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Im Visier des Wolfs

Mark Fahnert
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Ein Fall für die European Crime Unit

„Der Autor, selbst als Polizeibeamter im Staatsschutz, nutzt seine Erfahrungen mit erstaunlichem politischem Weitblick und erzählerischer Fantasie.“ - BÜCHERmagazin

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Im Visier des Wolfs — Inhalt

Der erste Fall für die European Crime Unit

Verbrechen machen vor Grenzen keinen Halt. Die Gerechtigkeit nun auch nicht mehr: Mit der European Crime Unit gibt es endlich eine Polizei, die grenzübergreifend in allen Ländern der EU ermittelt. Katrin Lesage wird zur Führungsoffizierin befördert und bekommt ausgerechnet Lafdan Sadiku zugeteilt, der bekannt ist für seine unkonventionellen Methoden. Gemeinsam müssen sie den Mord an einem türkischen Botschaftsmitarbeiter aufklären – und geraten zwischen die Fronten der türkischen und der italienischen Mafia, die ihre Kämpfe auf deutschem Boden ausfechten.

€ 13,00 [D], € 13,40 [A]
Erschienen am 30.11.2023
400 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-32014-6
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€ 10,99 [D], € 10,99 [A]
Erschienen am 30.11.2023
400 Seiten, WMePub
EAN 978-3-492-60448-2
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Leseprobe zu „Im Visier des Wolfs“

Prolog
Al-Azraq, Jordanien, vor drei Wochen

Er blickte auf das Zifferblatt seiner Armbanduhr. Zwanzig vor vier. Er war spät dran. Auf dem Souk pulsierte das Leben. Frauen und Männer wuselten zwischen den bunten Ständen und sandfarbenen Häusern umher, dazwischen Esel und Ziegen und Hühner. Es war laut, und es roch nach Gewürzen und gebratenem Fleisch. Hinter einem Stand aus trockenem Holz, das an vielen Stellen von der Sonne ausgebleicht war, sah er den alten Mann auf einem klapprigen Stuhl. Eine silberne Kanne dampfte auf einem Stövchen. Darunter glühte [...]

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Prolog
Al-Azraq, Jordanien, vor drei Wochen

Er blickte auf das Zifferblatt seiner Armbanduhr. Zwanzig vor vier. Er war spät dran. Auf dem Souk pulsierte das Leben. Frauen und Männer wuselten zwischen den bunten Ständen und sandfarbenen Häusern umher, dazwischen Esel und Ziegen und Hühner. Es war laut, und es roch nach Gewürzen und gebratenem Fleisch. Hinter einem Stand aus trockenem Holz, das an vielen Stellen von der Sonne ausgebleicht war, sah er den alten Mann auf einem klapprigen Stuhl. Eine silberne Kanne dampfte auf einem Stövchen. Darunter glühte Holzkohle.

Er trat an den Stand und deutete auf die Kanne.

„Shay“, sagte er.

Der alte Mann nickte knapp, erhob sich und goss Flüssigkeit in ein kleines Glas.

„Tafabdal“, sagte der Alte und zeigte auf ein Pöttchen mit Zucker. Der andere schüttelte den Kopf und legte ein paar Münzen auf die Theke. Wahrscheinlich zu viel für den Tee. Mit einer Handbewegung bedeutete er dem alten Mann, dass er kein Wechselgeld wollte.

„Shukran“, sagte der Alte mit einem knappen Lächeln. „Shukran djasiran.“

Der Tee löschte den Durst und schmeckte darüber hinaus ziemlich gut, nach Zimt, Kardamom und Nelke. Viele glauben, dass kalte Getränke an einem heißen Tag den Durst löschen, aber das stimmt nicht. Der plötzliche Temperaturunterschied regte das Schwitzen an, sodass man noch mehr Flüssigkeit verliert. Deswegen tranken die Araber lauwarmen Tee, um ihren Durst zu löschen. Seit jeher. Und das war eine sehr kluge Entscheidung.

Wieder ein Blick auf die Uhr. Er konnte gar nicht pünktlich sein. Na und? Das hier war verdammt noch mal Jordanien und nicht München, Hamburg oder Berlin. Hier wurde die Zeit anders gelebt. Weder besser noch schlechter. Nur anders.

Assr – das war der Zeitpunkt seines Treffens mit dem Kontaktmann. Nicht halb vier, sondern dann, wenn der Muezzin seinen dritten Gebetsruf des Tages vom Minarett auf die Gläubigen niederschmettern ließ. Unpräziser ging es kaum, denn anscheinend waren die Gebetszeiten der Willkür des örtlichen Imans unterworfen. Laut einer Tabelle im Internet hätte das Gebet hier um 15:24 Uhr beginnen sollen. Jetzt war es 15:42. Die Lautsprecher blieben stumm. Wieder schaute er auf die Armbanduhr und runzelte die Stirn. Irgendetwas stimmte nicht. Aber was? Er ließ seinen Blick über die Menschen um ihn herum wandern, suchte nach Auffälligkeiten. Jemanden, der an einer Hauswand lehnte, der verstohlen zu ihm herüberblickte, vielleicht in ein Mobiltelefon sprach. Oder eine Person, die wie zufällig an ihm vorbeiging, einen Moment zögerte. Hatte man ihn womöglich entdeckt? Trotz aller Sicherheitsvorkehrungen? Die Tickets für den Flug von KölnBonn-Airport nach Adana hatte er unter falschem Namen gebucht. Thomas Schmidt. Einen beliebigeren Namen konnte er sich kaum vorstellen. In Adana hatte er die Identität gewechselt, bevor er einen Last-Minute-Flug nach Jordanien genommen hatte. Hier nannte er sich nun Intikam.

Er blickte zur Veranda des Cafés. Das war der vereinbarte Treffpunkt. Sein Kontaktmann saß ruhig unter einem Baldachin aus verblichenem rotem Stoff. Sein Blick war auf das Minarett gerichtet. Intikam war sich nicht mehr sicher, ob die Willkür der Gebetszeiten am Imam oder an seinem Kontakt lag. Aber warum das ganze Theater? Warum hatte er so lange die Zeit totschlagen müssen? Um Demut zu beweisen?

Welchen Grund es auch immer gab, es war das Land des Kontaktmanns, und Intikam musste nach dessen Regeln spielen. Also hatte er geduldig sein müssen. Viel zu früh zu einem Treffen zu erscheinen, war unhöflich, ja, hätte ihm sogar als Schwäche ausgelegt werden können. Er bewegte sich jedoch in Kreisen, in denen das kleinste Anzeichen von Schwäche den Tod bedeuten konnte. Deshalb musste man Stärke zeigen. Und was war ein besserer Beweis dafür als Geduld? Geduld, die in einer staubigen, lauten und glühend heißen Umgebung auf die Probe gestellt wurde.

Endlich erklang der Ruf des Muezzins. Allahu Akbar. Gott ist größer und mit nichts zu vergleichen.

Intikam zog den dunklen Stoff des Turbans fester um seinen Kopf. Es war so heiß, dass die Luft flirrte, und so trocken, dass bei jedem Schritt der dunkle Sand aufgewirbelt wurde. Nun war endlich die Zeit gekommen, sich mit dem Kontaktmann zu treffen. Er stieg die zwei Stufen zur Veranda hoch. Der sonnengebleichte rote Baldachin spendete zwar Schatten, aber kühler war es darunter trotzdem nicht. Die Luft bewegte sich keinen Millimeter und roch wie ein Gemisch aus Pfefferminztee, Kaffee, lang getragener Kleidung und Schweiß. Trotzdem war die Terrasse gut besucht. Zumeist saßen Männer dort und tranken Tee. Er setzte sich an den Tisch, an dem sein Kontaktmann saß und an seinem Mokka nippte. „A Salam Aleikum.“

Im Aschenbecher glühte eine Zigarette. Vier zerdrückte Filter deuteten an, wie lange der elegante Mann mit den grauen Schläfen hier schon saß. Ohne Intikam zu beachten, zog er am Glimmstängel und blies den blaugrauen Rauch aus.

„Ich dachte, Rauchen wäre haram.“

Der Graumelierte neigte den Kopf. „Vieles ist haram, passiert aber trotzdem.“

„Auch, dass Sie gegen Vereinbarungen verstoßen?“, fragte Intikam. „Und ich möchte Sie daran erinnern, dass diese Bedingung von Ihnen kam.“

„Ich weiß nicht, was Sie meinen.“

„Keine Begleitung bei dem Treffen.“ Ihm war die Frau längst aufgefallen. Sie saß zwei Tische weiter und blickte uninteressiert dem Treiben auf dem Souk zu. Aber sie hatte auch in seine Richtung geblickt, als er bei dem alten Mann den Tee getrunken hatte. Wie zufällig zwar, aber zu lange, als dass es das hätte sein können. Ihr Gesicht verbarg sie hinter einem blauen Seidenschleier, den sie wie eine orientalische Schönheit trug, die sie wahrscheinlich auch war. Im Vorbeigehen hatte er nur ihre mandelbraunen Augen wahrgenommen und ihr schwarzes Haar, das unter dem Stoff hervorlugte.

„Sie sind ein guter Beobachter. Belassen wir es dabei.“ Er sagte dies in einem Tonfall, der jede weitere Frage zu diesem Thema nicht nur im Keim erstickte, sondern zu einer tödlichen Gefahr machte. Dann blickte er ihm direkt ins Gesicht. „Warum Jordanien?“

Intikam war auf diese Frage vorbereitet. Den ganzen Flug über hatte er sich die Worte zurechtgelegt. Worte, die einerseits schmeichelten und umwarben, aber andererseits nicht zu sehr. Denn wenn ein Mann wie der Graumelierte die Oberhand gewann, würde er sich alles nehmen, ohne etwas zu geben. Viel schlimmer wäre es allerdings, wenn er die Worte nicht ernst nehmen würde. Dann war der folgende Satz genauso wie Fragen zur Begleitung des Mannes ein selbst ausgesprochenes Todesurteil. Intikam hielt kurz die Luft an, bevor er sagte: „Weil es hier die besten Spione gibt.“

Ein knappes Lächeln huschte über das Gesicht des Mannes. Es war aber kein Ausdruck des Geschmeicheltseins. Es war ein wissendes und tiefgründiges Lächeln.

Das Lächeln eines Spions.

„Wissen Sie eigentlich, mit wem Sie hier spielen?“

Intikam antwortete nicht. Der jordanische Geheimdienst Da’irat al-Muchabarat al-Amma, kurz GID, gehörte für die westlichen Mächte zum wichtigsten Partner im Kampf gegen den islamistischen Terrorismus. Sie waren verdammt gut darin, eigene Leute in die Organisationen des Schreckens einzuschleusen, sei es in den Islamischen Staat Khorasan, die Ahrar al-Sham, oder wie sie alle hießen. Sie schafften das, weil sie gut darin waren, Informationen zu beschaffen.

Der GID gehörte jedoch auch zu den unverlässlichsten und gefährlichsten Partnern der westlichen Mächte. Aber was hatte ein großer Mann einmal gesagt? Wenn du gegen Löwen kämpfen willst, kommst du nicht mit einem Hamster als Freund vorbei. Wenn du gegen einen Löwen kämpfen willst, nimmst du dir einen Tiger als Freund.

Und der Da’irat al-Muchabarat al-Amma war ein Tiger.

Sie scherten sich nicht um Menschenrechtskonventionen oder Folterverbote, waren sich nicht zu fein für das dreckigste Geschäft. Intikam war das alles egal, sowohl der Ruf des Muchabarat als auch die Quelle der Informationen, die er für das, was er vorhatte, benötigte. Dafür war seine Mission zu wichtig. Er selbst war kein Spion und hatte auch nicht vor, einer zu werden. Er wusste nur, dass jordanische Spione nicht nur verdammt gut darin waren, Informationen zu beschaffen, sie waren darüber hinaus auch noch in der Lage, die weitreichenden Folgen einer jeden Entscheidung zu erkennen, und skrupellos genug, dies für den eigenen Vorteil zu nutzen.

Deswegen das verdammte Jordanien.

Intikam wischte sich den Schweiß von der Stirn. Der Graumelierte lehnte sich entspannt zurück und nippte an seinem Mokka. „Genießen Sie die Show“, sagte er in einem beiläufigen Tonfall.

Zuerst wusste Intikam nicht, was der Jordanier meinte, doch im nächsten Moment husteten altersschwache Dieselmotoren. Zwei Militärtransporter näherten sich und hielten quer auf dem Platz. Sofort spuckten die Ladeflächen Männer aus. Maskierte Männer in schwarzen Uniformen. Bewaffnete Männer mit grimmig entschlossenen Mienen. Drei offensichtliche Gefangene wurden von einer der Ladeflächen gestoßen. Sofort packten Hände zu und drückten sie auf die Knie. Hinter jedem baute sich ein Soldat auf und drückte seinen Pistolenlauf in den Nacken des vor ihm Knienden.

„Was passiert hier?“, flüstere Intikam, doch der Graumelierte antwortete nicht. Er zündete sich eine neue Zigarette an und beobachtete das Schauspiel genauso ungerührt wie die Frau zwei Tische weiter – abgesehen davon, dass sie lächelte, als ob ihr die Grausamkeit gefallen würde. Sie lächelte mit ihren Augen, denn den Schleier hatte sie nicht abgelegt. Die Augen sind Spiegel der Seele, sagt man. Intikam hatte nicht vor, herauszufinden, zu welchen Grausamkeiten die Unbekannte fähig war.

Mittlerweile hatten sich Schaulustige zusammengedrängt. Es war ungewöhnlich still, bis ein Mann hervortrat, der das Charisma eines Adlers hatte, die Bewegungen eines Panthers und das Auftreten eines Tigers. Er sprach Arabisch, aber sein Akzent trug die unverkennbare Härte Osteuropas. Intikam verstand nicht, was er sagte.

„Er fragt die Männer, was sie getan haben“, übersetzte der Graumelierte, als hätte er Intikams Gedanken gelesen. „Welche Schuld sie gegenüber Allah angehäuft haben. Er fragt, bei welcher Katiba sie gekämpft haben.“

„Wer sind die?“ Intikam deutete auf die bewaffneten Männer.

„Das ist die Abu-Hamza-Brigade. Elitekämpfer.“

„Und wer ist er?“

„Der Kommandeur? Jemand, dem Sie nie begegnen wollen.“

Drei Schüsse peitschten durch die Luft, und Intikam zuckte unwillkürlich zusammen.

„Die Scharia kennt nur eine Strafe für Verräter.“ Der jordanische Spion zog an der Zigarette. „Und Sie wissen nun, mit wem Sie spielen. Wollen wir weitermachen?“

Eine Antwort gelang ihm nicht, wohl aber ein Nicken. Unter normalen Umständen hätte er sich nie so weit herausgewagt. Es waren aber keine normalen Umstände. Sein Leben war zerrissen, das Schlimmstmögliche war passiert. Er hatte überlebt. Andere nicht. Und warum gerade sie nicht? Ausgerechnet sie! Das Bild, das sich dabei vor seinem inneren Auge formte, ließ seine Augen brennen. Doch er kämpfte die Tränen nieder. Nicht hier, nicht jetzt! Er musste hart bleiben, musste es einfach. Die Gegenwart zählte. Ob er eine Zukunft hatte? Die Frage stellte er sich immer und immer wieder. Wahrscheinlich nicht. Trotzdem rannte er weiter. Die Vergangenheit trieb ihn vor sich her, hinein in das unerträglich gewordene Jetzt. Er durfte nicht rasten, tat es für sie. Es schmerzte. Intikam ballte seine Hände unter dem Tisch zu Fäusten. Jeder normale Mensch wäre in dieser abgrundtiefen Trauer versunken. Aber er nicht, denn seine Seele glich einem zersprungenen Spiegel, den man wieder zusammenzusetzen versucht hatte. Wie der Spiegel erfüllte die Seele danach zwar ihren Zweck, doch die Wahrnehmung wurde durch die Narben verzerrt. Richtig und falsch verschmolzen zu notwendig. Und genau das war es, denn er wollte Rache.

Nicht umsonst nannte er sich Intikam.



Kapitel 1
Berlin, Deutschland, vor einer Woche

Akims Mobiltelefon klingelte. Eine Textnachricht über Takama. Dämlicher Name für einen Messenger. Trotzdem nutzte Akim ihn. Ende-zu-Ende-Verschlüsselung, und zwar die beste, die derzeit auf dem Markt war. Noch viel besser war, dass die Nachrichten nicht auf irgendeinem Server zwischengespeichert wurden. Einmal gelesen und gelöscht, war der Inhalt auch wirklich verschwunden. Man sagte, das Internet und das geschriebene Wort vergessen niemals. Aber Takama tat es. Endgültig. Wie das Nichts in dem Buch, das Akim seiner Tochter vorlas, bevor er sie zu Bett brachte. Bis sie das Buch durchgelesen hatten, konnte es noch dauern. Akim war abends selten zu Hause. Wie heute.

„Kannst du auch mal etwas anderes als dauernd arbeiten?“ Idras saß Akim gegenüber. Zwischen ihnen stand einer dieser Ungemütlichkeit versprühenden Tische mit roter Plastikplatte, auf der immer Majo oder scharfe Soße klebte, egal, wie häufig der Verkäufer die Platte abwischte. Auf dem Bildschirm links über dem Eingang des Dönerladens flackerte eine Fernsehsendung vor sich hin, irgendein Familiendrama aus Pakistan. Als wäre das nicht schon schlimm genug, hatte die türkische Produktionsfirma für alle Schauspielerinnen und Schauspieler dieselbe Synchronsprecherin eingesetzt. Trotzdem war es wie ein Unfall – Akim musste immer wieder zum Bildschirm blicken.

„Hallo? Jemand zu Hause? Ich rede mit dir“, sagte Idras.

„Iss deinen Döner und lass mich in Ruhe“, antwortete Akim. Er hörte selbst, wie gereizt er klang. War es wegen der Textnachricht, die er zwar noch nicht gelesen hatte, von der er sich aber denken konnte, wer sie geschickt hatte? Vielleicht schaute er auch deshalb immer wieder der Telenovela zu.

Idras biss in seinen Döner. Ein Stück Tomate tropfte zusammen mit der scharfen Soße auf seine Hand. Akim kannte niemanden, der einen Döner elegant essen konnte. Es sah immer so aus, als würde man ein Massaker anrichten, was eventuell daran lag, dass Dönertaschen einfach nicht dafür gemacht waren, elegant gegessen zu werden. Sie waren als schneller Snack für Nachtschwärmer konzipiert worden. Für Nachtschwärmer, die zu Hause vorgeglüht hatten. Dementsprechend war das Döner Castle brechend voll. Ein ungewohnter Anblick nach all dem, was in den letzten zwei Jahren passiert war.

„Verdammter Mist!“ Idras lutschte die Tomate mit der Soße von seinem Finger. Prompt purzelte ein Stück Fleisch auf die Tischplatte.

„Vielleicht solltest du aufgeben.“ Akim grinste. Er merkte, dass es ein falsches Grinsen war. Mit seinen Fingerkuppen strich er über das Display seines Smartphones.

„Jetzt guck schon.“ Idras legte die Teigtasche auf das Papierchen und wischte sich mit der Serviette die Hände und den Mund ab. „Scheint ja wichtig zu sein.“

Akim schüttelte den Kopf. „So wichtig auch wieder nicht.“

Eine Lüge. Er hatte mehrere Mobiltelefone. Eins, das ihm von seinem Arbeitgeber zur Verfügung gestellt worden war. Das war ein Kryptohandy. Die Nummer hierfür hatten nur wenige Menschen. Menschen mit Macht und Einfluss. Akim arbeitete in der türkischen Botschaft in Berlin als Berater. Wenn er also auf diesem Mobiltelefon kontaktiert wurde, war es wichtig. Sein zweites Mobiltelefon gehörte ihm. Das war für seine Familie und Freunde, zu denen auch Idras gehörte. Beim dritten Handy war er nicht mal als Anschlussinhaber eingetragen. Die Nummer war für all die Dinge, für die er in die Hölle kommen würde. Wie zum Beispiel die Kommunikation mit Isabella. Als er an sie dachte, kam ihm in den Sinn, dass die gerade erhaltene Textnachricht doch wichtig sein könnte. Aber Bella schlief um diese Zeit schon. Sie musste in der Woche früh raus, um zum Großmarkt zu fahren. Bella betrieb den italienischen Feinkostladen in der Nähe der Botschaft, wo Akim sie kennengelernt hatte. Kennengelernt und mehr … Er liebte die kleinen Dinge an ihr. Zum Beispiel, wenn sie ihr Haar kämmte. Stundenlang konnte er ihr dabei zusehen.

Nein, es war ganz sicher nicht Bella, die ihm geschrieben hatte. Es war die andere Sache. Allein daran zu denken, verursachte bei ihm Herzrasen. Trotz seiner Ausbildung und Erfahrung.

Er schwitzte.

Hatte er Angst?

„Geht es dir nicht gut?“, fragte Idras.

„Doch. Doch.“ Akim wischte sich mit der Serviette den Schweiß von der Stirn. „War ein bisschen viel Arbeit in der letzten Zeit.“

„Probleme mit den Kurden?“ Sein Freund grinste. Er hatte einen Fleischfetzen zwischen den Zähnen.

Akim nickte. „Hier möchte ich nicht darüber reden.“

„Schon klar.“

Vor zwei Monaten war eine türkische Militäroffensive in den nordirakischen Kurdengebieten gestartet. Der türkische Ministerpräsident Burim Haradini hatte der Weltöffentlichkeit dies als Schlag gegen den Terror verkauft. Grundsätzlich ein guter Plan, jedoch schaute die Weltöffentlichkeit allzu kritisch hin. Türkische Soldaten hatten zu Beginn der Offensive ein angebliches Terrorcamp angegriffen und dem Erdboden gleichgemacht. Jedoch entpuppte sich dieses Camp als Flüchtlingslager, in dem keine Terroristen, sondern Frauen und Kinder lebten. Die Folge waren scharfe internationale Kritik am Vorgehen der Türkei und wirtschaftliche Sanktionen seitens der Europäischen Union, die die türkische Wirtschaft destabilisierten. Ein erster Appell der türkischen Regierung, dass diese Sanktionen nicht den legitimen Kampf gegen den Terrorismus aufhalten, sondern nur die Bevölkerung an den Rand einer humanitären Krise bringen würden, verhallte ungehört. Danach tat der türkische Präsident das, was er am besten konnte. Er drohte. Nicht offen – dafür war er zu feige. Nein, er wies die EU darauf hin, dass er als NATO-Partner die europäischen Außengrenzen vor einem unkontrollierten Flüchtlingsstrom schützte, aber die anhaltende instabile Lage in seinem Land ihn dazu zwänge, die Soldaten bei den Unruhen im Inland einzusetzen. Soldaten, die dann bei der Grenzsicherung fehlten. Doch auch das half nichts. Der Präsident hatte einmal zu viel gedroht. Die EU hielt die Sanktionen aufrecht und verstärkte ihrerseits die Präsenz an den Außengrenzen, um den Flüchtlingsstrom aufzuhalten.

Alles in allem hatte sich zwischen der Türkei und der Europäischen Union die politische Eiszeit hierdurch weiter verschärft. Das wiederum wurde von Regierungskritikern, die seit dem letzten Putschversuch im Exil lebten, zur Regimekritik genutzt. Der Druck auf den Präsidenten wuchs. Diese Kritiker mussten zum Schweigen gebracht werden.

Genau damit hatte die Textnachricht zu tun.

Akim war nicht nur davon überzeugt, er wusste es.

Er war ein Teil davon.

Der Abspann der Telenovela lief. Jetzt musste eine Zusammenfassung des letzten Spieltags der Süper Lig kommen. Akim war Fan von Antalyaspor. Für die Mannschaft lief es nicht so gut in dieser Saison. Eigentlich lief es für die Mannschaft nie gut, aber das war egal. Akim mochte keine Erfolgsfans. Da konnte man ja gleich Fan des FC Bayern werden.

Aber der Opener der Sportschau blieb aus. Dafür flimmerte das Startbild der Nachrichten auf dem Bildschirm. Darunter wurde „Breaking News“ eingeblendet. Eine Sondersendung. Akim lehnte sich vor und hätte beinahe den Ärmel seiner Jacke mit scharfer Soße beschmiert.

„Was ist?“ Idras drehte seinen Kopf zum Fernseher.

Die Nachrichtensprecherin war grell geschminkt. Ein Trend unter Promis. Nicht schön, aber eben ein Trend. Ihre Lippen waren dunkelrot. Für ihn hatte eine türkische Frau nicht so auszusehen. Eine türkische Frau stellte sich nicht zur Schau. Eine türkische Frau hatte ein Kopftuch zu tragen.

„Wir unterbrechen unser Programm für eine Sondersendung“, sagte die Nachrichtensprecherin in die Kamera, dann blickte sie auf das Memoboard vor sich auf dem Tisch. „Den türkischen Medien liegen Berichte darüber vor, dass die Regierungskritikerin und Frauenrechtlerin Zeynep Ates vor einer Stunde in Barcelona auf offener Straße angegriffen worden ist. Anscheinend war sie auf dem Weg zu einer Pressekonferenz, als zwei Männer aus einem fahrenden Auto das Feuer auf sie eröffneten. Bisher sprechen die spanischen Behörden von mindestens einem Toten. Ates wurde in ein nahe gelegenes Krankenhaus verbracht, wo sie aktuell notoperiert wird. Über ihren Zustand schweigt sich die Polizei aus, jedoch heißt es aus Richtung des Krankenhauspersonals, dass ihr Zustand extrem kritisch sei. Erst vor einer Woche machte Ates mit ihrer Behauptung Schlagzeilen, dass die türkische Regierung hinter der kürzlich ausgebrochenen Gewalt unter verschiedenen Verbrechersyndikaten stünde, eine Behauptung, die sie bisher nicht mit Beweisen untermauern konnte. Eventuell hatten ihr Pressetermin am heutigen Tag und damit wohl auch der Anschlag auf ihr Leben damit zu tun. Ein Großaufgebot der Polizei ist im Einsatz. Die Fahndung blieb bisher jedoch erfolglos.“

„Ich glaube nicht, dass die Beweise vorlegen wollte“, sagte Idras.

„Wie kommst du darauf?“, fragte Akim.

„Für etwas, das es nicht gibt, kann es keine Beweise geben. Unsere Regierung hat es nicht nötig, mit solchen Mitteln gegen Kritiker vorzugehen.“

„Wahrscheinlich hast du recht.“ Akim hatte gar nicht mehr richtig zugehört. Seine Gedanken wanderten zu der erhaltenen Textnachricht. Jetzt war er sicher, dass die extrem wichtig war.



Kapitel 2
Tarifa, Spanien, am nächsten Morgen

Die letzte Nacht hatte Spuren hinterlassen. Lafdan Sadiku wischte den Wasserdampf vom Spiegel. Ein müdes und abgespanntes Gesicht starrte ihn an. Aber in dem Gesichtsausdruck lag noch etwas anderes. Stolz und Zufriedenheit. Warum auch nicht, dachte er sich. Man nahm schließlich nicht jeden Tag den Kopf eines international agierenden Drogenschmugglerrings fest. Dieses Gefühl, wenn endlich die Handschellen klickten, konnte niemand nachvollziehen, der die monatelangen und zähen Ermittlungen nicht mitgemacht hatte. Das war ein voller Erfolg. Zumindest war Lafdan davon überzeugt. Wenn man seine Vorgesetzten fragte, dann sah die ganze Sache schon anders aus. Wie immer.

So ein polizeilicher Einsatz war immer eine Herausforderung. Risiken mussten abgewogen werden, taktisches und strategisches Vorgehen geplant und auch Zeitpunkt und Ort sowie rechtliche Voraussetzungen und die Verhältnismäßigkeit bedacht werden. Bei einem Einsatz der European Crime Unit kamen noch weitere Aspekte hinzu, die nicht zu unterschätzen waren. Diplomatie und die strikte Einhaltung der Absprachen mit der örtlich zuständigen Polizei zum Beispiel. Daran hielt sich jeder Ermittler der ECU. Nur Lafdan nicht. Warum hätte er sich mit einem kleinen Fisch zufriedengeben sollen? Genau genommen waren es zwei kleine Fische: der zahnlose Murat und Hassan aus Tarifa. Ersterer war wahrscheinlich der einzige Mensch, der so wahnsinnig war, mit einer Fischerjolle die Straße von Gibraltar zu überqueren und Drogen aus Marokko in die EU zu schmuggeln, und Hassan war der Kurier auf europäischem Boden. Wenn es einen Kurier gab, dann gab es auch einen Abnehmer. Den großen Boss.

Lafdan blickte wieder in den Badezimmerspiegel. Nicht nur der Schlag gegen die internationale Drogenszene hatte Spuren hinterlassen, sondern auch das danach. Die After-Show-Party sozusagen. Wo gab es heutzutage so etwas noch? Nach all dem Scheiß der letzten Jahre?

Aber auf die Polizei war Verlass. Immer. In jedem europäischen Land. Wahrscheinlich galt das sogar für sämtliche Polizeidienststellen weltweit.

Nachdem er sich Wasser ins Gesicht gespritzt hatte, durchquerte er das Hotelzimmer und trat auf den Balkon, wo sich sofort Wärme auf seine nackte Haut legte. Er zündete sich eine Zigarette an. Der blaue Dunst kratzte in seiner Kehle. Er hustete trocken und setzte sich auf einen dieser ungemütlichen Plastikstühle.

„Ist das nicht ein Zeichen, dass du aufhören solltest?“ Die rothaarige Polizistin hatte sich offenbar geräuschlos aus dem Bett geschält und noch geräuschloser den Balkon betreten. Sie beugte sich über ihn. Er roch ihre Haut, Salz und Schweiß und Moschus mit einer nussigen Note. Sie spielte mit Lafdans Brustbehaarung, und als sie sich weiter vorbeugte, spürte er ihre kleinen, festen Brüste an seinem Rücken. Ihr Atem war heiß und verheißungsvoll. Lafdan hatte gestern bei der Festnahme dieses Drogenkuriers beobachtet, wie geschickt sie mit den Handfesseln umgegangen war. Deshalb hatte er sich bei der After-Show-Party einen Kommentar nicht verkneifen können.

„Kannst du damit auch andere Sachen?“, hatte er sie gefragt.

„Willst du es herausfinden?“, war ihre Antwort gewesen.

Keck und schlagfertig, ein wenig streng und dominant, so wie es Lafdan bei Frauen mochte. Er hatte noch nie auf die typische Rollenverteilung gestanden. Das war so antiquiert wie ein Festnetztelefon mit analogem Anschluss. Diese Einstellung zeigte er aber niemals im Dienst. Und auch die Nummer mit der Rothaarigen war nicht gerade Routine.

Never fuck the Company.

Ellen, sie hieß Ellen, rief er sich ins Gedächtnis.

Jedenfalls hatte Ellen ihn noch auf einen Absacker eingeladen. Tapas y Mas. Ein kleines Restaurant, wo der Name Programm war. Sie genossen Datteln im Speckmantel, gedünstete Champignons, gewürzte Lammkoteletts und Brot mit selbst gemachter Aioli, dazu einen trockenen Rotwein. Irgendwann hatte Ellen sich zu ihm herübergebeugt und gefragt, ob er sehen wolle, was sie noch so draufhätte. Lafdan hatte die Müdigkeit, verursacht durch die Anstrengungen der letzten Tage, in seinen Gliedern gespürt. Eigentlich wollte er nichts als einfach ins Bett fallen und schlafen. Es war spät. Oder ziemlich früh, je nachdem, wie genau man das mit den Uhrzeiten nach Mitternacht nahm.

Doch Ellen war genau so, wie er sie eingeschätzt hatte, sie nahm sich, was sie wollte. Während die Kellnerin kassierte, war Ellen aus einem ihrer Sneaker geschlüpft und hatte Lafdan mit ihrem nackten Fuß massiert. Ja, genau dort, wo es gefällt. Dabei hatte sie ihn unschuldig angeschaut. Er konnte sich kaum auf die Bezahlung konzentrieren und hätte schwören können, dass die junge Kellnerin etwas mitbekommen hatte. Ihr Grinsen sprach Bände. Eine halbe Stunde später hatte Ellen ihn mit ihren Handfesseln ans Bett gekettet.

„Und ich dachte, du wärst eher der Typ ›großer weißer Mann‹“, hatte sie ihm ins Ohr geflüstert.

„Dieser Typus Mann ist mit dem letzten Bond endgültig zu Grabe getragen worden.“ Lafdan hatte gekeucht, als Ellen ihm die Hand in den Schritt gelegt hatte. Und dann hatten sie sich geliebt, oder besser, sie hatte ihn geliebt, wie es ihr gefiel.

Und jetzt waren sie gemeinsam nackt auf dem Balkon des Hotels und genossen die Wärme. Wieder strich Ellen mit ihren Fingerkuppen über seine Brust und wanderte dann zur Schulter mit der Tätowierung. Ein Wolfskopf.

„Was soll das eigentlich?“, fragte Ellen.

„Ein Wolfskopf“, antwortete Lafdan lapidar.

„Das sehe ich. Aber hat er eine Bedeutung?“ Sie streichelte sanft seine Haut.

„Das bin ich“, sagte Lafdan. „Ich bin der Wolf.“ Er schluckte. Die Erinnerung daran lag schwer auf seiner Seele. Der Wolf, ein perfekter Jäger. Genau wie er selbst. Wenn er jemanden ins Visier genommen hatte, brachte er ihn zur Strecke. So wie der Wolf immer seine Beute erlegte. Nur einmal nicht. Ein verdammtes Mal. Lafdan wollte nicht daran erinnert werden. Er schob Ellens Hand vorsichtig zurück zu seiner Brust. Mit den Fingern stimulierte sie seine Brustwarze.

„Die Handschellen sind noch da, wo sie hingehören“, flüsterte sie ihm verführerisch ins Ohr.

„Streng genommen sind die dienstlich geliefert. Wenn dein Chef wüsste, was du damit …“

Sie lachte auf. „Er würde Schnappatmung kriegen.“

„Weil du sie als Sexspielzeug einsetzt?“

„Nein, er ist mein Onkel.“ Erneut lachte sie. Offenbar hatte sie Lafdan seine Überraschung angesehen. „Tu doch nicht so. Das hier ist eine Kleinstadt. Irgendwie sind wir alle miteinander verwandt.“

„Das erklärt einiges.“

Es dauerte, bis sie den Seitenhieb verstand, dann knuffte sie gegen Lafdans Oberarm. „Was soll das denn heißen?“

Er packte ihre Handgelenke und zog sie zu sich herunter. „Hast du gesehen, wie dein Onkel dich angesehen hat? Er hat zu schwitzen begonnen wie ein geiler Bock im Puff.“

„Jetzt hör aber mal auf.“

Während er sie küsste, streichelte er ihren muskulösen Bauch. Sie hatte fantastisch definierte Bauchmuskeln. Als er begann, mit seinen Fingern vom Bauchnabel aus tiefer zu wandern, spürte er Ellen erzittern.

„Hier können uns alle sehen“, sagte sie leise. Sie hatte schon Mühe zu sprechen.

„Na und?“, fragte Lafdan.

„Du bist nachher weg. Ich lebe hier.“

„Dann komm doch mit. Die ECU braucht immer gute Leute.“

Statt ihm eine Antwort zu geben, packte Ellen seinen Nacken und küsste ihn intensiv. Lafdan hatte mit ihr gestern beim Essen darüber gesprochen. Zuerst hatte sie interessiert gewirkt, schien sich vielleicht sogar ein wenig geehrt zu fühlen, doch dann hatte sich plötzlich etwas dazwischengeschoben, das sich wie ein nasses und muffiges Handtuch anfühlte. Die Stimmung war gekippt und damit beinahe der Rest des Dates. Offensichtlich war es dann doch anders gekommen. Lafdan war nur nicht klar, ob es an ihm oder an ihr gelegen hatte. Jetzt hatte er das Thema erneut aufgegriffen. Dieses Mal wurde die Stimmung nicht verdorben. Aber darüber reden wollte Ellen auch heute nicht. Mit einem Kuss brachte man Menschen zum Schweigen. Manchmal tat es auch ein Schlag in die Fresse. Ellen wählte zum Glück die erotischere Variante.

Sein Mobiltelefon spielte den Imperial March. So wusste Lafdan, dass das absolut Böse anrief. Sein Führungsoffizier. Er schob Ellen etwas von sich – eine Bewegung, die sich unendlich schwer anfühlte.

„Da muss ich gleich zurückrufen“, sagte er.

Enttäuschung und Frustration waren deutlich in ihr wunderschönes Gesicht geschrieben.

„Wirklich?“, fragte sie.

Er nickte. „Es gibt Dinge, über die sogar ich mich nicht hinwegsetze. Die sind rar gesät, aber dies gehört dazu.“

Das Klingeln hörte auf. Lafdan sah wehmütig zum Bett hinüber. Die Handschellen hingen noch an einem der Bettpfosten. Trübsinnig dachte er daran, was Ellen alles Spannendes mit einem wehrlosen Mann anstellen konnte. An das, was sie mit ihm gemacht hatte.

„Nachdem du gegangen bist“, flüsterte er schließlich.

„Ich verstehe“, sagte sie.

Ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen, sammelte sie ihre Jeans, das enge Bandshirt und ihre Chucks zusammen. Sie zog sich wortlos an. Lafdan blickte ihr hinterher.

„Ich melde mich“, sagte er.

„Sicher tust du das.“ Sie zog die Hotelzimmertür hinter sich zu.

Weiter von völliger Überzeugtheit hätte Ellens letzter Satz gar nicht sein können. Dementsprechend war Lafdans Laune, als er das Mobiltelefon nahm und sich aufs Bett setzte, um zurückzurufen.

„Rosenberg?“, ertönte eine schroffe Stimme.

Die Ermittlerteams bei der European Crime Unit bestanden aus einem Offizier oder einer Offizierin und bis zu fünf weiblichen und männlichen Ermittlern. Meist waren es jedoch nur drei. Nur wenn jemand neu im Führungsgeschäft war, bekam er oder sie erst mal nur einen Ermittler zugeteilt. Rosenberg war jedoch ein alter Hase und führte die Höchstzahl an Ermittlern. Nur leider bedeutete, ein alter Hase zu sein, nicht, etwas von dem zu verstehen, was man machte.

Lafdan hatte in seinem Leben noch nie einen technokratischeren und entscheidungsunwilligeren Menschen getroffen als Adas Rosenberg. Für ihn zählte nur, dass die Ermittlungen so schnell wie möglich vom Tisch waren, und wenn sie länger dauerten und kompliziert wurden, verwendete Lafdans Vorgesetzter alle Mühe darauf, bloß nicht in die Verantwortung genommen zu werden. Beides ging in diesem Geschäft nicht. Die ECU verfolgte Europa umspannende Schwerstkriminalität von organisierten Banden bis hin zu Terrornetzwerken. Bei der albanischen Polizei hatte Lafdan mehr als zehn Terroristen festgenommen. Eins hatte er dabei gelernt: Ermittlungen in diesem Bereich waren etwas anderes als Ermittlungen bei Sachverhalten wie: A schlägt B wegen C. Niemand auf dieser Welt bekam einen Terroristen oder Schwerstkriminellen auf einem silbernen Tablett serviert. Das aber war die Vorstellung von Adas Rosenberg.

Alles in allem ein sehr unangenehmer Mensch.

„Sie hatten angerufen“, sagte Lafdan.

„Warum sind Sie nicht sofort rangegangen?“

Das war typisch für Rosenberg. Lafdan dachte nicht mehr darüber nach. Es lohnte sich nicht, sich über diese völlige soziale Inkompetenz aufzuregen.

„War kacken“, sagte Lafdan. „Wenn ich gewusst hätte, dass Sie das interessiert, hätte ich ein Beweisfoto gemacht.“

Innerhalb der ECU war es ein offenes Geheimnis, dass sich die Männer nicht mochten. Warum also so tun als ob?

Adas Rosenberg erwiderte nichts, wie immer, wenn etwas aus seiner Sicht schiefgelaufen war.

„Was fällt Ihnen eigentlich ein?“, sagte er schließlich.

„Um was geht es hier?“ Lafdan wusste es, zumindest glaubte er, es zu wissen.

„Tarifa. Das war ein einfacher Auftrag.“

„Den ich vollständig erledigt habe.“

„Vollständig erledigt?“ Die Stimme seines Vorgesetzten nahm schon beinahe einen hysterischen Unterton an.

„Was haben Sie eigentlich?“ Das war Öl ins Feuer. Lafdan goss nach. „Meine Arbeitsweise war mehr als effizient.“

„Wenn Sie damit meinen, einen Drogenkurier kurz vor dem Zugriff der Guardia civil zu warnen, damit er flüchten kann, sprechen wir von der gleichen Sache. Aber sprechen wir immer noch über das Gleiche, wenn ich Ihnen erzähle, dass infolge dieser Flucht mehrere Polizisten zum Teil schwer verletzt und unzählige Passanten und Touristen erheblich gefährdet wurden? Oder wenn ich anmerke, dass unser Verdächtiger von zwei Schlägern beinahe umgebracht wurde? Und das unter Observation der Polizei. Was glauben Sie, wer Sie sind?“ Adas Rosenberg schnaubte.

„Ich finde, Sie steigern sich da in etwas rein“, sagte Lafdan so ruhig er konnte. Aber innerlich brodelte es.

„Ich tue was? Das schlägt dem Fass den Boden aus!“

Lafdan überlegte kurz. „Ich habe den Don geliefert.“

Dieser Satz schwebte eine ganze Weile zwischen ihnen, und es dauerte, bis Lafdan endgültig verstand. Darum war es die ganze Zeit nicht gegangen. Es war nicht einmal um diesen Hassan gegangen, geschweige denn um den zahnlosen Marokkaner. So eine Kleinstadt wie Tarifa lebte vom Tourismus. Es war wie bei einem alternden Filmstar. Um weiter lukrative Aufträge zu bekommen, musste mehr und mehr investiert werden. Erst mehr Sport und mehr Zeit für Körperpflege, dann Geld für Schönheitsoperationen und Botox-Spritzen. Tarifa investierte Geld, um bei den Surfern und Kitern hip zu sein oder es zu bleiben. Dieses Geld musste natürlich irgendwoher kommen. Und es musste auch noch etwas Gewinn für die notorischen Gierhälse übrig bleiben. Es ist keine Überraschung, dass bei den meisten Firmenangeboten ein Obolus für schmierige Hände eingerechnet ist. Und wer konnte dafür besser geeignet sein als der Sohn eines reichen Unternehmers aus Madrid? Miguel Villa hatte sich hier mit Papis Geld eine kleine Existenz aufgebaut. Das Heaven’n Sky lag etwas außerhalb und war der Club hier. Sogar die New York Times hatte bereits mit wohlwollenden Worten über die Disco berichtet. Dass all dies nur eine glitzernde Fassade für noch lukrativere Geschäfte war, ließ Lafdan nachdenklich werden. Solche Menschen wie Miguel Villa verdienten an einem Tag mehr als Lafdan in einem Jahr. Warum, verdammt, bekamen solche Menschen den Hals nicht voll? Warum reichten die Gewinne dieser Disco nicht aus? Warum mussten es Drogen sein? Abenteuerlust? Langeweile? Geltungssucht? Wahrscheinlich Letzteres, denn Miguel finanzierte hier beinahe alles. Den örtlichen Fußballverein, den Surfladen mit Brettverleih, ein oder zwei Restaurants. Lafdan stutzte. Was hatte Ellen gesagt? Das hier ist eine Kleinstadt. Irgendwie ist hier jeder mit jedem verwandt. Was meinte sie damit? Schmierte Miguel auch die örtliche Polizei? War das der Grund für Ellens Traurigkeit, die er gespürt hatte, als das Gespräch auf die ECU gekommen war? War das der Grund, warum sie sich mit ihm eingelassen hatte? Zwischen ihr und ihm lagen mindestens fünfzehn Jahre, eher fast zwanzig. Lafdan redete sich ein, dass es an seinem Aussehen lag. Grau melierte Schläfen wirkten anziehend auf junge Frauen, zumindest wenn sie Männer suchten und nicht an vorlauten Jungs interessiert waren. Außerdem war Lafdan gut in Form. Sein Körper war drahtig und durchtrainiert. Er hatte Kraft, ohne ein Muskelberg zu sein.

Ellen jedoch war beinahe perfekt. Aber gerade dieses „beinahe“ machte sie noch anziehender. „Beinahe“ bedeutete in ihrem Fall interessant. Niemand konnte Abziehbilder erotisch finden.

Alles, was Lafdan in die Waagschale werfen konnte, reichte nicht annähernd für das, was zwischen ihm und ihr in dieser Nacht passiert war. Es musste etwas anderes sein.

„Sie wollten gar nicht ihn“, stellte Lafdan trocken fest.

Rosenberg schnaubte. „Der Polizeichef von Tarifa hat offiziell Beschwerde bei der Europäischen Union eingereicht. Auf der einen Seite dankt er uns für die Unterstützung bei den Ermittlungen gegen einen europaweiten Drogenhändlerring, aber auf der anderen Seite missbilligt er scharf Ihre Methoden.“

„Was sagt der Alte?“

Mit „der Alte“ war Matarella gemeint, der Leiter der European Crime Unit und ein Mann, den Lafdan respektierte. Es gab nicht viele Menschen, denen er Respekt zollte, aber Matarellas Meinung war Lafdan wichtig.

„Er hat sich noch nicht geäußert“, antwortete Rosenberg. „Doch ich habe eine Entscheidung getroffen. Vielleicht wird Ihnen die sogar gefallen.“ Wieder eine dieser bedeutungsschweren Pausen. Glaubte Adas Rosenberg wirklich, Lafdan wäre gespannt auf die folgenden Worte? Glaubte sein Vorgesetzter wirklich, Lafdan wüsste nicht, was die lange überfällige Konsequenz seines Handelns war? Es war nicht das erste Mal, dass eine Staatspolizei seine Ermittlungsmethoden beanstandete, sich beschwerte oder sie, wie in diesem Fall, auf politischer Ebene scharf kritisierte. Es war auch nicht das erste Mal unter Rosenbergs Führung. Ganz sicher aber das letzte Mal.

„Ich habe ersucht, dass Sie einem anderen Führungsoffizier zugeteilt werden. Ganz ehrlich, ich habe die Schnauze von Ihnen und Ihren Eskapaden voll.“

„Das war’s?“, fragte Lafdan trocken.

„Nein. Bis zur Entscheidung sind Sie von Ihren Aufgaben als Ermittler der ECU entbunden. Sie haben quasi bezahlten Urlaub. Ich hätte eine Suspendierung favorisiert.“

Der Unterschied zwischen einer Entbindung von den Dienstgeschäften und einer Suspendierung lag einzig und allein darin, dass bei einer Suspendierung keine Soldzahlungen erfolgten. Eine Suspendierung wurde immer dann ausgesprochen, wenn das Ziel der internen Ermittlungen die Entfernung aus dem Dienst war. Das hätte Lafdan bei der in der Nacht abgezogenen Nummer durchaus passieren können, aber irgendjemand hielt seine schützende Hand über ihn. Die Frage war nur, wie lange das noch so weiterging.

„Haben Sie zugehört?“ Rosenbergs Stimme riss Lafdan aus seinen Gedanken. „Hören Sie, was ich gesagt habe? Das hier wird der letzte Warnschuss sein. Noch so ein Ding und Sie sind raus.“

Raus zu sein, bedeutete in diesem Fall nicht die endgültige Entfernung aus dem Polizeidienst, sondern die Beendigung der Abordnung zur European Crime Unit. Der betreffende Beamte kehrte dann in den Polizeidienst seines Heimatlandes zurück, in Lafdans Fall zur Sondereinheit für Bekämpfung der Organisierten Kriminalität in Albanien, deren Leiter er gewesen war, bevor er zur ECU kam. Vom Leiter einer Spezialeinheit zum Ermittler. Man brauchte nicht viel Fantasie, um zu begreifen, dass sein Wechsel nicht ganz freiwillig erfolgt war.

Für Lafdan Sadiku gab es viele Gründe, nicht mehr nach Albanien zurückzugehen. Doch ein Grund wog am schwersten.

„Ich habe es gehört“, sagte er mit rauer Stimme.

„Und auch verstanden?“

„Ich wünsche Ihnen viel Glück mit dem neuen Teammitglied.“

Lafdan beendete das Gespräch und warf das Mobiltelefon auf die Matratze, wo es zwischen den zerwühlten Laken versank. Die Handschellen hingen immer noch am Bettpfosten. Ellen musste sie vergessen haben. Lafdan dachte über die letzten Minuten nach. Über Minuten, die er besser anders verbracht hätte. Wieder dachte er an Ellen.

Ob er ihr die Handschellen bringen sollte?

Auf dem Weg zum Badezimmer streckte er sich und krallte sich mit den Fingern am Türrahmen fest. Er machte einen Klimmzug. Schon jetzt schmerzten seine Fingerkuppen. Er machte den zweiten Klimmzug, den dritten. Weiter, immer mehr. Bis seine Oberarmmuskeln vor Übersäuerung schmerzten und er seine Fingerkuppen kaum noch spürte. Noch mehr. So lange, bis er keine Kraft mehr hatte und hart auf dem Boden aufschlug. Sein Atem ging keuchend. Ihm war schlecht. Unweigerlich würgte er und übergab sich auf den Boden. Der säuerliche Gestank stieg ihm in die Nase. Er drehte sich auf den Rücken, spürte die Kühle des Bodens in seinen aufgeheizten Körper kriechen. Die Kälte beruhigte ihn. Er atmete langsamer. Gleichmäßiger. Als er aufwachte, war es schon wieder dunkel. Er erhob sich. Mit zittrigen Knien schleppte er sich ins Bad. Die Kotze wischte er mit Klopapier weg, das er die Toilette hinunterspülte. Danach sank er aufs Bett. Sein Handy zeigte fünf Anrufe in Abwesenheit. Keiner war von Ellen. Warum auch? Er hatte sie herauskomplimentiert, außerdem war es nur eine Nacht gewesen. Trotzdem hatte er es irgendwie gehofft. Und wenn es aus dem einzigen Grund war, dass sie ihre Handschellen zurückbekam.

Lafdan rollte sich auf die Seite und schlief wieder ein. Am nächsten Morgen packte er seine Sachen. Seine Zeit in Tarifa war abgelaufen. Trotzdem fuhr er einen Umweg, an der Polizeistation vorbei. Hatte er wirklich geglaubt, dass er dort zufällig Ellen treffen würde, war er ein Narr.

Er war einer. Nicht nur deshalb, sondern auch, weil Lafdan feststellen musste, dass ihm etwas an der jungen Frau lag. Warum auch nicht? Manchmal traf man Menschen und schloss sie sofort ins Herz. Das waren Begegnungen, bei denen man alle Mächte des Schicksals verfluchte, weil man diesen Menschen nicht früher getroffen hatte. So wie es ihm nun bei Ellen ging. Und ihr, ging es ihr genauso? Er dachte kurz nach und entschied, dass er hier und jetzt keine Antwort darauf bekommen würde, selbst wenn er sie träfe. Zuneigung machte so herrlich verletzlich.

Und er hatte eine zweite Chance. Ellens Handschellen steckte er in seine Manteltasche. Vielleicht ergäbe sich eine Gelegenheit. Die Chance, dass Ellens und seine gemeinsame Geschichte hier nicht endete.

Mark Fahnert

Über Mark Fahnert

Biografie

Mark Fahnert, Jahrgang 1973, ist seit 1990 bei der Polizei. Mehrere Jahre ermittelte er verdeckt als szenekundiger Beamter, bevor er bei der Autobahnpolizei im rasanten Einsatz seinen Dienst versah. Heute befasst er sich mit politisch und religiös motivierten Delikten. Durch seine lange und...

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„Der Autor, selbst als Polizeibeamter im Staatsschutz, nutzt seine Erfahrungen mit erstaunlichem politischem Weitblick und erzählerischer Fantasie.“

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