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Ladies & Gentlemen

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Erzählungen

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Ladies & Gentlemen — Inhalt

»Ein herausragendes Buch! Es ist voller ungewöhnlicher Figuren, deren Leben von Vergangenem erfüllt und von Gegenwärtigem gesprengt wird – großartig geschrieben, packend und unvergesslich.« Tom Rachman, Autor von Die Unperfekten

Adam Ross ist ein Meister der unerwarteten Pointen, jede seiner sieben Stories berührt, schlägt den Leser in seinen Bann und trifft am Ende wie ein Blitz: Ob es eine junge Frau auf dem Weg zu einer Affäre ist, ein ungleiches Brüderpaar im tragischsten Moment seiner Rivalität oder ein liebenswerter Loser, dessen Vertrauensseligkeit ihn all seine Ersparnisse kostet – mühelos und elektrisierend erzählt Adam Ross von dem dramatischen, oft zutiefst komischen Augenblick, in dem die Dinge außer Kontrolle geraten. Und weckt dabei soviel Mitgefühl für seine Figuren, dass wir nur allzu gern mit ihnen in ihr Verhängnis laufen.

€ 15,99 [D], € 15,99 [A]
Erschienen am 12.03.2012
Übersetzer: Eva Bonné
240 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-95589-8

Leseprobe zu »Ladies & Gentlemen«

Für meinen Bruder Eban,
den besten Geschichtenerzähler, den ich kenne

 

Wie jedes Laster braucht auch die Grausamkeit kein Motiv außer ihrer selbst; sie braucht nur eine Gelegenheit.
George Eliot

 

Perspektiven

 

Die Zeit bis zum Bewerbungsgespräch vertrieb sich David Applelow – dreiundvierzig Jahre alt und im blauen Nadelstreifen, einem seiner zwei guten Anzüge – mit der Erstellung von Prognosen. Er spekulierte, wie sein Gesprächspartner wohl aussehen würde, wobei er auf eine attraktive Frau hoffte, die nicht nur gut aussehend wäre, sondern [...]

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Für meinen Bruder Eban,
den besten Geschichtenerzähler, den ich kenne

 

Wie jedes Laster braucht auch die Grausamkeit kein Motiv außer ihrer selbst; sie braucht nur eine Gelegenheit.
George Eliot

 

Perspektiven

 

Die Zeit bis zum Bewerbungsgespräch vertrieb sich David Applelow – dreiundvierzig Jahre alt und im blauen Nadelstreifen, einem seiner zwei guten Anzüge – mit der Erstellung von Prognosen. Er spekulierte, wie sein Gesprächspartner wohl aussehen würde, wobei er auf eine attraktive Frau hoffte, die nicht nur gut aussehend wäre, sondern atemberaubend schön ; die nicht nur so nett wäre, ihm den Job zu geben (und ihm damit das Leben zu retten), sondern sich selbst als Sofortbonus noch obendrauf legen würde, beziehungsweise auf den Schreibtisch oder den Teppich, falls es einen Teppich gab, oder auf ihren Sessel, sofern der keine Armlehnen hatte. Allerdings wäre ein solches Angebot an Großzügigkeit kaum zu übertreffen gewesen, denn obwohl Männer ständig von derlei Situationen träumen, ereigneten sie sich nie, zumindest nicht im Leben von David Applelow. Für den Fall, dass es heute anders kommen sollte, wäre er zum ersten Mal seit vielen Jahren ehrlich überrascht.
Und dann wurde er plötzlich selbstkritisch. Es war typisch, auf lähmende Weise typisch für ihn, dachte Applelow, sich unmittelbar vor einem Bewerbungsgespräch einem Tagtraum hinzugeben und die Konzentration zu verlieren, wo doch in diesem Moment nichts so gefragt war wie Konzentration. Deswegen wandte er sich, nachdem er sich innerlich auf das Strengste zur Ordnung gerufen, die Bügelfalte seiner Anzughose nachgestrichen und ein Stückchen Packband, das am Absatz seines Slippers klebte, rechtzeitig entdeckt und entfernt hatte, gedanklich den Fragen zu, die man ihm, war er durch diese Tür hindurchgegangen, aller Voraussicht nach stellen würde. Er hoffte, auf Anhieb einen guten Draht zu der Frau zu bekommen; so wie bei einem besonders geglückten ersten Date würden sie das Drehbuch schnell beiseitelegen und behutsam zu persönlichen Themen übergehen ; wie er die Welt sah zum Beispiel und welche Einsichten er während seiner Abstecher ins Berufsleben hatte sammeln können. Dann würden sie Zukunftspläne für ihn schmieden. Die Frau würde das Aufgabenfeld beschreiben, als sei es ihm bereits zugeteilt, sie würde ihm Zusatzleistungen, Gewinnbeteiligung und Gehalt nennen – eine Summe, die seine optimistischsten Schätzungen übertraf –, und der Zufall, der ihn in dieses Büro geführt hatte, würde sich als Fügung des Schicksals erweisen.
Wieder schweiften seine Gedanken ab, und er fühlte sich schwerelos, körperlos. Er schwebte unter der Decke und beobachtete sich selbst. Steh auf, dachte er, beweg dich. Ein Getränk mit etwas Kohlensäure hätte seine Lebensgeister geweckt, aber er fürchtete einen verheerenden Rülpser mitten im Gespräch. Sein Hunger wurde unerträglich. Um sich vom Appetit abzulenken, griff er zur nächstbesten Zeitschrift.
Neben Applelow warteten noch zwei andere Männer in dem Empfangsbereich, beide waren bereits vor ihm dort gewesen. Der eine war jünger, Mitte zwanzig etwa. Er war mit Jeans und Polohemd zu leger gekleidet und hielt einen offenbar handschriftlich verfassten Lebenslauf auf dem Schoß. Der Junge war eine Ansammlung von nervösen Tics – er fasste sich an die Nase und grunzte immer wieder, als sammle er Schleim und würde gleich einen großen Batzen ausrotzen. Der zweite Bewerber, ein riesiger Schwarzer in einem billigen grauen Anzug, hackte demonstrativ auf seinen Laptop ein – keine einfache Aufgabe, da seine Finger so dick waren, dass sich nur zwei davon zum Tippen eigneten – und führte dann mehrere Handygespräche mit einem, davon war Applelow überzeugt, fiktiven Gesprächspartner. Einmal drehte der Mann sich sogar zur Empfangsdame um, auf deren Namensschild Madeline stand, und sagte:
»Verzeihen Sie. Nur zu meiner Information. Ich habe zwei Lebensläufe anzubieten: einen, der den Fokus auf meine technischen Fähigkeiten legt, und einen anderen, der meine persönlichen Stärken betont. Welcher Aspekt sollte Ihrer Meinung nach im Vordergrund stehen ? «
Womit Applelow klar wurde, dass er in diesem Wartezimmer konkurrenzlos war. Madeline schwang langsam auf ihrem Bürostuhl herum und antwortete: »Der, den Sie in den Vordergrund stellen möchten.« Mit theatralischem Ernst klappte der Mann seinen Aktenkoffer auf, um beide Lebensläufe zu begutachten und sich schließlich mit einem entschlossenen Nicken zu entscheiden. Der junge Mann, der zwei Plätze neben Applelow saß, wippte so angestrengt mit dem Bein, dass der Sitz zwischen ihnen wackelte. Dann sprang er unvermittelt auf und lief hinaus.
Applelow sah Madeline an und zog eine Augenbraue hoch.
»Ist nicht das erste Mal«, sagte sie.
Der graue Anzug wurde hereingerufen. Wenige Minuten später war auch er auf dem Weg nach draußen.
Die Gelegenheit war günstig, dachte Applelow, um Informationen einzuholen; immerhin hatte die Stellenanzeige recht vage geklungen. Vor ein paar Tagen war ihm beim Durchstöbern der Annoncen seine Kaffeetasse auf die Zeitung gekippt. Das Rinnsal gabelte sich und lief wieder zusammen, was auf dem Papier eine kleine, trockene Insel entstehen ließ. Applelow wollte die Schweinerei gerade beseitigen, als sein Blick auf die Überschrift fiel.

 

Das Geschäft Ihres Lebens wartet auf Sie
Sie sind scharfsinnig, denken analytisch und lösungsorientiert? Sie verfügen über außergewöhnliche Menschenkenntnis, die Sie bislang nie in bare Münze verwandeln konnten? Auratec ist eine rasch expandierende, exklusive Firma mit Sitz an der Westküste und derzeit auf der Suche nach Mitarbeitern mit abstrakter Begabung zur Gründung von Niederlassungen im Großraum New York. Geeignete Bewerber werden eingearbeitet. Festgehalt plus Sozialleistungen vom Arbeitgeber :401(Tsd). Unbeschränktes Wachstumspotenzial. Bewerbungen per Fax an Laura Samuel. 556 – 1583. »Haben sich schon viele Leute beworben?«, fragte er Madeline.
Madeline sah vom Bildschirm auf, um ihm ihre ungeteilte Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Hinter ihr hing ein Schild mit dem Schriftzug Auratec an der Wand. Das t war dem ägyptischen Anch nachempfunden. »Ms. Samuel führt ununterbrochen Bewerbungsgespräche. «
Applelow wartete lächelnd.
»Wir expandieren ständig«, erklärte sie.
»Das Büro ist klein.«
»Das neue im Time Warner Building wird gerade renoviert.«
» Oh «, sagte Applelow.
Das Telefon blubberte leise, aber sie reagierte nicht.
»Dann handelt es sich also um eine Stelle im Verkauf?«
Madeline zuckte bedauernd die Achseln. »Tut mir leid, aber diese Information darf ich nicht rausgeben.«
Natürlich nicht, dachte Applelow.
An diesem Nachmittag hatte er zweitausendvierhundert Dollar in Hunderterscheinen von seinem Konto abgehoben – jeden Cent, den er besaß. In seiner momentanen finanziellen Zwangslage hatte er das Gefühl, das Geld griffbereit haben zu müssen, außerdem hatte es etwas Erhebendes, sein gesamtes Vermögen am Leib zu tragen. Er nahm an, dass sich ein Kamel mit seinen Höckern ganz ähnlich fühlte. Als er auf dem Weg zum Bewerbungsgespräch die Fifth Avenue entlangschlenderte, fühlte er sich den Horden von Touristen und Büroangestellten seltsam überlegen. Er versuchte, die Blicke schöner Frauen auf sich zu ziehen, und betrachtete in den Schaufensterscheiben sein Spiegelbild, das zweifellos jedem, den es interessierte, verriet: Hier war ein Mann von Welt unterwegs. Beschwingt lief er bis zur Eisbahn am Rockefeller Center, wo er stehen blieb, um die Kinder auf dem Eis zu beobachten und die Eltern, die ihre Kinder beobachteten. Und die Liebespaare, die Hand in Hand dahinglitten. Dann verfinsterte sich seine Stimmung, und von einer plötzlichen, vernichtenden Verzweiflung gepackt, stützte er sich am Geländer ab.
Das Gefühl der Armut war Applelow nicht neu. Richtig gut verdient hatte er selten und immer nur vorübergehend. Sein beruflicher Werdegang glich einem Flickenteppich aus Jobs – ein paar Jahre als Redenschreiber in der freien Wirtschaft hier, eine Assistenz in einem Literaturverlag dort, später ein paar Einsätze als Kulissenbauer beim Film. Nicht alle Jobs hatten sich als Sackgasse erwiesen, aber in keinem einzigen hatte er Karriere gemacht. Die letzten sechs Jahre hatte er als Geschäftsführer in einer kleinen, unabhängigen Theaterkompanie namens The Peanut Gallery verbracht, die der Schauspieler Jason Heywood Green gegründet und finanziert hatte. Mit Greens Karriere war es trotz der glänzenden Kritiken und der zahlreichen Auftritte in anspruchsvollen Kleinproduktionen in letzter Zeit steil bergab gegangen. »Den Dicken in Mission Impossible II spiele ich nur, damit ich mein Haus abbezahlen kann«, hatte er zu Applelow gesagt. » Mein Steuerberater meint, ich soll Ballast abwerfen. « So machte die Kompanie, in der Applelow sich für die nächsten zehn Jahre beruflich fest im Sattel gesehen hatte, über Nacht dicht. Als das Arbeitslosengeld ausgelaufen war, brauchte er seine ohnehin geringen Ersparnisse binnen weniger Monate auf. Das Ensemble hatte jährlich drei Stücke auf die Bühne gebracht, und Applelow war für alles zuständig gewesen, vom Marketing und der Anzeigenschaltung über den Kulissenbau bis hin zur Buchführung. Es gab fast keinen Bereich, in dem er nicht über eine gewisse Erfahrung verfügte, dennoch wurde er fast nie zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen; die schlechte Wirtschaftslage tat ein Übriges. Wie er sich eingestehen musste, hatte die Menschheit sich aufgespalten in Bewerber mit Ausbildung und Bewerber ohne ; und je geringer die für eine Stelle benötigte Qualifizierung war, desto bombastischer kam die Jobbeschreibung daher. Inzwischen fürchtete Applelow, die jüngste Entwicklung könnte sich als langsamer Abstieg in den ewigen Bankrott erweisen. Ich hätte es wissen müssen, sagte er sich.
Madelines Sprechanlage piepte. » Ja, Ms. Samuel ? «
» Wenn ich nicht gleich was zu essen kriege «, sagte eine Frauenstimme, » bringe ich jemanden um. «
Madeline sah Applelow an und zuckte wie zur Entschuldigung die Achseln. »Hier sitzt noch ein Bewerber.« Sie schaltete den Lautsprecher aus. »Nein«, sagte sie mit gedämpfter Stimme, » nein, ist er nicht. «
»Ich kann warten!«, flüsterte Applelow.
Aber da ging die Tür schon auf.

 

»Was für ein vielseitiger Lebenslauf«, sagte Ms. Samuel.
Ms. Samuel gut aussehend zu nennen wäre gigantisch untertrieben gewesen. Sie war eine der schönsten Frauen, die Applelow je gesehen hatte: jung, blond, höchstens achtundzwanzig Jahre alt und angenehm klein – selbst in High Heels nicht größer als eins siebzig. Ihre Augen waren eulengrau. Die Einrichtung ihres Büros strahlte eine nüchterne, moderne Geradlinigkeit aus, aber ihre Art war entwaffnend herzlich. Sie lauschte Applelows ersten Antworten mit professioneller Routine, aber sobald das Gespräch lockerer wurde, brach sie hin und wieder in musikalisches Gekicher aus.
»Filmvertrieb?«, las sie vor.
»Distribution von Billigproduktionen«, erklärte Applelow. »An Kinos rund um den Times Square. Furchtbare Streifen waren das. Apache Ninja. Knast-Kelly. Ist lange her. Ende der Achtzigerjahre. «
»Hier steht, Sie waren der Vizepräsident der Firma?«
»Na ja, da gab es nur den Chef und mich. Wir waren die komplette Belegschaft. Folglich war ich Vizepräsident von allem. Vizepräsident vom Telefon und Vizepräsident vom Faxgerät. Kopierer-Vizepräsident. «
Ms. Samuel kicherte. Sie grunzte vor Lachen.
Er war ganz verliebt.
» Wahlkampfkoordinator «, las sie. » Erzählen Sie mehr davon. «
»Da ging es um eine Spendensammlung für eine Gesetzesinitiative zum Umweltschutz auf Long Island. Wie Sie sehen können, habe ich mehr Spenden gesammelt als jeder andere in meiner Abteilung. Ein reiner Vertreterjob, bei dem es vor allem auf Spontaneität ankam. Man arbeitet sich in die Informationen ein und entwickelt eine eigene Plauderstrategie. Und wenn man seine Sache gut macht, drücken einem fremde Leute noch an der Haustür ihr Geld in die Hand.«
Applelow kam in Fahrt. Er übertrieb nicht, was seine Qualifikationen betraf. Ohne wie ein Hasardeur zu klingen, sprach er seine persönlichen Schwächen an, die sich in Stärken verwandeln ließen. Als das Gespräch auf seine Zeit bei der Theatergruppe kam, klang er so überzeugend, dass er selbst sich sofort eingestellt hätte. Der reinste Walzer, dachte Applelow, und Ms. Samuel führte. Gleichzeitig war ihm, als tanze er durch ein stockfinsteres Zimmer. Um was für einen Job ging es eigentlich?
»Okay«, sagte sie, »versuchen wir was anderes.« Ms. Samuel kam um den Schreibtisch herum. »Wie groß ist Ihr Vertrauen in die Astrologie ? «
»In die Astrologie als Wissenschaft?«
Ms. Samuel fing an, im Zimmer auf und ab zu laufen. »Tierkreiszeichen, Sterne, das alles. Glauben Sie, die Astrologie hat überhaupt eine Aussagekraft?«
Die Frage brachte David ernstlich ins Grübeln. War es möglich, dass diese Frau ein Fan von Horoskopen und Kristallkugeln war? Was, wenn sie die Astrologie zu ihrer Religion erkoren hatte ?
»Ich bin Wassermann«, sagte er, um kein Risiko einzugehen.
»Toll. Ich bin Löwe. Aber glauben Sie daran?«
War er aus dem Rennen, falls er verneinte ? Ein Verrückter, falls nicht? »Manchmal«, sagte er.
»Was soll das heißen?«
»Es soll heißen«, erklärte David, »dass ich mein Horoskop lese, wenn ich im Supermarkt in der Warteschlange stehe. «
»Aha!«, sagte sie und zeigte auf ihn.
»Aber das kommt nicht jeden Tag vor«, versicherte er.
»Wenn Sie Ihr Horoskop aber doch einmal lesen«, sagte sie, »und Ihnen etwas Negatives prophezeit wird – wie gehen Sie damit um ? «
» Ehrlich ? « Die Nachfrage schien sie kein bisschen zu kränken. »Ich ignoriere es«, antwortete er wahrheitsgemäß.
»Genau! Wie sieht es mit positiven Prophezeiungen aus?«
» In dem Fall geht es in meinem Leben hundertprozentig bergauf«, antwortete David lächelnd.
Weil Ms. Samuel keine Miene verzog, wurde er wieder ernst. Zuhören.
»Was ist mit Tarot?«, fragte sie und setzte sich wieder in Bewegung. » Haben Sie je die Karten befragt ? «
» Nein. «
»Die Prophezeiungen von Nostradamus?«
»Habe ich nicht gelesen.«
»Glauben Sie, schon einmal gelebt zu haben? Wiedergeburt? Karma ? «
Er konnte jetzt schon sagen, es war das seltsamste Vorstellungsgespräch seines Lebens. »Dreimal Nein.«
»Was ist mit übersinnlicher Wahrnehmung?«
Ich will dich auf der Stelle so richtig durchficken.
Ms. Samuel wartete geduldig.
»Nicht mehr«, sagte er.
» Na gut. Versuchen wir es damit. « Nachdenklich tippte sie sich mit dem Zeigefinger an die Unterlippe.
Es war wie der Moment in einem Theaterstück, dachte Applelow, wenn alle auf den Schuss hinter der Bühne warten.
»Haben Sie«, sagte sie, »schon seit geraumer Zeit, vielleicht sogar so lange Sie denken können, das Gefühl, dass Ihnen etwas besonders Gutes zustoßen wird? Sie können nicht genau sagen, was es sein wird, aber Sie haben immer daran geglaubt.«
Applelows Herz begann zu rasen.
»Hatten Sie schon einmal das Gefühl, dass Ihr Leben – dieses Leben, hier und jetzt – nicht so verläuft, wie Sie es sich erträumt haben ? « Sie beugte sich vor. » Dass Sie zu Höherem geboren sind ? Sie haben es immer gewusst. Sie wissen es. Verstehen Sie, was ich meine, David ? Verstehen Sie, was ich Ihnen sagen will ? «
David lehnte sich unwillkürlich zurück. Es war, als starre er in ein gleißendes Licht. »Ja«, antwortete er.
»Schön«, sagte sie, »gut, David. So langsam kommen wir der Sache näher. «

 

Applelow rief die Arbeitsvermittlung an, bei der er sich vorgestellt hatte, und sagte für den Nachmittag alle weiteren Bewerbungsgespräche ab. Sein Sachbearbeiter, ein Mann namens Tom Pard, stauchte ihn am Telefon zusammen. Pard sagte, er habe es schon geahnt, er hätte auf sein Bauchgefühl hören sollen, das ihm gleich bei ihrer ersten Begegnung signalisiert habe, Apple- low werde keinen einzigen Tag bei der Stange bleiben.
Applelow legte einfach auf, dachte an die eine Million Antworten, die er Pard hätte geben können, rückte sich vor einem Schaufenster die Krawatte zurecht, leckte sich einen Finger an, strich sich die Augenbrauen glatt und schob seine Brille hoch. Er kniff seine Fuchsaugen zusammen und versuchte, sich zu erinnern, wie er ausgesehen hatte, bevor sein Haar schütter geworden war. Nein, dachte er, keine Vorstellungsgespräche mehr. Keine Fragen mehr und kein Theater. Es reichte einfach.
Im Bus fing er wieder an, sich zu tadeln. Pard hatte recht. Er war träge, faul und unkonzentriert. Sicher, das Bewerbungsgespräch war gut gelaufen und er hatte, was diesen wie auch immer gearteten Job betraf, so ein Gefühl. Aber wenn schon! Es war typisch für ihn, dass er nicht sämtliche Möglichkeiten nutzte, die sich ihm boten, sondern sich an die erstbeste Gelegenheit klammerte (noch dazu eine Gelegenheit, die sich streng genommen noch gar nicht wirklich geboten hatte). Vielleicht sollte er sich entschuldigen, seinen Fehler eingestehen und nach dem Mittagessen noch einen oder zwei Termine wahrnehmen. Er sprang auf und drückte den Halteknopf. Andererseits wäre es unmöglich, den Sachbearbeiter zurückzurufen. Der Busfahrer warf Applelow im Rückspiegel einen bösen Blick zu und schoss an der Haltestelle vorbei. Als er sich wieder hinsetzen wollte, bemerkte er, dass sein Platz inzwischen von einer älteren Dame besetzt wurde.
Montag.
Trotzdem war er immer noch überzeugt, das Gespräch mit Ms. Samuel sei optimal verlaufen. »David«, hatte sie gesagt, »es war mir ein besonderes Vergnügen, mit Ihnen zu sprechen. Ein ganz besonderes!« Forsch schritt sie auf die Tür zu. Weil ihm keine Wahl mehr blieb, fragte er endlich, um was für eine Art Job es sich handele.
Ms. Samuel verzog bedauernd das Gesicht. »So weit sind wir noch nicht. «
»Können Sie mir denn gar nichts verraten?«
»Wir arbeiten im Medienbereich. Soziologische Studien.
Unterhaltungsbranche. «
»Ich habe jahrelang in der Unterhaltungsbranche gearbeitet«, sagte David und biss sich im selben Moment auf die Zunge. Ms. Samuel öffnete die Tür und scheuchte ihn aus dem Büro. Das Wartezimmer war plötzlich mit jungen, gut aussehenden, geschmackvoll gekleideten Leuten gefüllt.
» Sie hören von mir «, sagte Ms. Samuel. » Wahrscheinlich noch vor Mittwoch. «
Er schüttelte ihre eiskalte Hand.
Applelow lebte seit sieben Jahren in der 44. Straße zwischen Ninth und Tenth Avenue in einer großen Zweizimmerwohnung, die im ersten Stock eines dreigeschossigen Apartmenthauses lag, ohne Aufzug, dafür aber – Gott sei Dank – mit Mietpreisbindung. Er kannte sämtliche Nachbarn, und als er sich dem Haus näherte, entdeckte er Mrs. Gunther, eine kleine, gebeugte Schildkröte von einer Frau, die mit einer Kittelschürze bekleidet und zwei Müllsäcken in der Hand an der Tür stand. Murmelnd schleifte sie die Säcke die Treppe hinunter. Applelow hatte keine Lust, sich zu unterhalten, aber bestimmt hatte sie ihn schon entdeckt. Er grüßte knapp und sprang, den Blick starr auf seinen Schlüsselbund gerichtet, die Stufen hoch. »Hä?«, machte Mrs. Gunther und beförderte die Müllsäcke mit einem Tritt in Richtung der Tonnen. Dann schleppte sie sich die Treppe zur Haustür wieder hinauf. Seit Jahren trug er ihr den Müll hinunter – sie lebte allein im dritten Stock und litt an einer Hüftarthrose –, aber aufgrund seiner momentanen Pechsträhne hatte er diese wöchentliche Dienstleistung vernachlässigt.
»Gut Sie haben Schlüssel dabei«, radebrechte sie, »meine ist oben in Wohnung.«
Applelow hielt ihr die Tür auf, und als sie mitten auf der ersten Treppe stehen blieb und sich die Hüfte rieb, bot er ihr seinen Arm an und begleitete sie zähneknirschend bis in den dritten Stock hinauf. Weder sprach sie ein Wort, noch bedankte Mrs. Gunther sich, als sie oben angekommen waren. Auf dem Weg nach unten schwor er sich: nie wieder.
Vom Treppenabsatz im zweiten Stock konnte er sehen, dass unten seine Nachbarin auf ihn wartete, Marnie Kastopolis.
»Ich habe dich kommen hören«, sagte sie, als er die Treppe herunterkam. Sie blinzelte langsam, lächelte breit und zeigte ihre großen, weißen Schneidezähne. Marnie war hochgewachsen, mindestens einen Meter achtzig, und furchtbar ungelenk. Sie hatte breite Hüften, einen schmalen Oberkörper, sehr lange Beine und rotes Haar. Ihre seltsamen Proportionen erinnerten Applelow an einen Giacometti. Sie hatte offenbar ein konkretes Anliegen, aber ihr Versuch, sich verführerisch zu geben, war lächerlich und umso peinlicher, als Marnie nichts von ihrer tatsächlichen Wirkung auf andere ahnte. Oder lag es daran, dass er sich immer noch ein wenig schämte? Vor ein paar Wochen hatte Applelow nach zwei Flaschen Wein in ihrer Wohnung versucht, sie zu küssen. Während sie noch damit beschäftigt gewesen war, über einen seiner Witze zu lachen, war er vorgeschnellt und hatte sie versehentlich auf die Schneidezähne geküsst. Er war überzeugt gewesen, dass sie es auch wollte, aber noch während er seinen Mund auf den ihren presste, drückte sie ihn an den Schultern weg. » Nicht, dass ich nicht geschmeichelt wäre «, sagte sie. Er entschuldigte sich vielmals und sprang auf, blind vor Wut, um sich hastig zu verabschieden. Sie hatten nicht mehr über den Vorfall gesprochen.
»Du musst mir einen Gefallen tun«, sagte Marnie.
Applelow schwieg.
»Zach kommt übers Wochenende zu Besuch.« Zach war Marnies jüngster Sohn. »Und ich muss arbeiten.« Sie arbeitete an der Rezeption eines Luxushotels am Times Square und hatte oft Nachtdienst. »Könntest du ihn reinlassen?« Sie hielt ihren Schlüssel hoch. » Und danach nimmst du den Schlüssel bitte wieder an dich.«
»Ich soll einfach nur aufschließen und ihn in die Wohnung lassen ? «
» Ja. «
»Er hat keinen eigenen Schlüssel?«
Marnie verschränkte die Arme vor der Brust und starrte zu Boden. » Ich möchte wissen, wann er kommt und wann er wieder geht. «
Applelow hingegen hätte gern gewusst, ob ihr auf den Sohn gerichtetes Misstrauen sich zu einer abendfüllenden Verpflichtung auswachsen würde. »Ist es so schlimm?«, fragte er.
»Nein«, sagte sie und hob den Kopf. »Er hat alles im Griff, David.« Marnie musste seine skeptische Miene bemerkt haben, denn ihre Antwort kam wie aus der Pistole geschossen und im Brustton der Überzeugung. »Diesmal wirklich.«
» Toll. «
»Er will zur Air Force«, erklärte sie. »Am Ende des Semesters wird er sich in Kalifornien zur Grundausbildung melden. Er sagt, er will Jetpilot werden.«
Wer will das nicht?, dachte Applelow. »Du musst sehr erleichtert sein«, sagte er.
»Ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr«, sagte sie und schaute ihm ins Gesicht.
»Dann vertrau ihm doch einfach«, sagte er und bereute den Vorschlag sofort. Er hatte am Abend nichts vor; es würde ihn nichts kosten, ihr einen Gefallen zu tun.
Marnie betrachtete kurz ihren Schuh, begutachtete Absatzhöhe und Lederglanz. »Ich habe euch beiden etwas zu essen in den Kühlschrank gestellt «, sagte sie. » Es ist sogar noch Torte da. «
» Wunderbar. «
» Ich werde unten einen Zettel an die Tür kleben. Er soll bei dir klingeln. Sein Bus kommt um sieben an. «
»Ich werde zu Hause sein.«
» Vielen Dank «, formte sie stumm mit ihren Lippen, und dann drückte sie ihm den Schlüssel in die ausgestreckte Hand.
In Wahrheit war Applelow immer schon neugierig gewesen auf Marnies jüngsten Sohn. Er kannte nur Aaron, den älteren, »mein kleines Genie«, wie sie ihn nannte. Aaron war tatsächlich beides: klein und ein Genie. Genau wie ihr Mann, der, wie Marnie erklärt hatte, ein kleinwüchsiges, griechisches Mathewunderkind gewesen war. Aaron hatte den Intellekt des Vaters geerbt und ein Vollstipendium an einer Universität in Upstate New York ergattert. »Mit siebzehn Jahren zum Promotionsstudium zugelassen «, pflegte Marnie zu prahlen. ( Der brillante Ehemann hatte die Familie vor Jahren sitzen lassen.) Applelow war dem Jungen im letzten Jahr vor Marnies Wohnungstür begegnet, und weil er sich unerklärlicherweise zu ihr hingezogen fühlte, hatte er auf eine Bekanntmachung gedrängt. Der Junge war seiner Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten, bloß dass er ihr kaum bis an die Brust reichte. Sie hatte Aaron an den Schultern umgedreht und gesagt : » Da ist er ! « Nachdem die drei für einen Moment in peinlichem Schweigen herumgestanden hatten, sagte Applelow, er habe gehört, Aaron sei ein echter Gelehrter. Insgeheim hatte er auf eine kleine Einlage gehofft, auf einen spontanen Monolog über das logische Denken zum Beispiel. Aber der Junge hatte bloß die Stirn gerunzelt und leise »Hallo« gemurmelt. Völlig gestört, urteilte Applelow, von Muttis erdrückender Liebe auf Zwergengröße gehalten.
Zach hingegen bereitete Marnie schlaflose Nächte. Obwohl sie sich abrackerte, um beide Jungen auf die Privatschule schicken zu können, war Zach wegen eines Betrugsversuchs von der ersten Schule geflogen und wegen Ladendiebstahls von der zweiten. Letztlich hatte man ihn der Stadt verwiesen und in ein Internat für schwer erziehbare Jugendliche gesteckt. Um ein Haar wäre er wegen Marihuanabesitzes nach Hause geschickt worden, aber dann hatte er mit Ach und Krach den Schulabschluss geschafft und sich an der State University of New York eingeschrieben, allerdings, seiner schlechten Noten wegen, nur auf Probe. Und inzwischen spielte er mit dem Gedanken, das Studium zu schmeißen, was Marnie unendlichen Anlass zur Sorge gab. » Er ruiniert seine Zukunft«, hatte sie sich im Laufe des weinseligen Abends bei Applelow beklagt.
Aber anscheinend gehörte das jetzt der Vergangenheit an.

Adam Ross

Über Adam Ross

Biografie

Adam Ross, geboren in New York, lebt in Nashville/Tennessee. Nach seinem auch international von der Presse hoch gelobten Debütroman »Mister Peanut« ist »Ladies & Gentlemen« sein zweites Buch, das in Amerika Ross' Ruf als einer der herausragenden Erzähler seiner Generation bestätigte.

Pressestimmen

Hersfelder Zeitung

»Adam Ross erzählt stringent, jedoch mit dem Blick fürs Detail und atmosphärisch dicht.«

MDR Sachsen-Anhalt, MDR-Drei-Länder-Nacht

»(…) sieben mitreißende, melancholisch und nachdenklich stimmende sowie stimmige, gut geschriebene Geschichten. – Wer Ross für sich entdeckt, wird ihm treu bleiben!«

Main-Echo

»Ross' Sprache ist elegant und klar und manchmal so schneidend, dass es wehtut. Seine Geschichten haben jenes gewisse Etwas, das den Leser glücklich zurücklässt.«

Börsenblatt

»Dialogstarke Plots, Suspense bis zum Flachatmen und "unfassbar schöne" Frauen - zum Verfilmen absolut geeignet«

hr2 - Mikado

»Adam Ross ist ein glänzender Erzähler. Er bringt es fertig, so gutgelaunt über Versager, Verlierer und Lügen zu schreiben, so heiter und hell, dass das Grinsen, das er dabei im Gesicht gehabt haben muss, sich auf unserem Gesicht widerspiegelt.

Salzburger Nachrichten

»(…) ein Meister der Klarheit und Unverstelltheit.«

SonntagsZeitung

»In diesen Geschichten erzählen die Figuren Geschichten – mit geschliffenen Dialogen und glänzenden Charakterzeichnungen.«

The New York Times

Adam Ross verfügt über eine funkelnde Erzählgabe und ein unfehlbares Auge.

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