Lieferung innerhalb 1-3 Werktage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich
Kostenloser Versand*
Blick ins Buch
Blick ins Buch

Fake Accounts

Lauren Oyler
Folgen
Nicht mehr folgen

Roman

„Neugierig verfolgt man, wie die Autorin die Abfolge von erhellenden Schlaglichtern auf die Verunsicherung einer durch mediale Umbrüche ortlos gewordene Existenz zu einer raffinierten Perlenkette auffädelt.“ - Badische Zeitung Online

Alle Pressestimmen (14)

Hardcover (24,00 €) E-Book (16,99 €)
€ 24,00 inkl. MwSt.
sofort lieferbar
In den Warenkorb Im Buchshop Ihrer Wahl bestellen
Geschenk-Service
Für den Versand als Geschenk können eine gesonderte Lieferadresse eingeben sowie eine Geschenkverpackung und einen Grußtext wählen. Einem Geschenkpaket wird keine Rechnung beigelegt, diese wird gesondert per Post versendet.
Kostenlose Lieferung
Bestellungen ab 9,00 € liefern wir innerhalb von Deutschland versandkostenfrei
€ 16,99 inkl. MwSt.
sofort per Download lieferbar
In den Warenkorb Im Buchshop Ihrer Wahl bestellen
Geschenk-Service
Für den Versand als Geschenk können eine gesonderte Lieferadresse eingeben sowie eine Geschenkverpackung und einen Grußtext wählen. Einem Geschenkpaket wird keine Rechnung beigelegt, diese wird gesondert per Post versendet.
Kostenlose Lieferung
Bestellungen ab 9,00 € liefern wir innerhalb von Deutschland versandkostenfrei

Fake Accounts — Inhalt

Über unsere Doppelleben in den sozialen Medien

Eine junge Frau entdeckt, dass ihr Freund höchst erfolgreich als Anonymus im Netz Verschwörungstheorien schmiedet und verbreitet. Sie will sich von ihm trennen, aber während sie noch mit dem Wie ringt, erreicht sie die Nachricht von seinem Tod. Wie trauert man um jemanden, den man vielleicht sogar gemocht, aber eindeutig nicht gekannt hat? Wer war dieser Mann? Und wer ist sie selbst?

Ob in Brooklyn oder Berlin — die Heldin dieses gefeierten Debüts muss sich offensichtlich zunächst einmal selbst (er)finden. Von der New York Times zum Editor's Choice gekürt, wurde der Roman in den USA über Nacht zum Bestseller und Liebling der Independent Bookstores.

„Nach diesem Roman will ich mit der Wirklichkeit nichts mehr zu tun haben!“ Zadie Smith

€ 24,00 [D], € 24,70 [A]
Erschienen am 24.02.2022
Übersetzt von: Bettina Abarbanell
368 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
EAN 978-3-8270-1423-8
Download Cover
€ 16,99 [D], € 16,99 [A]
Erschienen am 24.02.2022
Übersetzt von: Bettina Abarbanell
320 Seiten, WMePub
EAN 978-3-8270-8043-1
Download Cover
„In ihrem Debüt liefert sie eine messerscharfe Analyse einer Generation, die sich im Netz der sozialen Medien verstrickt.“
Freundin

Leseprobe zu „Fake Accounts“

ANFANG

Konsens war, dass die Welt unterging oder bald untergehen würde, wenn nicht durch exponentielle Umweltkatastrophen, dann durch eine Kombination aus Atomkrieg, dem amerikanischen Zwei-Parteien-System, dem Patriarchat, weißer Vorherrschaft, Gentrifizierung, Globalisierung, Datenpannen und den sozialen Medien. Die Menschen, in der Subway, in den Kneipen, sahen traurig aus; Entscheidungen wurden angezweifelt, Meinungen umgestellt. Überall wurde die gleiche schwerwiegende Erleuchtung herumgeschleppt: Wir befanden uns im Übergang von einer nur [...]

weiterlesen

ANFANG

Konsens war, dass die Welt unterging oder bald untergehen würde, wenn nicht durch exponentielle Umweltkatastrophen, dann durch eine Kombination aus Atomkrieg, dem amerikanischen Zwei-Parteien-System, dem Patriarchat, weißer Vorherrschaft, Gentrifizierung, Globalisierung, Datenpannen und den sozialen Medien. Die Menschen, in der Subway, in den Kneipen, sahen traurig aus; Entscheidungen wurden angezweifelt, Meinungen umgestellt. Überall wurde die gleiche schwerwiegende Erleuchtung herumgeschleppt: Wir befanden uns im Übergang von einer nur rückblickend betrachtet einfachen Vergangenheit in eine unzweifelhaft schwierigere Zukunft; wir waren, es ließ sich nicht länger leugnen, unabwendbar schlecht. Obwohl sich der Tod jeglicher Hoffnung für die Menschheit, als Folge vieler ineinandergreifender, beängstigend gut beschriebener Systeme, seit Jahrzehnten anbahnte, machte erst die kurze Phase zwischen der Wahl eines neuen Präsidenten und dem Moment, als er eine Hand hob und schwor, den Interessen des Volkes zu dienen, endgültig deutlich, was die Stunde geschlagen hatte, ja, dass es zu spät für uns war.

Ich glaubte das alles nicht unbedingt, aber als die Nachrichten immer schlechter und skurriler wurden, geriet ich ins Schwanken. Ich habe immer zum Pragmatismus geneigt, bin nur nicht gerade ein Naturtalent darin; wenn mein Kopf sagt: „Beruhige dich“, sagt mein Herz, ebenfalls merkwürdig ruhig: „Im Drama liegt mitunter ein paradoxer Trost.“ Mein offizieller Standpunkt, wenn ich auf einer Party oder so danach gefragt würde, war und ist der, dass man den populären Hang zum Fatalismus auf Selbstüberhöhung und Geschichtsvergessenheit zurückführen könnte, denn die Geschichte hat gezeigt, dass die Menschen schnell dabei sind, das nun endgültig unmittelbare Bevorstehen der Apokalypse zu verkünden, obwohl deren Eintreffen sich permanent verzögert. Wir wollen nicht sterben, aber wir wollen auch nichts so Anstrengendes tun, wie leben es erfordert, daher war die Redseligkeit, mit der der sichere Untergang diskutiert wurde, so öde wie auch irgendwie konsequent: Mit dem Ende der Welt hätten wir alles auf einmal. Da wir ohnehin bald sterben würden, könnten wir unser Potenzial praktischerweise nicht zur Entfaltung bringen; bis es so weit wäre, hatte der Gedanke, dass jetzt alles vollkommen zwecklos war, etwas Verführerisches, insbesondere als Mantra, das man sich zunutze machen konnte, wenn es einem passte, und wieder ablegen, sobald das Leben wirklich beängstigend wurde. Ich selbst verwendete es schon bald dazu, einem meiner weniger anständigen Impulse nachzugeben, indem ich in den ersten Stunden eines Morgens Anfang Januar, als der Himmel noch dunkel war und die Regierung unaufhaltsam weiter auf uns zuraste, im Smartphone meines Freundes herumzuschnüffeln beschloss, während er schlief.

Ich hatte eigentlich nie den Drang verspürt, die Sachen eines anderen zu durchsuchen. Aus einigen enttäuschenden Erfahrungen mit den Chatverläufen von Jungs, mit denen ich in der Schule zusammen gewesen war, hatte ich gelernt, dass meist Banales, Vorhersehbares und Unattraktives zutage kam, wenn man in den Abfallprodukten der Gedanken anderer herumstöberte. Selbst für Männer, die ich intellektuell respektierte, hatte ich nie genügend Zuneigung empfunden, um ihr Vertrauen zu brechen; meine Freunde vor Felix strahlten die gesunde, liebevolle, elementare Verlässlichkeit von heißen Vätern in Fernsehsendungen aus, dabei waren sie, soweit ich wusste, weder heiß noch Väter, noch im Fernsehen. Anders ausgedrückt, hatte ich vor Felix guten Geschmack gehabt. (Abgesehen von einem Wasserpolospieler, mit dem ich im College mal geduscht habe, einer Handvoll Promis und jedem, von dem ich mich in Zukunft vielleicht noch geblendet fühlen werde, meide ich augenfällige körperliche Attraktivität, weil ich glaube, dass sie Leid verheißt.) Aber in den anderthalb Jahren, die wir inzwischen zusammen waren, hatte Felix sich als vollkommen verpuppt entpuppt, und wenn ich quengelte und bohrte und ihn anflehte, mir von seinen innersten Hoffnungen, Ängsten und in der Kindheit geformten Vorurteilen zu erzählen, behauptete er wieder und wieder, dass es da nichts zu erzählen gebe oder, im Widerspruch dazu, dass er mir schon alles erzählt habe und nichts dafür könne, wenn ich mich nicht daran erinnerte. Es war demütigend und typisch, und ziemlich wenig originell nahm ich an, dass er mir etwas verheimlichte, wahrscheinlich andere Frauen.

Er schlief fast immer mit seinem Handy unter dem Kissen. Zuerst hatte ich gedacht, er mache das einfach nur so oder vielleicht aus der Sorge heraus, dass es in der Nacht irgendwelche Notfälle geben könnte, oder auch, weil er früher keinen Nachttisch gehabt hatte, aber seit er sich anders verhielt – nicht merkwürdig, nur anders –, war ich mir zunehmend sicher, dass er es so hielt, weil er befürchtete, ich könnte seine E-Mails oder Nachrichten lesen. Zwar war seine nächtliche Handygewohnheit schon vor der Wandlung vom lustigen, etwas reservierten Typen zum etwas weniger lustigen, noch etwas reservierteren Typen da gewesen, aber egal: Egal, was dahintersteckte, es war seltsam, mit dem Handy unter dem Kissen zu schlafen, und ich hatte es versäumt, darüber nachzudenken, bis die subtile Veränderung seines Verhaltens mich alles, was er tat, in neuem Licht betrachten ließ. Viele Anhaltspunkte hatte ich nicht, aber auch das war egal. Neuerdings erschienen, wenn wir uns schrieben, manchmal kleine Ellipsen im Chat, die darauf hindeuteten, dass Felix über einen längeren Zeitraum etwas an mich tippte, mitunter eine volle Minute lang, doch dann kam gar keine Nachricht bei mir an: Er musste, was immer er getippt hatte, wieder gelöscht haben, und anstatt mir dafür etwas weniger Heikles oder Ausführliches zu schicken, verstummte er einfach ganz, so, als hätten wir Streit. Das klingt relativ harmlos, bis es einem zwölf oder dreizehn Mal passiert ist.

Sein Passwort, das aus Zahlen bestand, war lang und, soviel ich wusste, beliebig; um es zu entschlüsseln, hatte ich ihn wochenlang, wann immer möglich, verstohlen bei der Eingabe beobachtet und mir so Zahl für Zahl in zufälliger Reihenfolge angeeignet. Er brüstete sich häufig damit, nicht handysüchtig zu sein, weshalb diese Prozedur länger dauerte, als es vielleicht sonst der Fall gewesen wäre, zumal wir uns nicht so oft sahen, wie andere Paare mit unserem Status es anscheinend taten. (Ungefähr einmal pro Woche statt mindestens zweimal.) Das kränkte mich – das Gefühl, dass ich zu kurz kam, war stärker als meine wachsende Ambivalenz hinsichtlich unserer Beziehung, was zum Teil sicher an der Distanz lag, die er zwischen uns geschaffen hatte, aber nicht nur –, und so ging es hier, beim Schnüffeln, auch um Rache. Kurz erwog ich, seinen Daumen auf den eingelassenen runden Fingerabdrucksensor zu legen (der gerade schon wieder außer Gebrauch kommt und durch Gesichtserkennung ersetzt wird, was natürlich noch schlimmer ist), aber ich bin kein waghalsiger Mensch; meine Risiken sind kalkuliert, und meine Unehrlichkeit hat Würde.

Ich hatte schon vorher ein paar Gelegenheiten gehabt zu handeln, etwa wenn er Bier kaufen ging und sein Handy auf dem Tisch liegen ließ oder wenn er duschte, was selten vorkam, da er ja meist nicht lange genug blieb, um sich in meiner Wohnung zu waschen. Sein Handy übte immer einen Sog auf mich aus, wie mein eigenes auch, nur auf unheimlichere Art. Er war zwar verschlossen, aber nicht konsequent, woraus ich hätte schließen können, dass er mir nichts verheimlichte, wäre ich mir meiner Sache nicht so sicher gewesen; stattdessen hielt ich diese Vorkommnisse eher für einen Beweis seiner Unfähigkeit oder, wahrscheinlicher noch, für eine Irreführungstaktik. Bis zu jener Nacht hatte ich allerdings gezögert, sein Smartphone in die Hand zu nehmen und meinen Verdacht zu bestätigen. Das lag einerseits daran, dass ich es nach dem Prinzip kollektiver Gegenseitigkeit, aus Grundschulgewohnheit ebenso wie aus aufrichtiger Überzeugung, zu vermeiden versuchte, anderen zuzufügen, was ich selbst nicht zugefügt bekommen wollte. Vor allem aber hatte ich Angst, erwischt zu werden, Angst vor einer verkrampften Konfrontation, in der ich Reue vortäuschen und um Verzeihung bitten müsste, was ich aller Wahrscheinlichkeit nach tun würde, obwohl es mir eigentlich nichts mehr brachte – die Beziehung war für mich im Grunde ja schon zu Ende. Ich bin nicht scharf auf Schreiduelle, schon gar nicht solche, bei denen ich richtig loslegen und meine eigene fragwürdige Ehre verteidigen muss; mir fallen nie einprägsame Beleidigungen ein, und am Ende stehe ich oft wie ein beschämtes Kind da und nicht wie eine leidenschaftliche, selbstbestimmte Frau. Die moralische Überheblichkeit, mit der Felix mich traktieren würde, falls sich herausstellte, dass er nicht mit anderen Frauen schlief – die Rechtfertigung, die ich für mein hinterhältiges Tun brauchte –, war ebenfalls entmutigend. Es würde die unausweichliche Trennung beschleunigen, was zwar erleichternd wäre, aber ich würde dabei absolut erbärmlich aussehen.

Der glückliche Zufall kam auf Grey-Goose-Schwingen. Felix und ich hatten uns in einer Bar um die Ecke von meiner Wohnung einen leichten Wodkaschwips angetrunken, und danach kam er mit zu mir. „Ich bin müde, ich bin müde, ich bin sehr, sehr müde“, sang er auf dem Heimweg. „Ich werd mir nicht mal mehr die Zähne putzen!“ Solche Albernheit war untypisch für ihn; sie machte mich nervös. Wenn ich in einem Café zur Musik mit dem Kopf nickte oder auf irgendeine Art spontaner Freude Ausdruck verlieh, wirkte er oft beunruhigt, blickte sich manchmal sogar um und bat mich aufzuhören, als wäre es ihm regelrecht peinlich. Er putzte sich am Ende doch die Zähne und ging, den „Ich bin müde“-Song summend und auf eine süße, verhaltene Weise tänzelnd, in mein Schlafzimmer. Was sollte das? Ich hatte das Gefühl, irgendwie manipuliert zu werden, konnte aber den Finger nicht darauflegen. Als ich ins Bad ging, sah ich, dass er sein Handy auf dem Regal deponiert hatte, wo es allwissend neben seinem Schlüssel, seiner Brieftasche und einem einzelnen Kaugummistreifen lag. Ich bekam einen kleinen Stromstoß, als hätte es mich gerade gefragt, ob wir uns mal verabreden wollten. Im Badezimmerspiegel sah ich in mein gerötetes Gesicht.

Ich bin nicht stolz auf meinen umfangreichen Hautpflegeplan. Kürzlich hatte ich gelernt, dass es wichtig sei, jedes Produkt „vollständig“ einziehen zu lassen, bevor man das nächste auftrug, und wenn ich auch nicht allabendlich fünfundvierzig Minuten im Badezimmer saß und auf Transzendenz wartete, gab mir die Schichtenmethode, die ich mir nicht abgewöhnen konnte, doch reichlich Zeit, meine Optionen zu durchdenken. Nachdem ich mir mit einem speziellen, angeblich in Frankreich beliebten Wasser das Gesicht abgewischt hatte, dachte ich, ich mach’s nicht. Nach einer zweiten Reinigung, mit Gesichtsreiniger, auf Empfehlung Koreas, war ich mir da sogar ziemlich sicher. Nachdem ich mit einer wissenschaftlich gestylten Pipette Serum auf die Nase appliziert hatte, um Rötungen zu mildern und zu „klären“, dachte ich: Große gesellschaftliche Umwälzungen sind ohne weibliches Ferment unmöglich. Nach dem Abtupfen mit einem brennenden, sehr teuren Schaum, von dessen Wirkung ich nicht überzeugt war, dachte ich: Ha, das ist witzig. Bei der Feuchtigkeitscreme angelangt, war ich taufrisch und entschlossen: Ich hatte nichts zu verlieren außer meinen Ketten.

Sofort begann ich, mir Sorgen zu machen, dass ich meine Chance verpasst haben könnte; dass Felix, auch wenn er in keinem sozialen Netzwerk war, in dem er im Dunkeln vor dem Einschlafen stumpfsinnig herumscrollen konnte, dabei sein Augenlicht gefährdend und seinen Schlafzyklus durcheinanderbringend, von dem Drang übermannt worden war, nachzuschauen, wie das Wetter morgen werden würde, oder seine E-Mails zu checken oder nach der Definition eines Wortes zu suchen (keine Ahnung, wofür Menschen ohne soziale Netzwerke ihre Handys benutzen), und das Telefon vom Regal genommen hatte. Nein. Es lag noch da. Ich schlich an der Tür meiner Mitbewohnerin vorbei ins Schlafzimmer. Felix atmete gleichmäßig, einen Arm angewinkelt, sodass sein kantiger Ellbogen auf meine Seite des Bettes ragte. Ich nahm die Brille ab und legte mich unter die Decke, auf den Rücken, die Arme unbequem dicht am Körper, um Kontakt mit seinem schmerzverheißenden Gelenk zu vermeiden. Felix regte sich. Ich starrte in die Dunkelheit und begann zu warten, dann und wann vom vorwurfsvollen Scheppern der besessenen Heizung aufgeschreckt.

Ich döste und wachte auf, döste und wachte auf, bis die vertraute Schrifttype mir sagte, es sei 03:12, und ich wie in Trance seinen Passcode eingab. Die Schlafzimmertür: Ich machte sie ganz langsam zu, damit sie nicht knarrte, ließ sie nicht einschnappen. Auf dem Sofa vorgebeugt, die Ellbogen auf den Knien, um mich herum der Lichtschein des Handys, registrierte ich, dass als Erstes der Homescreen aufging, dorthin musste ich also zurück, bevor ich mich wieder schlafen legte. Zunächst war da zu viel Information, um irgendetwas zu begreifen; ich fühlte mich kopflos, als hätte ich gerade aus einer Laune heraus einen Walmart betreten, um mir vielleicht Socken, vielleicht eine Zeitschrift, vielleicht eine neue Sorte Tiefkühlburritos zu kaufen, und wäre nun stattdessen mit der überwältigenden Verschwommenheit meiner Wünsche konfrontiert. Ich blickte mich zu meiner Schlafzimmertür um, vertraute darauf, dass ich das Bett quietschen hören würde, falls er aufstand. Auch wenn ich nicht glaube, dass es so etwas wie schlechte Menschen überhaupt gibt, abgesehen von dem Wasserpolospieler, mit dem ich im College mal geduscht habe, und einer Handvoll Promis, war ich so nervös, dass ich fürchtete, doch ein schlechter Mensch zu sein, wenn ich bereit war, mich so furchtbar zu fühlen, um das relativ geringfügige Delikt zu verüben, das ich gerade verübte. Wahrscheinlich ist meine Definition eines „schlechten Menschen“ egozentrischer als die anderer Leute, obwohl, die Sorge, ein schlechter Mensch zu sein, ist ohnehin komplett egozentrisch. Gute Menschen denken nicht in so kategorischen Begriffen.

Es war ein normales iPhone, mit den schön abgerundeten Ecken, die kürzlich im Zentrum einer (abgeschmetterten) höchstrichterlichen Entscheidung gestanden hatten. Die kleinen quadratischen Icons mit den ebenfalls schön abgerundeten Ecken waren nach seinen unergründlichen persönlichen Vorlieben angeordnet, jedes mit einem hübschen Bild versehen, für dessen Entwicklung zu etwas Wiedererkennbarem, wenn nicht Unvergesslichem jemand eine Menge Geld bekam, alle verschiedenfarbig, aber irgendwie gleich hell, was den Effekt hatte, dass das Auge nie ganz fokussieren konnte und auch nie ganz ermüdete, sodass man sowohl zu viel als auch gar nichts zu sehen meinte. Die manuelle Kamera, der Farbenkreis, die Karten, die bessere Version der Karten, die Uhr, die einen echten, tickenden digitalen Zeitmesser abbildete, zwei Arten, ein Taxi zu rufen, das Wetter, teils wolkig, aber immer leuchtend blau, das Notizbuch. Die Apps, die ins Handy integriert waren und nicht gelöscht werden konnten: der Appstore, der ärgerliche Gesundheitsmonitor, der maß, wie viele Schritte am Tag man machte und wie viel Schaden der Kopfhörer dem Gehör zufügte, die Brieftasche, die bedeutete, dass man seine Bordkarte nicht mehr ausdrucken musste, der Internetbrowser, der ein Kompass war, aber auch eine Safari. Sein Akku war halb aufgeladen; er war automatisch mit dem Internet in meiner Wohnung verbunden. Ich tippte auf den Nachrichten-Tab, und eine Unterhaltung mit mir erschien, der Versuch, eine Zeit und einen Ort für unser Treffen zu finden. Da wir beide ein iPhone hatten, wie jeder, benutzten wir für Kurznachrichten die handyeigene App, iMessage, bei der die Textblasen des Handybesitzers hellblau sind und die des Gesprächspartners hellgrau. Ein Gespräch, an dem ich vor wenigen Stunden selbst teilgenommen hatte, jetzt andersherum zu sehen, war irritierend. Verschwunden das Flair, das ich meiner Zeichensetzung gegeben zu haben glaubte; zu identifizieren war ich nur, weil ich die Fakten des Austauschs kannte, weil auch ich Felix vorgeschlagen hatte, dass wir uns um halb neun in der dunklen Bar mit Kamin treffen könnten, damit ich Zeit hätte, vorher noch ein Stück Pizza zu essen. Mein Name über dem Nachrichtenverlauf wirkte nicht wie meiner; es war, als wäre ich nur einer von Hunderten, mit der ein anderer jederzeit virtuell in Kontakt treten könnte, und was immer ich gesagt oder nicht gesagt hatte, unterschied sich nicht von dem, was irgendwer anders hätte sagen mögen.

Der Rest der Nachrichten war nicht weiter bemerkenswert; in den letzten paar Tagen hatte Felix seiner Mutter geschrieben, einem Kollegen, einem Freund, den ich nicht ausstehen konnte, seinem Hausverwalter und einem Künstlerpaar, mit dem er einen Gruppenchat unterhielt. Es gab auch Frauen, aber ich wusste zumindest grob, wer sie waren, und die Dialoge waren bloß lahme Flirtversuche, beiläufige Kontaktaufnahmen, wenn Felix durch irgendetwas an eine von ihnen erinnert worden war oder sie an ihn; hauptsächlich bestanden sie aus einfallslosen Hahas und Cools. Ich ging wieder zu unserer Unterhaltung zurück, damit sie als Erste auftauchen würde, wenn er seine Nachrichten öffnete, und dann, schon weniger nervös und weniger aufgeregt, zum Homescreen, wo ich auf das E-Mail-Icon tippte und ähnlich vorging, nach dem Namen seiner Ex-Freundin suchte, im Gesendet-Ordner und im Papierkorb nachschaute. Enttäuscht, weil das alles so langweilig war, und mittlerweile hundemüde, wollte ich schon aufgeben, als ich das einzige Icon sah, das Bilder von kleineren Icons enthielt, ganz unten rechts auf dem Bildschirm, bezeichnet mit no.

Als ich es antippte, wurde das kleine Kästchen zu einem größeren, mit zwei Nachrichten-Apps darin, von denen ich noch nie gehört hatte, und der App eines sozialen Netzwerks, bei dem Felix, wie er mich glauben gemacht hatte, keinen Account mehr unterhielt. Er habe sie alle gelöscht, kurz nachdem wir zusammengekommen seien, hatte er gesagt, was von einer Entschlossenheit zeugte, die mich beeindruckte, zumal er mir nie internetsüchtig erschienen war; mir war daher nicht ganz klar, wieso er es gemacht hatte. Jetzt dachte ich augenblicklich an das Naheliegende: Sehnsuchtsbeteuerungen, am Hals oder Bauchnabel abgeschnittene Fotos, Verabredungen in Gegenden der Stadt, wo er meines Wissens nie hinfuhr. Ich konnte mir vorstellen, dass er dumme Frauen fickte, junge Frauen, Frauen, die er leicht wieder loswerden konnte, und dass es das war, was er hier tat, vielleicht sogar unter Pseudonym. Im Schein des Smartphones lächelte ich albern, während meine augenblicklich einsetzende Freude mich zugleich beunruhigte.

Ich tippte auf eins der Icons, Instagram, und das vertraute Layout dehnte sich aus, bis es den Bildschirm füllte. Eine Reihe runder Userfotos am oberen Rand wies auf Accounts hin, die Storys gepostet hatten, Fotos, die binnen vierundzwanzig Stunden verschwinden würden und die ich mir, wie ich aus reichlicher Vorsicht dachte, besser nicht anschauen sollte; wenn ich es täte, würden sie später am Ende der Reihe ohne den schattierten Ring um sie herum auftauchen, was darauf hindeuten würde, dass jemand anders sie sich angeschaut hatte. Der „Neue Nachrichten“-Tab zeigte „68“ an. Darunter war der Anfang seines Feeds, bevölkert von Leuten, denen er folgte. Da Lesen nicht der Zweck dieser App war, hatte ich Wörter immer instinktiv übersprungen – Überschriften, Usernamen, Likes-Listen und Kommentare –, doch als ich runterscrollte, darauf bedacht, nicht zweimal zu tippen und irgendeinem Post versehentlich Felix’ Herz hinzuzufügen, stellte ich fest, dass alle Accounts, denen er folgte, dunkle, verwackelte und unbearbeitete Bilder posteten oder primitive Cartoons, deren Bedeutung so unklar war wie die Absicht derer, die sie gepostet hatten. Als ich schon nach kurzer Zeit eine Benachrichtigung von der App bekam – „Du bist auf dem neusten Stand! Du hast alle neuen Beiträge der letzten 2 Tage gesehen“ –, empfand ich nicht jene Scham, die sich normalerweise einstellte, wenn ich beim Scrollen durch meinen eigenen Feed so weit kam. Vielmehr war ich überrascht: Felix musste ständig auf Instagram aktiv gewesen sein. Ganz unten auf dem Bildschirm war eine Reihe unauffälliger Strichzeichnungen, ein Haus, eine Lupe, ein Pluszeichen, ein Herz. Die rudimentäre Silhouette einer Gestalt führte mich zu seinem Profil, wo ich merkte, dass ich den Text würde lesen müssen.

Die Themengebiete reichten von Wissenschaft über Politik und Wirtschaft bis zu nationaler Sicherheit, die Illustrationen waren plump und amateurhaft: knackig blauer, mit bauschig-weißen Linien schraffierter Himmel; bildmanipulierte Treffen von Barack Obama mit George W. Bush, Bill Clinton und Jacob Rothschild, die alle in unnatürlicher Haltung einen Arm ausstreckten, um eine Waffe auf den Betrachter zu richten; finster dreinblickende Frauen neben Mobiltelefonen, die schädliche Energie ausstrahlten; die verschwommenen Zwillingstürme in den Momenten, bevor und nachdem sie getroffen wurden; alles mit Warnungen in großen, kunstlosen Schrifttypen versehen. Die Regierung irgendwie schuld. Die Juden irgendwie schuld. Unerhörte, unglaubliche Fakten. Ich merkte mir den Usernamen, verließ die App, wischte sie aus der Reihe offener Seiten, sperrte das Handy mittels des Buttons an der Seite – zum Glück war der Ton aus – und legte es in derselben achtlosen Ausrichtung, in der ich es vorgefunden hatte, wieder aufs Regal. Mich packte eine Entschlossenheit, die ich in einem Arbeitsumfeld nie wiederherstellen könnte. Mein Freund war ein Verschwörungstheoretiker. Ich hätte lachen können, aber davon wäre er wach geworden.

Als ich @THIS_ACCOUNT_IS_BUGGED_ auf meinem eigenen Handy durchsuchte, bekam ich eine Ahnung davon, wie gefragt er war: Zehntausende Follower, Hunderte Kommentare zu jedem Post, immense Dankbarkeit, weil er einer der wenigen sei, die die Wahrheit nicht nur einräumten, sondern sich auch bemühten, sie zum Wohl anderer aufzudecken. Anstelle von Empörung oder Gekränktheit empfand ich jähe, magische Erleichterung. Ich wollte, dass es mit uns aus war. Ich wollte nicht, dass die Dinge zwischen Felix und mir signifikant anders, aka besser wurden, als sie es seit einiger Zeit waren, oder dass die unschöne Verkrampftheit unserer Beziehung sich ohne Bemühen meinerseits in schönsten Frieden verwandelte; vielmehr wollte ich Befreiung, einen Schlussstrich, das Ende der Sorgen. Vielleicht hatte ich grausigerweise gehofft, dass er mich betrogen hatte, aber dies war ein klarerer Fall: Wenn er einen gefragten Internet-Account unterhielt, der Verschwörungstheorien verbreitete (und vielleicht selbst aufstellte), war er nicht nur ein Vertrauensbrecher oder Gelegenheitsmanipulierer, sondern ein Mensch von unmöglicher Komplexität, dessen Beweggründe ich nun nicht mehr zu entwirren brauchte. Vielleicht könnte man ihn anhand irgendeiner verdrehten Logik ja sogar verstehen, aber ich war nicht diejenige, die es herausfinden würde. Denn Felix war keine verirrte, vom Pech verfolgte Seele, ungebildet und abgehängt, keiner, der eine Verschwörung am Werk sehen musste, um sich seinen Schmerz zu erklären; er glaubte nicht, dass die Regierung aus unbekannten, aber zweifellos schändlichen Gründen Luftfahrzeuge aus großer Höhe Chemikalien versprühen ließ, um bei der unschuldigen, ahnungslosen Bevölkerung am Boden Krebs, Alzheimer und grippeartige Symptome und Beschwerden zu verursachen. Er glaubte nicht, dass die Welt von einer kleinen Gruppe extrem einflussreicher zionistischer Verschwörer regiert wurde oder dass WLAN-Strahlen diverse wichtige „Zellen“ schädigten, die den Schlaf, kognitive Funktionen und die Immunabwehr beeinflussten. Er glaubte nicht, dass die Terroranschläge vom 11. September 2001 interne Missionen der US-Regierung gewesen waren, mit denen die Invasion Iraks und Afghanistans gerechtfertigt werden sollte. All das wusste ich über Felix, so wie ich anderes über ihn wusste; rückblickend betrachtet, war das wohl nicht viel. Trotzdem, ich bin mir ziemlich sicher, dass er jüdisch war, es wäre also merkwürdig gewesen, wenn er ernsthaft antisemitische Verschwörungen propagiert hätte – möglich, aber merkwürdig. Er war enervierend rational, fragte immer nach Quellen und Beweisen, selbst wenn wir in den frühen Morgenstunden, nach vielen Drinks, bloß herumblödelten. Er war resistent gegen Gesundheitstrends, mit denen schädliche Stoffe wie Toxine eliminiert werden sollten, glaubte, sie würden bloß erfunden, um Sachen zu verkaufen, und die einzige Wissenschaft, die sie anspreche, sei diejenige, die dazu benutzt werde, belanglose Empfindungen aufzuplustern. Einmal gerieten wir in einen Streit über Biomilch. (Ich bin dafür.) BUGGED, also verwanzt, war auch kein Wort, dass echte Internet-Verschwörungstheoretiker verwendeten – es war eine mehrdeutige Entlehnung aus der Vergangenheit, eine Anspielung, ein Indiz. Eins seiner Fotos, neunzehn Wochen zuvor gepostet, war ein Triptychon, auf dem irgendetwas Verschwommenes herangezoomt wurde, offenbar an die Seite eines mit Asche bedeckten World-Trade-Center-Gebäudes angedockt, das von Bild zu Bild schemenhafter wurde; auf dem letzten Foto hatte er das unbestimmte Ding eingekringelt und als ein DEMOLITION SQUID entlarvt. Ein Insiderwitz, der sich als nachvollziehbarer Schreibfehler tarnte – ein demolition squad war ein Sprengkommando. Für gewöhnlich schlief Felix, wie ihr wisst, mit seinem Handy unter dem Kissen.

Als ich da so schadenfroh und frenetisch auf meinem Sofa saß, boten sich mir viele reizvolle Optionen. Ich könnte ins Schlafzimmer stampfen und ihn rauswerfen, mit oder ohne Erklärung. Ich könnte mir sein Handy noch einmal vornehmen und dort mein Unwesen treiben, über den Account selbst oder seine E-Mails, Kurznachrichten usw. Ich könnte gar nichts tun, außer von jetzt an provokante Formulierungen in unsere Gespräche einzustreuen, die darauf hindeuten, ihm aber nie zweifelsfrei bestätigen würden, dass ich etwas wusste, was ich nicht wissen sollte. Oder ich könnte Zeit schinden: erst mit ihm Schluss machen, wenn ich es mit der würdevollen Gelassenheit tun könnte, die der Partnerin eines hilfsbedürftigen Menschen anstünde. Ob er Hilfe bekam, hätte mich wahrscheinlich nicht ernsthaft geschert; dies hier gab einer Beziehung den Rest, die immer löchrig und instabil gewesen war, und ich wollte das schwerelose Gefühl der Rechtschaffenheit, das ich deswegen empfand, noch genießen, als ein Geheimnis, das nur ich kannte, und zwar ein wesentlich originelleres als das typische „Wenn ich sage, ›Ich liebe dich‹, ist es nicht mehr ehrlich gemeint“. Ich stellte mir vor, wie befriedigend es wäre, pseudo-neugierig zu sagen: „Ich habe in deinem Handy gestöbert und entdeckt, dass du einen gefragten Verschwörungstheorien-Account bei Instagram unterhältst, und ich wollte nur mal wissen … warum?“ Aber ich war mir nicht sicher, ob das die absolut beste Art war, mein Blatt zu spielen, und ich wollte mein Blatt unbedingt auf die absolut beste Art spielen. Meinen letzten Freund hatte ich grausam, tollpatschig und ungeschminkt (buchstäblich) abserviert, war einfach damit herausgeplatzt, dass ich ihm etwas sagen müsse, als er gerade dabei war, mit seiner Unterhose Samen von meinem Bauch zu wischen, ein postkoitales Ritual, das ich aus heutiger Sicht rührend finde. Dieses Mal wollte ich einen falschen oder gefühlskalten Umgang mit der Situation um jeden Preis verhindern, bot sich mir hier doch die Chance, die ganz und gar und einzig Gute zu sein. Ich checkte meinen Twitter-Account und beschloss zu warten.

Vielleicht findet ihr es verurteilenswert, dass ich mich wieder zu jemandem ins Bett legte, der so etwas tat, dass ich mich nicht abgestoßen genug fühlte, um ihn auf der Stelle aus meiner Wohnung und meinem Leben zu werfen. Wenn er auf eine üblichere, täuschend ernsthafte Art Fehlinformationen verbreitet hätte, sagen wir, in einem online veröffentlichten Leitartikel, wäre er verurteilt worden, und jeden, der ihn nicht verurteilt hätte, hätte man befragt, wenn nicht selbst verurteilt. Die ethischere Alternative – ein offenes Gespräch mit dem zu Verurteilenden zu führen, ihn zu fragen, was er da tat und warum – schien mir auch nicht reizvoll, vor allem damals nicht, als ich mich nihilistisch und niedergeschlagen fühlte. Dennoch, mir ist schon klar, dass die obige Argumentation nicht gut genug ist. Ich weiß nicht, warum ich das Handy weglegte, die Tür ganz langsam öffnete, um ihn nicht zu wecken, mich auf meine Seite des Bettes legte und vorgab, alles ungelesen gemacht zu haben, was ich gesehen hatte. Ich hatte keine Schwierigkeiten einzuschlafen. Als ich am nächsten Tag aufwachte, war ich ruhig. Jetzt stelle ich mir manchmal vor, ich wäre ins Schlafzimmer gestürmt und hätte ihn wach gerüttelt – er hasste es, aus dem Schlaf geschreckt zu werden, schien immer persönlich beleidigt, wenn irgendein plötzliches Geräusch gemacht wurde, während er nicht bei Bewusstsein war – und von ihm verlangt, mir zu sagen, was verdammt noch mal da los sei. Was immer er in diesen Fantasien zu seiner Verteidigung zu sagen hat, im Halbschlaf, besorgt, wütend, reicht nicht aus, und mit seinem Smartphone wie dem Liebesbrief einer heimlichen Freundin in der Hand schmeiße ich ihn mitten in der Nacht aus der Wohnung. Manchmal werfe ich ihm das Handy hinterher, die Treppe hinunter; manchmal behalte ich es auch. Ich glaube, Letzteres wäre der Ausgang, der mir das größere Machtgefühl verliehen hätte.

Vielleicht mache ich mir und anderen da aber auch etwas vor. Vielleicht waren da irgendwo noch zärtliche Gefühle für Felix, die ich gern vertuschen würde, bedenkt man, was meine Verbindung mit ihm für ein Licht auf mich wirft, und ich würde lieber so tun, als hätte ich mir ein strategisches Vorgehen überlegt, als zuzugeben, dass ich hin- und hergerissen war. So war es sicherlich, obwohl es sich nicht so anfühlt. Und bestimmt werden manche von euch sagen, strategisches Vorgehen sei unmoralisch. Wie auch immer, ein paar Tage später waren wir – ein letztes Mal, wie sich zeigen sollte – in einem Restaurant auf der Lower East Side verabredet, das erst kürzlich vom Besitzer eines anderen, bei Leuten aus der Kunstwelt beliebten Lokals eröffnet worden war, und das entspannende Gefühl, am längeren Hebel zu sitzen, machte mich zu einer generösen Gesprächspartnerin. Neuerdings gingen wirklich alle nach Japan, pflichtete ich ihm bei, während ich in die Speisekarte schaute und die Instagram-Accounts eines Kollegen und eines Freundes meines Bruders zitierte. Das sei dumm, fügte ich hinzu, denn nun könne man selbst nicht mehr da hin, ohne wie eine dem Trend hinterherrennende Amateurin auszusehen, dabei wolle ich auch gern mal nach Japan. Felix war schon dort gewesen und fand es aufregend, zog aber Südamerika vor, das er als „härter“ bezeichnete. Mmm, sagte ich zustimmend, obwohl ich Härte hasste und dagegen war, sie sich anzueignen. Er hatte einen dichten Bart, ordentlich getrimmt, an dem er bei dieser Äußerung mit einer seiner fleischigen Hände zupfte. Es gab Hintergrundmusik, die Pflanzen waren üppig, die Speisen eine Mischung aus spanischen, italienischen und französischen Einflüssen, und obwohl die Cocktailpreise ungeheuer waren, kosteten die Weine nicht viel.

Ich empfehle dieses Restaurant noch immer, hege da keine komplizierten Gefühle. Kurz nachdem wir uns hingesetzt hatten, erzählte Felix dem Kellner, einem sanften, schönen, schwulen Mann, dass wir da seien, um meine Aufnahme in einen Promotionsstudiengang zu feiern; der Kellner hob die Augenbrauen und gratulierte, als er hörte, wo ich studieren würde. Felix lächelte mich über den flackernden Tisch hinweg an. Das ist noch ein Grund, warum ich wusste, dass Felix im Kern kein paranoider Falschbuchstabierer war, im Internet bekannt als @THIS_ACCOUNT_IS_BUGGED_: Ich war in keinerlei Promotionsstudiengang aufgenommen worden, schon gar nicht in Harvard, aber Felix machte es Spaß, anderen Leuten kleine, belanglose Lügen aufzutischen und geringfügig alternative Realitäten daraus zu schaffen, ein Spiel ohne anderen Zweck als den, sich selbst zu vergnügen und mich zu verwirren. Bisher war das unser gemeinsames Ding gewesen, zumindest hatte ich das gedacht und es harmlos und witzig gefunden, aber jetzt schien es nur dazu da, intellektuelle Macht über Fremde auszuüben, die es nicht besser wussten und nie besser wissen würden. Hätte ich überhaupt Anfang Januar schon eine Zusage für ein Promotionsstudium haben können? Zeitlich schien mir die Geschichte schlecht durchdacht, aber ich hatte keine Ahnung. Ich übte schon mal das Alleinleben, indem ich mit dem Kellner, der Dean hieß, zu flirten begann, Burrata, ja, das sei ja so ein toller Käse, bevor Felix mich überbot und Sekt bestellte, „um das Genie zu feiern“. Als Dean zurückgeflitzt kam, kippte ich den Schaumwein, sobald er ihn mir eingeschenkt hatte, theatralisch hinunter, eine Zurschaustellung, wie Felix sie hasste, und lächelte, ein Lächeln, das ich mit selbstgefälliger Überheblichkeit zu tränken versuchte. Dean, der den Kopf schüttelte, als wären wir alte Freunde und er mich, wie immer, einfach bezaubernd fände, erklärte, ich sei „eine Inspiration!“. Er schenkte mir nach, während ich mir etwas Flüssigkeit aus den Mundwinkeln wischte. Später brachte er uns Dessert, aufs Haus, und Felix aß nichts davon.

Lauren Oyler

Über Lauren Oyler

Biografie

Lauren Oyler wuchs in West Virginia auf. Sie studierte in Yale und arbeitet seitdem als Essayistin und Autorin für verschiedene englischsprachige Zeitungen und Magazine wie „The New Yorker“, die „New York Times“ und den „Guardian“. Zuvor lebte und arbeitete die heute 30-Jährige mehrere Jahre lang...

„Wie kann ich einen glaubwürdigen Roman über so unglaubwürdige Dinge schreiben?“ Lauren Olyer über Verschwörungstheorien und Fiktion

Ihr Roman handelt von einer Frau, die herausfindet, dass ihr Freund insgeheim Verschwörungstheoretiker ist. Das Thema wirkt extrem aktuell. In den USA – aber auch in Deutschland – gewannen Verschwörungstheorien in der Pandemie immer mehr Anhänger. Hatten Sie schon am Anfang vor, über dieses Thema zu schreiben?

Ich hatte mir vorgenommen, einen Roman über das Internet zu schreiben. Als ich damit anfing, gab es QAnon noch nicht. Stattdessen gab es diese irgendwie witzige, aber auch seltsame Verschwörungskultur auf Instagram. Mich interessierte die Frage: Glauben diese Leute wirklich daran? Es ist nahezu unmöglich, das zu beantworten. (...) Ich denke, die Frage geht aber über Verschwörungstheorien hinaus. Sie durchdringt alle Aspekte sozialer Medien. Immer, wenn jemand online eine bizarre Position vertritt oder eine politische Meinung sehr direkt äußert, frage ich mich: Meinst du das ernst? Denkst du das wirklich? Die Unsicherheit, die daraus resultiert, wirkt sich auf alle sozialen Beziehungen aus.

Diese Tendenz ließ sich mit der Trump-Präsidentschaft ja beispielhaft beobachten.

Genau. Und um auf Ihre Ausgangsfrage zurückzukommen: Ich habe das als Herausforderung verstanden, einen zeitgemäßen Roman zu schreiben. Ich wollte sehen, ob ich das schaffe. Ich glaube auch, dass diese Probleme nicht einfach verschwinden werden.

Selbst wenn Verschwörungstheoretiker in den USA derzeit sehr verwirrt sind. Sie fragen sich: Was bedeutet es, dass Joe Biden Präsident ist? Wie können wir unsere Erzählung anpassen?

Sie sprechen von „Erzählungen“. Tatsächlich werden Verschwörungstheorien ja durch Fiktionen angetrieben, etwa, dass eine kleine Elite die Welt kontrolliert. Wie hat sich diese Spannung auf Ihr Schreiben ausgewirkt – Fiktionen zu fiktionalisieren?

Ich habe versucht, mich nicht zu sehr auf die Details dieser Erzählungen zu konzentrieren. Stattdessen wollte ich überlegen, welche Effekte die Verschwörungstheorien auf die Menschen haben. Wie wirken sie sich auf unser Vertrauen aus? Auf zwischenmenschliche Gefühle? Verschwörungstheorien sind schlechte Geschichten, obendrein ziemlich schnulzig, wenn auch nicht unbedingt simpel, weil meistens mit viel Kreativität und Liebe fürs Detail entworfen. Aber eben nicht glaubhaft. Die Kernfrage, die ich mir gestellt habe, war, wie ich einen glaubwürdigen Roman über so unglaubwürdige Dinge schreiben kann.

Veranstaltung
Lesung
Montag, 28. November 2022 in Berlin
Zeit:
19:00 Uhr
Ort:
Dussmann das KulturKaufhaus - Lesezimmer 1. OG,
Friedrichstrasse 90
10117 Berlin
Im Kalender speichern
Pressestimmen
Freundin

„In ihrem Debüt liefert sie eine messerscharfe Analyse einer Generation, die sich im Netz der sozialen Medien verstrickt.“

Podcast „DIWAN – Das Büchermagazin“

„Oyler beobachtet messerscharf die Dynamiken, die soziale Medien im Leben von uns allen entfachen.“

SWR 2 „lesenswert Kritik“

„Glänzend ironisiert Oylers Erzählerin etwa die narzisstische Selbstgerechtigkeit des linken Amerikas nach Trumps Amtseinführung.“

Badische Zeitung Online

„Neugierig verfolgt man, wie die Autorin die Abfolge von erhellenden Schlaglichtern auf die Verunsicherung einer durch mediale Umbrüche ortlos gewordene Existenz zu einer raffinierten Perlenkette auffädelt.“

merz-zeitschrift.de

„Gerade Trauen und Vertrauen können in der digitalen Gesellschaft zu einer Gratwanderung werden, das beweist der Roman mit seinen kantigen Protagonisten auf beeindruckende Weise.“

Hamburger Abendblatt

„So was muss man können. Oyler kann es, weil sie sich auf smartes und sich smart gebendes Wortgeklingel versteht.“

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

„Oyler ist gut darin, Menschen und Atmosphären auf den Punkt zu bringen.“

Zeit Online

„In die Gedankenwelt der Erzählerin einzutauchen ist oft seltsam, aber nie unbeschwert, so als tanze man im Angesicht des stets erwarteten Weltuntergangs einen euphorisch-resignierten Reigen.“

The New York Times

„Die Sozialen Medien drücken sich manchmal im Hintergrund der zeitgenössischen Literatur herum, aber hier hat man endlich das Gefühl, sie würden gründlich und umfassend untersucht. ... Ich fühlte mich wie angespitzt, war dankbar für die Provokationen.“

The Washington Post

„New York bekam vor einem Jahrhundert Edith Wharton - nun bekommt das World Wide Web Lauren Oyler: Gleichstand.“

The New Yorker

„Geistreich und selbstkritisch.“

The New York Times Book Review

„Was für ein belebendes Werk; tödlich präzise darin, wie es Leute, Orte und Dinge aufspießt ... Fake Accounts ist stylish, verzweifelt und sehr komisch ... und kartiert geschickt den schwindelerregenden Abgrund zwischen Individuum und Welt.“

The Irish Times

„Oylers Ton ist jederzeit klar und selbstsicher und sie beobachtet scharf. Fake Accounts etabliert sie nicht nur als eine wichtige literarische Stimme, sondern auch als eine aufmerksame Interpretin der zeitgenössischen Kultur, die sich nicht scheut den herrschenden Geschmack herauszufordern.“

Times Literary Supplement

„Lauren Oyler schlägt uns in einer amüsanten und gleichzeitig verstörenden Partie multidimensionalen Schachs.“

Kommentare zum Buch
Kommentieren Sie diesen Beitrag:
(* Pflichtfeld)

Lauren Oyler - NEWS

Erhalten Sie Updates zu Neuerscheinungen und individuelle Empfehlungen.

Beim Absenden ist ein Fehler aufgetreten!

Lauren Oyler - NEWS

Sind Sie sicher, dass Sie Lauren Oyler nicht mehr folgen möchten?

Beim Absenden ist ein Fehler aufgetreten!

Abbrechen