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Tage in WeißTage in Weiß

Tage in Weiß

Rainer Jund
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Tage in Weiß — Inhalt

Mit existenzieller Tiefe und literarischer Lakonie erzählt Rainer Jund Geschichten, die uns alle betreffen. Weil sie uns zeigen, was wir sind: ein Wunder, verletzlich, ein Mensch.
Eine aparte Kunsthistorikerin und ihr Mann auf Hochzeitsreise in Florenz. Zwischen dem größten Glück und der Katastrophe geht etwas verloren – die Selbstverständlichkeit des Lebens. Eine abrupte Gehirnblutung ändert für die Frau alles. Immer an ihrer Seite ein Klinik-Arzt, der in der Unfassbarkeit seines Alltags alles erlebt: Momente der Empathie, das bloße Funktionieren im Notfall, als er einem kleinen Jungen nach einer Mandel-OP das Leben rettet, die Zartheit des Abschieds einer alten Frau von ihrem geliebten Ehemann und das Wunder der Geburt.

„Rainer Jund findet eine Sprache für das, was uns im Innersten ausmacht. Literarisch, wahrhaftig und unglaublich bewegend.“ Kristof Magnusson

€ 12,00 [D], € 12,40 [A]
Erschienen am 01.02.2021
240 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-31680-4
Download Cover
€ 11,99 [D], € 11,99 [A]
Erschienen am 02.09.2019
208 Seiten, WMePub
EAN 978-3-492-99518-4
Download Cover

Leseprobe zu „Tage in Weiß“

Prolog

Als ich an seinem Krankenbett saß, ich war Student, lief das Radio, und es roch ein wenig nach Nikotin und Männersocken. Der Mann hatte gelbe Haare, keine Zähne mehr, und an der Stelle, an der normalerweise die Bindehaut ist, war eine ledrige, trübe Membran, durch die sich die Adern wie durch einen Fledermausflügel schlängelten. Er konnte nicht mit mir sprechen, da unterhalb des verwucherten Kehlkopfs eine Kanüle in seinem Hals steckte. Es war meine Aufgabe, sie ab und zu von zähem Schleim zu befreien und die Luftröhre des Alten abzusaugen. Dabei [...]

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Prolog

Als ich an seinem Krankenbett saß, ich war Student, lief das Radio, und es roch ein wenig nach Nikotin und Männersocken. Der Mann hatte gelbe Haare, keine Zähne mehr, und an der Stelle, an der normalerweise die Bindehaut ist, war eine ledrige, trübe Membran, durch die sich die Adern wie durch einen Fledermausflügel schlängelten. Er konnte nicht mit mir sprechen, da unterhalb des verwucherten Kehlkopfs eine Kanüle in seinem Hals steckte. Es war meine Aufgabe, sie ab und zu von zähem Schleim zu befreien und die Luftröhre des Alten abzusaugen. Dabei hustete er jedes Mal mit rausgestreckter Zunge, und die Adern der Bindehaut traten noch stärker hervor. An der einen Seite des Halses brach ein blau schimmernder Tumor durch die Haut. Er pulsierte mit dem Herzschlag des Mannes, als wollte er zeigen, dass dieser Körper ihm gehörte.
Auf einmal sah der Mann auf, seine Pupillen verengten sich, sein Blick wurde konzentriert, und als gäbe es etwas zu überlegen, hob er ein wenig den Kopf. Mit einem gurgelnden Geräusch schoss ihm ein bleistiftdicker Blutstrahl aus dem Hals. Im Radio lief Ich will ’nen Cowboy als Mann, als er augenblicklich begann zu verbluten.


Die Körper

Ich wachte auf und war überrascht, nicht geschwitzt zu haben. Das Tageslicht draußen war zart, über die glänzende Straße krochen Nebelflecken, die Laternen brannten noch. Vereinzelt Schritte. Türen schlugen zu. Ich wachte auf und war allein.
Alleinsein ist eine haltlose Referenz.
Die Schule war schon lange vorbei, sonst hätte am Frühstückstisch nicht Leere auf mich gewartet. Ich hätte mit meiner Mutter gesprochen und wäre danach in die Schule gefahren, von der ich immer wusste, dass sie eine Zwischenstation bleiben würde. Aber eine sichere Station. Nun saß ich ganz allein am Tisch und vernahm eine Unruhe in mir, die zu einem Raunen in den Ohren führte.

Ich hatte mit dem Medizinstudium angefangen. In München. Das war großartig, eine Chance! Das musste gut werden.
Genau so war es.
Ich spürte aber, dass mein Wille schwach war: Berauscht von den Möglichkeiten, die ich hatte, torkelte ich in eine endlose Suche hinein und begann zu ahnen, dass sie das eigentliche Ziel sein würde. Noch während ich darum rang, im Brei diffuser Notwendigkeiten zu erkennen, welche Art der Anerkennung für mich unerlässlich war, bewegte sich das Leben weiter fort und ermahnte mich nicht zum Einsteigen. Seltsam nur: Um mich herum taten die Menschen so, als sei alles ganz normal.

Hinein in einen Strudel aus Schweiß und Mundgeruch. Hinein in den öffentlichen Verkehr. Die Menschen saßen da und lasen Zeitungen. Manche starrten aus dem Fenster. Mir gegenüber eine alte Squaw, zwischen deren halb geöffneten, rissigen Lippen leise Flüche dampften. Eine Flasche fiel zu Boden, und in Sekundenschnelle roch es nach Bier. Der, dem sie entglitten war, schien mir als Einziger wirklich frei zu sein.
Die Menschen in der U-Bahn hatten offenbar Ziele. Meine Ziele waren instabil. Passiv wurde ich als kachektischer Passagier durch sie hindurchbewegt, für einen Sekundenbruchteil wurde eine Schrift lesbar, war etwas erkennbar, dann fuhr ich weiter und sah zuerst eine sich in Rauschen auflösende Haltestation und später, als die Informationen von draußen zu schnell geworden waren, mein irritiertes Gesicht in der verschmierten Scheibe.
Die Menschen in der U-Bahn fuhren in die Arbeit. In eine Versicherung, eine Bank, eine Schule, eine Firma.
Ich fuhr zu einer Leiche.

Pettenkoferstraße. Ich stieg aus. Hastete an Zeitungsverkäufern vorbei, die aus Ländern kamen, in denen die Mehrheit nicht lesen konnte. Stolperte über ausgetretene Stufen einer hundert Jahre alten Treppe, die zur Anatomie führte. Bereits vor der Tür, wo das Winterlicht durch zitternde Pappeln brach, roch man das Formalin. Anatomiekurse fanden seit langer Zeit im Wintersemester statt, wegen der Temperatur. Deshalb dampften sich die Studenten vor dem Gebäude aufgeregt in kleinen Gruppen zusammen, in Gruppen, die sich eine Leiche teilen würden, manche rauchten auch.
Darunter eine eiskalte Zauberin aus Norwegen, sie war blond, hell, und der dünne blaue Saum ihrer Augen strahlte auf mich herab. Ihr Lippenschluss war ganz leicht inkompetent und vermittelte mir den Eindruck, sie jederzeit küssen zu können. Als ich mit ihr die dicken Stufen im Institut hochging, begann ich zu schwanken. Es wehte ein Duft aus einem blütengesäumten, tiefblauen Fjord, auf dem wir beide in einem Birkenholzboot von all dem hier wegruderten, über die Formalindämpfe und meine Angst hinweg.

Die Präpariergruppe war der erste organisierte Halt für mich. Wir lernten uns am Tisch kennen, eingeteilt in Trupps zu acht Studenten. Auf dem Tisch lag jemand, der einmal jemand gewesen war. Mit einer dicken, glänzenden schwarzen Plastikfolie bedeckt. Der Präpariersaal war ein ornamentaler, denkmalgeschützter Raum, eingeteilt in mehrere Apsiden, durch deren meterhohe Milchglasfenster das Licht der Welt da draußen starb. Die Atmosphäre war ungeheuerlich. Nervosität, Anspannung, Erregung und Angst flogen wie trunkene Doppeldecker zwischen uns hin und her.
Ich stand der norwegischen Zauberin gegenüber am Tisch und spürte die Neugier auf alles, ein lächelnder Zwerg hüpfte in mir herum und ließ mich schaudern. Vor uns die Folie, darunter der Körper. Die Stimme des Professors über eine Sprechanlage, ohne Bässe, pastoral, trocken, wie das Hintergrundgemurmel eines seltsamen Priesters, dem keiner zuhören konnte. Von draußen: angenehme Straßenverkehrsgeräusche.
Die Zauberin schaute auf die Folie, die sich der ausgetrockneten Landschaft unter ihr angepasst hatte. Eine männliche Leiche.
Schließlich beendete der Professor seine Ansprache mit einem Satz, in dem die Wörter „Würde“ und „Mensch“ vorkamen. Die Assistenten traten an die Tische und hoben die Folien von den Körpern.
Vierhundert junge Menschen sahen nach unten.
Später, wenn wir, die Präpariertrupps, uns trafen und tranken und Witze machten über unsere Missgeschicke und vor allem die der anderen, sprachen wir nie über diesen ersten Moment.

Das erste Mal einen toten Menschen sehen, erforschen, bearbeiten.
Alles Läppische, das Unbedarfte, das Flanieren, es wurde im gleichen Moment zerschnitten, als wir uns dem Körper näherten, um ihn zu öffnen. Dumpfes Unbehagen. Neugier auch. Wie sind wir innen organisiert? Diese Frage brannte in mir wie das Formalin in den Augen. Da lag ein Menschenkörper, so endet alles, wir machen ihn auf, erkunden die Bestandteile, ihr Zusammenwirken, das ist ungeheuerlich.

Ich sah auf die Leiche, die Haut umbrabraun, wächsern, die Wangenknochen hoch herausragend, von gelben Wimpern bewachte, eingefallene Höhlen, in die ich mir keine Augen wünschte. Ich stand auf Höhe einer rissigen dunklen Brustwarze, die Norwegerin sah auf einen gelben Bauchnabel, in den einst, vor sechzig, siebzig Jahren, der plazentare Kreislauf der Leichenmutter mündete.
Unruhe brandete auf, ein Student entdeckte an dem dürren Oberarm des Mannes eine tätowierte Lilie. Warum eine Lilie?
Nebenan, bei der anderen Gruppe, hatte einer eine tätowierte Nummer.
Der Präpassistent trat näher an uns heran, beschrieb, was wir zu tun hatten, erläuterte Leitungsbahnen am Hals, erklärte in zwei Sätzen, wie das Besteck zu halten ist, und nahm eine Pinzette und ein Skalpell. Jeder hatte sein eigenes Präparierbesteck mitgebracht, ein Federmäppchen mit chirurgischem Werkzeug. Er griff mit der Pinzette nach einem Stückchen Haut, spannte sie zeltförmig auf und schnitt mit dem Skalpell hindurch. Nach dem Gelben kam was Helleres, dann etwas Dunkleres, der Muskel. Ich bekam einen Ort zugewiesen, an dem ich tätig wurde, begann, an der Struktur zu arbeiten, schaute den anderen Studenten zu, um dann selbst weiterzumachen. Es folgte ein ruhiges, kaum bewegtes Arbeiten, das nur selten von einer langsamen Stimme unterbrochen wurde, in deren trockenem Mund Speichelfäden klackten.
Konzentration.
In einen schwarzen Mantel gehüllt ging der Anatomieprofessor völlig lautlos von Tisch zu Tisch, ließ uns einfrieren, sah erst kenntnisreich auf das bereits Freigelegte, dann durch uns hindurch. Konnten wir einen Nerv nicht finden in dem braunen Matsch, bewegten sich nur die Unterarme und Hände des Professors, alles andere blieb so stabil und steif wie seine Mimik, und mit mausgroßen Händen operierte er flugs einen kleinen gelben Faden ans Neonlicht, spannte ihn über zwei Pinzetten auf wie ein Pfadfinder, der einen Bogen bastelt, ließ ihn nach zwei atemlosen Studentensekunden ins Fleisch zurückfallen, um einen von uns mit seinen Metallaugen bohrend anzusehen, sich umzudrehen und zum nächsten Tisch zu huschen.

Bei den Testaten am Präpariertisch wurde es im Saal sehr still, und die anatomischen Fachbegriffe, die er derart leise aus seinen kaum bewegten, fleischlosen Lippen hervorfisperte, dass man ihn dabei präzise anzusehen hatte, vibrierten für einen Moment knisternd im luftleeren Raum zwischen Prüfling und Professor, über einem ordinär ausgebreiteten Muskel oder einer eröffneten Herzkammer schwebend, um dann durch die Entlüftungsanlage zu entfliehen wie unsere Selbstsicherheit.
Die Norwegerin war geschickt, und als ich am Ende diesen ersten Tages in der S-Bahn saß, roch ich noch ihr würziges Parfum und sah ihr vor Anspannung glänzendes Gesicht, in dem ein zarter blonder Flaum schlingerte, aufmerksam an der Leiche arbeiten.

Auf der Abschlussfeier des Kurses, die Leiche war in alle Kapitel zerlegt, und wir rochen alle nach Tequila, drückte sie ihren Körper, der kein Gramm Fett aufwies, an meinen und hauchte mir einen unkonzentrierten Kuss zwischen die Lippen.


Die Liebenden

Hinter meinen geschlossenen Lidern zogen verschwommene Bilder vorbei. Ein Strom, ein Sog, ein an- und abschwellendes Gefühl, mein Bewusstsein blies mir einen frischen Moment in den Halbschlaf, dann schob sich eine farblose Stille davor. Es war vier Uhr morgens. In mir tobte ein Drängen. Ich wollte lernen, verstehen. Alles.
Daneben irritierende Fetzen, enttäuschende Gerüche. Frauenlachen. Im Hinterkopf eine flammende Säule: Alles, was ich wollte, war, ein sinnhaftes Leben führen. Eine zweite Chance darauf gab es nur außerhalb dieses Strebens.
Ich war in der Ausbildung. In einer neurochirurgischen Klinik. Ich war jung, interessiert, ein Rekrut im System.
In die Klinik hinein. Durch eine Tür, über der zwei teilnahmslose Engel aus Stein kauerten. Sofort begannen meine Sohlen, am glatt geschliffenen Steinboden zu kleben. Bademantelmenschen kamen mir wie Inselbewohner entgegen. Manche mit einer Zigarette im Mund, die nicht brannte.

Auf der Station zog ich mich schnell um, nicht ohne aus dem Augenwinkel schon gesehen zu haben, welche Schwestern heute da waren. Welche Frauen heute an meiner Seite stehen sollten.
Die Klinik war groß. Und kalt. Alles war da: Anästhesie, Neurochirurgie, Allgemeinchirurgie, Unfallchirurgie, mehrere Abteilungen für Innere Medizin, Radiologie, Onkologie, Pathologie. Sie stand am Rand des Ballungsraumes. Jeden Tag kam der Notarzt. Mit dem Auto, mit dem Hubschrauber. Brachte Menschen, die einen ansahen, als ob man sie einfach ausgeschaltet hätte, kein Gefühl mehr in den Augen.

Wenn Gefäße im Kopf platzen und Blut ins Gehirn schießt, stirbt ein Drittel, ein Drittel überlebt schwerbehindert, ein Drittel der Menschen schafft es ohne Behinderung. Manche Zusammenhänge sind leicht in Zahlen zu fassen.
Tritt eine solche Blutung auf, entladen sich entsetzliche Kopfschmerzen. Vernichtungsschmerzen.
Viele von uns haben Aussackungen der Blutgefäße im Kopf, ohne es zu wissen. Sie können ganz plötzlich reißen. Oder sie halten ein ganzes Leben lang. Wir wissen es nicht so genau. Wird bei einer Kernspintomografie zufälligerweise eine solche Aussackung gefunden, die eine bestimmte Größe überschritten hat, werden die Patienten operiert, weil das Risiko, dass das Aneurysma unkontrolliert einreißt, einfach zu groß wird.
Das Problem: Auch die OP ist riskant und birgt Probleme. Es kann sein, dass das Gefäß dabei platzt, dass Hirnanteile nicht mehr durchblutet werden. Dann entstehen Störungen, ähnlich wie bei einem Schlaganfall.
Neurochirurgen stehen ständig vor einem Dilemma. Sie entscheiden. Manchmal müssen sie das ganz allein tun, weil bei so einem Geröllhaufen von Eventualitäten kein Mensch weiß, was richtig ist. Weil das Sprechen über Risiken wie ein Schrapnell zwischen „nicht ausgeschlossen“, „vorstellbar“, „erdenklich“, „wahrscheinlich“ hin- und herkreischt. Eine solche Entscheidung, wie auch immer sie ausfällt, kann gravierende Konsequenzen haben für einen Menschen.

Die Frau, die an diesem Morgen zu uns kam, hatte rotblonde Haare. Sie war dreißig Jahre alt, hatte ebenso viele rosa leuchtende Sommersprossen und gerade in Kunstgeschichte promoviert. Über eine Skulptur. Über eine einzige Skulptur, die zwei Liebende zeigt, die sich innig umarmen, hatte diese Frau eine Doktorarbeit geschrieben. Sie wollte an der Universität bleiben, lehren, die Faszination, die Gefühle weitergeben an andere Menschen. Menschen für die Kunst begeistern. Sie wollte auch: Kinder bekommen. Gerade hatte sie geheiratet.
In den Flitterwochen, die sie in Florenz mit ihrem Mann verbrachte, bekam sie beim Betrachten eines Bildes im Duomo Santa Maria del Fiore einen Krampfanfall. Zuerst spürte sie ein Zucken im Arm. Er bewegte sich unkontrolliert. Dieses Zucken breitete sich über die Schultern bis in den Brustkorb aus. Die anderen Besucher schauten sich erschrocken um.
Sie hatte unglaubliche Angst, erlebte alles bei vollem Bewusstsein. Als ihr Mann aus einer Seitenkapelle gerannt kam, lag seine Frau auf dem Boden, der Mund offen, die Augen weit aufgerissen, sie starrten an die Wand des Seitenschiffs.
Da war Dante Alighieri. Auf dem Bild hält Dante mit steinernem Gesicht in seiner linken Hand die Göttliche Komödie und weist, mit seiner Rechten, fast verächtlich auf die Hölle und das Paradies hinter ihm.
Das sah sie aber nicht mehr, durch ihr Gehirn schossen Blitze und Stürme, unkontrollierte Entladungen schlugen wie Wellen an die Mauern ihres Bewusstseins. Sie pinkelte auf den jahrhundertealten Boden. Ihr Mann verzweifelt, um Hilfe rufend. Der vierundachtzig Meter hohe Kuppelbau des Doms wirkte unnahbar.

Als sie im Krankenhaus von Careggi aufwachte, stand ihr Mann nicht am Bett. Sondern am Schreibtisch eines Arztes. Noch bevor dieser dem frisch verheirateten Ehemann die Diagnose erklärte, war dem eleganten Etrusker die Hilflosigkeit vor Ort klar. Er zeigte ihm die Computertomografie seiner Frau. Graue Abbildungen ihres Gehirns auf schwarzer Folie. Der Mann sah den weißen Fleck erst, als der Arzt darauf deutete und ihm mit schmalen Lippen erklärte, dass seine Frau einen Blutschwamm im Kleinhirn und einen weiteren im Großhirn habe, der geplatzt sei. Dadurch sei Blut ausgetreten, das den Anfall ausgelöst habe. Mit Glück werde sie wieder ganz gesund. Auf die Frage, ob man gegen den Blutschwamm nicht etwas machen müsse, antwortete der Arzt, dass man dies in Deutschland besprechen werde.
Der Ehemann hatte gerötete Augen und spürte einen Druck im Magen, als er auf die Intensivstation ging. Sie würden seine Frau nach Deutschland zurückbringen. Zu uns, in die Neurochirurgie. Er begleitete sie.
Die Hochzeitsreise wurde dadurch nicht verkürzt, weil sie noch einige Tage in Florenz warten mussten, bis die Frau stabil genug war, um die Heimreise im ADAC-Flugzeug antreten zu können. Alles ging anders aus, als die beiden sich das vorgestellt hatten. Ihr ganzes Leben, ihre Planung, ihr Wunsch, Kinder zu haben, glücklich zu werden, veränderte sich innerhalb einer Sekunde beim Betrachten eines fünfhundertdreißig Jahre alten Bildes im Duomo Santa Maria Del Fiore.

Als sie bei uns in der Klinik ankam, war sie fast unauffällig. Kopfschmerzen und leichte Doppelbilder beim starken Seitwärtsblick. Sonst zeigte die hübsche rothaarige Frau keine medizinischen Auffälligkeiten.
Sie saß vor uns, die MRT-Bilder auf den Knien. Der Chef sah sich die Bilder lange an. Er murmelte seinem Oberarzt etwas zu. Dann drehte er sich wieder zu der Patientin und ihrem Mann um.
„Ein Hämangiom. Im Kleinhirn, da, wo die Bewegungen gesteuert werden. Blutungen in diesem Bereich können aber auch leicht den Hirnstamm mit beeinflussen, und wenn der abgedrückt wird, dann ist das lebensgefährlich.“
Die beiden schluckten.
„Das im Großhirn liegt oberflächlich, das dürfte kein Problem sein.“
Sie knüllte ein Taschentuch.
„Das Risiko, dass es an dieser Stelle noch einmal zu einer Blutung kommt, ist sehr hoch. Darum sollten wir operieren.“
Er machte keine Pause, sondern sah den Oberarzt an. Dieser murmelte wieder etwas. Die Sonne schien schräg hinter dem Rücken des Kollegen ins Krankenzimmer. Die rotblonden Haare schimmerten wie ein Korallenstock.
Ihr Mann saß so versunken da, er war kaum wahrzunehmen. Nur noch eine Hülle. Seine Augen waren matt, und man sah ihm den Kummer der letzten zwei Wochen an. Violette Schatten klebten unter seinen Lidern. Die Lippen trocken.

Zwei Wochen nach dem Aufklärungsgespräch durch den Chef der Abteilung kam sie zur Operation in die Klinik. In Begleitung ihres Mannes, dessen Konturen zerrissen wirkten, fast gegen die Umgebung verschoben. Sie stellte eine Postkarte mit den Liebenden auf ihr Nachtkästchen. Ein Mann, an dessen Schultern man jede Muskelfaser erkennen kann, drückt sein erstaunlich ausdrucksloses Gesicht an die Wange einer faltigen Frau. Sie schenkte mir eine davon. Noch Wochen später lag die Karte auf dem Beifahrersitz meines Alfas.
Sie wurde in einer zehnstündigen Operation behandelt. Sie wachte auf. Das war gut. Ihr rechtes Auge sah in eine andere Richtung als ihr linkes. Und sie konnte nicht schlucken.
Die Gründe für diese Veränderungen waren schlicht: Der Blutschwamm lag in der Nähe von Gehirnzentren, die die Augenbewegungen steuern. Und beim Eingriff waren die Nervenkerne des Glossopharyngeus zerstört worden, des Hirnnerven, der für Schluckprozesse mitverantwortlich ist.
Dieser Nerv steuert die Empfindlichkeit im Rachen, sorgt dafür, dass es uns würgt, wenn wir mit der Zahnbürste zu weit nach hinten kommen. Außerdem leitet er die Impulse für das Schlucken an die Rachenmuskeln weiter. Was das bedeutet, wenn beide Kerngebiete dieses Nervs – der Mensch hat zwei, auf jeder Seite einen – ausgefallen sind?
Man kann nicht trinken, weil das Wasser einfach in die Lunge läuft. Man verschluckt sich und spürt, wie unangenehm es ist, kann aber nichts dagegen machen. Man kann nicht essen, weil man gar nicht schlucken kann. Der Reflex wird einfach nicht ausgelöst. Das Essen klebt wie ein Pappeknödel im Mund, und wenn man diesen nach hinten schleudern würde, bliebe er auch da liegen. Man könnte nicht schlucken, man könnte nicht würgen, das Essen würde den Weg verkleben. Bevorzugt den Weg in die Lunge. Man ist nicht mehr lebensfähig.
Ihr Zustand war grauenhaft. Sie lag im Bett. Ihr rechtes Auge sah nach rechts, aus dem Fenster hinaus. Ihr linkes Auge sah nach links oben, zur Decke hin. Beide Augen tränten ohne Unterlass. Ihre Haut war aufgequollen und verpickelt durch das Kortison, das wir geben mussten, um eine Schwellung im Kopf zu verhindern. Die Sommersprossen waren verschwunden. In ihrer Nase steckte eine Magensonde. Sie war tracheotomiert. Permanent musste sie abgesaugt werden, was dazu führte, dass ihr roter Kopf noch röter wurde und sie unheimliche Grunzlaute von sich gab, die heiser klangen. Der Grund dafür war eine Lähmung des Vagusnervs und damit auch des Recurrens-Astes, der die Bewegung der Stimmlippen steuert. Sie würde nie wieder normal sprechen können.
Ich saß an ihrem Bett. Ich sah in ein Auge. Das andere blickte auf die Fotografie der Liebenden. Ihre Augen schwammen in einem Tränensee. Aus ihrem Tracheostoma blubberte es bedrohlich. Die Maschinen gaben ständig Alarm, es bimmelte, dann erschien eine Intensivschwester, die zehn solcher Patienten betreute, und stellte das Geräusch mit muffigem Gesicht durch einen Knopfdruck wieder aus.
Ich sah das Bild an. Die Liebenden. Sie sah es auch, glaube ich.

Und dann passierte etwas Unheimliches. Ganz zart, langsam, tastend nahm sie meine Hand. Drückte sie kurz. Und ließ sie wieder los. Vielleicht wollte sie mir damit sagen, dass alles, alles, alles auf dieser Welt, selbst die Schönheit und die Liebe und alle Wertschätzung, die wir aufbringen können, vergänglich ist. Dass Paradies und Hölle nur durch einen millimeterdicken Nerv voneinander getrennt sind. Vielleicht standen in ihren Augen Tränen, weil sie sie durch die Nervenschädigung kaum schließen konnte. Vielleicht weinte sie aber auch. Vielleicht war sie unendlich traurig darüber, wie profan das Schicksal sein kann, eine göttliche Komödie.
Ein kleiner, einige Millimeter großer Blutschwamm löschte alles aus. Riss die Liebenden auseinander. Zerstörte erst den einen, ließ den anderen, nach Hoffnung ringend, zurück und beachtete ihn gar nicht mehr. Und die Frage nach dem Warum bimmelte so regelmäßig in ihrem Kopf wie die Alarmfunktion der Infusionsmaschinen. Aber wir konnten ihr keine Antwort geben; stattdessen schickten wir Phrasen wie bunte Pfeile, die ihre Suche für ein paar Minuten ausschalteten.
Später, auf der Station, traf ich den Ehemann. Er war deutlich gefasster. Er erkundigte sich nach Pflegeheimen, die seine Ehefrau aufnehmen konnten. Das Leben muss weitergehen, sagen viele Menschen in solchen Momenten. Vielleicht stimmt das gar nicht. Vielleicht muss das Leben gar nicht weitergehen, vielleicht muss es einfach gar nichts.
Nichts.
Nur eines müssen wir: ein Wunder sein. Verletzlich sein. Sterben.


Sekunden

Ich wollte am Kopf bleiben, am Zentrum. Und ging nach meiner Zeit in der neurochirurgischen Abteilung an die Kopf-Hals-Klinik. An einem schönen Tag war ich länger geblieben, bis mich die Schwester auf der Station zu einer Patientin rief.
Als ich in das Krankenzimmer gerannt kam, war das mittlere Bett leer. Am Fenster stand eine Patientin im Jogginganzug, die Hände seltsam vor der Brust verschränkt, vibrierend. Im Bett an der Tür döste eine Frau, deren Perücke im Liegen verrutscht war. Aus dem Bad hörte ich den voll aufgedrehten Wasserhahn rauschen. Ich riss die gewichtslose Tür auf. Eine Frau auf einem Hocker klammerte sich an das Waschbecken wie an einen Rettungsring. Die Keramik mit dunklen Flecken besprüht. Alle drei Sekunden spuckte sie einen Esslöffel hellrotes Blut in den Wasserstrahl. Sie registrierte mich nicht. Im Spiegel über dem Becken konnte ich kurz ihr Gesicht erkennen, das sehr konzentriert wirkte. Sie spuckte wieder aus.
Es war nicht schwer zu verstehen, was passiert war. Vor einigen Tagen war sie im Rachen operiert worden, eine gutartige Vergrößerung des Zungengrundes wurde verkleinert. Hinten im Rachen, wo die Zunge ihre Wurzel hat. Direkt über dem Kehldeckel, dem Eingang in die Luftröhre. Da musste ein Blutgefäß aufgegangen sein. Es musste gar nicht groß sein, konnte der Frau aber direkt in die Atemwege bluten. Nicht stark, nur gerade so viel, dass sie es nicht mehr abhusten konnte. Blut gerinnt auch in der Luftröhre. Sie begann zu ersticken. An ihrem eigenen Blut.
„Machen Sie bitte den Mund auf“, schrie ich.
Sie sah mich an. Schien teilnahmslos. Keine Panik. Eng gestellte Pupillen durch das Adrenalin. Sie sah einfach nur hilflos aus, verwirrt.
„Mmhmh.“
Ein blutiger Klumpen auf meiner Hose. Hinter mir ein Schrei, ich drehte mich um, die Bettnachbarin stand in der Tür, hielt sich die Hände an die Wangen und schrie. Die Lampe über dem Spiegel surrte mürrisch.
Die Frau am Waschbecken blutete weiter aus dem Mund, ich stand neben ihr. Auf ihrem hellblauen Blumennachthemd oszillierte ein ganzes Sonnensystem roter Punkte. Sie klatschte mit ihrer Hand auf den Rand des Beckens. Der Wasserstrahl schäumte. Sie trommelte. Ich riss die Tür zum Stationsgang auf und schrie nach der Schwester.
„Den Herzalarm. Schnell.“
„Warum?“
„Schnell, den Herzalarm.“
Die Frau wurde bleich im Gesicht. Das kalte Wasser spülte das Blut nicht mehr weg. Bizarre tiefrote Figuren schillerten auf weißem Grund. Die Frau kippte vom Hocker. Ich griff ihr unter die Arme und schleifte sie aus dem Bad. Legte sie auf den Boden in die Mitte des Zimmers. Sie ließ Urin und Stuhl unter sich zurück. Atmete nicht mehr.
Sie atmete nicht mehr.
Ihre Augen standen halb offen.
Ich öffnete ihren Mund, wischte Blutklumpen heraus. Sauger. Intubieren. Schnell.
Schnell!

Wenn Zeit eine lebensbedrohliche Größe wird, werden Sekunden zur Ewigkeit. Sekunden, die sonst vergehen, schnell, zu schnell, ohne dass wir es bemerken.
Ich wartete und wischte. Sie atmete nicht mehr.
Minuten, Stunden, vor dem Fernseher arglos, massenhaft vergeudet. Tagträumend. Zeitgleich, an anderer Stelle, zählt jede Sekunde. Wenn das Gehirn bei Zimmertemperatur keinen Sauerstoff mehr bekommt, wenn man nicht mehr atmet, dann beginnt es zu sterben. Nach zwei Minuten. Nicht viel Zeit, in der das Leben aus einem Menschen flüchtet, geräuschlos und unbemerkt.

Die Tür wurde aufgeschlagen. Der Herzalarm. Ein Anästhesist, eine Schwester. Beide mit einem roten Notfallrucksack. Sie stießen Stakkatosätze aus.
„Intubieren.“
„Sauger!“
Eine Sekunde verglühte.
„Saugen, schnell.“
Ein kleiner Sauger wurde ins Zimmer gefahren. Sie versuchten, den Mund frei zu machen. Große, braunrote Klumpen. Mit dem Finger ausgeräumt.
„Laryngoskop. 6,5er-Tubus!“
Intubation, endlich konnten wir anfangen. Der Anästhesist ging mit dem Laryngoskop in den Rachen, an seiner Spitze sitzt ein kleines Lämpchen. Er zog es wieder raus, das Lämpchen blutverschmiert.
„Saugen.“
Wieder rein.
„Ich seh nichts. Ich seh nichts.“
„Saugen.“
Das Lämpchen abwischen. Die Schwester reichte einen neuen Tubus.
Zwei Minuten vergehen schnell. Verlöschen restlos, unaufhaltsam.
„Bin drin.“
Wir versuchten zu beatmen. Hörten die Lunge ab. Wir hörten nur das Brodeln des Blutes in ihrer Lunge. Einer begann mit der Herzdruckmassage. Der Nachtrock der Frau war einmal blau, mit Blumen. Jetzt hatten alle rote Tupfer bekommen. Die Blüten flatterten im Rhythmus der Druckmassage.
Der Bauch blähte sich auf. Wir hörten noch mal ab. Wir hatten in den Magen beatmet, nicht in die Lunge. Nicht lange zwar, aber die Zeit quoll einfach weiter aus ihrem Körper heraus, von Anfang an gegen uns. Den Tubus ziehen. Sauber wischen. Wieder absaugen. Wieder intubieren. Jetzt richtig. Abhören.
„Ich glaub, wir sind drin.“
Beatmen. Drücken. Drücken.
Wir fuhren los, in den OP. Eine Anästhesieschwester saß rittlings auf dem Bett und drückte hundertmal in der Minute auf den Brustkorb der Patientin.
Während ich mich umzog, überlegte ich, was wir tun sollten. Die Blutungsquelle sichern. Den Blutfluss stoppen, aufhalten. Während die Anästhesisten den Kreislauf stabilisieren. Wenn es noch einen Kreislauf gibt.
Im OP: ein regelmäßiges Geräusch. Der Puls. Das war gut. Ich schlüpfte in die Handschuhe. Mit einem Rohr, in dem ein starkes Licht untergebracht ist, untersuchte ich Rachen und Schlund der Frau. Am Zungengrund ragte ein kleines, halmartiges Gefäß aus der Schleimhaut. Auf ihm thronte ein kleiner Blutstropfen. Es spritzte nicht. Nicht mehr. Mittlerweile mussten sich Thromben im Gefäß gebildet haben, die es verschlossen hielten. Das war nur möglich, weil sie keinen Blutdruck mehr hatte.
Ich legte einen Faden um das Gefäß und zog ihn zu einem Knoten. Und noch einen. An einem Faden hing das Leben sowieso.
Sie kam auf die Intensivstation.
Sie war hirntot. Wurde beatmet.

Ich besuchte die Frau. Auf dem Nachttisch Kinderfotos und ein Katzenbild. Ihr ganzes Leben.
Einige Tage später stellte sich heraus, dass sie nach ihrer ursprünglichen Operation durch eine Infusionsnadel eine kleine Venenentzündung bekommen hatte. Sie wurde deshalb mit Heparin versorgt, damit sich keine Thromben bilden konnten.
Der Stationsassistenzarzt hatte ihr viel zu viel Heparin gegeben. Das setzte die Gerinnungsfähigkeit des Blutes stark herab. Die Prothrombinzeit, die in Sekunden anzeigt, wie schnell das Blut gerinnt, war massiv verlängert. Was normalerweise schnell geht, dauerte jetzt viel zu lange.
Kann aber auch sein, dass das gar nichts mit dem Ereignis zu tun hatte. Nachblutungen gibt es immer wieder. Schicksalhaft.
Der erste Operateur und der Stationsarzt haben die Frau nie wieder gesehen. Und auch nicht auf der Intensivstation besucht. Einige Tage später riefen mich die Angehörigen an. Ihr Mann bedankte sich am Telefon. Aufrichtig. Hoffnung schwelte in seiner Stimme. Oder Unwissen. Ich wusste nicht, was ich hätte anders machen sollen.
Ich konnte ihr nicht schnell genug helfen.
Hilfe.

Rainer Jund

Über Rainer Jund

Biografie

Rainer Jund, geboren 1965, studierte Medizin und Wissenschaftsmarketing. Nach seiner Ausbildung an der Universitätsklinik München praktiziert er heute als HNO-Arzt. In den letzten Jahren näherte er sich seinem Beruf zunehmend auch erzählerisch. Er lebt mit seiner Frau, ebenfalls Ärztin, und ihren...

Interview mit Rainer Jund zu seinem Buch, seinem Blick auf den Menschen und dazu, was Medizin und Literatur verbindet:

Herr Jund, neben der Schriftstellerei arbeiten Sie hauptberuflich seit vielen Jahren als Arzt. Was brachte Sie dazu, darüber ein literarisches Buch zu schreiben?

Die Beziehung zu vielen Patienten und deren Geschichten war bei mir mit der Unterschrift unter einem Arztbrief nicht besiegelt. Ich wollte mehr erforschen, die Flächen dahinter illuminieren und die Besonderheit, die Dichte und auch die Poesie beschreiben, die die Medizin ausmacht. Und damit uns Menschen ausmacht, denn Medizin handelt in erster Linie vom Menschen und dessen Fragilität. Die Sehnsüchte und die Auflehnung lassen sich für mich nur literarisch bewältigen. Aufhören zu schreiben, würde für mich auch bedeuten, mit dem Hinhören aufzuhören, die Entdeckung zu stoppen.

 

Das bedeutet, die Geschichten Ihrer Erzählungen sind alle wirklich so passiert?

Keine der Geschichten ist auf einem bodenlosen Loch – aus dem Nichts – konstruiert, alle könnten sich medizinisch und soziologisch exakt so ereignet haben. Sie hätten so geschehen können und es gibt noch unendlich viele andere. Spielt es dann eine Rolle, ob die Figuren und ihre Hoffnung, ihre Erlösung oder ihr Leid, auf dem Papier identisch mit realen Begebenheiten in der Klinik waren? Es war eher ein Mikroskopieren: Ich habe versucht, die Wirklichkeit, egal wie sie gewesen ist, in verschiedenen Vergrößerungen zu durchleuchten.

 

Was macht das Krankenhaus als Handlungsort so spannend? Was erfährt man dort über die menschliche Existenz, das man andernorts nicht erfährt?

Nirgendwo ist die existenzielle Dichte höher als in der Medizin. Die Notwendigkeit, nach einem Sinn und Grund zu fragen - obwohl man vor Stunden noch gedankenverloren ein Eis essen war - bricht über uns mit kalter Unbarmherzigkeit herein. Wie reagieren die Betroffenen, die Liebenden, die Heiler darauf? Welche Möglichkeiten lässt uns das von uns geschaffene System und wo verletzen wir uns an unsichtbaren, rauen Wänden, die dort gemauert sind? Für Beobachtungen, die wir auf drei, vier Seiten in der Klinik machen können, bräuchten wir andernorts Jahre.

 

Die Figuren in Ihren Erzählungen erleben sehr unterschiedliche Situationen: Momente der Heilung, der Empathie, Momente des Verlusts und Notfälle – wie verändert sich als Arzt der Blick auf den Menschen?

Der Blick ist am Anfang unbedarft und neugierig, voller Motivation, das zu lernen, was man zur Erfüllung seiner Aufgaben braucht. Schnell lernt man zu fokussieren, nimmt einen millimetergroßen anatomischen Bezirk des Menschen in den Blick, und erst später das große Ganze. Überwindet man die ersten Erfolge, die Technik, die Routine, wird der Horizont frei. Demut und Respekt tauchen auf.

 

Und ist die Literatur besonders geeignet, diesem neuen Blick Ausdruck zu verleihen?

Wir ahnen, dass unser Wissen immer unvollendet bleiben wird. Das ist der Grund, warum das Träumen, das Lesen und das Schreiben so wichtig sind. Es sind die effektivsten Formen, die wir gefunden haben, von dem vorübergehenden Schauspiel, in dem auch der Tod eine Hauptrolle einnimmt, den Blick abzuwenden und in schöne, liebevolle Welten zu sehen. Die unbedingte Hingabe an das Leben, der bedingungslose Wunsch, untersuchen und helfen zu wollen - übrigens ureigene ärztliche Ideale - lassen sich literarisch ordentlich beschreiben. Nur mit Hilfe literarischer Formen kann ich die Figuren aus den Geschichten reanimieren und ihnen ermöglichen, mit dem Leser weiterzuleben und einen Teil der Rätsel, die das Dasein für uns birgt, zu entschlüsseln.

 

„Wir sind alle Patienten“ heißt es zu Beginn Ihres Buches, und man spürt beim Lesen eine unheimliche Nähe zu den Figuren. Gleichzeitig agieren einige Ärzte immer wieder sehr distanziert. Wie wichtig waren Ihnen in der literarischen Bearbeitung der Umgang mit Empathie und Nüchternheit?

Empathie ist der wichtigste Inhalt. Es ist die zentrale Substanz des Labors, in dem der Erzähler sitzt und seine Figuren analysiert. Aber sie hat eine Halbwertzeit! Mit zunehmender Professionalisierung stellt sich eine Rollendistanz ein, die es erlaubt, effizient mit Menschen zu arbeiten. Es gibt kein Problem, das man nicht auch schnell beschreiben könnte. Zusammenhänge lassen sich in Zahlen fassen. Auch die Risiken, selbst zum Teilnehmer in einer solchen Geschichte zu werden. Die Sprache in den Texten soll zwischen Nüchternheit und Anteilnahme hin und her führen, auch Unzufriedenheit erzeugen. Als Leser kommt man mit dem Zuhören gar nicht mehr nach, obwohl man umso mehr erlebt, je mehr man zuhört. Und dann wird es möglich, auch das Zärtliche zu erkennen, durch die knisternde Schicht aus Bedürfnissen und Ängsten hindurchzuspähen und das verletzliche Wunder zu sehen. 

Bei der Widmung hatte ich bereits Gänsehaut...

"Bei der Widmung hatte ich bereits Gänsehaut. Den restlichen Text musste ich in einem Zug lesen. Förmlich inhalieren. Ich konnte mich einfach nicht losreißen. Diese Millimeterentscheidungen, die in unserem Körper andauernd getroffen werden. Die alles wie ein Wunder erscheinen lassen undgleichzeitig so ungerecht sein können. 
Rainer Jund zeigt uns die unendlichen Facetten, die diese ganzen Patientengeschichten, die uns alle, ausmachen. Und die uns am Ende des Tages nicht nur zu Patienten machen, sondern zu Menschen. Letztlich schafft es jeder auf seine Weise und lässt einen entscheidenden Teil bei uns zurück. Die Lektüre von „Tage in Weiß“ hat mich tief bewegt. Es lässt einen nichts vergessen und trotzdem so viel hoffen." Caroline, Marketing

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