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Larissas VermächtnisLarissas Vermächtnis

Larissas Vermächtnis Larissas Vermächtnis - eBook-Ausgabe

Katrin Biber
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Der schreckliche Mord an meiner Schwester und mein Weg zurück ins Leben

„Sehr persönlich und emotional“ - Kronen Zeitung (A)

Alle Pressestimmen (9)

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Larissas Vermächtnis — Inhalt

Wie es gelingt, nach einem Schicksalsschlag wieder positiv durchs Leben zu gehen.

2013 verschwindet Katrin Bibers Schwester Larissa spurlos auf dem Heimweg von einer Party. Kurz darauf wird klar, dass ihr damaliger Freund sie ermordet hat. Es folgt eine lange schmerzvolle Zeit für Katrin und ihre Familie. Auch viele Angehörige und Freunde sind mit der Situation vollkommen überfordert. Irgendwann fragt sich Katrin, was ihre lebenslustige Schwester in ihrer Situation wohl getan hätte. Also zieht sie ihre Sportschuhe an und beginnt, ihrer Trauer mit Bewegung zu begegnen – es wirkt! Katrin Biber erzählt, wie sie es geschafft hat, das erste Jahr nach dem Schicksalsschlag zu überstehen und wieder positiv durchs Leben zu gehen. Geleitet hat sie dabei stets das Lebensmotto ihrer Schwester: „Lebe. Lache. Liebe.“

€ 10,00 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 06.04.2020
304 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-31588-3
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€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 06.04.2020
304 Seiten
EAN 978-3-492-99658-7
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„Sehr persönlich und emotional“
Kronen Zeitung (A)
„Katrin Biber beschreibt in ihrem Buch minutiös die Perspektive der Angehörigen.“
Kurier (A)
„Eindrucksvoll schildert (Katrin Biber) eine Geschichte, die von Tod, Trauer und auch ganz viel Liebe handelt.“
MAG1010

Leseprobe zu „Larissas Vermächtnis“

„Aufraffen, klarkommen, loslegen“

Prolog oder: Warum ich dieses Buch geschrieben habe

Als ich mit siebzehn am Wiener Westbahnhof in einer kleinen Buchhandlung stand und versuchte, etwas Lesbares für die kommenden sieben Stunden Zugfahrt nach Tirol zu finden, ahnte ich nicht, dass mich ein Buch so faszinieren könnte. Als Teenager hatte ich die Werke des Kinderbuchautors Thomas Brezina regelmäßig verschlungen. Im Jugendalter waren dann andere Dinge interessanter geworden, weshalb sich das Lesen bei mir auf schulische Pflichtlektüre reduziert hatte. Doch an [...]

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„Aufraffen, klarkommen, loslegen“

Prolog oder: Warum ich dieses Buch geschrieben habe

Als ich mit siebzehn am Wiener Westbahnhof in einer kleinen Buchhandlung stand und versuchte, etwas Lesbares für die kommenden sieben Stunden Zugfahrt nach Tirol zu finden, ahnte ich nicht, dass mich ein Buch so faszinieren könnte. Als Teenager hatte ich die Werke des Kinderbuchautors Thomas Brezina regelmäßig verschlungen. Im Jugendalter waren dann andere Dinge interessanter geworden, weshalb sich das Lesen bei mir auf schulische Pflichtlektüre reduziert hatte. Doch an jenem Tag fiel mir das Buch Weg der Träume von Nicholas Sparks in die Hände. Manch einer mag nun die Augen verdrehen. Seine Bücher zählen wohl zu den kitschigsten Lektüren auf der ganzen Welt. Aber diese Geschichte hat die 17-jährige Katrin, die sich nach Emotionen und Liebe sehnte, zutiefst berührt.

Das Buch handelt von einem tödlichen Verkehrsunfall mit anschließender Fahrerflucht. Ein Mann, dessen Frau bei einem Unfall ums Leben gekommen ist, begibt sich auf die Suche nach dem flüchtigen Fahrer. Das Ganze ist verknüpft mit einer berührenden Liebesgeschichte.

Die komplette Zugfahrt hindurch verschlang ich diesen spannenden Roman. Mit ihm wurde meine Lust aufs Lesen wieder entfacht. Mehr noch: Ich verspürte nach und nach den Drang, selbst einen Roman zu schreiben. Nur bei der Frage, worum es gehen sollte, war ich ziemlich hin- und hergerissen – ob eine fiktive Geschichte oder doch etwas Historisches, schließlich studierte ich später selbst Geschichte. Dennoch war ich fest davon überzeugt, dass ich einmal ein Buch verfassen würde.

Ich unterhielt mich viel mit meinen drei jüngeren Schwestern Larissa, Anna und Mara darüber und fragte sie um Rat. Meine Schwester Anna träumte davon, dass ich mit einer romantischen Liebesgeschichte die Herzen der Menschen berührte, doch für mich war klar: Mein Buch sollte nicht nur eine schöne Geschichte sein. Ich wollte die Menschen zum Nachdenken bringen. Ja, für mich sollte die Geschichte etwas Sinnvolleres bewirken, als nur die Zeit zu füllen.

Jedes Mal, wenn ich als frischgebackene Studentin zu dieser Zeit in meiner neuen Heimatstadt Innsbruck unterwegs war, zog es mich in eine ganz bestimmte Buchhandlung. Dort stellte ich mir vor, wie mein Buch unter all den anderen liegen würde und darauf wartet, in die Hand genommen zu werden, um vielleicht das Leben dieses Menschen zum Positiven zu verändern. Ob ich das wirklich schaffen könnte?

„Du wirst das so was von schaffen, Katrin! Nicht mit romantischer Literatur, aber vielleicht mit einem historischen Roman. Das könnte ich mir bei dir gut vorstellen“, bestärkte mich Larissa eines Nachmittags, als wir zusammen in einem Buchladen standen und ich meine Träume mit ihr teilte. „Und dann stehst du dort an der Wand. Und ich kann ganz stolz sagen, dass das meine Schwester ist. Ganz sicher! Das wird toll!“ Sie zeigte an die Bestseller-Wand und grinste schelmisch, während sie ihre Brust stolz rausstreckte und sich groß machte.

„Du spinnst doch total. Komm, lass uns gehen!“, lachte ich und zog sie zu mir heran, um den Laden zu verlassen.

„Ich weiß doch, wie sehr du ständig darüber nachdenkst, deinen Roman zu schreiben. Deshalb möchte ich dir das hier schenken. Vielleicht inspiriert es dich.“ Mit diesen Worten reichte mir Anna wenig später ein wunderschönes Notizbuch, in dem ich meine Gedanken, meine Pläne und Überlegungen zu meinem Buch aufschreiben konnte.

„Wow, Danke!“, sagte ich überrascht und umarmte sie kurz.

„Du schaffst das! Ich glaube an dich!“, zwinkerte sie mir zu. Lange Zeit blieb es leer.

Es ist tragisch, dass schließlich Larissa der Grund für mein Buch sein sollte. Sie wurde 2013 von ihrem Freund ermordet.

 

2014 habe ich auf einem kleinen Balkon auf der wunderschönen Insel Sri Lanka mein Thema gefunden. Nach einem langen, schmerzvollen Jahr war ich hierhergereist, um Zeit für mich und meine Gedanken zu haben.

Ein Jahr zuvor war meine Schwester gestorben.

Meine Schwester Larissa mit dem ständig lachenden Gesicht und der positivsten und lebensbejahendsten Einstellung, die mir in dieser Form bei keinem anderen Menschen jemals mehr begegnet ist. Doch ausgerechnet sie musste jung sterben.

Mit dabei auf Sri Lanka war meine Großcousine Miriam, gemeinsam wohnten wir bei einer herzlichen singhalesischen Familie. Die tiefsinnigen Gespräche in diesen Tagen mit Miriam haben mich an den Traum, ein Buch schreiben zu wollen, erinnert.

Ich hatte das Notizbuch dabei, das Anna mir geschenkt und in dem ich seit dem Tod Larissas meine Gedanken und Gefühle niedergeschrieben hatte. Es waren so viele Dinge, die mir in dieser Zeit durch den Kopf gegangen waren. Und in jenem November auf Sri Lanka beschloss ich, aus diesen Gedanken ein Buch zu machen. Das erste Kapitel von Larissas Vermächtnis ist dort entstanden.

Warum?

Stephen King erklärt in seinem Buch Das Leben und das Schreiben: „Eigentlich geht es nur darum, das Leben derer, die Ihre Bücher lesen, und Ihr eigenes Leben zu bereichern. Es geht darum, sich aufzuraffen, klarzukommen und loszulegen. Es geht darum, glücklich zu werden, okay?“

Ich möchte das Schicksal meiner Schwester und meinen Umgang damit in die Welt hinaustragen. Weil sie mein großes Vorbild war, wenn es darum ging, das Leben in seiner Vollkommenheit zu genießen. Sie liebte jede Sekunde des Lebens, und ich hoffe, dich als Leserin oder Leser mit Larissas Lebensfreude anstecken zu können. Denn es ist diese Freude, die auch mich wieder ins Leben zurückgeholt hat.

Lies dieses Buch wenn möglich nicht einfach nur durch. Ich würde mich freuen, wenn du es durchfühlst, dich deinen eigenen Gefühlen hingibst und durch dieses Buch hindurchwanderst. Gefühle sind das Großartigste, was wir Menschen besitzen, auch wenn sich manche von ihnen, wenn wir sie zum ersten Mal spüren, gar nicht so angenehm anfühlen. Sie alle haben ihren Grund, ihren Nutzen, und erst wenn wir sie durchleben, können wir wachsen, uns selbst in einer Tiefe begegnen, die uns lebendig werden lässt. Und glücklich.

Auch Trauer ist wie ein großer Topf an Gefühlen. Sie kommen plötzlich mit einer Intensität, die dir zuvor nicht bekannt war. Manchmal sind es zwanzig Gefühle gleichzeitig. Sie reichen von Traurigkeit, Wut, Angst, Sehnsucht über Liebe, Schuld, Zorn und Bitterkeit bis hin zur totalen Verzweiflung und Leere. Dann scheint es plötzlich nur das eine Gefühl zu geben, wenn nur die Wut allein dich beherrscht und du alles zerstören willst oder die Sehnsucht alles überschattet, so sehr, dass du dir dein Herz herausreißen willst, um sie zu stoppen. An anderen Tagen wieder spürst du nichts als Leere und Gefühllosigkeit. Du bist taub. Meine Geschichte soll trauernden Menschen helfen, sich nicht allein mit diesem Topf zu fühlen, sie darin bestärken, dass der Schmerz da sein darf, und ihnen zeigen, dass die liebevolle Erinnerung für immer bleibt. Niemand hat Einfluss darauf, wann der Tod zuschlägt, aber wir haben in der Hand, welche Erkenntnisse wir für uns daraus ziehen, was wir mitnehmen und welche Entscheidungen wir treffen. Ich möchte nicht sagen, dass meine Art zu trauern die einzig richtige ist, doch für manche bietet sie vielleicht einen ersten Ansatz, mit der eigenen Trauer umzugehen.

Diese Trauerreise aufzuschreiben war auch für mich Selbstreflexion und Therapie. Es hat mir geholfen, meine eigene Trauer und meine Gedanken besser zu begreifen. Und nicht nur mir. Auch meiner Familie hat es gutgetan, sich aus einer neuen Perspektive selbst zu betrachten und die eigenen Schritte zu verstehen, auf die jede und jeder von ihnen so unendlich stolz sein darf.

Dabei war das Schreiben in vielen Momenten nicht leicht für mich. Immer wieder dieselben schrecklichen Geschehnisse durchzulesen, zu korrigieren, neu zu schreiben hat viel in mir bewegt. Doch diese Auseinandersetzung war es auch, die mir geholfen hat, zu begreifen, was geschehen ist. Am Ende konnte ich so die schmerzvollen Erlebnisse, die mit dieser Tat in Verbindung stehen, loslassen und die schönen Momente mit meiner Schwester in Erinnerung behalten. Und das wünsche ich mir auch für dich.

Dieses Buch ist für mich auch mein Weg, um Danke zu sagen. Danke für die Anteilnahme der vielen Menschen, die der Tod meiner Schwester so schwer getroffen hat. Gleichzeitig soll das Buch über Trauer und diesbezügliche Verhaltensmuster in unserer Gesellschaft aufklären sowie zum Nachdenken und zum Verändern anregen. Außerdem möchte ich zeigen, wie unser Staat und unsere Gesellschaft mit dem Thema Mord umgehen. Hier gibt es aus meiner Sicht noch großes Verbesserungspotenzial.

 

Neun Monate: Das ist die Zeitspanne, die das Buch umfasst – beginnend mit dem Todestag meiner Schwester, endend mit der gerichtlichen Verhandlung gegen ihren Mörder. Ein Zeitraum, bei dem es ums Überleben ging und darum, sich wieder lebendig zu fühlen. Monate, in denen Gefühle aufkamen, für die der Begriff „Trauer“ nicht ausreicht. Zeit, die oftmals stillzustehen und gleichzeitig rasend schnell zu vergehen schien. Tage, an denen ich glaubte, kein Morgen zu erleben, und an denen ich mich sogar von meiner Familie im Stich gelassen fühlte. Denn am Ende musst du allein den Schmerz tragen und aushalten.

Doch gibt es Hoffnung auf ein neues Leben.

Voller Liebe und Lachen, trotz dieser unerbittlichen Sehnsucht.

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Monat 1

„Wo bist du?“

Die Suche nach meiner Schwester Larissa und die grausame Wahrheit


Eine ganz normale Party

Die Kälte der Untersuchungsliege sorgte dafür, dass sich die Haare auf meinen Beinen aufstellten.

Ich sollte mir mal wieder die Beine rasieren, na ja, falls ich den Strumpf nicht mehr tragen muss, sonst ist es ja egal, ging mir durch den Kopf, während ich den Arzt beobachtete, der gerade ein Ultraschallgerät gegen meine Wadenmuskulatur drückte.

Vier lange Monate. Bitte lass es etwas gebracht haben.

„Und? Kann man schon was sehen?“, fragte ich ihn ungeduldig.

„Moment. Hmmm. Mhhh … Prima!“ Er legte das Gerät zur Seite und schaute mich endlich an. „Sieht gut aus. Alles frei. Du hast keine Thrombose mehr.“

„Echt jetzt? Juhu! Keine Spritzen und keinen Strumpf mehr?“ Ich konnte es kaum glauben.

„Keine Spritzen und keinen Strumpf mehr“, wiederholte er.

Vor dem Krankenhaus schnappte ich mein Handy und schrieb meiner Schwester Larissa: „Juhu, ich bin thrombosefrei! Endlich! Das muss gefeiert werden!“

„Wah! So toll. Ich freu mich volle, hey! Na klar!“

Auf dem Heimweg schrieb ich noch meinen beiden anderen Schwestern, Anna und Mara, und meinen Eltern. Alle freuten sich mit mir. Zu Hause setzte ich mich auf die Couch in meinem WG-Zimmer und begann, meine Thrombosestrümpfe auszusortieren. Mein Mitbewohner Christoph kam kurz rein und gratulierte mir zur Genesung, nachdem ich ihm das Ergebnis der Untersuchung mitgeteilt hatte. Ich wohnte mit zwei Jungs in einer Wohngemeinschaft im Zentrum von Innsbruck.

Als er gerade gehen wollte, hielt ich ihn zurück: „Hey, ich überlege, am Wochenende eine Party zu veranstalten. Ist das okay für dich? Eher Freitag als Samstag.“

„Na klar, ich bin vielleicht eh nicht da. Kann es aber noch nicht genau sagen. Viel Spaß“, wünschte er mir noch und verließ das Zimmer.

Mein Handy vibrierte. Eine neue Nachricht von Larissa: „Denk grad an die geilen Partys, die wir zukünftig wieder haben werden. Jetzt, wo du doch endlich gesund bist! :P“

„Jaaaa!!! Ich freue mich auch sooo!“, schrieb ich zurück.

„Und ich mich erst, hey. Hab dich lieb. Bussi“

Ich machte mich daran, die hässlichen weißen Strümpfe ordentlich zusammenzufalten, und ließ in Gedanken die vergangenen Monate Revue passieren.

Im März hatte ich einen Skiunfall gehabt, bei dem mir mein vorderes Kreuzband gerissen war. Der Zeitpunkt war so ungünstig, wie er nur sein konnte. Ich war noch mitten im Studium der Geschichtswissenschaften und jobbte nebenbei als Kellnerin in einem Irish Pub. Mit einem Kreuzbandriss, der sechs bis acht Monate Bewegungseinschränkung bedeutet, war das aber nicht mehr möglich. Noch am Tag des Unfalls wurde ich gekündigt. Und das, nachdem ich mein Studium doch fast ausschließlich selbst finanzieren musste. Bei drei Kindern blieb meinen Eltern, die seit zwei Jahren geschieden waren, nicht viel Geld, um jede von uns groß zu unterstützen. Vor allem, nachdem meine Mutter erst vor kurzer Zeit eine hartnäckige Krebserkrankung besiegt hatte.

Doch jetzt musste ich erst einmal an meinen Körper und nicht ans Geld denken. Im Mai wurde ich schließlich operiert. Die Operation verlief ohne Komplikationen – allerdings nicht die Zeit danach. Ich bekam eine tiefe Beinvenenthrombose und musste mir vier Monate lang Blutverdünner spritzen. Deshalb war ich gezwungen, zu meiner Mutter in meinen Heimatort Reutte in Tirol zurückzuziehen, wo sie mit meinen zwei jüngeren Schwestern Larissa und Mara und unserem Mops Milow in einer kleinen Vierzimmerwohnung wohnte.

Meine Schwester Anna und ich waren bereits ausgezogen und hatten dort keine Zimmer mehr. Mit 26 Jahren zurück nach Hause und wieder neben meiner Mama schlafen zu müssen – was für eine Überwindung für mich! Dennoch war ich froh, diese Möglichkeit überhaupt zu haben.

Vor allem, weil ein Sommer in Reutte auch einiges an Abwechslung versprach! Ich hatte ja meine Schwestern. Seit unseren Kindheitstagen waren wir wie Pech und Schwefel und erlebten alle Abenteuer gemeinsam – oder erzählten uns davon. Geheimnisse hatten wir kaum voreinander. Wir waren Schwestern durch Zufall, aber beste Freundinnen aus Wahl. Eine solche tiefe und bedingungslose Liebe empfand ich sonst für niemanden. Natürlich liebte ich meine Eltern, aber meine Schwestern waren der Spiegel meiner Seele. Manchmal hatte ich das Gefühl, unsere Herzen schlügen im gleichen Takt.

Als wir ein Jahr vor Larissas Tod gemeinsam für ein Wochenende in den Europapark fuhren und im Themenland „Norwegen“ eine kleine hölzerne Kirche sahen, blickte Anna zu mir und rief: „Denkst du dasselbe, was ich gerade denke?“

„Sister Act, hey, woohoo!“, unterbrach Larissa und stürmte hinein.

„Jaaaa“, schrie Mara und folgte ihr.

„Geil! Los geht’s!“, rief ich hinterher. In der Kirche begannen wir laut und euphorisch zu singen: „I will follow him, follow him wherever he may go …“ Sister Act war einer unserer Lieblingsfilme, als wir noch klein waren. Egal, ob es die Musik war, Filme, die wir gemeinsam schauten, Spiele, die wir spielten, Reisen, die wir zusammen unternahmen, oder Erfahrungen, die wir austauschten. Wir teilten nicht nur unser Leben, wir hatten ein gemeinsames Leben und waren oft wie ein verwobenes Geflecht, das nur zusammen existieren konnte.

Im August 2013 wurde ich auf eine dreiwöchige Reha nach Kärnten geschickt. Doch ich haderte nicht mit meinem Schicksal, tankte Kraft und kam voller Energie zurück nach Innsbruck. Mein Knie hatte sich deutlich verbessert. Und nun war ich auch endlich diese Thrombose los. Wenn das kein Grund zum Feiern war!

 

Als ich mit den Strümpfen fertig war, warf ich einen Blick auf den Kalender. Wir hatten schon Mittwoch. Der kommende Freitag war der 13. September. Ein seltsames Datum.

Gut, dass ich nicht abergläubisch bin, dachte ich.

An jenem Abend sollte es eine große Clubparty im Kongresshaus, einem Veranstaltungsort direkt in Innsbruck, geben. Einige bekannte DJs aus der Elektroszene würden kommen. Weil meine Wohnung nicht weit davon entfernt lag und die Veranstaltung erst spät starten würde, wollte ich davor bei mir zu Hause mit einer kleinen Warm-up-Party beginnen.

Ich lud meine engsten Freunde ein und fragte auch meine Schwestern. Anna und meine jüngste Schwester Mara konnten leider nicht kommen. Mara war erst 17 und Anna, 25, hatte am nächsten Morgen einen Gesangsauftritt. Einzig meine 21-jährige Schwester Larissa konnte kommen. Übernachten wollte sie aber nicht bei mir, denn vor einigen Wochen hatte sie einen Mann kennengelernt, der in Innsbruck wohnte und mit dem sie gerade viel Zeit verbrachte. Sie standen ganz am Anfang der Beziehung, und ich hatte ihn bis zu jenem Abend noch nicht gesehen. An diesem Freitag sollte ich ihn aber kennenlernen und war schon ganz gespannt auf ihn. Bisher hatte ich von Larissa nur Gutes über ihn gehört. Und doch klang sie noch nicht hundert Prozent überzeugt, weil sie eigentlich allein bleiben wollte. Wir beide wollten nämlich zusammen nach Wien ziehen, sobald ich mein Geschichtsstudium beendet hätte. Keine Liebe solle dem Umzug im Wege stehen, sagte sie mehrmals. Sie wollte in der Bundeshauptstadt Technische Physik studieren, ich Archivwissenschaften. Larissa hatte die Matura mit Auszeichnung gemacht und anschließend eine Lehre zur Werkstoffprüferin absolviert. Sie gewann noch im September 2013 den Lehrlingswettbewerb in Tirol. Ihre Urkunde und den Preis dafür hat sie jedoch niemals gesehen.

Ich selbst hatte mich vor meiner Reha ebenfalls verliebt. Lustigerweise hieß mein Auserwählter genau wie Larissas Freund Dominik. Ich nannte ihn aber Domi.

Am Nachmittag bereiteten Domi und ich alles für die Party vor. Gegen 20 Uhr tauchten die ersten Gäste auf. Viele meiner Freunde waren gekommen. Larissa und Dominik wollten sich vorher noch Pizza besorgen, weshalb sie sich verspäteten.

Ich kann mich noch genau an den Moment erinnern, als es klingelte und ich ihnen öffnete. Larissa stand vorn in der Tür. Ihre langen braunen Haare trug sie offen, nur von ein paar kleinen Spangen zurückgehalten. Eine dunkle Bluse, die in eine beige Hose gesteckt war, schmeichelte ihrer zierlichen Figur. Eine Kette und zwei lange Ohrringe funkelten mich an. Wir freuten uns so sehr, uns nach vier Wochen endlich wiederzusehen, dass wir gleichzeitig zu lachen begannen. Sie begrüßte mich mit einem herzlichen, tirolerischen „Seawas“ und umarmte mich kurz und fest.

Wir lösten uns wieder voneinander, und mein Blick richtete sich auf ihren Freund. Er reichte mir seine Hand und begrüßte mich mit einem Lächeln und festem Händedruck.

Netter Kerl, ging mir durch den Kopf, und ich bat ihn herein. Sein Jeanshemd, die vergoldete Armbanduhr und der Ring im linken Ohr fielen mir sofort ins Auge.

Schick, der junge Mann, lautete mein Urteil nach der ersten Musterung. Er war etwa so groß wie ich, doch sein Undercut ließ ihn größer erscheinen. Die beiden tänzelten in die Küche, wo die Party bereits in vollem Gange war.

Larissa und Dominik aßen ihre Pizzen, ich saß dabei. Wir quatschten, lachten und tranken viel. Durch die lange Abstinenz während der Thrombose spürte ich den Alkohol schnell und war bald ziemlich betrunken. Es war ein unbeschwerter, lustiger Partyabend. Larissa und ich lachten zusammen und tanzten uns die Seele aus dem Leib. Weil mein Alkoholpegel immer weiter anstieg, fehlen mir Erinnerungen aus den letzten ein bis zwei Stunden in der Wohnung. Mich dermaßen zu betrinken war ein Fehler, der mir bis heute nachgeht. Dabei war es in jener Zeit, meiner Studienzeit, und in meinem Freundeskreis keine große Sache, ab und zu mal einen über den Durst zu trinken. Es war schlichtweg normal. Heute denke ich anders darüber …

 

Kurz vor Mitternacht machten wir uns in Richtung Irish Pub auf, in dem ich die letzten Jahre gearbeitet hatte und das deshalb zu unserer Stammkneipe geworden war. Weil es auf dem Weg zur Elektroparty lag, mussten wir unbedingt noch einen Abstecher in das Pub machen. Auf dem Weg alberte Larissa mit meinem Kumpel Stefan herum. Sie war ein Mensch mit einem strahlenden Lächeln und offenem Herzen, sodass sie viele Freunde hatte und immer für einen Spaß zu haben war. Das liebte ich so sehr an ihr und wünschte mir manchmal, ein bisschen mehr von ihrer Leichtigkeit zu haben. Dominik jedoch schien es nicht zu gefallen, dass Larissa sich jemand anderem zuwandte, denn sein Gesicht wurde immer finsterer. Im Irish Pub zogen wir an die Bar, um unsere Bestellungen aufzugeben. Mittlerweile waren wir nur noch zu sechst: Stefan, Anja, Dominik, Larissa, mein Freund Domi und ich. Im Pub traf ich alte Freunde und gesellte mich zu ihnen, sodass ich von den anderen gar nicht mehr viel mitbekam.

Plötzlich setzte sich Larissa neben mich an die Bar. Ich bemerkte, dass sie weinte, drehte mich sofort zu ihr und fragte besorgt:

„Hey, was ist denn los, meine Kleine? Was ist passiert?“

„Ach, der Dominik ist grad voll eifersüchtig und nervt mich wegen Stefan.“

„Ach Gott, ja, ich hab es vorhin schon mitbekommen, dass er ein wenig unglücklich dreinschaut. Aber warum denn nur? Er weiß doch ganz genau, dass Stefan ein Kumpel von mir ist. Rede noch mal in Ruhe mit ihm. Du hast nichts falsch gemacht, hey. Wenn du Hilfe brauchst, bin ich da, gell?“, versuchte ich sie zu trösten.

Aus den Augenwinkeln sah ich, wie Dominik uns beobachtete. Larissa wandte sich um, um nach ihm zu sehen. In diesem Moment stürmte er aus dem Pub. Larissa wischte sich die Tränen aus den Augen, rutschte von ihrem Barhocker und wollte ihm nach. Ich ergriff eilig ihre Hand:

„Hey, was hast du denn jetzt vor?“

„Lass mich. Ich rede mit ihm, und wir werden dann heimgehen. Danke dir. Bis morgen.“

„Du meldest dich, wenn du was brauchst, okay?!“

Sie nickte, löste ihre Hand aus meiner und stürmte nach draußen. Was ich in diesem Moment noch nicht wissen konnte: Das war das letzte Mal, dass ich meine kleine, wundervolle Schwester sah. Meine Freundin Anja sprach sie draußen noch und erzählte mir später, dass Larissa und Dominik zu ihm nach Hause gegangen seien. Wir anderen machten uns auf den Weg ins Kongresshaus. Es war etwa zwei Uhr morgens. Ich schickte Larissa noch eine SMS, um sicherzugehen, dass alles in Ordnung war. Sie antwortete mit einem kurzen „Ja, sicher“ und einem Smiley dahinter. Das beruhigte mich für den Moment, ich plante jedoch schon, sie am nächsten Tag noch mal auf diesen Abend anzusprechen.

Wir tanzten bis in die frühen Morgenstunden und machten uns anschließend erschöpft auf den Heimweg. Ich schlief sofort ein.

Katrin Biber

Über Katrin Biber

Biografie

Katrin Biber, Jahrgang 1985, wuchs als älteste von vier Schwestern in Reutte/Tirol auf. Im Herbst 2013 wurde ihre Schwester Larissa von deren damaligem Freund ermordet. Nach einer langen Trauerphase fand Katrin schließlich ihren Weg zurück ins Leben. Eine Schlüsselrolle dabei spielte Bewegung. Heute...

Pressestimmen
Kronen Zeitung (A)

„Sehr persönlich und emotional“

Kurier (A)

„Katrin Biber beschreibt in ihrem Buch minutiös die Perspektive der Angehörigen.“

MAG1010

„Eindrucksvoll schildert (Katrin Biber) eine Geschichte, die von Tod, Trauer und auch ganz viel Liebe handelt.“

Spes Viva-Zeitung

„Viele Bücher zum Thema Trauer habe ich in den vergangenen Jahren gelesen. Keines war wie dieses. Unvergleichbar persönlich. Die Autorin nimmt die Lesenden mit auf ihre Trauerreise und ermöglicht sehr familiäre Einblicke, lässt mitgehen, mitfühlen.“

Tiroler Sonntag (A)

„Dieses Buch ist Aufarbeitung und Ratgeber zugleich. Es richtet sich an alle, vor allem an Menschen, die mit Tod, Abschied und Trauer beruflich oder privat zu tun haben.“

Tirolerin (A)

„Das Buch ist sehr persönlich und gibt intime Einblicke in (Katrin Bibers) Seelenleben und das ihrer Familie.“

rnd.de

„Mit dem autobiografischen Buch hat (Katrin Biber) ihrer jüngeren Schwester Larissa ein liebendes Andenken gesetzt.“

Avanti

„Ein packendes Buch – das Hoffnung spendet.“

Tiroler Tageszeitung (A)

„Eine Zeit, an die (Katrin Biber) nun mit privaten Gedanken und emotionalen Schilderungen in ihrem Buch ›Larissas Vermächtnis‹ zurückblickt.“

Kommentare zum Buch
Larissas Vermächtnis
Birgit D. am 14.04.2020

Extrem gut geschrieben

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