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Der neue Roman von Andreas Steinhöfel

Ein Epos über Schuld, Verdrängung und Verführung

1943 zerstört ein britischer Luftangriff die Edertalsperre. Eine Flutwelle verwüstet das Tal, Zwangsarbeiter müssen den Damm unter unmenschlichen Bedingungen wiederaufbauen. Zwei Jahrzehnte später wächst Nora in Hemfurth auf, umgeben von einem Schweigen, das mehr verbirgt als die Katastrophe.

Bestsellerautor Andreas Steinhöfel verbindet in seinem ersten Roman für Erwachsene historische Tatsachen mit einer vielstimmigen, düsteren Geschichte über Erinnerung, Schuld und die Frage, wessen Geschichte erzählt wird. Der Roman, an dem er mehr als zehn Jahre arbeitete, führt ins Hemfurth der Sechzigerjahre, in eine Nachkriegsgesellschaft, die die NS- und Kriegsgeschichte lieber hinter sich lassen möchte. 

Die Vergangenheit ist nicht vergangen

Das Buchcover zeigt den Autorennamen Andreas Steinhöfel groß in blauer Serifenschrift auf goldenem Grund; darunter eine unregelmäßige, pinselartige Übergangsfläche in kräftigem Kobaltblau. Mittig steht klein „Roman“ in Gold. Der untere Bereich ist dunkelblau mit einem feinen Bild eines Staudamms und dem großen, hellen Titel „Der Damm“. Die Stimmung wirkt monumental, dramatisch und kontrastreich.
Demnächst

Andreas Steinhöfel

Der Damm

Hardcover 28,00 €

In der Nacht vom 16. auf den 17. Mai 1943 zerstört ein britischer Fliegerangriff die Edertalsperre; eine Flutwelle verwüstet das Tal, in Hemfurth und Affoldern sterben Dutzende Menschen. Zwei Jahrzehnte später wächst Nora dort auf, umgeben vom Schweigen über die Kriegsjahre – …

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Gewinnspiel

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„Es gibt am Edersee ein anrührendes Mahnmal zum Angedenken an die Opfer der Flutkatastrophe. Und es existiert, kleiner und weniger augenfällig, eine in die Mauer eingelassene Plakette, die auf die Zwangsarbeiter aufmerksam macht, die den Damm seinerzeit wiederhergestellt haben. Ohne Opfer auch nur im Geringsten gegeneinander aufwiegen zu wollen, empfand ich die Diskrepanz zwischen dem großen Mahnmal und dieser kleinen Plakette als peinlich unangemessen."

Andreas Steinhöfel

INTERVIEW mit Andreas Steinhöfel

Lieber Andreas Steinhöfel, was möchten Sie uns vorab über die Geschichte von Der Damm verraten? Welche Menschen und Konflikte stehen im Mittelpunkt? Und was ist der Ursprung? 
Der Damm wird hauptsächlich von zwei Frauen erzählt, der jungen Nora und der alternden Marthe. Beide leben im Dörfchen Hemfurth unterhalb des Edersees. Nora wird dort in den Sechzigern groß, ein enigmatischer Schlossherr nimmt sie unter seine Fittiche. Das Mädchen spürt rasch, dass vieles in ihrem Heimatort unausgesprochen bleibt. Davon erzählt ihr schließlich Marthe, die wegen einer Entstellung seit dem Krieg in freiwillig gewählter Dunkelheit lebt, nun aber zurückdrängt ins Licht. Marthe berichtet vom vergangenen Krieg, von der Zerstörung der Edersee-Sperrmauer durch einen Bomberangriff im Jahr 1943, vor allem aber die Geschichte der mit dem Wiederaufbau des Damms verpflichteten Zwangsarbeiter. 

Der Roman hat seinen Ausgangspunkt in der Zerstörung der Edersee-Talsperre im Jahr 1943 und den Folgen dieser Katastrophe. Was hat Sie an diesem historischen Ereignis literarisch nicht mehr losgelassen? 
Es war anfangs weniger das literarische Potenzial, das mich gereizt hat. Es gibt am Edersee ein anrührendes Mahnmal zum Angedenken an die Opfer der Flutkatastrophe. Und es existiert, kleiner und weniger augenfällig, eine in die Mauer eingelassene Plakette, die auf die Zwangsarbeiter aufmerksam macht, die den Damm seinerzeit wiederhergestellt haben. Ohne Opfer auch nur im Geringsten gegeneinander aufwiegen zu wollen, empfand ich die Diskrepanz zwischen dem großen Mahnmal und dieser kleinen Plakette als peinlich unangemessen. 

Es ist nur natürlich, dass vor Ort die Geschichte der Flutopfer mehr tradiert wurde als jene der Zwangsarbeiter, aber auf diesem Störgefühl gründete der Roman. Nun zu dessen literarischem Potenzial: Immer wieder fällt auf, wie viele Menschen eine gemeinsam erlebte Geschichte völlig unterschiedlich schildern. Über die Zeit hinweg entsteht aus einer Vielzahl von Stimmen ein Gewebe recht fragiler Natur, von dem aber jeder einzelne Faden Authentizität beansprucht. Der Damm ist der Versuch, für dieses Phänomen eine passende literarische Form zu finden. 

Wo endet für Sie in Der Damm die historische Überlieferung – und wo beginnt die literarische Vorstellungskraft? 
Jenseits der historischen Zerstörung der Sperrmauer durch britische Bomber habe ich mir die Story komplett ausgedacht. Schloss Waldeck ist seit mehr als einem Jahrhundert unbewohnt, die Dörfer Hemfurth und Edersee samt ihrer Einwohner hat es, so wie ich sie schildere, nie gegeben. Wer während oder nach dem Krieg Mitläufer oder Gegner, wer Opfer und wer Profiteur war, ist mir nicht bekannt. Um das zu konterkarieren, habe ich die Handlung aber den tatsächlichen tagesaktuellen Wettereignissen der Erzählzeit angepasst, auch die historischen Pegelstände des Sees sind akkurat. Aber die Figurenzeichnung ist völlig frei – nur so konnte ich archetypische, mythologische und biblische Motive einfließen lassen, wie sie mir vorschwebten. 

Was verbindet Sie persönlich mit der Welt, in der der Roman spielt? 
Auf den ersten Blick recht wenig, denke ich. Selbst bin ich Jahrgang 1962, zehn Jahre jünger als meine Heldin Nora. Genau wie sie habe aber auch ich mitbekommen, wie verdruckst in den Sechzigern und Siebzigern unserer Nachkriegsrepublik mit der Nazi- und Kriegsvergangenheit umgegangen wurde, wie belastbar Schweigen sein konnte und wie Unterdrücktes bisweilen machtvoll an die Oberfläche drängte. Bis heute interessiert mich generell, was Menschen ticken lässt, vor allem dann, wenn dieses Ticken spürbar nach Zeitbombe klingt. Davon abgesehen: Die meisten Wochenenden meiner Kindheit verbrachte meine Familie, von Frühling bis Herbst, auf einem Campingplatz am Edersee. Bis heute fahre ich jedes Jahr mehrfach dorthin. 

Sie schreiben seit Jahrzehnten preisausgezeichnete Bücher, die von Jugendlichen und Erwachsenen millionenfach gelesen werden. Der Damm richtet sich ausdrücklich an Erwachsene. Welche Möglichkeiten/Chancen boten sich durch diesen Roman, die in einem Kinder- oder Jugendbuch nicht möglich gewesen wären? 
Kinder und Jugendliche sind durchaus anspruchsvolle Leser:innen, verfügen aber noch über weniger Weltwissen – sowohl was Bildung wie eigene Erfahrungen betrifft – als erwachsene Leser:innen. Sie sind außerdem ungeduldiger. Für ältere Leser:innen kann ich mir mehr Erzählzeit nehmen, vor allem hinsichtlich der Psychologisierung meiner Figuren. Ich kann zitieren, kann mythologisieren. Nicht zuletzt kann ich explizit Inhalte darstellen – vor allem hinsichtlich von Sexualität und Gewalt – wie ich es in dieser Form im Jugendbuch nie tun würde. Kurz gefasst: Ich kann davon ausgehen, dass erwachsene Leser:innen – und dies mit großem Gewinn – viel mehr Eskapaden mitmachen als jugendliche. Die Geschichte wird hauptsächlich von der Entwicklung ihrer Figuren vorangetrieben, nicht so sehr durch Ereignisse von außen. Wenn man so will, geht's um innere Action, weniger um äußere. 

Der Roman ist über viele Jahre hinweg entstanden. Wie hat sich der Stoff während dieses langen Schreibprozesses verändert – und was hat schließlich den Ausschlag gegeben, ihn jetzt fertigzustellen und zu veröffentlichen? 
Der Schreibprozess kam ins Stocken, weil mich das zentrale Thema des Buchs – die Frage, wie aus autobiografisch erlebter Historie objektive Geschichtsschreibung wird – zuletzt einholte. Die Quellenlage zur Sperrmauer war stellenweise widersprüchlich. Erschwerend kam hinzu, dass ich mich in die männliche Hauptfigur nicht einfühlen konnte – der Mann war viel älter als ich, ich konnte, was ihn emotional bewegte, nicht authentisch ergründen, mir fehlte schlicht die Lebenserfahrung. Als ich zuletzt einen – immer als vorläufig gedachten – Deckel draufmachte, war der Roman etwa zur Hälfte fertiggestellt, ein Fragment mit Ecken und Kanten, das aber, vom erzählerischen Standpunkt aus betrachtet, über die Jahre verdammt attraktiv blieb. Letztlich hielt auch der sich einstellende Erfolg mich vom Weiterschreiben ab – speziell dann, als die Bücher um Rico und Oskar durch die Decke gingen –, aber auch die Gründung einer eigenen Filmproduktionsgesellschaft. Als ich vor drei Jahren dort ausstieg, war plötzlich genug Zeit – und Lebenserfahrung vorhanden, um mich endlich wieder dem Damm zu widmen. 

Wenn Sie auf Ihr bisheriges Werk zurückblicken: Was verbindet Ihre Kinder- und Jugendbücher mit Der Damm? 
Ich versuche beim Schreiben grundsätzlich, jeder Figur so viel eigenes Leben zu ermöglichen, dass sie irgendwann wirklich lebendig wird (auch wenn sie mir ab dann auf der Nase herumtanzt). Da unterscheide ich nicht zwischen den Abteilungen, sozusagen. Ich führe außerdem meine Leser gerne insofern an der Nase herum, als ich einen spannungsreichen Plot entwickle (der ist beim Damm wesentlich vielfältiger als in den Kinderbüchern), der sie durch die Handlung zieht. Tatsächlich aber geht es mir eher um das, wie sich vor diesem Hintergrund die Psychologie der Figuren entwickelt. Als sonstige Gemeinsamkeit gibt es ein Wiedersehen mit einer der wichtigsten Nebenfiguren aus meinem Roman Die Mitte der Welt, im Damm ist sie als Jugendlicher dabei. Über diese Figur gibt es auch ein Wiedersehen mit Visible, dem zentralen Handlungsort von Mitte der Welt. Das ist was für Fans. Zurzeit entwerfe ich einen dritten Roman innerhalb dieses kleinen Universums, der seine Vorgänger nochmals ergänzen wird, wenn auch mit einem komplett anderen Thema. Da beleuchte ich die siebziger Jahre der alten BRD. 

Was ist in diesem Roman neu – in seinem Ton, seiner Perspektive oder seiner Zumutung an die Leser:innen?
Es gibt keine Zumutung – jedenfalls nicht für Leser:innen, die gern facettenreich Erzähltes mögen. Es gibt im Damm zwei Ich-Erzählerinnen – die nehmen meilenweit den ersten Platz ein. Es gibt aber außerdem Tagebucheinträge und Briefe, es gibt eine personale und eine auktoriale Erzählinstanz – es gibt kurzum alles das, was ich als Leser von satten Romanen selbst liebe! Beim Schreiben begleitete mich das paradoxe Gefühl: Ich muss es komplex machen, damit es sich leichter liest. Ob das geklappt hat, entscheiden die Leser:innen. Aber persönlich bin ich sehr zufrieden.

Foto von Andreas Steinhöfel

Über Andreas Steinhöfel

Biografie

Andreas Steinhöfel, 1962 in Battenberg geboren, studierte Anglistik, Amerikanistik und Medienwissenschaften. Er arbeitet als freier Autor und Übersetzer. Seine zahlreichen Kinder- und Jugendbücher wurden vielfach mit Preisen ausgezeichnet, unter anderem 2008 mit der Corine und 2009 mit dem Erich-Kästner-Preis. 2013 erhielt er den Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises für sein Gesamtwerk. Er ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Lange wohnhaft in Berlin, lebt er heute wieder in der Nähe des Damms – im hessischen Biedenkopf.

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