Englischer Adel die Mitford Schwestern
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Mondän und mörderisch – die Mitford-Schwestern sind zurück

 Die englische Familiensaga aus den Goldenen Zwanzigern

„Eine faszinierende und hoch unterhaltsame Lektüre. Ich liebe es.“


Julian Fellowes, Drehbuchautor von Downton Abbey

Die Schwestern von Mitford Manor – Gefährliches SpielDie Schwestern von Mitford Manor – Gefährliches Spiel

Roman

Band 2 der großen Mitford-Familiensaga!Es ist ihr großer Tag: Pamela Mitford wird 18. Doch die Party endet in einer Tragödie, als der charismatische Adrian vom Kirchturm auf dem Anwesen der Mitfords in den Tod stürzt. Die Polizei hält das Dienstmädchen Dulcie für die Täterin. Louisa Cannon, Anstandsdame und Vertraute der Mitford-Schwestern, hält ihre langjährige Freundin allerdings für unschuldig. Aber welcher Gast wurde dann an diesem Abend zum Mörder?

Kapitel 1

1925

Im Leben jedes Menschen gibt es jenen Moment, der den endgültigen Übergang ins Erwachsenendasein kennzeichnet. Für Pamela Mitford war dieser Moment noch nicht gekommen. Mürrisch stand sie auf den Stufen vor einem schmalen Haus in Mayfair, doch es war nicht nur die kalte Abendluft, die sie zittern ließ, sondern vor allem ihre flatternden Nerven. Louisa Cannon war sehr wohl bewusst, dass Pamela sich vorkam, als stünde sie vor der Höhle der Löwen, die nur darauf warteten, sich auf das blonde Mitford-Mädchen zu stürzen.

„Sag Koko, sie soll rauskommen und mich holen“, sagte Pam, den Rücken zur Tür gekehrt. „Wenn du mich hineinbegleitest, glauben alle, ich wäre ein Baby.“

„Das muss ich aber tun, weil ich es Ihrer Mutter versprochen habe. Außerdem weiß sowieso keiner hier, dass ich Euer Kindermädchen bin“, erinnerte Louisa sie nicht zum ersten Mal an diesem Tag. Die Fahrt vom Familienwohnsitz in Oxfordshire, der eigentlich Asthall Manor hieß, aber von allen Mitford Manor genannt wurde, nach London war lang gewesen, obwohl sie den üblichen Zug nach Paddington Station genommen und praktisch sofort ein Taxi gefunden hatten, sobald sie aus dem Bahnhofsgebäude getreten waren.

„Bitte. Geh rein und hol Koko.“

Koko war der Spitzname von Nancy, des ältesten der sieben Mitford-Kinder – sechs Schwestern und ein Bruder. Seit fünf Jahren arbeitete Louisa mittlerweile für die Familie und konnte die Spitznamen wie einen französischen Vokabeltest im Schlaf herunterbeten. Sie läutete widerstrebend, und erschreckend schnell wurde die Tür von einer jungen Frau geöffnet, die wie ihr Abziehbild aussah: Sie war ähnlich groß, ihr Haar hatte einen ähnlichen Braunton wie Louisas, wenngleich sie es unter einem Häubchen zusammengesteckt hatte, und sie trug ein solide gearbeitetes Kleid, das jedoch aufgetragen aussah, so wie sie selbst häufig Nancys aussortierte Kleider anhatte. Das Mädchen wirkte müde, aber die Sommersprossen auf ihrer kleinen Nase verliehen ihrem Gesicht etwas Lebhaftes. Ihr Blick fiel auf Pamela, die immer noch mit dem Rücken zur Tür stand. Louisa und das Dienstmädchen tauschten einen Blick, der ihr Wissen bestätigte, dass sie im selben Boot saßen.

„Guten Abend“, sagte Louisa. „Könnten Sie mir bitte sagen, ob sich Miss Nancy Mitford hier aufhält?“

Das Dienstmädchen sah aus, als würde sie gleich in Gelächter ausbrechen. „Zuerst sollte ich wohl fragen, wer das wissen möchte.“ Ihr Tonfall verriet Louisa, dass sie wohl aus einem der Viertel südlich der Themse stammte.

„Ihre Schwester, Miss Pamela“, antwortete Louisa. „Sie will nicht, dass ich sie begleite, und ich möchte sie nicht alleine hineingehen lassen. Darf ich vielleicht reinkommen und kurz mit Miss Nancy sprechen?“

Das Mädchen nickte und hielt die Tür auf. „Folgen Sie mir, bitte.“

Das Mädchen führte sie einen Korridor entlang, deutete auf eine Tür und verschwand durch eine andere. Louisa wunderte sich ein wenig, dass sie sie nicht formell hineingeführt hatte, verstand jedoch sehr schnell, warum. Im spärlich beleuchteten Salon standen zwei große, abgenutzte Sessel vor einem knisternden Kamin, mit den Rückenlehnen zu Louisa. Über die eine Armlehne ragte ein Frauenarm, der in einem schwarzen, bis über den Ellbogen reichenden Seidenhandschuh steckte, über die andere ein Männerarm in einer steifen weißen Manschette und dem Ärmel eines Dinnerjackets. An einem Finger des Mannes steckte ein schwerer goldener Siegelring. Ihre Hände schienen in einer Art Spiel miteinander vertieft zu sein; immer wieder schnellte die Männerhand nach vorn, wich aus, während die Frauenhand sich vorsichtig herantastete, wieder zurückzog, nur um sich gleich danach bereitwillig wieder umfangen zu lassen.

Louisa hatte dem Treiben eine Sekunde zu lange zugesehen, als sich die zu dem schlanken Frauenarm gehörende Gestalt im Sessel umwandte und ein Gesicht erschien. Der Schock über Nancys neuen Bob war inzwischen verflogen, und Louisa bewunderte die Frisur sogar. Nancy mochte nicht hübsch im konventionellen Sinne sein, hatte jedoch durchaus ihren Reiz mit einem dunkelrot geschminkten „runden Schmollmund“, wie es in Filmstarkreisen bezeichnet wurde, der kecken Stupsnase und großen runden Augen, die nun auf ihr einstiges Kindermädchen gerichtet waren. Ihre Miene verriet die vertraute Mischung aus Zuneigung und leiser Verärgerung.

„Ich bitte um Entschuldigung, Miss Nancy“, sagte Louisa, „aber ich bin hier, um Sie darüber in Kenntnis zu setzen, dass Miss Pamela vor der Tür steht.“

Nun erschien auch das Gesicht des Mannes hinter der Sofalehne; es war markant geschnitten, und sein blondes Haar war so glatt gekämmt, dass es aussah, als hätte jemand flüssiges Gold über seinem Kopf ausgekippt. Sebastian Atlas. Er hatte Mitford Manor bereits mehrmals in Nancys Begleitung besucht, obwohl Lord Redesdale bei seinem Anblick jedes Mal puterrot anlief, sehr zur Belustigung seiner Tochter und zum Missfallen Lady Redesdales, die ihre Gefühle jedoch weit weniger offensichtlich zur Schau trug. Wo Lord Redesdale zu hitzigem Temperament und Zornanfällen neigte, zeigte seine Gattin eiserne Härte und kalte Wut.

„Wieso kommt sie dann nicht einfach herein?“, fragte Sebastian gedehnt, schob mit der einen Hand Nancys Finger weg und ließ sich in den Sessel zurücksinken, während er die andere nach einem Whiskyglas ausstreckte.

Nancy erhob sich mit einem dramatischen Seufzer und schüttelte ihr zerknittertes Seidenkleid zurecht, dessen Saum mit Hunderten in schwarz-weißem Zickzackmuster angeordneten Perlenschnüren besetzt war. Es war das modischste, vielleicht das einzig wirklich schicke Kleid, das sie hatte und mit einer Häufigkeit trug, die Nanny Blor schier um den Verstand brachte.

„Es tut mir leid, Miss Nancy“, sagte Louisa und beschloss, lieber bei der förmlichen Anrede zu bleiben, obwohl sie darauf verzichtete, wenn sie unter sich waren. „Aber Miss Pamela will nicht, dass ich sie hereinbegleite. Sie findet, es wirkt kindisch, in Begleitung eines Kindermädchens aufzutauchen.“

Augenblicklich entspannten sich Nancys Züge, und ein angedeutetes Lächeln breitete sich darauf aus. „Was für ein Dummchen“, sagte sie. „Anstandsdamen sind inzwischen fast wieder in Mode, aber natürlich weiß sie das nicht.“

 

Nancy war diejenige gewesen, die ihren Eltern vorgeschlagen hatte, dass Pamela nach London kommen sollte. Dahinter steckte die Idee, sie zu ein paar Partys zu begleiten und neue Leute kennenzulernen, von denen Pam wiederum einige zu ihrer Geburtstagsfeier im nächsten Monat einladen könnte.

»Sonst kriegen sie eine Einladung zum Geburtstag einer Wildfremden, noch dazu an einem Ort, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen, und denken am Ende, wir hätten es nötig. Es ist nicht mehr wie früher. Wir schreiben das Jahr 1925, Farve«, hatte sie gesagt.

„Ich verstehe nicht, inwiefern die Jahreszahl eine Rolle spielen soll“, hatte ihr Vater knapp erwidert.

„Tut es aber, und zwar gewaltig. Man muss zur richtigen Clique gehören. Kein Mensch geht zu irgendeiner x-beliebigen Feier.“ Was, wie sie Louisa heimlich anvertraute, nicht ganz der Wahrheit entsprach. Nichts tat „die Clique“ lieber, als bei irgendeiner Party aufzutauchen, wo der Alkohol in Strömen floss und die Chance bestand, eine heiße Sohle aufs Parkett zu legen. Sie wussten nur zu gut, dass sie diejenigen waren, die erst so richtig Leben in die Bude brachten und alle anderen in ihrem Glanz verblassen ließen. Louisa war sich im Klaren, dass es zwar offiziell Pamelas Geburtstagsfeier war, Nancy jedoch alles daransetzen würde, die Party zu ihrer eigenen zu machen.

 

An diesem Abend stand ein Dinner im Haus von Lady Curtis, Adrians und Charlottes Mutter, auf dem Programm. Nancy hatte Adrian über Sebastian im Zuge der sogenannten Eights Week in Oxford kennengelernt, der alljährlichen Ruderregatta und einzigen Gelegenheit, bei der dem weiblichen Geschlecht gestattet wurde, den Studenten innerhalb der Steinmauern der altehrwürdigen Universität beim Abendessen Gesellschaft zu leisten. Nancy hatte wenige Monate zuvor angefangen, Ukulele zu spielen, und Louisa von der fast magischen Wirkung des Instruments auf die jungen Männer vorgeschwärmt … Sie sei sich wie ein Schlangenbeschwörer auf einem Basar in Marrakesch vorgekommen, hatte sie gemeint.

Nachdem sie Pamela an der Haustür abgeholt hatten, stand das Trio in der Eingangshalle. Von dem Dienstmädchen war nichts zu sehen, doch aus dem oberen Stockwerk wehten Jazzklänge aus einem Grammofon durchs Haus.

„Musst du unbedingt mitkommen?“, flüsterte Pamela Louisa zu, als sie Nancy die Treppe hinauf folgten. „Ich bin doch mit Nancy hier.“

„Ich habe es Lady Redesdale versprochen“, erinnerte Louisa sie ein weiteres Mal. Sie empfand beinahe Mitleid mit ihrem Schützling. Bevor sie aufgebrochen waren, hatte sie Pamela leise im Badezimmer weinen hören, ehe das Mädchen schließlich mit einem abgeplatzten Knopf an ihrem Rockbund in der Hand herausgekommen war. Wortlos hatte Pamela ihn Louisa in die Hand gedrückt, die ebenso kommentarlos Nadel und Faden geholt hatte, um ihn wieder anzunähen, während sich das Mädchen allmählich beruhigt hatte.

Louisa wappnete sich innerlich für den Abend. Zwar hatte sie in Mitford Manor den einen oder anderen Blick auf Nancys Freunde erhascht, doch das war nicht dasselbe, als sie in ihrem gewohnten Umfeld zu erleben, wo sie sich hemmungslos den Freuden der neuen Zeit hingaben. Den Raum zu betreten fühlte sich an, als würde sie Teil der Gesellschaftsseiten des Tatler werden, bloß in Farbe. Louisa brauchte einen Moment, bis sich ihre Augen an das Halbdunkel gewöhnt hatten und sie die dicht beisammenstehenden jungen Männer und Frauen ausmachen konnte, deren Gesichter das Flackern des Kaminfeuers und der Schein der Tiffany-Lampen in weiches Licht tauchte. Es waren vor allem die Details, die ihr ins Auge stachen: ein dunkelroter Lippenstiftabdruck auf einem Glas, in langen Spitzen steckende Zigaretten, die das Haar der Umstehenden zu versengen drohten, mit Federn besetzte Haarbänder und gewagte lila Socken, die unter den Hosenbeinen hervorblitzten, als einer der jungen Männer die Knöchel kreuzte. Pamela war regelrecht von der Menge verschlungen worden, wie Jona vom legendären Walfisch, also suchte Louisa sich einen Stuhl an der Wand, von wo aus sie ihren Schützling und Nancys Freunde im Blick hatte.

Neben dem ausladenden Kamin, die Fingerspitzen um den Sims gelegt, stand Adrian und streckte sein Glas vor, ohne dem anderen jungen Mann Beachtung zu schenken, der es mit einem weiteren Whisky füllte. Louisa kannte ihn von den Fotografien aus der Zeitung, für gewöhnlich im Zusammenhang mit einer Skandalmeldung über die jüngsten Eskapaden der sogenannten „Bright Young Things“, und von Nancys Beschreibung. Seine sonore Stimme war ein echter Schock – sie schien so gar nicht zu seiner mageren, heuschreckenartigen Gestalt zu passen. Er hatte dunkles, gewelltes Haar, das sich auch mit der Pomade nicht vollständig bändigen ließ, und seine hellblauen Augen hefteten sich trotz einer gewissen Glasigkeit sofort auf Nancys Schlüsselbein, als sie näher trat. Seine Fliege hatte sich gelöst, und auf seinem Hemd prangte ein nasser Fleck von einem verschütteten Drink. Louisa wusste, dass Adrian als guter Fang galt – sollte er zu Pamelas Party kommen, wäre er der entscheidende Dominostein, dessen Zusage dafür sorgen würde, dass alle anderen folgten.

„Wen bringst du mir denn da Schönes, Süße?“, fragte er Nancy, richtete den Blick jedoch auf Pamela. „Das arme Ding sieht ja aus wie das Lamm auf dem Weg zur Schlachtbank.“ Lachend leerte er sein Glas.

„Das ist Pamela“, sagte Nancy. „Sie ist erst siebzehn und tatsächlich noch ein Lämmchen. Sei also bitte nett zu ihr, Adrian.“ Sie warf ihm einen Blick zu, der Louisa verriet, dass sie genau das Gegenteil meinte.

Pamela streckte die Hand aus und sagte mit betont erwachsener Stimme: »Guten Tag, wie geht es Ihnen, Mr Curtis?«, woraufhin er nur noch lauter lachte.

„Wie altmodisch“, sagte er und schlug ihre Hand weg. „So reden wir hier nicht, Kleine. Du kannst Adrian zu mir sagen. Was möchtest du gern trinken?“ Er drehte sich um und tippte dem Mann mit der Whisky-Flasche auf die Schulter, als eine Frau auf dem Stuhl neben ihm laut aufstöhnte. Sie hatte noch wildere und wesentlich längere Locken als er und braune Augen, in denen ein ähnlich mürrischer Ausdruck lag. Auch sie war dünn, mit Wangenknochen, die von selektiver Fortpflanzung über die Jahrhunderte hinweg kündeten.

„Bitte beachte meinen Bruder gar nicht“, sagte sie. „Er ist ein Langweiler und unverschämt noch dazu. Ich bin übrigens Charlotte.“

„Pamela“, erwiderte das Mädchen und verstummte wieder. Abgesehen von ein paar Monaten in Frankreich hatte Pamela ihr ganzes bisheriges Leben in der Gesellschaft ihrer Geschwister und ihrer Kindermädchen Louisa und Nanny Blor im Haus ihrer Eltern verbracht. Dies war unbekanntes Terrain für sie.

„Komm, setz dich.“ Charlotte erhob sich und nahm zwei Gläser von einem Tablett, von denen sie ihr eines reichte. Pamela bedankte sich und nahm einen kräftigen Schluck, nur um ihn gleich wieder auszuspucken. Sie wischte sich mit dem Handrücken über den Mund, wobei sie prompt den Lippenstift verschmierte, den sie in einem Anfall von Wagemut im Taxi aufgelegt hatte.

„Verflixt und zugenäht!“, stieß sie hervor, was Charlotte ein Kichern entlockte.

„Du bist wirklich niedlich. Moment, ich habe ein Taschentuch. Wir müssen dein Gesicht erst ein bisschen sauber machen. Das war wirklich drollig, was?“

Pamela nickte erleichtert und kicherte ebenfalls.

Bevor Charlotte die Tropfen von Pamelas Kinn wischen konnte, hielt sie inne und sah zu Nancy hinüber. Louisa folgte ihrem Blick und beobachtete, wie Pamelas Schwester die Standuhr auf dem Kaminsims aufzog. „Ist sie stehen geblieben?“, fragte Charlotte.

Nancy unterbrach ihre Tätigkeit und zwinkerte ihr übertrieben zu. „Partyzeit“, erklärte sie. „Ich stelle die Uhren eine halbe Stunde zurück, damit wir noch ein bisschen länger feiern können.“

„Wie witzig“, bemerkte Charlotte und widmete sich wieder Pamela.

In diesem Moment sah Louisa zu ihrer Freude Clara Fischer auf die beiden zusteuern. Mit ihren knapp einundzwanzig war Clara, von den Mitfords nur „die Amerikanerin“ genannt, eher in Nancys Alter, verhielt sich Pamela gegenüber jedoch immer sehr freundlich. Die beiden hatten in Mitford Manor schon häufiger zusammen mit den Hunden gespielt, über deren Eigenschaften und Besonderheiten geplaudert und gerätselt, was sie wohl sagen würden, wenn sie sprechen könnten – etwas, das sich beide sehnlich wünschten. Clara war ein offenes, unkompliziertes Mädchen und sehr hübsch mit ihrem blonden, in perfekte Wellen gelegten Haar und einem üppigen rosigen Mund. Sie trug stets Kleider in hellen Farben aus zarten, durchscheinenden Stoffen, die ihr eine chiffonartige Leichtigkeit verliehen.

Sie kam auf Pamela zu. „Hallo, ich wusste ja gar nicht, dass du heute Abend auch hier sein würdest.“

„Es kam ganz kurzfristig zustande“, erwiderte Pamela. „Farve war nicht allzu begeistert davon.“

„Das kann ich mir vorstellen.“ Clara lächelte ironisch. „Und wenn ich mir diese dekadenten Gestalten hier ansehe, muss ich sagen, dass ich es ihm nicht verdenken kann.“

Pamela sah sich um. „So schlimm sehen sie eigentlich nicht aus, finde ich.“

„Lass dich nicht täuschen. Los, rück mal ein Stück.“

„Clara“, sagte Charlotte nicht gerade freundlich, »hast du Ted gesehen? Er verdrückt sich pausenlos … nur um mit dieser fürchterlichen Dolly zu telefonieren, hab ich recht?«

„Ja. Dort drüben steht er.“ Clara zog eine ihrer sorgfältig gezupften Brauen hoch und blickte zum Kamin hinüber. „Ich frage mich, worüber sich die drei vor Lachen ausschütten.“

Nancy stand am Kamin mit Adrian und einem etwas kleineren, dunkelhaarigen Mann mit länglichem Kinn und so tief liegenden Augen, dass sie kaum zu erkennen waren. Clara und Charlotte hatten ihn Ted genannt, doch Louisa erkannte ihn unter seinem richtigen Namen aus der Zeitung: Lord De Clifford. Die drei schienen ein klein wenig unsicher auf den Beinen zu sein und brachen in johlendes Gelächter aus, noch bevor der jeweils andere seinen Satz zu Ende gebracht hatte. Nancy, die die Blicke offenbar gespürt hatte, drehte sich um und winkte ihnen zu.

„Kommt doch rüber“, rief sie. „Wir schmieden gerade einen wunderbaren Plan.“

Charlottes Widerstreben spiegelte sich in der Langsamkeit, mit der sie zum Kamin schlenderte; Clara folgte ihr, ehe sie sich noch einmal umwandte und Pamela auffordernd anstieß. „Du bist auch gemeint.“

„Los, kommt rüber, Leute“, rief Adrian. Auf seine Anweisung hin erschien Sebastian wie aus dem Nichts und trat neben Charlotte. Er wirkte zutiefst gelangweilt, doch Louisa wusste, dass er vor Nancy und ihren Freundinnen nur so tat. Sie spitzte die Ohren, als die jungen Leute sich vor dem Kamin zu einem Kreis formierten. Adrians Stimme hatte zwar nichts von ihrer Lautstärke eingebüßt, allerdings begann er zu nuscheln und redete plötzlich ganz langsam, wie eine Schallplatte, die bei falscher Geschwindigkeit abgespielt wurde.

„Ted hat eine super Idee“, sagte er. „Wir veranstalten eine Schnitzeljagd.“

„Was? Jetzt?“ Charlottes Mundwinkel sackten noch weiter nach unten. »Ich habe keine Ahnung, wieso ihr euch wie Idioten …«

„Nein, nicht jetzt“, unterbrach Adrian. „So etwas muss geplant werden. Ich rede von Pamelas Geburtstagsparty nächsten Monat.“ Er grinste breit und riss die Hände hoch wie ein Zirkusdirektor, der gerade verkündet hatte, dass nach den Trapezkünstlern die Tigernummer folgen würde.

Pamela wurde blass. »Oh, ich glaube nicht, dass Farve …«

„Halt den Mund, Mollie!“ Louisa zuckte zusammen, als sie Nancys fiesesten Spitznamen für ihre Schwester hörte, den sie vor Jahren ersonnen hatte, um sie mit ihrer üppigen Figur aufzuziehen. „Er braucht es ja nicht zu erfahren. Wir warten einfach, bis die alten Herrschaften in ihren Betten liegen. Dann können wir uns im ganzen Haus ausbreiten. Und sogar im Dorf, wenn wir wollen.“

„Wir sollten aber dafür sorgen, dass uns keiner dieser lächerlichen Zeitungsschreiberlinge auf den Fersen ist“, warf Sebastian mit einem Seitenblick auf Ted ein. Es war ein gefundenes Fressen für die Zeitungen, wenn ein junger Adliger bei einer der berüchtigten Londoner Schnitzeljagden erwischt wurde. Die Journaille stürzte sich mit Begeisterung darauf; Louisa konnte sich erinnern, dass sogar Lord Rothermere höchstpersönlich im Evening Standard einen Hinweis veröffentlicht hatte.

Clara klatschte in die Hände. „Draußen auf dem Land, meinst du? Oh, da ist es so dunkel, dass man die Hand nicht vor Augen sieht. Richtig schön gruselig! Perfekt, absolut perfekt!“

„Genau“, meinte Adrian. „Und Nancy hat gerade erzählt, hinter der Gartenmauer sei sogar ein Friedhof!“ Er gluckste vor Vergnügen und taumelte ein paar Schritte rückwärts, ehe er sich fing. Nancy lachte, als sie das sah.

»Und keine wilde Herumkurverei mit quietschenden Reifen. Das Ganze geht ausschließlich zu Fuß vonstatten. Jeder darf einen Hinweis zu einem Gegenstand schreiben, den man für gewöhnlich in einem Haus finden kann. Also, wenn alle mit von der Partie sind, können wir uns immer paarweise zusammentun.« Eine schlaue Idee, um sich die Zusagen zu sichern, dachte Louisa.

„Und wer gewinnt?“, fragte Clara.

„Logischerweise derjenige, der als Einziger zum Schluss alle Lösungen parat hat“, warf Adrian ein.

Und so kam es, dass Adrian Curtis, zweiundzwanzig Jahre alt, seinen eigenen Tod plante, der ihn drei Wochen später ereilen sollte.

Kapitel 2

Guy Sullivan saß bereits seit acht Uhr morgens am Empfang des Polizeireviers und hatte gerade einmal drei Fälle aufgenommen: Eine alte Dame war hereingekommen, um sich bei dem reizenden jungen Sergeant zu bedanken, der ihr am Vortag geholfen hatte, ihren geliebten Kater Tibbles vom Dach herunterzuholen; ein Mann war wegen Trunkenheit und Erregung öffentlichen Ärgernisses festgenommen worden und schlief nun in der Ausnüchterungszelle seinen Rausch aus; außerdem war, ausgerechnet am Golden Square, ein goldener Ring gefunden worden. Guy hatte pflichtschuldig die Meldungen auf- und das Fundstück entgegengenommen und alles ordnungsgemäß abgezeichnet und abgeheftet. Nun hatte er nichts mehr zu tun, außer sich zu bemühen, aufrecht dazustehen und nicht zum fünften Mal hintereinander zu gähnen. Es war halb elf Uhr vormittags und damit noch mindestens zwei Stunden bis zur Mittagspause und sieben bis Dienstschluss. Aber er wollte nicht undankbar sein; war es nicht sein größter Wunsch gewesen, zur Londoner Metropolitan Police zu gehören? Es erfüllte ihn immer noch mit Stolz, die Marke an seinem Helm zu polieren, und er achtete stets darauf, dass seine schwarzen Stiefel glänzten, allerdings war es manchmal schwer zu sagen, ob seine Arbeit wirklich etwas nützte oder wie er jemals die Karriereleiter erklimmen sollte. Inzwischen war Guy seit drei Jahren Polizist – ein richtiger Polizist, nicht länger im Dienst der Eisenbahngesellschaft wie zuvor – und konnte es kaum erwarten zu erfahren, wann er endlich seine Laufbahn als Detective in Angriff nehmen durfte.

Das Gespräch mit seinem Vorgesetzten, Inspector Cornish, war in die Hose gegangen, noch bevor es richtig angefangen hatte. Cornish hatte den jungen Sergeant nur allzu gern daran erinnert, dass er für die beste Polizei der Welt arbeitete und schon einen guten Grund liefern musste, wenn er eine Beförderung anstrebte; so etwas bekäme man nicht vom Herumstehen, hatte er erklärt. Aber solange er bloß auf der Wache herumsaß, so wie in den vergangenen sieben Monaten auf diesem Revier, konnte Guy schlecht Initiative an den Tag legen und zeigen, was in ihm steckte. Die Polizisten, die die echten Fälle an Land zogen, ließen nicht zu, dass ein Anfänger wie er mitmischte, und wenn jemand aufs Revier kam, um eine Straftat zu melden, wurde derjenige automatisch einem anderen Sergeant zugeteilt, weil er seinen Posten nicht verlassen durfte.

Guy strich sich das Haar glatt und putzte zum hundertsten Mal an diesem Morgen seine Brille, während er sich fragte, ob seine mangelnde Sehkraft – schlimm genug, dass er deswegen aus dem Kriegsdienst ausgemustert worden war und nicht an die Front hatte ziehen dürfen – der Grund war, weshalb ihm der Superintendent keine richtigen Fälle anvertraute. Er hatte einiges an Spott über sich ergehen lassen müssen, nachdem er den Chief Inspector des Reviers nicht erkannt hatte, als dieser eines Morgens in Zivilkleidung zur Tür hereingekommen war. Guy hatte sich verteidigt, nicht sein schlechtes Sehvermögen sei schuld daran, sondern die Tatsache, dass er schlicht nicht daran gewöhnt sei, den Mann in Straßenkleidung zu sehen, wodurch er jedoch nur Öl ins Feuer gegossen hatte. Wie um alles in der Welt wolle er einen stadtbekannten Verbrecher erkennen, wenn dieser sich maskiere?, hatten die Kollegen ihn gefoppt. Cornish, der das Gefrotzel mitbekommen hatte, war zu ihnen getreten und hatte wissen wollen, was los sei, und seit diesem Tag war Guy unten durch. Zumindest hatte es den Anschein.

Während er noch überlegte, ob er die Ausgangspost alphabetisch sortieren oder lieber die Pflanze neben der Tür gießen sollte, bemerkte er eine junge Frau in Uniform, die auf ihn zukam. Es war ein recht seltener Anblick; Gerüchten zufolge gab es gerade einmal fünfzig Frauen bei der gesamten Londoner Polizei. Erst vor wenigen Jahren war es ihnen überhaupt gestattet worden, Festnahmen vorzunehmen, was unter den Männern für einigen Aufruhr gesorgt hatte. Doch normalerweise wurden den weiblichen Beamten die leichteren Fälle zugeteilt; sie wurden beispielsweise losgeschickt, um kleine Kinder oder ausgerissene Katzen aufzustöbern. Guy hatte kaum ein Wort mit seinen Kolleginnen gewechselt. Die, die gerade hereinkam, hatte er schon einmal gesehen, und auch ihr reizendes Lächeln war ihm nicht entgangen, aber an diesem Tag galt seine Aufmerksamkeit dem zappelnden Jungen, den sie am Ohr gepackt hatte. Sie marschierte geradewegs auf Guy zu und blieb schwer atmend stehen; sie schien zu allem entschlossen und gleichzeitig überaus zufrieden mit sich zu sein.

»Ich hab ihn erwischt, als er Äpfel von einem Karren auf dem St James’s Market geklaut hat«, sagte sie in einem Tonfall, mit dem sie andeuten wollte, dass sie alle naslang unbelehrbare Missetäter auf das Revier in der Vine Street schleppte. Guy beschloss spontan mitzuspielen.

„Ich gehe jede Wette ein, dass er das nicht zum ersten Mal getan hat, stimmt’s?“

Die Polizistin lächelte dankbar. „Nein. Ganz gewiss nicht.“ Allmählich beruhigte sich ihre Atmung, doch sie machte keine Anstalten, ihren Griff zu lockern. Der Junge – er musste etwa vierzehn sein – war recht klein für sein Alter und drahtig, hätte sich aber jederzeit losreißen können. Das legte den Verdacht nahe, dass er in Wahrheit sogar auf eine Nacht in der Arrestzelle hoffte, wo ihn eine warme Suppe und ein Stück Brot erwarteten. „Ich denke, wir sollten seine Personalien aufnehmen und dann den Superintendent fragen, wie es weitergehen soll.“

„So machen wir es, Constable“, sagte Guy, woraufhin sie erneut das Gesicht zu einem – ausnehmend anziehenden – Lächeln verzog. Er richtete sich zu voller Größe auf, wie ein Kater mit stolz geschwellter Brust. Seit Louisa Cannon hatte niemand mehr diese Wirkung auf ihn gehabt. Beim Gedanken an sie schüttelte er den Kopf und beschloss, sich lieber wieder seiner Arbeit zuzuwenden. Er nahm den Namen und die Adresse des Jungen auf, beides vermutlich falsch, und rief einen Kollegen herbei, der den jungen Übeltäter zu den Arrestzellen bringen sollte. Guy bemerkte die enttäuschte Miene der Polizistin, als sie entlassen und an die Arbeit zurückgeschickt wurde.

„Sie haben Ihre Sache wirklich gut gemacht“, meinte er. „Eine Verhaftung, dabei ist es noch nicht einmal Mittag.“

„Ja, wahrscheinlich haben Sie recht“, gab sie wehmütig zurück. Guy betrachtete ihre schlanke Figur in der gut sitzenden Uniform und ihre hübschen, wohlgeformten Beine, die so gar nicht zu den schweren schwarzen Schnürstiefeln passen wollten. Sie ließ den Blick umherschweifen, um sicherzugehen, dass niemand sie hören konnte. »Es ist nur …«

„Was denn?“

»Nie kriege ich einen richtigen Fall zugeteilt. Sie wissen schon, etwas, das echte Polizeiarbeit erfordert. Ich dachte, ich dürfte ihn wenigstens zu den Zellen bringen, auch wenn sie ihn heute Nachmittag bestimmt schon wieder laufen lassen, stimmt’s?«

Guy zuckte mit den Schultern und beschloss, sie mit gönnerhaftem Gefasel zu verschonen. „Ja“, räumte er ein. „Wahrscheinlich. Es liegt nicht genug gegen ihn vor, um Anklage zu erheben. Trotzdem war es richtig, was Sie getan haben. Nächstes Mal überlegt er es sich bestimmt zweimal, bevor er zugreift.“

„Ja, das wird er wohl. Danke.“ Sie wandte sich zum Gehen, drehte sich jedoch noch einmal zu Guy um. „Wie heißen Sie eigentlich?“

„Sergeant Sullivan“, antwortete er, ehe er ein wenig sanfter hinzufügte: „Aber Sie können Guy zu mir sagen.“

„Gern“, gab sie zurück, „aber nur, wenn Sie mich Mary nennen. Ich bin Constable Moon.“

„Mary Moon?“

»Ja, aber sparen Sie es sich. Ich habe bereits jeden erdenklichen Witz über meinen Namen gehört, den Sie sich vorstellen können … und ein paar mehr.«

Sie lachten beide schallend, als ein weiterer Sergeant erschien und neben Guy trat. »Wenn Sie beide nichts Besseres zu tun haben, als hier herumzustehen und zu kichern, können Sie ebenso gut zur Einsatzbesprechung kommen. Cornish will jeden dabeihaben, der noch nicht zur Streife eingeteilt wurde.« Damit ging er davon und suchte sich das nächste Opfer.

Marys Miene erhellte sich. Sie wandte sich zum Gehen, blieb jedoch stehen und sah über die Schulter. „Kommen Sie nicht mit?“

„Nein, ich darf hier nicht weg.“

„Nicht mal für fünf Minuten?“

Guy kam sich wie ein Narr vor, als er den Kopf schüttelte.

Mary kam zurück. »Vorschlag – Sie gehen, und ich bleibe so lange hier. Das kann ja nicht so schwer sein, eine Weile Wache zu schieben.«

»Aber was ist …?«

„Die geben mir sowieso nichts Anständiges. Gehen Sie hin, und erzählen Sie mir dann, wie es war.“

Guy bemühte sich, noch ein wenig zu zögern, um ihr Gelegenheit zu geben, ihr Angebot zurückzuziehen, doch in Wahrheit konnte er es kaum erwarten.

 

Im Versammlungsraum war es rammelvoll. Inspector Cornish stand vorn und richtete das Wort bereits an die aufmerksam lauschenden Polizisten. Guy schlich sich hinein und stellte sich ganz hinten an die Wand. Er konnte seinen Eifer nur mit Mühe bezähmen. Cornish galt als beinharter Typ, stand jedoch zugleich in dem Ruf, Ergebnisse zu liefern, daher wurde seine derbe Ausdrucksweise toleriert und von vielen sogar als angemessen für die zu bewältigenden Aufgaben empfunden. „Wenn du das nicht aushältst, bist du bei der Met fehl am Platz“, war ein Spruch, den Guy schon mehrmals gehört hatte, wenngleich glücklicherweise nie an ihn gerichtet. Cornishs Anzug saß besser, als man es für einen Inspector erwarten würde, zudem fuhr er einen schicken neuen Chrysler, was für jemanden seiner Gehaltsklasse ebenfalls ungewöhnlich erschien. Immer wieder kamen Gerüchte über Schmier- und Bestechungsgelder auf, Beweise gab es jedoch keine dafür, und wenn, dann wurden sie häufig von Achselzucken à la „Wieso auch nicht?“ begleitet, was Guy reichlich deprimierend fand. Doch nach drei Jahren bei der Londoner Polizei war von seinem Glauben an das Gute im Menschen nicht mehr allzu viel übrig geblieben.

„Für euch Jungs bedeutet Weihnachten, dass ein Fettsack durch den Kamin klettert, um euch warme Handschuhe in den Strumpf zu stecken“, bellte Cornish, „oder ein riesiger, gefüllter Truthahn für Tiny Tim“ – er hielt inne, um sich über seinen eigenen Scherz auszuschütten –, „aber für dieses elende Pack da draußen geht es nur ums Nehmen und nicht ums Geben. Und die warten nicht, bis wir das erste Türchen am Adventskalender aufmachen dürfen“, fügte er hinzu, woraufhin ein paar Polizisten höflich lachten. »Nun, meine Herren, wir haben Grund zur Annahme, dass Miss Alice Diamond und ihre Forty Thieves in der Oxford Street, der Regent Street und der Bond Street ihr Unwesen treiben werden. In den vergangenen zwei, drei Jahren hat sie unseren heißen Atem im Nacken gespürt und sich daher auf die Provinzen und Kleinstädte konzentriert. Aber es sieht so aus, als würde sie zu Weihnachten nach Hause kommen, daher müssen wir unser Netz auswerfen, um sie endlich zu schnappen. Deshalb will ich, dass so viele von euch wie möglich Streife gehen und mir zu Schichtende Bericht erstatten. Verstanden?« Er ließ den Blick über die Anwesenden schweifen. „Gut, Jungs. Stellt euch auf, damit Sergeant Cluttock die Instruktionen erteilen kann. Ihr werdet paarweise und in Zivil arbeiten.“ Mit einem letzten finsteren Blick auf die Mannschaft verließ er den Raum.

Hilflos sah Guy sich um. Die anderen hatten im Handumdrehen ihren Partner gefunden … manchmal genügte schon ein flüchtiges Zwinkern oder ein Nicken, um ein festes Gespann zu bilden. In Momenten wie diesem vermisste Guy seinen einstigen Partner Harry schmerzlich. Nachdem Guy zur Met gewechselt war, hatte der zwar weiterhin für die London, Brighton and South Coast Railway Police gearbeitet, vor ein paar Monaten jedoch hatte er gekündigt, um endlich als Musiker in einem der vielen Jazzclubs auftreten zu können, die wie Pilze aus dem Boden schossen. Guy mochte durchaus den einen oder anderen Freund auf dem Revier haben oder sich zumindest auf kollegialer Ebene gut verstehen, doch hier ging es um mehr als belanglose Plaudereien bei Fleischpastete und Kartoffelbrei in der Kantine. Es ging darum, wer einem helfen könnte, einen Fall an Land zu ziehen, der einem Cornishs Aufmerksamkeit, ein Lob und damit über kurz oder lang eine Beförderung einbrachte. Sieben Monate am Empfangstresen hatten nicht dazu beigetragen, Guy als ehrgeizige Spürnase dastehen zu lassen. Wie gelähmt sah er zu, als die Männer in Zweierteams den Raum verließen, wie die Pärchen auf dem Weg in Noahs Arche. Sobald das letzte Gespann, das eher an zwei lachende Hyänen erinnerte, verschwunden war, sammelte Sergeant Cluttock seine Unterlagen zusammen und wollte ebenfalls aufbrechen. Guy trat zu ihm, aber sein Mund war so trocken, dass nur ein Krächzen herauskam.

„Entschuldigen Sie, Sir.“

Cluttock sah auf, sein Schnurrbart zitterte. „Was gibt’s?“

„Ich habe mich gefragt, ob ich vielleicht auch eingeteilt werden könnte.“

Cluttock machte eine übertriebene Geste um sich herum. „Ich sehe keinen Partner. Sie haben doch gehört, was der Boss gesagt hat. Paarweise.“

»Aber ich habe eine Partnerin, Sir. Sie ist nur gerade …« Er unterbrach sich und überlegte kurz. „Sie ist mit etwas anderem beschäftigt und sollte gleich fertig sein. In ein paar Minuten könnten wir los.“

„Name?“

„Meiner, Sir?“

„Nein, der vom Schuhputzer des Königs. Natürlich Ihrer.“

„Sergeant Sullivan, Sir. Und mein Partner ist Constable Moon.“

Cluttock blickte auf seine Liste. »Sie können die Great Marlborough Street nehmen. Dort gibt es kleinere Geschäfte. Die werden zwar weniger häufig überfallen, aber man weiß ja nie. Um Punkt sechs will ich Ihren Bericht haben. Halten Sie alles fest, was Ihnen verdächtig vorkommt, reden Sie mit Verkäuferinnen und so weiter. Sie wissen ja, wie das geht.« Er zog eine Braue hoch. „Das tun Sie doch, oder?“

„Natürlich ja, Sir. Vielen Dank, Sir.“ Guy strahlte, als hätte er gerade seinen Weihnachtsstrumpf vom Kamin genommen und darin echte Goldmünzen statt welche aus Schokolade gefunden. Erst jetzt merkte er, dass Cluttock ihn ansah. „Ich bin immer noch hier, stimmt’s?“

„Sieht ganz so aus, Sergeant Sullivan.“

„Aber nicht mehr lange, Sir.“ Guy stürmte hinaus und zurück zum Empfang.

 

Mary war vor Freude völlig aus dem Häuschen, als Guy ihr die Neuigkeiten überbrachte. „Sie haben ihm meinen Namen genannt?“, fragte sie zum dritten Mal. „Und er hat nicht gesagt, ich soll hierbleiben?“

„Ja, genau das habe ich getan“, beteuerte Guy. „Und nein, er hat nichts dergleichen gesagt. Aber es gibt ein anderes Problem.“

„Und zwar?“

„Ich soll eigentlich am Empfang bleiben.“

„Aber wieso sagen Sie nicht demjenigen, der Sie eingeteilt hat, dass Sie anderweitig gebraucht werden. Dann muss eben ein anderer Kollege übernehmen.“ Sie riss die Augen auf und legte die Hände zum Gebet zusammen. „Bitte, Sie müssen es versuchen. Das ist meine einzige Chance, mich zu beweisen. Es muss klappen!“

Guy wusste nur zu gut, wie sie sich fühlte. Er nickte und machte sich auf den Weg, bevor ihn der Mut verlassen konnte. Zu seiner Verblüffung ließ sein Vorgesetzter ihn ohne viele Fragen ziehen. Offensichtlich hatte sich herumgesprochen, dass jede verfügbare Kraft benötigt wurde, um Alice Diamond und ihre Spießgesellinnen zu schnappen. In Rekordzeit waren Mary und Guy jeweils nach Hause gefahren, um sich umzuziehen. Nun gingen sie die Great Marlborough Street entlang, und es galt nichts weniger, als die dreisteste Verbrecherin Englands und ihre Bande zu schnappen.

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Charleston oder Foxtrott? Die Mitford-Schwestern laden zum Tanz
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Dürfen wir vorstellen: die sechs Mitford-Schwestern

Nancy Mitford, die älteste Tochter, wurde 1904 geboren. Sie war unverbesserlich, wenn es darum ging, andere zu foppen und auf den Arm zu nehmen, was ihr mit ihrem bissigen Scharfsinn stets gelang. Später als Autorin waren ihre Werke gekennzeichnet vom scharfsichtigen Blick auf ihre Gesellschaftsschicht und ihre Geschlechtsgenossinnen.

Die nächste im Bunde, Pamela, wurde drei Jahre später geboren. Sie war die beständigste der Schwestern und widmete ihre Zeit den Tieren und dem Essen (sie konnte über die Feinheiten einer Mahlzeit mit genauso viel Genuss berichten wie beim Verzehr des eigentlichen Gerichts).

Diana war bekannt als die kühle Schönheit, die sich bereits mit achtzehn verlobte und den reichen Bryan Guinness heiratete. Doch die Ehe hielt nicht lange – sie verließ ihn und die beiden Söhne für Oswald Mosley, ein führendes Mitglied der faschistischen Partei in Großbritannien.

Die vierte Schwester, Unity, wurde in Swastika, Kanada, gezeugt, als ihre Eltern dort nach Gold suchten. 1933, im Alter von neunzehn Jahren, ging sie nach Deutschland, um am Reichsparteitag in  Nürnberg teilzunehmen. Dabei verliebte sie sich in Hitler. In der Nacht der Kriegserklärung richtete Unity eine Waffe gegen sich selbst. Sie überlebte, musste jedoch den Rest ihres Lebens von ihrer Mutter umsorgt werden.

Ihre Schwester Jessica war das genaue Gegenteil. Sie brannte mit Esmond Romilly durch, der im spanischen Bürgerkrieg gegen Franco gekämpft hatte, und ging nach Spanien. Allerdings zog er in den Zweiten Weltkrieg und kehrte nie mehr zurück.

Mit ihrem zweiten Ehemann, einem Amerikaner, schloss sie sich der Kommunistischen Partei an und war jahrelang ein aktives Mitglied.

Zu guter Letzt gab es noch die Jüngste, Deborah. Die Familie hoffte lange auf einen zweiten Sohn, sodass mit ihrer Geburt im Jahr 1920 bittere Enttäuschung einherging. Dennoch kann man sie durchaus als die gescheiteste und erfolgreichste der Mitford Schwestern betrachten.

Sie heiratete Andrew, den zweiten Sohn des Duke of Devonshire. Als sein Bruder im Krieg umkam, erbte er überraschend den Titel und das riesige Anwesen. Das Ehepaar machte Chatsworth zu einem der herrschaftlichsten Anwesen Großbritanniens und lebte dort mehr als sechzig Jahre glücklich verheiratet.

Die Schwestern von Mitford Manor – Unter VerdachtDie Schwestern von Mitford Manor – Unter VerdachtDie Schwestern von Mitford Manor – Unter Verdacht

Roman

London, 1920: Für die 19-jährige Louisa geht ein Traum in Erfüllung. Sie bekommt eine Anstellung bei den Mitfords, der glamourösen und skandalumwitterten Familie aus Oxfordshire. Endlich kann sie der Armut und dem Elend der Großstadt entfliehen und dafür auf ein herrschaftliches Anwesen ziehen. Louisa wird Anstandsdame und Vertraute der sechs Töchter des Hauses, allen voran der 17-jährigen Nancy, einer intelligenten jungen Frau, die nichts mehr liebt als Abenteuer und gute Geschichten. Als Florence Nightingale Shore, eine Krankenschwester und Freundin der Familie, am helllichten Tag ermordet wird, beginnen Nancy und Louisa eigene Ermittlungen anzustellen. Schnell erkennen sie, dass nach den Wirren des Krieges jeder etwas zu verbergen hat.

Kapitel 1
Heiligabend 1919


Mit gesenktem Kopf, ihren dünnen Mantel gegen den schneidenden Wind fest um sich gezogen, bahnte sich Louisa Cannon den Weg durch die Menschenmengen auf der King’s Road. Längst war die Dämmerung hereingebrochen, und trotzdem hatte das Gewimmel immer noch nicht nachgelassen. Paare und Kauflustige bummelten vor den mit elektrischen Lichtern dekorierten Schaufenstern, bestaunten die reich bestückten Auslagen, bunte Kartons mit rosafarbenen und grünen, in Puderzucker gewälzten orientalischen Lokum-Würfeln, die bleichen, glänzenden Gesichter brandneuer Porzellanpuppen, deren Arme und Beine steif aus gestärkten Baumwollkleidern ragten, so detailgenau genäht, dass unter dem Saum sogar die hauchfeinen Unterröcke hervorlugten.
In jedem einzelnen Fenster des feudalen Kaufhauses Peter Jones stand ein Weihnachtsbaum, an dessen mit vielfarbigen Bändern geschmückten immergrünen Zweigen Schaukelpferdchen aus Holz, silberne Sterne, goldene Eier und gestreifte Zuckerstangen hingen – prächtige, perfekt zum Leben erweckte Kinderträume, nun, da der Krieg vorbei war und Lebensmittel nicht mehr rationiert wurden.
Vor einem Schaufenster stand ein Mann; er hatte die Hände hinter dem Rücken verschränkt, und Louisa fragte sich, ob er es wohl bemerken würde, wenn sich eine Hand in seine Manteltasche stehlen und nach seiner Börse tasten würde. Die Worte ihres Onkels waren ihr den ganzen Tag nicht aus dem Kopf gegangen: „Und komm nicht auf die Idee, dich hier ohne Geld blicken zu lassen. Zu Weihnachten laufen alle mit vollen Taschen herum.“ Offenbar hatte ihn jemand verärgert, da er in letzter Zeit extrem übellaunig war.
Als sie näher kam, wandte sich der Mann abrupt um und schob die Hände in die Taschen. Eigentlich hätte sie sich ärgern müssen, doch in Wahrheit verspürte sie Erleichterung.
Louisa vergrub das Kinn noch tiefer in ihrem Mantel und hielt den Blick auf die Schnürschuhe und Lederstiefel auf dem Gehsteig gerichtet. Abgesehen von ihrem Onkel wartete zu Hause ihre Mutter, die im Bett lag, nicht richtig krank, aber auch nicht richtig gesund – Kummer, harte Arbeit und Hunger zehrten an ihr. Louisa war so in Gedanken versunken, dass sie erst aufsah, als ihr die Hitze von einem Maronenstand ins Gesicht schlug. Bitterer Rauch stieg ihr in die Nase, und ihr leerer Magen meldete sich.
Minuten später löste sie vorsichtig die glutheiße Schale von der ersten Kastanie und biss ein kleines Stück ab. Sie würde nur zwei essen und den Rest ihrer Mutter mitbringen; mit ein bisschen Glück waren sie noch nicht zu sehr abgekühlt, bis sie zu Hause ankam. Sie lehnte sich an die Mauer hinter dem Stand und genoss die Wärme des Feuers. Der Maronenverkäufer war ein gut gelaunter Kerl, und es herrschte eine frohe, festliche Atmosphäre. Louisa spürte, wie sich ihre Schultern entspannten – sie hatte gar nicht gemerkt, wie lange sie mit eingezogenem Kopf herumgelaufen war. Als sie aufsah, erblickte sie eine Gestalt, die direkt auf sie zukam: Jennie.
Louisa wich zurück, versuchte, sich in die Schatten zu drücken, während sie die Tüte mit den Maronen in die Tasche schob und den Kragen höher zog. Aber sie saß in der Falle – Jennie kam näher und näher, und es war unmöglich, hier wegzukommen, ohne ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Louisas Atem ging schneller, und sie kniete sich hin und tat so, als würde sie sich die Schnürsenkel zubinden.
„Louisa?“ Eine Hand berührte sie sanft am Ellbogen. Die schlanke Gestalt trug einen modischen Mantel aus Samt, weit geschnitten und mit Pfauenfedern bestickt. Hatte Louisas grüner Filzmantel bis eben noch ihrem schmalen Körper geschmeichelt, wirkte er nun lediglich wie ein schäbiger Lumpen. Doch die Stimme, die an ihr Ohr drang, war freundlich und warm. „Bist du das?“
Es war sinnlos. Louisa richtete sich auf und versuchte, so überrascht wie möglich dreinzusehen. „Jennie!“, platzte es aus ihr heraus. Ihre Wangen glühten vor Scham – gerade noch hatte sie jemanden bestehlen wollen, und jetzt stand ihre alte Freundin vor ihr. „Hallo. Ich habe dich gar nicht bemerkt.“
„Ich freue mich so, dich zu sehen“, sagte die junge Frau. Ihre Schönheit war noch ein zierliches Pflänzchen gewesen, als Louisa sie zuletzt gesehen hatte, doch nun war sie voll erblüht, ein atemberaubender Anblick, prächtig und zart zugleich, wie ein Kristallleuchter. „Du meine Güte, wie lange ist das her? Vier Jahre? Fünf?“
„Ja, ich glaube schon.“ Louisa schloss die klammen Finger um die warmen Maronen in ihrer Manteltasche.
Hinter Jennie tauchte eine andere junge Frau auf. Sie war vielleicht ein, zwei Jahre jünger als sie, mit dunklem, lockigem Haar, das über ihre Schultern fiel, und grünen Augen unter ihrer Hutkrempe. Sie lächelte, sichtlich erfreut, dass sich zwei alte Freundinnen wiedergefunden hatten.
Jennie legte die Hand auf die Schulter des Mädchens. „Darf ich dir Nancy Mitford vorstellen? Nancy, das ist meine älteste und liebste Freundin, Louisa Cannon.“
Nancy streckte die Hand aus. „Sehr erfreut.“
Louisa schüttelte ihr die Hand. Um ein Haar hätte sie sogar einen Knicks gemacht. Trotz ihres warmen Lächelns hatte Nancy die Ausstrahlung einer jungen Königin.
„Nancy ist die Tochter guter Freunde meiner Schwiegereltern“, erklärte Jennie. „Ihr Kindermädchen ist davongelaufen, deshalb gehe ich ihnen ein wenig zur Hand.“
„Sie ist mit dem Metzgersohn durchgebrannt“, unterbrach Nancy sie. „Das ganze Dorf ist in Aufruhr. Ich könnte mich kaputtlachen, und Farve tobt immer noch vor Wut.“ Ihr Kichern war ausgesprochen ansteckend, fand Louisa.
Jennie warf Nancy einen gespielt strengen Blick zu und fuhr fort: „Jedenfalls waren wir zusammen Tee trinken. Nancy hat noch nie das Weihnachtsgebäck von Fortnum’s probiert – kannst du dir das vorstellen?“
Louisa, die ebenfalls noch nie in diesen Genuss gekommen war, wusste nicht, was sie darauf antworten sollte. „Ich hoffe, es war gut“, sagte sie schließlich.
„O ja“, sagte Nancy. „Köstlich. Diese katholischen Götzenkekse kriege ich nicht oft zu essen.“ Sie vollführte eine halbe Drehung, ob aus echter oder gespielter Aufregung, ließ sich schwer sagen.
„Aber wie geht es dir? Und deinen Eltern? Du siehst …“ Jennie hielt einen Moment inne. „… gut aus, wirklich. Ganz schön frostig heute, nicht? Und so viel zu tun – morgen ist ja Weihnachten!“ Sie lachte nervös.
„Bei uns ist alles in Ordnung.“ Louisa trat von einem Fuß auf den anderen. „Alles eigentlich wie immer. Man schlägt sich so durch.“
Jennie ergriff ihren Arm. »Wir sind ein bisschen spät dran, meine Liebe. Ich habe versprochen, Nancy nach Hause zu bringen. Möchtest du uns vielleicht ein Stück begleiten? Dann könnten wir noch etwas plaudern.«
„Gern“, sagte Louisa. „Mögt ihr Maronen? Ich habe welche für Ma gekauft, aber schon eine oder zwei genascht.“
„Also sind das gar nicht deine?“ Jennie knuffte ihre Freundin in die Rippen und zwinkerte ihr zu.
Endlich konnte Louisa sich ein Lächeln abringen. Sie schälte beiden eine Marone und reichte sie ihnen. Jennie hielt ihre zwischen den Fingerspitzen, ehe sie sie in den Mund steckte. Nancy tat es ihr nach. Louisa nutzte die Gelegenheit, um ihre Freundin etwas genauer zu betrachten.
„Du siehst wirklich gut aus. Und geht es dir auch gut?“
Jennie lächelte. »Ich habe letzten Sommer Richard Roper geheiratet. Er ist Architekt. Wir gehen bald nach New York. Der Krieg hat Europa zerstört, sagt Richard. Drüben hat man einfach bessere Chancen – wir hoffen es zumindest. Und du?«
„Na ja, verheiratet bin ich nicht“, sagte Louisa. „Irgendwie habe ich den richtigen Zeitpunkt verpasst, und dann habe ich mich ganz dagegen entschieden.“
Zu ihrer Freude kicherte Nancy amüsiert.
„Mach dich nur lustig“, gab Jennie zurück. „Du hast dich kein bisschen verändert.“
Louisa zuckte mit den Schultern. Die Bemerkung hatte sie getroffen, auch wenn sie wusste, dass Jennie es nicht böse gemeint hatte. „Stimmt, im Großen und Ganzen ist alles beim Alten: Ich wohne immer noch zu Hause, und Ma und ich strampeln uns ab, um über die Runden zu kommen.“
„Das tut mir leid. Kann ich dir vielleicht etwas Gutes tun? Bitte.“ Jennie begann, in einem hübschen Täschchen zu kramen, das an einer Silberkette über ihrer Schulter hing.
„Nein, danke. Uns geht es gut. Wir sind auch nicht ganz auf uns allein gestellt.“
„Du meinst deinen Onkel?“
Louisas Miene verdüsterte sich, trotzdem zwang sie sich erneut zu einem Lächeln. „Ja. Ach, es wird schon wieder – was rede ich … eigentlich geht es uns gut. Kommt, gehen wir ein Stück. Wo müsst ihr denn hin?“
»Ich bringe Nancy nach Hause, und dann treffe ich mich mit Richard und ein paar Freunden zum Tanzen im 100 Club. Warst du schon mal da? Wenn nicht, musst du’s unbedingt nachholen. Da ist immer eine Menge Trubel, und Richard ist ein echter Draufgänger. Wahrscheinlich hat er mich deswegen auch geheiratet.« Sie senkte die Stimme zu einem verschwörerischen Flüstern. „Na ja, ich bin eben auch keine ganz normale Ehefrau.“
»Stimmt, Leute aus unseren Kreisen passen eigentlich gar nicht in solche Gesellschaft. Aber du warst eben auch immer mehr eine Lady als wir anderen. Ich kann mich noch genau erinnern, dass du immer ein gestärktes Nachthemd tragen wolltest. Hast du meiner Mutter nicht mal Stärke aus dem Schrank geklaut?«
Jennie schlug sich eine Hand vor den Mund. „Ja! Das hatte ich ganz vergessen! Ich wollte ihre Gehilfin sein, und sie hat mich lauthals ausgelacht.“
„Wäscherinnen haben keine Gehilfen“, sagte Louisa. „Auch wenn ich Ma oft unter die Arme greife. Und im Stopfen bin ich inzwischen ein echtes Ass, ob du’s glaubst oder nicht.“
Die ganze Zeit ruhten Nancys grüne Augen auf ihnen, und Louisa fragte sich, ob es in Ordnung gewesen war, dass sie auf Jennies alles andere als adelige Herkunft angespielt hatte; aber Jennie war eine so miserable Lügnerin, dass Nancy es wahrscheinlich ohnehin wusste. Jedenfalls war Jennie keinerlei Verlegenheit anzumerken.
„Deine Ma arbeitet also noch?“ Mitfühlend sah Jennie sie an. „Aber dein Dad fegt keine Schornsteine mehr, oder?“
Louisa schüttelte den Kopf. Ihr Vater war vor ein paar Monaten gestorben, aber sie wollte nicht darüber reden.
„Mr Black und Mrs White haben wir sie immer genannt, weißt du noch?“
Die beiden jungen Frauen kicherten und steckten die Köpfe zusammen – einen Augenblick lang waren sie wieder die Schulmädchen mit Zöpfen von einst.
Über ihnen funkelten jetzt die Sterne am dunklen Firmament, doch mit den Straßenlaternen konnten sie nicht konkurrieren. Automobile knatterten über die Straße; ununterbrochen drückte jemand auf die Hupe, sei es aus Ärger über einen langsamen Wagen oder weil er jemanden freundlich grüßte. Passanten mit vollgepackten Einkaufstüten stießen mit ihnen zusammen und schimpften leise über die drei Mädchen, die den Gehsteig blockierten.
Jennie sah auf ihre Armbanduhr. „Wir müssen uns sputen. Aber wollen wir uns nicht mal wieder treffen? Ich kriege meine alten Freundinnen kaum noch zu Gesicht.“
„Ja, gern“, sagte Louisa. „Das wäre schön. Ich wohne immer noch zu Hause – du weißt ja, wo. Viel Spaß noch heute. Und frohe Weihnachten! Ich freue mich für dich!“
Jennie nickte. „Danke, Louisa. Dir auch frohe Weihnachten.“
„Frohe Weihnachten.“ Nancy winkte, und Louisa winkte zurück.
Jennie und Nancy wandten sich ab und gingen die King’s Road hinunter, während sich die Menschenmassen vor ihnen teilten wie einst vor Moses das Rote Meer.

 

Kapitel 2


Weihnachten war für Louisa bisher eine willkommene Abwechslung vom winterlichen Alltag gewesen, doch diesmal brachten ihre Mutter und sie es nicht über sich, ihre kleinen Traditionen aufrechtzuerhalten. Sie hatten darauf verzichtet, die Wohnung zu dekorieren, und auch keinen Tannenbaum vom Markt geholt. „Weihnachten ist ja ohnehin nach zwei Tagen vorbei“, hatte Ma gemurmelt.
Und folglich hatten sie so getan, als sei es ein ganz normaler Donnerstag. Ihr Onkel Stephen hatte bis Mittag geschlafen und seine am Kamin sitzende Nichte und ihre Mutter – Louisa las Jane Eyre, ihre Ma strickte an einem dunkelgrünen Pullover – mit einem kaum hörbaren „Frohe Weihnachten“ bedacht, bevor er in die Küche schlurfte, um sich ein Bier zu holen.
Stephens Hund Socks, ein langbeiniger, schwarz-weißer Mischling mit seidigen Ohren, hatte es sich zu Louisas Füßen bequem gemacht; er schien noch am ehesten in weihnachtlicher Stimmung zu sein.
Als Stephen sich in den Ohrensessel fallen ließ, nahm Winnie eine Masche wieder auf und rückte ein bisschen näher ans Feuer. „Zum Abendessen gibt es Schweinebraten.“ Sie wandte sich ihrem Schwager zu. „Und Mrs Shovelton hat mir einen kleinen Weihnachtspudding geschenkt.“
„Diese verdammten Snobs“, gab Stephen zurück. „Haben sie dir jemals eine halbe Krone extra gegeben? Wäre um einiges nützlicher als ein elender Weihnachtspudding.“
„Mrs Shovelton war immer gut zu mir. Du weißt genau, dass ich mir zwei Wochen freinehmen musste, als dein … als Arthur …“ Winnies Stimme brach, und sie senkte den Blick, rang nach Luft und versuchte, die Fassung zu bewahren. Ihre Verzagtheit hatte in letzter Zeit zugenommen, und nicht alle ihrer Auftraggeberinnen hatten Verständnis dafür, wenn sie ihre Wäsche einen Tag später als vereinbart zurückerhielten.
„Schsch, Ma“, sagte Louisa. „Es war sehr nett von Mrs Shovelton. Und ich glaube, ich kann auch ein paar Münzen beisteuern.“ Sie warf ihrem Onkel einen finsteren Blick zu, der verdrossen mit den Schultern zuckte und einen Schluck von seinem Bier nahm.
Gott sei Dank hatte Stephen nach dem Schweinebraten mit Kartoffeln verkündet, dass er sich in den Ohrensessel zurückziehen und ein Verdauungsschläfchen halten würde. Louisa und ihre Mutter bemühten sich, doch noch so etwas wie Weihnachtsstimmung aufkommen zu lassen, und machten sich über den Pudding her. Allerdings hatten sie keinen Brandy zum Flambieren. Kurz überlegten sie, ob es auch mit einem Schuss Bier gehen würde, ließen es dann aber lieber bleiben.
„Frohe Weihnachten, Ma“, sagte Louisa und hob ihren Löffel. „Auf Dad, ja?“
In Winnies Augen standen Tränen, aber sie lächelte. „Ja, Schatz. Auf Dad.“
Sie hatten den Pudding gegessen, ohne Stephen etwas übrig zu lassen, dann abgeräumt und sich in der engen Küche die Arbeit geteilt. Sie verstanden sich blind – Louisa machte den Abwasch, Winnie trocknete ab. Nach dem Nickerchen nahm Stephen seinen Mantel und verkündete, er würde noch in den Pub gehen; Socks folgte ihm auf dem Fuß, und Sekunden später fiel die Tür hinter ihnen ins Schloss. Mutter und Tochter verrichteten stumm ihre Arbeit und gingen schließlich um 21 Uhr zu Bett. Durch die Wände hörten sie, wie die Nachbarn den Refrain von Good King Wenceslas anstimmten, dem noch viele weitere folgen würden.
Stunden später erwachte Louisa aus unruhigem Schlaf, als sie Stephens Hand an ihrer Schulter spürte.
„Was ist?“, flüsterte sie so leise wie möglich, um ihre Ma nicht zu wecken, die neben ihr schlief. Sie überlegte, ob jemandem etwas zugestoßen war – etwa Mrs Fitch von nebenan, die vor ein paar Jahren auf ihre alte Katze aufgepasst hatte, als sie für eine Woche in Weston-super-Mare gewesen waren? Oder Mrs Shovelton? Aber falls ja, konnte das nicht bis morgen warten? Ihre Großeltern waren allesamt lange tot – eine „süße Überraschung“ hatten ihre Eltern Louisa genannt, denn sie waren bei ihrer Geburt bereits vierzig und sechsundvierzig Jahre alt. Aber Stephen legte den Zeigefinger an die Lippen – wobei er Mühe hatte, die Mitte zu treffen – und zerrte sie grob aus dem Bett.
„Ich komme ja schon“, flüsterte sie halblaut und rieb sich die Augen. Ihre Mutter regte sich im Schlaf und stieß einen rasselnden Seufzer aus. Schließlich schlurfte Louisa in die Küche zu Stephen. „Was ist los?“
„Im Wohnzimmer wartet ein Mann auf dich“, sagte Stephen. „Er will dich kennenlernen und erlässt mir ein paar kleine Schulden für die Gefälligkeit.“ Er grinste. „Also, sei nett zu ihm.“
„Was? Ich verstehe nicht.“
„Geh rüber, dann kapierst du’s schon. Los jetzt.“ Er schubste sie Richtung Wohnzimmer wie einen Hund, der ihn um einen Knochen anbettelte.
Im selben Augenblick begriff Louisa, was er wollte. „Nein! Nein. Lass das, oder ich sage es Ma.“
Seine große, flache Hand klatschte mit einer derartigen Wucht mitten in ihr Gesicht, dass Louisa um ein Haar auf ihren nackten Füßen ausgerutscht wäre. Ihr Hausmantel fiel lose um ihr Nachthemd, während sie das Gleichgewicht zu halten versuchte und die Hand nach dem Küchentisch ausstreckte, als sie der zweite Schlag traf, diesmal sein Handrücken. Ein scharfer Schmerz schoss durch ihren Kiefer, und ihre Wange brannte wie Feuer. Ihre Kehle war rau, auch wenn ihr keine Tränen kamen.
„Deine Mutter braucht nichts davon zu erfahren. Sie hat schließlich schon genug Sorgen, oder? Und jetzt mach dich nützlich – ich sag’s nicht noch mal.“
Louisa musterte ihren Onkel kalt. Mit einer knappen Bewegung des Kinns deutete er zur Tür. O nein, dachte sie, so weit sind wir also gekommen.
Stephen war als Einzigem aufgefallen, dass sie kein Kind mehr war. Ein oder zwei Mal hatte er nebenbei bemerkt, sie sei nicht „bloß einfach hübsch“, und natürlich hatte sie sich geschmeichelt gefühlt. Erst jetzt ging ihr auf, was er wirklich damit gemeint hatte.
Sie raffte den Hausmantel eng um sich und band den Gürtel zu. Dann wandte sie sich um, betrat das Wohnzimmer und schloss leise die Tür hinter sich, um ihre Mutter nicht zu wecken.
Vor dem Kamin, dessen Feuer längst erloschen war, stand ein Mann, der ihr schon das eine oder andere Mal begegnet war, als sie Stephen zum Abendessen aus dem Pub geholt hatte: Liam Mahoney. Ihre Kehle war wie zugeschnürt.
Seine Augen waren zu Schlitzen verengt, seine Lippen entschlossen aufeinandergepresst. Sie blieb an der Tür stehen – solange sie die Hand am Knauf hatte, würde ihr nichts passieren, dachte sie.
Im Halbdunkel des Zimmers schien sie alles mit geschärften Sinnen wahrzunehmen. Sie roch seinen schalen Bieratem, den Schweiß, der aus jeder Pore seines Körpers drang, und es kam ihr vor, als könne sie sogar den Dreck unter seinen Fingernägeln riechen. Hinter der Tür hörte sie ein leises Scharren: Stephen, der sie belauschte.
„Komm her, Kleine.“ Liams Hand wanderte zu seinem Gürtel, dessen Messingschnalle im Halbdunkel schimmerte.
Louisa bewegte sich nicht vom Fleck.
„Musst wohl erst noch Benehmen lernen, was?“
Louisa ballte die Finger so fest zusammen, dass ihre Knöchel weiß hervortraten.
Sein Tonfall wurde freundlicher. „Du brauchst keine Angst zu haben. Ich will dich nur mal anschauen. Mit deinem Gesicht könntest du ’ne Stange Geld verdienen, ist dir das klar?“ Er lachte leise, während er auf sie zutrat und die Hand ausstreckte. Louisa zuckte zurück und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Sie schauen sich gar nichts an“, gab sie zurück. „Lassen Sie mich in Ruhe. Wenn Sie mich anfassen, schreie ich.“
Der Mann gab ein bellendes Lachen von sich. „Schsch. Ist doch nicht nötig, das Theater. Hör zu, Kleine.“ Er senkte die Stimme und beugte sich zu ihr. Erneut stieg ihr der Geruch von Alkohol und Schweiß in die Nase, und sie schloss die Augen. »Dein Onkel schuldet mir Geld. Du brauchst bloß ein bisschen nett zu mir zu sein, dann vergesse ich seine Schulden. Also, wir fahren zusammen runter nach Hastings, und im Handumdrehen bist du wieder zurück. Niemand kriegt etwas davon mit.«
Mit einer Hand stieß Liam sie gegen die Wand. Panik ergriff Besitz von ihr – sie riss die Hände hoch, wollte ihn abwehren, doch er war stärker, packte ihre Handgelenke mit der einen Hand und betatschte sie mit der anderen, die Kurve ihrer Taille, ihrer Hüfte.
Louisa erstarrte. Sie blickte über seine Schulter zum Fenster, durch den Spalt zwischen den Vorhängen, die sich nach all den Jahren nicht mehr richtig schließen ließen. Draußen fiel das gelbe, leicht flackernde Licht einer Laterne auf die leere Straße und den Gehsteig, der von Rissen übersät war, aus denen Grasbüschel wuchsen. Am liebsten hätte Louisa sich in den dunklen Scharten verkrochen.
In diesem Moment ertönte eine Stimme von der Treppe – ihre Mutter rief nach ihr.
Abrupt ließ Liam sie los, und sie rang nach Luft. Er knöpfte seine Jacke zu und schlug den Kragen hoch. „Nur eine Nacht in Hastings“, sagte er. „Das ist wohl nicht zu viel verlangt.“
Sie stand immer noch wie erstarrt da, als er bereits in der Diele war und leises Gemurmel zu ihr herüberdrang. Kurz darauf hörte sie Stephens schwere Schritte auf der Treppe. Und dann herrschte Stille.
Mechanisch setzte Louisa einen Fuß vor den anderen, ging in die Küche und machte sich einen Tee. Sie wärmte die Kanne an, goss Milch in einen Krug und nahm eine Porzellantasse aus dem Schrank. Ihr Vater hatte das blau-weiße Service für ihre Mutter auf dem Portobello Market gekauft, nur wenige Tage vor ihrer Geburt. Was bedeutete, dass die Tasse älter war als sie selbst – also mindestens neunzehn Jahre alt, und die Tasse sah weit weniger angeschlagen aus, als sie sich fühlte.
Erst als sie sich mit dem heißen Tee an den Tisch setzte, gestattete sie sich ein paar Tränen, und auch nicht allzu viele. Sie wischte sie mit dem Handrücken fort und schüttelte den Kopf. So konnte es nicht weitergehen; sie musste sich dringend etwas überlegen. Plötzlich fiel ihr ein, wie Nancy Mitford erzählt hatte, dass ihr Kindermädchen durchgebrannt war. Vielleicht suchten die Mitfords ja immer noch nach einem Ersatz. Jennie wusste bestimmt mehr. In einer der Küchenschubladen fand Louisa Papier und Stift. Und dann schrieb sie den Brief, der, wie sie hoffte, ihrem Leben eine Wende geben würde.

 

Kapitel 3
12. Januar 1920

Schwer bepackt verließen Louisa und ihre Mutter Mrs Shoveltons weiß getünchtes Haus in Drayton Gardens durch den Dienstboteneingang. Louisa hatte sich doppelt so viel aufgeladen, denn ihre Mutter sollte auf keinen Fall mehr als nötig tragen.
Jennie hatte auf Louisas Brief geantwortet und ihr geraten, der Hauswirtschafterin der Mitfords, Mrs Windsor, zu schreiben. Falls Du schon Erfahrung als Kindermädchen hast, wäre es sicher hilfreich, wenn Du das erwähnst, hatte sie hinzugefügt. Es sind insgesamt sechs Kinder. Das war bereits zwei Wochen her. Mrs Windsor hatte sich immer noch nicht gemeldet, und Louisa wusste immer noch nicht, wie sie sich ihrem Onkel entziehen sollte. Mit eingezogenen Köpfen stemmten sie sich gegen den beißenden Wind; die fahle Wintersonne brannte in ihren Nacken, als sie sich auf den Rückweg machten.
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite erspähte Louisa ihren Onkel; er trug seinen Porkpie-Hut, lehnte an einem Laternenpfahl und rauchte eine Zigarette, die er aber wegwarf, als er sie bemerkte. Socks harrte gehorsam zu seinen Füßen aus. Als er Louisa sah, wollte er zu ihr laufen, doch Stephen pfiff ihn sofort zurück, gab ihm ein Leckerchen und tätschelte ihm den Kopf, ehe er ein nichtssagendes Lächeln aufsetzte. Louisa hielt sich dicht bei ihrer Mutter, den Blick zur Hauptstraße gerichtet, auf der Automobile und Passanten unterwegs waren. Zeugen.
„He“, rief er ihnen hinterher. „Wollt ihr beiden nicht mal Hallo sagen?“
Louisas Mutter wandte sich um und blinzelte ihn erstaunt an. „Stephen? Aber heute ist gar nicht Zahltag.“
„Das weiß ich selber.“
„Und warum bist du dann hier?“
„Man wird ja wohl noch seiner lieben alten Schwägerin und seiner hübschen Nichte einen schönen guten Tag wünschen dürfen“, entgegnete er. Socks trottete hinter ihm her, als er mit ausdruckslosem Gesicht auf sie zukam. Ein Schauder überlief Louisa, und einen Moment kam es ihr vor, als würde sie gleich ohnmächtig werden.
„Ich dachte, ich helfe euch beim Tragen.“ Er nahm Louisa den Korb ab. Einen winzigen Augenblick leistete sie Widerstand, doch er entwand ihn ihr mit Leichtigkeit. Ein angedeutetes Lächeln spielte um seine Mundwinkel. „So seid ihr ganz schnell wieder zu Hause.“
Winnie musterte ihn ungerührt und setzte schweigend ihren Weg fort. Stephen trat einen Schritt zurück, als wolle er seinen Mantel vor ihr auf dem Boden ausbreiten wie einst Sir Walter Raleigh vor Königin Elizabeth I. Louisa sah, wie sich die Schultern ihrer Mutter unter der Last des Korbs krümmten, und wollte ihr folgen. Dass ihr Onkel den anderen Korb abgestellt hatte, bekam sie erst mit, als er sie blitzschnell am Ellbogen packte.
„So läuft das nicht, Mädchen“, zischte er leise.
Im selben Moment war Winnie um die Ecke verschwunden und hätte sie über den Motorenlärm und das Hufgeklapper hinweg sowieso nicht mehr hören können. Außerdem wusste Louisa, dass ihre Mutter sich nicht nach ihnen umsehen würde.
„Ich weiß, was du vorhast“, knurrte Stephen.
„Ich habe gar nichts vor. Lass mich los!“ Louisa versuchte, sich seinem Griff zu entwinden, doch es war sinnlos. Er zog sie einfach mit sich.
„Du kannst die Wäsche nicht hier stehen lassen!“, fuhr Louisa ihn an. „Wenn sie wegkommt, muss Ma sie bezahlen, und wir kriegen kein Geld. Lass mich wenigstens die Sachen zurückbringen!“
Stephen überlegte kurz, schüttelte aber den Kopf. „Die alte Shovelton findet ihre Wäsche schon. Wir sind ja gerade Mal zehn Meter von ihrer Haustür entfernt.“ Aber während er zu dem Korb hinüberblickte, der mitten auf dem Gehsteig stand, hatte er seinen Griff gelockert.
Louisa riss sich los und rannte zu Mrs Shoveltons Haus zurück. Sie war nicht sicher, was sie dort wollte; sie würde garantiert nicht den Mut aufbringen, an der Haustür zu klopfen, ganz davon abgesehen, dass Mrs Shoveltons Butler sie wahrscheinlich nicht erkennen würde, obwohl sie seit sechs Jahren mit ihrer Mutter regelmäßig die Bettwäsche abholte. Und selbst wenn, würde er ihr bestimmt die Tür vor der Nase zuschlagen, weil sie – augenscheinlich keine Bekannte der Familie, sondern eine Bedienstete – vor dem falschen Eingang stand.
Louisa verwarf die Idee also und lief am Haus der Shoveltons vorbei in Richtung einer dunklen gepflasterten Gasse. Dort konnte sie Stephen vielleicht abhängen, vielleicht hatte sie ja sogar das Glück, dass er auf den feuchten Steinen ausrutschte.
Aber sie hatte einen Moment zu lange gezögert, und im selben Augenblick packte Stephen sie an den Handgelenken und riss ihr die Arme in den Rücken. Mit schmerzverzerrtem Gesicht versuchte sie, sich ihm zu entwinden, doch er hielt sie mit einer Hand fest und griff ihr mit der anderen in den Nacken. Beim Anblick seiner nikotinverfärbten Fingernägel drehte sich ihr der Magen um.
„Versuch das nicht noch mal“, zischte er. „Und jetzt komm mit.“
Louisa kapitulierte. Er war größer, stärker und gemeiner als sie, sie hatte keine Chance. Er spürte, wie ihr Widerstand erlahmte, und ließ ihren Nacken los, ohne jedoch ihre Hände freizugeben. Eine Frau auf der anderen Straßenseite, deren Absätze wie die Hufe eines Dressurpferds klapperten, sah kurz zu ihnen herüber, ging dann aber weiter, ohne innezuhalten.
„Braves Mädchen“, sagte Stephen. „Hättest du auf mich gehört, hätten wir uns das sparen können.“
Als wäre er ein Polizist und sie eine Diebin, führte er Louisa die Gasse entlang, die in die Fulham Road mündete, und winkte dort ein Taxi heran. Falls es dem Fahrer seltsam vorkommen sollte, dass ein Kerl in Arbeiterschuhen und einem von Flicken übersäten Wollmantel eine junge Frau in schlichter Kleidung und einen Hund in seinen Wagen drängte, ließ er es sich jedenfalls nicht anmerken.
„Victoria Station“, sagte Stephen. „Und zwar ein bisschen plötzlich.“

Über die Autorin

Jessica Fellowes, bekannt durch ihre Begleitbücher zur weltberühmten Serie „Downton Abbey“, arbeitet als Journalistin und Referentin und war früher als stellvertretende Chefredakteurin von Country Life tätig. Sie ist die Nichte von Julian Fellowes, Schauspieler, Romanautor und Verfasser der „Downton Abbey“-Drehbücher. Jessica Fellowes lebt mit ihrer Familie, einem Labradoodle und zwei Hühnern in Oxfordshire.

Freitag, 24. August 2018 von Piper Verlag