Lieferung innerhalb 2-3 Tage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich
Blick ins Buch
Aufschrei in AscotAufschrei in Ascot

Aufschrei in Ascot

Kriminalroman

Taschenbuch
€ 10,00
E-Book
€ 8,99
€ 10,00 inkl. MwSt.
Lieferzeit 2-3 Werktage
Jetzt kaufen Im Buchshop Ihrer Wahl bestellen
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen
€ 8,99 inkl. MwSt.
sofort lieferbar
Jetzt kaufen
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen

Aufschrei in Ascot — Inhalt

Eine Nation in reger Betriebsamkeit: England rüstet sich für das Pferderennen von Ascot! Die Jockeys sind in Topform, die Pferde werden bis zur Ermüdung gestriegelt und die Modistinnen legen Nachtschichten ein – nur einer hat sich diesen ereignisreichen Tag für eine ganz und gar unglamouröse Tat ausgesucht: Noch vor dem Anpfiff wird ein beliebter Sportmoderator erstochen. Und ausgerechnet Reitmuffel Arthur gerät mitten in die Ermittlungen ...

 

€ 10,00 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 08.06.2015
Übersetzer: Rudolf Katzer
272 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-30667-6
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 02.06.2014
Übersetzer: Rudolf Katzer
272 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-96475-3

Leseprobe zu »Aufschrei in Ascot«

1

Steife Hüte


Ein Sport für Kumpel und Könige «, lacht Mathilda. » Der

Fabrikarbeiter jubelt neben dem Fabrikbesitzer – wo gibt es so was sonst auf der Welt ? «

Mathilda lacht das Mathilda-Lachen, das ich fürchte, weil es unangenehm viel Aufmerksamkeit auf uns lenkt. Ihr Lachen beginnt tief unten in der Körpermitte, kehlig arbeitet es sich empor, bis es als grelles Quieken aus ihrem Mund schießt und jeden, der sich in Reichweite einer Achtelmeile befindet, irritiert. Ich sage dies in vollem Bewusstsein, dass Mathilda meine ältere Schwester ist: Ihr [...]

weiterlesen

1

Steife Hüte


Ein Sport für Kumpel und Könige «, lacht Mathilda. » Der

Fabrikarbeiter jubelt neben dem Fabrikbesitzer – wo gibt es so was sonst auf der Welt ? «

Mathilda lacht das Mathilda-Lachen, das ich fürchte, weil es unangenehm viel Aufmerksamkeit auf uns lenkt. Ihr Lachen beginnt tief unten in der Körpermitte, kehlig arbeitet es sich empor, bis es als grelles Quieken aus ihrem Mund schießt und jeden, der sich in Reichweite einer Achtelmeile befindet, irritiert. Ich sage dies in vollem Bewusstsein, dass Mathilda meine ältere Schwester ist: Ihr Lachen ist schuld daran, dass wir uns so selten sehen.

Aber einmal im Jahr komme ich an einem Treffen nicht vorbei. Dann reist Mathilda aus London an und wir besuchen gemeinsam den Cheltenham Gold Cup, das wichtigste Pferderennen unserer Grafschaft. Ich bin Harold Phi-
lipp ­Arthur Escroyne, der 36. Earl of Sutherly, und wenn jemand wie ich nicht zum traditionsreichen Gold Cup erscheint, ist die Welt der Briten nicht mehr in Ordnung. Jedes Jahr im März hole ich daher die Verkleidung aus dem Schrank, die für standesbewusste Besucher des Derbys zwingend ist: historisch, hysterisch traditionell, hassenswert unbequem. Als Dresscode für Herren gilt: Wessen Anzug ebenso gut in einen Gentleman’s Club des 19. Jahrhunderts passen würde, der macht es richtig. Verpönt sind putzige Farben wie Burgunderrot oder Lapislazuli. Ein kräftiges Mausgrau, eventuell auch ein Steingrau machen einen Cutaway fürs Derby tauglich. Man wähle einen Dreiteiler, der Westenschnitt gerade über dem Bund verlaufend, farblich dem Anzug angepasst. Krawatte ist Norm, Halstuch tragen nur Dandys. Dazu schwarze Schuhe – teure schwarze Schuhe, der Engländer kann es riechen, wie viel Pfund man für ein Paar gute Schuhe hingeblättert hat.

Während ich mich alljährlich in diese Uniform zwänge und mir mit Zylinder wie ein viktorianischer Armleuchter vorkomme, löst mein Mummenschanz bei einer bestimmten Person die reine Schadenfreude aus – Rosy. Rosemary Daybell, meine Verlobte, lacht sich kaputt, wenn ich mich derart zurechtmache. Sie ist leitender Detective Inspector bei der Mordkommission von Gloucestershire; ihre bevorzugte Uniform besteht aus einer alten Motorradjacke, Jeans und festen Schuhen. Rosy war noch nie beim großen Derby von Cheltenham. Sie findet den Rummel lachhaft und die Aufmachung affig. Sie respektiert jedoch, dass ich dorthin muss. Auch in diesem Jahr.

Eine Stimme ertönt aus den Lautsprechern. » Alle zusammengenommen haben die Pferde, die jetzt an den Start gehen, hundertfünfundvierzig große Rennen gewonnen, von denen Wüstenblume allein vierunddreißig für sich entscheiden konnte, davon allerdings nur zwei auf dem linken Kurs, der wegen seiner Haarnadelkurve als der schwierigere gilt. «

Eine Stimme, die jeder kennt und jedermann hören will. Was wäre der Cheltenham Gold Cup ohne die Stimme von Fulke Tyndall, der Legende unter den Sportmoderatoren ? Eine Legende, die gerade mal vierzig Jahre alt ist. Ob in Cheltenham, in Ascot oder Wimbledon: Tyndall ist der Mann, der den großen sportlichen Events stimmliche Würde ver-
leiht.

Er kündigt das Starterfeld an. » Nummer eins: Black Humour, geritten von John Bratt. Nummer zwei: Cargehavillahow, der sechsjährige Araber mit dem unaussprechlichen Namen, geritten von Peter Swaney. Nummer drei: Rushing Wild, der Hengst aus dem Reitstall von Anthony Keogh, zugleich der Gewinner des Vorjahres. Der Jockey ist Adam Dunswood. Nummer vier: Cherryflower, ihn reitet der unverwüstliche Mark Crully, um dessen Gesundheit wir uns in den letzten Monaten Sorgen machten. Heute tritt er in den Farben der Herzogin von Westminster an. Nummer fünf – «

Man lauscht Tyndall wie einem modernen Märchenonkel. Er ist imstande, die Tatsache, dass zwanzig Pferde gegeneinander antreten, in Poesie zu verwandeln. Man lauscht ihm, obwohl der Lärm, der Rummel und die Attraktionen auf dem Racecourse beträchtlich sind. Ausverkauft bis auf den letzten Platz, haben sich die Tribünen längst gefüllt.

Es gehört zum Ritual des Gold Cup, dass kurz vor dem Start eine kleine Pause eintritt. Fulke Tyndall kommentiert sie mit den Worten: » Nun ist es uns vergönnt, noch einmal unser Glas zu füllen, einen letzten Blick auf unser Auto zu werfen, das wir für die Gold-Cup-Wette vielleicht verpfändet haben. ­Einige von uns tätscheln ihrem Champion die Flanke und flüstern ihm Zauberworte ins Ohr, die ihn wie der Wind über die Distanz von drei Meilen und zweieinhalb Achtelmeilen fliegen lassen werden. Ich melde mich in wenigen Minuten wieder. Mein Name ist Fulke Tyndall, und das ist das Derby von Cheltenham. «

Mathilda schlingt ihren Cashmereschal um die Schultern. » Ich möchte etwas trinken. « Der Tag ist klamm, die Rennbahn nach dem nächtlichen Regen immer noch aufgeweicht.

Auf Mathildas Wunsch hin winke ich dem Mädchen in der gelb-grünen Uniform, das mit einem Tablett vorbeiläuft. » Was willst du denn haben ? «

» Einen Tipping Tim. « Mathilda gibt mir ihr leeres Glas.

» Ich weiß nicht, ob die so knapp vor dem Rennen noch Longdrinks mixen «, gebe ich zu bedenken und hebe das Glas. Das Mädchen eilt an mir vorbei, ohne von mir Notiz zu nehmen.

» Könntest du mir den Drink nicht holen ? « Mathildas bittende Kopfbewegung lässt sie aussehen wie ein Lama, das sich verschluckt hat.

Meine Schwester weiß nur zu gut, dass es mir seit meiner Kindheit Schwierigkeiten bereitet, mich durch eine Menschenmenge zu kämpfen und mich in eine Schlange einzureihen. Sie weiß, dass ich es hasse, knapp vor einem wichtigen Ereignis losgeschickt zu werden. Sie weiß, dass ich wegen ihres blöden Drinks den Beginn des Rennens verpassen werde. » Es geht bestimmt gleich los «, erwidere ich lahm.

» Diese Pause dient zu nichts anderem, als dass die Bar noch einmal ordentlich Kasse macht «, erwidert sie mit unerbittlichem Lächeln.

» Einen Tipping Tim also ? « Seufzend verlasse ich meinen Platz und beginne eine Litanei an Entschuldigungen. » Verzeihen Sie. Darf ich mal ? Ich müsste hier bitte durch. Wären Sie so nett ? «

Mathilda behauptet, in Cheltenham stünden Kumpel und Könige dicht an dicht. Ich gewinne den Eindruck, dass die Kumpel heute in der Überzahl sind. Ohne Knuffen und Drängeln ist ein Durchkommen unmöglich. Plötzlich heben die Leute die Köpfe, Damenhüte wippen nach oben, so mancher zeigt in die Luft. Ich folge dem Fingerzeig. Über dem Racecourse ist ein Paraglider aufgetaucht. Sollte er womöglich hier landen wollen, vielleicht als Werbegag ? Der Luftfahrer dreht eine kühne Runde, sein Schirm ist ein motorisiertes Modell. Er winkt dem Publikum zu, offenbar will er sich das Rennen aus der Vogelperspektive ansehen.

Ich dagegen werde gar nichts davon sehen, wenn ich mich nicht sofort um Mathildas Drink kümmere. An der Bar ist der Andrang so groß, dass man das Ende der Schlange schwerlich erkennt. » Verzeihung, stehen Sie hier an ? «, frage ich einen potenziellen König.

» Was denkst du denn ? «, antwortet der Typ und entblößt eine Zahnlücke.

» Dann komme ich also gleich nach Ihnen dran. «

Zahnlücke bläst mir seinen Bierfusel ins Gesicht.

Ich habe nicht den Schatten einer Chance, rechtzeitig vor dem Rennen noch einen Tipping Tim zu bestellen, außer es träte eine unerklärliche Verzögerung ein. Als ich mich endlich an den Tresen herangearbeitet habe, zeigt die große ­Digitaluhr Schlag 11:00 Uhr. Jetzt müsste das Rennen beginnen. Hastig nehmen die Leute ihre Flaschen, Pappbecher und Gläser mit, während ich stille Verwünschungen gegen meine Schwester ausstoße. In diesen Sekunden sollten die Pferde in Position gebracht werden, der Startrichter sollte die Pistole heben, und wir müssten eigentlich die Stimme von Fulke Tyndall hören. Doch auf der Bildwand wird nicht das Renngeschehen gezeigt, sondern ein Schwenk über die Ehrentribüne. Dort sitzt der Herzog von Beaufort samt ­einem Anhang junger Marquisen. In der Loge daneben erkennt man einen beliebten Popstar. Nun springt das Bild zum Sattelplatz, im Vordergrund wird ein Rappe mit der Nummer 3 sichtbar.

» Wieso ist Rushing Wild noch nicht am Start ? «, rätselt die Zahnlücke neben mir.

» Was darf es sein, Sir ? «, fragt mich der Bierzapfer.

» Kann ich bitte noch einen Tipping Tim bekommen ? «

» Hier können Sie alles kriegen, sogar Stutenmilch. « Der Mann nimmt ein paar Flaschen aus dem Regal und mixt Mathildas Lieblingsdrink.

Währenddessen glotzt Zahnlücke zum Monitor hoch. » Was soll nur aus diesem Land werden, wenn nicht mal der Gold Cup pünktlich anfängt ? «

Draußen wird es unruhig. Die Leute diskutieren über die Verzögerung. Damenhüte wippen auf und ab. Mit Regenschirmen wird auf die Bildwand gedeutet. Dort sieht man den Leiter der Rennkommission mit Telefon am Ohr, seine Stirn ist sorgenvoll gekräuselt, der Blick ratlos.

In Ermangelung interessanterer Bilder schwenkt die Kamera ein weiteres Mal die Ehrentribüne ab, schwenkt weiter und weiter – und fängt eine Frau ein, auf deren Kopf sich rotbraune Gewitterwolken türmen. Wild ist ihr Haar, entschlossen ihr Blick. Diese Frau hat es eilig. Während sie auf das Hauptgebäude zuläuft, hängen ihre Jeans tief auf den Hüften, die Lederjacke hat sie über die Schulter geworfen. Diese Frau ist weder irritiert noch verunsichert durch das Geschehen, diese Frau hat ein Ziel. Sie ist nicht wegen des Derbys hier, so viel steht fest. Der Gold Cup ist ihr einerlei. Bevor sie im Gebäude verschwindet, fährt sie sich durchs Haar. Diese Frau ist Detective Inspector Rosemary Daybell, meine Verlobte.

 

 

2

Den Tod vor Augen


W em gehört diese Brille ? « Rosy achtet darauf, nicht ins Blut zu treten.

» Es ist seine eigene. « Eine elegante Frau, Hochsteckfrisur, dunkelblaues Kostüm, tritt zu den Polizisten. » Die Brille gehört Fulke, da besteht kein Zweifel. «

» Und Sie sind … ? « Rosy und die andere Frau sind etwa gleich alt.

» Stefania Eccles. Ich leite das Studio. «

» Sie übertragen das Derby von hier aus ? «

Die andere nickt. » Wir übertragen zu den Screens auf dem Racecourse und zu den lokalen Sendern. Beim Gold Cup geht das Programm natürlich landesweit über die Bildschirme. «

» Hat Mister Tyndall vorhin für Sie moderiert ? «

» Ein Gold Cup ohne Fulke Tyndall wäre kaum vorstellbar. « Die Frau mit den strengen Zügen wirft einen Blick auf die Leiche. » Bis heute. «

Rosy sieht sich um. Ein Schminktisch, ein Wandschrank, in der Ecke ein Fernsehschirm. » Ist das Mister Tyndalls Garderobe ? «

» Und zugleich sein Ruheraum «, antwortet Mrs Eccles. » Hierher zog er sich zwischen den Moderationen zurück. «

» Der Moderator hatte einen eigenen Ruheraum ? « Rosys Assistent, Sergeant Ralph Bellamy, hält Block und Bleistift gezückt.

» Was Fulke sich wünschte, bekam er auch. « Mit einem Ruck wendet sich die Sendeleiterin ab. » Verzeihen Sie. Sein Anblick … «

Fulke Tyndall hängt leblos im Sessel. Seine Augen sind offen, Angst und Schmerz haben sich in sein Gesicht gegraben. Aus seinem Hals ragt der Bügel einer dunklen Hornbrille.

» Der Brillenbügel muss die Halsschlagader getroffen haben «, sagt Ralph. » Das würde den hohen Blutverlust erklären. «

» Wo bleibt Jock ? «, wendet Rosy sich an ihr Team.

Jock, der Polizeiarzt, Jock, das Urgestein der Forensiker, sonst der Erste am Tatort, ist noch nicht bei der Arbeit.

» Vielleicht steckt er im Stau «, sagt der Ältere von der Spurensicherung, den sie auch den Onkel nennen.

» Vielleicht steckt er im Stau «, echot sein Neffe, ebenfalls Spurensicherung.

Plötzlich ist eine laute Stimme von draußen zu hören. » Detective ! Ich muss Sie sprechen, Detective ! «

Rosy wendet sich zur Tür, wo zwei Constables einen Mann zurückhalten.

» Das ist Mister Hennessy «, erklärt Mrs Eccles. » Der Leiter der Rennkommission. «

Die Kommissarin weist die Polizisten an, ihn durchzulassen. Herein stürzt eine Bulldogge im Cutaway. Charles Hennessy hat eine knubbelige Nase, Hängebacken und rot unterlaufene Augen. Sein Gesicht leuchtet in der Farbe seines Lieblingsrotweins. Er ist gerannt. Kaum jemand hat Mr Hennessy je rennen sehen. » Grundgütiger «, keucht er beim Anblick des Toten. » Was sollen wir nur tun ? «

Rosy beäugt ihn skeptisch. » Was Sie tun sollen, Sir ? Wie meinen Sie das ? «

» Wissen Sie, was da draußen los ist ? Siebzigtausend Menschen erwarten, dass das Rennen anfängt ! «

» Hier ist ein Mord geschehen, Sir. Ich fürchte, Sie werden die Leute darüber informieren müssen. «

» Die haben Eintritt bezahlt ! «

» Für ein Spektakel «, wendet Ralph ein. » Ein toter Moderator ist doch ein ziemliches Spektakel. «

Ralphs abgebrühte Art grenzt manchmal an Zynismus, Rosy wirft ihm einen tadelnden Blick zu. » Ich kann Ihnen diese Entscheidung nicht abnehmen, Mister Hennessy. «

» Du willst den Gold Cup starten, obwohl Fulke umgebracht wurde ? «, mischt sich die Sendeleiterin ein. » Das ist nicht dein Ernst, Charly ! «

Die Bulldogge nickt bekümmert. » Man könnte die Leute vielleicht informieren und sie … zu einer Schweigeminute auffordern. «

» Du kannst nach Fulke Tyndalls Tod nicht einfach zur Tagesordnung zurückkehren. «

» Wie viel Zeit hatte Mister Tyndall zwischen seiner letzten Moderation und dem Beginn des Rennens ? «, fragt Rose­mary.

» Zehn, höchstens zwölf Minuten «, antwortet Mrs Eccles. » Ich hatte ihn bereits durchrufen lassen. Es hätte jeden Moment losgehen sollen. «

» Wieso hat Tyndall das Studio für eine so kurze Pause überhaupt verlassen ? «

» Fulke war so. Wenn er nichts zu tun hatte, ging er hinaus. Er hasste es, zu warten. Außerdem sind es nur ein paar Schritte zu seiner Garderobe. «

» Zeigen Sie mir das. « Rosy geht zur Tür.

Mrs Eccles folgt ihr und weist auf den Eingang gegenüber, wo eine rote Schrift leuchtet: On Air.

» Sie senden gerade ? «

» Wir senden seit heute Morgen. Ihnen scheint die Bedeutung dieses Events nicht bewusst zu sein, Detective. «

» Ich weiß um die Begeisterung meiner Landsleute für den Rennsport «, erwidert Rosy kühl. » Tyndall ging also für zehn Minuten in seinen Ruheraum, und ausgerechnet in dieser Zeit wurde er ermordet ? «

» Hat er die Garderobe von innen abgeschlossen ? « Ralph tritt zu den Frauen.

» Soweit ich weiß, nicht. «

» Was machte er üblicherweise hier drin ? «

» Er las Zeitung oder telefonierte. «

» Habt ihr sein Handy gefunden ? «, fragt Rosy den Onkel von der Spurensicherung.

Der Onkel zeigt auf den Neffen. » Handy ? «

Sein Neffe hält stolz eine Plastiktüte mit dem Mobiltelefon hoch. » Handy ! «

Der Rennleiter wird zunehmend nervöser. » Detective, Sie tun Ihre Pflicht, bitte lassen Sie mich auch die meine tun. « An Mrs Eccles gewandt, sagt er: » Wir müssen endlich eine Durchsage machen. Die Leute wollen wissen, was los ist ! «

Die Sendechefin nickt. » Brauchen Sie uns noch, Detective ? «

Rosy mustert die beiden. » Wann haben Sie Mister Tyndall zuletzt gesehen ? «

» Nach seiner Abmoderation «, antwortet die Frau in Dunkelblau.

» Und Sie ? «

» Fulke und ich hatten nur Zeit für einen kurzen Hand­shake «, erwidert Hennessy.

» Haben Sie jemanden gesehen, der ihn in der Garderobe besucht hat, ein Bekannter, ein Fan vielleicht ? «

» Nein «, antwortet Mrs Eccles. » Der Sicherheitsdienst kontrolliert die Leute sehr genau. Die lassen hier nicht jeden rein. «

» Und wo wird kontrolliert ? «

» Vor dem Gebäude. «

» Wer also einmal drin ist, wird nicht mehr überprüft ? «

» Nein, wozu ? «

Unruhig tritt Mr Hennessy von einem Bein aufs andere. » Detective … «

» Also gut, kümmern Sie sich um Ihren Gold Cup, Sir. Danach halten Sie sich bitte wieder zur unserer Verfügung. « Erleichtert macht Hennessy sich davon. » Wer hat die Leiche gefunden, Ralph ? «

» Sie. « Der Sergeant zeigt auf ein Mädchen, das bislang unbemerkt in der Ecke saß. Sie wirkt, als wäre sie höchstens zwölf Jahre alt. » Sie heißt Jane. «

Als es seinen Namen hört, blickt das Mädchen auf, rührt sich aber nicht von der Stelle.

» Das ist Jane Scrumptious, unsere Praktikantin «, sagt
Mrs Eccles. » Ich habe sie in die Garderobe rübergeschickt, als Fulke auch nach dem dritten Durchruf nicht ins Studio kam. Und jetzt entschuldigen Sie mich, ich muss mich wirklich um die Durchsage kümmern. « Hastig eilt auch sie hinaus.

Rosy geht auf das Mädchen zu. » Hallo, Jane. Wie hast du den Mann denn gefunden ? «

Jane hat igelkurzes Haar, so kurz, als hätte sie sich erst vor Kurzem eine Glatze rasiert. Ihre Augen sind hell und groß. Sie ist ungewöhnlich schlank, trägt Jeans und ein T-Shirt. Weibliche Formen sind kaum zu erkennen.

» Genau wie er jetzt da sitzt, im Sessel. « Sie spricht jedes Wort mit Bedacht aus.

» Wie alt bist du ? «

» Siebzehn. «

Die Antwort verblüfft Rosy. » Wie lange arbeitest du denn schon im Studio ? «

Das Mädchen verknotet die Hände zwischen den Schenkeln. » Seit zwei Monaten. «

» Bevor du in die Garderobe kamst, ist dir da jemand aufgefallen ? Hast du irgendjemanden gesehen ? «

» Ja. «

» Und wen ? «

» Einen kleinen Mann. «

» Was verstehst du unter klein ? «

» Kleiner als ich. «

» Kannst du ihn sonst beschreiben ? «

Jane überlegt.

» War es jemand aus dem Studio ? «

» Auf keinen Fall. « Sie räuspert sich, als sei es ungewohnt für sie, so viel zu sprechen.

» Wieso weißt du das so sicher ? «

» Es war einer von den Zuschauern. Zumindest war er so angezogen wie die Pinguine da draußen. «

» Ein Derbybesucher ? Ein Mann im Cutaway kam aus Mister Tyndalls Garderobe ? «

» Das weiß ich nicht. Er war ja schon am Ende des Korridors. «

» Wie alt würdest du ihn einschätzen ? «

» Es ging so schnell. « Jane zuckt die Schultern. » Er hat sich nur einmal kurz umgedreht. «

» Du hast also sein Gesicht gesehen ? «

» Ich glaube schon. «

Ralph schlägt seine Notizen auf. » Ich habe mit der Security gesprochen. Offiziell hat niemand vom Publikum Zutritt zum Studio. Aber es kommt vor, dass ein Sponsor hier vorbeischaut, ein Rennstallbesitzer oder einer vom Aufsichtsrat. «

» Ein kleiner Mann im Cutaway «, wiederholt Rosy. » Ich brauche eine Liste der Sponsoren des Racecourse und des Gold Cup. Und eine Liste der Personen, die sich heute im Gebäude aufgehalten haben. Von denen, die noch da sind, verlässt keiner das Areal, bevor wir ihn nicht vernommen haben. «

Ralph gibt den Befehl an die Constables weiter. Rosy fasst die Praktikantin sanft am Arm und bringt sie zum Ausgang. » Jane, ich möchte, dass du mit diesem Constable mitgehst und im Studio auf mich wartest. Bis wir beide uns ausführlich unterhalten haben, sprichst du mit niemandem über das, was du beobachtet hast. Okay ? «

Das kurzhaarige Mädchen nickt.

Ein Beamter mit Schnauzbart nimmt sie in Empfang. Rosy schließt die Tür. Nachdenklich kehrt sie zum toten Mr Tyndall zurück und wirft einen Blick auf seine Hand. » Er war verheiratet. «

» Natürlich. «

» Wieso ist das natürlich ? «

» Liest du eigentlich nie die Yellow Press ? « Ralph lächelt. » Die Sache mit Mrs Tyndall stand in allen Zeitungen. «

» Was stand da ? «

» Kate Tyndall ist schwanger. «

Rosy senkt den Kopf und fährt sich durchs Haar. Oft ist es ihre traurige Pflicht, den Angehörigen eines Mordopfers die Nachricht von dessen Tod zu überbringen. Aber einer schwangeren Frau mitzuteilen, dass der Vater ihres Kindes gestorben ist, gehört zum Schlimmsten, was sie sich vorstellen kann. Rosemary selbst steht knapp vor ihrem vierzigsten Geburtstag. Sie und ich wünschen uns ein Kind. Schwangerschaft, Geburt und Babyschreien sind Themen, mit denen sich Rosy in letzter Zeit viel beschäftigt hat.

» Wo ist seine Frau ? «, fragt sie flüsternd.

» Auf der Tribüne wahrscheinlich. «

» Hol sie herein. «

» Hierher ? «

Mit Blick auf die Leiche schüttelt Rosy den Kopf. » Du hast recht. Wir brauchen ein anderes Zimmer. «

Als Ralph zur Tür eilt, stößt er mit dem Gerichtsmediziner zusammen.

» ’tschuldigung allerseits. « Selbst in Eile wirkt der alte Jock behäbig. Er stellt seinen Koffer ab und fischt ein Paar Latexhandschuhe aus der Verpackung.

» Wo warst du ? «

Jock klopft auf seinen Unterleib. » Frag lieber nicht. « Er betrachtet den toten Moderator. » Das ist ja Fulke Tyndall ! «

» Du kennst ihn ? «

» Wer kennt ihn nicht ? « Jock lässt die Handschuhe auf seine Finger schnalzen.

Über Arthur Escroyne

Biografie

Harold Philipp Arthur Escroyne ist der 36. Earl of Sutherly. Nach seinem Kunststudium arbeitete er als Werbegrafiker für einen bekannten englischen Shortbread-Hersteller. Lord Escroyne ist für seine Nacktstängel-Schwertlilienzucht (Iris aphylla) über die Grenzen der Grafschaft hinaus bekannt. Der...

Pressestimmen

Wohnen & Garten

»Ein Schmöker für lange Winterabende, geschrieben vor einem passionierten Gärtner und engagierten Iris-Züchter.«

Kommentare zum Buch

Aufschrei in Ascot
Rainer F. Lienert am 31.08.2014

Grüss Gott Eure Lordschaft. Das Buch hat mir sehr gut gefallen 'einzig die Stelle als die Herrschaften mit einem Jeep und nicht mit einem Land Rover zum Schlösschen hoch fahren finde ich in einem englischen Roman als nicht sehr Stielecht und es verunstaltet die ganze Geschichte. Nächstes mal bitte die Herrschaften Land Rover fahren lassen. Grüsse von einem Land Rover fahrendem Leser 

Kommentieren Sie diesen Beitrag:
(* Pflichtfeld)
Kommentar senden