Reisejournalist Helge Timmerberg über das Reisen
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Ist Reisen das wahre Leben?

Montag, 14. März 2016 von Piper Verlag / Helge Timmerberg


Helge Timmerberg über Reisefieber und Fernsucht

„Helge Timmerberg ist der tollste, schrillste, unterhaltsamste und dabei weiseste deutsche Reiseschriftsteller.“ Frankfurter Rundschau

Augenblicklich ist es so, dass ich lieber heute losfahren würde als morgen. Und lieber morgen als übermorgen. Das Reisefieber kommt wie ein Malariaschub daher. Eigentlich dachte ich, es sei überstanden, aber der Mensch denkt und Gott lenkt, über die endlose Straße.
 

Ist Reisen eine Religion?

Die Bewusstseinserweiterung durch Kulturschocks spricht für diese These. Das Comeback des Augenblicks auch. Der Abschied von der Routine. Witzigerweise beginnt die Reise erst, wenn sie nicht mehr mit unseren Plänen synchron verläuft. Wenn Busse nicht fahren, Aufenthaltsgenehmigungen nicht erteilt werden, Geld geklaut wird. Ohne die Unberechenbarkeit wäre eine Reise so fad wie das Alltagsleben. Abenteuer! Das magische Wort. Noch stärker als die Liebe.
 

Was wäre die Liebe ohne das Abenteuer? Aber Abenteuer ohne Liebe geht durchaus. Auch ohne Geld. Ohne Drogen. Ohne Smartphone. Ohne Diäten.
 

Ist Reisen das wahre Leben?


Es sieht so aus. Und ich will wieder raus. Ich schau aus dem Fenster und meine Seele fliegt schon mal vor. Morgen werde ich den Wagen in die Werkstatt bringen. Zum Checken, zum Ölwechseln, zum Einstimmen. Und zum Zahnarzt muss ich auch.

Außerdem brauche ich einen neuen Pass. Der alte läuft in einem halben Jahr ab. Tolle Vision! Ein neuer Pass, frei für die Stempel der nächsten Dekade.
 

Ist Reisen eine Droge?

Das Opium fürs fahrende Volk? Der Suchtfaktor ist gegeben. Der ständige Wechsel von Ankunft und Abschied, das routinierte Balancieren am Abgrund, der Adrenalinregen, der Reiz der halb koscheren Gegenden, all das sind Stimmungsaufheller, die schmerzhaft fehlen, wenn man wieder zu Hause ist.

Wie bei jeder Art von Drogensucht will man hin und wieder mal clean werden. Ich habe es eine Zeit lang versucht. Und dabei Folgendes festgestellt: Sesshaftigkeit hat mit Erwachsenwerden nichts zu tun, wenn man ein Nomade ist.

Und was ist mit der Mission? Jede Reise braucht eine. Die Aufgabe, die Suche, der heilige Gral. Was will ich finden? Das Leben oder den Tod? Wissen oder Wahn? Die Gebenden oder die Nehmenden? Oder will ich einfach nur los? Zurück auf die staubige Straße, um an staubigen Tankstellen ein staubiges Bier zu trinken. Mit dem Rock ’n’ Roll der Reise. Like a Rolling Stone.

Aus dem Vorwort zum Buch „The Travel Episodes“.

Die Märchentante, der Sultan, mein Harem und ich. Signierte Buchausgabe
Lose Seiten eines Märchens, genannt „Die Perlenkarawane“: Seit einer Berliner Winternacht vor über dreißig Jahren ist Helge Timmerberg davon fasziniert - und von seiner Erfinderin, Elsa Sophia von Kamphoevener. Als Mann verkleidet hatte sie an türkischen Lagerfeuern die besten Erzählungen gesammelt. Mit großer Wucht und Sinn für Komik schildert Timmerberg, wie die Geschichte der Märchenbaronin ihm immer wieder Türen, Herzen und Geldbörsen öffnete. Er erzählt von seinen Anläufen, mit ihrer Story Hollywood zu erobern, und von seiner eigenen Suche über Jahrzehnte, die ihn nach Kairo und an den Bosporus führte. Und von Marokko, dem Land, das ihn vom hartnäckigsten Liebeskummer befreite, ihm einen guten Freund schenkte und schließlich sogar den Vater zurückgab.
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