Vom inneren Kind haben Sie sicher schon gehört. Aber kennen Sie Ihre innere Oma?
„Wenn jede und jeder von uns eine innere Oma hätte, die uns berät, wie viel unaufgeregter, kreativer und klüger wäre diese Welt … Liebe Menschen da draußen, bitte lest dieses Buch!“

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Teilnahmeschluss ist der 30.09.2026
Franca fragt – ihre innere Oma antwortet
Das innere Kind kennt man ja – warum musst du jetzt auch noch mitreden?
Das innere Kind erzählt dir, wo deine Muster herkommen. Wichtige Arbeit, gar keine Frage. Ich sitze allerdings am anderen Ende deiner Geschichte und weiß, wie sie ausgeht. Deshalb kann ich dir sagen, welche dieser Muster du getrost in Rente schicken darfst – da kenne ich mich aus, ich bin ja selbst längst in Rente. Meine Frage an dich lautet: Wo willst du hin? Und worauf willst du irgendwann zurückschauen?
Du bist die weiseste Version meiner selbst. Was siehst du, was mir heute manchmal noch den Blick verstellt?
Von hier aus sehe ich ziemlich deutlich: Die meisten deiner Sorgen hatten nie vor, wahr zu werden. Du hast manchmal sehr hohe Ansprüche an dich, wo es gar nicht nötig wäre. Und du solltest das schöne Leben nicht vergessen vor lauter Arbeit.
Gibt es etwas, das du mir heute gern sagen möchtest?
Ich würde dich lieber etwas fragen: Worauf wartest du eigentlich? Auf mehr Zeit, mehr Mut, oder weniger Bauchfett? Ich habe einen guten Überblick, und der richtige Moment ist bisher kein einziges Mal vorbeigekommen. Wenn dir also das nächste Mal tausend Gründe einfallen, warum etwas gerade nicht geht, das dir eigentlich wichtig wäre, hörst du vielleicht meine Stimme: Warum denn nicht?!
Wenn ich später mal auf mein Leben zurückblicke: Worüber werde ich froh sein – und wobei werde ich mir denken: „Darüber hätte ich mir wirklich keinen Kopf machen müssen."?
Froh wirst du über alles sein, was du angefangen hast, obwohl du keine Ahnung hattest. Über die Menschen, die geblieben sind. Über die kleinen, kuriosen Abenteuer, denen du Raum gegen hast. Keinen Kopf hättest du dir machen müssen über die Frage, was die anderen wohl denken – die waren nämlich die ganze Zeit mit sich selbst beschäftigt. Genau wie du übrigens. Das gleicht sich also aus.
Du gibst mir keinen Ratschlag darüber, wie ich besser werden soll. Was sagst du mir stattdessen?
Ratschläge sind ohnehin überschätzt, davon hast du schon genug bekommen, meist ungefragt. Ich stelle dir lieber Fragen. Zum Beispiel diese: Wessen Stimme ist das eigentlich, die dir einredet, du müsstest dich ständig veredeln und optimieren?
Was hast du losgelassen, woran ich noch festhalte – und hat es sich wirklich gelohnt, so lange festzuhalten?
Die Vorstellung, dass ich als Psychotherapeutin selbst immer sortiert sein müsste. Wir beide wissen doch, wie es in dir aussieht, wenn du zum dritten Mal in die Küche läufst und wieder vergessen hast, warum. Losgelassen habe ich außerdem den Anspruch, auf jede Frage eine kluge Antwort zu haben – „Ich weiß es auch nicht" ist manchmal die ehrlichste Auskunft. Dinge loszulassen ist übrigens manchmal leichter, als man glaubt – vor allem, wenn man vom Festhalten schon ganz müde ist…
„Franca schafft etwas Seltenes: Sie gibt der Psychologie eine Stimme, die klug ist, ohne belehrend zu sein, und warmherzig, ohne kitschig zu werden.“
Franca Cerutti über ihr Konzept „Die innere Oma“
Liebe Franca, unfassbar viele Menschen kämpfen mit der Erwartungshaltung unserer Leistungsgesellschaft, spüren dauerhaften innerlichen Druck, haben das Gefühl, nicht mithalten zu können, sind erschöpft. Die Flut an Ratgeberliteratur mit Tipps, wie man sich selbst optimieren kann, es weiter, schneller, besser machen kann ist da sicher keine Hilfe. Du sagst, die beste Ratgeberin sind wir gewissermaßen selbst. Wie meinst du das?
Ich glaube, wir brauchen ein Gegengewicht zu dieser ganzen Selbstoptimierungskultur. Überall heißt es: schneller, besser, effizienter. Was wir tatsächlich brauchen, sind keine Tipps, wie wir an diesem Rennen teilnehmen, sondern eine Hilfe, die wirklich an unserem Leben orientiert ist. Und wer könnte uns individueller und wohlwollender Orientierung geben als wir uns selbst? Genauer gesagt, die weiseste Version von uns, unser Zukunfts-Selbst. Ich nenne diese Instanz: Die innere Oma. Unser uraltes, weises Ich schaut auf unser Leben zurück, und hat durch diese Perspektive erstaunlich klare Einblicke. Sie unterstützt uns bei wichtigen Entscheidungen genauso wie im Alltag, denn sie weiß, was wirklich zählt und was am Ende wichtig gewesen sein wird.
Viele kennen schon das innere Kind. Warum braucht es zusätzlich ein Zukunfts-Selbst?
Ich beobachte aktuell eine starke Besinnung auf die eigene Biografie, und das hat absolut seine Berechtigung. Die Metapher des inneren Kindes hilft uns zu verstehen, woher wir kommen. Dahingegen fragt die innere Oma: Wohin willst du? Es ist wie im Auto, der Rückspiegel und die Frontscheibe – beides ist wichtig, aber gefahren wird nach vorne. Die innere Oma stellt eine positive, handlungsorientierte Ergänzung dar. Und sie ist kein innerer Anteil, der uns biografisch einfach passiert ist. Wir erschaffen sie selbst, als weise Ratgeberin.
Warum motivierst du, das Zukunfts-Selbst als innere Oma (beziehungsweise inneren Opa) zu sehen?
Es geht um den persönlichen Bezug, um eine lebendige Verbindung mit dem zukünftigen Menschen, der wir einmal sein werden. Die psychologische Forschung zeigt, dass Menschen, die ihre Zukunft stark im Blick haben, selbstfürsorglichere und bessere Entscheidungen im Heute treffen. Aber „Zukunfts-Selbst“ klingt zu abstrakt. Mich selbst als weise Alte, mit meinen Gesichtszügen, mit meinen Augen, zurückschauend auf das ganze Leben, das kann ich mir vorstellen. Diese Visualisierung funktioniert einfach besser als Fachbegriffe. Und eine Oma ist warm, nicht streng. Jemand, der dich besser kennt als jeder andere und wohlwollend auf dich schaut. Aber natürlich kann man auch andere, eigene Begriffe finden: Mein innerer Senior, zum Beispiel.
Welche Tipps kannst du geben, wie schafft man sich bewusst eine innere Oma, wie stärkt man den Kontakt zu diesem Anteil?
Nimm dir ein paar ruhige Minuten und stell dir vor, du siehst dich selbst am Ende deines Lebens. Manchen Menschen hilft die Vorstellung von einem Zeitstrahl, der vom Heute in die Zukunft geht. Und am Ende stehst du, gealtert, und schaust lächelnd auf dich zurück. Was macht deine innere Oma? Wo ist sie? Und vor allem: Wie schaut sie dich an? Wenn es funktioniert, siehst du Wärme und Verständnis in ihrem Blick. Je lebendiger das Bild, desto leichter kannst du sie zu deinem jetzigen Leben befragen.
Welche kleinen Rituale können dazu beitragen, täglich Kontakt zur inneren Oma aufzubauen?
Die innere Oma kann man bei den großen Lebensfragen hinzuziehen, aber auch zur Entschleunigung des Alltags. Einfach kurz innehalten und fragen: Was würde sie dazu sagen? Das hilft beim Sortieren, was gerade wirklich wichtig ist, und was sich nur dringend anfühlt. Sie verschafft uns auch Klarheit, wo wir wirklich hinwollen und welche Schwerpunkte wir setzen möchten im Leben. Dreißig Sekunden reichen manchmal schon für einen frischen Blick, und um uns eine liebevolle, neue Perspektive zu verschaffen.
Wie würde die innere Oma unseren Alltag betrachten – worüber würde sie schmunzeln?
Über ziemlich viel wahrscheinlich. Über die Panik vor der Präsentation, die in drei Monaten niemand mehr erwähnt. Über das perfekte Instagram-Foto. Über den missratenen Haarschnitt. Über den Stress, weil wir fünf Minuten zu spät kamen. Sie hat den Luxus der Rückschau, und weiß daher, dass das allermeiste wirklich nicht so wichtig ist, wie es sich im Moment anfühlt. Meine innere Oma sagt immer: Wenn du in drei Wochen darüber lachen kannst – dann kannst du auch direkt lachen!
Aus deiner Erfahrung mit dieser Methode: Was ist das größte Missverständnis über das Loslassen, wobei kann uns die innere Oma aktiv helfen?
Dass es entweder was mit Aufgeben oder auch mit Nachlässigkeit oder Gleichgültigkeit zu tun hätte. Dabei geht es darum, die richtigen Dinge loszulassen, zum Beispiel Perfektionismus, fremde Erwartungen, unser Kontrollbedürfnis. Die innere Oma fragt nicht „Schaffst du das?“, sondern sie fragt „Ist dir das wirklich wichtig? Zahlt es auf das Leben ein, das du willst? Passt es zu dem Menschen, der du sein möchtest?“. Die innere Oma gibt keine Erlaubnis zur Faulheit, sondern sie sorgt für Klarheit.
Gibt es typische Situationen im Alltag, in denen die innere Oma besonders laut werden sollte?
Wenn wir dauerhaft in eine falsche Richtung laufen oder uns selbst chronisch vernachlässigen. Das sieht die innere Oma sehr klar, und sie wird es benennen. Du bist sie, sie ist du, und sie ist zu 100% davon abhängig, was du heute tust oder lässt. Deshalb ist sie auch sehr klar in ihren Einschätzungen, wie du deine Zeit verbringst oder worum deine Gedanken kreisen. Und die innere Oma meldet sich auch zu Wort, wenn der innere Antreiber zu laut wird: Noch eine Mail, noch ein Projekt, noch einmal Ja sagen, obwohl alles Nein schreit. Oder wenn wir uns fertigmachen, weil etwas nicht perfekt war. Da stellt sie ein sanftes, positives Gegengewicht dar.
Was ist das Weiseste, das deine innere Oma dir mitgegeben hat?
Meine innere Oma (beziehungsweise „Omma“, ich komme aus dem Ruhrgebiet) hat mir bei sehr entscheidenden beruflichen und privaten Entscheidungen geholfen. Durch ihre sehr breite Perspektive auf mein (und ihr) Leben bin ich zum Beispiel viel mutiger und konsequenter geworden. Ich mache nicht mehr alles mit, ich vergleiche mich nicht mehr so viel, und ich traue mich, meine Werte zu vertreten, auch wenn es unbequem wird. Meine innere Oma möchte irgendwann zurückschauen und denken: Das war großartig, und es hat wahnsinnig viel Spaß gemacht. Und damit das irgendwann so sein wird, muss ich es jetzt auch mal darauf ankommen lassen und über meinen Schatten springen. Ich versuche mein Leben heute so zu gestalten, dass mein Zukunfts-Selbst dankbar dafür sein wird. Das hat meinen Lebenslauf eckiger, aber mein Leben runder gemacht.


