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Gelegenheit macht LiebeGelegenheit macht Liebe

Gelegenheit macht Liebe

Lovestories

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Gelegenheit macht Liebe — Inhalt

Herrlich romantische, aber auch bissige und zum Teil mörderische Kurzgeschichten zum Thema »Liebe« - von Gaby Hauptmann, Kim Schneyder, Katrin Tempel, Susanne Mischke, Martina Kempff, Nicola Förg, Gisa Pauly, Heidi Hohner, Blanca Imboden, Mina Wolf, Katharina Gerwens und Nicole Joens

 

Ein milder Herbstabend, ein rauschendes Fest, ein samtäugiger Verehrer. Und plötzlich ist es da, dieses Kribbeln im Bauch. Der Beginn einer großen Liebe? Oder doch nur der Anfang vom Ende mit Kummer und Tränen? Die Lovestories in diesem Buch erzählen von den aufregenden, romantischen und manchmal auch dunklen Seiten der Liebe...

 

»Endlich einmal eine Geschichtensammlung zum schönsten Thema der Welt.«, Freie Presse

Erschienen am 02.01.2018
Herausgeber: Gaby Hauptmann
256 Seiten
ISBN 978-3-492-50060-9
Erschienen am 02.01.2018
Herausgeber: Gaby Hauptmann
256 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-98415-7

Leseprobe zu »Gelegenheit macht Liebe«

Martina Kempff

Umwege

 

Ihr Leben war ein einziger Irrtum. Falsche Männer, falscher Beruf, falsche Schuhe. Und jetzt hatte sie auch noch den falschen Zug genommen. Cleo Vivianis warf einen bösen Blick auf die Fenster der Werbeagentur im zweiten Stock und schickte dann das winzige Steinchen hinterher, das schon seit Stunden ihren linken kleinen Zeh malträtiert hatte. Sie hatte sich in der Zeit geirrt. Zwei Stunden Verspätung hatten der Agentur genügt, um die freie Stelle mit einer anderen Kandidatin zu besetzen.

Eine Woche lang hatte Cleo an ihrer Mappe [...]

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Martina Kempff

Umwege

 

Ihr Leben war ein einziger Irrtum. Falsche Männer, falscher Beruf, falsche Schuhe. Und jetzt hatte sie auch noch den falschen Zug genommen. Cleo Vivianis warf einen bösen Blick auf die Fenster der Werbeagentur im zweiten Stock und schickte dann das winzige Steinchen hinterher, das schon seit Stunden ihren linken kleinen Zeh malträtiert hatte. Sie hatte sich in der Zeit geirrt. Zwei Stunden Verspätung hatten der Agentur genügt, um die freie Stelle mit einer anderen Kandidatin zu besetzen.

Eine Woche lang hatte Cleo an ihrer Mappe gearbeitet. Acht Stunden hatte die Anreise gedauert. Als sie in der Agentur eingetroffen war, hatte man ihr weder Stuhl noch Kaffee angeboten. Während sie mit gekrümmten Zehen das Steinchen im Schuh umzulagern versucht hatte, war sie von der Sekretärin mit ein paar dürren Worten abgefertigt worden.

 

Im Internetcafé auf der gegenüberliegenden Straßenseite bestellte sie einen Kaffee und rief ihre E-Mails ab. Jetzt, da sich der Traum von der Festanstellung in der Werbeagentur als ebensolcher erwiesen hatte, durften ihr keine Aufträge durch die Lappen gehen. Bloß nicht wieder aus Versehen ein Angebot als Spam wegklicken!

Der Irrtum bestimmt mein Leben, dachte Cleo. Es hatte achtunddreißig Jahre zuvor ja schon mit einem begonnen. Ihre Eltern, damals gerade erst aus Griechenland nach Lübeck gezogen, sprachen kein Wort Deutsch und waren auf die Übersetzerdienste eines griechischen Studenten in der Nachbarschaft angewiesen. Dieser war ins Stottern geraten, als er seinen Landsleuten die Diagnose des Arztes mitgeteilt hatte: Zoe Vivianis werde nur dieses eine Kind bekommen können, kein weiteres mehr. Aus eigenem Antrieb fügte der junge Grieche einen Satz hinzu: »Der Arzt ist sicher, dass es ein Junge sein wird.«

»Selbstverständlich!«, nickte der werdende Vater.

Als die Geburtshelferin nach dem Kaiserschnitt den Säugling hochhielt, rief die Mutter: »Klaiw!«, und brach in Tränen aus.

Die Geburtshelferin nickte, trug in die Akte den Vornamen Cleo ein und war nicht überrascht, dass auch der Vater wenig später die gleichen Laute von sich gab und ebenfalls herzzerreißend weinte. Gefühlsausbrüche bei Geburten waren normal und im Süden vielleicht ein wenig heftiger, dachte die Hebamme. Sie bedauerte, dem Paar nicht in seiner eigenen Sprache gratulieren zu können. Hätte sie diese aber verstanden, wäre Cleo mit einem anderen Namen durchs Leben gegangen.

Der Ausruf ihrer Mutter bedeutete schlicht »Ich weine!«, und die Tränen galten dem Geschlecht des einzigen Sprösslings, der ihr je vergönnt sein würde. Als wenig später der griechische Student erschien, bat ihn der untröstliche Vater, die mit der Geburt eines Kindes verbundenen Behördengänge zu übernehmen, und unterschrieb tränenblind die entsprechenden Papiere.

Zum Eklat kam es, als die Eltern wenige Tage später dem Studenten mitteilten, das Kind solle zu Ehren der Mutter des Mannes Efrossini genannt werden. Dem Studenten dämmerte die Entstehungsgeschichte des Namens, den er beim Standesamt angegeben hatte. Eilig wies er darauf hin, dass Cleo – mit Epsilon geschrieben – ein ausgezeichneter Name für ein Einzelkind sei, da dies ruhmreich bedeute. Er zitierte Cicero: »Von des Lebens Gütern allen ist der Ruhm das höchste doch, wenn der Leib zu Staub zerfallen, lebt der große Name noch«, und setzte leise hinzu: »Denken Sie an Cleopatra!«

»Sie wird Efrossini heißen!«, schrie der Vater.

»Dieser Name ist in Deutschland nicht zugelassen«, gab der Student zu bedenken, dem vor weiterem Warten in deutschen Amtsstuben graute.

»Was? In Deutschland ist es nicht zugelassen, die eigene Mutter zu ehren? Ich rufe sofort die griechische Botschaft an!« Fluchend verließ er das Gebäude.

»Eigentlich gefällt mir Cleo ganz gut«, sagte Zoe Vivianis. Der Student nickte zustimmend. Er hatte bisher keine griechische Frau getroffen, die am Namen ihrer Schwiegermutter hing.

»Es wird für Ihren Mann nicht leicht sein, die Papiere zu ändern. Wir sind schließlich in Deutschland«, sagte er. »Nur wenn sich die Botschaft einschaltet…«

Zoe winkte ab.

»Der ruft doch nicht die Botschaft an! Er ist in die Kneipe gegangen, um sich zu betrinken. Und wenn ihn morgen Kopfschmerzen plagen, wird ihm egal sein, wie seine Tochter heißt.«

 

Noch Jahre später schloss Cleo die Geburtshelferin und den Studenten in ihre Nachtgebete ein, dabei jedes Mal leicht erschauernd, dass sie um Haaresbreite dem Schicksal entgangen war, als Efrossini, oder schlimmer und wahrscheinlicher als Frosso in der norddeutschen Kleinstadt leben zu müssen, in die ihre Familie wenig später gezogen war.

Der Irrtum, mit dem ihr eigenes Leben begonnen hatte, war längst nicht der einzige, der die Familiengeschichte kennzeichnete. Über den ersten und größten Irrtum wurde bei den Vivianis so laut geschwiegen, dass er nie der Vergessenheit anheimfallen konnte. Dimitri Vivianis, letzter Sohn einer kinderreichen Familie in einem kleinen griechischen Dorf, wurde nach dem Tod seines Vaters das uninteressanteste Stück Land zugeteilt: Acht Hektar direkt am Meer – eine kleine Katastrophe. Ein vernünftiger Mensch konnte gar nicht auf die Idee kommen, dort etwas anzubauen oder gar ein Haus zu errichten. Alles im Dunstkreis der salzhaltigen Luft war der Zerstörung ausgesetzt. Dimitri weinte vor Glück, als ihn ein deutscher Gast für ein paar Tausend Mark von dem wertlosen Stück Land befreite. Er weinte zwei Jahre später wieder, als das Touristenzentrum Form anzunehmen begann.

Wegen seiner Dummheit hatte er im Dorf das Gesicht verloren. Im Wechsel schmiedete er Rache- und Auswanderungspläne, beschloss beide miteinander zu verbinden, nach Deutschland zu gehen und dort den Deutschen das Geld abzunehmen. Wie leicht das ging, hatte er von Nachbarn gehört, die stolz Waschmaschine, Fernseher und Kühlschrank vorzeigten, finanziert vom in Germania arbeitenden Sohn Jorgos. Das Glück winkte Dimitri. Die Fabrik, in der Jorgos arbeitete, wollte auch ihn einstellen. Er regelte seine Angelegenheiten in Griechenland, heiratete Zoe und zog mit ihr in das Land jener Leute, die aus ihm unerfindlichen Gründen ihre Sommerhäuser am Mittelmeer ausgerechnet zur kalten und windigen Seeseite hin mit riesigen Fenstern ausstatteten.

Cleos Vater wäre an den vielen Irrtümern, denen er bereits erlegen war, wahrscheinlich zerbrochen, hätte ihre Mutter nicht all die Kraft aufgeboten, zu der nach Cleos Ansicht nur Frauen fähig waren, denen man nichts zutraute. Zoe beschloss, die Familie zu ernähren. Sie überredete Dimitri, die schlecht bezahlte und eines freien Mannes unwürdige Arbeit in der Fabrik aufzugeben und mit dem letzten Rest des Geldes aus dem nie wieder erwähnten Tauschhandel die Pacht für eine griechische Taverne zwischen Lübeck und Kiel anzuzahlen.

Zoes Moussaka rettete die Familie und Dimitris Stolz. Und schon bald lockten seine Tanzkapriolen zu später Stunde sogar noch mehr Gäste ins Lokal als die Kochkünste seiner Frau. Die Deutschen, die sich auf seinem einstigen griechischen Eigentum in der Sonne aalten, sehnten sich nämlich in der nördlichen Kälte nach der entspannenden Atmosphäre ihres Urlaubslandes. Endlich konnte auch Dimitri fern der Heimat aus dem Tourismus Kapital schlagen. Jede Mark, die in die Kasse floss, stillte etwas von seiner Rache. Hoch erhobenen Hauptes kehrte er mit seiner Frau ein Vierteljahrhundert nach seiner Auswanderung in sein Heimatdorf zurück, kaufte die Strandtaverne auf seinem ehemaligen Grundstück und ließ sich gefallen, dass ihn die Dorfbewohner nur noch O Germanos – der Deutsche – nannten. Ein Irrtum, mit dem er leben konnte.

»Halte fest, was dir gehört!«, war seitdem einer der Lieblingsaussprüche von Cleos Vater. Natürlich erwähnte er nie, weshalb sich seiner Meinung nach die meisten Entscheidungen als Irrtümer entpuppten und man dem Leben daher besser einfach seinen Lauf lassen sollte. Abwarten und Ouzo trinken. Das vermeide irrende Umwege.

Sie sollte ihren Eltern schreiben, dachte Cleo. Sie überprüfte ihre Privatmails und klickte auf die Nachricht einer alten Schulkameradin: die seitenlange Schilderung einer Trekkingtour ins Innere Asiens, die einem Scheidungskrieg gefolgt war und der Schreiberin endlich das Glück der Ungebundenheit vor Augen geführt hatte.

»Umwege«, murmelte Cleo befriedigt, und beim nächsten Satz blieb ihr Herz stehen.

Stell dir vor, Cleo, Viktor Damian ist jetzt berühmt geworden! Wer hätte das von dem mickrigen Kerlchen erwartet. Du kanntest ihn damals doch besser, oder?

Viktor Damian.

Cleos Herz schlug schneller. Sie lehnte sich zurück, schloss die Augen und konzentrierte sich ganz auf ihren Atem. »Nur ein Name, nur ein Name«, murmelte sie leise vor sich hin. Sie drückte die Hände an die Brust. Wie konnte das Eisengitter, das sie vor so vielen Jahren um ihr Herz gelegt hatte, beim bloßen Anblick eines Namens zu zerspringen drohen? Jenes Eisengitter, das ihre Hoffnungen, ihren Lebenstraum fest umschlossen hielt? Mit ihrem Atem verankerte sie es wieder und öffnete die Augen. Verwirrt starrte sie auf die große Uhr des Internetcafés. Unmöglich, dass sie sich eine halbe Stunde lang mit der Lektüre des Urlaubsberichts beschäftigt hatte, und unmöglich, dass sie so lange mit geschlossenen Augen vor dem Bildschirm gesessen haben sollte.

»Ist Ihnen nicht gut? Möchten Sie ein Glas Wasser?«

Der Betreiber des Internetcafés legte eine Hand auf ihre Schulter. Cleo zuckte zusammen.

»Alles in Ordnung«, sagte sie. »Schlechte Nachrichten bekommen? Shit happens.«

»Ein Glas Wasser wäre gut«, sagte Cleo, um ihn loszuwerden.

 

Er hat gerade einen Preis für den besten Videoclip des Jahres erhalten, las Cleo weiter, eine tolle Laudatio! Schau sie dir mal selber an!

Cleo klickte auf die angegebene Website. Als kreativster Kopf der Videoclip-Branche habe Viktor Damian diesen Preis eigentlich schon lange verdient, hieß es dort. Auch seine schwarz-weiß gedrehten Kurzfilme mit ihren geheimnisvollen Botschaften und der unheilschwangeren Atmosphäre haben schon seit Jahren Kultstatus. Vergänglichkeit ist sein Thema, der vergebliche Versuch des Menschen, auch nur einem Aspekt seines Lebens – sei es Liebe, Nahrung, Körper, Gegenstand oder Gefühl – Haltbarkeit abzugewinnen.

Er hatte sich also nicht geändert. Wehmütig lächelnd entsann sich Cleo der Fotos von zerrupften Vögeln, verrottetem Obst, Schlachtabfällen und Eiterpickeln in Großaufnahme. Er ist seinen Weg konsequent weitergegangen, hat keine Umwege gemacht und ist wahrscheinlich nie zu spät gekommen. Trauer stieg in ihr auf. Doch dann dachte sie an die Verbitterung ihres Vaters, der sich mit den Verlusten, die durch seine Irrtümer entstanden waren, nie gut hatte arrangieren können. Das durfte ihr nicht passieren. Sie selbst hatte Viktor damals fortgeschickt und zugelassen, dass er etwas Unwiederbringliches mitgenommen hatte.

Links zu weiteren Websites waren angegeben. Sie besuchte eine nach der anderen. Überall wurde das Werk des Künstlers gelobt. Seltsamerweise gab es nicht einmal auf seiner Homepage ein Foto von ihm selbst. Sie hätte gern gewusst, wie er heute aussah.

Damals war er mickrig gewesen, wie die Schulkameradin geschrieben hatte. Ein untersetzter Junge, der als Folge eines Unfalls das linke Bein etwas nachzog. Bücher hatten ihm im Krankenhaus die Welt geöffnet, vor allem Lyrik- und Fotobände. Als er an seinem fünfzehnten Geburtstag aus dem Krankenhaus entlassen wurde, schenkten ihm seine Eltern einen Fotoapparat. Von da an antwortete er auf die Frage, was er später einmal werden wolle: »Ich bin Fotograf.«

Allerdings keiner, den man zweimal um eine Porträtaufnahme bat, erinnerte sich Cleo. Er hatte sogar die Klassenschönheit Lydia als Wesen abgelichtet, dem man nicht unbedingt im Dunkeln begegnen wollte.

Als Folge des Krankenhausaufenthalts musste Viktor eine Klasse wiederholen. Die Lehrerin setzte den stillen neuen Außenseiter neben Cleo, die stille alte Außenseiterin, die nach dem Unterricht nicht mit den anderen herumlungerte, sondern immer schnell nach Hause eilte. Dort gab es viel zu tun.

Solange sie zurückdenken konnte, hatte Cleo im Restaurant mitgeholfen. Schon als Fünfjährige hatte sie Gläser, Besteck und Servietten zu den Tischen gebracht, und dies hatte ihrem Vater eine Nacht auf dem Polizeirevier eingebracht.

»Kinderarbeit!«, tobte er, als er am nächsten Morgen zurückkehrte. »Von Familienleben haben die Deutschen wohl noch nie etwas gehört! Wo soll ich meine Tochter denn sehen, wenn nicht im Restaurant? Und wieso ist sie gefährdet, wenn sie ein paar Gläser auf die Tische stellt? Ich habe mit sechs schon auf dem Feld gearbeitet, und das hat mir auch nicht geschadet, ganz im Gegenteil!«

Cleo war auch nicht gut auf die Polizei zu sprechen, die ihr die schönen Stunden im Gastraum geraubt und dafür gesorgt hatte, dass sie fortan in der Küche mithelfen musste. Das war weit weniger spannend und viel anstrengender. Zoe entwickelte von da an einen Extra-Sinn für Gefahren. Mitarbeiter der Gewerbeaufsicht, des Gesundheitsamts, der Fremdenpolizei oder einer anderen Behörde roch sie, lange bevor diese den Weg in die Küche fanden, und scheuchte ihre Tochter immer rechtzeitig die Hintertreppe hinauf. Mit zwölf übernahm Cleo die gesamte Buchhaltung des Familienunternehmens, gestaltete Menükarten, kümmerte sich um alle Behördengänge und die entsprechende Korrespondenz. Ihr Vater hatte in seinen Fabrikmonaten ein paar Brocken Deutsch gelernt, und bei diesen blieb es, bis er fünfundzwanzig Jahre später wieder in die Heimat zurückkehrte. Zoe gab sich mehr Mühe, sprach auch einigermaßen flüssig Deutsch, führte aber einen aussichtslosen Kampf gegen die Buchstaben.

 

Cleo sah auf die Uhr. Ihr Zug würde erst in drei Stunden fahren. Genug Zeit, um Viktor zu seiner Auszeichnung zu gratulieren. Sie klickte auf die E-Mail-Adresse seiner Homepage.

Hallo, lieber Viktor,

Wie meldet man sich nach mehr als zwanzig Jahren zurück?

Gratuliere zu deinem Preis. Den hast du ja schon seit Längerem verdient.

War das jetzt ein Kompliment? Sie kannte seine Werke gar nicht, also konnte sie sich ein solches Urteil nicht erlauben. Sie strich den letzten Satz und schüttelte wütend über sich selbst den Kopf. Sie war Texterin, Werbetexterin, da sollte es doch ein Klacks sein, einem alten Schulfreund Guten Tag zu sagen! Aber Viktor war nicht nur ein alter Schulfreund, sondern ihr Verbündeter gewesen. Er hatte mit seinen düsteren Fotos einst ihr Leben erhellt. Sie angeregt, Worte für Unbeschreibliches zu finden. Ob gereimte oder ungereimte, schnell herausgeschossene oder schwer erarbeitete; es waren immer Worte, die sie stolz und glücklich gemacht, ihr eine Bestimmung jenseits des elterlichen Gastraumes gegeben hatten. Viktor hatte die Dichterin in ihr erweckt. Sie in ihm etwas anderes. Daran war die Freundschaft zerbrochen.

 

Wie ich höre, hast du ihn dir redlich verdient. Sie strich redlich. Kein Wort, das zu jenem Viktor passte, den sie einmal gekannt hatte. Aber ohne redlich sah der Satz reichlich banal aus. Wieder betätigte sie die Löschtaste.

Nach was für Kriterien wurden Videoclip-Preise eigentlich verliehen? Sie kehrte auf eine der Websites zurück und fand einen Link, über den sie sich den preisgekrönten Clip ansehen konnte.

Die Köpfe der anderen Internetcafé-Besucher fuhren hoch, als Klänge einsetzten, die Erinnerungen an quietschende Kreide auf der Klassentafel weckten. Entschuldigend blickte sich Cleo um und stellte den Ton leiser. Schwarze Schemen hüpften über den Bildschirm, schienen eine Art Tanz aufzuführen. Aus einem drohend dunklen Himmel stürzten Gestalten, die entfernt an Fallschirmspringer erinnerten, sich bei näherem Hinsehen aber als Schildkröten entpuppten. Als sie den Grund berührten, zerbarsten die Panzer und entließen eine Schar von Würmern. Diese schlängelten sich in den Vordergrund, griffen die Tanzenden an und wanden sich blitzschnell um sie herum, bis diese, in steife Stöcke verwandelt, einen Zaun bildeten, hinter dem die Sonne aufging. Das kann nichts Gutes verheißen, dachte Cleo, und natürlich hatte sie recht. Das heiße Licht der Sonne trocknete die Würmerstöcke aus. Sie fielen in kleinen, immer schneller regnenden Stücken wie Kleiebrocken auf die Erde. Als die Sonne hoch am Himmel stand, beschien sie kleine weiße Hügel. Die zuvor von den Kriechtieren umschlungenen Figuren waren verschwunden.

»Den Himmel geschaut und von Würmern verdaut«, sagte Cleo laut. Sie zoomte auf einen der Hügel. Viktor, ihr Viktor von früher, würde aus dem vertrockneten Würmerberg bestimmt ein Kunstgebiss oder eine Brille lugen lassen. Sie fand tatsächlich einen wurmfremden Gegenstand, konnte ihn aber nicht identifizieren und rief den Internetcafé-Betreiber zu sich. Der wurde rot, wand sich und erklärte, er wisse es auch nicht.

»Ein Penis-Ring!«, hörte sie neben sich eine Stimme, die zu einem etwa Zwölfjährigen mit Pickelgesicht gehörte, der sie nun anstrahlte.

»Danke«, murmelte Cleo, verließ die Website und kehrte zu ihrer Mail zurück.

Ein sehr expressives Werk. Aber etwas anderes hätte ich von dir auch nicht erwartet. Ich würde mich sehr freuen, von dir zu hören.

Hören? Wohl kaum. Sie löschte das Wort. …erfahren, wie es dir geht und wie es dir in den vergangenen zwanzig Jahren ergangen ist. Ich wohne inzwischen in Süddeutschland und arbeite freiberuflich. Natürlich mit Texten. Dich haben eben die Bilder und mich die Worte nicht losgelassen. Ich denke gern an unsere ersten Gehversuche in das, was unsere Zukunft werden sollte, zurück. Zu gespreizt. Locker bleiben. Sie löschte die zweite Hälfte des Satzes und schrieb:…Gehversuche ins kreative Leben zurück. Es wäre schön, wenn du dich mal melden würdest. Herzlichst, Cleo

Wie gut, dass ich nicht Sabine oder Sandra heiße, dachte sie, dann müsste ich wohl meinen Nachnamen dahinter schreiben. Wie gut, dass ich nicht Frosso heiße, danke, liebe Geburtshelferin, danke, lieber Student.

Kreatives Leben, welch ein Witz! Sollte er doch denken, dass auch sie ihrem Weg unbeirrt gefolgt und Dichterin geworden war. Als ob man sich davon ernähren könnte. Heute dienten ihr Worte zum Geldverdienen. Aus der Leidenschaft zur Lyrik hatte das Leben ein Werkzeug gemacht, das für die Wirtschaft verlogene Sätze schmiedete. Nie wieder hatte sie nach Viktors Weggang ein Gedicht geschrieben – und als Erwachsene Verse nur fürs Marketing. Jetzt bitte nicht an Broll denken, dachte sie, und dachte an Broll.

Dieses Unternehmen hatte eine Agentur beauftragt, für ein Fitnessgerät zum Abbau von Wohlstandsbäuchen einen verkaufsträchtigen Spruch zu finden. Cleo hatte mit dem Slogan Am Bauch sitzt zu viel Speck? Brollen Sie ihn weg! einen Megahit gelandet. Die Agentur konnte sich endlich ihren Anbau leisten, das Fitnessgeräteunternehmen seinen Werbeetat vervielfachen, und Cleo war um dreihundert Euro reicher.

An die Träume ihrer Jugend hatte sie lange keinen Gedanken mehr verschwendet, auch nicht an das Hochgefühl, das sich damals durch gelungene Verse und Viktors anerkennenden Blick eingestellt hatte. Erst sein Name auf dem Monitor brachte alles wieder zurück. Bilder, Gedichte, Hoffnungen – sie dachte mit Groll an Broll und drückte rasch auf Senden. Kurzes Aufleuchten, und die Mail an Viktor war weg. Ihr brach der Schweiß aus. Was hatte sie nur getan? Ihre Hände zitterten. Sie musste sie beschäftigen. Sie griff zu einem Stift und begann, auf dem kleinen weißen Block neben sich herumzukritzeln. Irgendwann wurden daraus Schriftzeichen, ein Satz entstand wie von selbst: Mit dem aufbrechenden Licht treibe ich zurück in das Dunkel meiner sinnlosen Tage.

Sie riss das Blatt ab und zerknüllte es. So ein Quatsch! Was hatte dieses scheußliche, wenn auch preisgekrönte Filmchen nur mit ihr angestellt? Warum melde ich mich überhaupt bei einem Menschen zurück, den ich vor Jahrzehnten in die Wüste geschickt habe? Wahrscheinlich bin ich nach der soeben erlittenen Niederlage in der Werbeagentur nur prominentengeil. Viktor hat Karriere gemacht, und ich will mich jetzt in seinem Glanz sonnen und dichte ihm eine Bedeutung an, die er gar nicht hat. Sie trank einen Schluck Wasser. Augenblicklich fühlte sie sich besser.

Viktor hat mit meinem Leben nichts zu tun, er kommt gar nicht darin vor. Ich sollte den Staub der verlorenen Jugend abschütteln, ins Hier und Jetzt zurückkehren und meine E-Mails checken.

Es war tatsächlich eine neue eingetroffen. Endlich ein Auftrag. Eigentlich sollte der ihr Herz höher schlagen lassen. Die Caran-Agentur brauchte einen griffigen Slogan für den Miniaturwald im Wohnstudio. Desinteressiert betrachtete Cleo den Bonsaiwald im Anhang. Winzige, vergreiste Bäume, war ihr erster Gedanke. Verwitterte Zeugen längst vergangener Zeiten. Wurzeln, die sich nach oben schoben, der Schwerkraft zu trotzen schienen wie die gefurchten Baumstämme den Stürmen. Alles Lüge, alles künstlich, lebendig zwar, aber der Natur gestohlen, in eine Form gezwängt und am Wachstum gehindert.

Rasch aktivierte Cleo die Schere in ihrem Kopf und schnitt diese wirtschaftlich sehr uneinträglichen Gedanken weg. Bäume in der Wohnung sorgen für Sauerstoff, schmücken die Fensterbank und regen zu Träumen an.

Träume sind Schäume sind Bäume. Nein, da musste ihr schon was Besseres einfallen.

Sie kehrte zum Posteingang zurück und erstarrte. Viktor Damian hatte bereits geantwortet.

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»Endlich einmal eine Geschichtensammlung zum schönsten Thema der Welt.«

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