Buchtipps für den Winter
Lieferung innerhalb 3-4 Tage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich

Frostige Buchtipps

Die besten Bücher für eisige Nächte

Unsere schönsten Bücher für einen bitterkalten Winter 

Wir haben die interessantesten Winter-Schmöker zusammengestellt - wärmstens zu empfehlen bei eisigen Temperaturen.

Ein wunderbarer Schmöker für kalte Wintertage

England, 1979. Nach einem familiären Schicksalsschlag muss Grace ihre Goldschmiede verkaufen und mit ihrer kleinen Tochter zurück zu ihren Eltern ziehen. Dann bekommt sie von ihrer Großmutter eine Brosche, die sich schon lange in Familienbesitz befindet. Grace erfährt, dass das Schmuckstück die Hälfte einer Tiara ist. Sie macht sich auf die Suche nach dem zweiten Teil und gerät dabei an den exzentrischen Schriftsteller Fraser Stratton, der auf seinem großen Grundstück in einer wunderschönen Villa lebt und gerade eine Sekretärin sucht.

Grace bekommt die Stelle und darf mit ihrer Tochter während des Winters in ein kleines Cottage auf das Anwesen ziehen. Grace lernt den etwas schrägen Fraser schon bald sehr zu schätzen, und auch er schließt die junge Frau ins Herz. Genauso wie Jack, Patenkind und Erbe des alten Schriftstellers. Doch Grace ahnt nicht, dass sie durch die Brosche auf ein lang gehütetes Geheimnis gestoßen ist, das die Strattons mit ihrer Familie verbindet und ihr Leben völlig verändern wird …


Zur Leseprobe

Blick ins Buch
Ein Märchen im WinterEin Märchen im Winter

Roman

Seit dem Tod ihres Mannes und der Pfändung ihres Hauses steht Grace vor einem Scherbenhaufen. Bis ihr eines Tages der exzentrische ältere Schriftsteller Fraser Stratton einen Job als Assistentin anbietet. Die junge Frau bezieht für den Winter ein Cottage auf Frasers Anwesen, das von seinem sympathischen Patensohn Jack verwaltet wird. Als ihr eine antike Brosche in die Hände fällt, ahnt Grace noch nicht, dass sie auf ein lang gehütetes Geheimnis gestoßen ist, das die Strattons mit ihrer eigenen Familie verbindet und ihr Leben völlig verändern wird …

PROLOG

» Hier ist meine Hand «, sagte er. Was hätte ich denn tun sollen ? Ich wollte ja gar nichts weiter, ich wollte nur das Haus sehen, wo alles angefangen hat, und mehr über die Geschichte der Diamantbrosche erfahren. Aber schon in diesem ersten Mo­ment wusste ich es – bei manchen Menschen weiß man einfach, dass sie irgendwie wichtig werden, sobald man ihnen be­gegnet ist. Wir lernten uns im Januar 1979 kennen, dem Winter des Missvergnügens. Es schneite heftig, seine dicken, dunklen Haare waren schneebedeckt. Damals trug er sie noch länger, sie streiften den Kragen seiner Jacke. Jetzt sind sie weiß wie Schnee, aber damals glänzten sie schwarzblau wie geschliffener Obsidian. Ich weiß noch genau, wie sich die Flocken in seinen Wimpern fingen, wie die Atemwolken die Leuchtkraft seiner saphirblauen Augen verschleierten. Ich wusste, ich konnte ihm vertrauen, und deshalb streckte ich den Arm aus.

Es war so ein Wintertag, an dem das Eis schwarz ist und die Straße sich unter dem frisch gefallenen Schnee in eine Eisbahn verwandelt, ohne dass man es merkt. Der schlimmste Winter seit 1963, hieß es, bitterkalt. Er hatte ein Stück weiter angehalten. Die Scheinwerfer seines alten blauen Land Rovers vergoldeten die gefrorenen Schneewehen, die die Hecken wie Zuckerguss überzogen, Spiralen von Schneeflocken fielen langsam vom Himmel, und eine weiße Abgaswolke waberte über der Straße. Der Motor brummte gleichmäßig, aus dem Innenraum drang ein Pink-Floyd-Refrain und trieb über die schweigenden Felder. Zuerst war nur seine Silhouette zu sehen, als er aus dem Licht auf mich zuging. Als er dann näher kam, er­kannte ich, dass er lächelte, er hatte Fältchen um die Augen und versuchte, nicht zu lachen. Ich musste grotesk ausgesehen haben, wie ich da in meinen himmelhohen Stiefeln und meinem zotteligen alten weißen Lammfellmantel mitten auf der Straße stand. Was für Absätze ich damals trug ! Die Arme hatte ich ausgestreckt wie eine Seiltänzerin, um das Gleichgewicht zu halten, und der Wind fuhr mir durch die blonden Haare, die unter meiner schwarzen Baskenmütze hervorquollen. Meine Füße drohten, jeden Moment unter mir wegzurutschen. Nehmen Sie meine Hand. Das waren die ersten Worte, die er zu mir sagte.

» Ich schaffe das schon «, sagte ich. Ich versuchte, mich zentimeterweise rückwärts zu der Stelle zu schieben, wo ich meinen alten roten VW Käfer geparkt hatte. Die Scheinwerfer meines Autos schienen durch die eiskalte Luft nach dem Licht seiner Scheinwerfer zu greifen, die vor uns im Schnee im Zickzack leuchteten wie Scheinwerfer auf einer Bühne.

» Aber sicher. Sie haben ja auch die richtige Wanderausrüstung an. «

» Ich wollte ja nicht. Mein Hund … «, begann ich, aber sein Lachen war ansteckend. Also tat ich es. Ich nahm seine ausgestreckte Hand und hielt mich fest. So fest, dass er bei dem Versuch, mich zu retten, mit mir hinfiel, als ich wieder auf eine Eisplatte geriet und es mir die Füße wegzog. Ich konnte ihn doch nicht loslassen ! Wir sagen gerne, wir hätten uns gegenseitig den Boden unter den Füßen weggezogen.

Wir lagen im Schnee und schöpften Atem, und ich weiß noch, dass ich einen Augenblick lang hinauf in den milchigen Himmel blickte, auf die beleuchteten Schneeflocken, die wie Blattgold träge auf uns herabfielen. In diesem Teil von West Sussex spürt man die Nähe des Meeres. Man sieht zwar die Küste nicht, aber die Luft und das Licht haben ein ganz besonderes Funkeln. Da­mals war alles ganz neu : dieser Mann, diese Straßen, dieses Land, und ich hatte Herzklopfen. Als ich zu ihm hinüberschaute, sah er mich bereits an und lächelte. Für mich war das alles fremd. Ich war so lange müde und traurig gewesen, dass ich gar nicht mehr wusste, wie ein echtes Lächeln ging, und plötzlich musste ich lachen. Ich war wie befreit. Von mir war richtiggehend eine Last genommen. Genau so hatte es sich angefühlt mit ihm, ich schwöre. Ich spürte nichts als Er­leichterung und Freude – ich habe dich gefunden. Das empfand der ruhige, leise Teil von mir, der ihn von irgendwoher erkannte und sich nach ihm ausstreckte. Es war, als triebe der schwere, kalte Felsen der Traurigkeit einfach davon, leicht wie ein Ballon.

» Ich heiße Jack. « Er beugte sich vor und reichte mir die
Hand.

» Grace «, sagte ich und ergriff sie. » Danke für die Rettung. «

» Na, das habe ich ja super angestellt. «

» Ich gebe normalerweise nicht so eine lächerliche Figur ab. « Ich meine, ich komme klar. Dafür bin ich bekannt. Die gute, alte Grace, immer gefasst, immer vorbereitet. Die Parzen hatten offenbar beschlossen, sich zu amüsieren, als sie mich an diesem Tag in himmelhohen Stiefeln auf einer vereisten Straße der Liebe meines Lebens über den Weg laufen ließen.

Er stützte sich auf den Ellbogen und lächelte zu mir herab. » Wollen Sie zu Fraser Stratton ? «

» Ja. «

» Der wird Sie mögen. « Schon wieder dieser amüsierte Blick in seinen Augen. » Aber Sie sind den falschen Weg gefahren. Hier geht es nur zu mir. « Wie könnte das der falsche Weg sein ?, war mein erster Gedanke.

» Sind Sie nicht von hier ? «, fragte ich. » Ursprünglich, meine ich. «

» Der Akzent ? « Er lachte. » Ich bin hier aufgewachsen, aber ge­boren wurde ich in den Staaten. «

» Das erklärt einiges. « Er hatte auch amerikanische Zähne, viel zu gut für einen Engländer in den 1970ern.

» Sie wissen ja, wie es hier ist – man muss Großeltern haben, die auf dem Friedhof begraben liegen, bevor sie einen als Einheimischen akzeptieren. «

» Haben Sie ? «, fragte ich.

» Zählt eine Großtante ? «

» Auf jeden Fall. Wie ist denn Mr Stratton ? «

Jack lachte. » Das werden Sie schon sehen. Ich fahre Sie hin. « Er stand auf, klopfte sich den Schnee von den Beinen und reichte mir die Hand. Er neigte den Kopf. » Sie sehen aus wie ein Schneeengel. « Seine Züge wurden weich. Ich bewegte Arme und Beine hin und her. Ich weiß ehrlich nicht, was in mich gefahren war. Ich hatte das seit meiner Kindheit nicht mehr gemacht, aber mit ihm – na ja, so ist das eben. Seit viel zu langer Zeit fühlte ich mich endlich einmal wieder unbeschwert. » Kommen Sie. Ihnen muss ja eiskalt sein. Ich lasse Sie nicht wieder fallen, versprochen. «

» Ehrlich ? «

» Wir schleppen Ihren Wagen zum Gutshaus. «

» Ich will keine Umstände machen. Ich habe die Zufahrt ge­sucht. Mein Hund … «

» Dieser verrückt aussehende Lurcher, an dem ich gerade vorbei bin ? «

» Jagger heißt er. Er hat an der Tür gescharrt. Ich dachte, er muss mal, deshalb habe ich gleich neben der Hauptstraße ge­hal­ten, aber er ist sofort in diese Richtung hier losgerannt, und ich bin stecken geblieben, als ich hinterherlief. « Lautlos dankte ich meinem Hund dafür, dass er mich hergebracht hatte.

» Keine Sorge. Ich wette, ich weiß, wo er hinwill. «

» Danke. « Ich stand auf. Selbst in meinen Stiefeln war ich nicht so groß wie er. Er legte mir den Arm um die Taille und stützte mich, während wir auf den Land Rover zugingen. Aus der Nähe fielen mir die ersten grauen Haare auf, die er an den Schläfen hatte – ich schätzte ihn auf fünfunddreißig, sechsunddreißig Jahre ? Er trug einen dicken weißen Rollkragenstrickpulli und eine alte blaue Wolljacke, die einen einlädt, sich darin einzuwickeln. Seine Jeans waren sauber, aber zerknittert, und er roch nach Regen, nach Erde, nach etwas Eindeutigem und Echtem, nach einem Ort, wo man leicht atmen konnte. Als er mich an­schaute, hatte ich das Gefühl, er würde mich sehen. Mich wirklich sehen. Das ging mir zum ersten Mal seit Jahren bei jemandem so.

Ich erinnere mich noch an jedes Detail der Fahrt durch den Schnee zu Wittering Manor. Die Hauptzufahrt des Anwesens war geräumt, und an den Zäunen aus rissigem Eichenholz war Schnee aufgehäuft. In Jacks Land Rover war es warm, und es roch nach Öl und Heu. Ich fühlte mich geborgen. Daran erinnere ich mich. Bei ihm fühlte ich mich sicher und geborgen, als wäre ich nach Hause gekommen. Es war damals natürlich noch nicht der schicke Gutshof mit den Hofläden und Cafés und den Ferienwohnungen. Damals fuhr man nur an ein paar Häuschen vorbei, aus deren schiefen Kaminen der Holzrauch aufstieg, und an Wegen, die zu alten, baufälligen Scheunen führten. Und dann kam das Gutshaus in Sicht. Der erste Anblick überraschte mich. Ich hatte mir ein bleiches, abschreckendes Haus mit Säulen vorgestellt, doch stattdessen sah ich ein einladendes Ge­bäude aus rotem Backstein und Holz inmitten eines wunderschön gestalteten Grundstücks. Das Haus schien mit der Zeit gewachsen zu sein, mit nachträglich angebauten Seitenflügeln, und das mit Terrakottaziegeln gedeckte Dach war entzückend schief und mit Schnee bestäubt. Ich weiß noch, als wir auf den Hof fuhren, fiel mir auf, dass selbst die Wetterfahne auf dem Stallgebäude windschief und eingefroren war und in die falsche Richtung zeigte.

Vielleicht war das ein Zeichen. Wie das Leben so spielt, sollte nichts einfach für uns sein, aber oft muss das Wertvollste auch erkämpft werden. Vielleicht lernt man so die Dinge erst schätzen. Und ich bin jeden Tag dankbar dafür, dass mich die Diamantbrosche meiner Großmutter zu ihm führte. Gogo sagt immer : Fall sieben Mal hin, steh acht Mal auf. Damals war das ein echter Prüfstein für mich, und mir gefällt diese Einstellung immer noch. Jack hat mich aufgefangen, als ich fiel – und wir landeten gemeinsam auf den Füßen.

 

 

JANUAR

Granat

Beständigkeit, Treue, Geduld

 

 

1

Grace läuft durch den dunklen Wald ; in der Stille bildet ihr Atem weiße Wölkchen. Der frisch gefallene Schnee leuchtet im Mondlicht, und über den Bäumen glitzern die Sterne, ein Feld von Diamanten. Sie kommt ins Rutschen, als sie zwischen den Bäumen hindurchtritt und die überfrorene Straße erreicht, frostige Zweige knacken unter ihren Stiefeln. Sie rafft den Saum ihres blauen seidenen Abendkleids und wirft einen Blick hinter sich, ihre hellblonden Haare wehen im Wind, ein silberner Strang. Sie hat, wenn überhaupt, nur ein paar Minuten, in denen sie sicher sein kann, dass alle Dorfbewohner in ihren Häusern sind, dass alle neugierigen Blicke sich von den Gardinen weg auf Festivitäten oder den Fernseher richten und die Leute zum Jahreswechsel das traditionelle » Auld Lang Syne « singen.

Drei Mal schlägt die Glocke, sie zählt mit. Viertel vor Zwölf.

Am Tor bleibt sie kurz stehen und schnappt in der Kälte nach Luft. Sie legt die behandschuhte Hand auf die steinerne Tafel, spürt die vertrauten Buchstaben : Altes Pfarrhaus. Auf der anderen Straßenseite fängt sich der Schnee an der starren Buchsbaumhecke von Mrs Millers strohgedecktem Häuschen. Das Haus er­innert Grace an einen zusammengerollten Igel, der die Stacheln zeigt. Die tief liegenden, perlenartigen Fenster beobachten alles, was im Dorf vor sich geht.

Grace läuft die von Bäumen gesäumte Zufahrt zum Pfarrhaus hinauf und hält sich im Schatten. Sie zieht sich die Kapuze ihres Samtcapes über, atmet den beruhigenden Duft ihres Parfums ein, Opium, warme Vanille und Patchouli. Das Haus liegt vor ihr, die eleganten Fenster schimmern bläulich im Mondlicht, eingerahmt von dunklen, kahlen Bäumen, so ruhig wie der Blick einer Frau, die sich ihrer Schönheit gewiss ist. Es wartet auf sie. Als ihre Familie nach Hampshire gezogen war und sie das Haus zum ersten Mal gesehen hatte, erinnerte es sie an die Häuser, die sie als kleines Mädchen gemalt hatte – rechtwinklig und solide, sicher. Sie bleibt stehen, als sie Stimmen hört, Gelächter aus einem Haus in der Nähe. Grace hebt den Kopf und lauscht, schnell und ängstlich wie ein Reh im Wald. Eine Tür geht zu. Jetzt ist nur noch das ferne Rauschen des silbernen Flusses durch die Auen hinter der Kirche von Exford zu hören. Sie eilt die Zufahrt hinauf, ausnahmsweise knirscht der Kies nicht, er steckt in der ge­frorenen Erde fest, bedeckt von Schnee.

Sie zieht den Schlüssel aus der Tasche und schiebt ihn mit zitternder Hand in das Schloss. Er lässt sich nicht drehen. Sie hatte damit gerechnet, dass es wie immer mit einem Klicken aufgehen würde, dass sie die Haustür ganz einfach aufschieben und in den Gang treten konnte, in dem sie sich selbst mit verbundenen Augen zurechtfinden würde. Sie schaut durch die Scheibe, die Bodenfliesen reflektieren das Oberlicht, das vom Mond beleuchtet wird. Sie haben schon die Schlösser ausgetauscht. Fluchend zieht sie den Schlüssel mit einem Ruck heraus. Als auf der Straße ein Auto vorbeifährt, verschwindet sie im Schatten des Sandsteinvorbaus. Sie atmet kurz und flach. Sie wartet, dann läuft sie um das Haus herum zur Hintertür. Sie drückt die Klinke. Verschlossen. Denk nach.

Die Erinnerungen stürzen auf sie herein, das Leben, das in diesen vier Wänden gelebt worden war. Sie lässt sie durch sich hindurch wie einen Schwarm Vögel im Formationsflug. Sie erinnert sich an den endlosen Sommer, in dem sie eingezogen waren, 1976. Sie waren befeuert von Hoffnung und Ehrgeiz. In diesem Sommer schien jeden Tag die Sonne zu scheinen. Sie erinnert sich, wie sie mit Harry zu » Dancing Queen « Jive tanzte, ihre Tochter hatte sich auf ihre Füße gestellt. Das Radio tönte durch das ganze Haus, während die Umzugsleute die Kisten hereintrugen. Es tut immer noch weh, das Glück, das sie empfand, als sie den geschmeidigen, leichten Körper ihrer Tochter durch die leeren Räume wirbelte. Sie wünscht sich diese Zeit so sehr zurück, diese unbeschwerten Momente. In Gedanken geht sie weiter durch das Haus, die Zimmer werden nacheinander hell. Sie sehnt sich nach den Flammen des Kaminfeuers, der warmen Umarmung des Holzrauchs, nach Cognac auf der Zunge. Oder nach der blauen Kühle ihres Schlafzimmers, dem Streicheln einer Brise durch die offenen Fenster in einer Sommernacht. Vor Sehnsucht stockt ihr der Atem. Grace ballt die Faust und schlägt frustriert gegen den Türrahmen. Dafür ist keine Zeit. Denk nach. Da fällt ihr der Abend im April ein, an dem Sam in dem Kino in Winchester seine Schlüssel verloren hatte. Freunde hatten sie nach Hause gefahren, aber sie waren ausgesperrt. » Wir könnten in der Spielhütte schlafen «, sagte er. » Harry übernachtet bei ihren Freundinnen. Das wäre doch lustig … «

» Bist du verrückt ? «, sagte sie. Sam zog sein Schweizer Messer heraus, die Klinge schimmerte im Licht der Außenlaterne. » Sei vorsichtig. «

» Keine Sorge. « Er sah sie an, seine grünen Augen waren ganz ruhig, unlesbar hinter seinem blonden Pony. Er ging zum nächsten Fenster und schob die Klinge zwischen die klappernden Rahmen, um den Riegel wegzudrücken. Innerhalb weniger Sekunden war er im Haus und öffnete ihr die Hintertür.

» Wo hast du das denn gelernt ? «

» Das willst du gar nicht wissen. «

Grace schaltete das Licht in der Küche an. » Wenn das so einfach ist, sollten wir uns bessere Schlösser besorgen. «

» Wer würde es wagen, hier einzubrechen ? «, fragte er und nahm sie in die Arme. » Hier kann uns nichts etwas anhaben. «

Grace steht da und betrachtet die Hintertür. Nichts kann uns etwas anhaben. Selbst damals war sie sich unsicher gewesen. Sie zuckt zusammen, merkt, dass sie sich wieder in der Vergangenheit verliert. In der Manteltasche sucht sie nach Sams Messer. Es ist ein Talisman, den sie immer bei sich hat. Sie sieht auf seine Omega-Uhr. Fünf Minuten vor zwölf. Das erste Fenster, bei dem sie es versucht, ist zu fest verschlossen, das nächste auch. » Sam «, murmelt sie, » ich brauche deine Hilfe. « Grace er­schrickt, als eine Gruppe von Leuten in den Pub am Platz unterwegs ist, kurz ist durch die offene Tür You’re the one that I want aus der Jukebox zu hören, Gelächter und Gesang : Uu-uu-uuh. Die Zeit drängt. Sie geht zum nächsten Fenster und zwängt das Messer in den Spalt, drückt die Klinge fest gegen den Riegel. Ihre Finger sind steif vor Kälte, aber sie spürt, wie es nachgibt. » Danke «, flüstert sie und schiebt das Fenster hoch.

Ihre Schritte auf den Dielen hallen durch das Haus. Es tut unendlich weh, das alles wiederzusehen. Eigentlich hatte sie nie mehr zurückkommen wollen. Grace schaut absichtlich nicht zu dem Türrahmen in der Küche hin, der die Markierungen trägt, die sie gemacht hatten, während Harry heranwuchs, die dünnen blauen Linien für sie selbst und gleich darüber für Sam, und Harrys krakelige Striche für Jagger, den Hund. Sie zwingt sich, weiter den Gang entlangzugehen, erinnert sich, wie sie kurz vor Weihnachten vor der Tür stand, als der Lieferwagen ihres Vaters Ted mit den letzten Kisten schlingernd dem dunklen Cortina auf der Auffahrt auswich. Der Vertreter der Bank nahm geschäftsmäßig den Satz Schlüssel entgegen. Sie ging da­von, ohne einen Blick zurückzuwerfen, staunend, wie schnell ein Leben auseinanderfallen kann.

Vor der Tür zum Wohnzimmer zögert sie, fürchtet sich da­vor, einzutreten. Einerseits erwartet sie, noch alles an Ort und Stelle vorzufinden, das dunkelrote Samtsofa, die Schaffelle vor dem Kamin im Schein der zwei Lampen. Los, tu es, denkt sie und geht weiter. Als sie die Tür öffnet, ist alles leer, Mondlicht beleuchtet den nackten Boden unter ihren Füßen. Grace läuft rasch zum Kamin und zieht die Feuerböcke zur Seite. Sie geht in die Hocke, holt eine kleine Taschenlampe hervor und schaltet sie ein. Sie hält sie mit den Zähnen fest und quetscht sich in die Öffnung hinein, tastet nach dem losen Ziegel über dem steinernen Bogen. Da. Mit dem Messer hackt sie auf die Mauer ein, löst den Ziegelstein heraus. Sie blinzelt, hat Staub in der Lunge, ihr brennen die Augen. Der Ziegelstein fällt zu Boden, und sie greift in die Nische, sucht mit den Fingerspitzen nach der kleinen Holzschatulle. Ich hatte recht. Sie ist weg. Gleich wird die Kirchenglocke das neue Jahr einläuten.

Grace setzt den Stein wieder ein und schiebt sich vorsichtig aus dem Kamin heraus. Wer konnte das nur gewesen sein ? Das Licht von Autoscheinwerfern huscht über die gegenüberliegende Wand, als das Auto über die verschneite Zufahrt rutscht. O Gott, o Gott, denkt sie, dreht sich um, läuft zum Gang. Wer hat sie ge­sehen ? Sie hastet durch den vom Mond beleuchteten Korridor, Cape und Kleid hinter sich her schleifend. Vielleicht hat jemand die Polizei gerufen ? Ist es strafbar, in sein eigenes Haus einzubrechen ? Es ist nicht dein eigenes Haus, nicht mehr, denkt sie, eilt durch die Küche, klettert durch das Fenster hinaus und schiebt es leise wieder zu.

» Was hast du dir eigentlich dabei gedacht ? «

Grace wirbelt herum, als sie direkt hinter sich eine Männerstimme hört. » Dad ? Du hast mir einen Heidenschreck eingejagt. «

» Halt still, dein Kleid hat sich verfangen. « Ted löst den Saum von der Fensterbank. » Ich habe gesehen, wie du die Feier verlassen hast, und dachte mir irgendwie, dass du vielleicht zum Haus willst. « Er zieht den Rahmen fest nach unten. » Ich weiß, die Situation ist nicht gerade rosig, aber ich hätte nicht gedacht, dass du gleich einen Einbruch begehst. « Er nimmt ihr das Messer ab und schiebt den Riegel wieder so zurück, dass das Fenster verschlossen ist. » Wir wollen doch nicht, dass jeder so einfach in das alte Haus einbrechen kann, oder ? « Er streicht liebevoll über die Mauer. » Ist alles in Ordnung mit dir ? «

» Ja «, sagt sie, als sie zu Teds rotem Jaguar E-Type gehen, der vor dem Haus parkt. » Ich musste einfach nachsehen. Sie sind weg. « Ihr Gesicht ist bleich, ängstlich. » Die Geburtssteine sind weg. «

Die Glocken läuten über das gefrorene Land. » Frohes neues Jahr, mein Liebes «, sagt Ted.

» Dir auch, Dad. Hoffen wir es. « Grace schaudert, zieht den Kragen ihres Capes hoch. » 1979 hätte wegen mir nicht unbedingt so anfangen müssen. «

» Wer auf der Welt tut denn so etwas ? Wer ? « Ted runzelt die Stirn. » Willst du zurück auf die Feier ? « Vorsichtig steuert er das Auto über die gestreute Straße, die Reifen rauschen durch den Schnee. Die Flocken wirbeln wie in einem Kaleidoskop auf sie zu. » Das wird jeder verstehen. Kein Wunder, dass dir dieser Brief einen Schrecken eingejagt hat. Mach dir keine Sorgen, Schatz. Wir werden die Sache aufklären. Du hast schon genug durchgemacht, ohne … «

» Schon gut, Dad. « Sie starrt durch die Windschutzscheibe auf den langsam fallenden Schnee. » Es ist schon erstaunlich, oder ? Letztes Jahr um diese Zeit hätte ich dir nicht geglaubt, wenn du mir erzählt hättest, ich wäre obdachlos, verwitwet, alleinerziehend … «

» Du bist nicht obdachlos, Liebes. Du hast einen Platz bei uns, so lange du ihn brauchst. « Ted greift nach ihrer Hand und drückt sie.

Grace zieht einen einfachen braunen Umschlag aus der Tasche, auf dem nur ihr Name steht, mit Schreibmaschine getippt. In dem Umschlag befindet sich eine kleine Holzschatulle und eine Karte :

Unsrer treuen Liebe zum Gedenken /
will ich diesen Granat dir schenken.

Die dicke rote Schleife, die um die Schatulle gebunden ist, fällt im Auto unbemerkt auf den Boden. Grace zittert vor Kälte und Adrenalin, als sie die Schatulle öffnet und mit der Fingerspitze über die elf Vertiefungen streicht, bis sie bei dem Granat angelangt ist. Grace hält den Edelstein zwischen Daumen und Zeigefinger hoch, im Halbdunkel schimmert er rot. » Ich habe den Stein sofort erkannt. Ich weiß noch, wie ich ihn geschliffen habe. «

» Hast du deshalb eingebrochen ? Um nachzusehen, ob die Schatulle weg ist ? «, fragt er. Grace nickt. Sie betrachtet immer noch den Stein. » Hätte ich doch nur gesehen, wer ihn bei der Mühle vor die Tür gelegt hat. Ich habe den Umschlag nur be­merkt, weil ich ein paar Gäste hereinlassen wollte. Wer würde denn die Steine nehmen ? « Ted überlegt. » Du glaubst doch nicht … «

» Er ist tot. « Über den Straßen von Exford explodieren Feuerwerkskörper : kühne Raketen vom Anwesen, ein etwas gesetzterer Goldregen über dem Mühlhaus ihrer Eltern. Sie muss an das Feuerwerk denken, das Sam zu ihrem Einzug in die Alte Pfarrei organisiert hatte. Die Terrasse war voll mit Leuten, die sie nicht kannte. Danach hatte Sam alle ins Wohnzimmer gebeten und eine große Rede gehalten, bevor er die Edelsteine als Glücksbringer für ihr neues Zuhause im Kamin einmauerte. Als Grace das vorgeschlagen hatte, war das als private Geste gedacht gewesen, nur für sie selbst und Sam. Stattdessen sah er darin die Ge­legenheit für einen eindrucksvollen Abschluss der Feier. Sie er­innert sich, wie ihr die Wangen brannten, wie sie sich in dem Raum umsah, während Sam in seinem Augenblick des Ruhms badete, mit dem Haus prahlte, mit der Familie seiner Träume. Ganz in der Nähe wurden die lächelnden Gesichter von Harry und ihren Eltern vom Kaminfeuer beleuchtet, aber dahinter sah sie stechende Augen im Schatten funkeln, Gesichter, die sie nicht kannte, Menschen, die ihrem Eindruck nach alles andere als be­geistert über Sams Glück waren. Wie Wölfe, die ein Lagerfeuer um­kreisen.

» Sam ist tot, Dad «, sagt sie. » Ich habe keine Ahnung, wer alles davon wusste, dass er Edelsteine als Glücksbringer eingemauert hat, aber es gibt genügend Leute, die böse auf ihn sind. Sams Gläubiger, seine Familie – die Liste von Leuten, denen seine Firma Geld schuldete, ist endlos. Ich dachte, es würde aufhören, sobald das Haus verkauft ist, aber sie waren trotzdem noch hinter ihm her, und jetzt spielen sie Spielchen mit mir. «

» Soll ich mal herumfragen ? Wenn jemand versucht, dir wehzutun … «

» Keine Sorge. Ich kann schon auf mich selbst aufpassen. « Sie dreht den Kopf zu ihm. » Hör mal, ich habe wirkliche keine große Lust, wieder auf die Party zu gehen, aber Mum … «

» Deine Mutter wird es schon verstehen, wenn ich es ihr er­kläre. «

» Egal, ich habe Ben sowieso versprochen, dass ich ihm helfe. «

» Ben ? Was hat der alte Teufel denn nun schon wieder ausgeheckt ? «

» Du wirst schon sehen «, sagt sie, als ihr Vater vor der Alten Mühle anhält und den Motor ausschaltet. Die Zufahrt ist zu­geparkt mit Autos, und sie schlängeln sich hindurch zur Haus-
tür.

» Komm, Liebes, wir gehen rein. Wir sprechen morgen darüber. « Als er die Tür aufmacht, werden sie von einem Schwall warmer Luft begrüßt, der Musik und Gelächter mit sich trägt. Das Haus ist voller Menschen, bunte Lichterketten funkeln, an den alten Holzbalken baumelt Lametta. Grace hängt ihr Cape an die Haken in der Diele und zieht sich die Gummistiefel aus.

» Danke, Dad. « Sie drückt ihn fest. Sie fragt sich, ob seine neuerdings leicht gebeugten Schultern von den zurückliegenden Er­eignissen herrühren oder von den niedrigen Decken in der Alten Mühle. Der Stern auf dem Weihnachtsbaum neigt sich auf einen Balken zu und blickt auf sein glänzendes Lametta hinab wie eine Frau, die ihr neues Kleid bewundert. » Gutes neues Jahr, Dad. «

» Wo wart ihr denn ? « Grace’ Mutter bahnt sich einen Weg durch die Menge der Gäste, sie hat ein Silbertablett mit Häppchen in den Händen. Der weite Ärmel ihres Kleids bleibt am Weihnachtsbaum hängen. » O Gott, sieh dir nur mal an, wie er nadelt, Ted. « Als ihre Mutter die Nadeln mit einem Fuß, der in einer goldenen Sandale steckt, wegschiebt, duftet es nach frischer Tanne. Priscilla Manners’ fuchsienroter Lippenstift hat genau den gleichen Farbton wie ihr Chiffonkaftan, und das Licht des Kaminfeuers und der Champagner haben ihr die Wangen ge­wärmt. » Ihr habt den Trinkspruch und das Feuerwerk verpasst. Ich musste Ben bitten, mir zu helfen. Der hat vielleicht ge­schaut ! «

» Frohes neues Jahr, Liebling «, sagt Ted und küsst sie auf die Wange.

» Du bist ja völlig durchgefroren «, sagt Priscilla zu Grace. » Was denkst du dir eigentlich dabei, einfach so abzuhauen ? « Jemand legt eine andere Musik auf, unterbricht Perry Comos Magic Moment, die Nadel springt und kratzt über die Schallplatte. » Wer hat die Musik gewechselt ? Dieses Jahr will ich eine entspannte, kultivierte Atmosphäre, nicht diesen Disco-Quatsch. « Cilla reckt den Kopf und versucht, durch das Gedränge hindurch zum Plattenspieler zu sehen. Die ersten Takte von » Stayin’ alive « pulsieren durch den Raum.

» Reg dich nicht auf, Cilla «, sagt Ted. » Alle amüsieren sich. «

» Eine tolle Party, Edward «, sagt ein Mann, als er sich an ihnen vorbeidrückt. Er reckt den Arm zur Decke, im Takt der Musik. » Cilla ist immer die allerbeste Gastgeberin. « Die andere Hand hat er ihr an die Taille gelegt.

Sie errötet und kichert. » Findest du ? Das ist wirklich sehr nett. Hast du die Mini-Quiches schon probiert ? «

Grace betrachtet ihre Mutter, spürt die Verzweiflung in ihrer Frage : Findest du ? Das alles hat sie kein bisschen verändert. Sie möchte beweisen, dass sie in Exford immer noch den Ton angibt.

» Ich musste das im Alleingang schaffen «, sagt Cilla, sobald der Mann weitergegangen ist. Sie lässt den Blick über die Festgäste schweifen. » Ted, der Pfarrer braucht Nachschub. «

» Natürlich, Liebes. « Er greift nach einer Flasche.

» Und Mrs Miller wollte einen Portwein mit Zitrone. «

Ted hebt die Augenbrauen, als er Grace ein Glas reicht. » Ich mache ihr einen leichten. Ich glaube, sie hat unseren Babycham-Vorrat schon leer getrunken. Für dich etwas Blubberwasser, ­Liebes ? «

» Gerne, danke. «

» In diesem Jahr ist es kein echter Schampus, aber das merkt man überhaupt nicht. « Er wickelt eine Serviette um das Etikett und geht.

Grace greift nach unten, als ein alter Lurcher sie mit seiner an­gegrauten Schnauze an der anderen Hand stupst. Gedankenverloren streichelt sie seine knochige Flanke. » Hallo, Jagger. Warst du brav ? «

» Wann ist er das jemals ? «, murmelt Cilla. » Ich habe ihn er­wischt, da steckte er mit dem Kopf im Servierwagen und hat sich an den Blätterteigpasteten gütlich getan. « Der Hund sieht sie finster an und trabt davon. Er klettert auf ein smaragdgrünes Sofa, dreht sich einmal, zweimal im Kreis und rollt sich dann vor dem Feuer zusammen. Sein Blick scheint ihr zu sagen : Pass bloß auf. Mich vor den ganzen Leuten zu schimpfen.

» Das ist ja wirklich ein bezaubernder Hund, Cilla, ist das deiner ? «, fragt eine Frau und nimmt sich einen Käsespieß von dem Tablett.

» Jagger, o nein. Er gehört meiner Tochter, dieses ungezogene Tier. « Cilla gibt Grace einen raschen Kuss. Die blonden Haare ihrer Mutter fühlen sich an der Wange an wie Zuckerwatte und riechen nach Elnett-Haarspray.

» Es tut mir leid, dass ich die Glockenschläge verpasst habe, Mum. «

» Nicht so schlimm «, flüstert Cilla. » Es gibt immer ein nächstes Jahr. « Die Züge ihrer Mutter werden einen Augenblick weich. » Ich weiß, es ist schwer für dich, das erste Weihnachten ohne Sam. « Sie macht sich an Grace’ Haaren zu schaffen, schiebt ihr eine Strähne hinter das Ohr. » Lass nie zu, dass sie dich sehen, wenn es dir schlecht geht. « Sie schaut sich schnell um, um zu prüfen, wer sie beobachtet, wer über sie redet.

» Sie ? Mum, es ist mir egal, was die Leute denken … «

Cilla macht einen Schmollmund. » Harry ist endlich im Bett. Ich habe Ben dabei erwischt, wie er ihr einen Eierlikör gegeben hat, und da dachte ich mir, es wird Zeit, dass sie hochgeht. Wenn man vom Teufel spricht «, sagt sie hinter vorgehaltener Hand.

» Ah, da bist du ja, Grace. « Ben drängt sich durch die Menge. Er bemerkt Cillas gekränkten Gesichtsausdruck, als sie davongeht, legt er Grace den Arm um die Schultern und drückt sie kurz an sich. » Nimm das nicht so wichtig. Deine Mutter könnte Jeanne d’Arc noch etwas über Märtyrer beibringen «, flüstert er ihr ins Ohr. » Sind wir bereit ? « Ben streicht sich die grauen Locken glatt und marschiert Richtung Wintergarten. How deep is your love setzt ein. » Wie passend. Ein gutes Zeichen, oder ? « Er blickt, Zustimmung suchend, Grace an. » Seit der Landung in der Normandie war ich nicht mehr so nervös. « Er richtet sich die Krawatte und strafft die Schultern. » Margot ! «, ruft er, drängt sich zwischen den Tanzenden hindurch und fegt mithilfe seines Gehstocks noch die letzten zur Seite, die ihm im Weg sind. Grace’ Großmutter tanzt inmitten der Menge, sie bewegt sich geschmeidig und anmutig. Margot hat violette, klare Augen, eine Farbe, die Grace gerne von ihr geerbt hätte. Als sie sich umwendet, glänzen die sanften Wellen ihrer grauen Haare, getönt von den Juwelenfarben der pulsierenden Scheinwerfer. Ihr Kleid hat genau die gleiche Farbe wie ihre Augen. Am Kragen trägt sie eine Brosche, der Flügel aus Diamanten funkelt in den Lichtern der Spiegelkugel, die sich über ihnen dreht.

» Ich hoffe sehr, du machst jetzt keinen Kniefall, Ben, denn du kommst nie mehr wieder hoch. « Sie erhebt die Stimme über die Musik. Ihr Akzent klingt immer noch nach Paris, sanft wie der Schnee, der draußen auf die dunklen Felder fällt.

» Woher wusstest du das ? «, fragt er.

» Wie lange sind wir befreundet ? « Sie neigt den Kopf.

» Margot, ich liebe dich schon länger, als ich denken kann. «

» Dieses Jahr werden es zwanzig Jahre. «

» Und das muss gefeiert werden. « Er hebt ihre Hand an die Lippen und küsst sie. » Wir haben vielleicht keine weiteren zwanzig Jahre vor uns … «

» Da sprichst du wohl für dich ? « Margots volles Lachen ist an­steckend.

» Aber ich hoffe, dass du die Jahre, die uns noch bleiben, als meine Frau verbringst. « Die Stille zwischen ihnen dehnt sich wie eine zu straff gespannte Geigensaite. Grace sieht Panik in den Augen ihrer Großmutter aufblitzen. Ben beugt sich zu Margot, drückt die Stirn an ihre. » Ich weiß, dass du nie heiraten wolltest «, sagt er ruhig. » Aber nach diesem Jahr, nach Sam … « Er hält inne. » Da wird einem doch klar, dass man jeden Augenblick, jede Chance auf Glück ergreifen muss. «

» Schatz «, erwidert Margot, die ihre Fassung wiedergefunden hat, » du weißt doch, wie man sagt. Wenn ein Mann seine Ge­liebte heiratet, schafft er eine freie Stelle. «

» Ich verspreche dir, meine Wanderjahre sind vorüber. Ich hätte dich schon vor Jahren geheiratet, wenn Polly nicht so krank ge­wesen wäre. Ich hätte mich nie von ihr scheiden lassen können, aber jetzt, wo sie nicht mehr ist … «

» Du warst ein guter Ehemann «, sagt sie leise. » Wenn auch nutzlos und untreu. «

» Ich werde ein guter Ehemann sein. Ein besserer Ehemann. Heirate mich … «

» Ben, danke … «

» Ich schwöre « – er erhebt die Stimme – » heirate mich, und ich verbringe den Rest meines Lebens damit, dich zur glücklichsten Frau der Erde zu machen. « Die anderen klatschen Beifall. Grace sieht einen Blick in den Augen ihrer Großmutter, den sie erkennt – die Wildheit eines Geschöpfs, das in der Falle sitzt und bereit ist, zu kämpfen oder zu fliehen.

» Na los, Margot ! «, ruft jemand von den Gästen. » Wenn du ihn nicht heiratest, nehme ich ihn ! «

Margot sieht Ben an. » Ich kann es nicht. Ich liebe dich über alles, Ben, aber heiraten werde ich dich nicht. «

Er senkt den Blick. » Na ja, man kann es ja keinem Mann vorwerfen, dass er es versucht hat. « Er tätschelt ihr die Hand. » Du denkst aber noch mal darüber nach ? « Er wirft einen Blick auf die erwartungsvollen Gesichter um sie herum, dann winkt er Grace. » Wir feiern trotzdem groß in diesem Jahr, ja ? Um unseren Jahrestag zu begehen ? «

» Wir haben außerdem unseren sechzigsten Geburtstag in dem Jahr. Warum nicht ? «, sagt Margot.

Ben wirft die Arme hoch. » Und ihr seid alle eingeladen ! « Unter dem Jubel der Gäste küsst Ben sie zärtlich. Er wartet, bis sich alle abgewendet haben. Grace sieht die Enttäuschung in seiner Miene, aber er fasst sich, als sie zu ihnen geht. » Also, ich habe mit Grace etwas ausgeheckt. Ich dachte, das könnte ein Verlobungsring sein … «

» Ach, Ben. Du bist immer viel zu voreilig. «

» Ich habe natürlich keinen gekauft. Ich habe Grace gefragt, ob sie ihn entwerfen würde. « Er drückt Margot die Hand. » Zwanzig Jahre Freundschaft, und … na ja, das verdient etwas Beson­deres. «

» Was für eine wunderschöne Idee. «

Grace nimmt die kleine Holzschatulle aus der Tasche und legt Margot den Granat auf die Handfläche. » Seltsamerweise könnte ich den idealen Stein dafür haben. «

» Wie … ? «

» Keine Sorge, er gehört mir «, erklärt Grace. » Oder gehörte. «

» Wunderschön «, sagt Margot. » Ein Symbol der Treue. « Sie wirft Ben einen kurzen Blick zu und deutet ein Lächeln an.

» Findest du wirklich ? «, sagt er. » Grace hat erst einen Amethyst vorgeschlagen, um die Farbe deiner Augen zu betonen. Ich dachte, wir könnten alle nach Hatton Garden fahren und den Stein zusammen aussuchen. «

» Nein, der hier ist perfekt. «

» Ben hat mit einem seiner Mieter im Antik-Zentrum gesprochen «, sagt Grace. » Ich darf seine Schmuckwerkstatt benutzen. Sie liegt genau neben deinem ehemaligen Stand. «

» Wo das Glasatelier war ? Lustig. Ich bin mir sicher, dass er wunderschön wird. « Margot hält den Stein vor das Kaminfeuer, sodass er rot aufleuchtet. » Ich kann mir nichts Besseres für meinen Ring vorstellen als meinen Geburtsstein. « Sie sieht zu, wie Ben zu Night fever davontanzt. Als sie sicher ist, dass er mit alten Freunden beschäftigt ist, beugt sie sich zu Grace vor und flüstert : » Zum Glück ist das vorbei. Ich hatte das schreckliche Gefühl, dass er mir heute Abend einen Antrag macht. Aber erzähl, wo hast du ihn her ? «

» Den Granat ? Den habe ich auch aus Jaipur mitgebracht, als ich mit Sam auf Reisen war «, sagt sie leise. » Als wir das Haus renoviert haben, haben wir sie als Glücksbringer in den Kamin eingesetzt, weißt du noch ? Zwölf Geburtssteine, einen für jeden Monat. « Bei dem Gedanken daran, dass jemand sie genommen hat, dreht sich ihr vor Angst der Magen um. Sie öffnet die Schatulle noch einmal und streicht mit den Fingern über die leeren Mulden. Das ist erst der Anfang, oder ?, wird ihr klar. Warum sonst sollte mir jemand die Schatulle mit nur einem Stein schicken ? Kalte Angst steigt in ihr auf, und sie bekommt eine Gänsehaut im Nacken, als sie an die Monate denkt, die vor ihr liegen. Was wollen die ? Geld ? Rache ? Sie beißt sich auf die Lippe, denkt an den Zettel. Mich ?

» Grace ? « Margot setzt sich in einen samtenen Ohrensessel und legt besorgt den Kopf schief.

» Sam hat immer von den Sachen erzählt, die sie eingemauert in Kaminen gefunden haben, wenn sie Häuser renovierten – Kinderschuhe, Strohpuppen, alle möglichen kleinen Talismane. « Grace unterdrückt ihre Gedanken und nimmt den Granat wieder, den sie sicher in der Schatulle verstaut. » Ich dachte, zwölf Steine würden uns Glück bringen oder uns schützen. «

» Wie auf dem Brustschild des Hohepriesters ? «

» Damals fand ich es romantisch. «

Margot nimmt Grace’ Hand. » Du hast dir schon damals Sorgen gemacht ? «

» Natürlich. Aber du weißt genauso gut wie ich, dass Sam die Alte Pfarrei sein ganzes Leben lang geliebt hat. Jedes Mal, wenn wir dort vorbeigefahren sind, hat er mir erzählt, dass das sein Traumhaus war, als er in einem Wohnblock aufgewachsen ist. Ich wusste, es würde eine Herausforderung werden, aber ich konnte seinen Traum nicht zerstören. «

» Bauunternehmer wissen nie, wann sie aufhören sollen «, sagt Margot. » Sieh dir nur Ben an. Er hat mehrmals ein Vermögen gemacht und wieder verloren. In letzter Zeit gab es eher Verluste als Gewinne. Wenigstens hat er noch den Antiquitätenmarkt. « In ihrer Stimme liegt eine gewisse Mattigkeit. » Sam hat mich an ihn erinnert. Sie sind beide Herzensbrecher und Abenteurer, jagen immer dem nächsten Traum nach, denken, ihr Glück wird nie zu Ende sein. «

Der nächste Song setzt ein : More than a woman. Grace denkt daran, wie sie im letzten Jahr bei einer Disco-Veranstaltung in der Dorfhalle mit Sam getanzt hat. Er trug einen makellosen weißen Dreiteiler. Als sie nach Hause gelaufen waren, hatte sich jemand aus dem Auto gelehnt und gerufen : » Für wen hältst du dich eigentlich ? Für Tony Manero ? « Ein Herzensbrecher, ein Abenteurer. War er das ? Oder wollte er, dass ihn alle dafür hielten ? Grace be­trachtet die Schatulle. » Glück ? Mit den Steinen hat es jedenfalls bei uns nicht funktioniert. «

» Es gibt immer noch die Brosche, Kleines. « Margot fährt mit dem Zeigefinger über den Rand des Diamantflügels an ihrem Schlüsselbein. » Dieser reizende Mensch in der Antiques Road­show hat gesagt … «

» Aber das ist alles, was du noch von deiner Mutter hast. «

» Sie gehört dir, wenn du sie brauchst. « Margot sieht sich suchend nach Cilla um. » Eigentlich können wir es doch auch jetzt gleich machen. Gibst du mir mal meine Tasche ? « Grace beugt sich vor und reicht ihr eine weiche schwarze Tasche aus Leder. Margot nimmt ein abgestoßenes blaues Schmucketui von Bouchet et Fils heraus. Es fällt ihr vom Schoß auf den Boden. » Ach je, wie ungeschickt, wärst du so nett ? «

» Warum hast du das Etui dabei ? « Grace bückt sich und hebt es auf. » Gogo, hast du das die ganze Zeit schon geplant ? Das darfst du nicht. «

» Es ist nur fair. « Margot nimmt Grace das Etui ab. » Du machst einen Ring für mich, und ich schenke dir etwas, das sowieso eines Tages dir gehören wird. Ich weiß, dass meine Tochter sich ärgern wird, dass ich sie dir gebe statt ihr, aber Priscilla würde sie nur an Fest- und Feiertagen herausholen, um beim Women’s Institute Eindruck zu schinden. «

» Gogo, du bist fürchterlich. «

» Wir sind genau gleich, du und ich. « Margot hebt Grace’ Kinn und blickt sie an. » Hab Geduld. Du hast in den letzten Monaten zu viel durchgemacht, aber wir sind Überlebenskünstler. Du kommst wieder auf die Füße, Schatz. Erinnerst du dich an das, was ich immer sage ? «

» Fall sieben Mal hin, steh acht Mal auf. « Grace’ Lächeln zittert, als sie sie ansieht ; sie unterdrückt Tränen und hat einen Kloß im Hals. » Wie denn, Gogo ? Wie ? Wenn ich morgens aufwache, vergesse ich manchmal, was passiert ist, und dann ist plötzlich alles wieder da, und ich kann kaum aufstehen. Wie soll ich jemals wieder auf die Füße kommen ? «

» Du hast Harry, für die du kämpfen musst. «

Grace runzelt die Stirn. » Ich hätte auf mein Bauchgefühl hören sollen. Ich wusste, dass Sams Firma uns, und auch mein Geschäft, ruiniert. Was bin ich für eine Mutter ? «

» Eine verdammt gute, und lass dir bloß von niemandem etwas anderes einreden. « Margot wirft einen kurzen Blick auf Cillas Rücken und richtet dann ihre ruhigen violetten Augen wieder auf Grace. » Du hast etwas riskiert. Manchmal im Leben gewinnt man. Manchmal lernt man. Und man bewegt sich weiter. Immer. Beweg dich immer weiter, Liebes. «

» Ich weiß nicht, wovon wir leben sollen. Wir können nicht für immer bei Mum und Dad wohnen. Ich habe alles verloren – Sam, das Haus, mein Geschäft. Ich habe … « Grace verzerrt vor Schmerz das Gesicht, sie kann den Satz nicht beenden. » Ich kann nicht einmal arbeiten. Die Bank hat meine ganze Werkstattausrüstung und die Bestände beschlagnahmt. « Sie holt tief Luft und zwingt sich zu einem Lächeln. » Die Geburtssteine waren die letzten Edelsteine, die ich noch hatte, und sogar die hat irgend­jemand genommen. «

» Wenn ich gewusst hätte, dass er das Haus und deinen Laden als Sicherheit einsetzt … «

» Gogo, fang nicht an. Ich bin schuld. Ich wusste, welches Risiko ich eingehe, und es gibt Leute, die schlimmer dran sind als wir. « Wen ?, denkt sie. Wen kennen wir, der schlimmer dran ist als wir ? Sie blickt auf ihre Hand hinunter. Mach niemals halbe Sachen, Grace, hat Sam immer gesagt. Wenn du schon verlierst, kannst du auch gleich alles verlieren. » Unterbrich mich, bitte. « Sie blickt zu ihrer Großmutter auf, die Augen strahlen. » Ich kann Selbstmitleid nicht ausstehen. « Sie steht auf und streicht sich das Seidenkleid glatt. Der Stoff wellt sich unter ihren Fingerspitzen wie Wasser.

» Mit der Brosche kannst du von vorn anfangen. « Margot macht sie ab und legt sie in das Etui. » Verkauf sie. Ich will dir helfen. «

» Ich weiß, Gogo. Aber ich will es selbst schaffen. «

» Gut so. Ich habe es dir ja gesagt, als du darauf bestanden hast zu heiraten : Leg dein Schicksal niemals in die Hände eines anderen Menschen. «

» Du hast mir gesagt, ich soll keinem Mann vertrauen. «

» Habe ich das ? « Margots Augen schimmern, als sie nach einer Sobranie Black Russian greift. Grace nimmt ein Tischfeuerzeug aus Onyx vom Kaminsims und gibt ihr Feuer. Margot macht es sich wieder im Sessel bequem und atmet aus. » Das läuft auf dasselbe hinaus. Du hättest auf mich hören sollen. Sei dein eigener Kapitän, Grace. Sam ist tot. Die einfache Wahrheit ist, dass du dir und Harriet ein neues Leben schaffen musst. «

Grace zuckt zusammen. Ihre Großmutter ist sehr direkt, und Grace kann ihren festen Blick nicht erwidern. Sie rückt den Diamantflügel in dem Schmucketui gerade und fährt mit dem Finger um den leeren Samthalbmond auf der anderen Seite. » Da sieht man, wo das Diadem gewesen wäre … «

» Grace «, beharrt Margot.

» Wo wohl der Rest davon hingekommen ist ? «

» Ich habe keine Ahnung. « Margots Miene wird weicher.

» Das waren wirklich kluge Entwürfe. « Grace tastet das Samt­etui ab, entdeckt in der Mitte ein Fach. » Diademe waren für Fest- und Feiertage, aber wenn es aus Einzelteilen bestand, konnten die Frauen sie als Brosche oder als Halskette tragen … « Sie verstummt. » Das ist das Fach, in dem all die Verbindungsstücke aufbewahrt wurden. « Sie drückt es auf. » Das ist natürlich alles weg «, sagt sie. » Was ist das ? « Sie bemerkt ein Stückchen vergilbtes Papier, das unter dem Futter herausragt, und zieht das brüchige, zusammengefaltete Viereck heraus.

» Meine Güte «, sagt Margot und beugt sich vor. » War das die ganze Zeit über da drinnen ? Es muss verrutscht sein, als mir das Etui heruntergefallen ist. Was steht denn drauf ? «

» Es ist die Originalquittung. « Grace hält es ins Licht. » Die Tinte ist verblasst, aber ich glaube, das Datum ist 1915. Bouchet et Fils haben sie auf Stratton, Wittering Manor, West Sussex ausgestellt … Das liegt nur ein paar Meilen von hier. « Grace sieht Margot an. » Und woher kenne ich den Namen ? «

 

2

Fraser Stratton lag in seinem Arbeitszimmer auf dem Boden, die Füße an die Wand gestützt. Die Knöchel waren überkreuzt, die weiten Beine seiner ockerfarbenen Cordhose hingen lose herunter und gaben den Blick auf glatte, sonnengebräunte Schienbeine und lila Socken über dem Rand seiner Lobb-Hilo-Wildlederboots frei. Den rechten Fuß bewegte er im Takt zur Musik aus dem schwarzen Kopfhörer, den er über seine bis zum Kragen reichenden grauen Haare geklemmt hatte. Sein weißer Pelzmantel lag ausgebreitet um ihn wie ein Kaminvorleger. Neben ihm schlief eine Afghanische Windhündin mit platinblondem Fell, die dunkle Schnauze ruhte auf seinem Bauch. Um sie herum verteilt lagen zig Manuskriptseiten, vollgeschrieben mit spinnenartiger Schrift. Manche davon wurden von der Luft hochgewirbelt, die durch die alten Flügelfenster hereinwehte. Sie klapperten im Wind, und Schnee flog dagegen. Fraser wandte den Kopf. Er suchte nach dem Bleistift, den er einen Augenblick zuvor voller Abscheu weggeworfen hatte. Der Schein des Kaminfeuers funkelte auf den Granatclips an seinen Ohrläppchen.

» Wertvoller als Juwelen «, sagte er zu sich selbst. » Nein, das stimmt nicht. « Er griff nach dem abgelegten Blatt und strich die letzte Zeile. Was sagt das aus ? Kein Edelstein ist wertvoller als diese Frau ? Dieser Junge ?, schrieb er und schloss die Augen.

» Fraser «, sagte Jack. » Herr im Himmel, was ist passiert ? « Er packte Fraser an den Schultern und schob ihn hoch. Der Stecker wurde aus der Stereoanlage gezogen, und 20th Century Boy von T. Rex schallte durch den Raum.

» Nichts, mein lieber Junge. Ich habe nur gerade meine Yogaübungen gemacht, da hat mein Kreuz protestiert. « Fraser lachte. Er setzte den Kopfhörer ab und warf ihn auf einen schwankenden Stapel aus Papier und Büchern auf dem nächsten Tisch. Er fuhr sich durch die Haare.

» Ich dachte, du hättest einen Herzinfarkt. «

» Noch nicht. « Fraser ließ ein silbernes Etui aufschnappen und zündete sich eine schwarze Zigarette an. » Rückenübungen «, sagte er und inhalierte tief. Er breitete die Arme weit aus, schritt mit schwingendem Mantel durch den Raum und streckte den Rücken im Takt der Musik in beide Richtungen. » Ich weiß, ich bin fürchterlich rückständig, aber dieser Bolan ist einfach groß­artig «, rief er über die laute Musik hinweg.

» Ja, er ist vor ein paar Jahren gestorben, aber ich werde mich nach Kräften bemühen, dich auf den neuesten Stand zu bringen, ganz wie du es wolltest. «

» Wunderbar ! « Fraser wirbelte herum und lächelte Jack an, der am Schreibtisch lehnte und eine Schneiderpuppe in der Ecke des alten Chesterfield-Sofas betrachtete. Sie trug die Uniform der 9th Lancers. » Ah, ich sehe, du hast Daddy bereits kennengelernt. «

» Darf ich es wagen, zu fragen ? « Jack beugte sich über den Plattenspieler und drehte die Musik um einige Stufen leiser.

» Keine Sorge. Ich bin nicht komplett durchgedreht. « Fraser nahm einen tiefen Zug von seiner Zigarette und warf die Haare zurück, während er eine blaue Rauchwolke zur Decke blies. » Ich wende Stanislawskis Prinzipien auf meine Memoiren an. « Jack sah ihn verständnislos an. » Methode «, sagte er, ging hinüber und legte der Puppe den Arm um die Schultern, während er es sich auf dem Sofa bequem machte. » Ich versuche, mit den Toten zu kommunizieren, um so viel wie möglich von dieser Ge­schichte herauszubekommen. «

» Und du … ? « Jack deutete auf Frasers Aufzug.

Er berührte die Granatclips an seinen Ohren. Die Steine funkelten, schimmerten im Licht der Lampe rot. » Ich versuche, meine Mutter zu sein. «

» Mann, wenn wir in den Staaten wären, hätten sie dich in null Komma nichts auf dem Sofa eines Seelenklempners. «

» Ich will ja nicht sie sein, ich versuche nur, sie heraufzubeschwören, mir vorzustellen, wie es für sie war, als mein Vater mit einem Granatenschock, einem Beutel Schmuck – und einem neugeborenen Baby nach Hause zurückkehrte. «

» Ich verstehe immer noch nicht, warum du unbedingt diese Memoiren schreiben willst. Warum ? «

» Warum nicht ? « Fraser zuckte die Schultern. » Ich bin im Ruhestand, lieber Junge, und ich habe viel zu viel Zeit. Wenn nicht jetzt, wann dann ? «

Jack lächelte. » Du bist sicher, dass es nichts mit der Prophezeiung zu tun hat ? «

» Unsinn. « Fraser sah ihn finster an.

» Wo war noch mal diese alte Betrügerin … «

» Sie war eine angesehene weise Frau. «

» In Moskau ? «

» In Leningrad. Ihre Aussage, dass ich nicht über das Ende des Jahres hinaus leben werde, ist gelinde gesagt motivierend. «

Jack verschränkte die Arme. » Okay «, erwiderte er gedehnt. » Du brauchst Hilfe. «

» Ich habe dir doch gesagt, ich komme bestens klar. «

» Ich meine nicht den Seelenklempner. Ich meine, dass du eine Sekretärin brauchst. Kommt eine von heute Nachmittag in­frage ? «

» Hoffnungslos, allesamt. Würden keinen Vormittag bei mir überstehen. « Fraser balancierte einen Schiffsaschenbecher aus Messing auf dem Knie und klopfte die Asche seiner Zigarette ab.

» Ich habe gerade die Letzte auf der Straße getroffen. Sie wartet in der Küche. «

» Ach ja ? Ich kann jetzt nicht noch ein Bewerbungsgespräch führen. «

» Vertrau mir. Diese wirst du … interessant finden. « Jack legte den Kopf schief. » Ich kann aber auch jederzeit Ellen bitten, hier drinnen aufzuräumen. «

» Wage es bloß nicht «, sagte Fraser und riss die Augen auf. » Ich gehe hier nach einem präzisen System vor. Ich würde niemals etwas wiederfinden. « Er kniff amüsiert die Augen zusammen, als Jack sich langsam im Zimmer umsah. Jede horizontale Oberfläche war mit Aktenmappen aus Pappe, Zeitungsausschnitten und Auktionskatalogen sowie vollgeschriebenen Notizzetteln be­deckt. Fraser hatte auch die Bibliothek requiriert, und durch eine Doppeltür erstreckten sich zwei Reihen Tapetentische in die Dunkelheit zwischen den stattlichen Reihen goldbedruckter Lederbände, die in den Zedernregalen standen, wie randalierende Eindringlinge. » Ich weiß schon, es sieht vielleicht nicht danach aus. «

» Wie du meinst, Frase. « Jack streckte sich müde.

» Ich hoffe, dein Tag war produktiver als meiner ? «

» Ich gehe noch mal raus und sehe nach den Zäunen, bevor es dunkel wird. «

» Sind die Pferde unverletzt ? «

» Ja, sie sind nicht bis zur Straße gekommen. Cy glaubt, wir müssen sie im Frühjahr alle ersetzen. «

» Die Pferde oder die Zäune ? «

» Wahrscheinlich beides. « Jack sah auf die Uhr. » Soll ich sie denn nun reinschicken ? «

» Wie heißt sie ? «

» Grace. « Etwas in Jacks Stimme ließ Fraser aufblicken.

» Sie gefällt dir ? «

» Du wirst schon sehen. «

» Reitest du hin ? «

» Nein, zu vereist. Ich laufe. «

» Pass auf, die Wege sind die reinste Eisbahn. «

» Ich weiß. « Jack dachte an Grace und lächelte.

» Was ist so lustig ? «

» Nichts. Ich muss nur ein Auto zum Haus abschleppen. «

» Kannst du das nicht Cy oder einen der Jungs machen lassen ? Du arbeitest zu viel, Jack. «

» Na, irgendwer muss es ja tun. « Um seine Augen bildeten sich Fältchen, als er lächelte.

» Das ist das Geheimnis, Familienangehörige einzustellen. Besser als Sklavenarbeit. Niemand würde so hart für das Gut arbeiten, wie wir es tun. «

Jacks Lächeln verschwand. » Hast du noch genug Holz für das Feuer, oder soll ich Cy noch welches bringen lassen, bevor er heimfährt ? «

» Hm ? « Fraser griff nach einem Stift und Papier und schrieb etwas auf. » Entschuldige. Ein Gedächtnis wie ein Sieb. Sobald mir etwas einfällt, muss ich es aufschreiben, sonst fliegt der Ge­danke davon. « Er lächelte zu Jack hoch. » Holz, hast du gesagt. Nein, es reicht. Ich mache es mir gleich gemütlich, sobald ich mit diesem Mädchen gesprochen habe. Ein gutes Buch und ein Teller Suppe. Vielleicht ein kleiner Scotch … «

» Frase, du weißt, was der Arzt gesagt hat. «

» Ach, zum Teufel mit dem Arzt. Er ist ungefähr zwölf Jahre alt, was weiß der schon ? «

» Okay. Wir sehen uns morgen früh. « Er drückte Fraser die Schulter, und Fraser griff nach seiner Hand.

» Jack ? «

» Ja. «

» Du bist in Ordnung, oder ? Du siehst ziemlich müde aus, mein lieber Junge. Du weißt, wenn dich irgendetwas bedrückt … «

» Aber sicher. Mir geht es gut. Ich habe nur viel im Kopf, um das Anwesen auf Vordermann zu bringen, und – na ja, du weißt schon. « Er hielt inne. » Frase, tu mir einen Gefallen. «

» Ja ? «

» Nimm das Mädchen nicht zu hart ran. Sie wirkt ziemlich selbstsicher, aber irgendetwas hat sie. «

» Du hast eine Schwäche für verwundete Geschöpfe, stimmt’s ? Genau wie ich. « Fraser tippte sich an den Nasenflügel. » Verstanden. Okay, schick sie rein. « Fraser zwang sich, vom Sofa aufzustehen, und schnippte mit den Fingern. » Komm, Biba. « Die Afghanin kam herbeigelaufen und setzte sich neben den Schreibtisch. » Hunde sind viel einfacher zu verstehen als Menschen, nicht wahr, meine Liebe ? « Sie hob eine Pfote und legte sie ihm in die Hand.

» Ich lasse euch beide allein, in Ordnung ? «

» Ja, geh nur. Wir kommen klar. « Er sah zu, wie Jack durch das Arbeitszimmer tappte, die Schritte geräuschlos wegen der dicken grauen Wollsocken. » Kein Juwel ist mir so wertvoll wie dieser Junge «, sagte Fraser leise zu dem Hund, sobald Jack weg war. Er lächelte, verfangen in einem Kaleidoskop von Erinnerungen. Hoffentlich habe es ich es richtig gemacht mit ihm. Jack hatte immer die Verpflichtung durch das Gut. Er hätte die Erkundung der Welt nicht so schnell aufgeben sollen. Er braucht mehr Leidenschaft in seinem Leben. Fraser seufzte. Andererseits, das hat mir auch nicht sonderlich viel genutzt. » Er ist kein Kind mehr «, sagte er, hob die Schnauze der Hundedame und sah ihr in die Augen. » Wo sind die Jahre hin, Biba ? Wo sind sie hin ? « Er blickte auf, als es an der Tür klopfte. » Ah, Ellen. «

» Ich bringe nur eine Kanne Pfefferminztee. «

» Tee ? «, sagte Fraser. » Und Kuchen auch ? Na, da werden ja alle Register gezogen. Sie mögen dieses Mädchen also auch ? «

» Sie trocknet sich gerade in der Küche ab. «

» Sie trocknet sich ab ? «

» Offenbar haben Jack und sie ein bisschen im Schnee gespielt. « Ellen verbarg ein Lächeln, als sie sich um den Sofatisch herum zu schaffen machte und aufräumte. » Jetzt benehmen Sie sich. Sie brauchen wirklich Hilfe bei dem ganzen Zeug hier. « Sie deutete auf die Blätter, die wie Konfetti rund um das Sofa verstreut lagen.

» Können Sie nicht das Bewerbungsgespräch führen ? Sie können den Charakter von jungen Frauen viel besser beurteilen als ich. «

» Nein. « Ellen verschränkte die Arme vor der Brust. » Ich habe sechs bestens qualifizierte und bezaubernde junge Damen ge­funden, und Sie haben sie alle verscheucht. «

» Ich war nicht sonderlich nett zu ihnen, stimmt’s ? « Frasers Mund zuckte. » Wie hieß die Letzte noch mal ? Tipper ? Tippet ? « Fraser marschierte mit der Erhabenheit eines Klippers, der mit voller Kraft voraus segelt, durch den Raum. » Man kann nicht von mir verlangen, so zu arbeiten «, sagte er mit Falsettstimme. » Was Sie da von mir erwarten, für dieses, dieses Buch von Ihnen … «

» Wir haben alle vorgewarnt, dass Sie ein bisschen exzentrisch sein können «, sagte Ellen. » Schwierig, wollte ich damit sagen «, fügte sie leise hinzu.

» Schwierig ? Schwierig ? « Fraser zog einen blauen Tuareg-Schal vom Sofa und schlang ihn sich um die Schultern. » › Mr Stratton braucht eine Heilige, keine Sekretärin. Man sollte von keiner Sekretärin verlangen, sich zu … sich zu … verkleiden. ‹ «

» Sechs. Sechs Sekretärinnen in ebenso vielen Monaten. « Ellen holte tief Luft. » Ich weiß nicht, was Sie diesen Mädchen antun. Da haben Sie bestimmt eine Art Rekord aufgestellt. Soll ich die Anzeige in The Lady noch einmal schalten, für den Fall, dass es wieder nicht klappt ? «

Grace stellte sich vor einen Spiegel in der Garderobe und wischte sich die verschmierte Wimperntusche unter dem Auge weg. Ihre Wangen waren noch rosig und kalt, aber sie konnte vor dem gusseisernen Herd in der warmen, gelben Küche ein wenig trocknen. Sie war sich immer noch nicht sicher, was sie zu Mr Stratton sagen sollte. Sie nahm die Diamantbrosche aus der Tasche, schlug das Samttuch zurück und hielt sie ins Licht, sodass die Steine funkelten. Danke, Mum. Sie lächelte, als sie daran dachte, wie überrascht Cilla war, als Grace ausnahmsweise einmal ihrem Rat gefolgt war, sich auf eine der Stellenanzeigen zu bewerben, die sie in The Lady angekreuzt hatte. Ich glaube, sie hat mir fast die Brosche verziehen.

Sie schaltete das Licht in der Garderobe aus und ging durch das Haus, in dessen Mitte eine quadratische, holzverkleidete Halle lag. Nach der Lage der Perserteppiche zu urteilen, waren die breiten, alten Dielen darunter ziemlich verzogen. Wie in einem Museum, dachte sie und schlang die Arme um sich. Und eiskalt. Eine Treppe mit einem fadenscheinigen roten Läufer führte hinauf zu einem Absatz im ersten Stock, von einem Wandelgang mit weißen Bogen blickte man hinunter auf die unbenutzten Sofas und Sessel, die um den großen Marmorkamin herumstanden. Grace fuhr mit den Fingerspitzen über ein Tigerfell, das über der Lehne eines durchgesessenen roten Samtsofas hing, und betrachtete die Ahnenporträts an den Wänden, die Sofatische, auf denen verblichene Fotografien lagen, und die blau-weißen chinesischen Vasen. Ein Flügel mit einem verschossenen spanischen Tuch darüber stand ungespielt in der Ecke. In einem Korridor ging eine Tür auf.

» Hallo, meine Liebe «, sagte Ellen und steckte den Kopf durch die Küchentür. Ihre rosigen Wangen wurden von kastanienbraunen Locken umrahmt, die aus einem Knoten am Hinterkopf entwischt waren. Um die blauen Augen hatte sie tiefe Lachfältchen, und Grace hatte den Eindruck, dass sie permanent lächelte. Wie ein kleiner goldener Buddha, dachte Grace. Warme Luft und der Duft von frisch gewaschener Wäsche kam mit ihr von der Küche, als die grün bespannte Tür aufging. » Ich habe Sie ge­sucht. «

» Ich bin nur rasch in die Garderobe, um mich ein wenig herzurichten. Ich hoffe, das war in Ordnung. «

» Natürlich. Sind Sie jetzt bereit für Mr Stratton ? « Ellen mühte sich mit einem großen Bettlaken ab, und Grace kam zu ihr, um ihr beim Zusammenlegen zu helfen.

» Ja. Sind Sie schon lange hier, Ellen ? «

» Danke, Liebes. Zu zweit geht es immer einfacher. « Sie sah Grace mit einem anerkennenden Nicken an und drückte sich das zusammengelegte Laken an ihren rundlichen Bauch. » Ich arbeite schon mehr Jahre hier auf dem Anwesen, als ich zählen möchte, schon seit Jack ein kleiner Junge war. «

» Wie ist er so ? Mr Stratton, meine ich ? «

» Er fällt richtig aus dem Rahmen, das kann ich Ihnen sagen. Die Strattons sind eine alte Familie, von irgendwo weiter im Norden. Der Großvater war ein Sir, und es sieht ganz so aus, als würde Fraser ebenfalls in den Ritterstand erhoben. «

» Wirklich ? «

» Er war Diplomat. « Ellen beugte sich zu Grace vor und senkte die Stimme. » Ansehen würde man es ihm ja meistens nicht. Den Großteil seines Lebens hat er in Übersee verbracht, eine glänzende Karriere und alles ein bisschen geheim, nach dem wenigen, was ich weiß. Er ist gerade in den Ruhestand gegangen, und wenn Sie mich fragen, hat er einfach zu viel Zeit. «

» Gibt es eine Mrs Stratton ? «

» Nein, meine Liebe, er hat nie geheiratet, deshalb gibt es auch keine Enkelkinder, die ihn auf Trab halten. Wirklich schade. So wie er mit Jack umgegangen ist, hätte er einen wunderbaren Vater abgegeben. « Ellen warf Grace einen kurzen Blick zu. » Jack Booth, der Mann, der Sie hergefahren hat ? Er ist Frasers Patensohn. « Die alte Messinguhr, die auf dem Kaminsims tickte, schlug, und Ellen sah auf die Uhr. » So, ich zeige Ihnen, wo es hingeht. « Sie drückte die Küchentür auf und warf das Bettlaken in einen Korb. » Sie sehen immer noch halb erfroren aus. «

» Ist es immer so kalt hier drinnen ? «

» Das Haus ist alt, man gewöhnt sich dran. Möchten Sie vielleicht eine Suppe ? « Als in der Küche das gedämpfte Klingeln einer Messingglocke erklang, nickte Ellen in Richtung der Halle. » Er wartet. « Sie ging voran durch das Haus und klopfte an die Tür des Arbeitszimmers.

» Kommen Sie. «

Grace blieb stehen, als Ellen die Tür zu einem prachtvollen Raum mit roten Wänden aufstieß. Bücher stapelten sich auf Tischen, die voll mit Bernstein, Ammoniten, Tiffany-Lampen waren. Arabische Kalligrafien und russische Ikonen in feinen, vergoldeten Gesso-Rahmen zierten die Wände. Es war, als würde man vor eine schwarz-weiße Bühne in Technicolor treten. Vor dem Kaminfeuer flankierten zwei dralle gelbe Sofas mit Gobelinkissen einen runden Messingtisch, auf dem marokkanische Teegläser standen, deren Farben leuchteten wie Edelsteine. Eine Kanne Pfefferminztee dampfte zufrieden vor sich hin. Über dem Marmorkamin lehnte sich eine filigrane Nackte zurück, der Rücken geschmeidig und elegant, die Haare hochgesteckt, das Ge­sicht nicht sichtbar. Im Gegensatz zum Rest des Hauses, das scheintot wirkte, hatte dieser Raum ein schlagendes Herz. Die Kelims auf dem Boden, das Feuer im Kamin – alles vermittelte eine Authentizität, die etwas tief in ihrem Inneren anrührte. Sie hatte das Gefühl, an genau dem richtigen Ort zu sein, im richtigen Moment. Und da war er, Mr Stratton, wie sie vermutete, ein grauer Kopf, der über der Lehne des ledernen Schreibtischsessels gerade noch sichtbar war, gebräunte Hände mit langen Fingern, die eine Zeitung hielten, von ihr abgewandt. Ein rosa Seidenkleid lag auf dem Sofa. Interessant. Ein Casanova oder ein Transvestit, dachte sie, und ein Lächeln zuckte über ihre Lippen.

» Eine junge Dame ist da, Fraser «, sagte Ellen.

» Name ? «, fragte er.

» Grace. Grace Manners «, antwortete sie und verwendete ihren Mädchennamen. » Es freut mich, Sie kennenzulernen. « Sie wartete darauf, dass er sich zu ihr umwandte, aber er las weiter Zeitung.

» Ha. Manners wie Manieren ! Das ist ja schon mal ein guter Anfang. « Er blätterte um.

» Es tut mir leid, wenn ich unterbrechen muss, Fraser «, sagte Ellen. » Der Milchmann kommt jeden Moment, und ich war noch nicht in der Stadt, um das Haushaltsgeld abzuheben. Haben Sie vielleicht ein Pfund fünfzig ? «

Er klopfte seine Taschen ab. » Nein, meine Brieftasche ist oben. Sie – Grace Manners. « Er fuhr mit der Hand durch die Luft. » Geben Sie Ellen ein Pfund fünfzig, und ich zahle es Ihnen zu­rück. «

» Das kann ich nicht. «

» Wie meinen Sie das – können Sie nicht oder wollen Sie nicht ? «

» Ich meine «, sagte sie und grub in den Taschen nach ein paar Münzen, » ich habe keine eins fünfzig. «

Ellen bemerkte den Stolz und die Gekränktheit in ihrer Stimme. » Machen Sie sich keine Umstände. Ich treibe das Geld bestimmt auf, sonst muss er eben nächste Woche noch einmal kommen. « An ihren zorn- und schamroten Wangen erkannte Ellen, dass Grace kurz davor war, wieder zu gehen. » Na los «, sagte sie leise und führte sie hinein. » Bieten Sie ihm die Stirn. Viel Glück. « Ellen schloss die Tür hinter ihr.

» Na, dann kommen Sie rein, wenn Sie … « Fraser hielt inne. » Welches Parfum tragen Sie ? «

» Opium. Warum ? «

» Eine Freundin von mir benutzt das auch. « Er legte den Kopf zurück an die Lehne. » Haben Sie einen Lebenslauf dabei, Referenzen ? «

» Nein. « Wenn er so arrogant und unhöflich war, sich nicht umzudrehen und normal mit ihr zu reden, konnte sie dieses Spiel ebenfalls spielen. » In der Anzeige stand nicht, dass Sie einen brauchen. « Sie zögerte. » Ich habe … ich meine, ich war noch nie bei einem Bewerbungsgespräch. «

» Ach herrje. «

Sie fügte schnell hinzu : » Ich habe immer für mich gearbeitet. Ich hatte einen eigenen Laden. «

» Können Sie wenigstens tippen ? « Er hatte sie immer noch nicht angesehen. » Herrgott, sind Sie da, weil sie diese Stelle wollen oder nicht ? Na los, beeindrucken Sie mich mit Ihren Stenografiekenntnissen oder so. « Frasers Arm hing schlaff über die Armlehne des Sessels. » Mein Gott, diese endlose Schar von Mädchen in Twinsets und Perlen, die hier durchzieht, ich habe es satt. Ich habe es wirklich satt. «

» Ich habe schon von solchen Bewerbungsgesprächen gehört «, sagte Grace. Sie ging zur Schreibmaschine, ohne ihn anzusehen, nahm ein leeres Blatt Papier aus dem Mahagonifach und spannte es in die Maschine ein. » Was soll ich tun ? Die Zeitung anzünden, um einen Eindruck zu hinterlassen ? « War das ein Lachen ? Einen Augenblick lang starrte sie das leere Blatt an. Dann schrieb sie : Grace Manners, 29, Mutter, Goldschmiedin, Grundkenntnisse im Maschineschreiben, viel gesunder Menschenverstand. Sie reichte es ihm.

» Meine Güte, wie sehen Ihre Fingernägel denn aus ? «, sagte er. » Wenigstens zeigt mir das, dass Sie hart arbeiten. «

» Ich komme direkt aus der Werkstatt. « Ihr fiel der Siegelring an Frasers kleinem Finger auf, als er das Blatt entgegennahm, ein Aquamarin, der klar und hell funkelte. Fraser drehte sich langsam zu ihr herum. Sie bemerkte, dass es genau seine Augenfarbe war. Er hatte einen dicht bestickten himmelblauen Gehrock mit goldenen Tressen angezogen und trug Fellstiefel über seiner gelben Cordhose.

» Wir passen zueinander. « Er deutete von ihrem Lammfellmantel zu seinen Füßen. » Ob Sie wohl ein Wolf im Schafspelz sind, Miss Manners ? «

» Eine schöne Jacke. « Sie hielt seinem Blick stand.

» Aus meiner Sergeant-Pepper-Phase. « Er legte das Blatt neben eine Ausgabe gesammelter Gedichte von T. S. Eliot und betrachtete sie von Kopf bis Fuß. » Darf ich Ihnen den Mantel abnehmen ? «

» Nein danke. Es ist recht kühl. «

» Daran gewöhnen Sie sich. «

» Das hat Ellen auch gesagt. «

» Tja «, sagte Fraser und streckte die Beine aus, » da hat sie recht, wie bei den meisten anderen Dingen auch. Normalerweise ist es nicht so kalt «, lenkte er ein. » Es ist der schlimmste Winter seit der großen Kälte von 1962 «, fügte er mit einem breiten ländlichen Akzent hinzu. » Oder war es 61 ? Das haben sie zumindest neulich im Pub behauptet. « Grace runzelte die Stirn, als sie versuchte, sich vorzustellen, wie sich Fraser in seiner Brokatjacke und den Lammfellstiefeln in der Bar unter die Einheimischen mischte. » Nun, Jack hatte recht. Sie sind in der Tat ein Fortschritt. « Er warf einen Blick auf ihren Lebenslauf. » Das haben Sie ja schnell hingekriegt. Viel schneller als die anderen Mädchen, und mir gefällt es, dass Sie Eier haben. « Fraser warf das Blatt auf den Stapel.

» Unschönes Wort. «

» Stimmt. « Frasers Lachen überraschte sie. » Was, zum Teufel, machen Sie hier ? «

» Ich suche Arbeit. «

» Aber Sie sind Goldschmiedin ? «

» Ja. Schwere Zeiten, da muss man auf andere Fähigkeiten zu­rückgreifen, Sie wissen ja, wie das ist. « Oder auch nicht.

» Meine Liebe, wie Konfuzius sagte, besteht unser größter Triumph nicht darin, nie zu fallen, sondern darin, jedes Mal wieder aufzustehen, wenn wir fallen. « Mit den Fingern bildete er eine Pyramide. » Und wie halten Sie es mit Verkleidungen ? «

» Wie bitte ? «

» Na mit Kostümen. Ich versuche, mich zu stimulieren … «

» Ach ja ? « Sie hob eine Augenbraue.

» Nicht so. Ich schreibe meine Memoiren. Ich habe den Dachboden durchwühlt, um meine Vorfahren wieder zum Leben zu erwecken. « Er zeigte auf die Kavallerieuniform, den abgelegten Pelzmantel und das Kleid.

» Na ja, in der Schule habe ich den Theaterpreis gewonnen. «

» Hervorragend. « Fraser musterte sie. » Ich mag gar nicht daran denken, wie viele junge Frauen ich schon empfangen habe, die allesamt Standard waren. Ich fühle mich wie der gute alte Prufrock « – er tippte auf den Gedichtband – » völlig ratlos, was Frauen betrifft. Aber ich merke, dass Ellen Sie mag. « Und Jack, dachte er. » Hätten Sie gerne ein köstliches Glas Tee ? « Er zeigte auf das Tablett. » Würden Sie, oder soll ich ? «

Grace goss zwei Gläser ein – ein kühl-blaues für ihn und ein dunkelrotes für sich. » Zucker ? «

» Ja, sechs. « Fraser nahm das Glas entgegen und spitzte die Lippen, um den Dampf wegzublasen. Er ließ unentwegt den Blick auf ihr ruhen. » Danke. Nun, Miss Manners, wir beide wissen, dass Sie keine Sekretärin sind, erzählen Sie mir doch, warum Sie wirklich hier sind. «

Eisige Zeiten für Commissario Benussi

Eine Kältewelle fegt über Triest und hält die traditionsreiche Stadt am Meer fest in ihrem Griff. Auch Commissario Benussi stehen eisige Zeiten bevor: Seine Frau Carla verschwindet plötzlich spurlos. Während Benussi in seinem Ferienhaus auf dem Karst festsitzt, stoßen seine Kollegen Elettra Morin und Valerio Gargiulo auf eine Spur von Gewalt und blindem Hass, die weit in die Vergangenheit zurückführt.

Blick ins Buch
Gute Zeiten für schlechte Menschen Gute Zeiten für schlechte Menschen Gute Zeiten für schlechte Menschen

Ein Triest-Krimi

Eine Kältewelle fegt über Triest und hält die traditionsreiche Stadt am Meer fest in ihrem Griff. Auch Ettore Benussi stehen eisige Zeiten bevor. Dabei läuft gerade alles so gut für den Commissario: Endlich hat er Zeit, an seinem Kriminalroman zu schreiben und die wiedergefundene Nähe zu seiner Frau Carla zu genießen. Doch kurz vor Weihnachten verschwindet Carla spurlos. Während Benussi in seinem Ferienhaus auf dem Karst festsitzt, stoßen seine Kollegen Elettra Morin und Valerio Gargiulo auf eine Spur von Gewalt und blindem Hass, die weit in die Vergangenheit zurückführt.

1 Ein Schuss hallte durch die Morgendämmerung und riss Ettore Benussi aus dem Schlaf.
»Dieser verdammte Spinner«, knurrte er und rieb sich die schmerzende Stelle an der Schulter. Wieder einmal hatte er sich beim Hochschrecken an dem Messingzierknopf ­gestoßen. »Und dieses verdammte Bett«, fluchte er gleich hinterher. Und wenn er es hundertmal von Großvater Bepi geerbt hatte, das Ding war und blieb doch ein Prokrusteslager.
Auf den ersten Schuss folgte ein zweiter und dann noch ein dritter.
»Nein! Jetzt reicht’s!«, brüllte er.
Es war Zeit, der Sache ein Ende zu setzen.
Wütend schob Kommissar Benussi die Beine über den Bettrand und tastete nach der Krücke, die ihm wie üblich unters Bett gerutscht war. Seine erste Regung war, nach seiner Frau Carla zu rufen und sich von ihr helfen zu lassen, aber dann fiel ihm ein, dass sie gar nicht da war.
Er griff nach dem Handy auf dem Nachttisch und wählte die Nummer der Zentrale.
»Wer hat gerade Dienst?«, blaffte er ohne jegliche Vorrede. »Dann her mit ihr … Nicht da, was soll das heißen? Wo zum Henker steckt sie? Dann such sie und sag ihr, dass sie mich anrufen soll, und zwar sofort. Auf der Stelle!«
Damit knallte er den Hörer auf die Gabel.
Diese Morin machte ihn wahnsinnig. Konnte die nie an ihrem Platz sein, wenn man sie brauchte?
Im selben Moment klingelte sein Handy.
»Na endlich! Was war denn, haben Sie gepennt?«
Benussis Gesichtsausdruck nach nahm seine Gesprächspartnerin die Frage nicht gerade huldvoll entgegen.
»Sprechen Sie mit mir nicht in diesem Ton, Ispettore Mo­­­rin!«, unterbrach Benussi seine Kollegin. »Ich mag zwar noch nicht ganz genesen sein, aber ich bin doch immer noch Ihr Vorgesetzter. Mein Nachbar ballert schon wieder mit diesem verdammten Repetiergewehr herum, der bringt mich noch um den Verstand! Es muss doch irgendein Mittel geben, um den Kerl aufzuhalten! … Ich scheiße drauf, dass das legal ist, und ebenso auf diese ­angebliche Invasion von Wildschweinen und Rehen im Karst. Mich interessiert einen Dreck, dass die Bewohner nichts dagegen haben, ich will meine Ruhe. Ich bin in dieses Mistkaff gekommen, um mich in Frieden erholen zu können, und was passiert? Mein geistig minderbemittelter Nachbar ballert mit seinem Gewehr herum. Unternehmen Sie gefälligst etwas, bevor ich zum Mörder werde!«
Abrupt brach er das Gespräch ab und humpelte auf die Krücke gestützt ins Bad. Die kleine Szene hatte ihm gutgetan, ihn geradezu beruhigt. Er wusste, dass Inspektorin Morin sich etwas einfallen lassen würde. Sie war jung und brachte ihn manchmal zur Weißglut, aber unfähig konnte man sie wirklich nicht nennen.
In gelassenerer Stimmung setzte er sich auf den Badewannenrand und lenkte seine Gedanken wieder auf das Buch, an dem er gerade schrieb. Er hatte die ersten fünfzig Seiten erfolgreich hinter sich gebracht und platzte schier vor Lust weiterzumachen. Seine Hauptfigur, Kommissar Babic, war hinter einer Bande von Menschenhändlern her. Gewissenloser Abschaum, der im doppelten Boden eines Viehtransporters illegale Einwanderer ins Land schmuggelte. Es würde ein guter Thriller werden, das hatte er im Gefühl. Diesmal würde ihn seine Frau nicht mit seinen ­literarischen Ambitionen aufziehen können. Er würde sie überraschen, so wie auch seine Freunde und Kollegen. Der Beiname Montalbano, den man ihm in der Stadt gegeben hatte, würde sich als ganz und gar verdient herausstellen.
Während er sich seinen Morgenkaffee kochte, überkam ihn einmal mehr das Bedauern über Carlas Abwesenheit. Sie hatte es vorgezogen, noch am Abend zurück nach Triest zu fahren, wenigstens bis zu den Weihnachtsferien dort zu bleiben. Bis dahin waren es allerdings nur noch wenige Tage. Sie brachte es nicht über sich, Livia allein zu lassen. Das einzige Kind der beiden durchschritt gerade die höllische Lebensphase, die man so harmlos als Jugend bezeichnet, mitsamt der obligatorischen Aufsässigkeit, den pampigen Antworten und der feindseligen Grundhaltung, die damit seit Anbeginn der Zeiten einhergingen.
In Wahrheit hatte sich Livias Haltung seit dem Unfall merklich verändert, wenigstens ihm gegenüber. Sie betrachtete ihn nicht mehr mit der unverhohlenen Verachtung, die sie zuvor an den Tag gelegt hatte. Im Gegenteil, manchmal schien sie geradezu stolz auf ihn zu sein.
Die Tatsache, dass er sein Leben riskiert hatte, um das ihres Freundes zu retten, der versucht hatte, sich vom Rilke-Pfad in die Tiefe zu stürzen, hatte ihm eine Menge Kredit eingebracht. Das änderte freilich nichts daran, dass die Familie Livias plötzlichen Stimmungsschwankungen ausgesetzt blieb. Bei der erstbesten falschen Bemerkung wurden Türen zugeschlagen, und immer wieder verschwand sie unvermittelt, schaltete gleichzeitig das Handy aus, was Benussis Frau – und damit auch ihn selbst – in einen Zustand zwischen heller Aufregung und Wut stürzte. So wurden die Tage schlicht unerträglich.
Also hatte der Kommissar seine Entscheidung getroffen. Ihm war inzwischen der Gips abgenommen worden, er konnte sich wieder fortbewegen, wenn auch mithilfe einer Krücke, und die Schmerzen waren nicht mehr gar so schlimm. Um wieder gesund zu werden – nach dem spektakulären Sturz von der Klippe, bei dem er nur knapp mit dem Leben davongekommen war und der ihm ein Schädel- und Wirbeltrauma sowie diverse weitere Verletzungen eingetragen hatte, darunter Brüche am Kiefer, am Oberarm und am rechten Fuß –, brauchte er nur drei Dinge: Stille, kurze Spaziergänge, die seine Muskulatur wieder geschmeidig machen sollten, und Gemütsruhe. Und da Letztere in der Wohnung an der Salita Promontorio nur eine utopische Vorstellung war wie im Übrigen auch die Spaziergänge – die malerische Triester Straße wies eine schwindelerregende Steigung auf –, hatte er sich als Erholungsort Santa Croce ausgesucht, wo ihm die Großeltern väterlicherseits ein Häuschen hinterlassen hatten.
Das schlichte, grob gemauerte Haus am Waldrand hatte ihm schon immer gefallen, dazu die kleine Obstwiese, um die sich niemand mehr kümmerte. Als Kind hatte er sich auf dem Kiesweg so manches Mal die Knie aufgeschlagen, beim Sturz vom Dreirad und später von den ersten Fahrrädern. Seine Großeltern waren freundliche, stille Leute gewesen, die ihn dafür nie ausgeschimpft hatten. Die Welt, in der sie lebten, bezog ihren Rhythmus aus den immer gleichen Abläufen, und so nahmen sie jeden Sommer den lebhaften Enkel auf, ohne sich zu beklagen. Die Tante, die den kleinen Ettore seit dem tragischen Tod seiner Mutter – ihrer Schwester – aufzog, bekam auf diese Weise eine kleine Atempause.
Kommissar Benussi hatte bei seinem Plan allerdings ­eines außer Acht gelassen: den zurückgezogen lebenden, störrischen Nachbarn Marko Marcovaz, der im Nebengebäude wohnte. Seit seinem Einzug war dieses Häuschen ein düsterer Ort, an dem sich ausgemusterte Möbel, Fischernetze, Badewannen und Armaturen häuften, die er von illegalen Müllkippen aufsammelte.
Die Tatsache, dass der Nachbar alleine lebte, machte das Ganze nicht leichter. Eine Frau, dachte Ettore arglos, hätte es vermocht, ihn zu beruhigen, ihn sanfter zu stimmen oder wenigstens im Zaum zu halten. Aber welche Frau hätte sich einem solchen Mannsbild nähern wollen, einem nachlässigen, stets ungekämmten Dickwanst in mittleren Jahren, der nie etwas anderes trug als einen ausgeleierten Trainingsanzug von unbestimmter Farbe und abgetragene Armeestiefel, die er wahrscheinlich noch nicht einmal zum Schlafen ablegte?
Marcovaz sah überall Feinde: Der Postbote, der ihm seine spärliche Korrespondenz brachte, wollte in Wirklichkeit nur bei ihm herumschnüffeln; der Nachbar von der Polizei stahl der Allgemeinheit ein Gehalt, das aus seiner – Marcovaz’ – Sicht hinausgeschmissenes Geld war; und selbst Hunden oder Raben, die es wagten, in seinen verwilderten Garten einzudringen, bereitete er denselben Empfang wie Wildschweinen und Rehen.
Die einzige Person, die er offenbar ertragen konnte, war Carla.
Was nicht allzu sehr verwunderte. Benussis Frau hatte die Einstellung der barmherzigen Samariterin: Bei Menschen, die von der Gesellschaft als Außenseiter betrachtet wurden, als hoffnungslose Fälle, vermutete sie nichts als Unbehagen, Leid und verborgene Wunden. Sie konnte den Gedanken nicht akzeptieren, dass manche Menschen von Geburt an zum Bösen neigten. Noch für die schlimmsten Verbrechen hätte sie bereitwillig nach einer Rechtfertigung gesucht, vielleicht ein geheimes Kindheitstrauma des Täters; zumindest behauptete Ettore das in einem scherzhaften Versuch, ihren unheilbaren Idealismus zu untergraben.
Als Carla eines Tages von Marcovaz angepflaumt wurde, der es nicht ausstehen konnte, wenn jemand entlang »seiner« Grundstücksmauer parkte, verlor sie daher nicht die Fassung. Und ebenso wenig erhob sie lautstarke Einwände von wegen öffentlicher Grund und es sei jedermanns Recht, zu parken, wo man wolle, wie Ettore es getan hätte. Sie stellte das Auto einfach ein Stück weiter vorne ab und entschuldigte sich mit einem Lächeln. Hinterher brachte sie ihm sogar noch ein Stück von dem Kuchen, den sie vormittags gebacken hatte.
Die versöhnliche Geste traf den Nachbarn wie ein Donnerschlag, und sooft er sie fortan kommen sah, trat er wie zufällig hinaus in den Garten, um sie mit einem Gruß und einem Lächeln empfangen zu können.
»Pass auf, der verliebt sich noch in dich«, zog Ettore sie auf. Aber sie zuckte nur mit den Schultern und schnaubte: »Wenn jeder auf aggressive Leute freundlich reagieren würde, gäbe es viel weniger Krieg, das kannst du mir glauben. Ein Lächeln ist entwaffnender als eine Bombe.«
Was soll man zu so einer Frau sagen, dachte Ettore, während er sich die letzte Tasse Espresso einschenkte. Er spürte, wie ihn beim Gedanken an den Abend zuvor eine plötzliche Wärme einhüllte.
Carla hatte ihm eine Überraschung bereitet. Eigentlich hatte er nicht vor Freitag mit ihr gerechnet. Aber sie wollte ihm einen Braten und einen Obstsalat bringen, um ihn vor seinen nicht sehr gesunden belegten Broten zu retten, vor Käse und Schinken und Krainer Würstchen, mit denen er sich sonst ausschließlich ernährte, weil es eben bequemer war. Ganz zu schweigen von dem Nusszopf, den er direkt aus der Verpackung aß und sich ein Stück nach dem anderen mit den Fingern abriss. »Wenn du so weitermachst«, sagte sie lachend, »dann bist du in sechs Monaten in dem gleichen Zustand wie früher. Findest du es nicht toll, so schön schlank zu sein? Fühlst du dich nicht viel besser?«
Tatsächlich hatte ihm der Unfall eine zweite Jugend beschert, nachdem Ettores Leben zuvor ein einziger Kampf mit den Kilos gewesen war. Seit der Sekundarschule hatte er nicht mehr so wenig Gewicht auf die Waage gebracht, und das machte ihn geradezu euphorisch. Ohne den körperlichen Ballast fing auch sein Kopf an, besser zu funk­tionieren, und er sah sich endlich in der Lage, sein erstes Buch zu beginnen – ein kühner Plan, dessen Ausführung er seit Jahren vor sich herschob. Bis jetzt hatte er dafür nie Zeit gefunden, die Ermittlungen oder seine Neigung zu Selbstmitleid und Pessimismus hatten es immer wieder verhindert. Inzwischen ging er scharf auf die sechzig zu und hatte das Gefühl, am Beginn eines neuen Lebensabschnitts zu stehen.
Der Unfall auf der Klippe war ein Umkehrpunkt ge­we­sen. Davor hatte sich ihm das Leben grau, resigniert und melancholisch dargestellt; seither jedoch wurde es von einem so unbekannten wie frappierenden Gefühl beherrscht – von Dankbarkeit und Hoffnung. Dankbarkeit dafür, noch am Leben zu sein, und Hoffnung, die verlorene Zeit zurückzugewinnen, von den Träumen seiner Jugend, die auf wundersame Weise heil geblieben waren und nun wieder aufblühten, bis hin zu seiner Frau. In zwanzig Jahren Ehe waren Müdigkeit und Gereiztheit zu treuen Begleitern ihrer Gemeinsamkeit geworden. Sie lebten wie zwei Schiffbrüchige auf einer Insel, die nicht den Mut aufbrachten, auf ein Floß zu steigen und zu fliehen. Das Alibi, das sie sich gegenseitig erzählten, lautete: »zu Livias Bestem«, doch beide wussten nur zu gut, dass das eine Ausrede war. Es gab überall Teenager, die zwischen getrennten Eltern hin- und herwanderten, und es war durch nichts erwiesen, dass sie glücklicher gelebt hätten, wenn ihre Väter und Mütter noch zusammen gewesen wären.
Doch Carla und Ettore hatten eines nicht verstanden – oder lange nicht einzusehen vermocht: dass sie noch immer etwas Tiefes, Festes und zugleich Geheimnisvolles verband, etwas, das über die gegenseitigen Enttäuschungen hinausreichte. Und dieses Etwas war noch in ihnen lebendig unter einer Kruste von Bitterkeit und Schweigen, verschüttet zwar von Unzufriedenheit und jahrelangen Problemen, aber stets bereit, allen Beschädigungen zum Trotz wieder an die Oberfläche zu kommen und ihre Augen zum Leuchten zu bringen.
Der Unfall war der Auslöser gewesen; er hatte dieses seit Jahren tot und begraben geglaubte Gefühl wieder zum Leben erweckt. Carla war wieder die aufmerksame, fröhliche, strahlende Frau aus der Frühzeit ihrer Beziehung, und Ettore hatte seine selbstironische, spielerisch-überraschende Seite wiederentdeckt. Wenn sie nun zusammen waren, fühlte sich das lebendig und aufregend an. Da sie sich im Bett noch zurückhalten mussten, um dem rekonvaleszenten Kommissar Schmerzen zu ersparen, holten sie ein paar erotische Spiele ihrer Jugend aus der Mottenkiste und lachten sich schief über seine Unbeholfenheit und die extravaganten Vorschläge von ihr. Meist jedoch lagen sie nur Arm in Arm da und redeten. Sie erzählten einander alles, was in den langen Jahren des Schweigens ungesagt geblieben war, oder unterhielten sich über Ettores Ideen für sein Buch, verwarfen die abwegigeren davon und vertieften die originelleren.
Kurzum, sie waren so glücklich wie nie zuvor.
»Ihr seid ja nicht auszuhalten«, platzte Livia eines Tages beim Abendessen heraus, mitten in ihr gerade neu begonnenes Idyll. »Das ist doch lächerlich, in eurem Alter!« Aber statt beleidigt oder gereizt zu reagieren, brachen Carla und Ettore in Gelächter aus.
Ganz unrecht hatte ihre Tochter nicht.
»Nimm das nicht so ernst, Livia. Weißt du, dein Vater war vor dem Unfall so langweilig geworden, so vorhersehbar, und jetzt freue ich mich eben, ihn anders zu erleben. Was soll ich machen?«
Der Ton, in dem Carla das Befremden ihrer Tochter aufnahm, war leicht und amüsiert.
»Wenn du dich recht erinnerst, war auch deine Mutter nicht gerade ein Ausbund an Ausgeglichenheit und Geduld«, versetzte Ettore. »Sie ging doch beim kleinsten Anlass an die Decke. Ist es nicht besser, wenn du sie im Haus singen hörst als herumschreien?«
Anstelle einer Antwort sprang Livia auf und schloss sich in ihrem Zimmer ein, nicht ohne vorher die Tür hinter sich zuzuschlagen.
»Das muss man verstehen«, bemerkte Carla lachend. »Kaum etwas ist so unausstehlich wie ein glückliches Paar.«
Als nun das Telefon klingelte, war Ettore in die Erinnerung an den Vorabend versunken. Carla hatte ihn mit einem kleinen Candlelight-Dinner verwöhnt und anschließend da­rauf bestanden, die Lieder ihrer Jugend zu hören. Franco Battisti, Lucio Dalla, Francesco De Gregori, Claudio Baglioni, aber auch das eine oder andere Stück von den Pooh und den Cugini di Campagna, um nur ja nichts auszulassen. Für Ettore war es unfassbar, dass seine Frau das alles im Gedächtnis behalten konnte – sobald die erste Note eines Songs erklang, ließ sie sämtliche Strophen vom Stapel, eine nach der anderen, als hätte sie ihr Leben lang nichts anderes getan. »Wie machst du das bloß? Du bist ja ein richtiges Ass!« Carla lachte gut gelaunt. »Weiß ich selber nicht. Ich glaube, die Musik öffnet vergessene Türen im Gedächtnis. Ganz ehrlich, ich habe diese Lieder seit mindestens zwanzig Jahren nicht mehr gesungen …«
Es war wirklich ein besonderer Abend gewesen, und beide hätten sich gewünscht, dass er nie zu Ende ginge. Doch gegen elf hatte sich Carla schließlich aus den Armen ihres Mannes gelöst und war gefahren, ihren mütterlichen Pflichten treu.
»Ist Mama bei dir?« Die Stimme seiner Tochter kam gedämpft durchs Telefon, aber ihr Ärger war unverkennbar. »Ich muss mein Handy aufladen, aber sie hat mir kein Geld dagelassen. Ihr könntet mir wenigstens Bescheid sagen, wenn …«
»Bestimmt ist sie schon aus dem Haus gegangen. Hast du’s auf ihrem Handy versucht?«
»Das ist ausgeschaltet.«
»Oder ist sie vielleicht noch in ihrem Zimmer?«
»Also, ich glaube nicht, dass sie hier geschlafen hat. Ich dachte, sie ist bei dir geblieben.« Die Stimme der jungen Frau begann leicht zu zittern. »Aber wo ist sie dann?«
Ettore stand auf, ohne nach seiner Krücke zu greifen. Er musste jetzt ruhig bleiben, klar denken. Es musste eine Erklärung geben.
»Mach dir keine Sorgen, Livia. Bestimmt ist sie unterwegs, um irgendeinem Junkie zu helfen, und wollte dich halt nicht wecken. Du kennst doch deine Mutter. Geh einfach in die Schule und mach dir keine Gedanken.«
»Okay. Kannst du das Handy für mich aufladen? Ich hasse es, wenn ich nichts von der Welt mitbekomme.«
»In Ordnung, mache ich gleich.«
Der Tag hätte wirklich nicht besser beginnen können.











2
Karacici, 7. Mai 1992


Kassim, Liebster, ich glaube, ich werde wahnsinnig. Auch Mutter, die Dich doch immer gern gehabt hat, sagt jetzt auf einmal, es wäre besser, wenn Du Dich zu Hause nicht blicken lässt. Dein Onkel hatte Streit mit meinem Vater, sie haben sich geprügelt. Dabei sind die beiden zusammen aufgewachsen, haben im Garten gespielt und waren als Jungen unzertrennlich.
Und was sollen wir mit dem Kind machen, das ich in mir trage? Ich habe noch keinem davon erzählt, ich wollte auf den passenden Moment warten. Aber ich fürchte, den wird es nicht mehr geben. Im Fernsehen sehe ich schreckliche Szenen und rede mir ein, dass das hier in unserem kleinen Dorf nicht passieren könnte. Seit Jahrzehnten leben wir doch friedlich zusammen. Keiner von uns wird einem Verrückten folgen, der sagt, dass wir unsere Freunde hassen sollen, nur weil sie einer anderen Religion angehören. Wann hat uns das jemals gestört?
Gestern Abend war ich in der Wäscherei, um mit meiner Mutter zu reden. Ich wusste, dass sie es verstehen, dass sie uns helfen würde. Sie hat doch auch mit sechzehn ein Kind bekommen. Aber dann habe ich es nicht geschafft, ihr etwas zu sagen. Als ich hereinkam, saß sie am Bügeltisch und weinte. Sie hat mich ganz fest umarmt und gesagt, dass ich jetzt stark sein muss und dass schlimme Zeiten auf uns zukommen, und wir müssten jetzt vorsichtig sein und dürften keinem vertrauen. Sie hat auch gesagt, seit der Onkel da ist, hätte mein Vater sich verändert. Anscheinend sperren sie sich stundenlang im Keller ein und reden. Und er hat auch wieder angefangen zu trinken. Manchmal, hat sie gesagt, würde er ihr Angst machen, sie würde ihn kaum wiedererkennen. Er hat ihr sogar vorgeworfen, dass sie Kroatin ist.
Als ob das eine Schande wäre.
Auch ich erkenne ihn kaum wieder. Was ist aus meinem fröhlichen, starken Papa geworden, der mich immer hochgeworfen und dann wieder aufgefangen hat? Bestimmt hat er meiner Mutter gesagt, dass wir uns nicht mehr sehen dürfen. Er sagt, dass Du ein balija bist, ein Muslim, und ich eine Serbin, da gäbe es keine Zukunft für uns. Dabei hieß es doch noch bis gestern, dass wir im Sommer heiraten würden, und alle haben sich mit uns gefreut! Ich kann ohne Dich nicht atmen, wie soll ich das aushalten, Dich nicht wiederzusehen? Und was wird aus unserem Kind?
Auf dem Heimweg von der Schule war ich in der Kirche. Ich wusste gar nicht, worum ich Jesus und die Heilige Jungfrau Maria bitten soll. Da waren sie, ihre schönen Ikonen, und haben im Kerzenschein gelächelt, als wenn nichts wäre. Dabei ist gar nichts so wie früher. Ich habe versucht zu beten, aber die Worte wollten nicht kommen.
Nur Tränen.
Mir ist eingefallen, wie Dein Vater und Dein Großvater damals meinem Vater und meinen kroatischen Onkeln geholfen haben, unsere orthodoxe Kirche zu bauen, und wie sie zusammen gesungen haben. Und als der Blitz in Eure Moschee eingeschlagen hat, haben wir alle in der Familie gesammelt, um das Dach zu restaurieren. Und an Heiligabend sind wir Kinder immer in die Kirche gekommen, Christen, Orthodoxe und Muslime, und haben im Dämmerlicht der Kerzen und im Weihrauchduft Pater Vladimirs Litaneien gelauscht, der vor der goldenen Ikone stand.
Waren wir damals nicht Brüder? Waren wir nicht alle Jugoslawen? Was ist mit uns passiert? Und was wird nun aus uns werden, Kassim? Was wird aus unserem Kind? Ich habe solche Angst. Verstecke Deine Antwort dort, wo Du diesen Brief gefunden hast. Wenn wir uns schon nicht sehen können, dann sollen sie uns wenigstens nicht daran hindern, dass wir uns schreiben.
Bitte sei vorsichtig.
Ich liebe Dich so.
Nadja

»Der Himmel über uns« von Favel Parrett

Ein Buchtipp von Julia Weilbach, Taschenbuch Belletristik Lektorat:
 

»Bo ist Schiffskoch, und er hat Sehnsucht. Nach dem Meer, seinen Kameraden und seiner Nella Dan. Dem Frachtschiff, mit dem er immer wieder in die Antarktis reist, um dort Forschungsgruppen mit allem zu versorgen, was vor Ort benötigt wird.

Isla ist ein Mädchen, und sie hat Sehnsucht. Nach Heimat und Abenteuer und nach einem Freund. Und Bo wird ihr bester Freund. Er erzählt ihr von dem Leben auf See, wie es ist, im ewigen Eis Fußball zu spielen und wie sich Pinguine anfühlen, wenn man sie streichelt.

Dieses Buch weckt Sehnsucht. Nach dem Leben überhaupt und nach all den kleinen Dingen, die so glücklich machen. Es erzählt von den ganz großen Gefühlen in einer Schlichtheit und einer Eleganz, wie es nur selten gelingt – ein richtig gutes Buch, das man nicht so leicht vergessen kann. Und das ist auch gut so, denn unsere Sehnsüchte sollen uns antreiben, all das zu erreichen, wovon wir träumen.«
 

Blick ins Buch
Der Himmel über uns

Roman

Als Isla an einem regnerischen Morgen auf dem Weg zur Schule ist, erblickt sie sie zum ersten Mal: die Nella Dan. Ein rot-weißer Frachter, von dessen Oberdeck ihr ein Seemann zuwinkt. Für das schüchterne Mädchen öffnet sich an diesem Tag die Tür zu einer neuen, aufregenden Welt. Denn Schiffskoch Bo, der auf dem Weg von Dänemark in die Antarktis regelmäßig in Islas tasmanischer Heimat haltmacht, erzählt ihr wundervolle Geschichten: vom Leben auf der Nella Dan, vom Licht auf hoher See und vom Fußballspielen in der Antarktis. Zwischen den beiden entwickelt sich eine innige Freundschaft. Doch dann läuft die Nella Dan eines Tages auf Grund ...

Es gab mal eine Zeit, da war unser Haus voller Wikinger, es gab Partys und viel Besuch, und Mum war damals glücklich.
Es waren echte Wikinger. Große, bullige Wikinger, die von ferne gekommen waren, auf einem leuchtend roten Schiff, das durchs Packeis pflügte und bis in die Antarktis fuhr. Sie hatten Namen wie Anders und Bo, Finn und Henrik, und sie waren alle groß und blond, außer Bo, der dunkelbraunes Haar und graublaue Augen hatte. Er stammte von einer kleinen Insel, dem sonnigsten Ort in ganz Dänemark.
Bo lief gern, und er lief gern lang. Er mochte den Geruch von nassem Gras. Er machte uns Pfannkuchen mit Marmelade und Sahne, und er konnte ein kleines Vögelchen mühelos dazu bringen, ihm aus der Hand zu fressen. Wenn wir Pizza essen gingen, aß er immer zwei Stück auf einmal, mit dem Belag nach innen aufeinandergelegt, wie ein Pizza-Sandwich. Er schaffte vier Stück, wenn ich eins aß, und ich mochte ihn sehr.
Manchmal besuchten wir sein Schiff. In der Nella Dan gab es viel Holz und Messing, und in der Messe hingen Bilder an der Wand – bunte Blumen und Vögel, grün und orange und gelb. Ich lief gern durch die langen Gänge, all die Treppen hinauf, von ganz unten bis hoch aufs Peildeck und wieder hinunter. Das wurde ich nie leid.
Ich tat so, als wäre das Schiff mein Zuhause, als hätte ich unten eine gemütliche, holzgetäfelte Kabine mit einer Koje ganz für mich allein. Eine kuschelig warme Bettdecke und ein weiches Kissen, ein rundes Bullauge, durch das das Licht hereinfiel. Mehr brauchte ich nicht.
Es war nie dunkel – es war nie Nacht.
Schlaf jetzt
Schließ die Augen, ganz fest
Es ist nur ein komischer Traum, der im Dunkeln kommt
Nur ein komischer Traum, der in der Nacht kommt
Hör nicht auf das Geschrei
Horch nicht nach den Geräuschen
Es ist nur ein komischer Traum, der in der Nacht kommt

Du schläfst

Ich schlafe.

 

Zur Insel

Wir aßen in der Cafeteria zu Abend, an einem Holztisch, wo sich die Stühle nicht bewegten. Sie waren am Boden festgemacht.
Mum war ganz still und mein Bruder auch, und als wir fertig gegessen hatten, kam ein Mann in weißer Uniform zu uns und sagte, das Schiff sei bald aus der Landabdeckung heraus und man habe sehr raue See vorhergesagt. Er guckte beim Reden nur Mum an. Er sagte ihr, es sei ratsam, die Kinder so bald wie möglich ins Bett zu bringen.
Mein Bruder schlief schnell ein, die Decke um seinen kleinen Körper schön festgesteckt dort in der oberen Koje. Aber ich lag wach und wartete auf die raue See. Wollte wissen, wie sie sich so weit unten anfühlen würde. Viele, viele Treppen entfernt von der Cafeteria und den Fenstern, die zum Himmel hinausgingen. Bei uns hier unten gab es keine Fenster. Bei uns hier unten gab es nur Neonlicht und Etagenbetten. Das Klo war auf dem Gang, und Mum hatte uns allein gelassen. Sie war irgendwo oben, hoch über uns, wo es Luft gab, und ich wünschte, sie würde zurückkommen.
Ich muss wohl eingeschlafen sein, denn als ich erwachte, schwankte und schaukelte die ganze Welt, und ich wurde in meiner Koje herumgeworfen. Nicht nur von einer Seite auf die andere, auch hoch und runter. Mums Bett war noch frisch gemacht. Sie war nicht da.
Als ich versuchte, aus dem Bett zu steigen, fiel ich hin und übergab mich auf den Boden. Mein Bruder sah mich an, die Hände fest um das Bettgitter seiner Koje geschlossen, sein Gesicht weiß wie der Tod.
»Wo ist Mum?«, fragte er, aber ich wusste es auch nicht.
Irgendwie gelangte er aus seiner Koje herunter, und er fiel nicht hin. Er stand da und hielt sich am Bett fest, während der ganze Raum sich drehte, und dann nahm er ein Handtuch von Mums Bett und legte es auf das Erbrochene. Er half mir auf, und wir gingen im Schlafanzug hinaus in den Gang. Wenn das Schiff schlingerte, fielen wir zusammen gegen die Wand, und so näherten wir uns langsam der Treppe. Hinauf, hinauf, die Hand am Geländer. Auf das Deck, wo die Cafeteria war.
Man sah kaum jemanden dort, nur in der Lounge mit dem Teppichboden saßen ein paar Leute, den Kopf in den Händen. Die Cafeteria war leer, und ich konnte nicht erkennen, wie viel Uhr es war. Vor den Fenstern war es dunkel.
Draußen war es stockfinster.
Mum saß allein auf einer Bank, die an der Schiffswand festgemacht war, unter einem Plexiglasdach. Wir setzten uns neben sie und krallten uns unten an der Bank fest.
Mum sagte, sie würde nur noch eine Zigarette rauchen, dann könnten wir reingehen. Ich schaute in ihr weißes Gesicht und auf ihre weißen Hände. Sie saß nachts immer irgendwo allein – saß allein da und rauchte nur noch eine Zigarette.
Ich sagte ihr, dass ich gebrochen hätte, und sie wischte mir Stirn und Wangen ab und sagte: »Das tut mir leid. Das tut mir sehr leid.« Es sah aus, als weinte sie. Sie sagte, das sei nur die Gischt, und die Kälte. Es war wirklich kalt. Eiskalt und windig, der Wind schnitt einem in den Rücken, als hätte man gar keine Haut. Ich hörte das Wasser gegen das Schiff krachen, spürte den Anprall und hörte die Gischt hochspritzen. Aber sehen konnte ich nichts. Jenseits des Lichts, das von drinnen aufs Deck fiel, sah ich gar nichts.
Da draußen tobte die Welt in der Finsternis.
Wir waren unterwegs an einen neuen Ort.
Wir fuhren durch die Nacht darauf zu.
Eine Insel mitten im Meer.
Eine Insel aus Stein.
Nur das Schiff schützte uns. Nur ein paar dünne Lagen Stahl und eine Maschine, die in der Dunkelheit vor sich hin stampfte, hielten uns über dem Wasser, das uns sonst bereitwillig verschlucken würde, und dann wäre es, als hätte es uns nie gegeben.

 

Mrs ilsons Bed & Breakfast

Wir kamen in einem Bed & Breakfast unter.
Dort wohnten wir direkt nach unserer Ankunft, nachdem wir aus der Fähre ausgestiegen und dann mit dem Bus über flaches Ackerland und durch Ortschaften aus Stein und alten roten Ziegeln gefahren waren. Am Busbahnhof in Hobart benutzte Mum den Münzfernsprecher. Sie rief in einem Haus an, das auf der Informationstafel aufgeführt war, und reservierte uns ein Zimmer. Abbey House Bed & Breakfast.
Ich glaube, es war nicht sehr weit weg, aber wir hatten zwei große Koffer, und mein Bruder war müde, also stiegen wir alle in ein Taxi, das vor dem Busbahnhof wartete.
Der Taxifahrer war sehr dick. Er trug ein sauberes blaues Hemd, und es sah aus, als könnten die Knöpfe jeden Moment über seinem Bauch aufspringen. Er fragte, ob es unser erstes Mal auf »der Insel« sei, und mein Bruder sagte ja, aber meine Mutter sagte nein. Ich saß auf der Rückbank und versuchte mir vorzustellen, wie Mum früher schon mal hier gewesen war, vielleicht mit Dad oder vielleicht als Kind mit ihren Eltern, aber ich konnte es nicht vor mir sehen. Ich kannte diesen Ort nicht.
Wir saßen nicht lang im Taxi. Wir fuhren einen steilen Hang hinauf, durch ein paar kurvige Straßen, und dann waren wir da. Battery Point. Es gab alte Häuser in den engen Straßen, Holzhäuser, unverputzte Steinhäuser, aber sie schienen alle leer zu sein, verlassen, nichts regte sich. Der Himmel war grau.
Wir hielten an einer Ecke mit einem Schild, auf dem Mona Street stand.
»Nächsten Samstag können Sie von hier aus zu Fuß auf den Markt gehen«, sagte der Taxifahrer. Er stieg aus und half Mum mit den Koffern.
Mrs Wilson war die Besitzerin des B & B. Sie bereitete meinem Bruder und mir jeden Morgen ein warmes Frühstück zu, und wir aßen es an der Frühstückstheke mit Blick in den Rosengarten – einen Bauerngarten. Es war ein Cottage, das B & B, ein altes Holzhäuschen mit weißem Palisadenzaun und allem Drum und Dran. Es war so ungefähr das schönste Haus, in dem ich je gewohnt hatte, nur wohnten wir halt nicht richtig dort. Wir waren nur dort untergekommen.
Mir gefiel es, dass wir dort untergekommen waren.
Wir hatten für eine Woche eins der Gästezimmer und zogen dann in ein Zimmer hinten im Haus um, für das Mrs Wilson kein Geld wollte. Sie sagte meiner Mum, es sei nur vorübergehend, bis wir Fuß gefasst, uns eingewöhnt hätten. Ich wusste nicht, was das wirklich bedeutete. Mrs Wilson wollte meinem Bruder und mir weiterhin ein warmes Frühstück zubereiten, aber Mum sagte, wir sollten einfach Frühstücksflocken essen und höflich sein.

Etwa zwei Wochen später fand Mum etwas weiter in derselben Straße ein Haus zur Miete. Es war wahrscheinlich das mieseste Haus in Battery Point. Keines der anderen Häuser war so: dunkel und fahl, ein Stückchen von der Straße entfernt, im Schatten der hohen, imposanten Häuser ringsum. Meine Mutter musste ein Zimmer untervermieten, um die Miete bezahlen zu können. Das einzige schöne Zimmer. Mein Bruder und ich teilten uns das Dachzimmer, das schräge Wände hatte. Es war okay, allerdings löste sich die Tapete nah der Decke an manchen Stellen, und eine Toilette gab es nur draußen im Garten. Ich ging da im Dunkeln nicht gern hin, eigentlich nicht mal tagsüber. Aber im Garten stand ein riesiger Walnussbaum, auf den unser Fenster hinausging, und wenn die Walnüsse reif waren, stopften mein Bruder und ich uns damit voll, aßen Nüsse, bis uns der Mund juckte und wir nicht mehr konnten. Dann schlugen wir heruntergefallene Nüsse auf und verteilten sie im Garten für die Vögel, für die Tasmankrähen, die im Baum warteten.
Doch mir fehlte das Bed & Breakfast, wo es so schön warm und hell war. Und manchmal, wenn mein Bruder und ich nach der Schule von der Fähre nach Hause liefen, stand Mrs Wilson an ihrem Gartentor und rief uns herein, wo Tee und Plätzchen bereitstanden.

 

Lauf, lauf – Kellys Treppe

Die Kälte machte das Atmen schwer, stach in meiner Brust – der Stein und der Beton waren hart unter meinen eiskalten Füßen.
Ich packte meinen Bruder am Ärmel und zog ihn durch die leeren Straßen von Battery Point. In der Frühe gingen wir immer schnell. Alles still, wie immer – nur wir. Reif auf den Fenstern der geparkten Autos, dick und undurchsichtig und festgebacken.
Mona Street, Francis Street, Hampden Road. Am Ende der Kelly Street führte eine Treppe in die Dunkelheit hinunter, in den hinteren Teil von Salamanca, wo alles morsch und verfallen war. Kerben im abgetretenen, rundgeschliffenen Bruchstein. Eine steinerne Festung, ein Tor, das wir passieren mussten.
Lauf, lauf – Kellys Treppe.
Einige der Stufen waren krumm und fleckig, und die Flecken sahen aus wie altes Blut, das mit den Jahren orange gerostet war. In den Stein gesickertes Blut. Wir nahmen jede Stufe einzeln, so schnell wir konnten. Runter, runter, möglichst ohne dabei in die dunkle Gasse vor uns zu schauen. Unten in der kalten Kopfsteindüsternis rissen Geister an unseren Kleidern, versuchten uns ins Haar zu greifen, flüsterten im hallenden Stein.
Kannst du mir helfen?

Kannst du mich sehen?
Lass mich hier nicht allein.
Ich zog heftig an der Hand meines Bruders, und wir rannten und rannten, ohne auch nur Luft zu holen, bis wir durch waren. Auf der anderen Seite.
Licht.
Freier Himmel.
Eine Ulmenallee, dahinter der Kai.
Wir liefen langsamer, schöpften Atem, durchquerten Salamanca Place. Unter den Bäumen am Rasen entlang, bis zu dem langen hölzernen Steg, auf dem wir dann standen und auf die Fähre warteten. Wir redeten kaum. Warteten einfach.
Wir versuchten, nicht an Kellys Treppe zu denken, an die Toten, die sich an diesem dunklen Ort gegen unsere Haut pressten.

 

Da war ein Mann

Es regnete.
Ich hatte meinen Wachsmantel an, die Kapuze auf dem Kopf und die Hände in den Ärmeln. Er war mir zu groß, der Wachsmantel, aber der dicke schwarze Stoff hielt den Regen größtenteils ab. Mein Bruder war krank und zu Hause. Er hatte nachts gehustet, und jetzt lag er wahrscheinlich unter seiner Bettdecke auf dem Sofa, schaute fern und wartete darauf, dass Mum aufstand. Es war richtig kalt in diesem alten Haus in Battery Point, und wir hatten keine Heizung.
Ich wollte nicht in die Schule. Ich überlegte, ob ich wieder nach Hause gehen und nach meinem Bruder schauen sollte, tat es aber nicht. Ich blieb einfach dort im Regen stehen und wartete auf die Fähre.
Es muss sehr früh gewesen sein – niemand sonst war auf dem Steg. Ich sah meinen Atem, und alles war Wasser. Ich schaute nach unten, sah den Regen auf die glatte, schwarze Oberfläche des Flusses fallen. Die Tropfen erzeugten perfekte Kreise, die immer größer wurden, bis ich nicht mehr den ganzen Kreis im Blick behalten konnte. Raum und Zeit, jeder Regentropfen für sich. Sie fielen in einer Art Stille, aber dann wurde der Regen stärker, brach richtig los, und es waren zu viele Tropfen, um sie noch zu verfolgen. Die Wasseroberfläche wurde ganz runzelig, rau und unruhig. Die Stille war dahin.
Der Regen trommelte auf meinen Wachsmantel, es klang, als wäre ich in einem Zelt. Ich wandte mich ab, damit es mir nicht ins Gesicht regnete, schaute auf meine Füße hinunter, auf meine nassen Turnschuhe. Ich schloss die Augen und hörte dem Regen zu, wie er auf meine Kapuze fiel. Ich stellte mir vor, dass die Fähre sich näherte, dass sie auf dem Weg hierher war, das Wasser vor sich herschob, es gegen den Steg drückte. Wenn ich die Augen wieder aufmachte, würde die Fähre da sein, und Peter, der Kapitän, würde vom Ruderhaus herbeigelaufen kommen, das Tau um den hölzernen Poller werfen, und dann würde er uns auf die Fähre helfen, einem nach dem anderen.
Ich würde hineingehen, ins Trockene. Würde mich aufwärmen können.
Ich zählte zwanzig Regentropfen auf meiner Kapuze, dann noch mal zwanzig und noch einmal. Die Augen ließ ich zu. Ich zählte weitere vierzig Tropfen mit, vielleicht brachte es mir ja Glück, und dann machte ich die Augen auf.
ROT. Nichs als Rot. Eine leuchtend rote Stahlwand.
Ein Schiff, so hoch wie ein Haus, weit wie der Himmel, und als ich hinaufschaute, stand ein Mann an der Reling.
Er war groß, weiß gekleidet und winkte. Ich drehte mich um, aber es stand niemand hinter mir. Nur ich war da. Ich, auf dem kleinen Steg, gegenüber von diesem riesigen Schiff, mein Gesicht von der Kapuze halb verdeckt, ich wusste, dass der Mann meine Augen und meine Haare nicht sehen konnte. Er winkte noch einmal, als würde er mich kennen. Er winkte.
Jemand sah mich.
Ich winkte zurück, die Hand immer noch im Ärmel. Wir standen beide im Regen, zwischen uns das schwarze Wasser, und ich weiß nicht, warum er winkte, aber ich winkte zurück. Ich nahm Notiz.
Ein rotes Schiff. Eine rote Flagge, die im Wind flatterte. Ein Mann in Weiß.
Dann tutete es laut, und ich erschrak furchtbar. Es war die Fähre. Leute traten aus dem grauen Nichts hinter mir, Männer im Anzug, andere Kinder auf dem Weg zur Schule, aber im Vergleich zu dem Rot war alles trist und trüb. Sie waren wie Nebel, diese Leute, hoben sich von dem grauen Regen und Beton kaum ab.
Als ich wieder zu dem Schiff hochschaute, war der Mann weg. Ein Sonnenstrahl drang durch die Wolken und traf den roten Bug, ein dünner Strahl nur. Eine Sekunde lang gab es nichts anderes als die beiden Wörter, deutlich lesbar, weiß auf rot: Nella Dan.
Ich wiederholte sie im Kopf immer wieder.
Nella Dan.
Nella Dan.
Nella Dan.
Mein Herz klopfte schneller.
MS Nella Dan 
1. Fahrt, Saison 1986/87
15. September 1986
Position: 46˚ 45.000’ S, 147˚ 27.000’ O
Anmerkung des Kapitäns: Ziel dieser Fahrt ist es, die Untersuchung von Heard Island abzuschließen und das Antarctic Division BIOMASS Experiment ADBEX III durchzuführen (Erfassung von Krill und anderem Zooplankton).
Wir sind gut vorangekommen, sind aber die ganze Nacht mit südlichem Kurs gefahren, um die Auswirkungen des Unwettersystems zu minimieren.
Ich erwache – reiße die Augen auf.
Wasser kracht gegen die Backbordseite, und wir schlingern wie wild. Ich klammere mich an meiner Koje fest, meine Finger krallen sich in die Laken, aber ich rolle trotzdem so weit rüber, dass ich am Schott lande.
Dort bleibe ich liegen. Ich liege direkt an dieser dünnen Wand, meine Steppdecke um die Beine geschlungen.
Komm wieder hoch, Nella. Komm hoch.
Ich liege still da.
Ich warte.
Komm hoch. Sie kommt hoch.
Ich falle auf meine Koje, hole tief Luft. Ich atme weiter, horche.
Das Wasser kracht wieder gegen die Wand, und das Schiff krängt heftig. Ich spanne meinen ganzen Körper an, aber ich lande trotzdem wieder am Schott, rutsche der Kajütendecke entgegen. Ich spüre, wie die Nella bebt, mit ihren metallenen Zähnen knirscht. Meine Knochen vibrieren mit. Ich versuche mich zu entspannen, ruhig zu bleiben – Ist schon gut – , aber es knirscht und quietscht, als würden sich sämtliche Schrauben, die sie zusammenhalten, lösen. Auseinanderbrechen.
Komm hoch, Nella. Hoch.
Ich spüre, wie sie sich anstrengt.
Mit einem Ruck schnellen wir zurück, und mein Federbett fliegt durch die Kajüte. Ich überlege, ob ich aus der Koje klettern und es wiederholen soll, aber es ist nicht kalt. Mir ist nicht kalt. Ich weiß nicht, wie lang wir schon in diesem Sturm unterwegs sind. Ich war woanders, tot, habe nicht mal geträumt.
Jetzt bin ich hier, in einer Kabine auf einem Schiff.
Jetzt bin ich hier, im Südlichen Ozean.
Ich greife nach meinem Wecker, aber er liegt nicht unter meinem Kissen. Ich spüre, wie die Nella ihre ganze Kraft zusammennimmt, um dem Seegang zu trotzen. Ihre Energie schießt durch mich hindurch.
Komm, Nella – hoch mit dir!
Die Tür fliegt auf, und Licht strömt in meine Kabine. Eine Silhouette taumelt herein, die Arme ausgestreckt.
»Hey, Bo«, sagt sie.
Es ist Sören.
»Wie viel Uhr ist es?«, schreie ich.
Er antwortet nicht, aber ich kann ihn jetzt sehen – sein Gesicht, sein völlig zerzaustes Haar. Ich fasse mir selbst ans Haar, merke, dass es von dem Herumgerutsche in der Koje hinten hochsteht.
Die Nella krängt wieder, legt sich jäh auf die Seite. Die Verschlüsse des Vorhangs lösen sich, und ein seltsames Licht fällt herein. Ich schaue von meiner Koje aus in Grün und Blau. Schaue direkt ins Wasser, durch mein Bullauge. Meine Kabine liegt unter Wasser – kalt und tief.
»Herrgott«, sagt Sören, während er auf den Boden rutscht. Er hat seine dicke Jacke an, als wollte er raus, ein bisschen spazieren gehen oder so. Er hält eine Flasche in der Hand.

Eine Familie unterwegs durch die Schneewüsten Kanadas

Wie reist es sich mit einem 2-jährigen Kind bei -40 Grad durch Alaska? Nicolas Vanier erfüllt sich einen Lebenstraum und zieht mit seiner Frau Diane und der kleinen Tochter Montaine für ein Jahr in die Wildnis von Kanada und Alaska. Sie bauen sich ein Blockhaus und ernähren sich wie die Menschen früherer Zeiten.

 

Das SchneekindDas Schneekind

Eine Familie unterwegs durch die Schneewüsten Kanadas

Die Geschichte von der Erfüllung eines Lebenstraums: Der weltberühmte Abenteurer Nicolas Vanier zieht mit seiner Frau Diane und der kleinen Tochter Montaine für ein Jahr in die Wildnis von Kanada und Alaska. Sie bauen sich ein Blockhaus und ernähren sich wie die Menschen früherer Zeiten: vom Jagen, Fischen und Sammeln. Es ist ein Leben im Einklang mit der gewaltigen Natur des hohen Nordens, voller Einfachheit, Klarheit und Poesie.

Eine literarische Liebeserklärung ganz in Weiß

Eine literarische Liebeserklärung ganz in Weiß

Arlberg, Feldberg oder Holmenkollen: Viele Orte rühmen sich, die Wiege des Skisports zu sein – und alle haben irgendwie recht. Die passionierte Skifahrerin und preisgekrönte Autorin Antje Rávic Strubel spürt der Euphorie nach, die die ersten Flocken im Winter, ein unberührter Tiefschneehang oder eine rasante Carvingabfahrt wachrufen.

Sie erzählt von unterschiedlichen Stilen beim Skifahren und Hinfallen; von Hüttengaudi, Trends in der Skimode und Stars auf zwei Brettern. Sie geht der Frage nach, warum Champagnerpowder kälter als Skiwasser ist, was es mit dem Wunsch »Hals- und Beinbruch« auf sich hat und worin die beste Technik zum Skiwachsen besteh

Blick ins Buch
Gebrauchsanweisung fürs SkifahrenGebrauchsanweisung fürs Skifahren
Ob Arlberg, Feldberg oder Holmenkollen: Viele Orte rühmen sich, die Wiege des Skisports zu sein – und alle haben irgendwie recht. Die Autorin, die auf Ski steht, seit sie laufen lernte, schwingt, bis der Powder stiebt, und die Königsdisziplin aller Langläufe absolvierte, den schwedischen Vasalauf, erkundet die Geheimnisse rund um das älteste Fortbewegungsmittel der Menschheit. Sie erzählt von Schlangenschwüngen, Tail-Grabs und Schlittschuhschritt, vom Umkanten und Aufschwimmen und geht der Frage nach, warum Champagnerpowder kälter als Skiwasser ist und wo Kaspressknödel und Kaiserschmarrn am besten schmecken. Dabei begegnet sie Pistensäuen, Freeridern und Flachlandtirolern und verrät, wie die Farbe ins Skiwachs und die Rille in die Laufsohle kommt, warum Ski gebügelt werden und wie die Zukunft des weißen Sports aussehen könnte.

Warum Skifahren göttlich ist

Ein verblasstes Schwarz-Weiß-Foto von Schellerhau im Erzgebirge: Ich versuche, mit meinen Holzski einen Hügel hinunterzurutschen. Meine Eltern – auf Bambusstöcke gestützt – feuern mich an; sie hoffen, dass ich beim nächsten Mal hinunterkomme, ohne zu fallen. Erst dann bin ich zufrieden, kann die Skiwanderung fortgesetzt werden. Ich trage eine selbst gestrickte Bommelmütze und Wollhosen. Meine Mutter trägt Steghosen und einen Anorak mit kunstpelzbesetzter Kapuze, mein Vater eine Laufjacke, die sich vor der Brust beult von Schokolade, Skiwanderkarte, Fotoapparat. Noch ist nicht die Rede von atmungsaktiven, wasserabweisenden, wärmespeichernden Membranen. Noch wird richtig geschwitzt und gefroren, noch vereisen Schweißdampf und Luftfeuchtigkeit als kristallines Muster auf Mütze und Schal.

Meine ersten Rutschversuche auf Ski fanden in den Siebzigerjahren statt. Wir liefen im Thüringer Wald, im Riesengebirge, am Fichtelberg Ski, manchmal im Vogtland, wenn es einen strengen Winter gab. Es gab damals öfter strenge Winter als heute. Winter, in denen der alte Škoda meiner Eltern auf der Fahrt im Schnee stecken blieb, nachdem wir uns auf der vereisten Straße gedreht hatten. Eine Schneefräse musste uns befreien.

Wir wohnten in den Fremdenzimmern von Gaststätten oder in Privathäusern unterm Dach, wo es keine Heizung gab, nur einen provisorisch aufgestellten Heizlüfter, vor dem die nassen Skiklamotten trockneten. Mein Vater war Sportlehrer. Er liebte Langlaufen. Er war es, der auf dem jährlichen Winterurlaub bestand, er brachte mir die Technik bei. Meine Mutter hatte die nötige Geduld, um mich auf den langen Tagestouren bei Laune zu halten, trotz kalter Zehen. Ein Ski, ein Stock, ein Ski, ein Stock. Dieses Mantra höre ich noch heute.

Seither weiß ich: Keine Sportart ist schöner.

Oder anders. Es gibt viele schöne Sportarten. Eistanzen zum Beispiel. Synchronspringen. Voltigieren. Die Sache ist nur: Alles, was die Eistänzer, Voltigierer und Synchronspringer mit ihren Gliedmaßen und mit denen anderer Lebewesen anstellen, wurde dem Skilaufen abgeschaut. Das Skilaufen war zuerst da. Irgendwann haben sich die verschiedenen Elemente, die das Skilaufen ergeben, zu eigenen Sportarten weiterentwickelt.

Glühende Ski-Enthusiasten wissen: Man kann mit Ski auch Schlittschuh laufen, das nennt sich » Skating «. Pirouetten lassen sich gut im Tiefschnee drehen oder bei Sprüngen über gefährlich hohe Felskanten. Man braucht keine Schwimmhalle, um synchron zu wedeln. Ein Bein lässt sich in vollem Galopp nicht nur auf einem Pferderücken, sondern auch auf einem Bergrücken in die Luft strecken. Wer aber auch im Winter von seinem Ross nicht lassen kann und es gern zum Skilaufen mitbringen möchte, spannt es einfach vor die Ski; das haben die Urahnen der Norweger und Schweden, zwei der großen Skinationen, beim Skijöring so gemacht.

Der Skilauf ist so etwas wie eine Ursportart, jedenfalls nördlich des Äquators. Ski sind das älteste Fortbewegungsmittel der Menschheit. Das Skifahren ( bergab ), das Skilaufen ( geradeaus ) und das Skitouren ( bergauf und bergab ) sind Fortbewegungsarten, die sämtliche körperlichen Fähigkeiten umfassend beanspruchen. Und Fridtjof Nansen hatte völlig recht, als er nach seiner Durchquerung von Grönland auf Ski feststellte: Skilaufen » ist anderen Sportarten weit überlegen in seiner Förderung von Geistesgegenwart und Mut «.

Besonders gesund am Skilaufen ist der Winter.

Die kalte und dunkle Jahreszeit ist bekanntlich die, in der Bewegung im Freien die größte Erholung bringt. Auf Ski wirkt der Winter nicht mehr bedrohlich, und kalt ist er nicht, weil man so schwitzt. Außerdem ist Skilaufen gelenkschonender als Joggen ( in der nordischen Variante und solange man nicht stürzt ), trockener als Schwimmen ( wenn man die passende Kleidung trägt ), und anders als beim Radfahren ist nie die Luft raus. Und wenn der Eiswind auf Kamm oder Gipfel so richtig weht, ist die Gesichtsmassage inklusive.

Gegenüber landläufigen Sportarten wie Boxen oder Handball hat das Skifahren eine weitere Besonderheit. Es braucht dazu gewisse orografische und meteorologische Voraussetzungen. Genauer gesagt: Skifahren geht nur in einer speziell geformten Landschaft und dank jener Form des festen Niederschlags, die am häufigsten auftritt, dem Schnee. Während Boxen oder Handball nie in Gefahr sein werden auszusterben, weil man auch in hundert Jahren noch Mehrzweckhallen mit Boxringen und Toren errichten kann, sind Skiläufer von unwägbaren Kräften der Natur abhängig. Sie müssen sich einstellen auf Klima und Witterungsverhältnisse, auf Schneebeschaffenheit und Geologie. Aus dem Bestreben, diese Kräfte zu verstehen, ja sogar sie zu beschwören, erwächst eine außerweltliche Euphorie. Wenn alles grandios zusammenkommt und einen perfekten Skitag ergibt, wähnen sie sich im Einklang mit dem Universum, mit der reinen, göttlichen Existenz.

Eine solche Euphorie lässt einen nie wieder ganz los. Das Skifieber krempelt den gesamten Lebensstil um. Ich habe das an mir beobachtet. Natürlich räume ich meine Ski den Sommer über in den Keller und lasse sie nicht wie die Leute in Lappland gleich in der Flurgarderobe stehen, bis die lästigen heißen Tage vorbei sind.

Ansonsten aber sprechen die Zeichen für sich: Die Menge an Fleecepullovern, Softshelljacken und Funktionsunterhosen in meinem Kleiderschrank nimmt jedes Jahr zu. Statt einer Mütze liegen dort vier. Ich würde nie einen Fahrradhelm kaufen, besitze aber zwei Skihelme. Im Keller gibt es ein eigenes Regal fürs Skiwachs. Ich bin Abonnentin einer Skizeitschrift, im Portemonnaie steckt die Kundenkarte eines einschlägigen Sportfachhandels, und ich denke immer wieder ernsthaft darüber nach, einem Skiclub beizutreten. Auf meinem Handy finden sich Apps von Skigebieten, die die Schneehöhen der nächsten Saison am besten schon ab August täglich prognostizieren, die Bronzeplastik eines Skiläufers steht auf meinem Schreibtisch, und unter den Büchern neben meinem Bett häufen sich Titel wie » Skitouren-Know-how «, » Lawinenkunde «, » Two Planks and a Passion « oder » Bretter, die die Welt bedeuten «.

Im Internet wurde ich als Zielgruppe ausgespäht und bekomme regelmäßig Angebote für Skiurlaube, die ich mir sehnsüchtig anschaue, weshalb ich noch regelmäßiger noch mehr und teurere Angebote bekomme. An meiner Küchenwand hängt ein auf Plakatgröße gezogenes Foto von einem Schlepplift am Stubaier Gletscher. Auch im Arbeitszimmer Winterbilder. Verschneite Pisten. Loipen. Gischtender Schnee. Ein glitzernder Kältetraum durchzieht die Wohnung, den ich ganzjährig träume. Hätte ich das verfügbare Kleingeld, würde ich mir ein Haus in der Nähe eines Gipfels kaufen oder wenigstens ein Apartment für die Saison mieten. Ist die Saison vorbei, fahre ich trotzdem Ski: Rollski.

Längst habe ich vormals Ahnungslose angesteckt. Die mir engsten Menschen sind inzwischen komplett eingekleidet und ausgerüstet und fahren so begeistert Ski, dass sie vergessen haben, wie es war, bevor sie mich kannten.

Auch das vermag der Skisport; er begeistert die unterschiedlichsten Typen. Das Vergnügen an Loipe oder Piste vereint Menschen, die von so verschiedenem Charakter sind, dass ihr Zusammentreffen, geschähe es an gewöhnlichen Orten wie im Fußballstadion oder in einer Kneipe, im Faustkampf enden würde. Diese Sportart aber sorgt für friedliches Miteinander, trägt also zu nichts Geringerem bei als der Entwicklung sozialer Kompetenz. Skifahren wirkt zivilisatorisch.

Gruppendynamische, impulsive und extrovertierte Menschen laufen ebenso gern Ski wie introspektive Individualisten. Man findet den auf Elektrolyte schwörenden Asketen ebenso wie die adrenalinbewusste Partylöwin. Der Asket pirscht sich mit Fellen oder Harscheisen unter den Laufsohlen in blendend leere Gletscherlandschaften vor oder gleitet im Doppelstockschub über vereiste finnische Moore. Er liebt die einsame, funkelnde Loipe, das blaue Licht, das die Kälte aus der Landschaft treibt, wo nichts den stillen Lauf stört als das Geräusch des eigenen Atems.

Die Partylöwin bricht zum Heliskiing nach Lappland auf oder tobt sich im österreichischen Funpark aus. Sie liebt das morgendliche Anhosen in der Gruppe, Tiefschneefahren im Rudel, dass es nur so stiebt, und bei der abendlichen Gaudi auf der Hütte laufen alle mit den unwahrscheinlichsten Heldengeschichten zur Höchstform auf, bis zum gliederschweren schönen Hinabsinken aufs Bettenlager, das man mit elf Menschen teilt.

So unterschiedlich die sportlichen Interessen von Asket und Partylöwin sein mögen, beim Après-Ski trifft man sich wieder, er vorsichtig an der heißen Zitrone nippend, auch » Schiwasser « genannt, sie die Nachbeben des Kicks mit Lumumba oder Jagertee löschend. Als Schiwasser wird übrigens mitunter auch ein Kaltgetränk aus Himbeer- und Zitronensirup bezeichnet, die mit Wasser aufgegossen werden, früher auch mit getautem Schnee. Das zeigt, dass die Vielfalt des Skifahrens schon bei den Getränken beginnt, die man dabei zu sich nimmt.

Für jedes Alter gibt es den passenden Spaß. So kann die ganze Familie vom Opa bis zur Urenkelin am selben Ort Urlaub machen, ohne dass sich einer langweilt. Die Kleinste sitzt im kippsicheren Kinderpulka mit Windhaube und Klarsichtscheibe, vor den sich der Großvater auf der Skiwanderung ins Geschirr spannt. Der Erstklässer lernt auf der Skispielwiese » Schneepflug « – im Kinderjargon auch » Pizzaschnitte « genannt –, während sich der wild pubertierende Teenie beim Snowboarden auspowert und die trendbewusste Twen im Retro-Telemarkstil mit kleinen Knicksen den Berg hinunterschwingt. Mama kann mit ihren neuesten Carvingski währenddessen das Auf- und Umkanten perfektionieren, und Papa ist bis auf Weiteres zum » Hotdogging « ( » fahren wie ein heißer Hund « ) in der Halfpipe verschwunden.

Wie Sie sehen, haben Sie es mit einer echten Anhängerin zu tun. Seit ich als Kleinkind das erste Mal auf den Brettern stand, durchzieht mich der tiefe Glaube an das Göttliche, das im Geräusch gleitender Laufsohlen, im Knarzen von Stöcken in frisch gespurter Loipe oder im Zischen des Schnees beim geglückten Bremsmanöver am Ende einer Sturzflugpiste aufklingt.

Kein Wutanfall, kein Heulkrampf konnte diesen Glauben schwächen, die mich als Kind überkamen, wenn die Ski eine andere Richtung einschlugen als ich. Kein Unfall auf der Piste trübte je die Aura, die diesen Sport in meinen Augen umstrahlt, auch nicht, als das eine Auge zugeschwollen war und ich mit zitternden Beinen wie eine Anfängerin am Beginn der blauen Abfahrt stand und sturzgeschädigt alles neu erlernen musste. Rückschläge machen der wahrhaften Anhängerin nur bewusst, dass man noch stärker an seinen Glauben glauben muss.

Meinem früheren Berufswunsch trauere ich immer noch nach.

Als Kind wollte ich Skilehrerin werden. Ich sah diese Laufbahn lebhaft vor mir. Und da ich einen kleinen Bruder habe, dem jemand das Skifahren ja ebenfalls beibringen musste, wuchs ich in meinem Kinderkopf schon nahtlos in diese Karriere hinein. Trotzdem blieb mir dieser Lebensweg versagt. Ich komme aus dem Flachland. Als Autorin dieses Buches dürfte ich das eigentlich nicht erwähnen. » Flachlandtiroler « gelten als durch und durch skiuntauglich, jedenfalls den Alpinisten. Schlimmer ist da nur, dass ich den alpinen Skilauf nicht einmal an seinem Ursprungsort, den Alpen, erlernte, sondern im bulgarischen Witoschagebirge. Und nicht im Neugeborenenalter, wie viele Bergbewohner, sondern erst mit elf.

Als eine echte Münchner » Pistensau « in einem österreichischen Sessellift herausfand, dass ich aus dem Großraum Berlin komme, sah er mich nicht etwa abschätzig an; nein, ich wurde in seinen Augen Luft.

Trotz solcher Schmähungen, die übrigens einen alten Zwist zwischen alpinem und nordischem Skilauf wachrufen, bin ich eine glühende Verfechterin jeder Ausprägung dieses göttlichen Sports. Denn Rausch und Trance sind nirgends so schön wie auf Ski.

Die Trance, wenn sich im Voranschnellen der Beine die Energie in der Körpermitte sammelt, um in die pulsierenden Muskeln zu schießen, in die Hände, die lässig auspendeln nach jedem Stockschub in der glatt gefrästen Loipe, der den Körper aus der gewohnten Fassung löst, Knochen und Muskeln so schwerelos macht, als versage die Logik der Physiologie, als gleite man frei vom Bauplan des Körpers über den Schnee; ein einziges Schweben.

Der Rausch der Geschwindigkeit, wenn der Körper der Falllinie nachgibt, Schneewind in die Nase pfeift, dem Tempo verfallen, die Kehle geweitet, die Brust gespannt, die Oberschenkel werden heiß, die Hüfte pendelt, die Knie schwingen, die Waden, die Füße nehmen das Vibrieren der Ski, das Surren der Laufsohlen auf; ein einziger Tanz den Berg hinunter.

Dass Skilaufen göttlich ist, beweist im Übrigen auch die Milchstraße am Nachthimmel. Für das verzauberte Auge des passionierten Ski-Enthusiasten ergeben die beiden Bahnen der Milchstraße eine Skispur. Und tatsächlich. Laut des prähistorischen Stammes der Ostjaken in Sibirien hat ein Gott diese Spur hinterlassen, als er mit Ski auf Elchjagd war. Er jagte den Elch über den Himmel, bis der auf seiner Flucht auf die Erde hinabsprang. Der Gott mit dem punkigen Namen Tunk-pox sprang hinterher, wobei ihm ein Ski zerbrach. Auch das zeichnet sich noch heute am Nachthimmel ab: Die beiden parallelen Spuren der Milchstraße laufen an einer Stelle zu einer einzigen zusammen.

Alle wollen die Ersten gewesen sein

Die Österreicher behaupten gern, sie hätten das Skifahren erfunden. Dann führen sie ihren ersten Skilift in Vorarlberg an ( 1937 ); ein Schlitten, der über ein Seil mithilfe eines Motors den Berg hinaufgezogen wurde. Sie schwärmen von ihrer ersten Gondelbahn, der Hahnenkammbahn ( 1929 ). Sie erwähnen, dass sie den ersten Skizirkus der Welt einführten ( 1948 ). – Im Skizirkus sind keine skifahrenden Elefanten, keine rodelnden Clowns zu sehen. Es handelt sich um eine Art zusammenhängenden » Kreisverkehr « auf Ski, bei dem man an einem Tag einmal um eine gesamte Bergkette herumgondeln kann, ohne eine Abfahrtspiste oder einen Lift zweimal benutzen zu müssen.

Sportskanonen und sexy Skilehrer

Dafür, dass sie die Ersten waren, haben die Österreicher ein unschlagbares Argument: Mathias Zdarsky. Er bewältigte um 1900 die steilsten Hänge. Sein » Schlangenschwung « beruhte auf einer so ausgetüftelten Verbindung von menschlicher Motorik, stabilem Halt auf Ski und alpinem Gelände, dass sich wesentliche Elemente auch im heutigen Schwingen noch darauf zurückführen lassen. Herr Zdarsky war von seiner Erfindung so berauscht, dass er gern die ganze Welt von diesem ersten alpinen Skischwung überzeugen wollte. In seiner Wahlheimat Lilienfeld stellte er sich an einen geeigneten Hang und brachte allen, die es lernen wollten, diesen Fahrstil bei. Deshalb gilt er auch als Pionier aller Skischulen. Dass er keinen anderen Stil neben seinem gelten ließ, weshalb bis weit in die Dreißigerjahre hinein nur zdarsky-isch gefahren werden durfte, hat er mit vielen anderen großen Entdeckern gemein.

Österreich rühmt sich auch damit, das erste Land zu sein, das einen eigenen Skiverband gründete, den Verband Steirischer Skiläufer, der 1893 das erste alpine Abfahrtsrennen in Mürzzuschlag organisierte. Der erste österreichische Skihersteller war ebenfalls in Mürzzuschlag beheimatet. Vorher war der kleine, voralpine Ort nur dafür bekannt, dass der Komponist Johannes Brahms dort in zwei Sommern seine Vierte Sinfonie geschrieben hatte – und meist zu Fuß unterwegs gewesen war.

Dass Mürzzuschlag Ende des 19. Jahrhunderts zur Wiege des Wintersports wurde, war einem Bergsteiger aus Graz zu verdanken. Max Kleinoscheg war aufgefallen, dass die Abstiege vom Berg weniger lebensgefährlich wären, hätte man ein Hilfsmittel, auf dem man hinabgleiten könnte. Als er in einer norwegischen Zeitung eine Werbung für Ski entdeckte, organisierte er sich über Geschäftsbeziehungen zu einem Norweger zwei dieser kuriosen Bretter.

Beim Ausprobieren fiel ihm noch etwas auf: Die zunächst schwerfälligen Dinger beanspruchten bei richtigem Gebrauch dieselben Oberschenkelmuskeln wie das Fahrradfahren. Radfahren war zu jener Zeit ein weit verbreitetes sportliches Vergnügen. Also traute Kleinoscheg den Radfahrern am ehesten den seltsamen nordischen Brettsport zu. Und da die Radfahrer gern miteinander um die Wette fuhren, taten sie Selbiges bald auch auf Ski. So kommt es, dass ausgerechnet österreichische Radfahrer aus dem Skilaufen eine alpine Wettkampfsportart machten.

Das Land, in dem auf Titel im Allgemeinen großen Wert gelegt wird, führte auch als Erstes eine Skilehrerausbildung ein. Vor den 1920er-Jahren vertrauten die meisten noch ausschließlich aufs Schicksal, wenn sie sich einen Hang hinunterstürzten; jetzt nahm man Unterricht bei staatlich anerkannten Lehrern. Ob die frühen Skilehrer als Herr Magister oder Herr Professor auf der Piste angeredet wurden, ist nicht überliefert.

In dem Stummfilm » Wunder des Schneeschuhs « von Arnold Fanck ( 1920 ) wurde erstmalig ein Skiläufer zum Filmstar; Hannes Schneider, ein Österreicher. Er prägte das unverwüstliche Bild vom sexy Skilehrer. Kühn und schön tänzelt er den Berg hinunter. In den Drehpausen gründete er die Arlberger Skischule und entwickelte eine besondere Technik, das Bremsen mit Stemmbogen. Außerdem hatte er die Idee, das, was er in St. Anton am Arlberg vermittelte, zu normieren. So schaffte er Standards, nach denen auch an anderen Orten dieselbe Sache unterrichtet werden konnte. Marta Feuchtwanger, die Ehefrau des Schriftstellers Lion Feuchtwanger, gehörte zu seinen begeisterten Schülerinnen.

Um Schneiders Arlberg-Methode entwickelte sich schnell eine ganze Industrie. Sogar spezielle Skischuhe wurden dafür angefertigt, und aus dem verschlafenen St. Anton wurde ein weltberühmter Skiort. Schneider selbst wurde nach dem » Anschluss « Österreichs an Nazideutschland verhaftet, konnte aber 1939 in die USA emigrieren, weshalb die Grundlagen der Arlberger Schule bis nach New Hampshire gelangten.

Weißer Rausch

Gedreht wurden » Wunder des Schneeschuhs « und weitere Folgen dieses Stummfilms auch in den Schweizer Alpen. Also tönt es aus der Schweiz ähnlich, nur nicht ganz so laut. Die Schweizer wissen, dass sie bei der Erfindung des Skifahrens vorn liegen und außerdem die Vornehmeren sind. Da muss nicht erwähnt werden, dass Doppelmayr, einer der ersten und größten Luftseilbahnhersteller, zwar von einem Österreicher gegründet wurde, die erste Gondelbahn weltweit aber schon 1908 Passagiere aufs Wetterhorn in Grindelwald brachte, allerdings noch nicht ausschließlich Skifahrer.

Fürs Vornehme stehen Davos und St. Moritz. Davos war ein abgelegener Ort in den Bündner Alpen, als der deutsche Arzt Dr. Alexander Spengler unfreiwillig dort landete. Aus der Not machte er eine Tugend und eröffnete in dem öden Bergdorf Heilstätten für Tuberkulosekranke. Und es dauerte nicht lange, bis nicht nur die Kranken, sondern auch ihre Begleiter von der Schönheit der Berge und dem Glitzern des Schnees verzaubert wurden. Schon um 1895 entwickelte sich Davos mit noblen Sanatorien und Hotels zum ersten Winterkurort, dem Inbegriff des Winterkurens überhaupt, dem Thomas Mann mit dem » Zauberberg « einen Platz in der Literaturgeschichte verschaffte.

Weniger bekannt ist, dass ein anderer Autor an der rasanten Entwicklung des Ortes nicht unbeteiligt war: Arthur Conan Doyle, der Erfinder von Sherlock Holmes. Blasse, wohlhabende Engländer hatten eine Affinität zur Schweizer Bergwelt entwickelt, auch wenn sie kerngesund waren. Und so überquerte der fitte Mr. Doyle skifahrend die Maienfelder Furgga, einen Pass zwischen Davos und Arosa, unter Führung der einheimischen Branger-Brüder, denen das erste Skigeschäft der Welt gehörte.

Doyle unternahm damit die erste geführte Skitour durch die Alpen, wohlgemerkt in der Schweiz. Im Strand Magazine, in dem auch die Erzählungen um Sherlock Holmes erschienen waren, entzündete er bei seinen Landsleuten die Leidenschaft fürs Skifahren so:

» Die Brüder Branger waren sich einig, dass die Stelle zu gefährlich war, um sie mit Ski an den Füßen zu überwinden … sie schnallten die Ski ab, banden die Riemen zusammen und verwandelten sie in einen dürftigen Schlitten. Darauf sitzend, unsere Fersen in den Schnee gestemmt, unsere Stöcke hinter uns fest andrückend, begannen wir, den steil abfallenden Hang des Passes hinunterzurutschen … ich stemmte meine Fersen kräftig in den Boden, was mich rückwärts aushebelte, und augenblicklich flogen meine beiden Ski wie ein Pfeil vom Bogen von mir, zischten an den beiden Brangers vorbei, verschwanden hinter der nächsten Biegung und ließen ihren Besitzer, im Tiefschnee hockend, zurück … ich setzte meinen Weg ins Tal dann auf meine Weise fort …«

Wie das aussah, lässt sich leider nicht mehr rekonstruieren. Aber die Engländer waren so angestachelt, dass sie in Scharen nach Davos kamen und dazu beitrugen, dass sich das Skifahren von einer ausgefallenen Leidenschaft Einzelner zu einer touristischen Freizeitaktivität entwickelte. 1934 ging hier der Menschheit erster Schlepplift in Betrieb.

Der Schriftsteller Herrmann Hesse, der Ende der Zwanzigerjahre im tiefer gelegenen Klosters abgestiegen war und in Wickelgamaschen die Hänge im Telemarkstil hinabrauschte, mochte den Trubel nicht. » Die Art, wie in Davos der Wintersport betrieben wird, ist flott und imponierend. Man sieht prächtige Menschen jeden Alters mit geübten Gliedern sich bewegen. ( … ) ringsum ist das Land für Skitouren wie geschaffen, und die Schlittenbahnen sind die besten, die ich gesehen habe. Immerhin ist der Ton solcher internationaler Sportplätze für empfindsame Reisende nicht lange erträglich, und auch ich nahm nach einigen Stunden gern wieder Abschied, um auf meinem Bergschlitten nach Klosters zurückzukehren. «

In St. Moritz gab es keinen Tuberkulose-Dunst. Hotelpaläste und luxuriöse Ballsäle waren einen Tick eleganter als in Davos. Bereits zur vorletzten Jahrhundertwende nahm man hier das Prinzip des rundum sorgenfreien Skiurlaubs von heute vorweg. Nur Thomas Mann, der im Alter von sechzig Jahren im nahen Chantarella residierte und die Skibegeisterung seiner Frau Katia mit Skepsis betrachtete, schien nicht so sorglos gewesen zu sein. » Tiefer Neuschnee. Gedünst und Graupelsturm, der mich, zusammen mit den fast unvorhandenen Wegen, nicht bis zu K’s Ski-Platz gelangen ließ. Elementarisch-schreckenerregend, blind-verschwimmend, Schwindel erregend, ein zur Vernichtung aufgelegtes Nichts «, notierte er am 16.2.1935 zimperlich im Tagebuch.

Inzwischen ist St. Moritz das » Beverly Hills der Berge «. Ein großer Laufsteg. Die teuersten Skimodetrends werden hier von teuren Menschen ausgeführt, und die Anzahl an High Heels soll die der Skischuhe im Ort übertreffen.

Die Schweiz ist auch schuld daran, dass eine Seilzugbindung, eine Weltcupabfahrt an der Zugspitze und eine Seilbahn in Garmisch-Partenkirchen nach einer afghanischen Stadt benannt sind. Wie aber ist die Wüstenstadt in die Kandahar-Bindung, die Kandahar-Abfahrt und die Kandahar-Bahn gelangt ? Multikulti ? Pustekuchen !

Dahinter steckt auch keine nett gemeinte Einladung an afghanische Einwanderer, es mal mit dem Skifahren zu probieren. Im Gegenteil. Der Name geht auf die kriegerische Eroberung Kandahars durch einen britischen Marschall zurück. Marschall Frederic Roberts war so stolz auf diesen militärischen Coup im anglo-afghanischen Krieg, dass er sich, als er zum Grafen geadelt wurde, einen Namen wählte, der daran erinnerte: » Earl Robert of Kandahar «.

Nun fuhr auch dieser Earl begeistert Ski, und wie alle Engländer tat er das am liebsten in der Schweiz. Als man 1911 in Crans-Montana, einer Ferienregion im französischsprachigen Teil des Kantons Wallis, auf die Idee kam, ein Abfahrtsrennen auszurichten, bat man den Grafen, der Siegestrophäe seinen ausgefallenen Namen und damit dem Rennen Glanz zu verleihen.

Der » Earl Robert of Kandahar Challenge Cup « glänzte so stark, dass er die dunkle Aura einer kriegsgeplagten Wüstenstadt überstrahlte. Schneegereinigt lässt der Name heute nur noch an harmlos-winterliche Vergnügen denken, an Schneesportgeräte und Pisten.

Noch etwas zeichnet die Schweizer Alpen aus: Skifahren und Esprit verbinden sich auf einzigartige Weise. Viele Künstler und Schriftsteller des 20. Jahrhunderts staksten auf rutschigen Holzbrettern durch die Schweizer Berge. In den Zwanziger- und Dreißigerjahren war Zürich ein Treffpunkt der Boheme, Ausflüge in die Berge ein exklusives Abenteuer. Später fand ein Großteil der Intellektuellen hier vorübergehend Zuflucht vor den Nazis. Das Skifahren mag eine Ablenkung von den düsteren Zukunftsaussichten gewesen sein, gleichzeitig verkürzte es die langen Winter der Emigration.

Verschwiegen wird auf schweizerischer Seite gern der erste Mann auf Ski in den Alpen, der Pfarrer Johann Josef Imseng aus Saas-Fee, mittlerweile ein beliebtes Skigebiet im Wallis. Pfarrer Imseng schämte sich um 1850 noch so sehr des Skifahrens, dass er nachts im Dunkeln übte. Wie oft er dabei mit einem Walliser Nadelbaum kollidierte, ist nicht überliefert.

Wer bei der Eroberung der Alpen die Bretter schneller angeschnallt hatte, müssen Schweizer und Österreicher untereinander klären. Klar ist, dass die Skifahrer beider Länder norwegische Ski unter den Füßen hatten. Jeder, der auf diese Weise vorankommen wollte, musste sich die Ski aus dem hohen Norden schicken lassen. Oder man fuhr selbst hin – woraufhin man mit großer Begeisterung und mehreren Paar Ski im Gepäck zurückkehrte. Es konnte auch passieren, dass sich der eine oder andere Norweger auf Studienreise auf dem europäischen Kontinent befand. Und da ein Norweger nicht ohne seine Ski verreist, wurde er schnell zum Gegenstand erstaunten Gaffens.

Klar ist auch, dass die Bergwelt beider Alpenländer für die Ausbreitung des alpinen Skilaufs in Mitteleuropa unabdingbar war. Man könnte sogar sagen, dass Österreicher und Schweizer die ersten mitteleuropäischen Skiläufer waren, knapp gefolgt von den Engländern, gäbe es nicht Herrn GutsMuths.

Eine Eintragung vom 28. Januar 1795 im Schulbuch aus Schnepfenthal in Thüringen bezeugt, dass der dort unterrichtende Pädagoge und Begründer des Turnens Johann Christoph Friedrich GutsMuths sich auf etwa zwei Meter lange Holzbretter gestellt und ziemlich erfolgreich versucht hatte, damit zu laufen.

Skilaufen, notierte er in seinem Lehrbuch » Gymnasium für die Jugend «, sei zweifellos eine gesunde Übung für die Jugend in müßigen Stunden. Auch Herr GutsMuths benutzte norwegische Bretter. Von ihm stammt die älteste überlieferte technische Zeichnung eines Telemarkski aus dem Jahr 1804. Allerdings konnte dieser merkwürdigen Art der Fortbewegung damals nur die eingeschworene Gemeinschaft um Herrn GutsMuths etwas abgewinnen. Ehe das Skifahrfieber um sich griff, verging noch ein gutes Jahrhundert.

Das Wettrennen um den allerersten Skilift gewann im Übrigen der Mühlen- und Restaurantbesitzer Robert Winterhalter, und der kam aus dem Schwarzwald. Seinen Gästen im Kurhaus Schneckenhof in Schollach wollte er den mühsamen Aufstieg ersparen, und so konstruierte er 1908 am Auslauf des Hangs eine Wassermühle. Mithilfe des Mühlrads wurde ein Stahlseil betrieben, das über mehrere Holzpfosten den Berg hinaufführte. Am Seil waren in regelmäßigen Abständen kleine Taue angebracht, an denen sich die Skifahrer festhielten, wollten sie auf den Berg gelangen. Einziger Nachteil: Auf den 280 Metern erlahmten schnell die Arme.

Patentiert wurde dem einfallsreichen Mühlenbesitzer die Erfindung nicht; auch die Deutschen legten damals großen Wert auf Titel. Da Herr Winterhalter weder ein Ingenieurszertifikat noch einen Doktortitel vorweisen konnte, wurde sein Lift nicht anerkannt.

Schnee von gestern

Skilaufen ist so alt wie die Menschheit, jedenfalls auf der Nordhalbkugel. Ursprünglich brauchte man dafür nur einen Baum, ein scharfes Werkzeug und die Beobachtung, dass Holz auf Schnee gleitet. Aus dem Holz machte man zwei Bretter. Mit Weidenruten oder Birkenrinde band man die Schuhe darauf fest, die gegen die Kälte mit Stroh ausgestopft waren. Ein langer Stock diente zugleich als Speer und Stütze.

Die Menschen im Norden hatten schon Ski unter den Füßen, als die Ostsee noch ein kleiner Binnensee war und Finnland komplett unter Wasser lag. Die ältesten archäologischen Funde prähistorischer Ski stammen aus den Jahren 7600 und 6000 v. Chr. Das war zu Beginn des Holozäns, als sich die Landschaften des Nordens gerade unter dem nachlassenden Druck des Eises umsortierten.

So mancher Anfänger auf Ski mag bei den ersten Rutschversuchen den Eindruck haben, diese nacheiszeitlichen tektonischen Verschiebungen noch einmal zu durchleben; die Erde bäumt sich auf, der Boden unter den Füßen entgleitet. Bei der verzweifelten Suche nach Halt ( die meist in einem Schneehaufen oder einer Fichte endet ) bleibt nur der Trost, dass das, was einen zu Fall bringt, das älteste Fortbewegungsmittel der Menschheit ist.

Ski sind älter als das Rad. Sie wurden gewissermaßen direkt nach dem Faustkeil erfunden. Sie gehören wie Hammer, Axt und Messer zu jenen steinzeitlichen Instrumenten, die sich nur noch anhand fossiler Fundstücke in ihrer ursprünglichen Form rekonstruieren lassen. Und da zeigt sich: Die Holzbretter der Vorfahren aus der Steinzeit waren den unsrigen nicht unähnlich. Zwei Bretter, manchmal kürzer und breiter, manchmal schmaler und länger. Manchmal war der eine Ski auch kürzer als der andere und diente zum Abstoßen.

Die Skispitzen waren schon vor Urzeiten leicht aufwärts gebogen. Nur die geschnitzten Elchköpfe, die man 6000 vor unserer Zeit in Nordwestrussland an den Skispitzen trug, um das Zurückrutschen zu verhindern, wurden mittlerweile wegrationalisiert.

Statt des eines Skistocks in Überlänge nimmt man heute lieber zwei. Es gibt auch keinen Zügel mehr, der – an beiden Skispitzen befestigt – einst zum Lenken diente. Auch deshalb hat sich der Spitzname » Schneerösslein « oder » Schneepony « für die Ski wohl nicht durchsetzen können.

Haben sich die Skinovizen aus der Fichte befreit und sind einige Meter auf ihren » Narrenhölzern « vorangeglitten, stellt sich vielleicht die Ahnung ein, wie es sein könnte, eines Tages über den Schnee zu reiten, zu fliegen, zu segeln. Das taten schon unsere nördlichen Vorfahren. Jedenfalls benutzten sie jahrhundertelang diese Verben, um die Fortbewegung auf Ski angemessen zu beschreiben. In den nordischen Sagas aus dem 10. und 11. Jahrhundert wurden Ski häufig mit Schiffen verglichen. König Harald Fairhair beispielsweise hatte den Beinamen » der, der ein Schiff wie Ski durch die Schären steuert «.

Skifahren dagegen ist ein junges Kompositum, das daher zu rühren scheint, dass beim Abfahrtslauf auf der Piste die Hälfte der Strecke gefahren wird, nämlich mit dem Sessellift.

Die steinzeitlichen Skipioniere nahmen ein langes Stück Holz und spalteten es. Möglicherweise war das anstrengend, denn für das, was sie herstellten, fiel ihnen kein besonders raffiniertes Wort ein. Sie sagten schlicht skið. Für ungeübte Ohren mag das klingen wie ein Fluch. Ist aber keiner. Das Wort stammt aus dem Altnorwegischen und bedeutet » ein gespaltenes Stück Holz«. Über indogermanische Wurzeln ist skið mit dem deutschen Wort » scheiden « und dem antiken griechischen Wort » schizo « verwandt. Diese Herkunftsgeschichte verdeutlicht, dass man beim Skifahren im günstigsten Fall zwei Bretter unter den Füßen haben sollte.

Damit ist auch klar, dass das Snowboarden nicht zum Skifahren gehört. Es muss seinen Ursprung beim Surfen suchen. Das Surfen hat allerdings eine Verbindung zum Segeln, also der Schifffahrt, wodurch das Snowboarden über Umwege – siehe oben – doch wieder zum Skisport gezählt werden kann.

Egal, ob Sie auf skið stehen, auf lubricorum stipitum, rutschigen Hölzern, wie sie der dänische Chronist Saxo im 12. Jahrhundert auf Latein nannte, auf sabek, wie die Lappen, oder suksi, wie die Finnen sagen, ob Sie sich lyzhi der Russen oder huk-sille der sibirischen Tungus unter die Füße schnallen; Sie kommen in jedem Fall schneller voran als auf den Schneeschuhen, die die Ureinwohner Amerikas benutzten. Ski, die gleiten, gelangten erst durch die Norweger in die USA. Diese unermüdlichen Skimissionare laufen mir und allen anderen Skipionieren zweifellos den Rang ab, dazu gleich mehr.

Auf Seide gleiten oder Osterblei

Der schweizerisch-österreichische Zwist darüber, wer das Skifahren erfunden hat, ist nichts im Vergleich zur Frage, ob Norwegen, Schweden, Finnland oder Russland die Wiege des Skis sei. Oder war es doch das Altaigebirge ?

Die Schlichtung dieses älteren Streits dürfte sich schwieriger gestalten. Zunächst gab es zur Zeit der Erfindung des Skis weder Norwegen noch Schweden, Finnland oder Russland. Es gab ein paar Urvölker, die sich um nationale Grenzen schon deshalb keine Sorgen machen mussten, weil die entsprechende Landschaft dazu noch fehlte.

Ski wurden überall dort benutzt, wo die Winter lang und beständig waren und es durchgehende Schneedecken gab. Von Kamtschatka und Hokkaido im Osten über Sibirien bis an die Grenze zu China, vom nördlichen Russland bis nach Fennoskandia, dem Gebiet des heutigen Skandinavien, gingen Menschen mit Birken- oder Nadelholzbrettern unter den Füßen auf die Jagd.

Unterschiedliche Landschaften und verschiedene Schneearten stellen unterschiedliche Ansprüche ans Skilaufen. So gab es viele verschiedene Designs, die alle als Urform des heutigen Skis gelten können.

Die älteste Ausgrabung von hölzernen Gegenständen, die Ski ähneln, wurde in Vis, im Norden des heutigen Russland, gemacht. Diese Ski sind etwa 8000 Jahre alt. Im heute finnischen Heinola wurde die Kufe eines Schlittens gefunden, die von 7600 v. Chr. stammt. Der älteste vollständig erhaltene Ski stammt aus dem schwedischen Sumpfgebiet um Kalvträsk und ist mit seinen 5200 Jahren älter als die ägyptischen Pyramiden.

Russland, Finnland und Schweden ? Das können die Norweger nicht so auf sich beruhen lassen. Sie verstehen, wenn es ums Skilaufen geht, keinen Spaß. Schließlich waren sie es, die am unermüdlichsten an seiner Entwicklung und Verbreitung gearbeitet haben.

In ihren Augen ist das Skilaufen nicht nur ein winterlicher Zeitvertreib. Es ist existenziell. Ein Norweger ohne Ski ist wie ein Australier ohne Känguruh.

Das gesamte Selbstbild, die vergleichsweise junge nationale Identität der Norweger gründet auf dem Skilaufen. Es ist eine Lebensart. Es steht symbolisch für das wahre, reine Leben abseits städtischer Entfremdung. Ein Ski ist die natürliche Verlängerung des Körpers, und die Natur lässt sich überhaupt nur beim Skilaufen begreifen. Ich bin noch keinem Norweger begegnet, der bei der kleinsten Erwähnung von Schnee nicht sofort mit andächtigem Ernst von seinen erhabenen Erlebnissen gestern in der løipe erzählt hätte.

Løipe ist das norwegische Wort für die gebahnte Skispur im Schnee. Das gleichlautende Verb ist ein Kausativ zum Verb » laufen «, heißt also gewissermaßen: laufen machen oder gelaufen werden. Ursprünglich wurde so der Weg im Schnee bezeichnet, über den gefällte Bäume geschleppt, Bäume also zum Laufen gebracht wurden. Und Ski sollten einen Menschen ja ebenfalls laufen machen. So hat sich beinahe unverändert diese løipe als » Loipe « ins Deutsche geschlichen.

Das Norwegische hat überhaupt einen sehr lebendigen Skiwortschatz. Wenn ein Norweger so richtig schön dahingeglitten ist, bezeichnet er das als silkeføre: auf Seide gleiten.

Die Skibesessenheit der Norweger geht so weit, dass sie unter einem eindeutigen Fest wie Ostern etwas anderes verstehen als andere Länder mit christlicher Tradition. Sie feiern nicht die Auferstehung Jesu oder ein gefundenes Ei. Sie feiern das Skilaufen in der ersten Frühlingssonne, das » die Sinne mit Freude erfüllt in Gottes prächtiger freier Natur «, wie ein berauschter Journalist es 1879 formulierte.

In den weltweit längsten Osterferien bricht die Nation geschlossen zum Skilaufen in die Berge auf. Diese nationale Feier des Frühlingsskilaufs geht auf ein berühmtes Ehepaar zurück. Eva und Fridtjof Nansen überquerten zu Ostern 1892 zusammen die Hardangervidda und gehörten damit zu den Pionieren der Tourenskiläufer, die die Ostertage zur Erkundung des Hochgebirges nutzten.

Sowohl die rötliche Bräune, mit der man aus der frühlingshaften Bergsonne zurückkehrt, als auch der grießige, schwerfällige Schnee haben im Norwegischen ein eigenes Wort: die Osterbräune und das Osterblei.

Bøla-Mann und Festtagsski

Norweger führen als Beweis, dass ihnen der Titel » Wiege des Skis « zusteht, eine 6000 Jahre alte Felszeichnung eines Skifahrers an. Der Bøla-Mann ist in Lebensgröße in den Felsen von Steinkjer geritzt. Außerdem gibt es in Alta, im Nordosten von Norwegen, 4000 bis 5000 Jahre alte Felszeichnungen von Skiläufern, die zum UNESCO-Weltkulturerbe gehören. Auch einen Skifund können die Norweger vorweisen, der so alt ist wie der Kalvträsk-Ski aus Schweden, wenn auch nicht so gut erhalten; den Drevja-Ski.

Die konfliktscheuen Schweden streiten sich nur ungern. Aber gegenüber den ewig konkurrierenden norwegischen Nachbarn können sie sich eine Bemerkung doch nicht verkneifen: In den Sümpfen von Kalvträsk wurde nämlich auch ein Skistock gefunden. Er sieht aus, als wäre ein Paddel mit einem langen Kochlöffel gekreuzt worden. Sein oberes Ende ist gespitzt wie ein Speer. Dieses Ende wurde zum Jagen benutzt, woran deutlich wird, dass Biathlon keine moderne Erfindung ist.

Den schwedischen Einwand nehmen die Norweger zum Anlass, nochmal am Kalvträsk-Fund ihrer Nachbarn herumzumäkeln. Die prähistorische Vorzeigeskiausrüstung der Schweden hat nämlich ein Problem: die Bindung.

Die Bindung des Kiefernholz-Skis aus den schwedischen Sümpfen ist archaisch. Sie wird heute allerdings noch manchmal von den Mongolen im Altaigebirge benutzt, ist also kein nordisches Modell, sondern gehört einer östlichen, aus Sibirien stammenden Skitradition an. In der Mitte des Brettes, dessen Enden wie beim modernen Ski etwas dicker und erhöht sind, gibt es eine Vertiefung für den Fuß. Durch Löcher in der Vertiefung wird ein Riemen gezogen und um den Schuh geschnallt, der den Fuß am Brett hält.

Der norwegische Drevja-Ski dagegen weist bereits jene Zehenbindung auf, die in etwas abgewandelter Form auch den modernen Ski am Fuß hält. Der Schuh steht leicht erhöht. Im Holz unter den Zehen gibt es einen Schlitz quer zur Laufrichtung, durch den Lindenrinde gezogen und in eine Schlinge gelegt wurde. Dort hakte man sich mit einem Schuh ein, der eine nach oben gebogene Spitze besaß.

Sowohl Schweden als auch Norweger vergessen gern, dass im finnischen Salla der dritte wichtige Fund ausgegraben wurde. Er stammt von 3200 v. Chr.

Beim Vergleich der drei Paare aus den drei großen skandinavischen Skinationen zeigt sich immerhin eines: das tiefe Verständnis, das die prähistorischen Skimacher vom Schnee hatten.

Drevja, Kalvträsk und Salla; alle drei Paare sind verschieden. Man passte die Ski den landschaftlichen Gegebenheiten und dem Wetter an. In Tiefebenen und Waldgebieten benutzte man kurze Ski mit breiten Spitzen, die für losen, tiefen Schnee geeignet und in felsigem Terrain leicht zu handhaben waren. In offenen, höheren Lagen und Plateaus, wo sich harter Packschnee bildet, waren längere, schmalere Ski sinnvoller, die auf der oberen Seite eine zweite Holzschicht für eine größere Steifigkeit hatten.

Jeder Bauernhof besaß oft mehrere Paar Ski, die verschiedene Funktionen erfüllten und je nach Wetter-und Schneeverhältnissen gewechselt werden konnten, also Herbst- und Frühlingsski, Jagd- und Ausgehski. Tatsächlich: Es gab Festtagsski mit originellen Schnitzereien und Dekorationen, die zu besonderen Anlässen angeschnallt wurden.

Eindeutig fest steht, dass der Ski aus dem finnischen Salla der erste mit Rille in der Laufsohle war. Die Finnen sind damit echte Vorläufer. Üblich waren bis weit ins neunte Jahrhundert hinein Ski mit glatter Laufsohle. Von der Führungsrille, die heute in jedem Langlaufski zu finden ist, besaß der Urvorfahr allerdings gleich fünf.

Schlittern und Gleiten verspricht Action

Die erste Beschreibung der Skilauftechnik kommt aus einer ganz anderen Region der Welt, aus China. In der » Xing Tang Shu «, der Geschichte der Tang-Dynastie von 618–907, heißt es: » Es gibt drei Stämme der Mu-Ma-Türken, die den Brauch haben, auf hölzernen Pferden zu reiten, mit denen sie über Schnee und Eis galoppieren. Ihre Füße stehen auf Brettern, unter den Armen haben sie gebogene Stöcke als Stütze, mit einem Schwung reisen sie hundert Schritte. «

Kurze Zeit später schrieb der lombardische Mönch Paulus Diaconus über skandinavische Jäger, die er » Scritobini « nannte, dass sie » wilde Tiere sehr geschickt verfolgen, indem sie auf einem Stück Holz, das wie ein Bogen geformt ist, herumspringen und damit große Schritte machen «.

Man kann also sagen, die wesentlichen Bewegungsabläufe beim Skifahren – Schwünge, große Schritte und Springen – wurden schon sehr früh erkannt.

Auch das Bewegungsprinzip wurde bereits formuliert. Scritobini geht laut Paulus auf das altnorwegische Wort skrida zurück. Skrida bedeutet rutschen, schlittern und gleiten.

Wo auch immer der erste Ski herkam, aus Zentralasien, vom Ural, aus dem Altaigebirge, aus Kasachstan oder dem Baltikum, die Wikinger waren die, die sich die meisten Gedanken übers Skifahren machten und sich so ausdauernd darüber unterhielten, dass daraus schließlich Sagas wurden.

In diesen Sagas erfanden sie skifahrende Helden und Götter. Und da Helden und Götter Action und spannende Unterhaltung bieten und sich gut als Vorbilder eignen, machten die Wikinger das Skilaufen zu etwas Nachahmenswertem und kamen so mit ihrer Version der Geschichte allen anderen zuvor.

 

Postskriptum: Der Komponist Richard Strauss hatte nicht ganz unrecht, als er seine Abneigung gegenüber dem Skifahren folgendermaßen in Worte fasste: » Skifahren ist eine Beschäftigung für norwegische Landbriefträger. «

Postskriptum II: Der Dichter Friedrich Gottlieb Klopstock brachte mehr Enthusiasmus auf. Eine seiner Oden mit dem Titel » Die Kunst Tialfs « spielt auf die sky der Nordmänner und die Seehundfelle unter ihren Ski an. In einer Fußnote erklärt Klopstock, dass sky Kufen seien, die auf hartem Schnee glitten und sich unterschieden von denen auf Eis. Damit ist er der erste mitteleuropäische Autor, der das Skifahren literarisch verarbeitet hat.

Von des Normanns Sky. Ihm kleidet die leichte Rinde der Seehund;

Gebogen steht er darauf, und schießt, mit des Blitzes Eil,

Die Gebirg’ herab !

Arbeitet dann sich langsam wieder herauf am Schneefelsen.

Kommentare

Kommentieren Sie diesen Beitrag:

Mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtangaben und müssen ausgefüllt werden.

Themen
Kategorien
Buchblog
03. Dezember 2014

Sibirien erleben

Wie ich nach Sibirien reiste und nach einer Flußtour für immer blieb: »In dem Buch beschreibe ich mein Leben in Srednjaja Oljokma vom Sommer 2005 bis Winter 2007, meine Integration in das Dorfgeschehen, die Einwohner mit ihren Eigenheiten, ihre ...
    Buchblog
    03. September 2014

    Innenansichten zu »Kälte, Wind und Freiheit« von Robert Peroni

    In den 80er-Jahren durchquert der Abenteurer Robert Peroni Grönland und beschließt für immer zu bleiben. ...
      Buchblog
      28. Oktober 2013

      Interview mit Judith Lennox zu »An einem Tag im Winter« (Videotranskription)

      Roman die über Charakter verfügen, sind das wichtigste an einem Buch, meint die britische Autorin Judith Lennox. Mehr zur Entstehung Ihres Romans »An einem Tag im Winter« und die autobiografischen Aspekte der Geschichte im Interview. Worum geht ...