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Fremde Freunde

Deutsche und Russen – Die Geschichte einer schicksalhaften Beziehung

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Fremde Freunde — Inhalt

Die Beziehung zwischen Deutschen und Russen bestimmte immer wieder die Geschicke Europas – im Guten und im Bösen. In welche Zukunft gehen Deutsche und Russen heute?

Während Wladimir Putin sein Land auf eine gefahrvolle Reise in eine postwestliche Zukunft schickt, fragen sich die Deutschen ratlos: Haben wir Russland verstanden? Die Russland-Expertin Katja Gloger erklärt die heutige Situation aus der tausendjährigen deutsch-russischen Geschichte heraus und erzählt davon, was Deutsche und Russen einander schenkten – und was sie einander antaten.

Enthält Gespräche mit Gerhard Schröder, Michail Gorbatschow, Joachim Gauck und Daniil Granin.

Eine junge Deutsche namens Sophie, die, als 17-Jährige nach Moskau geschickt, zur Zaren- und Gattenmörderin wird und als Katharina II. Weltgeschichte schreibt; ein Koffer voller Bilder, die gestohlen werden, was sich als ihre Rettung erweist; eine mondäne Schauspielerin, von den Boulevardblättern gefeiert, die aus Liebe nach Russland emigriert, um dort dem grausamen Lagersystem zum Opfer zu fallen; ein Berufsrevolutionär, der aus einer Moabiter Gefängniszelle heraus Kontakte in höchste Kreise pflegt; eine belagerte, verhungernde Stadt, in der bei eisiger Kälte ein Orchester Beethovens Neunte spielt und damit Hitler widersteht – Katja Gloger erzählt von der eng verwobenen Geschichte der Deutschen und der Russen, die tragisch ist und auch schön. Beide Länder waren einander Verheißung – und zu oft führten solche Utopien ins Verderben.

Die Autorin wirbt für einen vorurteilslosen Blick auf Russland und erinnert an die besondere Verantwortung, die die Deutschen Russland gegenüber tragen. In jedem Kapitel wird deutlich, wie die deutsch-russische Geschichte die Gegenwart prägt. Darüber hinaus hat Katja Gloger persönliche Gespräche mit Staatsmännern, Historikern und mit Menschen geführt, die Krieg und Verfolgung erlebten – und heute für Versöhnung kämpfen.

„Lebendig und fundiert führt Katja Gloger durch die schon ein Jahrtausend währende gemeinsame Geschichte von Deutschen und Russen – mit all ihren Blütezeiten und schrecklichen Abgründen. Der Blick auf die aktuellen Beziehungen erhält so historische Tiefenschärfe. Ein wichtiges und notwendiges Buch, gerade angesichts neuerlicher Entfremdungstendenzen.“
Dr. Jürgen Zarusky

Chefredakteur der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte
Institut für Zeitgeschichte München-Berlin

„Dieses Buch macht unsere gemeinsame Geschichte verständlich.“
Sigmar Gabriel

€ 14,00 [D], € 14,40 [A]
Erschienen am 02.05.2019
560 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-24073-4
€ 13,99 [D], € 13,99 [A]
Erschienen am 02.11.2017
560 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-8270-7952-7

Leseprobe zu „Fremde Freunde“

Vorwort
Moskau, Russlands Herz. Kaum eine Millionenstadt könnte moderner sein, attraktiver, europäischer. Eine „smart city“, jung und zukunftsweisend. Hoch recken sich die gläsernen Türme des Geschäftszentrums „Moskwa-City“; neu angelegt die eleganten Promenaden entlang des Moskwa-Ufers, Fahrradwege. Eine Stadt, beinahe schon wieder sowjetisch sauber geputzt. Und doch: Wenn man abends zusammensitzt in den Küchen und erzählt, macht sich Traurigkeit breit, eine gewisse Hoffnungslosigkeit gar. Als ob man ahnt, dass sich doch nichts ändert. Dass man doch [...]

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Vorwort
Moskau, Russlands Herz. Kaum eine Millionenstadt könnte moderner sein, attraktiver, europäischer. Eine „smart city“, jung und zukunftsweisend. Hoch recken sich die gläsernen Türme des Geschäftszentrums „Moskwa-City“; neu angelegt die eleganten Promenaden entlang des Moskwa-Ufers, Fahrradwege. Eine Stadt, beinahe schon wieder sowjetisch sauber geputzt. Und doch: Wenn man abends zusammensitzt in den Küchen und erzählt, macht sich Traurigkeit breit, eine gewisse Hoffnungslosigkeit gar. Als ob man ahnt, dass sich doch nichts ändert. Dass man doch nichts ändern kann.
So nah scheinen uns dieses Land und seine Menschen – und sind zugleich doch so weit entfernt. Wladimir Putin, Präsident eines vermeintlich neuen Russland, hat sein Land auf eine gefahrvolle Reise geschickt. Sie führt weg von Europa.
Alternativlos soll der Kurs sein, den dieses Russland in eine postwestliche Zukunft eingeschlagen hat, alternativlos wie sein Präsident, der nun seit beinahe zwei Jahrzehnten herrscht, zunehmend einem, ja, Zaren gleich. Dieses Russland zeigt sich als unberechenbare Großmacht, eine nukleare Weltmacht von Rang in einer multipolaren Welt, in der wieder um Geopolitik und um Einflusszonen gerungen wird. In dieser nunmehr ent-fesselten Welt soll das Konzept des Westens auf den Abfallhaufen der Geschichte gekehrt werden; diese großartige Idee von Demokratie, universalen Menschenrechten und multilateralem Miteinander – eine Idee, die ja auch vom Westen selbst immer wieder verraten wurde.
Vielmehr gilt: „Russia First“. Eine vermeintlich souveräne, zunehmend einsame, revisionistische Macht, die keine Grenzen zu kennen scheint. Und doch: Dieses Russland, Putins Russland, ist ein Koloss auf tönernen Füssen.
Wie groß das Misstrauen geworden ist, wie sehr man sich in den vergangenen Jahren einander entfremdet hat. Vor allem in Deutschland bleibt man bekümmert zurück, ratlos. Was ist geblieben von „strategischer Partnerschaft“, dem Wunsch nach Ausgleich, Frieden und Freundschaft? Wird doch in keinem anderen westlichen Land so leidenschaftlich um Russland und seine Zukunft gerungen wie in Deutschland. In keinem anderen Land finden sich so viele „Russland-Versteher“ – auch im besten Sinne des Wortes. Deutsche und Russen – Russen und Deutsche: zwei Länder, zwei Völker, die seit tausend Jahren voneinander nicht lassen können. Immer wieder schrieb diese Beziehung Weltgeschichte – im Guten wie im sehr Bösen. Sie war – und ist – von Gegensätzen und Widersprüchen geprägt: von Vorurteilen und tiefer Furcht, auch von Hass. Aber auch von tiefer Freundschaft und gegenseitiger Bewunderung, gar Verklärung. Noch immer macht man eine Seelenverwandtschaft aus. Und heißt es nicht, einen russischen Dichter aus dem Zusammenhang gerissen zitierend, mit dem Verstand sei Russland nicht zu begreifen? „An Russland kann man nur glauben!“
Man kann sein Herz an Russland und seine wunderbaren Menschen verschenken, vielleicht muss man es sogar. Tragen doch die Deutschen eine besondere Verantwortung gegenüber Russland und seinen Menschen. Den Verstand aber, den darf man dabei keinesfalls verlieren. Es gilt vielmehr, den kühlen Blick zu bewahren und sich den oft so bitteren Realitäten dieses Landes zu stellen.
Dieses Buch möchte Einblicke geben in unsere faszinierende gemeinsame Geschichte, die tragisch ist und auch schön. Es soll dazu beitragen, Russland zu entschlüsseln und zu verstehen. Es berichtet davon, wie wir vor tausend Jahren als erfolgreiche Fernhändler zueinander fanden – damals, als die Ostsee unser Weltmeer war. Es erzählt von mutigen deutschen Entdeckern in den endlosen Weiten Sibiriens und natürlich von Katharina der Großen, Russlands deutscher Kaiserin, dieser außergewöhnlichen Frau mit dem feinen Gespür für die Nuancen des Möglichen. Es führt an die Frontlinie des Kalten Krieges, als Deutschland geteilt und die DDR das westlichste Land des Ostens war – die „Perle in der Krone des sowjetischen Imperiums“, wie es in Moskau hieß. Es erzählt von Krieg und Frieden, von Siegen und Niederlagen, von Schuld und Sühne, von einer merkwürdigen Sehnsucht auch. Wie wir uns aneinander berauschten, die „russische Seele“ und das „deutsche Wesen“ suchend, zwei sich missverstanden fühlende Kulturnationen mit dem fatalen Anspruch, dass an ihnen die Welt genese.
Russland – ein Traumland, „das an Gott grenzt“, wie es Rainer Maria Rilke verklärte. Ein Land voller romantischer Utopisten, unverdrossen an der Zukunft bauend. Ein Land, nicht West, nicht Ost. Bis heute nicht.
Wie lange sie eine Furcht vor der Freiheit teilten, der autoritären, der totalitären Versuchung erlagen. Fanden sich Deutsche wie Russen Anfang des 20. Jahrhunderts doch in tiefer Verbundenheit auch gegen die vermeintlichen Verführungen des modernen Westens. Dabei führten deutsch-russische Sonderwege immer ins Unheil. Während des Ersten Weltkrieges ermöglichte das deutsche Kaiserreich dem kommunistischen Berufsrevolutionär Wladimir Lenin die Rückkehr aus dem Exil nach Russland. Der von ihm angezettelte Staatsstreich – die Oktoberevolution – führte Russland in ein Jahrhundert des Terrors. Der andere deutsch-russische Sonderweg endete in 1939 in der Weltkriegsallianz zweier Massenmörder, Hitler und Stalin.
Eine Erzählung über Deutsche und Russen muss den Blick in den Abgrund der Vergangenheit richten, diese unaussprechliche Schuld. Was man nicht sehen will und doch sehen muss. Viel zu lange lagen die monströsen Verbrechen der Deutschen im Vernichtungskrieg gegen die Völker der Sowjetunion im Schatten der deutschen Erinnerung. Doch auch in Putins Russland bleibt die brüchige Wahrheit unter dem pompös inszenierten Siegesmythos des „Großen Vaterländischen Krieges“ begraben.
Auf vielen Reisen durch Russland durfte ich immer wieder Menschen kennenlernen, auch deren Kinder und Enkel, die mir von diesem Krieg berichteten, den realen Schlachtfeldern und denen der Erinnerung. Wie sie die Deutschen hassten und ihnen dann doch verziehen, barmherzig mit ihrer ganzen feinen russischen Seele. Nicht ich, die Deutsche, durfte sie um Verzeihung bitten. Im Gegenteil: Sie reichten mir die Hand. Ihnen gilt meine Dankbarkeit. Sie ist verbunden mit der Hoffnung, dass wir uns eines nicht so fernen Tages gemeinsam unserer Geschichte stellen können, offenen Herzens voneinander lernend.
Daher steht zu Beginn dieses Buches die Würdigung eines Mannes, dem es zufiel, die Welt friedlich zu verändern: Michail Gorbatschow. Lange verstanden wir nicht, dass er in seinem eigenen Land an dem scheiterte, was wohl wirklich unmöglich war. Seine Perestroika stellte sich als letzte sowjetische Utopie heraus. Und doch: Mit ihm begann das Ende des Kalten Krieges. Er ermöglichte die deutsche Einheit und in gewisser Weise auch die europäische Einigung. Ein Mann von Skrupel, glaubte Michail Gorbatschow fest an die Zukunft seines Landes in einem gemeinsamen Europäischen Haus. Dieses Jahr 1989, das schon ferne Vergangenheit scheint, es bleibt mit ihm verbunden, ein Jahr der Wunder. Tage, die zeigten, was möglich sein kann. Und dass alles auch wieder zerfallen kann.


„Ich habe an die Türen der Geschichte geklopft, und sie taten sich auf“
Michail Gorbatschow, ein Mann von Skrupel, ermöglichte die deutsche Einheit. Ihm fiel es zu, die Welt zu verändern. Über einen, der sich zu grenzenloser Freundschaft entschloss – und auch von mächtigen Männern des Westens grenzenlos enttäuscht wurde. Eine Würdigung.

Eigentlich war dieser Donnerstag, der 9. November 1989, ein vergleichsweise normaler Arbeitstag für Michail Gorbatschow. Für den Nachmittag war die allwöchentliche Sitzung des Politbüros anberaumt, des immer noch mächtigen Entscheidungsgremiums. Eher Routine – wenn man in Moskau überhaupt noch von Routine sprechen konnte. Vier Jahre zuvor, im März 1985, hatten die greisen Männer im Politbüro mit einer revolutionären Entscheidung den vergleichsweise jungen Michail Gorbatschow zum „GenSek“ ernannt. Der selbstbewusste Gorbatschow, damals 54 Jahre alt und für Landwirtschaft zuständig, sollte das Unmögliche vollbringen: die Stabilität des Systems wahren und zugleich tief greifende Reformen wagen; vor allem an der bröckelnden ökonomischen Front. „Alles war marode, das ganze System. Es konnte so nicht weitergehen“, lautete Gorbatschows schlichte Analyse über den wahren Zustand der nuklearen Supermacht Sowjetunion. Sein Land war bestenfalls noch ein Koloss auf tönernen Füßen, in dem fast jeder zweite Rubel des Staatshaushalts für das Militär ausgegeben wurde und es noch nicht einmal mehr gelang, funktionierende Kühlhäuser für Kartoffeln zu bauen.
Er begann eine Reise ins Ungewisse. Uskorenie: Beschleunigung durch Wirtschaftsreformen; Glasnost: Transparenz und Meinungsfreiheit und schließlich Perestroika: der grundlegende gesellschaftliche Umbau. Auf diesen drei Säulen sollte eine runderneuerte Sowjetunion stehen. Innenpolitisch sollte sie eine Reform des Sozialismus und der verknöcherten kommunistischen Partei einleiten, außenpolitisch die Block-Konfrontation des Kalten Krieges überwinden. Gorbatschow musste zu Abrüstungsvereinbarungen kommen und die Wirtschaftsbeziehungen zur kapitalistischen Welt ausbauen. Die knappen Ressourcen mussten dringend vom militärischen auf den zivilen Bereich umgeleitet werden – sonst drohte der ökonomische Zusammenbruch.
„Neues politisches Denken“ nannte Gorbatschow das außenpolitische Konzept, das den Abschied von der verknöcherten Ideologie einleiten sollte: „Der Gedanke, dass Krieg die Fortsetzung von Politik mit anderen Mitteln sein soll, ist hoffnungslos veraltet.“1 Sicherheit war kein Nullsummenspiel mehr, sondern nur noch gemeinsam zu erreichen.
Jung, dynamisch, durchaus charmant und eine schöne Frau an seiner Seite, die Agrarsoziologin Raissa Gorbatschowa, war Gorbatschow zum Darling des Westens geworden. Mit US-Präsident Ronald Reagan hatte er sich nach anfänglichem Krach während eines Gipfels in Reykjavik zusammengerauft und sich innerhalb weniger Monate im Dezember 1987 auf ein historisches Abrüstungsabkommen geeinigt: den INF-Vertrag über die Abschaffung der nuklearen Mittelstreckenraketen.2 „Die Sowjets sind ja menschliche Wesen“, stellte man in Washington erstaunt fest. Gorbatschow sei ein echter „Agent des Wandels“.3
Gorbatschows Ziel, die Beendigung des Kalten Krieges, erforderte eine grundlegende Veränderung der Beziehungen zu den USA. Dies aber war ohne eine wie auch immer geartete Lösung der „deutschen Frage“ nicht möglich, so Gorbatschows Berater Anatolij Tschernjaew: „Die ›deutsche Frage‹ war der Schlüssel zur Schaffung der für die Perestroika erforderlichen äußeren Bedingungen.“4 In einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel hatte Gorbatschow selbst die Bedeutung der deutsch-sowjetischen Beziehungen unterstrichen: Von ihnen „hängt viel ab, sowohl für Europa als auch, ohne zu übertreiben, für die ganze Welt“.5
Der INF-Vertrag bahnte den Weg: Er sah den Abzug von US-Mittelstreckenraketen in Europa vor. Damit wurde auch ein entscheidendes Hindernis auf dem Weg zu einer möglichen strategischen Verständigung mit der Bundesrepublik beseitigt – die in der Bundesrepublik stationierten amerikanischen Pershing-2-Raketen, die als direkte Bedrohung der sowjetischen Sicherheit betrachtet wurden.6
In Bezug auf die Bundesrepublik und ihren Kanzler Helmut Kohl hatte sich Michail Gorbatschow allerdings das Recht auf einen gewissen Argwohn genommen. Er wartete mehr als drei Jahre mit der Kontaktaufnahme auf höchster Ebene. Er hatte Kohl mit kalkulierter Missachtung gestraft, nachdem der ihn in einem Interview 1986 faktisch mit dem Nazi-Hetzer Joseph Goebbels verglichen hatte.7 Das hatte ihm Gorbatschow lange nicht verziehen. Außerdem: Kohl sei ein Mann der Amerikaner. Und eine besondere „intellektuelle Leuchte“ sei er auch nicht gerade.8
Andererseits: Er wollte sich eine mögliche neue Deutschlandpolitik keinesfalls von seinem Intimfeind, SED-Chef Erich Honecker, durchkreuzen lassen.9 Längst lebte Honecker „in einer anderen Welt“. In der DDR habe man Perestroika schon seit Jahren umgesetzt, behauptete der! Honecker hatte das entscheidende Diktum in Gorbatschows neuer Politik nicht verstehen wollen: Moskau würde sich nicht mehr in innere Angelegenheiten der sozialistischen Bruderstaaten einmischen. „Jetzt sind alle gleich“, hatte Gorbatschow bereits 1985 erklärt.10 Militärische Interventionen à la Breschnew waren schlicht keine Option mehr.11
Gorbatschow suchte den Westkontakt: Er empfing Willy Brandt, Hans-Dietrich Genscher und Franz Josef Strauß; las Genscher die Leviten: Die Bundesrepublik unterstütze die „militante“ Politik der USA.12 In seinem Gespräch mit Bundespräsident Richard von Weizsäcker 1987 schloss Gorbatschow allerdings die Wiedervereinigung Deutschlands nicht mehr aus. Die Geschichte werde entscheiden, sagte er, irgendwann.13
Wenig später präsentierte der sowjetische Deutschlandexperte und Militärhistoriker Wjatscheslaw Daschitschew einen ungeheuerlich scheinenden Vorschlag: Ein vereintes, allerdings neutrales Deutschland diene den sowjetischen Interessen am besten. Man beschuldigte ihn des „Defätismus.“14 Unklar ist, ob Gorbatschow das Papier Daschitschews kannte oder gar begrüßte – jedenfalls setzte er sich über die germanisty hinweg, die Deutschlandexperten im Zentralkomitee um Valentin Falin, die seine Leute wegen ihrer knallharten Positionen zur Unantastbarkeit des europäischen Status quo ironisch auch „Die Berliner Mauer“ nannten.15 Er entschloss sich zur Freundschaft, und er nahm es persönlich. Während eines ersten Besuchs Helmut Kohls in Moskau am 28. Oktober 1988 brach das Eis. Dort war der Kanzler ganz „Bürger Kohl“, ein Kind des Krieges. Da saßen sie im Katharinensaal des Kreml, begleitet nur von ihren Beratern Anatolij Tschernjaew und Horst Teltschik. Da gab es kein ideologisches Geplänkel, da sprachen zwei Männer über „psychologische Elemente“, wie es Kohl nannte. Sie sprachen über die Gräuel des Krieges, ihre Familien, die Toten, die Lehren aus der Geschichte. Damals habe er gespürt, dass er Kohl vertrauen könne, sagte Gorbatschow später. Und bald waren die beiden per Du.16
Die frenetischen Begrüßungen während seines ersten Staatsbesuchs in der Bundesrepublik im Juni 1989 überraschten und rührten Gorbatschow. Die Westdeutschen bejubelten seine Frau Raissa und ihn, schenkten Blumen, reichten ihm ihre Kinder für ein Erinnerungsfoto. Die Westdeutschen waren ganz anders, als er selbst geglaubt hatte. Auch Gorbatschow war lange ein Gefangener der eigenen Propaganda.17
Man mag es naiv nennen oder romantisch, sentimental oder gar selbstmörderisch – doch er hatte sich entschlossen, den Ozean des Misstrauens zu queren. Auch den Deutschen gegenüber vertrat er, wie er sagte, die universellen „allgemeinmenschlichen“ Werte. Er hoffte auf andere Politiker guten Willens mit der Bereitschaft zu vertrauen – vor allem in der Bundesrepublik.
So wie der Schlüssel zur deutschen Einheit in Moskau lag, führte Moskaus Weg nach Europa über Bonn und Berlin.
Außerdem versprach sich Gorbatschow dringend notwendige wirtschaftliche Unterstützung von den Westdeutschen. Während Kohl bei Gorbatschows Staatsbesuch 1989 abends mit Blick auf den Rhein über den „Fluss der Geschichte“ und die deutsche Einheit räsonierte, die so sicher kommen werde, wie der Rhein zum Meer fließe, fragte Gorbatschow nach deutscher Hilfe für die faktisch zahlungsunfähige Sowjetunion und auch nach Unterstützung, falls es zu Versorgungsschwierigkeiten in Moskau und Leningrad käme.18
Zugleich leistete er sich kühnste Visionen: Die von ihm propagierten „allgemeinmenschlichen Werte“ sollten die Klammer für eine Annäherung der beiden Militärblöcke Nato und Warschauer Pakt bilden, die in fernerer Zukunft vielleicht sogar verschmelzen könnten, irgendwie. So ähnlich jedenfalls hatte es Gorbatschow am 6. Juli 1989 in einer Rede vor dem Europarat in Straßburg skizziert. Sein Bauplan für das später so oft beschworene und nie gebaute „Gemeinsame Europäische Haus“ folgte dem Gedanken der Konvergenz: Er sah ein vereintes Europa vor, einen gewaltigen Wirtschaftsraum vom Atlantik bis zum Ural. Ein neues, sozusagen gesamtdemokratisches Europa unter Einschluss einer reformierten Sowjetunion. „In diesem Europa sehen wir unsere eigene Zukunft.“19

„Die Menschen in Russland verstanden, dass wir uns versöhnen mussten“
Es gehört zur Tragik des Michail Gorbatschow, dass die Politiker des Westens – und in seinem eigenen Land – bald andere Pläne für Europas neue Ordnung hatten. Während er noch in bester Absicht an den Erfolg einer Reform der Sowjetunion glaubte, hatte man im Westen schon registriert, wie groß der Widerstand gegen ihn war. Und wie mächtig die Zentrifugalkräfte, die er in den Sowjetrepubliken freigesetzt hatte: Dort hatten sich nationale Unabhängigkeitsbewegungen formiert. In ihrem Windschatten segelnd, witterten Parteichefs, Funktionäre und Geheimdienstgeneräle ihre große Chance: durch „nationale“ Unabhängigkeit von Moskau selbst Macht und Kontrolle über Ressourcen zu gewinnen, Milliardenprofite einzustreichen.
Ob in einzelnen Sowjetrepubliken wie im Baltikum20 oder Georgien, ob in Moskau, Polen, der Tschechoslowakei und in der DDR – überall demonstrierten Zehntausende friedlich. Woche um Woche, Monat um Monat. Vom unbeugsamen Bürgerwillen auf friedliche Veränderung und Dialog hatte sich Gorbatschow ja auch Anfang Oktober 1989 in Ost-Berlin überzeugen können. Zwar musste er zum 40. Jahrestag des Bestehens der DDR öffentlich noch gute Miene zur inszenierten Parteitristesse machen. Aber natürlich waren ihm die begeisterten „Gorbi, Gorbi“-Rufe selbst junger SED-Aktivisten nicht entgangen, ihre Plakate. Er kannte auch die an ihn gerichteten Bitten der DDR-Bürgerbewegung, kein zweites „Tiananmen“ zuzulassen.21
Er werde ihn öffentlich nicht brüskieren, aber auch kein Wort der Unterstützung für Honecker vorbringen, hatte Gorbatschow vor seiner Abreise erklärt. „Ich unterstütze die Republik und die Revolution.“22 Hinter den Kulissen aber haderte er heftig mit Honecker, der ihm oberlehrerhaft vorgehalten hatte, dass – ganz anders als in der DDR – in sowjetischen Geschäften sogar Salz und Streichhölzer fehlten. Wütend bezeichnete Gorbatschow ihn später als mudak, als „absoluten Vollidioten“,23 der nicht verstehen wolle, was in seinem eigenen Land passiere – nichts anderes als der unaufhaltsame Zusammenbruch des SED-Regimes: „Der Drang der Deutschen nach Wiedervereinigung war unbezwingbar.“24
Wie die anderen Warschauer-Pakt-Staaten war auch die DDR „auf sich allein gestellt“. Weder Berlin 1953 noch Budapest und Warschau 1956 würde sich wiederholen und auch nicht Prag 1968. In seiner Ost-Berliner Rede am 6. Oktober 1989 hatte sich Gorbatschow festgelegt. Dabei hatte er ausgerechnet den slawophilen Dichter Fjodor Tjutschew zitiert: „Zur Einheit … wird man mit Eisen nur und Blut getrieben. … Doch wir versuchen es mit Liebe – wer recht hat, wird die Zukunft dann entscheiden.“25 Und wer zu spät käme? Verweigerer würden sich selbst bestrafen: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“26 Nur einen Monat später fiel die Mauer.
Noch fast dreißig Jahre später blieben die deutsche Wiedervereinigung und die in den Jahren darauf folgende Osterweiterung von Nato und EU Gegenstand bitterer Vorwürfe aus Moskau. Der Westen, allen voran die USA, habe ein festes Versprechen gebrochen, die Nato werde nicht nach Osten erweitert, erläuterte auch Präsident Wladimir Putin seinen ausländischen Besuchern in teilweise quälend langen Monologen jedes Mal aufs Neue. Doch Nato und EU seien immer weiter nach Osten vorgerückt. Russland habe den Deutschen doch die Wiedervereinigung ermöglicht, ja, gar geschenkt. Konnte man da nicht zu Recht Verständnis für die „Rückkehr der Krim in den Bestand der Russischen Föderation“ erwarten: „Ich glaube daran, dass mich die Europäer verstehen, vor allem die Deutschen.“27
Auch Michail Gorbatschow äußerte sich immer wieder voller Bitterkeit: Der Westen habe sich zum Sieger des Kalten Krieges erklärt, Russlands Schwäche ausgenutzt. Die USA hätten begonnen, ein „Mega-Imperium“ zu errichten, und das Monopol auf Führung in der Welt erhoben. Vielleicht würden sie sich die Hände reiben, „wie toll man die Russen über den Tisch gezogen“ habe. Über eine Ausdehnung der Nato gen Osten sei nie gesprochen worden. Und in der harten deutschen Reaktion auf die russische Annexion der Krim sah Gorbatschow gar den Versuch, eine neue Teilung Europas zu erreichen.28
Er gab einer tiefen Enttäuschung Ausdruck, die er sich lange nicht eingestehen wollte. Immer bestand er darauf, dass Russen und Deutsche Freunde seien. Für ihn war die friedliche Wiedervereinigung Deutschlands zwar ein Geschenk der Geschichte – deren Verlauf aber hatte er mit seiner Perestroika erheblich beschleunigt. Ich hatte Michail Gorbatschow 1990 als junge Korrespondentin des Stern in Moskau kennengelernt. Im Laufe der Jahre hatten wir immer wieder miteinander gesprochen. Der Frage nach seinem Verhältnis zu Helmut Kohl wich er stets aus: Man mache keinen Gegner Kohls mehr aus ihm, sagte er, schon gar nicht nach dessen Tod im Juni 2017. Es war, als ob er sich das Gefühl deutscher Zuneigung und Dankbarkeit um jeden Preis erhalten wolle. Aber natürlich wusste Gorbatschow: Nicht er, sondern Helmut Kohl gehörte zu den Gewinnern des Kalten Krieges. In gewisser Weise war es ein Sieg auf seine Kosten.

Nichts von dem war zu erahnen an jenem Donnerstag, dem 9. November 1989. Bundeskanzler Helmut Kohl war auf Arbeitsbesuch in Polen; auf die Fragen des Gewerkschaftsführers Lech Wałęsa nach der Lage in der DDR und einem möglichen „Abriss“ der Mauer antwortete er, ein derartiger Ablauf sei unwahrscheinlich.29 Allerdings beriet in Ost-Berlin der Ministerrat über eine neue Reiseverordnung für die Bürger der DDR. Auf eine diesbezügliche beunruhigte Anfrage des sowjetischen Botschafters in der DDR hieß es aus Moskau, Grenzregelungen seien Angelegenheit der DDR. Das Politbüro der KPdSU erörterte die Wirtschaftslage sowie die Einberufung des Volksdeputierten-Kongresses. Die DDR stand nicht auf der Tagesordnung. Wohl auch, weil man erst eine Woche zuvor am Moskauer „Alten Platz“ über die Lage im deutschen Bruderstaat gesprochen hatte: Demonstrationen, die katastrophale Wirtschaftslage, eine mögliche Wiedervereinigung. Wie sollte die Sowjetunion darauf reagieren? Außenminister Eduard Schewardnadse flirtete mit einer revolutionären Idee: „Wir sollten ›die Mauer‹ selbst abbauen.“30 Aber das hatte wohl niemand der anwesenden älteren Herren wirklich ernst genommen.
Als die Mauer am 9. November 1989 infolge einer schicksalhaften bürokratischen Fehlentscheidung gegen 23.30 Uhr – um 1.30 Uhr Moskauer Zeit – dann wirklich fiel, war Michail Gorbatschow längst zu Bett gegangen. Da bahnte sich ein Ereignis von weltgeschichtlichem Rang an – aber niemand weckte ihn. Es sei nicht nötig gewesen, sagte er uns während eines langen Gesprächs in Moskau: „Ich erfuhr die Details am anderen Morgen, das war früh genug. Denn unsere Position war von Anfang an klar – ganz egal, welches Geschrei es auch gegeben haben mag. Wir konnten diese Mauer nicht mehr halten. Wir wussten: Mit einem geteilten Deutschland kann man in Europa nicht leben, mit einer Zeitbombe. Die Menschen in Russland verstanden, dass wir uns versöhnen mussten. Nicht trotz, sondern gerade wegen des Krieges; dass man einander verzeihen muss. Wir haben unsere Toten beerdigt.“31
Michail Gorbatschow hatte seine Toten beerdigt, die Geister der Vergangenheit. Doch er vergaß nie. „Ich habe alles gesehen“, sagte er.

„. . . dass es Menschen gibt, die man Deutsche nennt“
„Wie Jesus Christus“ sei er auf die Welt gekommen, witzelte seine Tochter Irina einmal, geboren am 2. März 1931 auf dem Stroh in der Vorratskammer einer Bauernkate im winzigen Dorf Priwolnoje in der weiten Steppe im tiefen russischen Süden, quasi am Fuße des Kaukasus. Seine Eltern lebten ein armes Kolchosenleben, das sich kaum von der Leibeigenschaft unterschied. Die ersten Worte, die er lernte, waren ukrainisch – seine Mutter war eine Ukrainerin. Als kleines Kind überlebte er Stalins Zwangskollektivierung. Während des Großen Hungers 1933 starb fast jeder zweite Bewohner des Dorfes, darunter auch drei der fünf Geschwister seines Vaters. Die Zwangsrequirierung des letzten Saatguts, die Verzweiflung, das stumme Hungersterben. Die Wahrheit war zu schrecklich, um ausgesprochen zu werden. Beide Großväter, einer von ihnen Vorsitzender der Kolchose, gerieten in Stalins Terrormaschine. Sie wurden wegen „Trotzkismus“ und „Sabotage“ verhaftet und zum Holzfällen nach Sibirien deportiert. „Die Nachbarn besuchten uns nicht mehr, nur noch nachts. Unser Haus war das Haus eines Volksfeinds.“32
Ein Foto zeigt den Fünfjährigen mit seinen Großeltern, spindeldürr, mit raspelkurzem blondem Haar, so groß und ernst die Augen. Barfuß steht das kleine Kind im Schlamm.33
Seine erste Begegnung mit den Deutschen war eine kindlich-süße, erzählte er uns: „Einmal, ich war noch klein, da nahm mich mein Vater mit in ein Nachbardorf, eine Siedlung der Russlanddeutschen; setzte mich auf den Pferdewagen, wir fuhren los. In einem kleinen Geschäft verkaufte man Lebkuchen in Hasen- und Bärenform, sie waren dick mit weißem Zuckerguss verziert, und sie schmeckten wunderbar. Damals habe ich zum ersten Mal erfahren, dass es Menschen gibt, die man Deutsche nennt. Ich beschloss, dass es gute Menschen waren.“
Der Junge war zehn Jahre alt, als der Krieg begann. Per Lautsprecher wurde die Rede des sowjetischen Außenministers Wjatscheslaw Molotow auf der Dorfstraße übertragen. Bald kamen die berittenen Boten des örtlichen Wehrkreiskommandos, sie brachten die Einberufungsbescheide für die Männer des Dorfes. Im August 1941 musste auch Gorbatschows Vater Sergej an die Front. Aus Priwolnoje wurde ein Dorf der Greise, Frauen und halb verhungerten Kinder, die bereits im klirrend kalten Winter 1941 kaum etwas zu essen oder zum Anziehen hatten.
Man hörte, dass die Wehrmacht in einigen Städten zum Teil überschwänglich empfangen wurde.34 Im August 1942 besetzten deutsche Infanterietruppen das Dorf. Die Deutschen plünderten Priwolnoje, holten sich das Vieh, fällten die Obstbäume in den kleinen, privaten Gärten. Seine Mutter musste Zwangsarbeit leisten. In der kleinen Hütte der Familie Gorbatschow quartierte sich ein deutscher Soldat ein, er hieß Hans und schien ein freundlicher Mann.
Bald verbreiteten sich furchtbare Nachrichten über Massenerschießungen in den Städten des Kreises Stawropol,35 in Krasnodar, Kislowodsk, Mineralnye Wody … Allein hier, im Vorland des Kaukasus, ermordeten die Deutschen und ihre Helfershelfer Zehntausende Menschen, die meisten von ihnen Juden, aber auch behinderte Kinder, sogenannte Partisanen und Kommunisten, die Funktionsträger.
Bis Priwolnoje drangen die Gerüchte über die kleinen Lastwagen, in denen die Menschen mit Gas umgebracht wurden. „Schwarze Raben“ nannte man sie oder duschegubki, die Seelentöter. Die Einsatzgruppe D von SD und SS sowie ihre ukrainischen und „volksdeutschen“ Hilfstruppen mordeten mit diesen mobilen Gaskammern.
Seine Mutter hatte panische Angst vor den Deutschen – aber auch vor den eigenen Leuten, den Denunzianten und Stalins Häschern. Sie hörte aber auch von einer bevorstehenden „Aktion“ der Wehrmacht gegen die Familien von Kommunisten. Sie war für den 26. Januar 1943 geplant. Davon wäre auch Gorbatschows Familie betroffen gewesen. Seine Mutter versteckte ihren Sohn in einem Stall einer nahegelegenen Schweinefarm hinter dem Dorf: „Doch am 21. Januar 1943 befreiten sowjetische Truppen Priwolnoje.“36 Er hatte Glück, zu überleben.
Sie waren befreit, aber alles war zerstört, geplündert, Vieh und Lebensmittel geraubt, die Häuser verbrannt. Sie hausten in Lehmhütten; die Frauen spannten sich vor die Pflüge und zogen sie durch den tiefen Schlamm. Michail Gorbatschow überlebte mit einer Handvoll Mais am Tag. Schließlich machte sich seine Mutter auf den Weg. Sie musste ihren Jungen allein zurücklassen, sie hatte keine Wahl. Erst nach 15 Tagen kehrte sie zurück. Sie hatte einen Anzug und ein Paar Stiefel ihres Mannes gegen einen Sack Mais eintauschen können.
Seinen Vater, der bereits offiziell für tot erklärt worden war, sah Michail Gorbatschow zum ersten Mal 1944 für zwei Tage wieder: „Alle Kleider hatte ich aufgetragen. Wir hatten nichts. Wir haben selbst notdürftig Stoff gewebt. Die Sandalen hatte ich selbst gemacht, aus eingeweichter Baumrinde. So stand ich also da.“ Er sagte: „Und dafür haben wir gekämpft?“37
Die Erfahrung absoluter Gewalt, dieses Ausgeliefertsein, prägte auch Gorbatschows Kindheit. Er machte eine klassische sowjetsozialistische Karriere, arbeitete sich hoch vom Mähdrescherfahrer zum Absolventen der Juristischen Fakultät der Universität Moskau, stieg vom einfachen Parteimitglied zum Generalsekretär mit nahezu unbegrenzter Macht auf. Er glaubte an den Sozialismus, dieses Ideal des Friedens, der Gerechtigkeit. Er war ein schestidesjatnik, einer aus der Generation der „Sechziger“. Sie wollten an den Prager Frühling 1968 anknüpfen und durch gesellschaftliche Öffnung einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz erreichen. Die „Sechziger“ waren keine Dissidenten wie etwa jene sieben Mutigen, die am 25. August 1968 auf dem Roten Platz ein Transparent mit der Aufschrift „Für eure und unsere Freiheit“ entfalteten. Aber auch die „Sechziger“ wollten endlich freier atmen.
Jahrzehnte existierten für Gorbatschow zweierlei Deutsche. Es gab „Unsere“ und: „Nicht Unsere“, die Westdeutschen. Lange vertrat Michail Gorbatschow die „offizielle“ Sicht auf die Westdeutschen: die Bundesrepublik als düsterer Hort revanchistischer Kräfte mit Hang zum Militarismus. 1975 besuchte er als Mitglied einer Delegation zum 30. Jahrestag des Sieges im Zweiten Weltkrieg zum ersten Mal die Bundesrepublik, es war seine zweite Westreise. Damals war er Parteichef des Gebietes Stawropol, eine der sowjetischen Kornkammern. Eine nicht ganz unwichtige Position, aber weit weg von den Schalthebeln der Macht in Moskau. Beim Kauf von Souvenirs stritt er mit einem Frankfurter Tankstellenbesitzer über die Ursachen der deutschen Teilung. Damals zumindest machte er die Westmächte verantwortlich, nicht Stalin.38 Die Teilung Deutschlands schien Gorbatschow eine logische Folge des Krieges, der Preis, den die Deutschen für die Sicherheit der Sowjetunion zahlen mussten.
Eine erste Annäherung gelang ihm mithilfe der Ostdeutschen. Eine Studentengruppe aus der DDR kam Anfang der siebziger Jahre zu Besuch nach Stawropol. Man traf sich im örtlichen Restaurant, trank, sang Lieder. „Es war die DDR, die für uns Russen zum Tor zu den Deutschen wurde“, schrieb er, „die erste Schritte zur menschlichen Versöhnung ermöglichte.“39

Auf der Suche nach dem „Möglichen in der Sphäre des Ungewöhnlichen“
Am 10. November 1989, einen Tag nach dem Fall der Mauer, fasste Gorbatschows engster außenpolitischer Berater Anatolij Tschernjaew die historische Dimension der Ereignisse in seinem Tagebuch zusammen: „… hier ist das Ende von Jalta, das Finale für das Stalin’sche Erbe und für die Zerschlagung von Hitler-Deutschland … Das ist, was Gorbatschow ›angerichtet‹ hat. Er hat sich als wahrhaft groß erwiesen, weil er den Gang der Geschichte gespürt und ihr geholfen hat, einen ›natürlichen Lauf‹ zu nehmen.“40
Und auch wir, westdeutsche Korrespondenten in der Sowjetunion, wurden in den kommenden Monaten überall im Land freudig begrüßt und beglückwünscht zum Fall der Mauer. Es sei wie mit Geschwistern, erklärte man uns: Auch ein Volk könne auf Dauer nicht getrennt bleiben. Sicher hätten die Deutschen aus dem Krieg gelernt, es sei schließlich auch eine Frage der historischen Gerechtigkeit; und manchmal rührte uns diese Herzensfreundlichkeit zu Tränen.
Nur ein knappes Jahr später war Deutschland wiedervereinigt – und das in der Nato. Es glich einem Wunder. Großdiplomatie, Gorbatschow und Kohl umhüllt vom „Mantel der Geschichte“. Russen und Deutsche schienen auf dem Weg „privilegierter Zusammenarbeit“ in eine gemeinsame, friedliche Zukunft, in der Deutschland die Sowjetunion ab- und unterstützen könnte. Man wähnte sich in der Tradition Bismarcks, sah die deutsch-sowjetischen Beziehungen als „Stützpfeiler“ des zukünftigen gesamteuropäischen Hauses.41 Doch wie man im Lauf der Jahre aus Akten und Erinnerungen rekonstruieren konnte, hat dieses Bild mit den Fakten nur wenig zu tun. Denn weniger Gorbatschow als vielmehr US-Präsident George Bush und Bundeskanzler Helmut Kohl bestimmten die neue geostrategische Agenda. Gorbatschow unterschätzte die Dynamik des Prozesses und die Einigkeit zwischen Helmut Kohl und George Bush, dem der Kanzler allemal mehr vertraute als ihm, dem Russen. Der Ordnungsanspruch der USA galt ganz Europa. Wie polterte Präsident George Bush im Laufe der Verhandlungen: „Zum Teufel damit. Wir haben die Oberhand gewonnen und nicht sie. Wir können nicht zulassen, dass die Sowjets eine Niederlage in einen Sieg ummünzen.“42
Helmut Kohl sah es kaum anders. Glasklar dessen Urteil, das er später in nicht für die Öffentlichkeit bestimmten Gesprächen über Gorbatschow fällte, ganz Machtpolitiker: Die Schwäche Moskaus sei ursächlich gewesen für den Zusammenbruch der kommunistischen Diktatur in der DDR: Nicht „der Heilige Geist sei über die Plätze in Leipzig gekommen und habe die Welt verändert“, sondern der „Bimbes“ sei ausschlaggebend gewesen; Gorbatschow habe erkennen müssen, dass er das Regime nicht halten konnte.43
Für die USA, die Nato und Kanzler Kohl galt es in diesen Monaten nach dem Wunderjahr 1989, so rasch als möglich unwiderrufliche Fakten zu schaffen.44 Die deutsche Wiedervereinigung in der Nato war das Ziel, nicht Erhalt der DDR oder einer wie auch immer gearteten Konföderation.45 Auch wenn Außenminister Hans-Dietrich Genscher im Überschwang von einem gemeinsamen Europa von Lissabon bis Wladiwostok und einer gesamteuropäischen Sicherheitsarchitektur schwärmte: Der Stärkung der Nato war das Ziel, nicht ihre Auflösung oder gar die Verschmelzung der beiden militärischen Blöcke. Gorbatschow glaubte, die Deutschen wollten ein neutrales Deutschland, blockfrei. Doch eine deutsche Neutralität lehnten die USA und die Bundesregierung immer ab. Das maximale Zugeständnis des Westens war die Erklärung von London 1990, in der sich die Nato-Mitglieder bereit erklärten, die Nato zu entdämonisieren. Über den Prozess der „Entfeindung“ – einen Gewaltverzicht – solle sie sich in eine „politische Organisation“ transformieren.
Die deutsche Frage stellte Gorbatschow vor eine doppelte Herausforderung: Von einer raschen Lösung hing nicht nur das für ihn entscheidende strategische Verhältnis zu den USA ab, sondern auch das ökonomische und damit letztlich auch das politische Überleben der Sowjetunion. „Wir können uns die Einheit kaufen, und zwar mit Geld“, hieß es in einem Bericht der BRD-Botschaft in Moskau im Januar 1990 nach Bonn. „Sicherheitspolitische Konzessionen würden wahrscheinlich gar nicht nötig.“46 In der Tat: Kredite und Hilfszusagen an die Not leidende Sowjetunion wurden die schärfste Waffe im Ringen um die Wiedervereinigung in der Nato. Der damalige stellvertretende US-Sicherheitsberater und spätere Verteidigungsminister Robert Gates formulierte die Strategie später unnachahmlich amerikanisch-kühl so: „Wir wollten die Sowjets so bestechen, dass sie Deutschland verlassen würden.“47
Während der Verhandlungen über die Wiedervereinigung zeigte sich die Bundesregierung großzügig. Mitte Februar 1990 schickte sie Lebensmittel, Schuhe und Bekleidung im Wert von 220 Millionen Mark in die Sowjetunion. Als der Sowjetunion Mitte Mai 1990 der Staatsbankrott drohte, der sowjetische Außenminister um einen 20-Milliarden-Mark-Kredit bat und auch deutsche Banken, die größten Gläubiger der Sowjetunion, Alarm schlugen, schickte Kohl seinen Berater Teltschik sowie die Vorstandsvorsitzenden der Deutschen und der Dresdner Bank nach Moskau. Kohl erkannte eine historische Gelegenheit: „Jetzt gilt es“, instruierte er Teltschik, „alle Chancen zu nutzen und keine zu versäumen.“ Die Mission der Banker war so geheim, dass in der Sondermaschine der Bundeswehr noch nicht einmal eine Passagierliste geführt werden durfte. Umgehend leistete die Bundesregierung eine Kredit-Bürgschaft von fünf Milliarden Mark.48
Die Hoffnung auf langfristige ökonomische Unterstützung und ein umfassendes Handelsabkommen mit den USA war wahrscheinlich einer der entscheidenden Gründe dafür, dass Michail Gorbatschow am 31. Mai 1990 während des Gipfeltreffens in Washington zur Überraschung aller Beteiligten unerwartet der Wiedervereinigung Deutschlands in der Nato faktisch zustimmte. So schockiert waren die Mitglieder der sowjetischen Delegation, dass sie sich auf dem Rasen vor dem Weißen Haus heftig gestikulierend stritten. Sein Vertrauter Anatolij Tschernjaew sprach später von „spontanen Äußerungen“, dann wieder äußerte er die Vermutung, Gorbatschow habe das Verhältnis zu Bush nicht strapazieren wollen.49 Teilnehmer der US-Delegation gingen davon aus, Gorbatschow sei bei der Formulierung der gemeinsamen Erklärung schlicht auf dem falschen Fuß erwischt worden.50 Möglicherweise hatte sein Zugeständnis auch damit zu tun, dass er sich im Westen wohlverstanden fühlte. Dort schätze man die Größe dessen, „was er geschaffen hat“, so Tschernjaew, „und bei uns – geschlossene Unflätigkeit“.51 Gorbatschow begründete sein inkohärentes Vorgehen mit ziemlich wolkigen Worten: „Politik aber ist hin und wieder die Suche nach dem Möglichen in der Sphäre des Ungewöhnlichen.“52 Seine fast flehentliche Bitte um Finanzhilfen in Höhe von bis zu 20 Milliarden Dollar lehnten die USA ab.
Gorbatschows Washingtoner Zugeständnis bedeutete den entscheidenden Durchbruch für den Westen. Nur einen Monat später erhielt Kohl auf dem Gipfel am rauschenden Kaukasus-Bach in Archys auch Gorbatschows Einverständnis zur uneingeschränkten Souveränität eines wiedervereinigten Deutschland in der Nato. Für seine Kritiker ein ungeheuerlich unprofessioneller Akt „politischen Masochismus“.53 Gorbatschow erhielt zwölf Milliarden Mark zur Finanzierung des sowjetischen Truppenabzugs aus der DDR, dazu einen zinslosen Kredit von gerade einmal drei Milliarden Mark für die sowjetische Regierung. Wenig später ließ ihn auch die internationale Gemeinschaft mit seiner Bitte um umfangreiche Finanzhilfe kühl abblitzen.54
Es entwickelte sich ein merkwürdiger Widerspruch: Einerseits, sozusagen auf der persönlichen Ebene, begrüßten viele Menschen in der Sowjetunion die deutsche Wiedervereinigung. Aber der Verlust der DDR, „Kronjuwel“ eines einst scheinbar so mächtigen Imperiums, symbolisierte andererseits zugleich die totale Kapitulation vor dem Westen. Es schien, als kippe Gorbatschow den glorreichen sowjetischen Sieg im Zweiten Weltkrieg endgültig auf den Kehrichthaufen der Geschichte, verschleudere nationale Würde gegen ein paar Dollar, D-Mark und verlogene Schmeicheleien. Was bliebe dann noch von einem sowjetischen Leben, von all den Opfern? Nur noch Erinnerungstrümmer.
Gorbatschow habe sich unter Alkohol setzen, beeinflussen und ausnutzen lassen, hieß es quasi amtlich im Jahr 2016, als Schulklasse um Schulkasse durch die Ausstellung „Russland – meine Geschichte“ am Moskauer Manege-Platz geführt wurde. Legenden von Verrat und Betrug, Material für nützliche Dolchstoßlegenden: Ständig hätten die angeblichen Partner aus dem Westen die Sowjetunion erniedrigt und betrogen.55 Dass er die DDR am Ende auch noch in einer „Geschenkverpackung“56 an die BRD überreicht haben soll, gehört wiederum zur Dolchstoßlegende vom Verrat Gorbatschows an der Sowjetunion.
Eine konsistente Deutschlandstrategie entwickelte Gorbatschow nicht, auch das gehört zur Geschichte seines Scheiterns. Er lavierte, probierte, vielleicht ließ er sich von den Ereignissen zu sehr treiben. Er hätte entschlossener, konsequenter und wohl auch vernünftiger handeln können, weniger selbstgefällig. Doch mit der Lösung der deutschen Frage fiel innerhalb kürzester Zeit die erdrückende „ökonomische und moralische Last der Konfrontation“ mit dem Westen von der Sowjetunion ab.57 Für das Land eröffneten sich bis dahin unvorstellbare Möglichkeiten und Chancen auf eine Verbesserung der ökonomischen Lage und eine demokratische Entwicklung. Diese Chancen wurden nicht genutzt. So wie Erich Honecker zum Totengräber der DDR wurde, fanden sich die Totengräber der Sowjetunion vor allem in der damaligen Sowjetunion. Dort markierte das annus mirabilis 1989 nicht nur das Ende einer Supermacht – es bedeutete auch die Befreiung einer Machtelite von Angst, Schuld, Einschränkungen und Ideologie, von jeglicher Loyalität zu ihrem Land.58 Nicht die vermeintliche Verschwörung angeblich feindlicher Westler führte zur Implosion der Sowjetunion, sondern die eigenen strukturellen Schwächen und unendliche Gier. Bald krallte sich eine neue Elite an die Macht, die in Wahrheit die alte Elite geblieben war. Reformunwillig nahm sie sich ein ganzes Land als Beute.

Die Nato-Osterweiterung: Gebrochene Versprechen?
Seitdem muss die Mär angeblich gebrochener Versprechen in der Frage der Nato-Osterweiterung als innenpolitischer Tranquilizer und außenpolitisches Totschlagsargument herhalten. Sie diente Putin zur Legitimation des Georgienkrieges 2008 und der Annexion der Krim 2014. Das Problem dabei ist nur: Während der Verhandlungen über die deutsche Wiedervereinigung gab kein westliches Staatsoberhaupt eine feste Zusicherung oder ging gar eine juristisch bindende Verpflichtung ein, dass sich die Nato nicht nach Osten ausdehnen werde. Formale Zusicherungen in Bezug auf die Nato betrafen allein das Staatsgebiet der damaligen DDR, für das ein Verbot der Stationierung ausländischer Truppen vereinbart wurde.
Gorbatschow forderte nie eine schriftliche Vereinbarung. Er stellte auch keine Klarheit über die nicht ganz unwichtige Frage her, was eigentlich unter „Osten“ zu verstehen sei – das Staatsgebiet der DDR oder auch das Territorium des Warschauer Paktes? Mal erklärte er, dass Deutschland gleichzeitig Mitglied des Warschauer Paktes und der Nato sein könne; dann wieder überlegte er eine Mitgliedschaft der Sowjetunion in der Nato oder erging sich in luftigen Andeutungen. Offenbar hoffte er lange auf ein neutrales Gesamtdeutschland. Hatte ihm nicht die ostpolitische Legende der SPD, Egon Bahr, bei einem Besuch erläutert, in der Bundesrepublik wolle „praktisch niemand“ die Wiedervereinigung beschleunigen und dass sich die Nato keinesfalls auf Mitteleuropa ausweiten dürfe?59 Die Deutschen würden sich dem Gedanken der Blockfreiheit im Rahmen einer gesamteuropäischen Sicherheitsordnung nähern – seiner Vision eines gemeinsamen europäischen Hauses.60 Vielleicht glaubte er wirklich, ihm werde das Unmögliche gelingen.
Wahr ist aber auch: Die taktisch begründeten Sondierungen gewiefter Politiker, darunter US-Außenminister James Baker und auch Helmut Kohl, konnten in Moskau sehr wohl den Eindruck einer vagen Zusage erwecken, die Nato werde sich nach der deutschen Wiedervereinigung nicht nach Osten ausdehnen. Um dem Sicherheitsbedürfnis der Sowjetunion entgegenzukommen, aber auch um möglichen Forderungen nach einem neutralen Status Deutschlands entgegenzutreten, positionierte sich Außenminister Hans-Dietrich Genscher im Januar 1990 mit einer Rede an der Evangelischen Akademie in Tutzing: „Eine Ausdehnung des Nato-Territoriums nach Osten, d. h. näher an die Grenze der Sowjetunion heran, wird es nicht geben. Diese Sicherheitsgarantien sind für die Sowjetunion und ihr Verhalten bedeutsam.“61 Auch die Einlassung von US-Außenminister James Baker nur wenige Tage später in Moskau, die Nato eventuell „nicht um einen Zentimeter“62 nach Osten zu erweitern, konnte – und sollte – Gorbatschow in mehrere Richtungen interpretieren. Auch Kohl selbst sicherte Gorbatschow zu, was wie ein Bekenntnis zur Position Genschers und Bakers klang – aber nicht war: „Natürlich könne die Nato ihr Gebiet nicht auf das heutige Gebiet der DDR ausdehnen.“
Gegenüber westlichen Gesprächspartnern äußerte Hans-Dietrich Genscher mehrmals strikt vertraulich, es gelte sicherzustellen, dass die Nato territorial nicht näher an die Grenze der Sowjetunion heranrücke. Neben ihm waren offenbar der britische Außenminister Douglas Hurd63 und der französische Staatspräsident François Mitterrand zu einem entsprechenden Angebot an Gorbatschow bereit. Für eine kurze Zeit Anfang 1990 schloss sich auch US-Außenminister James Baker dem Gedanken an – unklar, ob aus rein taktischen Erwägungen oder mangels besserer Alternative. Als Gorbatschow während des Gesprächs mit dem texanischen Banker erklärte, eine Erweiterung der Nato sei „unakzeptabel“, antwortete Baker: „Dem stimmen wir zu.“ Das konnte man in Moskau durchaus als Zusicherung interpretieren.64
Am 24. Februar 1990 setzte US-Präsident George Bush möglichen westlichen Avancen ein realpolitisches Ende: Es werde keine substanziellen Kompromisse in Bezug auf die Nato geben, erklärte er dem Kanzler in Camp David. Die Sowjetunion sei nicht in der Lage, die Beziehungen Deutschlands zur Nato zu diktieren, befand Bush.65
Seinem engsten außenpolitischen Vertrauten Anatolij Tschernjaew zufolge waren für Gorbatschow die strategischen Beziehungen zu den USA von übergeordneter Bedeutung, nicht die Frage der deutschen Wiedervereinigung in der Nato. Am 4. Mai 1990 schrieb er ihm: „Michail Sergejewitsch! … Es ist völlig offensichtlich, dass Deutschland in der Nato sein wird. Und wir haben keinerlei wirkliche Hebel, uns dem entgegenzustemmen. … Ob Schützenpanzer oder Haubitzen der Bundeswehr an der Oder-Neiße oder der Elbe oder sonstwo stehen werden, das beeinflusst die reale Sicherheit der Sowjetunion nicht. Wir müssen uns mit diesem Fakt abfinden.“ Weiter führte Tschernjaew aus: „Überlegungen, dass in der Folge auch Polen Mitglied der Nato würde und die Grenzen des Blocks an die sowjetischen Grenzen vorrücken, auch dies sind Überlegungen von gestern, aus Zeiten des Zweiten Weltkrieges und des Kalten Krieges.“ Eine nukleare Abrüstung sei „mit einer Politik der Erpressung“ nicht zu erreichen. Und mit einem neuen Wettrüsten könne die Sowjetunion ökonomisch nicht mithalten: „Wir benötigen unsere Reserven für die Perestroika.“66
Wahrscheinlich wollte Gorbatschow nach allen Seiten offen bleiben. Er war so selbstbewusst zu glauben, er könne den Prozess lenken. Die strukturelle Ambivalenz seiner Politik aber richtete sich wenig später gegen ihn selbst.
Jahrzehnte später wagte Gorbatschow einen Blick zurück. Vielleicht habe auch er während seiner Zeit im Kreml an jener „Krankheit“ gelitten, die er jetzt bei seinem Nachfolger Wladimir Putin diagnostizierte: „Übergroßes Selbstvertrauen.“ Putin, sagte Gorbatschow, sehe sich gleich hinter Gott. „Vielleicht sogar neben ihm.“67
Am Ende, im Dezember 1991, als die Sowjetunion von seinem Intimfeind, dem russischen Präsidenten Boris Jelzin, abgewickelt wurde, konnte es gar nicht schnell genug gehen. Innerhalb von 24 Stunden sollte Gorbatschow seine Wohnung und die Präsidentenresidenz räumen. Seine Immunität wurde aufgehoben, öffentliche Auftritte wurden untersagt. „Ich hatte Ausreiseverbot. Und meine Pension schrumpfte zeitweise auf umgerechnet zwei Dollar.“68
Eine offizielle Verabschiedung für den Friedensnobelpreisträger gab es nie.
„Er gab uns die Möglichkeit, ein neues Leben zu beginnen“
In der von ihm gegründeten Gorbatschow-Stiftung lagert sein Archiv, hier fanden letzte Getreue Arbeit und ein Einkommen. Um Schindluder mit seinem Namen zu verhindern, ließ er die Bezeichnungen „Gorbi“ und „Gorby“ sowie das rote Feuermal auf seinem Schädel als Handelsmarken registrieren. Man benannte eine bolivianische Orchideenart nach ihm, Maxillaria gorbatschowii, und eine britische Rose nach seiner verstorbenen Frau Raissa. Er gründete die Umweltschutzorganisation „Green Cross International“, die ohne Einfluss blieb. Als er mit dem Charme des Unbelehrbaren 1996 für das Amt des russischen Präsidenten kandidierte, erhielt Michail Gorbatschow 0,51 Prozent der Stimmen. Als er sich einmal kritisch über Putin äußerte, ließ der ihm ausrichten, er solle den Mund halten.69
Nie erreichte er die Qualität eines notorischen Elder Statesman wie etwa Helmut Schmidt oder eines geschäftstüchtigen Weltenretters wie Bill Clinton, noch wurde ihm der späte Ruhm eines Helmut Kohl zuteil. Im Ausland verdiente Gorbatschow mit Büchern und Vorträgen; er vermarktete seinen Namen mit Werbung für Pizza Hut und Louis Vuitton, es war nicht immer eine glückliche Wahl.
Im eigenen Land erst angefeindet, dann vergessen, blieb Michail Gorbatschow die vertraute, dankbare Zuneigung der Deutschen70 – auch wenn sein Name in all den Reden während des europäischen Traueraktes für Helmut Kohl nicht fiel. Der „Vater der Einheit“ kaufte das Hubertus-Schlössl in Rottach-Egern am Tegernsee, dort zog seine Tochter Irina ein; seine beiden Enkelinnen leben in Berlin. Seine gesundheitlichen Probleme ließ er meist in deutschen Krankenhäusern behandeln.
Wir trafen ihn zu einem Gespräch in den Räumen seiner Stiftung in Moskau. Er nahm sich mehrere Stunden Zeit, manchmal schien er müde. Sichtbar gealtert, hatte er mehrere Operationen hinter sich, Rücken, die Schlagader, er kämpfte mit einer Diabetes. Oft schwieg er lange – als ob er in sich hineinhorchen würde. „Manchmal gehe ich die Treppe herunter und vergesse, warum“, sagte er.
Er hatte gerade sein wohl persönlichstes Buch veröffentlicht: Alles zu seiner Zeit.71 Hatte dafür seine Kindheitserinnerungen diktiert und über die Vergänglichkeit des Ruhms reflektiert. Vor allem aber war es ein Buch der Trauer. Nie überwand er den Tod seiner Frau Raissa, der Liebe seines Lebens. Auch sie ein Kind des Krieges und des Terrors, jener grenzenlosen sowjetischen Gewalt, die ein ganzes Land prägte.
Er fühlte sich schuldig an ihrem Leiden und ihrem Tod. „Ich hätte sie schützen müssen“, sagte er uns. Sie litt unter den Anfeindungen und der öffentlichen Häme, die ihrem Mann entgegenschlugen. Während des Putschversuchs im August 1991 gegen Gorbatschow erlitt sie einen kleinen Schlaganfall. Sie konnte nicht sprechen, die rechte Hand war gelähmt, später folgten Netzhautblutungen und Depressionen. Unter dem Eindruck des Putschversuchs verbrannte Raissa Gorbatschowa 52 Liebesbriefe; er selbst 25 Notizbücher mit dienstlichen Aufzeichnungen. Sie hatte Angst, sie könnten in fremde Hände gelangen. Als er 1992 aus der Präsidentenwohnung auszog, entdeckten Gorbatschows Mitarbeiter überall Abhörgeräte. Die ganze Wohnung war voll davon.
Als Raissa Gorbatschowa an Leukämie erkrankte, wurde sie über drei Monate in Münster behandelt. Es war zu spät. Sie starb am 20. September 1999.
Er selbst wollte damals nicht mehr weiterleben. Er zwang sich dann doch dazu, und dies hatte auch mit der Anteilnahme der Deutschen am Schicksal seiner Frau zu tun. Körbeweise Briefe an sie gingen damals in der Uniklinik Münster ein. Er hat es den Deutschen nie vergessen.
Und doch – es nagte an ihm. Die Hybris der Politiker im Westen, ihre Kaltschnäuzigkeit und Härte, ja, auch die seines Freundes Helmut Kohl: „Als ob alles ihr Verdienst gewesen sei. Als ob alles – auch die deutsche Wiedervereinigung – ohne Russland möglich gewesen sei“, sagte er mit ein wenig Bitterkeit. „Manchmal hatte ich den Eindruck, einige im Westen wollten mich an der Nase herumführen, und vielleicht haben sie mir in Wahrheit nie wirklich vertraut. Ich vertrat für sie wohl die falschen Ideale.“72
Sein eigenes Land aber ist inzwischen in die Zeit vor ihm zurückgekehrt. Überall um ihn herum richten sich die Menschen wieder einmal in der trügerischen Sicherheit eines autoritären Systems ein. „Er gab uns die Möglichkeit, ein neues Leben zu beginnen“, sagt die Moskauer Politologin Lilija Schewzowa. „Doch wir nutzten diese Chance nicht. Gorbatschow hatte kein Glück mit uns – doch er war ein Glücksfall für uns. Es wird noch lange dauern, bis wir dies verstehen.“73
Letztlich zwang sich Michail Gorbatschow dazu, ein „glücklicher Reformer“ zu sein. „Ich habe die Macht nie um der Macht willen angestrebt, und vielleicht kann man sagen: Ich hatte Glück“, sagte er uns an jenem Moskauer Nachmittag in seinem Büro. „Ich habe an die Türen der Geschichte geklopft, und sie taten sich auf.“74
Er öffnete uns die Welt. Wer kann das schon von sich sagen.

Katja Gloger

Über Katja Gloger

Biografie

Katja Gloger, geboren 1960 in Koblenz, beschäftigt sich seit über 25 Jahren mit Russland. Sie studierte Russische Geschichte, Politik und Slawistik in Hamburg und Moskau und ging Anfang der neunziger Jahre als Korrespondentin für den „Stern“ nach Moskau. Dort erlebte sie den Zusammenbruch der...

Pressestimmen
Kleine Zeitung (A)

„Spannender und gut zu lesender Querschnitt durch die Geschichte von Deutschen und Russen von einer deutschen Journalistin und Ex-Moskau-Korrespondentin.“

Inhaltsangabe
Vorwort
» Ich habe an die Türen der Geschichte

Den Osten im Blick : Konturen, Kontakte

Im Land der „ wilden Moskowiter “

„ Segelt, denn niemand weiß, wo es endet “

„ . . . etwas grössres erkennen lernen . . . “

Sie belohnte ihre Freunde, und ihre Gegner bestrafte sie nicht

„ Zierliche Mädchen tranken mutig aus Wodkaflaschen “

Die Erfindung der russischen Seele

„ Dekomposition “ oder : Die gekaufte Revolution

„ Russlandfieber “ oder : Gefährliche Seelenverwandtschaften

Sterne, an den Himmel genagelt

„ Ein tolles Volk. Sie sterben wie sie tanzen “
.
Unheilvolle Sonderwege

Blokada : Die Blockade der Erinnerung

Baldins Koffer

Tödliche Falle

Wenn die Russen kommen

Mythos Ostpolitik : Das Missverständnis

„ Wir sollten im Westen nicht so tun, als würden wir nicht in Interessensphären denken “

Die Russlanddeutschen : Auffällig unauffällig

Die Waffen des Bewusstseins

Anmerkungen
Literatur
Bildnachweis
Personenregister
Kommentare zum Buch
Katja Gloger: Fremde Freunde
Christoph Ehmann am 14.12.2017

Das Buch ist ein einziger Hassgesang auf Putin und die "Putin-Versteher". Die Autorin scheut vor keiner Konstruktion geistiger Verwandtschaften mit dem heutigen Präsidenten zurück: Iwan der Schreckliche, Peter der (grausam) Große, Katharina II, die Pseudoaufklärerin, alle Nationalisten seit 1800 und selbstverständlich Lenin und Stalin. Auf ihren Schultern steht Putin, oder besser: thront Putin. Dass dies nur gelingen kann, wenn man Putins Tätigkeit erst 2002 beginnen lässt, ist verständlich. Denn in den Jahren zuvor bemühte er sich in vielfältiger Weise um friedliche Beziehungen mit dem Westen, der ihn aber ob der durch Jelzin und Cons. verursachten wirtschaftlichen Schwäche meinte, herablassend behandeln zu können. Dass die westliche Politik nach 1990, die Ausdehnung der NATO und der EU, aus russischer Sicht der Einkreisungspolitik der 50er Jahre sehr ähnlich sah und dass Interessenpolitik nicht ein Vorrecht des Westens ist, kommt ihr nicht in den Sinn. Was sie an historischen Begegnungen und Beziehungen zwischen Russen und Deutschen beschreibt, gerät im Vergleich dazu sehr knapp und ist auch schon besser, also kenntnisreicher geschrieben worden. Christoph Ehemann

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