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Wann das mit Jeanne begann

Helmut Krausser
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Roman

„Jeanne ist auch ein Roman über die sterbende europäische Kultur in ihrer Herrlichkeit und Brutalität; es ist ein Roman über eine Liebe, die buchstäblich stärker ist als der Tod, weil sie 700 Jahre umspannt.“ - Die Zeit

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Wann das mit Jeanne begann — Inhalt

„Jeanne war eine starke Persönlichkeit, um es vorsichtig zu formulieren.“
Gertrude Clärenore Schmidt ist seit hundert Jahren mit Jacek Wozniak liiert, dem vielleicht ältesten weißen Mann auf Erden. Ihr Weg hat beide um die Welt geführt bis ins französische Clisson, wo das eigenartige Paar von Geschichten eingeholt wird, die lange vor ihnen die Menschen bewegt haben. Starke Frauen spielen darin mit, etwa Jehanne d'Arc und Jeanne de Belleville, eine blutrünstige Piratin. Ein Roman wie ein Paralleluniversum, in dem womöglich andere Naturgesetze gelten, eine menschliche Komödie voller Witz und Wehmut, in der alles sich um die Liebe dreht in ihren vielfältigen Spielarten.

€ 25,00 [D], € 25,70 [A]
Erschienen am 28.07.2022
384 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
EAN 978-3-8270-1462-7
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€ 20,99 [D], € 20,99 [A]
Erschienen am 28.07.2022
304 Seiten, WMePub
EAN 978-3-8270-8056-1
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„Jeanne ist auch ein Roman über die sterbende europäische Kultur in ihrer Herrlichkeit und Brutalität; es ist ein Roman über eine Liebe, die buchstäblich stärker ist als der Tod, weil sie 700 Jahre umspannt.“
Die Zeit

Leseprobe zu „Wann das mit Jeanne begann“

Erstes Buch

Leben im Schatten verblutender Pferde

Vor einiger Zeit hat Jacek sich verliebt. Ausgerechnet in eine Tote. Das sind keine einfachen Beziehungen. Gut, manche sagen so, andere so. Selbstverständlich war ich eifersüchtig. Wir beide waren ihr, Jeanne, nur ein einziges Mal begegnet, während eines verunglückten Zeitentaumels, der eigentlich einer anderen gegolten hatte. Sekunden, während derer wir uns in ihrer Nähe befanden und zu Zeugen ihrer brutalen Leibhaftigkeit wurden.

Jeanne war damals nicht mehr ganz jung, schon nicht mehr ganz blond, aber [...]

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Erstes Buch

Leben im Schatten verblutender Pferde

Vor einiger Zeit hat Jacek sich verliebt. Ausgerechnet in eine Tote. Das sind keine einfachen Beziehungen. Gut, manche sagen so, andere so. Selbstverständlich war ich eifersüchtig. Wir beide waren ihr, Jeanne, nur ein einziges Mal begegnet, während eines verunglückten Zeitentaumels, der eigentlich einer anderen gegolten hatte. Sekunden, während derer wir uns in ihrer Nähe befanden und zu Zeugen ihrer brutalen Leibhaftigkeit wurden.

Jeanne war damals nicht mehr ganz jung, schon nicht mehr ganz blond, aber sie schwang ein doppelschneidiges Schwert über ihrem Kopf, trug hohe Stiefel bis über die Knie und ihr Haar offen, ungebändigt. Sie erspähte uns, taxierte uns, wusste nicht, ob wir zu den Freunden oder Feinden zählten, schien aber auf Nummer Sicher gehen zu wollen und sprang uns entgegen. Mit einem Gebrüll, das dem eines Tieres glich, nur eben keinem uns bekannten. In diesem Moment brach der Zeitentaumel ab. Unsere Kopfkissen waren nass von Schweiß.

Jacek konnte stundenlang nicht sprechen. Oder wollte nicht sprechen. Irgendwann murmelte er was von „dunkler, fast schwarzer Energie“, vom „Mysterium des Mensch gewordenen Racheengels“, dann schlief er mit mir, ohne mich zu liebkosen, einfach, um runterzukommen, um sich von ihr abzulenken, loszueisen. Es war bereits zu spät.

Inzwischen vermeidet Jacek das Thema, wenn es sich nicht aufdrängt. Als sei es ihm peinlich. Ist es ja auch. Er begehrt eine Tote. Spricht man ihn drauf an, redet er sich gern auf ein rein berufliches, wissenschaftliches Interesse hinaus. Mit Jeanne, der grausamsten Frau, die je auf Erden gelebt hat, bla, könne ein enormer Zauber vollzogen werden. Bla. Zauber ist in diesem Fall ein sehr dehnbarer, fast schwammiger Begriff. Keine Ahnung, wie Jacek sich das vorstellt. Was er sich vorstellt. Vermutlich weiß er das selbst nicht.

Man könnte zu seinen Gunsten annehmen, er wolle meine Gefühle nicht verletzen, aber die sind ihm ziemlich egal. Unsre Beziehung ist von seiner Seite her eindeutig definiert worden, am 3. November 1924, an Deck des Dampfers RMS Mauretania in einer schwül-warmen Vollmondnacht auf dem Pazifik, hundert Meilen südlich von Jakarta. Ich zitiere wortgetreu: „Die Liebe ist eine Konfusion der Gefühle, die ich mir nicht leisten darf, Trudi. Du bist meine Freundin und Gefährtin, damit gut. Genügt dir das nicht, geh deiner Wege, mit meinem vollsten Verständnis. Solange wir uns beide nützlich sind, solange wir uns aneinander levitieren, werde ich dich achten. Mehr anzubieten ist mir nicht möglich.“

So lautete Jaceks Antwort auf meinen simplen Satz: „Ich liebe dich.“

Und so halten wir es, seit nunmehr fast hundert Jahren.

Aber ich muss viel weiter ausholen, um. Dabei weiß ich gar nicht, ob. Und welchen Sinn das. Egal, ich sitze hier in einem alten Farmhaus, und jeden Tag, jede Stunde könnte Zia über uns kommen, ich muss irgend etwas.

Andere waschen ab, ich schreibe auf.

Vielleicht ist Jeanne ein guter Anfang. Oder Jehanne.

Ich weiß nicht, wo mir der Kopf.

 

Erste öffentliche Sitzung, 21. Februar 1431. Königliche Kapelle des Schlosses zu Rouen. Den Vorsitz hat Pierre Cauchon, Bischof von Beauvais. 43 Beisitzer, Jehanne

Jehanne: Die Offenbarungen, die mir Gott zuteil werden ließ, habe ich mit niemandem geteilt außer Charles, meinem König. Über diese Dinge würde ich nicht reden, selbst wenn man drohte, mich zu enthaupten; denn sie entstammen Visionen oder der Stimme meines geheimen Ratgebers.

Die Katastrophe am Berg Ararat hatte uns erneut um Jahrzehnte zurückgeworfen, beinahe so schlimm wie damals der Wahnsinn in Paraguay.

Sieben der elf ehernen Koffer – für immer verloren. Und es war heiß. Hitze und Gestank, klebrige Luft. Vieles, das hätte gekühlt werden müssen, roch nach Verwesung. Trudi standen die Strapazen ins Gesicht geschrieben. Um ehrlich zu sein, sah sie vorher schon aus wie ihre eigene Mumie. Nun mussten wir wieder Lotto spielen, um an Geld zu kommen

Wir hätten, ganz klar, von Anfang an nach Frankreich gehen sollen, ohne Umweg. Aber das wäre nach dem Krieg nicht so leicht gewesen, hätte Mühsal und Aufwand bedeutet. Ach, es wäre schon irgendwie gegangen, wir waren nur zu bequem. Wir haben es versaut. Also ich, ich ganz allein. Trudi trifft keine Schuld. Na ja. Vielleicht ein bisschen. Sie hätte mich öfter in den Hintern treten müssen.

Wie dem auch sei, nun waren wir endlich angekommen.

Nach soviel Diaspora und Depression, nach einem langen Leben im Schatten verblutender Pferde, weggeschossen unter unseren Sätteln. Es gleicht dem Gefühl, kehrt man als Kind von einer ersten großen Reise nach Hause zurück. Und gibt es kein Zuhause mehr in dieser Welt, sollte es, wenigstens, eine uns ausnahmsweise gewogene Fremde sein.

Jacek redet von Frankreich, von der Bretagne, von Clisson. Eine winzige Stadt, eher ein größeres Dorf, südöstlich von Nantes. Per Airbnb hatten wir uns dort für die nächsten sechs Monate ein abgelegenes Farmhaus gemietet. Wir legen auf Nachbarn selten Wert. Und die nicht auf uns.

 

Dritte öffentliche Sitzung, Samstag, 24. Februar 1431. Der Bischof, 62 Beisitzer, Jehanne

Magister Jean Beaupère: Wann hast du zuletzt gegessen und getrunken?

Jehanne: Seit gestern nachmittag habe ich weder gegessen noch getrunken.

Magister Jean Beaupère: Hast du wieder die Stimme gehört?

Jehanne: Gestern und heute.

Magister Jean Beaupère: Wann gestern?

Jehanne: Dreimal – einmal am Morgen, ein zweites Mal bei der Vesper, das dritte Mal beim Läuten des Ave-Maria am Abend. Manchmal habe ich sie viel öfter gehört.

Magister Jean Beaupère: Was hast du am Morgen gemacht, als die Stimme zu dir kam?

Jehanne: Ich habe geschlafen, die Stimme hat mich geweckt.

Magister Jean Beaupère: Bist du am Arm berührt worden?

Jehanne: Die Stimme hat mich geweckt, ohne mich zu berühren.

Magister Jean Beaupère: Befindet sich diese Stimme in deiner Zelle?

Jehanne: Ich weiß es nicht, aber sie ist im Schloss.

Magister Jean Beaupère: Hast du dich nicht bedankt und bist niedergekniet?

Jehanne: Ich habe mich bedankt, aber, ans Bett gefesselt, konnte ich nur die Hände falten; erst danach habe ich um Beistand gebeten. Die Stimme riet mir, ich solle Euch mutig antworten. (…) Gott werde mich trösten.

Magister Jean Beaupère: Welchen Wortlaut hat die Stimme benutzt? Hat sie bestimmte Wörter verwandt [oder teilte sie sich über ein Gefühl mit]?

Jehanne: Die Stimme hat bestimmte Worte gebraucht, aber ich habe nicht alle verstanden. [Sie wendet sich an den Bischof von Beauvais] Ihr sagt, Ihr seid mein Richter. Passt auf, was Ihr tut, denn ich bin von Gott gesandt, und Ihr bringt Euch in große Gefahr …

Das Haus besitzt einen intakten, frisch renovierten Wohntrakt, etwa 100 Quadratmeter, mehr benötigen wir nicht. Daneben gibt es zwei große, leerstehende Scheunen. Zum Anwesen gehörten etliche Felder und ein Wäldchen, nun aber nicht mehr, sie sollen in den nächsten Jahren zu Bauland deklariert werden. Schade, ansonsten wir überlegt hätten, den Hof zu kaufen und zum Alterssitz auszubauen. Bald mussten wir feststellen, dass wir hier nicht allein sind. In einer der Scheunen lungert ein Lemur.

Das kann Ihnen für den Moment völlig egal sein, darum geht es nicht. Jacek hat davon angefangen. Immer hat Jacek mit allem angefangen. Auch mit Jehanne. Ich erzähle es so, dass auch Sie es. Europa, Zwanzigerjahre des zwanzigsten Jahrhunderts. Wir sind da noch in Neuseeland. Egal.

Ich nehme an, dass mehr oder weniger gebildete Menschen die Geschichte der Johanna von Orléans, wie sie in Deutschland genannt wird, gründlich kennen. Deshalb sei ihr Werdegang für alle anderen in einfacher Sprache dargelegt:

Jehanne ist ein Mädchen, das nie was mit einem Jungen hatte. Oder sonstwem. Sie hört, seit sie 13 ist, Stimmen. Die sind in ihrem Kopf. Sie gehorcht den Stimmen. Sie geht zum französischen Dauphin. So heißt in Frankreich der Thronfolger. Mit Vornamen heißt er Charles. Sie fragt ihn, ob sie sein Heer anführen darf. Er weiß erst nicht so recht. Dann sagt er ja. Jehanne und das Heer greifen die englischen Besatzer an. Engländer gehören nicht nach Frankreich, sagt sie. Außer als Touristen. Die Engländer verlieren wichtige Städte. Jehanne führt Charles nach Reims. Dort wird er gekrönt und darf sich jetzt König nennen. Sie vollbringt Dinge, die als Wunder gelten. Dann verlässt sie das Glück. Die Engländer nehmen Jehanne gefangen. Sie ist 19. Ihr wird ein Prozess gemacht. Das Urteil steht schon fest, denn die Richter sind böse. Man nennt Jehanne eine Ketzerin. Das ist jemand, der an falsche Dinge glaubt. Sie wird verbrannt auf dem Scheiterhaufen in Rouen. 20 Jahre später reagiert Charles. Er möchte seine Krone keiner Ketzerin zu verdanken haben. Es gibt einen neuen Prozess. Diesmal finden alle Jehanne gut.

Ganz im Ernst: Um ein exaktes Studium der Jeanne d’Arc, die korrekter Jehanne genannt werden sollte (denn so nannte man sie, so nannte sie sich), kommt man als Weißmagier kaum herum. Möchte man jemanden von der Existenz des Übernatürlichen überzeugen, bietet die Jungfrau und Nationalheilige Frankreichs mit ihren Wundertaten etliches Material für eine kritische Auseinandersetzung. Wundertaten? Wirklich? Meistenfalls handelt es sich um detaillierte Prophezeiungen, die zeitnah und korrekt eintrafen. Einmal soll sie ein verstorbenes Baby zum Leben erweckt haben, aber da das Kind gleich darauf erneut verstarb, gilt das nicht so recht. Einmal hat sie gesagt, hinter dem Altar sei ein Schwert versteckt – und da war wirklich eins. Naja. Einmal hat sie dem Herzog von Alençon gesagt, er solle da nicht stehenbleiben, wo er stehe, da werde gleich ein Geschoss landen. Der Herzog hat auf sie gehört, und ein anderer starb an jener Stelle, an seiner Stelle.

Naja.

1920 war das Jahr, in dem Jehanne wieder ins öffentliche Bewusstsein rückte. Sie wurde von der katholischen Kirche heiliggesprochen. Zuvor hatte sie für viele als (wenn auch militärisch zeitweilig sehr erfolgreiche) religiöse Fanatikerin gegolten, deren Visionen (die den Bestand Frankreichs gerettet und die Besatzung der Engländer beendet haben) mögliche Folge einer Geisteskrankheit waren, einer schizoiden Persönlichkeit mit Zwangsvorstellungen. Aber nun war sie eine Heilige, und die wurden damals von den Zeitungen sehr selten geisteskrank genannt, außer von den ganz linken und anarchistischen Blättern, denen rein gar nichts heilig ist.

 

Fünfte öffentliche Sitzung, Donnerstag, 1. März 1431, Rüstkammer. Bischof Cauchon, 58 Beisitzer, Jehanne

Der mit dem Verhör beauftragte Richter: Auf welche Weise nimmst du die Gestalt wahr?

Jehanne: Ich sehe ein Gesicht.

Richter: Haben die Heiligen, die dir erscheinen, Haare?

Jehanne: Das versteht sich von selbst.

Richter: Gibt es etwas zwischen den Kronen und ihrem Haar?

Jehanne: Nein.

Richter: Tragen die Heiligen das Haar lang und hängend?

Jehanne: Ich weiß es nicht. Ich weiß auch nicht, ob es Arme oder andere Gliedmaßen gibt. Was ich weiß, ist, dass die Stimmen gut und schön sprechen und deutlich zu hören sind.

Richter: Wie können die Heiligen sprechen, wenn sie keine Körper besitzen?

Jehanne: Das überlasse ich Gott! Die Stimme ist schön, sanft und bescheiden und spricht die Sprache Frankreichs.

Richter: Spricht die heilige Margareta nicht Englisch?

Jehanne: Warum sollte sie das, wenn sie nicht der englischen Partei angehört?

„Einmal redet sie von Stimmen, also Plural, dann von nur einer Stimme.“

„Ja, es ist immer dieselbe. Die Gesichter wechseln. Die Stimme ist weder weiblich noch männlich, es ist eine Stimme in ihrem Kopf.“

Jacek las die kompletten Prozessakten, eine wortwörtliche Mitschrift, altfranzösisch wie lateinisch (nicht irgendeine womöglich entstellende Übersetzung), und wie fast jeden, der diese höchst spannenden Akten liest, überkam ihn Sympathie und Mitleid mit der Bauerstochter, die, von den Engländern gefangen und von eingeschüchterten französischen Klerikern der Ketzerei bezichtigt, allen Vorwürfen mit erstaunlich klugen Antworten begegnet, obwohl sie doch schlicht und kindlich gewesen sein soll, kaum lesen und nur ihren Vornamen schreiben konnte.

 

Neuntes Sonderverhör, am Samstag, 17. März, nachmittags in Jehannes Gefängnis

Richter: Hast du die Heiligen Katharina und Margareta jemals geküsst oder umarmt?

Jehanne: Umarmt, ja.

Richter: Rochen sie gut?

Jehanne: Selbstverständlich!

Richter: Hast du dabei Hitze oder etwas anderes gespürt?

Jehanne: Ich kann niemanden umarmen, ohne ihn zu spüren und zu berühren.

Richter: Wo genau hast du sie umarmt? Oben oder unten?

Jehanne: Es ist besser, sie unten zu umarmen als oben.

„Sie hat zuvor gesagt, sie wüsste nicht, ob die Gestalten Glieder oder Arme haben. Und jetzt will sie deren Knie umfasst haben?“

„Ja, sie denkt sich das aus.“

Dass eine junge Frau bei lebendigem Leib verbrannt worden war, noch auf derart boshafte Weise (dem sehr empathischen Henker war es nicht möglich, ihr Leiden durch Erdrosseln zu verkürzen, weil sie zu weit oben angebunden wurde) – all das hat Jacek zutiefst bewegt. Wohl kann man sagen: erschüttert. Wann immer er über Jehanne las, wurde sie in seiner Vorstellung so lebendig, als könne ihr Ende doch noch alternativ gestaltet werden. Manchen Figuren der Geschichte ist eine solch surreal-posthume Präsenz verliehen, den meisten nicht, die reduzieren sich auf Daten, Zahlen, Anekdoten. Jehanne d’Arc hingegen wird, sobald man ihre Aussagen liest, zu etwas fast aufdringlich Lebendigem. Mir ging es ähnlich, doch bin ich eine Frau. Jehannes Schicksal wirkt, diese Erfahrung habe ich gemacht, auf Männer deutlich stärker, zumindest anders als auf Frauen. Weil sich unwillkürlich eine erotische Komponente einstellt. Weil andauernd die Jungfernschaft Jehannes betont wird. Das weckt im Leser nicht nur den Beschützerinstinkt, zumal sie einigermaßen vorzeigbar und anmutig gewesen sein soll.

Um es kurz zu machen: Jacek hat sich fast zehn Jahre lang mit nichts anderem beschäftigt als dieser Frau oder Jungfrau oder was auch immer.

 

Vierte öffentliche Sitzung, am Dienstag, dem 27. Februar, in der Rüstkammer des Schlosses

Magister Jean Beaupère: Wie ist es dir seit letztem Samstag ergangen?

Jehanne: Ihr könnt sehen, wie es mir ergangen ist. Es geht mir, wie es eben geht.

Magister Jean Beaupère: Hast du in dieser Fastenzeit jeden Tag gefastet?

Jehanne: Gehört das zum Prozess?

Magister Jean Beaupère: Es geht darum, dich zu prüfen.

Jehanne: Gut, in der Tat, ich habe während dieser Fastenzeit immer gefastet. (…)

Magister Jean Beaupère: Kommt mit der Stimme auch ein Licht zu dir?

Jehanne: Das Licht erleuchtet alles im Raum, so wie es sich gehört. Das Licht gilt nicht mir allein. (…)

Magister Jean Beaupère: Als du zum ersten Mal deinen künftigen König sahst, schwebte ein Engel über seinem Kopf?

Jehanne: Bei der Muttergottes, wenn da einer war, dann habe ich ihn nicht gesehen noch erkannt.

Magister Jean Beaupère: War denn das Licht vorhanden?

Jehanne: Dort waren mehr als dreihundert Ritter und fünfzig Fackeln, ganz abgesehen vom geistigen Licht. Und nur selten hatte ich eine Offenbarung im Dunklen. (…)

Magister Jean Beaupère: Was hatte es mit diesem Schwert auf sich, das du bei dir trugst?

Jehanne: Während meines Aufenthalts in Tours oder Chinon ließ ich in der Kirche Sainte-Catherine-de-Fierbois hinter dem Altar ein Schwert hervorholen. Es lag in der Erde, war verrostet, ich habe durch meine Stimmen von ihm erfahren; fünf Kreuze waren darauf. (…)

Ich hatte an die Geistlichkeit jenes Ortes geschrieben, dass ich dieses Schwert gerne haben würde; und es wurde mir zugesandt. Es lag nicht tief in der Erde. Sobald es entdeckt war, hat man den Rost ohne viel Mühe abgerieben. (…) Ich trug das Schwert ununterbrochen, bis ich in Lagny war; von dort bis Compiègne hatte ich dann ein anderes Schwert, das eines Burgunders.

Magister Jean Beaupère: Warum ging dir das Schwert verloren?

Jehanne: Das ist nicht Teil dieses Prozesses, und ich werde darauf keine Antwort geben.

Magister Jean Beaupère: Was war dir lieber, deine Fahne oder dein Schwert?

Jehanne: Ich mochte meine Standarte viel lieber, vierzigmal lieber als mein Schwert. Ich habe, auch während wir angegriffen haben, immer nur die Fahne getragen, um niemanden zu töten; ich habe niemals einen Menschen getötet.

Sie werden sagen: Zehn Jahre!? Das ist doch gar nicht viel. Was man heute mit einem Knopfdruck im Netz findet, das zusammenzutragen dauerte damals Monate, oft Jahre. Noch viel länger dauerte es, eine Fehlinformation auszusortieren. Es wimmelte von Fehlinformationen, Fälschungen, Übertreibungen, Erfindungen, Stilisierungen. Im Grunde reicht ein Forscherleben gar nicht aus, um dem Phänomen Jehanne wirklich nahezukommen. Und während dieser zehn Jahre hat mich Jacek allabendlich ausgiebig mit seinen Fortschritten, Kenntnissen und immer neuen Details beglückt. Und damit verbundenen Überlegungen. Zum Beispiel die Frage, ob sie am 28. Mai 1431 freiwillig Männerkleider angezogen hat oder ob sie von ihren englischen Kerkermeistern dazu gezwungen wurde. Darüber haben wir ungefähr ein halbes Jahr debattiert. Spielt für Sie keine Rolle?

Ihrereins hat andere Sorgen? Ja, ich hoffe doch sehr.

Anfangs vertraute Jacek auf Jehannes eigene Sätze, den Wortlaut ihrer Aussage im

 

Secundum Judizium, vom Montag, 28. Mai 1431

Gefragt, warum sie diese Kleidung angenommen habe und wer sie dazu gebracht habe, antwortete sie, dass sie sie aus eigenem Willen und ohne Zwang angenommen habe und dass ihr die Kleidung eines Mannes besser gefalle als die einer Frau.

Daraufhin wurde ihr vorgehalten, dass sie versprochen und geschworen habe, das Männergewand nicht wieder anzunehmen. Sie antwortete, nie von einem solchen Schwur gehört zu haben.

Als sie gefragt wurde, warum sie es wieder angezogen habe, antwortete sie, dass es ihr schicklicher erscheine, ein Männerkleid zu tragen, wenn sie unter Männern sei, als ein Frauenkleid. Auch deshalb habe sie es wieder angezogen, weil man nicht gehalten hat, was man ihr versprochen hatte, nämlich dass sie zur Messe gehen und den Leib Christi empfangen dürfe, und dass man sie aus den Fesseln befreien würde.

Ich dagegen hielt diese Stelle für eine plumpe Erfindung der Gerichtsschreiber, die alles wegließen, was zu Jehannes Verteidigung dienlich gewesen wäre.

Ich weiß noch, ihr Herz hat eine wichtige Rolle gespielt. Nein, das ist nicht metaphorisch gemeint. Ihr Herz. Das Organ. Die Blutpumpe. Moment, ich muss kurz nachdenken, wie das war. Ja, das war am 30. Mai 1931, in der Vossischen Zeitung. Irgendein Redakteur hatte seiner Leserschaft a bit of Death Porn zugemutet, indem er eine herzlose Schilderung vom 30. Mai 1431 veröffentlichte, dem Tag, als Jehanne auf dem Marktplatz von Rouen lebendig verbrannt wurde.

Der Text ging in etwa so:

Sie wurde an einen Pfahl gebunden, der auf dem Gerüst und aus Gips war,[i] und das Feuer kam über sie, da war sie bald erstickt und ihr Kleid ganz verbrannt, doch dann wurde das Feuer niedrig gehalten, und sie wurde dem Volk nackt gezeigt und alle Geheimnisse, die an einem Weib sein können oder sollen, um die Zweifel des Volkes wegzunehmen. Und als man genügend und nach Belieben sie tot, an den Pfeiler gebunden, gesehen hatte, da schürte der Henker das Feuer wieder hoch über ihre arme Leiche, die bald ganz verbrannt war, und Knochen und Fleisch zu Asche geworden.

Nirgends in dieser niederträchtig dummgeilen Darstellung ist von ihrem Herzen die Rede. Kurz zuvor jedoch hatte Jacek beim hochgeschätzten C. F. Garmann (De miraculis mortuorum: Über die Wunder[dinge] der Toten, Kirchner, Leipzig 1670) etwas ganz anderes gelesen:

Helmut  Krausser

Über Helmut Krausser

Biografie

Helmut Krausser, geboren 1964 in Esslingen, schreibt Romane, Erzählungen, Lyrik, Tagebücher, Hörspiele, Theaterstücke, Drehbücher und komponiert Musik. Von ihm erschienen u.a. „Fette Welt“ (1992), „Melodien oder Nachträge zum quecksilbernen Zeitalter“ (1993), „Thanatos“ (1996), „Der große Bagarozy“...

Pressestimmen
Die Zeit

„Jeanne ist auch ein Roman über die sterbende europäische Kultur in ihrer Herrlichkeit und Brutalität; es ist ein Roman über eine Liebe, die buchstäblich stärker ist als der Tod, weil sie 700 Jahre umspannt.“

Der Standard

„Das ihm oft als Bildungshuberei nachgesagte Eintauchen in die Geschichte, das souveräne und stilistisch atemberaubende Vexierspiel aus Gestern und Heute, Fiktion und Geschichte mündet in den geradlinigeren, dennoch lesenswerten Abenteuerroman ›Wann das mit Jeanne begann‹.“

Buchkultur

„Mit gewohnter Verve und Witz führt Krausser wieder seine Feder, vermengt leichtfüßig Phantastisches mit Realem und erzählt von Liebe, Wehmut und Hingabe.“

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