman?«, fragte Richard. »Der Gil Coleman, der ›Aus dem Liebesleben eines Mannes‹ geschrieben hat?« Sie wusste, ohne sich umzudrehen, welchen Ausdruck sein Gesicht hatte, und deshalb, nahm sie sich fest vor, dürfte sie nie wieder mit jemandem schlafen, der in einer Buchhandlung arbeitete.

»Genau der«, sagte Flora und legte einen Skizzenblock und einen Karton Kohlestifte oben auf ihre Kleider.

»Meine Güte. Gil Coleman ist dein Vater. Ich fasse es nicht. Ich dachte, er ist tot. Seit dem Buch hat er nie wieder was geschrieben, oder?«

Flora antwortete nicht. Aber als sie sich auf den Koffer setzte, um ihn zuzumachen, und dabei Richard ansah, wusste sie, dass ihm noch etwas einfallen würde – etwas anderes, das bemerkenswert an Gil Coleman war, abgesehen von dem Buch, das er geschrieben hatte. Gleich würde es ihm einfallen, und am besten, sie brachte es hinter sich, dann könnte sie gehen und müsste Richard nie wiedersehen. Das Kofferschloss machte klick.

»Moment«, sagte er und richtete sich auf. Die eine Hand hatte er auf der Stirn, mit der anderen wedelte er durch die Luft, als hätte sie ihn am Nachdenken gehindert. »Moment, ich kenne die Geschichte.«

»Es ist keine Geschichte, Richard. Es ist meine Familie.«

»Ja, natürlich. Entschuldige bitte.« Er kramte noch in seiner Erinnerung, als sie sich umdrehte und die Tischdecke fallen ließ. Sie machte den Koffer wieder auf, holte eine frische Unterhose heraus und zog sie an. Sie fand ihre Jeans, roch am Schritt und zog auch die an. Sie sah nicht zu Richard hin, denn zu sehen, wie es ihm dämmerte, ertrug sie nicht.

Flora nahm einen BH und versuchte den Verschluss einzuhaken, und als es ihr nicht gelang, versuchte sie es noch einmal und hörte, wie er verlegen »Oh« sagte. Als der BH zu war, hockte sie sich neben das Bett und streifte sich ein T-Shirt über, das auf dem Boden lag. Richard beugte sich vor und nahm sanft ihr Handgelenk. Das Schultergelenk, das sie in Schwarz auf ihn gemalt hatte, bewegte sich, als er den Arm hob, und er sagte: »Es tut mir leid. Das mit deiner Mutter.«

»Das braucht dir nicht leidzutun«, sagte Flora hell. »Sie ist vielleicht gar nicht tot.«

»Aber«, sagte Richard. »Ich dachte, sie –«

»Die Zeitungen«, sagte Flora über seinen Kopf hinweg, »sie haben eine Falschmeldung gebracht.«

»– wäre ertrunken … vor langer Zeit«, vollendete Richard den Satz.

»Ich …«, fing Flora an. »Sie ist weggegangen, weiter nichts.« Der Kokosnussduft und das Goldgelb entstanden wieder vor ihr, ihre Mutter, die sich in der Sonne umdrehte. »Wir wissen nicht, was passiert ist. Das war vor elf Jahren. Aber jetzt ist sie wieder da. Daddy hat sie in Hadleigh gesehen.« Flora konnte ihre Aufregung nicht verbergen.

»Was?« Richard hielt immer noch ihr Handgelenk.

»Ich kann das jetzt nicht weiter erklären. Ich muss nach Hause. Er braucht mich.« Sie saß auf dem Boden neben ihm. Sie wusste, dass sie Richard nicht wiedersehen würde, denn jetzt, nachdem er herausgefunden hatte, wer sie war, würde er sie mit anderen Augen betrachten. Es war ihr zuwider, wenn das, was Männer am interessantesten an ihr fanden, die Geschichte ihrer Eltern war.

»Ich fahre dich.« Seine Hand glitt von ihrem Handgelenk und hielt jetzt ihre Finger. »Ist Hadleigh der Ort, wo dein Vater lebt?«

»In der Nähe. Ich nehme den letzten Zug, das geht schon. Du musst ja auch wieder nach Hause.« Sie bemerkte eine Veränderung in seiner Haltung, als er verstand, was sie womöglich gemeint hatte.

»Wann fährt der Zug?« Richard stand auf und drückte eine Taste auf seinem Telefon.

»Gegen zehn, glaube ich.«

»Das ist in fünfzehn Minuten. Das schaffst du niemals, Flora. Nimm mein Auto.«

 

2

Swimming Pavilion, 2. Juni 1992

Lieber Gil,

es ist vier Uhr morgens, und ich kann nicht schlafen. Ich habe diesen Block mit gelbem Papier gefunden und dachte, ich schreibe Dir einen Brief. Einen Brief, in dem ich alles aufschreibe, was ich persönlich nicht sagen kann – die Wahrheit über unsere Ehe von Anfang an. Bestimmt schreibe ich Dinge, von denen Du sagen wirst, ich hätte sie mir eingebildet, hätte sie geträumt oder erfunden, aber das ist meine Sicht der Dinge. Das hier ist meine Wahrheit.

Wenn ich Dich fragen würde, könntest Du sagen, wann wir uns zum ersten Mal begegnet sind?

Ich kann es. Es war am 6. April 1976, allerdings dehne ich die Bedeutung des Wortes »begegnen«. Es war ein Dienstag. Es war sonnig und warm, und es lag eine Erregung in der Luft, weil der Frühling gekommen war und bleiben würde. Louise und ich ignorierten das Schild, den Rasen nicht zu betreten, wir setzten uns vor die Universitätsbibliothek und sprachen darüber, wie wir unser Leben gestalten wollten. Natürlich wussten wir nicht, wie unser Leben aussehen würde, aber wir waren uns einig, dass es sich von dem Leben unserer Mütter unterscheiden würde (Haushalt, Kinder, kein Beruf), das wir als eng und sinnlos abtaten.

»Mir ist es egal, ob ich mal viel Geld habe«, sagte Louise.

»Oder ob ich viel Besitz habe«, sagte ich.

»Um Gottes willen. Diese ganzen Dinge – Kinder, Ehemann, Häuser, Männer –, die fesseln einen nur. Hindern einen, das zu tun, was man tun will. Bildung ist wichtig. Das ist das Problem unserer Mütter – keine Bildung. Kein Universitätsabschluss. Wem haben sie schon genutzt?«

»Niemandem«, sagte ich. (Wir waren so kritisch. Kompromisslos.) Ich lag auf dem Rasen. »Aber Sex würde ich gern haben. Hin und wieder.«

»Natürlich. Wir können so viel Sex haben, wie wir wollen. Ohne Bindung. Ohne Verpflichtungen. So machen sie es, warum wir nicht auch?«

Mit »sie« meinte Louise die Männer.

Nach der Universität wollten Louise und ich herausfinden, was die Welt zu bieten hatte (andere Länder, Menschen – und Männer natürlich). Die Abende verbrachten wir damit, uns die Landkarten von Südamerika, Australien, China anzusehen, Routen zu studieren, Pläne zu machen und billigen Rotwein zu trinken.

Später an dem Nachmittag ging Louise zu ihrem Geschichtsseminar, und ich holte mein Fahrrad vom Fahrradständer. Dort fand ich zwischen dem Bremskabel und dem Lenker des Männerfahrrads, das ich von einem Kommilitonen gekauft hatte, einen Zettel. Auf dem Zettel, der zweimal gefaltet war, stand (ich habe den Text auswendig gelernt): »Sir, bitte passen Sie in Zukunft besser auf, wenn Sie Ihr Fahrrad abschließen. Sie haben Ihres an meinem festgeschlossen, und jetzt muss ich ohne Schirm im Regen nach Hause gehen.«

Es war ein sonniger Tag, vielleicht erinnerst Du Dich. Die Wörter waren mit Bleistift geschrieben, und an einigen Stellen hatte die Mine das Papier durchbohrt, als wäre der Zettel auf Knien geschrieben worden. Er war nicht unterschrieben.

Ich sah mich mehrmals um, steckte den Zettel in die Tasche, klemmte die Spange um mein Hosenbein und schloss mein Fahrrad auf. Ich pflückte eine Osterglocke von einem Beet in der Nähe, flocht sie durch die Speichen des Fahrrads neben meinem und fuhr nach Hause. Am nächsten Tag steckte wieder ein Zettel unter dem Bremskabel, obwohl ich mein Fahrrad woanders abgestellt hatte. Die Schrift war dieselbe, und ich musste über den Text lachen: »Du solltest besser keine Universitätsblumen abpflücken«, stand da. »Wenn es dem Dekan zu Ohren kommt, wirst du dir einen seiner endlosen Vorträge über die Verhaltensstandards an der Universität anhören müssen. Ich versichere dir, dass sich das nicht lohnt, so schön die Blume und so willkommen die Geste auch ist.«

Nach dem Abendessen mit Louise lag ich in der Wohnung auf meinem Bett. Ich hätte meinen Englischaufsatz schreiben sollen, aber ich hatte einen gelben Umschlag aus dem Papierkorb geklaubt und fing an, ihn zu zerschneiden. Ich schnitt Blütenblätter in der Form einer Osterglocke aus und klebte sie an einen Bleistift, und als ich damit fertig war, legte ich die Blume auf meinen Nachttisch. Ich warf einen letzten Blick darauf, bevor ich das Licht ausmachte. Am nächsten Tag steckte ich die selbstgemachte Osterglocke zwischen den Lenker und das Bremskabel desjenigen, der die Zettel geschrieben hatte. Das Fahrrad war weg, als ich am Nachmittag kam, und die Blume auch.

Dann kam Ostern, und ich überzeugte meine Tante in Oslo über eine knisternden Telefonleitung, dass ich ebenso gut in London bleiben könnte, da die Miete schon für das ganze Jahr bezahlt sei. Während der Ferien fuhren Louise und ich jeden Morgen und bei jedem Wetter durch den Regent’s Park zu den Seen in Hampstead Heath, wo man schwimmen konnte. Wir nahmen hart gekochte Eier, Ritz-Cracker, Handtücher und Badeanzüge mit. Louise wollte lieber in dem See schwimmen, der Frauen vorbehalten war, und obwohl er weiter entfernt war und ich es auch in dem gemischten See versucht hätte, war ich einverstanden, denn mir ging es um das Wasser: die Kühle, wenn ich die Leiter hinunterstieg, das grünliche Schimmern meiner Beine im Wasser, die Entenperspektive auf den See beim Schwimmen, das Flirren der Insekten, die sich brechenden und reflektierenden Sonnenstrahlen, die Regentropfen, die wie Punkte auf dem Wasser waren. Ich mochte es, wenn das Wasser gegen die Bretter des hölzernen Stegs schwappte, ich mochte das ferne Lachen und Rufen der anderen Schwimmer, ich mochte es, dass ich in die Tiefe tauchen und meine Augen in einer geheimen Unterwasserwelt von Pflanzen, Schlamm, Blasen und den Gliedern der anderen Schwimmer öffnen konnte. Ich war enttäuscht, dass es im Damensee – anders als in dem für Männer – verboten war, nackt zu schwimmen.

Als das Sommertrimester begann, fing auch das Schreibseminar an, für das ich mich eingetragen hatte, und am ersten Tag kamst du herein, während wir Studenten uns noch lebhaft unterhielten. Du stelltest Deine Tasche ab und lehntest Dich mit überkreuzten Füßen an den Dozententisch vorn im Raum, bis wir, einer nach dem anderen, Dich bemerkten und zu reden aufhörten. Für neununddreißig sahst Du jung aus und attraktiv. An der Tafel hinter Dir hing ein Plakat, auf dem die chemische Zusammensetzung von Meerwasser erklärt wurde.

Das Erste, was Du zu mir sagtest, war: »Wie heißt du?« Ich erinnere mich, dass ich dachte, Deine Stimme sei für Abendsendungen im Radio gemacht. Das Zweite, was Du zu mir sagtest, war: »Ingrid Torgensen, würdest du bitte den Seminarraum abschließen?«

Ich rutschte auf meinem Stuhl hin und her und sah meine Nachbarin an, die verlegen lachte.

»Komm schon. Was wäre das Schlimmste, das passieren kann?«

Ich zögerte noch einen Moment, dann ging ich zur Tür und legte die Hand auf den Riegel. Hinter mir hörte ich Stimmen und Gelächter, während Du den Studenten Anweisungen gabst, die Tische und Stühle zur Seite zu schieben. Ich warf einen Blick über die Schulter und sah Dich Deine Tasche auspacken. Du nahmst ein in Seidenpapier eingewickeltes Objekt heraus und packtest es aus – ein leeres Marmeladenglas. Es war das Jahr 1976, musst Du bedenken, wir waren jung und warteten auf Neuerungen, wir waren leicht zu begeistern. Du stelltest das Glas auf den Teppich und setztest Dich im Schneidersitz daneben, dann nahmst du etwas anderes aus der Tasche, ebenfalls in Seidenpapier eingeschlagen, und wickeltest es aus, als wäre es etwas Wertvolles. Nach und nach setzten sich die Studenten im Kreis auf den Boden. Du neigtest Dich zu dem Marmeladenglas und stelltest meine Osterglocke hinein. Unter meinen Fingern bewegte sich der Riegel.

»Ich erzähle euch ein Geheimnis«, sagtest Du, als ich eine Lücke in dem Kreis suchte und mich ebenfalls hinsetzte. »Und danach seid ihr dran. Etwas, das ihr bisher niemandem erzählt habt. Etwas, das ihr immer verborgen habt.« Und Du hattest den Blick auf die Osterglocke gerichtet, Deine Worte wurden langsamer und leiser, und wir lehnten uns vor, um sie zu verstehen. »Geheime Wahrheiten«, sagtest Du, »sind das Lebensblut des Schriftstellers. Eure Erinnerungen und eure eigenen Geheimnisse. Vergesst Handlung, Charaktere, Struktur; wenn ihr euch Schriftsteller nennen wollt, müsst ihr die Hand bis zum Handgelenk in das Trübe stecken, bis zum Ellbogen, zur Schulter, und die dunkelsten, intimsten Wahrheiten hervorzerren.« Du kamst näher und hocktest Dich vor uns hin.

»Ich habe diese Osterglocke nicht selbst gemacht«, sagtest Du mit einem Nicken zu dem Glas. Ein paar Blütenblätter waren abgegangen, andere waren zerknickt. Ich spürte, wie das Blut in meinem Körper rauschte, spürte die Hitze in meinem Hals, meinen Wangen.

»Ich habe sie gestohlen«, fuhrst Du fort. »Als ich kaum älter war als ihr jetzt, wurde meine Mutter schwer krank. Sie wurde ins Krankenhaus gebracht, und mein Vater rief mich an und sagte, ich solle sofort kommen, sie würde den nächsten Tag nicht erleben. Ich lebte weit weg von dem Krankenhaus, und ich ließ das, was ich gerade tat – schreiben oder lesen vielleicht –, liegen und sprang ins Auto. Ich hatte eine lange Strecke vor mir, eine Fahrt von mehreren Stunden, ich fuhr schnell, hielt nicht an und dachte an meine Mutter, mit der ich ein enges Verhältnis hatte, in ihrem Krankenhausbett. Am frühen Abend kam ich an, ich parkte das Auto irgendwo und rannte hinein.

Meine Mutter war eine altmodische Frau. Sie bestand auf Verhaltensregeln und wollte, dass sie eingehalten wurden, eine Etikette, die jetzt fast in Vergessenheit geraten ist, und als ich ins Krankenhaus eilte, wusste ich, meine Mutter würde wollen, selbst wenn sie im Sterben lag, dass alles seine Ordnung hatte. Ich konnte nicht mit leeren Händen kommen, ohne Blumen, aber das kleine Geschäft im Krankenhaus war schon geschlossen.

Ich ging also in die erste Station, an der ich vorbeikam, es war die Kinderstation. Niemand fragte, wer ich sei und was ich wollte. Ich hoffte, einen Blumenstrauß oder eine Schachtel Pralinen zu finden, die ich mitnehmen könnte, ich sagte mir, ich würde sie ersetzen, sobald das Geschäft wieder aufmachte. Aber natürlich bringt man einem kranken Kind keine Blumen oder Pralinen. Und gerade als ich dachte, ich müsste mit leeren Händen zu meiner Mutter gehen, sah ich eine selbst gebastelte Osterglocke, die in einer Vase auf einem Nachttisch stand.« Du nicktest zu der Blume hin. »Das Kind in dem Bett schlief, es waren keine Besucher da, ich nahm also die Blume und fragte mich zu der Station durch, auf der meine Mutter lag. Wir verabschiedeten uns voneinander, und sie starb wenige Minuten, nachdem ich ihr die Blume gebracht hatte.«

Wir schwiegen und sahen Dich an, sahen die Osterglocke an. Eines der Mädchen mir gegenüber wischte sich die Tränen weg. Und was dachte ich? Deine Geschichte klang so wahr, sie schien so sehr von Herzen zu kommen, dass ich sie beinahe selbst geglaubt hätte und schon überlegte, ob es überhaupt meine Blume war. Ich brauchte lange, bis ich die Wahrheit von der Erfindung trennen konnte.

Ich kann mich nicht erinnern, welche Geheimnisse die anderen Studenten in der Stunde enthüllten – kein einziges hat sich mir eingeprägt. Ich erinnere mich nur an das verstörte Schweigen, als wir unsere Taschen und Mäntel nahmen und gingen. Ich habe Dir keine Geheimnisse geschenkt; ich habe meinen Arm nicht ins Trübe gesteckt, weder in dieser ersten Stunde noch in einer anderen. Erst viel später habe ich eine Geschichte für Dich erfunden. An dem Nachmittag damals sagte Louise, nachdem ich ihr von der Stunde erzählt hatte: »Der Typ ist ein Idiot. Halt dich bloß von ihm fern.«

Gil, wir vermissen Dich, bitte komm nach Hause.

Deine Ingrid

PS: Was ist eigentlich mit dem Fahrrad passiert?

 

3

Richards Morris Minor war das einzige Auto auf der letzten Fähre. Bevor Flora losgefahren war, hatte Richard ihr komplizierte Anweisungen gegeben, wie viel Choke man geben musste, damit »das alte Mädel« in Fahrt kam, und dass die Kupplung »etwas schwerfällig« sei und Flora nicht in den ersten Gang wechseln solle, solange der Wagen rollte, weil sonst ein Zahn aus dem Getriebe brechen könnte. Flora stellte sich vor, wie einer ihrer Eckzähne in der Mitte durchbrach. Aber das Auto war hübsch, wenn auch unpraktisch, und roch nach himbeerrotem, warmem Plastik.

Der Kapitän in seiner gelben Leuchtweste winkte sie an Bord und sagte, der Fährdienst werde wegen schlechten Wetters eingestellt.

»Sturm, meine Gute«, das waren seine Worte.

»Aber meine Schwester kommt auch noch«, rief Flora durch den schmalen Spalt des heruntergekurbelten Fensters, obwohl sie nicht mehr wusste, wann Nan kommen wollte. Sie überlegte, ob sie doch besser zum Krankenhaus hätte fahren sollen.

»Heute Abend nicht mehr. Oder sie muss außenrum fahren. Haben Sie die Handbremse angezogen?«

Flora stieg aus, obwohl die Fähre nur zehn Minuten für die Überfahrt brauchte bis zu dem zeigefingerartig gekrümmten Landvorsprung, wo sie aufgewachsen war. Sie stand vorn an der Absperrung, der Regen prasselte schräg auf sie nieder, und der Motor rumpelte und vibrierte und zog die Fähre an den Ketten voran. Floras Magen rollte auf und ab, im selben Rhythmus wie das Boot. Diesmal waren keine Lichter am gegenüberliegenden Ufer zu sehen, und fast war es, als würden sie aufs offene Meer hinaussegeln. Noch nie war sie der letzte Passagier gewesen – der einzige Passagier –, und sie fragte sich, ob ihre Mutter vor Kurzem ebenfalls auf dieser Fähre gefahren war und ob sie einander erkennen würden, wenn sie sich gegenüberstünden. Das Boot schaukelte und pflügte durchs Wasser, und bei jedem Rasseln stellte Flora sich vor, dass die Ketten rissen und die kleine Autofähre von den wilden Fluten fortgetrieben wurde. Die Wellen würden über die Rampe rollen und das Autodeck überspülen, Wasser würde durch den Fensterspalt in den Morris Minor hineinfließen. Sie würde die paar Stufen zu der Plattform der Fähre hinaufsteigen und sich über das Geländer beugen, und das Boot würde krängen, die Lichter würden nacheinander ausgehen, bis das letzte, das Licht neben der Navigationsstation, noch einmal blinkte und dann von der See verschluckt würde. Die Fähre würde sich senkrecht, mit der Bugspitze voran, ins Wasser stellen, und sie und Richards kleines Auto und all die Männer in ihren gelben Jacken würden auf den Meeresboden sinken.

 

Flora musste mehrmals probieren, bevor das Auto ansprang, während der Mann ungeduldig an der Rampe wartete. Er machte ein paar Schritte auf sie zu, und Flora fluchte, zog den Choke, und der Motor sprang mit einem Rucken an und lief. Das Zahlhäuschen auf der Straße war unbeleuchtet, die Schranke geöffnet – eine Gratisfahrt. Die Scheinwerfer waren weniger hell als am Anfang der Fahrt, der Regen trommelte auf das Blechdach. Die Scheibenwischer kamen kaum gegen den Regen an, Flora beugte sich über das Steuerrad und sah im schwachen Strahl der Scheinwerfer, wie die Straße in Schwarz und Weiß unter ihr verschwand. Obwohl sie die Heizung voll aufgedreht hatte, musste sie alle paar Minuten die Windschutzscheibe mit dem Ärmel abwischen.

Die Straße von der Fähre ins Dorf führte durch ein Naturschutzgebiet: Salziges Marschland, mit morastigen Kuhlen darin und von Pfaden durchzogen, stieg vom Meer zu den Sanddünen an, während sich weiter im Landesinnern Felsformationen auftürmten. Die sandigen Pfade schnitten durch Wiesen mit Strandhafer und Heidekraut, führten an dem Little Sea Pond vorbei, einem brackigen, tief liegenden Teich zwischen Straße und Meer, und schlängelten sich durch Gruppen von windgekrümmten Bäumen, die Schutz suchend eng beieinander kauerten.

Auch in der Dunkelheit kannte Flora jede Kurve und jede Biegung auf der Ferry Road, obwohl sie selbst die Strecke noch nie gefahren war, sondern immer Mitfahrerin gewesen war, entweder auf dem Beifahrersitz neben ihrer Schwester oder auf der Rückbank, als sie Kinder waren, im Auto ihres Vaters. Sie war fast zehn gewesen, als ihre Mutter verschwand, und sie konnte sich nicht erinnern, mit ihrer Mutter im Auto gefahren zu sein, obwohl es das auch gegeben haben musste. Sie schaltete das Radio an und schob den Sendersucher hin und her, bekam aber nur ein statisches Rauschen und ganz selten eine ferne Stimme zu hören.

Den ersten Aufprall auf dem Autodach hörte sie, als sie vermutlich gerade auf der Höhe des Agglestone war, eines riesigen Felsbrockens, der zur Form eines Boxerkopfs erodiert war, die gebrochene Nase vom Wind flach poliert. Er stand auf einer Anhöhe rechts von ihr, war aber durch die beschlagenen Fenster nicht zu sehen. Sie war sich nicht einmal sicher, ob sie wirklich etwas gehört hatte, bei dem Motorengeräusch und dem Regen. Dann schlug etwas auf der Windschutzscheibe auf und wurde von den Scheibenwischern weggewischt. Flora presste sich an die Lehne, umklammerte das dünne Lenkrad und stieg mit dem Fuß auf die Bremse. Auf der regennassen Fahrbahn rutschte der Wagen auf die andere Straßenseite, und sie wusste nicht mehr, ob man, wenn man ins Rutschen geriet, gegensteuern sollte oder nicht. Wieder fiel etwas vom Himmel, diesmal auf die Motorhaube, und machte von dort einen Satz auf die Straße, und wieder und wieder. Das Auto blieb mit einem Rad auf dem Grünstreifen stehen, mit dem anderen auf der Fahrbahn. Ginster und Weißdornbüsche drückten sich ans Seitenfenster, als wollten sie zu ihr hereinsehen.

Flora rieb die Windschutzscheibe mit der Faust trocken und starrte hinaus. In den kurzen Lichtstreifen der Scheinwerfer sah sie Dinge, die herabfielen, auf der Straße hüpften und dann liegen blieben. Als das seltsame Schlagen aufhörte und Flora überzeugt war, dass das Geräusch auf dem Autodach nur noch vom Regen kam, schob sie sich über die Handbremse auf den Beifahrersitz und öffnete die Tür. Der Wind in den Kiefern war ein lautes Rauschen, und der Regen prasselte auf die Straße. Noch bevor sie ausstieg, sah sie auf der regenschwarzen Straße einen Fisch auf der Seite liegen, das Maul geöffnet. Er war so groß wie ihre Handfläche, seine Haut schimmerte silbrig-blau. Sie streckte den linken Fuß aus, drehte den Fisch auf den Rücken und sah, dass die Unterseite zerrissen war, aufgeplatzt durch den Aufprall. Mit der Hand über den Augen blickte Flora in Richtung des Scheinwerferstrahls: Hunderte von toten Fischen lagen auf der Straße, ein paar zappelten hilflos. Vielleicht waren es junge Makrelen. Der Wind riss an der offenen Tür, Flora zog sie zu, kletterte wieder auf den Fahrersitz und starrte nach draußen. Sie wusste nicht, ob sie den Mut hatte weiterzufahren. Mit geschlossenen Augen drehte sie den Anlasser. Der Motor klopfte und keuchte zweimal; als sie es wieder versuchte, war ein Husten zu hören, wie das eines alten Mannes, schmerzhaft und verschleimt. Sie zog den Choke, obwohl Richard gesagt hatte, das sei nicht nötig, wenn der Motor erst warm war, aber diesmal sprang das Auto nicht an, und beim vierten Versuch gingen die Scheinwerfer aus, und sie saß im Dunkeln.

Sie guckte aus dem Rückfenster. Vielleicht hatte der Mann die falsche Auskunft gegeben. Vielleicht fuhr die Fähre noch ein letztes Mal, bevor der Verkehr eingestellt wurde, aber hinter ihr war stockfinstere Nacht. Sie wartete fünf Minuten und versuchte dann wieder den Anlasser, aber jetzt klang das Klopfen tödlich. Sie nahm ihren Koffer und die Umhängetasche vom Rücksitz, kletterte wieder auf den Beifahrersitz und stieg aus.

 

4

Swimming Pavilion, 4. Juni 1992, 3.55 Uhr

Lieber Gil,

natürlich kann ich die Geschichte unserer Ehe nicht in einem einzigen Brief aufschreiben. Es war von Anfang an klar, dass es länger dauern würde.

Als ich meinen ersten Brief fertig hatte, wollte ich ihn sofort abschicken. In einer Schublade in der Küche fand ich den Umschlag von einer alten Stromrechnung und beschloss, zum Briefkasten zu gehen, bevor die Sonne aufging und ich es mir anders überlegen konnte. Ich saß im Dunkeln auf der Armlehne des Sofas, den Stift in der Hand, als ich ein Geräusch aus dem Zimmer der Mädchen hörte (das Quietschen der Bettfedern, das Knarren der Tür), und ohne einen weiteren Gedanken nahm ich ein Buch aus dem nächsten Regalfach, steckte den Brief hinein und stellte das Buch wieder an seinen Platz.

Flora stand in der Tür, und im Licht des Sonnenaufgangs, das durch das Schlafzimmerfenster fiel, zeichnete sich ihr magerer neun Jahre alter Körper unter dem Nachthemd ab.

»Ist es Morgen?«, fragte sie.

»Nein, Flora«, sagte ich. »Geh wieder ins Bett.«

»Ist Daddy wieder da?«

»Nein«, sagte ich. »Noch nicht.«

Meinen ersten Brief an Dich hatte ich in Die Schwimmbad-Bibliothek von Alan Hollinghurst gelegt. Aus allen möglichen Gründen passend. Ich habe mir überlegt, alle meine Briefe in Deine Bücher zu stecken. Vielleicht findest Du sie nie, vielleicht werden sie nie gelesen. Damit kann ich leben.

 

Da waren wir also. 1976. Wir, die erwählten vier, saßen in Deinem winzigen Büro ganz oben in der Ecke eines Blocks aus den Sechzigerjahren, ein Gebäude mit weiß getünchten Korridoren, Seminarräumen, dünner Auslegeware auf den Betonböden, mit Neonleuchten und Fenstern mit Metallrahmen, die die Kälte hereinließen. Abgesehen von dem schmalen, mit Papieren beladenen Schreibtisch hattest Du Dein Büro in eine beengte Version eines Gentleman’s Club verwandelt: Läufer, Stehlampen, Regale voller Bücher, ein altes Chesterfield-Sofa und zwei niedrige Sessel, die eng um einen gepolsterten Schemel standen. Den Geruch in dem Büro – nach Kaffee, warmen Polstern, Tabak – atmete ich zu gern, dies war ein Ort für Erwachsene. Du trugst eine schwarze, gerippte Strickjacke mit Reißverschluss, der bis zum Kinn hochgezogen war, und saßest auf Deinem Stuhl.

»Die letzten sechs Zeilen des letzten Kapitels«, sagtest Du, und wir kramten unsere Bücher hervor, schlugen die Seite auf und starrten die Sätze an. Du zitiertest aus dem Gedächtnis. »Welche Wirkung haben sie?«

Mehrere Augenblicke vergingen, dann begann der verlässliche Brian zu sprechen.

»Jackson berichtet uns, dass Merricat wieder zu Kräften gekommen ist. Sie hat keine Angst mehr vor den Dorfkindern – vielleicht wird sie sogar eins verspeisen. Constance hingegen ist noch abhängiger von ihrer Schwester geworden, vielleicht wird sie das Haus nie mehr verlassen.«

»Aber was denkst du?«, fragtest Du, nahmst einen Schluck von Deinem Kaffee und hieltest Dir die Tasse ans Kinn. Brian schien verwirrt, er sah mich an, aber ich zuckte mit den Schultern. Wir waren mindestens eine Minute lang still.

»Also«, sagte Brian. »Das ist das, was ich denke.«

Du seufztest. »Und du, Elizabeth?« Du lehntest Dich in dem samtbezogenen Sessel zurück; die gepolsterten Armlehnen waren abgenutzt, und aus den Nähten quoll die weiße Füllung hervor, wie bei einem Mann im Smoking, der sich die Manschetten als Witz über die Hände gezogen hat.

»Ich …«, fing sie an, offensichtlich unsicher und bemüht, die Antwort zu finden, die Du haben wolltest. »Ich denke, Jackson sagt uns mit den Spinnen, dass Constance Merricat nicht verraten wollte …« Elizabeth hörte auf zu sprechen und wartete auf ein Zeichen, dass sie auf dem richtigen Weg war. »Denn, also, bei der Teegesellschaft, da sagt doch der Onkel, wie heißt er noch?, Constanze hätte die Zuckerdose ausgeleert, weil, also, da war ja das Arsen drin, aber der Onkel, sein Name fällt mir nicht ein, der meinte, in der Dose wäre eine Spinne gewesen.«

Du hattest die Beine ausgestreckt und gewartet, bis sie zu Ende gesprochen hatte und schwieg. Selbst ich war ihretwegen verlegen.

»Und?«, sagtest Du und dehntest das Wort in die Länge. Wir alle schwiegen. »Wie interpretiert ihr das?« Du stelltest Deine Tasse auf einen Stapel Papier auf Deinem Schreibtisch. Das oberste Blatt lag mit der Schrift nach unten, und ich konnte es nicht lesen. »Nun mal los, Leute.« Voller Verzweiflung fuhrst Du Dir mit den Händen durchs Haar, das noch braun war, aber schütter wurde, und eine Locke fiel Dir in die Stirn.

»Guy«, sagtest Du. »Sei Deinen Freunden behilflich.« Ich hatte nie richtig verstanden, warum Du Guy in unsere Vierergruppe aufgenommen hattest. Ich fand, er war der Schwächste von uns, und liebte es, lange Wörter um ihrer selbst willen aneinanderzureihen. In dem Jahr zuvor hatte ich gelegentlich mit ihm geschlafen. Allerdings eher selten, denn obwohl es mit ihm Spaß machte, war er von meinem Körper verstört. Einmal sagte er, es wäre, als würde er es mit einem seltsamen Tiefseewesen »machen«, außerdem redete er zu viel, und ich hatte keine Lust mehr, ihm zuzuhören.

Während Guy in einer bombastischen Rede erklärte, was er von Jacksons Absichten hielt, stellte ich ihn leiser und überlegte, was ich sagen sollte, wenn die Reihe an mir war. Etwas, das Dich in Deinem dick gepolsterten Sessel aufrütteln würde und dem Du zustimmen müsstest, etwas, das Dir selbst nicht eingefallen war. Ich hatte keine Idee. Auch keinen theoretischen Ansatz, über den wir hätten diskutieren können. Als Guy fertig war und mir das Herz bis zum Halse klopfte, weil mein Kopf ganz leer war, hast Du die Arme in die Luft gestreckt und gegähnt. Es war ein so lautes und langes Gähnen, dass wir die Blicke abwandten. Nachdem Du den Mund endlich wieder zugemacht hattest, beugtest Du Dich vor und riebst Dir die Augen mit den Handballen. Als Du die Hände wegnahmst, hatte das Weiß Deiner Augen einen rosa Schimmer. Ich weiß nicht, wie viel Du am Abend zuvor getrunken hattest, aber ein Alkoholdunst ging von Dir aus.

Ich wartete nervös darauf, dass Du mich nach meiner Meinung fragen würdest. Aber Du drehtest Dich nicht einmal zu mir um.

»Gut«, sagtest Du. »Einige von euch, besonders die gequälten Seelen, die sich für Dichter halten« – und hier starrtest Du Guy an, der zurückstarrte –, »malen sich vielleicht aus, dass sie ihr Leben lang in ihrer Dachkammer schreiben und von der literarischen Welt erst dann gewürdigt werden, wenn man sie ins Grab legt. Aber das ist kompletter Unsinn. Alles Geschriebene existiert nur, wenn es auch jemand liest, und jeder Leser nimmt etwas anderes aus einem Roman mit, einem Kapitel, einer Zeile. Hat niemand von euch Barthes oder Rosenblatt gelesen?« (Wir notierten uns die Namen.) »Ein Buch wird erst lebendig, wenn es mit dem Leser kommuniziert. Was passiert denn eurer Meinung nach in den Lücken, mit den unausgesprochenen Dingen, mit dem, was ihr ausgelassen habt? Der Leser füllt all das mit seiner eigenen Fantasie. Aber füllt jeder Leser es mit dem, was der Autor will? Mit denselben Fantasien? Natürlich nicht. Ich hatte euch gefragt, welche Wirkung diese Zeilen haben, und ihr habt beschrieben, was Jackson eurer Meinung nach beabsichtigt hat oder was die Zeilen eurer Meinung nach bedeuten. Auch das haben einige von euch offensichtlich falsch verstanden.« Wieder warfst Du einen Blick auf Guy. »Niemand hat mir gesagt, welche Wirkung der Text auf euch hat. Was sich bei euch, den Lesern, hier drinnen bewegt hat.« Du schlugst Dir auf die Brust. »Das Wesentliche von dem, was Literatur, was Lesen ist, begreift ihr nicht. Wer interessiert sich schon für Jackson oder ihre Intentionen? Sie ist tot, buchstäblich und metaphorisch. Dieses Buch« – Du nahmst Elizabeth das Buch vom Schoß und fuhrst damit durch die Luft –, »alle Bücher werden durch den Leser geschaffen. Und wenn euch das noch nicht aufgegangen ist und wenn ihr nicht versteht, welche Bedeutung das für eure eigene Arbeit hat, dann wisst ihr nicht das Geringste über das Schreiben und werdet auch nie etwas darüber lernen, also könnt ihr auch gleich damit aufhören.«

Es war, als wäre ich zurück in der Wohnung meines Vaters und hätte mich bei einer seiner Tiraden gegen seine ehemalige Frau, meine Mutter, geduckt. Schuldig, weil ich aus derselben Familie kam. Wieder hast Du Dich mit geschlossenen Augen zurückgelehnt, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, die Beine ausgestreckt und den Rücken lang gemacht, als lägest Du an einem Sonntagnachmittag im Liegestuhl. Ich sah gebannt zu, wie die Strickjacke über den Hosenbund Deiner Jeans rutschte und einen Streifen Deines Bauches entblößte. Du hattest unter der Strickjacke nichts an, und als ich auf Deine Füße guckte, sah ich, dass Du auch keine Socken anhattest. Wahrscheinlich hattest Du auf dem Sofa geschlafen, vielleicht warst Du noch nicht wach gewesen, als Brian, der immer als Erster kam, um zwei Uhr an Deine Tür klopfte.

»So«, sagtest Du, die Augen noch geschlossen. »Schluss damit. Ihr könnt gehen, los.«

Brian, der neben Elizabeth auf dem Sofa saß, machte ein Geräusch, ein kleines Räuspern, aber wir anderen saßen einfach da.

»Macht schon, verdrückt euch«, sagtest Du. Wir warteten noch eine Weile, aber du regtest Dich nicht, und ich dachte, vielleicht wärst Du eingeschlafen. Wir sammelten unsere Notizen zusammen, unsere Bücher, in denen wir die Seiten mit Papierstreifen markiert hatten, unsere Taschen und Kugelschreiber und Bleistifte, und die ganze Zeit über behielten wir Dich im Blick, falls Du plötzlich aufspringen und brüllen würdest: »Wo wollt ihr hin? Wir haben zu tun!« Aber Du bliebst im Sessel liegen, während ich und die anderen uns zur Tür bewegten, wobei wir uns aneinander vorbeizwängen mussten wie in einem Schiebepuzzle – einer blieb sitzen, damit ein anderer aufstehen konnte, Elizabeth presste sich an den Schreibtisch, um Guy vorbeizulassen. Ich erreichte als Letzte die Tür, vor mir verschwand Elizabeth im Flur.

»Ingrid!«, riefst Du, und ich machte einen Satz und drehte mich um. Du hattest Dich aufgerichtet. »Guck dir das mal an.« In einer fließenden Bewegung nahmst Du ein Buch von einem niedrigen Regalbrett und warfst es mir zu. Es drehte sich im Flug, ich ließ die Tasche fallen, um es aufzufangen, und bekam es zwischen meinen Handflächen zu fassen, bevor es meine Nase streifte. »Erzähl mir, wie du es fandst«, sagtest Du und strecktest Dich wieder wie zuvor aus – Arme hinter dem Kopf, Beine der Länge nach vor dir, Augen geschlossen. Ich war entlassen.

Komm zu uns zurück, Gil.

Immer Dein,

Ingrid

Brief in Wir haben schon immer im Schloss gelebt
 von Shirley Jackson, 1962

Claire Fuller, geboren 1967, lebt mit ihrem Mann in Winchester, England. Für ihren von der Kritik hochgelobten Debütroman »Our Endless Numbered Days« wurde sie mit dem Desmond Elliot Award ausgezeichnet. »Eine englische Ehe» ist ihr zweiter Roman und wird derzeit in zehn Sprachen übersetzt.

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