Böse Muster
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Dienstag, 15. Oktober 2013 von


Böse Muster

Verhaltensmuster zu analysieren ist die Aufgabe der forensischen Psychiaterin Dr. Nahlah Saimeh. Über die verschiedenen Motive, aus denen heraus Menschen zu Mördern werden, hat sie jetzt ein Buch geschrieben.

Bernd Zietenbach* wollte in seinem Leben immer hoch hinaus. Nichts war ihm gut genug, er suchte ein Leben in Luxus, ganz besonders teure Armbanduhren sollten seinen Anspruch auf ein privilegiertes Leben symbolisieren. Um sich als gelernter Krankenpfleger diesen Wunsch erfüllen zu können, wurde er zum Serienmörder und tötete drei Menschen.
Dr. Nahlah Saimeh wird mit der Erstellung eines psychiatrischen Gutachtens von Bernd Zietenbach beauftragt. Ihre Aufgabe ist es, herauszufinden, ob Zietenbach etwa als psychisch kranker Mann mordete. Alles, was Zietenbach ihr erzählen wird, unterliegt im Gerichtsverfahren nicht der ärztlichen Schweigepflicht. Sein Leben und die Beurteilung der forensischen Psychiaterin werden in öffentlicher Hauptverhandlung besprochen.
Das erste Gespräch dauert sechs Stunden. Zietenbach ist ein großer, sonnengebräunter Mann, hat leichtes Übergewicht und trägt ein mintgrünes Polohemd. Er erzählt von seinem Leben. Mit deutlicher Missachtung blickt er auf die „kleinen“ Leute zurück, unter denen er aufgewachsen ist, redet von teuren Uhren, misst sich mit der Psychiaterin, genießt den Moment, da mit ihm »auf Augenhöhe« geredet wird. Seine Inszenierung wechselt zwischen Verbrüderung und der Hoffnung, der Ärztin sogar überlegen zu sein. In einem Folgegespräch vertieft Saimeh einige Aussagen, überprüft noch mal Gesagtes und schreibt dann ihr Gutachten, welches der Justiz dient, die Tat zu bewerten.

»Es gibt keine typischen Merkmale, aber es gibt Muster, die sich analysieren lassen.«

»Akute schizophrene Psychosen sind im Regelfall leicht zu diagnostizieren, für die Feststellung einer Persönlichkeitsstörung benötigt man mitunter viele Stunden und mehrere Gesprächstermine. Schizophrene Menschen stehen unter dem Einfluss wahnhafter, unkorrigierbarer Überzeugungen. Sie fühlen sich verfolgt, bedroht, vergiftet, bestrahlt und sie können nicht erkennen, dass diese Erlebnisse Symptome einer Krankheit sind«, sagt Saimeh. Die wahnhaften Denkinhalte bestimmen dann die Motive ihrer Gewalttaten.
Andere Täter hingegen erscheinen im Gespräch für einen Laien erst einmal völlig unauffällig. Und dennoch zeigen sie Störungen in der Art der Kontakt und Beziehungsaufnahme zu anderen Menschen, haben aber keine bizarren Überzeugungen wie Menschen mit einer Psychose. Nahlah Saimeh betont auch angesichts brutaler Verbrechen: »Wir alle sind menschliche Geschöpfe und unterscheiden uns nur sehr wenig voneinander. Ab einem bestimmten Zeitpunkt und vielleicht auch unter bestimmten Umständen entscheidet sich einer zur Tat, während ein anderer nach gesellschaftlich akzeptablen Lösungen sucht.« 
Motive für Gewalttaten, so Saimeh, können ganz unterschiedlich sein: »Bei Mord sind es die klassischen Motive Eifersucht und Besitzanspruch oder Hinderniselimination, Gier, Rache, gekränkte Eitelkeit, aber auch Macht und ganz selten auch Mordlust.« Sexualmorde stellen dabei die kleinste Gruppe unter den Tötungsdelikten dar. Unter ihnen jedoch ist der Anteil der manipulativen, gefühlsarmen Psychopathen besonders hoch.

Die meisten Straftäter sind therapierbar. Eine generelle Sicherheit gibt es nicht.

Das Strafrecht sieht grundsätzlich für jeden Täter Resozialisierungschancen vor. Die meisten sind therapierbar, nur eine generelle Sicherheit, dass ein Täter nicht rückfällig wird, die gibt es nicht; und die kann es auch nicht geben. Genauso wenig gibt es bei einem Auto die Garantie, dass mit dem Fahrzeug nach einer Reparatur kein Unfall mehr passieren wird.
»Es ist klar und nachvollziehbar, dass das Bedürfnis nach Ausgrenzung und Isolierung von Menschen, die zum Teil grausame Straftaten begangen haben, zutiefst menschlich und aus der Sicht der Opfer bzw. Opferfamilien nachfühlbar ist«, berichtet Saimeh. »Dennoch hat auch jeder Straftäter in einem Rechtsstaat als Mensch Rechte, die ihm nicht abgesprochen werden dürfen.«
Das gilt auch für Achim Brux*. Seine Ehe galt als mustergültig, bis zu dem Tag, an dem Achim Brux seine Frau tötete. »Meine Tochter sagte mir mal, sie hätte das Gefühl, dass Achim sie als ein Mosaikstein in seinen Gesamtlebensplan einbaut und sie gar keine eigene Wahl hat. Sie konnte nichts mehr selbst entscheiden, immer legte er alles fest«, sagte die Mutter der Getöteten in der Vernehmung aus. Auch fühle ihre Tochter sich durch seine mehrfachen täglichen Anrufe nicht umsorgt, sondern eher kontrolliert.
Nach der Bundeswehrzeit begann Achim Brux sein Informatikstudium, das ihm wirklich gut lag. Kontakt zu Mädchen und jungen Frauen suchte er erst spät. Mit 17 hatte er eine vorübergehende Freundin, seine Frau Ingrid* lernte er mit 24 Jahren zufällig auf einer Party kennen. Sie studierte damals gerade auf Lehramt, nachdem sie zuvor eine Ausbildung zur Erzieherin gemacht hatte.

»Dann habe ich losgelassen und sie hat sich nicht mehr gerührt.«

Ingrid war eine lustige, aktive, aber nicht zu bestimmende Frau, in die er sich sofort verliebte. Sie teilte vor dem Hintergrund ihres vergleichbar konservativen Elternhauses seine Ansichten vom Leben. Mit der großen Liebe kamen die Heirat und das gemeinsame Haus. Als die Liebe dann zerbrach und Achim Brux mit der Tatsache konfrontiert wurde, das gemeinsame Lebenswerk untereinander aufzuteilen, und der Aussage von Ingrid, dass er das Haus alleine nicht halten könne, da wurde Achim Brux zum Täter: »Ich war außer mir. Sie hat sich gewehrt, wir sind auf den Boden gefallen, ich habe weiter auf sie eingeschlagen, habe dann meine Hände um ihren Hals gelegt und sie gewürgt. Ich weiß nicht, wie lange, aber ich hatte eine unbändige Wut in mir. Dabei habe ich sie angeschrien und gerufen: 'Was sagst du da?! Was sagst du da?! Sag das noch mal! Los, sag es noch mal!' Dann habe ich losgelassen und sie hat sich nicht mehr gerührt.«
Obgleich die Tötung von Ingrid Brux mit erheblichen Wutaffekten einherging, wie unschwer an dem Verletzungsmuster, das die Gerichtsmedizin beschrieb, zu erkennen war, so lag im vorliegenden Fall kein Affektdelikt im Sinn der juristischen Definition vor. Das Gericht erkannte aber an, dass hier eine Kombination aus Tötung der Ehefrau und der dann beabsichtigten Selbsttötung im Sinn eines Mitnahmesuizids aus narzisstisch besitzergreifenden Motiven vorlag und stützte sich dabei auf die Darlegungen im Gutachten von Dr. Saimeh.
Die Kammer sah das Mordmerkmal der niedrigen Beweggründe im vorliegenden Fall nicht als erfüllt an. Die psychische Labilität mit ihren deutlich depressiven Symptomen, die Achim Brux im Vorfeld der Tötung bereits über viele Wochen gezeigt hatte, bewertete das Gericht im Sinne einer krankhaften seelischen Störung dementsprechend als schuldmindernd. Achim Brux wurde zu einer Freiheitsstrafe von acht Jahren verurteilt.
Im Fall von Bernd Zietenbach erkannte das Gericht keine Persönlichkeitsstörung und verurteilte ihn zu einer lebenslangen Freiheitstrafe.

* Name der Person ist geändert.


Blick ins Buch
Jeder kann zum Mörder werdenJeder kann zum Mörder werden

Wahre Fälle einer forensischen Psychiaterin

Georg T. erstickte seine Frau und verbrannte ihre Leiche auf der Straße. Über die Motive schwieg er. Tanja G. tötete ihre neugeborenen Kinder, versteckte sie im Kleiderschrank. Die forensische Psychiaterin Nahlah Saimeh weiß, dass es meist profane Gründe sind, die aus Menschen Mörder machen: Selbsthass, Eifersucht, Einsamkeit oder Angst. Sie zeigt, wie alltäglich das Böse ist und warum sich eine Gesellschaft gerade deswegen ihre Menschlichkeit bewahren muss.
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Vorwort

 

Bücher und Artikel über »das Böse« haben Konjunktur. Sie nehmen uns mit bei der kriminalpolizeilichen Ermittlungsarbeit, geben Einblicke in die Tätigkeit von Rechtsmedizinern und erklären neue wissenschaftliche Fahndungsmethoden. Zumeist berichten sie über Gewalttaten, die in all ihrer Brutalität und Grausamkeit unfassbar erscheinen und doch gerade durch diese Unfassbarkeit eine gewisse Faszination auf uns Menschen ausüben. Wir erleben mit, wie das Verbrechen quasi über Nacht in das Leben des normalen Bürgers einbricht. Regelmäßig werden Begriffe wie »Bestie« und »Monster« in der allgemeinen Berichterstattung verwendet, um den dingfest gemachten Täter der neugierigen Öffentlichkeit zu präsentieren. Dabei wird mit ebenso zuverlässig auftretender Verblüffung gern das unauffällig-durchschnittliche Äußere des Täters kommentiert – gerade so, als gäbe es in der Regel eine Verbindung zwischen äußerem Erscheinungsbild und Charakter.
Wie ich in meinen Untersuchungsgesprächen mit den Tätern immer wieder feststelle, handelt es sich tatsächlich häufig um unauffällige Menschen, nicht selten etwas schüchtern, ein wenig unbeholfen, befangen. Kurzum, es sind Menschen wie »du und ich«, die bis zur Tat mehr oder weniger erfolgreich bemüht waren, ihr Leben in den Griff zu bekommen. Somit ist es völlig natürlich, dass die unmittelbare Nachbarschaft nach einer spektakulären Festnahme stets einhellig feststellt: »Das hätten wir von dem nie gedacht. Der war doch immer so unauffällig, höflich, hilfsbereit. «
Wie aber kann ein solches Verbrechen geschehen? Wie kann aus dem netten Nachbarn plötzlich ein Gewalttäter werden? Wie kann eine junge Frau, die uns vielleicht gerade noch Brötchen verkauft oder eine Flugreise vermittelt hat, zur Kindsmörderin werden? Was ist es, das diese Menschen zu Gewalt und Grausamkeit treibt? Was muss im Leben vorgefallen sein, dass ein Mensch gegen alle Regeln des sozialen Miteinanders und alle humanen Werte handelt?

 

Als forensisch-psychiatrische Gutachterin habe ich es tagtäglich mit ebendiesen Thematiken zu tun. Oft werde ich gefragt, was mich eigentlich dazu bewogen hat, diesen Beruf zu ergreifen. Ursprünglich wollte ich Chirurgin werden, ein Kindheitswunsch, der an der Realität meiner manuellen Ungeschicklichkeit völlig vorbeiging. Während einer Vorlesung der Psychiatrie aber fing ich Feuer, und binnen Kurzem wurde die Psychiatrie für mich das spezifischste der humanmedizinischen Fächer. Die Psyche macht uns zu Menschen, sie verweist auf unser Mensch-Sein. Von daher pflegt die Psychiatrie einen intensiven Austausch mit anderen Fachdisziplinen, die sich mit den Humanwissenschaften befassen, wie der Biologie, der Psychologie, den Sozialwissenschaften, um nur einige zu nennen. Die Forensische Psychiatrie liegt in der Schnittmenge zwischen Psychiatrie, Psychologie, Neurowissenschaften, Biologie, Sozialwissenschaften, Kriminologie, Polizeiwissenschaft und Strafrecht. Der Begriff leitet sich vom lateinischen forum (Platz, Theater, Gericht) ab, und entsprechend hat der forensische Psychiater die Aufgabe, sein psychiatrisches Wissen diversen Gerichten und Behörden zur Beantwortung spezifischer Fragestellungen zur Verfügung zu stellen.
Im engeren Sinne wird heute unter Forensischer Psychiatrie maßgeblich die Begutachtung und Behandlung von Straftätern verstanden, auch wenn streng genommen ebenso psychiatrische Fragen im Sozial- und Zivilrecht dazugehören. Als forensischer Psychiater im engeren Sinne behandelt man psychisch kranke Menschen, so wie jeder andere Psychiater auch. Aber es gibt einen Unterschied: Der forensische Psychiater behandelt in speziellen Fachabteilungen oder Kliniken ausschließlich psychisch kranke Straftäter oder, um noch genauer zu sein, jene psychisch Kranken, die infolge ihrer Erkrankung erst zu Straftätern geworden und daher vermindert schuldfähig oder schuldunfähig sind. Er hat den Auftrag, »Gefährlichkeit« zu behandeln, also die beim Straftäter vorliegende psychische Krankheit oder psychische Störung so zu behandeln, dass der Betroffene zukünftig nicht mehr straffällig wird. In der Regel gelingt dies – entgegen der allgemeinen Berichterstattung – sehr gut. Ich vergleiche die Forensische Psychiatrie gerne mit einer Art der »sozialen Hebamme «, die Menschen zu ihren ersten geglückten Schritten ins Leben verhilft. Mit dem Behandlungsauftrag dient der forensische Psychiater also einerseits dem Straftäter-Patienten, der ihm durch die Justiz im Rahmen eines Strafverfahrens zugewiesen wird, aber er dient auch der Sicherheit der Gesellschaft und der Vorbeugung von Straftaten.
Außerdem ist die Forensische Psychiatrie unverzichtbarer Bestandteil eines differenzierten Strafrechtssystems, welches trennt zwischen kranken, schuldunfähigen und gesunden, schuldfähigen Tätern. Diese Differenzierung des Strafrechts findet sich bereits bei Aristoteles. Schon er stellte die Überlegung an, dass psychisch kranke Täter, die aufgrund von Wahn oder Verwirrung gehandelt hatten, nicht bestraft werden sollten.
Doch wo befindet sich diese Schnittstelle zwischen Schuldfähigkeit und Schuldunfähigkeit? Was ist schon pathologisch, was noch gesund?
In diesem Buch möchte ich Ihnen in meiner Rolle als forensische Psychiaterin an ausgewählten Fällen im Bereich der Tötungs- und Sexualdelikte Antworten darauf geben, wie aus Menschen Mörder und Vergewaltiger werden. Meine Beispiele sind solche, die Polizei, Staatsanwaltschaft, Richter, Strafverteidiger und Gutachter täglich beschäftigen und die in öffentlicher Sitzung vor Gericht verhandelt wurden. Ich erzähle Ihnen von Menschen, die uns eigentlich sympathisch sein oder die unser Mitleid erregen könnten und die doch schwere Straftaten begangen und Leben auf die ein oder andere Weise beschädigt oder gar zerstört haben. Dabei ist es mir ein Anliegen, Ihnen die Täterinnen und Täter mit der gebotenen Sachlichkeit, Fairness und Anschaulichkeit zu schildern. Ich bin nicht parteiisch. Ich begegne meinen Probanden respektvoll und aufmerksam, weil ich denke, diese Grundhaltung sollte jedem menschlichen Kontakt innewohnen. Andererseits ist es weder meine Aufgabe, mich über den Tisch ziehen zu lassen, noch, Gewaltdelikte zu verharmlosen oder zu beschönigen. Auch bin ich nicht der Ansicht, dass jeder mit Psychotherapie » geheilt « werden kann, auch wenn die Forensische Psychiatrie für die meisten der ihr anvertrauten Patienten sicher eine sehr gute Chance bieten kann. Sie werden sehen: Längst nicht alle Fälle, von denen ich Ihnen erzähle, spielen in erkennbar desolaten Verhältnissen. Aber Sie werden auch merken, dass es fast immer die emotionale Qualität der mitmenschlichen Beziehungen ist, die für die Entwicklung der Persönlichkeit mitsamt ihrer späteren Delinquenz eine Rolle spielt. Alle Taten sind also im Grunde zutiefst menschlich und gerade eben nicht Verhaltensweisen von »Monstern« und »Bestien«. Genau das macht sie in Wahrheit so bedrückend.
Meine langjährige Erfahrung zeigt mir, dass es meist ganz profane Gründe sind, die aus Menschen Mörder machen: Selbsthass, Eifersucht, Einsamkeit oder Angst – Gefühle, die uns allen, wenn auch in ihrer nicht gewalttätigen Form, mehr oder weniger bekannt sind.
Wenn wir begreifen, dass die meisten Straftäter keine andere Kategorie von Menschen sind, sondern sie und wir uns letztlich nur in recht wenigen Teilbereichen voneinander unterscheiden, können wir unseren Blick auf den Menschen insgesamt vervollständigen und Konsequenzen für unsere Gesellschafts-, Sozial- und Kriminalpolitik ziehen. Zugleich verstehen wir, wie alltäglich das Böse ist, dass es keine menschliche Gesellschaft ohne Böses geben wird und warum sich eine Gesellschaft gerade deswegen ihre Menschlichkeit bewahren muss.

 

Dr. Nahlah Saimeh

 

Schwarze Phantasien

 

Der Rentner Willi Herborn wurde jeden Morgen von den Vögeln geweckt, und so war es auch diesen Sonntag im Mai. Er trat auf den Balkon des Wohn-Schlaf-Zimmers seiner kleinen Wohnung und blickte auf das frühlingshafte Grün einer Kleingartenanlage. Es war noch dämmrig, und er wollte sich eben wieder in seine Wohnung zurückziehen, als er ein Feuer auf der Straße direkt in der Nähe der Gartenanlage bemerkte. Als ob jemand Pappe oder Papier mitten auf der Straße angezündet hätte, wunderte er sich und schüttelte den Kopf darüber, dass es offenbar Leute gab, die ihren Müll auf diese Weise und noch dazu in der Nähe eines Grüngürtels entsorgten. Aus Sorge darüber, dass das Feuer auf die Gärten übergreifen könnte, lief er zum Telefon und rief Feuerwehr und Polizei. Dann zog er sich rasch an und lief neugierig auf die Straße, um sich selbst ein Bild von der Lage zu machen. In gemessenem Abstand zum Feuer blieb er stehen und spürte die Hitze, die von den Flammen ausging … Was wurde da eigentlich verbrannt? Undeutlich erkannte er etwas Längliches, das auf dem Boden lag und unregelmäßig aus den züngelnden Flammen emporragte. Sein Puls beschleunigte sich, dann begriff er, was er da sah. Es waren die Umrisse eines menschlichen Körpers.
»Mein Gott!«, stieß er unwillkürlich hervor und hoffte umso mehr, dass die Polizei endlich kommen würde.
Kurz darauf trafen Feuerwehr und Polizei ein. Nachdem die Flammen gelöscht waren, konnte man es deutlich sehen: Es handelte sich um eine auf dem Rücken liegende Frauenleiche, die Arme und Beine leicht angewinkelt, das Gesicht bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Ob die Frau bekleidet gewesen war, konnte wegen der starken Verbrennungen am Tatort nicht sicher festgestellt werden. Um die Tote waren gut erkennbar zwei Drahtfesseln auf Höhe des Halses und der Knie geschlungen. Der Draht war mehrere Millimeter dick, und die Schlingen schlotterten so weit um die Leiche, dass sie offenbar weder zur Drosselung noch zur Fesselung angelegt worden waren.
Der Leichenfundort wurde abgesperrt, der Zeuge Herborn zu seinen Beobachtungen befragt, aber alles, was er gesehen hatte, war das Feuer selbst.
In dem beschaulichen Wohngebiet hatten mittlerweile mehrere Anwohner den Einsatz bemerkt und waren als Schaulustige hinzugekommen. Rund eine Stunde später lief ein nicht unsportlich wirkender, leicht untersetzter Mittvierziger aus der Kleingartenanlage auf die Beamten zu, die noch immer am Brandort standen. Er stellte sich als Georg Tamm vor und erklärte, dass er seine Frau vermisse:
»Sie wollte gestern Abend noch mal kurz zu unserer Wohnung laufen und wärmere Kleidung holen, ist dann aber nicht mehr zurückgekommen. Wir haben am Samstag hier im Garten gearbeitet und in der Laube zu Abend gegessen. Ich habe auf sie gewartet, bin dann aber müde geworden und irgendwann eingeschlafen …«
Inzwischen war wegen der Hinweise auf ein Gewaltverbrechen auch die Kriminalpolizei gerufen worden. Die ermittelnden Beamten fragten Tamm, ob er ein Bild seiner Frau dabeihabe.
Tamm kramte aus seinem Portemonnaie ein leicht abgewetztes Passfoto hervor, das eine Frau im Alter von ungefähr 35 Jahren mit freundlichem Lächeln, halblangen gelockten blonden Haaren und blauen Augen zeigte.
»Können Sie uns Ihre Parzelle zeigen?«, fragte einer der Beamten.
»Ja, natürlich« entgegnete Tamm und lief ein paar Schritte voraus durch die Kleingartenanlage. Von einem geraden Mittelweg aus bogen sie an der vierten Einwegung links ab und kamen zu einer kleinen Parzelle mit Zierbeeten, Gemüsegärtchen, Himbeersträuchern und zwei Apfelbäumen. Tamm schloss das Gartenhäuschen auf, und die Beamten sahen ein kleines Zimmer mit Klappsofa, das sich zum Doppelbett umbauen ließ, einem Couchtisch, einem Ohrensessel, zwei Stehlampen, einer Kommode zum Verstauen der Wäsche, einem kleinen Perserteppich auf dem Boden und einer Küchenecke. Auf der Kommode stand ein Doppelfotorahmen mit einem Hochzeitsfoto von Georg Tamm und seiner Frau sowie einem Foto, auf dem Tamm den Arm um seine Frau gelegt hatte und beide den Fotografen glücklich anlächelten. Auf der Hinterseite des Häuschens gab es eine Tür für einen kleinen Abstellraum, in dem die ganzen Gartengeräte standen.
Nachdem sie das Gartenhaus inspiziert hatten, baten die Kriminalbeamten Tamm, mit auf die Wache zu kommen, da sie noch Fragen zum Verschwinden seiner Frau hatten.
Auf der Wache machte Georg Tamm einen ruhigen und gefassten Eindruck auf die Vernehmungsbeamten, obwohl er stellenweise mit den Tränen zu kämpfen hatte. » Meine Frau und ich wollten den Garten auf Vordermann bringen. Wir hatten vor, zwei Nächte zu bleiben. Am Samstag hatte meine Frau sich noch mit einer Freundin zum Squash verabredet. Danach kam sie zum Essen in den Garten und wollte abends nur noch mal kurz in die Wohnung.« Seine Unterlippe fing an zu zittern, er schien um Fassung zu ringen. »Ich habe mich auf das Sofa gelegt und bin dann eingeschlafen.« Gegen 5 Uhr sei er wach geworden und habe bemerkt, dass seine Frau nicht da war.
Den Beamten kam es seltsam vor, dass er offenbar nicht hinter seiner Frau her telefoniert hatte.
»Sie hat das Handy in der Laube gelassen, sie wollte ja bald zurück sein«, erklärte er.
»Haben Sie denn versucht, sie in der Wohnung telefonisch zu erreichen, als sie nicht zurückkam?«, fragte der Kommissar.
»Nein, ich hab es ja gar nicht gemerkt, weil ich eingeschlafen bin. «
Tamm machte trotz der Tränen, die ihm in die Augen stiegen, weiterhin einen beherrschten, sachlichen, seltsam distanzierten Eindruck, der so gar nicht zu dem Umstand zu passen schien, dass ein Ehemann seine Frau vermisst, wo doch beide miteinander ein paar erholsame Tage im Grünen geplant hatten.
Während die Kriminalbeamten Georg Tamm zuhörten, blickten sie auf seine Hände, die er auf den Tisch gelegt hatte. Ihnen fielen deutliche Hautrötungen auf, wie sie durch kurze Hitzeeinwirkung entstehen. Sie hörten sich an, was Georg Tamm weiter zu berichten hatte, und unterbrachen dann die Befragung, um sich zu besprechen.
Beide Beamte hatten Verdacht geschöpft, da ihnen die Geschichte seltsam konstruiert erschien und sie irritierend fanden, dass Tamm gerade dann die Polizei zur Aufgabe einer Vermisstenmeldung heranzog, als diese in größerem Aufgebot frühmorgens in der Straße erschienen war. Außerdem wiesen Tamms Hände Spuren von Verbrennungen auf. Sie beschlossen, ihn kurzerhand damit zu konfrontieren.
»Herr Tamm, Sie stehen im Verdacht, Ihre Frau getötet und angezündet zu haben«, begann der eine Beamte und klärte Tamm auf, dass er jetzt zunächst Gelegenheit erhalte, mit einem Anwalt zu sprechen.
Georg Tamms Schultern sackten nach vorne, er winkte ab. Dann begann er stockend zu erzählen. »Was soll’s. Es ist jetzt eh alles egal!« Tamm brach wieder in Tränen aus, fasste sich aber bald darauf. »Ich erzähle Ihnen, wie es war. Ich bin vierundvierzig, meine Frau ein Jahr jünger. Wir sind seit neunzehn Jahren verheiratet. Eigentlich war alles in Ordnung. Aber vor fünf Jahren bekam meine Frau multiple Sklerose. Das war für uns ein Schock. Sie hatte Kribbelgefühle in den Armen und Beinen und auch vorübergehend keine Kraft in den Armen und Beinen, aber das wurde im Lauf der Behandlung deutlich besser. Sie hatte auch erst Sehstörungen, die gingen aber weg. Das Kribbeln in den Händen blieb jedoch. Manchmal fielen ihr die Sachen einfach so aus der Hand. Ihre ältere Schwester hat auch MS, nur dass die im Rollstuhl sitzt. Als mein Schwager mal ins Krankenhaus musste, haben wir sie gepflegt. Das war für mich damals eine große Belastung.« Er holte tief Luft, dann erzählte er weiter. »Ich habe mir in den letzten Monaten immer wieder Gedanken gemacht, wie es wäre, wenn meine Frau im Alter schwer krank würde und nicht mehr so gut auf die Medikamente ansprechen würde. Wie es wäre, wenn ich sie pflegen müsste. Mir wurde klar, dass ich das nicht können und auch nicht wollen würde. Erst habe ich daran gedacht, mich von ihr scheiden zu lassen, aber irgendwie kam ich mir dabei so schäbig vor. Ich wurde selbst immer bedrückter, konnte schon seit Januar nicht mehr richtig schlafen, konnte mich auf nichts konzentrieren, ich fand mich richtig depressiv.« Georg Tamm zögerte beim Sprechen, stockte, machte Pausen, so als ob es ihm unangenehm sei, laut auszusprechen, dass er sich nicht in der Lage sähe, die Frau, die er geheiratet hatte, in einer Krankheit zu begleiten. Sein Mund verzog sich dabei zu einem ganz diskreten Ausdruck des Widerwillens.
Der Grund für die Staatsanwaltschaft, Herrn Tamm psychiatrisch zur Frage der Schuldfähigkeit untersuchen zu lassen, war, dass dieser in seiner Vernehmung von depressivem Grübeln und Suizidideen berichtet hatte.
Depressive Menschen begehen besonders selten Straftaten und stellen auch als Patienten einer forensisch-psychiatrischen Klinik nur eine sehr kleine Gruppe dar. Wenn Menschen im Rahmen schwerer Depressionen Straftaten begehen, dann sind es nicht selten Tötungsdelikte im Zusammenhang mit einer krankheitsbedingt empfundenen Ausweglosigkeit im Leben. Menschen mit einer schweren Depression leiden unter erdrückenden Schuldgefühlen oder befürchten für sich selbst und ihre Angehörigen eine fürchterliche Zukunft, vor der sie ihre Liebsten und sich selbst durch Tod bewahren wollen. Sie versuchen dann vor allem, ihre Kinder mit in den Tod zu nehmen, und diese sogenannten erweiterten Suizide scheitern gelegentlich tragisch. Dem psychisch schwer kranken Täter ist es dann gewissermaßen unter Aufbietung sämtlicher psychischer Energien noch gelungen, seine Kinder zu töten, aber die Selbsttötung misslingt, nicht zuletzt, weil ihm die letzte Kraft zu der Tat fehlt.
Lag hier die erste Stufe eines von Georg Tamm geplanten erweiterten Suizids vor? Zur Definition des erweiterten Suizids gehört, dass die anderen getöteten Personen nicht in die Tat eingewilligt haben. Sollte es bei Georg Tamm so gewesen sein? Sollte er sein Leben und die darin enthaltenen Anstrengungen in depressiver Weise als so unbewältigbar erlebt haben, dass er für sich und seine Frau gewissermaßen vorsorglich den gemeinsamen Tod plante? Wollte er womöglich seine kranke Frau nicht zu rücklassen?

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