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Vier Räder, Küche, BadVier Räder, Küche, Bad

Vier Räder, Küche, Bad

Von der Freiheit, im Auto zu leben

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Vier Räder, Küche, Bad — Inhalt

„Manchmal muss man sich einfach selbst überrumpeln, sonst hat man den Finger immer in der gleichen Soße.“

Eines Tages hat Fredy Gareis genug vom Hamsterrad: Gemeinsam mit seiner Freundin Patrizia beschließt er, alles zu verkaufen und in ein 21 Jahre altes Auto zu ziehen. Den restlichen Besitz packen sie in zwölf Bananenkisten, darauf eine Matratze, und fertig ist die neue Bleibe.
Fredy und Patrizia leben und arbeiten fortan unterwegs. Während sie dabei mit gesellschaftlichen Konventionen und auch mit sich selbst zu kämpfen haben, entdecken sie ein ihnen bislang unbekanntes Deutschland – und gehen der Frage nach, wie viel man wirklich braucht, um glücklich zu sein.

€ 16,00 [D], € 16,50 [A]
Erschienen am 03.08.2020
256 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-89029-541-1
€ 14,99 [D], € 14,99 [A]
Erschienen am 03.08.2020
256 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99760-7

Leseprobe zu „Vier Räder, Küche, Bad“

Teil I
Zwölf Bananenkisten

1
Ich kannte Patrizia noch nicht besonders lange, da liefen wir schon am helllichten Tag im Bademantel durch die Münchner Innenstadt.
Es war Sommer, und wir hatten beschlossen, dass heute „Big-Lebowski-Tag“ war. Das spielte auf eine Filmfigur der Coen-Brüder an, dargestellt von Jeff Bridges. Lebowski hängt meist im Bademantel rum, trinkt Cocktails namens White Russian und lässt alle fünfe gerade sein. Vielleicht etwas verwahrlost, aber mit einer beneidenswerten Einstellung zum Leben.
Patrizia lebte zu der Zeit in einem Hochhaus im [...]

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Teil I
Zwölf Bananenkisten

1
Ich kannte Patrizia noch nicht besonders lange, da liefen wir schon am helllichten Tag im Bademantel durch die Münchner Innenstadt.
Es war Sommer, und wir hatten beschlossen, dass heute „Big-Lebowski-Tag“ war. Das spielte auf eine Filmfigur der Coen-Brüder an, dargestellt von Jeff Bridges. Lebowski hängt meist im Bademantel rum, trinkt Cocktails namens White Russian und lässt alle fünfe gerade sein. Vielleicht etwas verwahrlost, aber mit einer beneidenswerten Einstellung zum Leben.
Patrizia lebte zu der Zeit in einem Hochhaus im Westend. Es war eine sehr kleine Wohnung mit einem sehr großen Balkon. An guten Tagen hatte man einen phänomenalen Blick bis in die Alpen.
In der Miniaturküche mischte ich drei Teile Wodka, drei Teile Kahlúa, Milch und Eis. Ich rührte um, wir stießen mit den White Russians an und starteten den Film.
Danach zogen wir die Bademäntel an. Ich hatte sie extra für diesen Tag in Berlin in einem Secondhandladen gekauft, sie gewaschen und dann mit dem Zug hier runtergeschafft.
Meiner war bordeauxrot, der von Patrizia samtblau.
Mit der U-Bahn fuhren wir bis zum Stachus, stiegen aus und liefen durch die Kaufinger Straße, die Haupteinkaufsstraße, die am Samstag gegen fünfzehn Uhr aus allen Nähten platzte.
Patrizia sah unheimlich gut aus in ihrem Bademantel, und ich suhlte mich in dem Tumult, den unser aufsehenerregender Gang auslöste. In meiner Erinnerung blieben alle stehen und glotzten uns an. Wir durchschritten die bayerische Landeshauptstadt wie auf einem Laufsteg, Kinn nach oben, keinen Zweifel entstehen lassend über die Rechtfertigung unseres Auftritts.
Ich fühlte mich wie ein Stadtneurotiker. Ich fühlte mich hervorragend.
Auf dem Marienplatz sprachen uns ein paar Leute an, aber ich kann mich nicht mehr daran erinnern, was sie sagten.
Kurz darauf bogen wir nach links und kamen zum Hofbräuhaus. Davor stand ein Sicherheitsmann, ich glaube, er stammte aus Pakistan. Er konnte nur gebrochen Deutsch, wollte uns in dem Aufzug nicht reinlassen. Ich erzählte ihm, dass heute „Big-Lebowski-Tag“ sei, da sei es ganz normal, in Bademänteln rumzulaufen. Er wollte uns trotzdem nicht reinlassen.
Ich ließ nicht locker.
Er sagte, er müsse seinen Kollegen holen. Auch der war nicht so ganz mit diesen merkwürdigen deutschen Feiertagen vertraut. Schließlich zuckten beide mit den Schultern und ließen uns rein.
Patrizia und ich setzten uns an einen Tisch. Es war verdammt heiß in den Bademänteln. Eine Blaskapelle spielte. Wir bestellten jeder eine Maß, und als wir anstießen, war es ein Wunder, dass die Humpen nicht in tausend Teile zersplitterten.
Ich glaube, viele Beziehungen beginnen mit solch verrückten Episoden. Meist wird man dann vernünftiger, ruhiger, gesetzter.

2
„Du bist ja immer noch nicht fertig! In zwei Wochen ziehen wir ins Auto, und hier herrscht das reinste Tohuwabohu“, monierte Patrizia und zeigte auf die ganzen hüfthohen Stapel in meinem Arbeitszimmer in unserer siebzig Quadratmeter großen Altbauwohnung in Hamburg.
Mein Blick folgte ihrem Finger, und ich musste zugeben, dass sie recht hatte. Keinen Schritt konnte man hier vor den anderen tun, ohne zu stolpern. Aber ich wollte verdammt sein, das zuzugeben.
Ich schaute noch mal gründlich durch die Gegend, dann schaute ich meine Freundin an, während ich fieberhaft nach einer guten Antwort suchte. Da stand sie, mit ihren langen Beinen, den langen roten Haaren, deren Färbung sich bereits auswusch. Ich war mir nicht sicher, ob mich ihre grünen Augen böse anfunkelten oder nicht.
„Hm“, spielte ich auf Zeit und spürte dann, wie mir endlich eine Antwort einfiel, ausgerechnet aus einem Buch namens „Der erste Kreis der Hölle“, was bei genauerer Betrachtung der Umstände recht passend war. „Chaos ist einfach eine noch nicht verstandene Ordnung.“
Patrizia lachte laut auf. „Du denkst, du bist so clever.“
Tja. Ich lehnte mich zurück und schwieg wieder. Musste aber einräumen, dass sie ihren Bereich bereits so effizient ausgemistet hatte, als arbeitete sie bei einem Entsorgungsunternehmen.
Wo wir schon dabei sind, fügen wir doch noch ein paar Details hinzu. Meine Freundin war zu diesem Zeitpunkt 32 Jahre alt, sie stammt aus Bayern, hat Iranistik studiert, begibt sich mutig in brenzlige Situationen, hat eine Schwäche für Erdnüsse. Unordnung mag sie gar nicht. Und noch weniger mag sie Autofahren. Natürlich soll ich das nicht schreiben. Aber dies ist ein ehrliches Buch. Also.
„Hör mal“, sagte ich schließlich in einem letzten Versuch der Rechtfertigung, wenn der Nobelpreisträger Solschenizyn mich schon nicht retten konnte, „ich bin elf Jahre älter als du. Es ist doch ganz klar, dass ich mehr Zeug habe.“
„Geh. Weißt du, was du bist? Ein Messie, weiter nichts!“

Wir standen also kurz davor, fortan in einem Auto zu wohnen. Vier Wände gegen vier Räder zu tauschen. Und dazu mussten wir unseren Besitz so minimieren, dass er auf vier statt auf siebzig Quadratmeter passte.
Alles begann mit einer Reise in die USA.
Im Jahr zuvor hatte ich mich in die Welt der amerikanischen Hobos aufgemacht, um ein Buch über sie zu schreiben. Hobos streifen auf Güterzügen durch das Land, pfeifen auf die Sicherheit einer bürgerlichen Existenz und haben nur das, was sie auf dem Rücken tragen. Ein anachronistisches Thema in unserer – und vor allem der amerikanischen – Konsum- und Erfolgswelt. Sicherheit im Tausch für Freiheit und Selbstbestimmung.
Einer der Hobos hieß Shoestring. Er war ein Vagabund, der draußen promoviert hatte. Ein meist schweigsamer, höflicher Einzelgänger. Aber in den Nächten, wenn wir irgendwo im Gebüsch oder unter einer Brücke auf einen Güterzug warteten, fing er an zu philosophieren: über die Natur der modernen Gesellschaft, über die ganze Verschwendung, die er auf seinen Reisen durch das Land gesehen hatte. Im Schneidersitz saß er da, neben sich seine ganze Habe in einem Armeerucksack, und fragte mehr den Mond als mich: „How much do you really need? After 25 years riding the rails, let me tell you: very little.“
Seit ich sechzehn war, bin ich auf Reisen. Zuerst, um dem Mief einer kleinen Arbeiterstadt zu entkommen. Dann, um neue Perspektiven zu gewinnen, und schließlich, um Bücher zu schreiben. Egal aus welchem Grund: Gleich blieb immer, dass ich mich unterwegs am stabilsten fühlte.
So radikal wie die Hobos war ich dennoch nie. Ich wohnte mit meiner Freundin in einer Wohnung in Hamburg, ein Ort, der ständig Miete kostete und noch dazu eingerichtet, erhalten und gepflegt sein wollte.
Beseelt vom Evangelium der Bewegung kam ich aus den amerikanischen Weiten zurück und konnte ebenjene Wohnung, so schön sie auch war, nicht mehr ertragen.
Eigentlich ist das ja ein alter Hut: Nach jeder langen Reise ist es schwer, sich wieder im Alltag zurechtzufinden. Man verspricht sich jedes Mal aufs Neue, das Leben etwas anders zu gestalten, diesmal der Langeweile keine Chance mehr zu geben, das Beste aus beiden Welten zu machen. Doch ein paar Monate später hat man es leider wieder vergessen. Man wird aufgefressen von den kleinen Monstern des Alltags. Vom Gestalten gelangt man zum Verwalten, wieder knallen die Silvesterkorken, und ein weiteres Jahr ist auf immer verschwunden.
Doch diesmal war das Gefühl der Entfremdung stärker als je zuvor. Eine fast körperlich spürbare Dissonanz mit der restlichen Welt.
Diese gottverdammten Hobos – was hatten sie nur mit mir angestellt?
Offensichtlich hatten sie mich stark beeindruckt. Mit ihrer Genügsamkeit, ihrer Selbstgewissheit. Mit ihrem Vorwurf, dass wir alle, obwohl wir es schön trocken haben, uns alles Wichtige leisten können, ständig am Jammern und Meckern sind.
Nach den ganzen Entbehrungen unterwegs auf den Gleisen hatte ich damit gerechnet, mich wieder auf Komfort zu freuen: eine Toilette, die man nicht erst suchen muss. Eine Küche. Eine Unterkunft, die warm ist und bei der man vor allem die Tür zuziehen kann. In der man sich wohlig fühlt, sicher ist.
Stattdessen schaute ich in die Küchenschränke und sah überschüssiges Geschirr. Ich schaute in den Kleiderschrank und sah überflüssige Klamotten. Ich schaute in die Regale und sah unnützen Schnickschnack.
Ich schmiss Schranktüren und Schubladen zu und sagte zu Patrizia: „Wie viel brauchen wir wirklich? Die Mieten steigen höher und höher, und wir zahlen ja jetzt schon 10 000 im Jahr. Nur fürs Eingepökeltsein! Dabei ist die Welt da draußen so groß, und wir sind, aller Wahrscheinlichkeit nach, nur einmal hier.“
Patrizia schaute mich verständnisvoll an. Sie nickte.
Dann machten wir weiter wie bisher.

3
Ein paar Monate später, im Mai, waren wir zu einer Hochzeit von Freunden im Allgäu eingeladen. Alle Zimmer im Dorf waren bereits belegt, wir fanden nichts mehr. Was hauptsächlich an uns selbst lag, weil wir die Buchung immer wieder aufgeschoben hatten.
Patrizias Vater war daraufhin so nett, uns seinen Kombi zu leihen. Mit seinem heutigen Wissen hätte er wohl freiwillig Zucker in den Tank geschüttet. So aber wünschte er uns viel Spaß und winkte zum Abschied.
Wir parkten den Wagen direkt neben dem Standesamt. Feierten das Brautpaar, speisten königlich, tanzten und fielen gegen vier Uhr nachts in unser Autobett. Die Rückbank war umgelegt, zwei Isomatten ausgebreitet, darüber eine Decke und zwei Kissen. Es war sehr bequem, und niemand hatte einen kürzeren Weg ins Bett.
Gegen sechs Uhr morgens wachte ich auf. Ein gewaltiger Regenschauer prasselte auf das Dach des Toyotas. Gleichmäßig, kraftvoll. Tausende Tropfen, die aus dem Himmel fielen, vom Metall abglitten und im Boden versickerten.
In den letzten Wochen hatten wir mehrere Pläne für unsere Zukunft diskutiert. Auf Güterzüge springen? Das war wohl kaum drin, wie sollten wir dabei arbeiten? Wir dachten daran, einfach in ein anderes Land zu gehen. Wir zogen den Iran in Betracht, Indien, die USA. Wir füllten ein ganzes Notizbuch mit möglichen Zielen, konnten uns aber für keines so recht entscheiden. Wir überlegten und überlegten, aber die zündende Idee war leider noch nicht dabei.
Ich drehte mich auf die Seite. Patrizia war ebenfalls wach. Wir schauten uns an und hörten dem Regen zu. Redeten kein Wort.

4
Im Juni saßen wir im griechischen Thessaloniki an einem weiß gedeckten Tisch auf einem kleinen Platz neben einem Brunnen und feierten unseren Jahrestag.
Vor uns standen ein paar Vorspeisen, eine kleine Flasche Ouzo, dazu eine Schale Eiswürfel. Zwei Straßenkinder zogen umher und spielten auf einem abgewetzten Akkordeon ein Lied. Nach ein paar Klängen wurde mir klar, dass es sich dabei um „Katjuscha“ handelte, ein melancholisches Lied aus der Zeit der Sowjetunion. Irgendwie passte es gar nicht zu dem Anlass – schließlich war es eine Weise aus dem Krieg, es ging um Abschied –, aber irgendwie auch doch.
Ich war nervös. Rutschte auf meinem Stuhl hin und her. Schenkte Patrizia einen Ouzo ein, schenkte mir selbst einen größeren ein, goss mit Wasser auf, gab Eiswürfel hinzu. Wir stießen auf alle gemeinsamen Jahre davor und natürlich auf unser nächstes an. Aber wie sollte es werden? Ich hatte mir seit der Hochzeit im Allgäu viele Gedanken gemacht und sie in einem Liebesbrief niedergeschrieben, der mir jetzt in meiner Jackentasche die Brust verbrannte. Ich zog die Jacke aus und hängte sie über den Stuhl.
Als wir uns ein bisschen gestärkt hatten, mit gegrilltem Oktopus, Saganaki und griechischem Salat, überreichte ich Patrizia den Brief. Jedes Jahr schreibe ich ihr einen zu diesem Anlass. Doch diesmal ging es zum ersten Mal um unsere Zukunft.
Feierlich, als würde ich um ihre Hand anhalten, fragte ich sie darin: Mein Herz, willst du mit mir in ein Auto ziehen? Die Welt mit anderen Augen sehen, etwas weniger ernst sein und dafür etwas mehr spielen? Natürlich hieße das, Sicherheiten aufzugeben, Routinen – alles, was das Leben leichter, aber auch langweiliger macht.
Und wenn wir unsere Karten richtig spielen, vielleicht gewinnen wir dann ein Stück Freiheit, vielleicht entdecken wir ständig Neues, stolpern an jeder Ecke über wilde Geschichten, und vielleicht werden wir zu anderen Menschen. Wer kann schon sagen, was bei einer so bescheuerten Idee hinten rauskommt?
Zumindest theoretisch können wir doch überall arbeiten. Du als Journalistin, ich schreibe an meinen Büchern.
Zwei gegen die Welt und das ganze Gelöt.
Ich weiß, die Sache ist riskant. Wenn es nicht klappt, dann müssen wir halt mal auf einem Bauernhof schuften, oder in einer Fabrik, oder wir stellen uns an Straßenkreuzungen und putzen die Windschutzscheiben von gestressten Autofahrern.
Wir werden uns schon was einfallen lassen.
Oder stilvoll verarmen.

Ich wusste nicht, wie sie reagieren würde. Während es mir vertraut war, knietief durch den Dispo zu waten, war so ein unstetes Leben für Patrizia mit ihrem geradlinigen Lebenslauf Neuland. Später gestand sie mir, dass in ihrem Kopf die folgenden Gedanken aufgetaucht waren: Wie soll das bloß mit der Arbeit funktionieren? Was mache ich, wenn ich nachts nicht einfach ins Badezimmer tapsen kann? Muss ich die ganze Zeit Auto fahren?
Sie legte den Brief zur Seite und schaute mich mit ihren wildbachgrünen Augen an. Die Eiswürfel in ihrem Glas knackten. Das, dachte ich, das ist der Moment des Widerstands. Den braucht jede Geschichte. Man kann nicht mir nichts, dir nichts Altes zurücklassen und sich zu anderen Ufern begeben. Man muss zweifeln, mit sich hadern, nachts wach liegen, abwägen, Argumente für und wider führen, sich die Haare raufen, zu einer Entscheidung kommen, diese wieder verwerfen. Kurz: Man kann nicht einfach Ja sagen.
Patrizia sagte einfach Ja.
Und jetzt haben wir den Salat.

5
Etwa 10 000 Dinge besitzt der Durchschnittseuropäer, und was hatte ich mich darauf gefreut zu entrümpeln. Fast vierzigmal war ich in meinem Leben umgezogen und hatte dennoch so viel Zeug angehäuft, dass ich inzwischen zu ersticken drohte. Ich sah keinen Besitz, der mein Leben schöner machte, ich sah Fesseln. Bevor es also vom Parkett auf den Asphalt ging, musste der ganze Kram weg. Um hochsteigen zu können, mussten wir Ballast abwerfen.
Zu diesem Zeitpunkt war es noch gar nicht so lange her, dass die Wohnung meiner Großmutter hatte geräumt werden müssen, weil sie in ein Altersheim zog. Großvater war bereits ein paar Jahre tot. Zuvor führten die beiden ein Eremitenleben. Sie fuhren nie in den Urlaub, ja, sie gingen sogar kaum aus dem Haus. Dennoch hatten sie es über die Jahre geschafft, so viele Dinge anzuhäufen, dass man damit einen Trödelladen hätte eröffnen können.
Großvater hatte zum Beispiel im Bastelkeller 36 Besenstiele gebunkert, fünf Kilo Vorhängeschlösser, 25 Schraubenzieher etc. etc.
Großmutter war in der Zwischenzeit auch nicht untätig gewesen. Jede noch so kleine Ritze der sowieso schon kleinen Zweizimmerwohnung war vollgestopft. Teilweise steckte der Kram noch in seiner Verpackung und hatte Preise aus D-Mark-Zeiten dran: Klamotten aus den Sechzigern und Siebzigern, Bettwäsche, Teeservice und massenhaft Konserven für den Fall, dass die Zeiten wieder schlechter werden würden.
Es dauerte Wochen, die Wohnung zu räumen. Verantwortlich dafür war mein Stiefvater, und ich kann mich noch gut daran erinnern, wie er zwischen all dem Zeug saß und nicht mehr weiterwusste, während ich mit nicht angebrachter Belustigung auf dieses Spektakel schaute.
Und jetzt ging’s mir in Hamburg ganz genauso. Das nennt man Karma.
Das Bunkern und Horten meiner Großeltern war halbwegs verständlich. Die beiden gehörten zur Kriegsgeneration. Sie waren Vertriebene, hatten immer Angst, nicht genügend zu haben. Diese Sichtweise war uns natürlich völlig fremd.
Der amerikanische Komiker George Carlin sagte mal sehr passend, ein Haus sei ein Ort, wo man sein ganzes Zeug aufbewahre, während man rausgehe, um noch mehr Zeug ranzuschaffen.
Da hält man sich für einen Minimalisten und dann so was. Es scheint ein Naturgesetz zu sein, dass sich der Mensch immer der Größe seiner Umgebung anpasst. Vielleicht ist es aber auch nur einfach so, dass meine Freundin recht hatte und ich tatsächlich ein Messie bin.
Die Möbel waren dabei das kleinste Problem. Bei Büchern wurde es schon viel schwieriger, aber so richtig knifflig war der Kleinkram, der am Ende vielleicht den Löwenanteil ausmacht. Der müllt die Wohnung zu mit lauter Wechseln auf die Zukunft, die nie eingelöst werden und einem gerade deswegen ein schlechtes Gewissen machen. Der Aquarellkasten, immer noch verpackt, mit dem man seit Jahren umzieht. Die Russischlehrbücher, die man endlich mal wieder angehen sollte. Die verstaubte Gitarre, an der doch möglicherweise noch eine Karriere als Rockstar hängt, auch wenn man nicht einen einzigen Akkord spielen kann.
Es ist unheimlich schwer loszulassen. Es ist eine Kunst.
Man muss sich von Möglichkeiten verabschieden. Von diesen Dingen, über die man lieber nachdenkt, als sie tatsächlich in Angriff zu nehmen.
Und dann war da auch noch diese Peitsche, bestes Beispiel. Fast zwei Meter lang, aus Leder. Ich hatte sie in einem Souvenirshop in der ungarischen Puszta geklaut. Ich war sechzehn Jahre alt und betrunken vom hervorragenden Rotwein. Diese Peitsche schleppte ich nun also schon seit, Moment, 27 Jahren mit mir rum. Hatte ich in all den Jahren auch nur einen einzigen Menschen damit ausgepeitscht?

6
Immerhin, das Auto hatten wir bereits.
Wir wollten weder ein Wohnmobil (zu auffällig, zu teuer) noch einen bunten VW-Bus (nur zu teuer), sondern ein Auto, das so billig in der Anschaffung war, dass es sich tatsächlich lohnte, keine Miete zu zahlen. Auf eBay Kleinanzeigen suchte ich nach einem Minivan, sprich einem Kleinbus.
In den USA – wo sonst? – gibt es bereits ein ganzes Heer von Menschen, die in ihren Autos leben und arbeiten. Die einen machen das aus Not, weil die Mieten in den Großstädten explodieren; alleine in Los Angeles an der Westküste sollen 16 000 Menschen im Auto leben. Die anderen sind auf der Suche nach einem alternativen Lebensmodell. Sie nennen sich Rubber Tramps, Vanlifers oder Vandwellers. Es gibt sogar ein jährliches Treffen, organisiert von einem Mann in den Sechzigern, der im Netz die Vorzüge des mobilen Lebens predigt. 2010 fand das „Rubber Tramp Rendezvous“ zum ersten Mal statt, mit gerade mal 45 Teilnehmern. Acht Jahre später, 2018, kamen in der Wüste von Arizona bereits 5000 moderne Vagabunden zusammen.
Also irgendwie passend, dass wir uns zuerst ein amerikanisches Auto anschauten, einen Chrysler Grand Voyager: sieben Sitze, Typ Familienkutsche, getönte Scheiben, 155 PS.
Der Wagen stand in Hamburg-Stellingen, und der Verkäufer war froh, endlich einen Interessenten zu haben, der nicht gleich mit „was letzte Preis?“ um die Ecke kam. Allerdings war das Auto bereits abgemeldet, eine Spritztour über die nahe Autobahn war leider nicht drin. Ich öffnete die Motorhaube, schaute rein. Legte mich unter das Auto und suchte nach Lecks. Nicht, dass ich wirklich Ahnung von Autos hätte, aber so was sieht gut aus. Anschließend drehten meine Geliebte und ich ein paar Runden durch die Nachbarschaft.
„Und“, fragte Patrizia, „wie fährt er sich?“
„Hervorragend. Übermotorisiert. Automatikgetriebe, schön erhöhte Position. Ich fühle mich wie ein amerikanischer Rentner.“
„Wahnsinnig bequeme Sitze“, lobte Patrizia.
„Und viele Fenster.“
„Das Lenkrad ist ja geil! Hast du das schon gesehen?“
Ich schaute, musste lachen. Das Steuer war mit einem schwarzen Lenkradschutz überzogen, der mit zwei goldenen Totenköpfen verziert war.

Zu Hause setzten wir uns auf den Balkon. Die Luft war lau, wir öffneten zwei Bier, schauten in den großen Innenhof. Ein Eichhörnchen lief hektisch über die Äste einer Kastanie. In hundert Metern Entfernung war bereits die nächste Häuserzeile zu sehen.
Wir diskutierten den Chrysler.
„Was ist dein Eindruck?“, fragte Patrizia.
„Als ich die Schiebetür aufgemacht hab, dachte ich mir, da kann man sehr gut drin schlafen. Platz genug.“
„Hast du angefangen zu träumen?“
„Ja.“
„Ich find es super, dass es ein altes Auto war. Ein neues fänd ich idiotisch, ist doch viel ökonomischer, eins zu nehmen, das schon 21 Jahre auf dem Buckel hat.“
Vor ein paar Jahren bin ich mit dem Fahrrad von Israel nach Berlin gefahren, vier Monate, 5000 Kilometer. Ein paar Hobbyradfahrer meinten zuvor, für so ein Rad musst du schon ein paar Tausender lockermachen, du musst trainieren. Ich kaufte mir ein Stahlrad, das noch in „Westdeutschland“ hergestellt worden war, zahlte schlappe neunzig Euro und fuhr los.
Trotzdem kam der Widerstand jetzt von mir. So viel zum Thema aus der Vergangenheit lernen.
Der Chrysler war 21 Jahre alt, hatte 300 000 Kilometer auf der Uhr, und der Motor schwitzte Öl. Die Klimaanlage war kaputt, der Tempomat sowieso, und außerdem sollte man nie das Auto kaufen, das man sich zuerst anschaut.
Aber das waren alles Einwände, die meine Geliebte nicht im Geringsten interessierten. Mit einem ordentlichen Zug trank sie ihr Bier aus und stellte die leere Flasche auf den Tisch.
„Ich kann mir sehr gut vorstellen, mit dir rumzutuckern und Musik zu hören. Und dann hab ich mich erschreckt: Wenn es so einfach ist, etwas zu verändern, dann müsste man ja viel öfter was verändern. Aber gut, vielleicht kommt noch viel Scheiß auf uns zu. Die Autofrage macht es nur so merkwürdig real, dass ich mir grade denke: krass.“
„Also machen oder sein lassen?“
„Ich trau mich fast nicht zu antworten, aber ich würd sagen: machen.“
Was konnte schon schiefgehen, vor allem bei einem Kaufpreis von 650 Euro?
Natürlich, wenn man anfängt nachzudenken, fallen einem hundert Sachen ein. Also: nicht nachdenken. Manchmal muss man sich einfach selbst überrumpeln, sonst hat man den Finger immer in der gleichen Soße.

7
Zwecks Inneneinrichtung unseres neuen Heims schaute ich mich ein wenig auf Facebook um und fand zu meiner Überraschung sehr viele Gruppen, die sich nicht nur mit dem Thema Vanlife beschäftigen, sondern auch damit, wie man das Auto am besten wohnlich herrichtet: Living in a Van, Mikrocamper & Selbstausbauten – die Welle aus den USA war bereits nach Deutschland geschwappt.
Ich bekam große Augen. Teilweise erinnerten mich die Einrichtungen an die Designs in Hochglanzmagazinen. Gerade für den Stauraum gab es ausgetüftelte Systeme. Tische, die man rausziehen konnte. Betten, die hochklappbar waren. Dazu alles über Isolierungsmaterial und Heizung. Manche hatten kurzerhand einen kleinen Kanonenofen in ihrem Mercedes-Bus verbaut. Lösungen für Licht und Kühlung und Vorschläge für Schränke und Regale.
Ich war baff. Ich war neidisch.
Allerdings hatte ich weder Lust noch das Geld, um so viel in den Innenausbau zu investieren. Da würden wir ja nicht vorm nächsten Jahr loskommen. Und tatsächlich machen das viele so. Erst eine ordentliche Suche nach einem anständigen Gefährt, dann der gründliche Aus- oder Umbau. Na ja, ich sollte hier vielleicht auch gestehen, dass ich zwei linke Hände habe.
„Und was machen wir dann in Sachen Einrichtung?“, fragte Patrizia, während wir die Küche ausräumten.
„Keine Ahnung“, antwortete ich.
„Übrigens werde ich die Tage mal nach Hause fahren müssen.“
„Den Eltern Bescheid geben?“
Patrizia nickte.
„Oha“, sagte ich.

8
Wir bereiteten den Chrysler für seinen neuen Einsatz vor: schrubben, wischen, saugen, putzen, die hinteren Sitze ausbauen und loswerden. Das wollten wir bei einem Altautohändler erledigen. Eine gute Gelegenheit für Patrizia, sich mit dem Wagen vertraut zu machen. In der ganzen Zeit, in der wir zusammen waren, hatte ich sie kaum Auto fahren sehen. Sie setzte sich auf den Fahrersitz und wirkte ebenso ahnungslos, als wäre sie auf der Kommandobrücke des Kampfsterns Galactica.
„Wie geht das denn jetzt?“
„Nein, nein, nein! Das ist Automatik, da steigt man nicht mit dem linken Fuß drauf.“
„Ach, das ist Automatik?“
„Wie, das wusstest du nicht?!“
„Doch, doch. Hab nur grade nicht dran gedacht, jetzt stress mich nicht. Also?“
„Gott im Himmel! Jetzt erst mal die Zündung.“
„Fredy! Mach das nett mit mir und nicht so pseudocool. Es ist ja nicht so, dass ich noch nie ein Auto angemacht hab. Also, wie geht’s weiter? Wie fährt das Ding los?“
„Schau mal, hier ist ein Knopf. ›Unlock‹, da musst du draufdrücken. Jetzt kannst du starten.“
„Und ich bleib einfach auf der Bremse.“
„Jetzt ziehst du den Hebel nach unten.“
„Das ist ja voll die Höllenmaschine.“
„Auf D!“
„Ach so.“
Ich konnte kaum aufhören zu lachen.
„Du bist so gemein, ich fahr dich gleich um, sobald ich das Ding unter Kontrolle hab.“
„So, jetzt einfach geradeaus.“
Patrizia rollte los.
Ein paar Minuten später tauchten zwei Radfahrer auf, sie musste sie überholen, die Straße war breit genug.
„Mir bricht schon der Schweiß aus.“
„Für diesen Fall hab ich was mitgenommen, wusste jahrelang nicht, für was ich das benutzen soll.“ Ich kramte in meiner Hosentasche und holte einen kleinen Lederbeutel mit Reißverschluss hervor, den ich irgendwo am Straßenrand in der Nähe von Belgrad gefunden hatte.
„Was ist das denn?“
„Ein Rosenkranz.“ Ich wickelte ihn um den Rückspiegel. Das Kreuz baumelte hin und her. „Gott schütze uns.“
„Du bist so ein Depp! Den hast du bei dir noch nie aufgehängt!“

Die Sitze wurden wir ohne Probleme los, zahlten fünfzehn Euro dafür, und auf einmal war jede Menge Platz im Auto. Patrizia und ich legten uns auf den nackten Boden, man konnte sich komplett ausstrecken. Vielleicht überschätzten wir den Platz auch ein wenig, denn ich fantasierte bereits von Ikea-Regalen, die wir reinstellen könnten. Dank meiner zahlreichen Umzüge war mir inzwischen auch eine schnelle und kostenlose Lösung für Unterbau und Stauraum eingefallen.
Platz war nun also da, aber wir mussten weiter ausmisten. Bis wir im Auto schlafen konnten, war es noch weit hin. Dabei lief uns die Zeit davon, die Wohnung war bereits gekündigt.

9
Ausgerüstet mit einem Maßband gingen Patrizia und ich in den großen Edeka-Supermarkt in der Rindermarkthalle in der Nähe des St.-Pauli-Stadions.
„Meinst du, die haben hier genügend?“
„Keine Ahnung.“
Wir suchten und fanden einen Mitarbeiter in der Obst- und Gemüseabteilung. „Entschuldigen Sie“, sagte ich. „Wir bräuchten ein paar leere Bananenkisten, haben Sie welche?“
Der Mitarbeiter nickte und zeigte auf den Stapel in einer Ecke neben der Pfandrückgabe. Ausgezeichnet.
„Und da können wir uns so viele nehmen, wie wir brauchen?“
„Kein Problem“, antwortete er und ging auch schon wieder seiner Arbeit nach.
„Dann wollen wir doch mal sehen.“ Ich legte das Maßband an eine Kiste an.
„Das sind ja eine ganze Menge“, sagte Patrizia.
„Und wahnsinnig stabil. Damit habe ich schon alles durch die Gegend geschleppt. Okay … dreißig Zentimeter breit und vierzig lang. Und die Liegefläche im Auto ist 1,20 auf zwei Meter. Macht also vier Reihen à drei Kisten.“ Ich strahlte Patrizia an, genau so hatte ich mir das vorgestellt. „Perfekt.“
„Wir brauchen also zwölf Stück, ganz schön viel.“ Patrizia zählte durch. Es waren genügend da. Wir schnappten uns ein paar und wankten damit zurück auf den Parkplatz. Dann wiederholten wir das Ganze.
Ab und zu findet man ja in Bananenkisten eine nicht abgeholte Drogenlieferung aus Südamerika und ist auf einen Schlag reich. Dieses Glück hatte ich auch diesmal nicht.

Fredy Gareis

Über Fredy Gareis

Biografie

Fredy Gareis, 1975 geboren, arbeitete als freier Journalist für Die Zeit, Tagesspiegel und Deutschlandradio. Von 2010 bis 2012 berichtete er aus Israel und dem Nahen Osten. Für die in der Zeit veröffentlichte Reportage „Ein Picasso in Palästina“ wurde er mit...

Pressestimmen
Dingolfinger Anzeiger

„Mit Fotos von ihrer Reise und einem Soundtrack zum Buch wird das Lesen zu einer wahren Erfahrung.“

Deutschlandfunk Kultur „Lesart“

„Das ist ein freundlicher, hellwacher und so anderer Blick auf unser Land! Beim Lesen wird klar, dass man nicht nur sein Leben entrümpeln kann, sondern auch seinen Geist.“

Inhaltsangabe
Teil I
Zwölf Bananenkisten

Teil II
Basilikum
braucht Heimat

Teil III
Freiheit und
andere Märchen

Teil IV
Das Lied
der Straße

Soundtrack zum Buch
Dank
Kommentare zum Buch
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