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Hinter den Türen warten die GespensterHinter den Türen warten die GespensterHinter den Türen warten die Gespenster

Hinter den Türen warten die Gespenster

Das deutsche Familiendrama der Nachkriegszeit

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Hinter den Türen warten die Gespenster — Inhalt

Ein Blick hinter die Fassade des »goldenen Jahrzehnts«: Die Fünfziger und wie sie uns bis heute prägen

Nach dem Zusammenbruch des »Dritten Reiches« gab es einen unverrückbaren Ort, der Halt und Geborgenheit versprach: die Familie. Sie erwies sich als der einzige Wert, der den Nationalsozialismus weitgehend unversehrt überdauert hatte. Eines aber konnte die Familie nicht - sie konnte nicht jene Widersprüche und Konflikte aussperren, die im ersten Nachkriegsjahrzehnt die Gesellschaft begleiteten. Zu ihrer vielleicht größten Hypothek wurde das Verdrängen und Verschweigen. Sie waren der Nährboden für die berüchtigten Familiengeheimnisse der deutschen Gesellschaft nach 1945, an deren Gift bisweilen noch die Enkelgeneration laborierte. So wurden aus großen Erwartungen nicht selten große Enttäuschungen, die bis heute nachwirken.

Der deutsche Familienkosmos der Nachkriegszeit war eine historisch einzigartige "Versuchsanordnung". Florian Huber liefert den Schlüssel zum Verständnis dieser Zeit und der folgenden Generationen.

€ 22,00 [D], € 22,70 [A]
Erschienen am 01.03.2017
352 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
EAN 978-3-8270-1331-6
€ 11,00 [D], € 11,40 [A]
Erschienen am 01.08.2018
352 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-31300-1
€ 10,99 [D], € 10,99 [A]
Erschienen am 01.03.2017
348 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-8270-7929-9

Leseprobe zu »Hinter den Türen warten die Gespenster«

Vorwort

Es gibt viele Gründe, die 50er Jahre zu hassen.

Das beginnt mit dem Blick auf jenen Täterfilz, der sich wie Flugrost auf den Pfeilern und Scharnieren des neuen Landes niederschlug. Auf allen Feldern saßen, bis hinauf in höchste Positionen, die alten Kameraden und knüpften mit Fleiß an neuen Netzen. Ihnen zur Seite standen Juristen und Bürokraten aus derselben braunen Ursuppe, die ihre Nachbarn von einst nicht ans Messer liefern wollten, statt dessen jedoch alles taten, um den Blick auf die Verbrechen, die auch ihre eigenen waren, zu [...]

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Vorwort

Es gibt viele Gründe, die 50er Jahre zu hassen.

Das beginnt mit dem Blick auf jenen Täterfilz, der sich wie Flugrost auf den Pfeilern und Scharnieren des neuen Landes niederschlug. Auf allen Feldern saßen, bis hinauf in höchste Positionen, die alten Kameraden und knüpften mit Fleiß an neuen Netzen. Ihnen zur Seite standen Juristen und Bürokraten aus derselben braunen Ursuppe, die ihre Nachbarn von einst nicht ans Messer liefern wollten, statt dessen jedoch alles taten, um den Blick auf die Verbrechen, die auch ihre eigenen waren, zu verschleiern und die Aufarbeitung zu verschleppen. Sie stapelten bis auf wenige Ausnahmen die Akten des Völkermords in die Staubwinkel ihrer Ordnerschränke und überließen sie dem Papierfraß.

So kam es, dass die anderen, die Entrechteten und Gedemütigten und Gefolterten, denen man den Besitz gestohlen und die Verwandten ermordet hatte, die sich mit letzter Kraft in die Befreiung geschleppt hatten, sich verhöhnen lassen mussten: keine Zuständigkeit, keine Handhabe, kein Interesse. Schon gar kein Mitgefühl. Ihre Hoffnungen auf Gerechtigkeit zerschellten an dieser Kaltschnäuzigkeit. An ihrer Stelle spielte sich eine andere Gruppe in die Rolle der letzten Opfer des Diktators – die Millionen Deutschen, die von nichts gewusst und am Ende alles erlitten haben wollten. Veteranen von sämtlichen Fronten strickten mit an der Legende vom Wehrmachtssoldaten von der ritterlichen Gestalt. Sie vergossen öffentliche Tränen im Kameradengedenken an Smolensk und Stalingrad und Monte Cassino, ohne je zu fragen nach dem Grund oder dem Ziel oder ihrem eigenen Anteil am deutschen Jahrtausenddesaster.

Man kann den ganzen Geist der Aufbaugesellschaft hassen. Diese Beflissenheit, mit der sich die Männer in das Hamsterrad von Karriere und Überstunden schwangen, um Stufe für Stufe die Leiter hinauf zu kletterten; während die Frauen, freiwillig und nicht weniger beflissen, zurück in die Küche, ins Kinderzimmer huschten, auf dass es der Beschützer und Ernährer so bequem wie möglich habe. Jeder spielte seine Rolle auf dem Weg zur privaten Festung Eigenheim und dem ersten Wagen als Blickfänger für Nachbarn. Sie waren so in ihrem Eifer verfangen, dass sie keine Zeit fanden, sich über Politik oder Vergangenheit oder ihre Gefühle auszutauschen. So ordentlich, so rechtwinklig und übersichtlich war dieser Rahmen, dass bald alles in musterhafter, öder Einheitlichkeit daher kam. Der Andersartige, krumm Gewachsene sollte sich daran ruhig den Kopf einrennen, wenn er ihn nicht rechtzeitig einzog. Das verkündeten auch die Produkte der Unterhaltungsindustrie, die das Leben mit simplem Pinsel in rotbäckigen Heimatfilmen und Schnulzenmusik ausmalten.

Als würde sich die Wiederkehr von Patriarchat und Obrigkeitsglauben ihre Leitfiguren suchen, standen an der Spitze dieser Gesellschaft der Tüchtigen durchweg Männer, und zwar solche, die mit der Autorität des alten Schlages ausgestattet waren. In ihrer Sprache klang das Echo vom Feldwebelton der Kasernen nach, wenn sie ihre Automobilunternehmen oder Versandhäuser oder die Polizei oder den Staat befehligten, stets im Bewusstsein ihrer Macht und harthörig auf dem Ohr des Widerspruchs.

So kann man diese Jahre sehen, und man kann man sie für all das verabscheuen. Die meisten von jenen, die sie nicht selber erlebt haben, sind genau darüber froh und erleichtert.

Es gibt aber genauso viele Gründe, die 50er Jahre zu lieben.

Es sind sogar verblüffenderweise die gleichen, man muss nur einen anderen Standpunkt zu ihnen einnehmen. In diesem Licht betrachtet erscheinen dieselben hartknochigen Männer nämlich als große Firmenpatriarchen und Staatenlenker, die angesichts aller Demütigung ein bewundernswertes Selbstvertrauen verströmten. Nichts bedurfte das geschundene, von jeder Orientierung verlassene Volk nötiger, als einen kerzengeraden Rücken vorneweg marschieren zu sehen. Stattliche Figuren ohne Wenn und Aber waren es, die dem tiefen Schmerz der Unterwerfung ihre Tatkraft entgegen stellten, der Ratlosigkeit ihre Zuversicht.

Sie verkörperten einen neuen Stolz, den bald eine ganze Generation im kleinen für sich in Anspruch nehmen konnte. Anders als der verhängnisvolle Reichsstolz von gestern speiste sich dieser Stolz aus der eigenen, buchstäblich eigenhändigen Leistung und wirkte für die anderen ringsum nicht mehr gefährlich, dafür umso besser sichtbar. Mit dem Bungalow in der neu erschlossenen Wohnstraße erkämpfte man sich das Glück eines eigenen privaten Lebens zurück, das man, ausgebombt oder vertrieben oder in nervtötender Enge jahrelang vermisst hatte. So gesehen war auch der selbstvergessene Arbeitseifer jener Jahre nicht bloß blindstumpfe Beschäftigungswut, sondern hatte eine Berechtigung und ein Ziel. Mehr noch als endlich wieder wer zu sein, ging es darum, endlich wieder was zu haben, etwas zu kaufen, in farbigen Katalogen etwas anzukreuzen. In einem Gefühl von fröhlicher Unschuld konnte man rauchen und trinken und zusammen feiern, die deutsche „Party“ war nämlich eine Erfindung dieser Zeit. Es war die Entdeckung der Lebensfreude der kleinen Dinge.

Im Geist der Aufbaugesellschaft lagen Aufbruch und Optimismus, so erlebten es die, die dabei waren. Die Rollen vom rackernden Büromann, der nimmermüden Hausfrau und den gehorsamen Kindern folgten vielleicht altertümlichen Mustern, doch gerade darin boten sie Sicherheit und eine neue Heimat. Zur Ära der Wunder mag sie erst im Nachhinein stilisiert worden sein, denn die Zeitgenossen selber waren vom Wunderglauben gründlich geheilt. Viel wichtiger als Wunder war ihnen etwas ganz anderes, nämlich Ruhe und Normalität. Ein ganz normales Leben zu führen, in der glücklich wieder vereinten Familie – das war, nach dem Irrsinn des Dritten Reiches und des Zweiten Weltkriegs, die deutsche Idee vom Paradies auf Erden. Endlich kam das Land neben der äußeren mehr noch zu einer inneren Atempause. Diese Ruhe schaffte den dringend benötigten Abstand zum Grauen von gestern, das die Gedanken verfinstert, die Hände gelähmt und die Gespräche und Begegnungen der Menschen vergiftet hätte. Es war wie eine Rettung aus dem Mahlstrom der Tragödien.

Die anderen aber sehen genau darin den schlimmsten Auswuchs. Denn der scheinbar segensreichen Ruhe lag der Schweigepakt einer Gesellschaft zugrunde, die die verbrecherischen Taten im eigenen Namen verleugnete. Aus dem Verdrängen der Schuld wuchs in diesen Jahren die „zweite Schuld“. Aus dieser Sicht wirkt die Ruhe der 50er Jahre wieder wie die eisige Friedhofsstille über den Grabplatten der Millionen Opfer, darunter auch der eigenen. Beschweigen und Vergessen wurden zur Bürgertugend. War der Lärm von Motoren und Baustellen die äußere Begleitmusik der Epoche, dann war eine beklemmende Stille die innere.

Auf diese Weise haben sich beide, die die Epoche hassen und die sie lieben, immer wieder an denselben Argumenten abgearbeitet, bis sie zu Klischees einer mal bösartig provinziellen, mal heiter modernen Gesellschaft erstarrt sind. Zuschreibungen wie „Motorisiertes Biedermeier“, „Kinder, Küche, Kirche“, „Petticoat und Nierentisch“ deuten weder Tiefe noch Abgrund an. Verglichen mit den dramatischen 30er und 40er Jahren erscheint das Folgende als ein Übergangsgebilde ohne Größe und Charakter. Wie ein mal billiges, mal buntes Etikett klebt der Nachkriegsära der Ruf der klein gemusterten Oberfläche ohne Gehalt an. Dabei kamen die Deutschen gerade aus der größten moralischen und materiellen Katastrophe aller Zeiten getaumelt. Diese Umstände waren an sich so außergewöhnlich, dass das Bild von der nichts sagenden Zweckmäßigkeit der Zeitgenossen große Zweifel aufwirft.

Tatsächlich gab es eine Ebene unter dem Sichtbeton, wo die Bruchlinien dieser Gesellschaft aufklafften. Es war der Ort, nach dem sich alle Deutschen angesichts ihres Untergangs sehnten: die Familie, Fluchtpunkt des Glücks und des viel beschworenen normalen Lebens. Obwohl selbst dort der Schweigepakt seine Wirkung zeigte und eine Gesprächskultur nicht entstehen wollte - in der Nähe und Enge der Familien ließ sich das Beschwiegene nicht einfach begraben. Auch wenn sie nicht darüber sprachen, was ihnen passiert war, machte es sich in jedem einzelnen von ihnen bemerkbar. Es drängte nach draußen durch die Ritzen des täglichen Lebens, bahnte sich seinen Weg ans Licht in Gestalt von Gewohnheiten und Marotten, Alpträumen und Kämpfen zwischen Männern und Frauen, Eltern und Kindern. Die gemeinsamen Atmosphären, die sie erzeugten, war die Summe ihrer Erlebnisse.

Es war eine Ära der Familiengeheimnisse. Sie gaben dieser Zeit ihre Tiefe und ihre Abgründe, die zu verdecken man nach außen so emsig bestrebt war. Die verschlossene Welt hinter den Haustüren war nicht das Fundament jenes guten und ruhigen Privatlebens, von dem alle in Deutschland, von Heimkehrer und Hausfrau bis zum Familienminister, zu träumen schienen. Ruhig, geordnet und langweilig wie in einer Tanzstunde ging es dort selten zu. Die Konstruktion vom „normalen Leben“ und dem Glück durch Langeweile blieb eine Wunschvorstellung. Hinter den Türen saßen Männer mit traurigen Augen und wilden Erinnerungen, Frauen, die sich verleugneten, und Kinder, die dem Treiben der Erwachsenen ahnungsvoll zusahen, sich zum Komplizen machten oder dagegen anrannten. Sie blieben in ihren Widersprüchen verkeilt, weil in der beengenden Räumlichkeit der Familie kein Entkommen möglich war.

Es stimmt, dass die Familien den Kern dieser Gesellschaft bildeten. Aber dieser Kern hatte viele Schichten und Schattierungen, von schäbig grau bis grell rot und tief schwarz. Die Legenden und Geheimnisse, die ihn umgaben, waren die Quelle von Leidenschaften, Raserei und eisiger Kälte. Sie führten zu Illusionen, verwischten Identitäten, Ersatzpartnerschaften, Doppelleben und Parallelfamilien. Davon handelt dieses Buch. Vom deutschen Familiengeheimnis, vom Schweigen, vom Hassen und vom Lieben. Vorwort Es gibt viele Gründe, die 50er Jahre zu hassen. Das beginnt mit dem Blick auf jenen Täterfilz, der sich wie Flugrost auf den Pfeilern und Scharnieren des neuen Landes niederschlug. Auf allen Feldern saßen, bis hinauf in höchste Positionen, die alten Kameraden und knüpften mit Fleiß an neuen Netzen. Ihnen zur Seite standen Juristen und Bürokraten aus derselben braunen Ursuppe, die ihre Nachbarn von einst nicht ans Messer liefern wollten, statt dessen jedoch alles taten, um den Blick auf die Verbrechen, die auch ihre eigenen waren, zu verschleiern und die Aufarbeitung zu verschleppen. Sie stapelten bis auf wenige Ausnahmen die Akten des Völkermords in die Staubwinkel ihrer Ordnerschränke und überließen sie dem Papierfraß.

So kam es, dass die anderen, die Entrechteten und Gedemütigten und Gefolterten, denen man den Besitz gestohlen und die Verwandten ermordet hatte, die sich mit letzter Kraft in die Befreiung geschleppt hatten, sich verhöhnen lassen mussten: keine Zuständigkeit, keine Handhabe, kein Interesse. Schon gar kein Mitgefühl. Ihre Hoffnungen auf Gerechtigkeit zerschellten an dieser Kaltschnäuzigkeit. An ihrer Stelle spielte sich eine andere Gruppe in die Rolle der letzten Opfer des Diktators – die Millionen Deutschen, die von nichts gewusst und am Ende alles erlitten haben wollten. Veteranen von sämtlichen Fronten strickten mit an der Legende vom Wehrmachtssoldaten von der ritterlichen Gestalt. Sie vergossen öffentliche Tränen im Kameradengedenken an Smolensk und Stalingrad und Monte Cassino, ohne je zu fragen nach dem Grund oder dem Ziel oder ihrem eigenen Anteil am deutschen Jahrtausenddesaster.

Man kann den ganzen Geist der Aufbaugesellschaft hassen. Diese Beflissenheit, mit der sich die Männer in das Hamsterrad von Karriere und Überstunden schwangen, um Stufe für Stufe die Leiter hinauf zu kletterten; während die Frauen, freiwillig und nicht weniger beflissen, zurück in die Küche, ins Kinderzimmer huschten, auf dass es der Beschützer und Ernährer so bequem wie möglich habe. Jeder spielte seine Rolle auf dem Weg zur privaten Festung Eigenheim und dem ersten Wagen als Blickfänger für Nachbarn. Sie waren so in ihrem Eifer verfangen, dass sie keine Zeit fanden, sich über Politik oder Vergangenheit oder ihre Gefühle auszutauschen. So ordentlich, so rechtwinklig und übersichtlich war dieser Rahmen, dass bald alles in musterhafter, öder Einheitlichkeit daher kam. Der Andersartige, krumm Gewachsene sollte sich daran ruhig den Kopf einrennen, wenn er ihn nicht rechtzeitig einzog. Das verkündeten auch die Produkte der Unterhaltungsindustrie, die das Leben mit simplem Pinsel in rotbäckigen Heimatfilmen und Schnulzenmusik ausmalten.

Als würde sich die Wiederkehr von Patriarchat und Obrigkeitsglauben ihre Leitfiguren suchen, standen an der Spitze dieser Gesellschaft der Tüchtigen durchweg Männer, und zwar solche, die mit der Autorität des alten Schlages ausgestattet waren. In ihrer Sprache klang das Echo vom Feldwebelton der Kasernen nach, wenn sie ihre Automobilunternehmen oder Versandhäuser oder die Polizei oder den Staat befehligten, stets im Bewusstsein ihrer Macht und harthörig auf dem Ohr des Widerspruchs.

So kann man diese Jahre sehen, und man kann man sie für all das verabscheuen. Die meisten von jenen, die sie nicht selber erlebt haben, sind genau darüber froh und erleichtert. Es gibt aber genauso viele Gründe, die 50er Jahre zu lieben. Es sind sogar verblüffenderweise die gleichen, man muss nur einen anderen Standpunkt zu ihnen einnehmen. In diesem Licht betrachtet erscheinen dieselben hartknochigen Männer nämlich als große Firmenpatriarchen und Staatenlenker, die angesichts aller Demütigung ein bewundernswertes Selbstvertrauen verströmten. Nichts bedurfte das geschundene, von jeder Orientierung verlassene Volk nötiger, als einen kerzengeraden Rücken vorneweg marschieren zu sehen. Stattliche Figuren ohne Wenn und Aber waren es, die dem tiefen Schmerz der Unterwerfung ihre Tatkraft entgegen stellten, der Ratlosigkeit ihre Zuversicht.

Sie verkörperten einen neuen Stolz, den bald eine ganze Generation im kleinen für sich in Anspruch nehmen konnte. Anders als der verhängnisvolle Reichsstolz von gestern speiste sich dieser Stolz aus der eigenen, buchstäblich eigenhändigen Leistung und wirkte für die anderen ringsum nicht mehr gefährlich, dafür umso besser sichtbar. Mit dem Bungalow in der neu erschlossenen Wohnstraße erkämpfte man sich das Glück eines eigenen privaten Lebens zurück, das man, ausgebombt oder vertrieben oder in nervtötender Enge jahrelang vermisst hatte. So gesehen war auch der selbstvergessene Arbeitseifer jener Jahre nicht bloß blindstumpfe Beschäftigungswut, sondern hatte eine Berechtigung und ein Ziel. Mehr noch als endlich wieder wer zu sein, ging es darum, endlich wieder was zu haben, etwas zu kaufen, in farbigen Katalogen etwas anzukreuzen. In einem Gefühl von fröhlicher Unschuld konnte man rauchen und trinken und zusammen feiern, die deutsche „Party“ war nämlich eine Erfindung dieser Zeit. Es war die Entdeckung der Lebensfreude der kleinen Dinge.

Im Geist der Aufbaugesellschaft lagen Aufbruch und Optimismus, so erlebten es die, die dabei waren. Die Rollen vom rackernden Büromann, der nimmermüden Hausfrau und den gehorsamen Kindern folgten vielleicht altertümlichen Mustern, doch gerade darin boten sie Sicherheit und eine neue Heimat. Zur Ära der Wunder mag sie erst im Nachhinein stilisiert worden sein, denn die Zeitgenossen selber waren vom Wunderglauben gründlich geheilt. Viel wichtiger als Wunder war ihnen etwas ganz anderes, nämlich Ruhe und Normalität. Ein ganz normales Leben zu führen, in der glücklich wieder vereinten Familie – das war, nach dem Irrsinn des Dritten Reiches und des Zweiten Weltkriegs, die deutsche Idee vom Paradies auf Erden. Endlich kam das Land neben der äußeren mehr noch zu einer inneren Atempause. Diese Ruhe schaffte den dringend benötigten Abstand zum Grauen von gestern, das die Gedanken verfinstert, die Hände gelähmt und die Gespräche und Begegnungen der Menschen vergiftet hätte. Es war wie eine Rettung aus dem Mahlstrom der Tragödien. Die anderen aber sehen genau darin den schlimmsten Auswuchs. Denn der scheinbar segensreichen Ruhe lag der Schweigepakt einer Gesellschaft zugrunde, die die verbrecherischen Taten im eigenen Namen verleugnete. Aus dem Verdrängen der Schuld wuchs in diesen Jahren die „zweite Schuld“. Aus dieser Sicht wirkt die Ruhe der 50er Jahre wieder wie die eisige Friedhofsstille über den Grabplatten der Millionen Opfer, darunter auch der eigenen. Beschweigen und Vergessen wurden zur Bürgertugend. War der Lärm von Motoren und Baustellen die äußere Begleitmusik der Epoche, dann war eine beklemmende Stille die innere.

Auf diese Weise haben sich beide, die die Epoche hassen und die sie lieben, immer wieder an denselben Argumenten abgearbeitet, bis sie zu Klischees einer mal bösartig provinziellen, mal heiter modernen Gesellschaft erstarrt sind. Zuschreibungen wie „Motorisiertes Biedermeier“, „Kinder, Küche, Kirche“, „Petticoat und Nierentisch“ deuten weder Tiefe noch Abgrund an. Verglichen mit den dramatischen 30er und 40er Jahren erscheint das Folgende als ein Übergangsgebilde ohne Größe und Charakter. Wie ein mal billiges, mal buntes Etikett klebt der Nachkriegsära der Ruf der klein gemusterten Oberfläche ohne Gehalt an. Dabei kamen die Deutschen gerade aus der größten moralischen und materiellen Katastrophe aller Zeiten getaumelt. Diese Umstände waren an sich so außergewöhnlich, dass das Bild von der nichts sagenden Zweckmäßigkeit der Zeitgenossen große Zweifel aufwirft. Tatsächlich gab es eine Ebene unter dem Sichtbeton, wo die Bruchlinien dieser Gesellschaft aufklafften. Es war der Ort, nach dem sich alle Deutschen angesichts ihres Untergangs sehnten: die Familie, Fluchtpunkt des Glücks und des viel beschworenen normalen Lebens. Obwohl selbst dort der Schweigepakt seine Wirkung zeigte und eine Gesprächskultur nicht entstehen wollte - in der Nähe und Enge der Familien ließ sich das Beschwiegene nicht einfach begraben. Auch wenn sie nicht darüber sprachen, was ihnen passiert war, machte es sich in jedem einzelnen von ihnen bemerkbar. Es drängte nach draußen durch die Ritzen des täglichen Lebens, bahnte sich seinen Weg ans Licht in Gestalt von Gewohnheiten und Marotten, Alpträumen und Kämpfen zwischen Männern und Frauen, Eltern und Kindern. Die gemeinsamen Atmosphären, die sie erzeugten, war die Summe ihrer Erlebnisse.

Es war eine Ära der Familiengeheimnisse. Sie gaben dieser Zeit ihre Tiefe und ihre Abgründe, die zu verdecken man nach außen so emsig bestrebt war. Die verschlossene Welt hinter den Haustüren war nicht das Fundament jenes guten und ruhigen Privatlebens, von dem alle in Deutschland, von Heimkehrer und Hausfrau bis zum Familienminister, zu träumen schienen. Ruhig, geordnet und langweilig wie in einer Tanzstunde ging es dort selten zu. Die Konstruktion vom „normalen Leben“ und dem Glück durch Langeweile blieb eine Wunschvorstellung. Hinter den Türen saßen Männer mit traurigen Augen und wilden Erinnerungen, Frauen, die sich verleugneten, und Kinder, die dem Treiben der Erwachsenen ahnungsvoll zusahen, sich zum Komplizen machten oder dagegen anrannten. Sie blieben in ihren Widersprüchen verkeilt, weil in der beengenden Räumlichkeit der Familie kein Entkommen möglich war.

Es stimmt, dass die Familien den Kern dieser Gesellschaft bildeten. Aber dieser Kern hatte viele Schichten und Schattierungen, von schäbig grau bis grell rot und tief schwarz. Die Legenden und Geheimnisse, die ihn umgaben, waren die Quelle von Leidenschaften, Raserei und eisiger Kälte. Sie führten zu Illusionen, verwischten Identitäten, Ersatzpartnerschaften, Doppelleben und Parallelfamilien. Davon handelt dieses Buch. Vom deutschen Familiengeheimnis, vom Schweigen, vom Hassen und vom Lieben.

Florian Huber

Über Florian Huber

Biografie

Florian Huber, geboren 1967, promovierte als Historiker zur Besatzungspolitik der Briten in Deutschland. Er ist der Autor von historischen Büchern wie »Meine DDR. Leben im anderen Deutschland« und »Schabowskis Irrtum. Das Drama des 9. November«. Als Filmemacher hat Florian Huber preisgekrönte...

Pressestimmen

Westfälischer Anzeiger/ dpa

»Sein nah an den Quellen geschriebenes Buch ist bildmächtig wie ein Roman aufgebaut, in dem sich die mit einander verwobenen Lebensgeschichten nach und nach spannungsreich enthüllen.«

Der SPIEGEl Classic

»Ein Psychogramm der traumatisierten deutschen Familie in der Nachkriegszeit.«

Dennis Schütze Blog

»Huber leistet mit seinem Buch einen wichtigen Beitrag zum Verständnis des gesellschaftlichen Zustands in der Nachkriegszeit. […] Fazit: Es ist aufschlussreich und ergreifend wie das Buch ein Bild des psychologischen Zustands im Nachkriegsdeutschland offenbart.«

Der Sonntag in Freiburg

»Vielstimmig und tiefenscharf.«

Ruhr Nachrichten

»Dieses Buch ist kein Roman. Der promovierte Historiker Florian Huber hat vielmehr Tagebuchaufzeichnungen, Briefe und andere Zeitzeugnisse aus der Nachkriegszeit in Deutschland ausgewertet, um daraus ein interessantes Gesamtbild der ersten Jahre ab 1945 zu zeichnen. […] Wer immer geglaubt hatte, die 50er-Jahre seien nach dem grausamen Krieg eine Zeit der blühenden Lebensfreude gewesen, wird hier eines Besseren belehrt.«

Deutschlandfunk Andruck

»Hubers Buch sind viele Leser zu wünschen (...)«

NZZ am Sonntag/ Literaturbeilage (CH)

»Die Geschichten all dieser Wehrmachtssoldaten, Kriegerwitwen, Spätheimkehrer und Nachkriegskinder machen sein Buch zu einem Leseerlebnis der besonderen Art.«

LiteraturSPIEGEL

»In seinem Buch Hinter den Türen warten die Gespenster steigt der Historiker Florian Huber tief hinab in diese prägende und doch bis heute nur schummrig ausgeleuchtete Umbruchsphase. (…) Es entsteht ein klug komponiertes Geflecht aus Erzählsträngen, die zum Teil schon in Kriegstagen beginnen. Wenn man bei Huber über die Sexualität, den Zorn und das Durchwurschteln unserer Eltern, Großeltern und Urgroßeltern liest, dann bekommt man ein Gefühl dafür, weshalb die familiäre Glücksformel der letzten 60, 70 Jahre so oft ins familiäre Unglück führte.«

Damals

»Ein lesenswertes, spannendes Buch auch und gerade für die Nachgeborenen.«

Damals

»Ein lesenswertes, spannendes Buch auch und gerade für die Nachgeborenen.«

Frau und Mutter

»Schwerer Stoff, der durch die gute Aufbereitung aber leicht und spannend zu lesen ist.«

PP Ärzteblatt

»(…) ein wertvolles und dringend zu empfehlendes Buch.«

Kommentare zum Buch

Hinter den Türen warten die Gespenster
Gerborg Meyer am 17.05.2017

Was für ein wunderbares Buch!! Selten habe ich mit soviel Hingabe und Interesse eine Seite nach der anderen verschlungen!! Einer der Gründe wäre wohl darin zu suchen, dass es meinen Jahrgang (1941) voll getroffen hat und ich viele Parallelen dazu in meinem Leben, aber auch in den damals mir befreundeten Menschen erkennen konnte. Es ist ein tiefer Einblick in mein damals junges Leben, und all die nachfolgenden Stationen sind ebenfalls interessant erzählt und Teil meiner Generation. Ich danke Ihnen, liebe Herr Huber, dass Sie diesem Thema ihr ganzes Augenmerk und unendlich viel Zeit geschenkt haben, um ein Gesamtbild dieser schlimmen und verworrenen Nachkriegszeit aus dem Dunkel ans Licht zu führen und auch den jüngeren Generationen dieses nahe zu bringen.   Gerborg Meyer

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