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Gebrauchsanweisung für IranGebrauchsanweisung für Iran

Gebrauchsanweisung für Iran

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Gebrauchsanweisung für Iran — Inhalt

Orientalische Exotik und kulturelle Vielfalt

Lebhafte Bazare, uralte Königspaläste, prachtvolle Gärten - seit der Öffnung des Iran fasziniert das Land immer mehr Reisende mit seiner sagenhaften Kultur, der schillernden Geschichte und der grenzenlosen Gastfreundschaft. Die Halbiranerin Bita Schafi-Neya kennt die aufregende Millionenmetropole Teheran, das poetische Shiraz, das weltoffene Isfahan; hat Salz- und Sandwüsten durchquert, religiöse Zentren und einsame Bergdörfer besucht. Sie weiß, wie oft man sich bitten lassen muss, bis man eine Einladung annimmt, wie in Iran geflirtet wird und wo man am besten Skifahren kann. Charmant führt sie durch das Land, erzählt von der iranischen Revolution, dem Leben mit Verboten und den aktuellen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen.

€ 15,00 [D], € 15,50 [A]
Erscheint am 02.10.2018
224 Seiten, Flexcover mit Klappen
EAN 978-3-492-27718-1
€ 12,99 [D], € 12,99 [A]
Erscheint am 02.10.2018
224 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99186-5

Leseprobe zu »Gebrauchsanweisung für Iran«

Vorwort

»Wie? Mit dem Auto nach Teheran?« Mein Gatte schaute mich überrascht an. Es war im Frühjahr 2015, als ich den Wunsch äußerte, einmal mit dem Auto nach Iran zu reisen. Er war – nach kurzem Nachdenken – begeistert von dieser Idee. Vier Monate brauchten wir für die Planung, bis wir dann im Juli mit einem vollgepackten Volkswagen Tiguan losfuhren. Sechs Wochen, vierzehn Länder, 10 000 Kilometer hin und zurück, unsere achtjährige Tochter Mina auf dem Rücksitz. Und um 15 000 Euro erleichtert, die wir als Sicherheit beim ADAC für ein »Carnet de [...]

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Vorwort

»Wie? Mit dem Auto nach Teheran?« Mein Gatte schaute mich überrascht an. Es war im Frühjahr 2015, als ich den Wunsch äußerte, einmal mit dem Auto nach Iran zu reisen. Er war – nach kurzem Nachdenken – begeistert von dieser Idee. Vier Monate brauchten wir für die Planung, bis wir dann im Juli mit einem vollgepackten Volkswagen Tiguan losfuhren. Sechs Wochen, vierzehn Länder, 10 000 Kilometer hin und zurück, unsere achtjährige Tochter Mina auf dem Rücksitz. Und um 15 000 Euro erleichtert, die wir als Sicherheit beim ADAC für ein »Carnet de Passage« hinterlegt hatten und die wir zurückkriegen sollten, wenn wir den Wagen nicht in Iran verkauften.

In unserem Freundeskreis stieß unser Vorhaben auf Fassungslosigkeit: Viel zu gefährlich, zu anstrengend, ganz schön mutig – so lauteten die Kommentare. Doch für uns wurde es eine der beeindruckendsten Reisen, die wir je unternommen haben. In Iran selbst hatten wir das Gefühl, als einzige Ausländer unterwegs zu sein, zudem noch als Einzige, die ein Dieselfahrzeug fuhren. Zu Hause verfolgten täglich Hunderte unseren Weg anhand der Bilder, die mein Mann auf Facebook postete. Noch heute werden wir auf unser Abenteuer angesprochen.

Ich habe mich bereits als Kind stark mit Iran verbunden gefühlt. Mein Vater hatte in Teheran Medizin studiert und war Ende der 1950er-Jahre nach Deutschland gegangen, um seine Facharztausbildung zu machen. Durch seinen Freund Ali lernte er meine Mutter kennen und lieben. Sie heirateten und beschlossen nach langem Hin und Her, in Deutschland zu bleiben. So kam es, dass ich hier aufgewachsen bin. Dennoch fühle ich mich in meiner zweiten Heimat – trotz der Einschränkungen und Repressionen dort – geborgen und zu Hause, was sicherlich ein Grund dafür ist, dass ich meinem Vater sehr verbunden war und es auch nach seinem Tod noch bin. Nach unserer Autoreise musste ich an eine in Iran gebräuchliche Redewendung denken: »Dein Platz war leer.« So sagt man auf Farsi, wenn man jemanden bei einem tollen Ereignis oder einer Reise sehr vermisst hat.

 

Mindestens einmal im Jahr fliege – oder fahre – ich in meine zweite Heimat, weil meine Sehnsucht einfach zu groß ist. Während des Ersten Golfkrieges von September 1980 bis August 1988 wurden die Reisen so gut wie unmöglich, und erst im März 2002 flog ich wieder hin – gemeinsam mit meinem Mann ging es auf Hochzeitsreise. Damals begegneten uns auf den Straßen noch viele Frauen im Tschador, inzwischen ist das Land bunter geworden, zumindest in der Hauptstadt Teheran. Die sozialen Netzwerke haben insbesondere die Jugendlichen verändert. Durch Smartphones, Facebook, Twitter und Imo haben sie neue Impulse bekommen. In den westlichen Medien wird das Land oft sehr einseitig dargestellt – es ist fast ausschließlich von den Mullahs, den Hasstiraden gegen die USA und Israel, von den unterdrückten Frauen die Rede. Tatsächlich ist vieles an der Islamischen Republik zu kritisieren, und wer dorthin reist, muss mit einigen Einschränkungen zurechtkommen. Auch Touristinnen müssen Kopftuch tragen und auf eng anliegende Kleidung verzichten. Ein Glas Wein oder ein kühles Bier sind auf legalem Weg nicht zu bekommen, Strandferien im Bikini sind undenkbar. Dafür sind die Menschen sehr aufgeschlossen, gastfreundlich und herzlich. Iraner freuen sich über ausländische Besucher und schließen gern neue Freundschaften mit Fremden.

Mit seinem schlechten Image lag das Land lange Zeit im Dornröschenschlaf. In den vergangenen Jahren ist jedoch ein kleiner Reiseboom nach Iran zu verzeichnen. Von fünf auf zwanzig Millionen soll die Zahl der jährlichen Besucher in den nächsten zehn Jahren steigen, prophezeien Tourismusexperten. Viele Besucher kommen aus den Nachbarländern wie der Türkei, Aserbaidschan oder Afghanistan. Sie kommen als Pilger, um die religiösen Stätten in Iran zu besuchen, oder als Patienten, die sich von gut ausgebildeten Ärzten zu preisgünstigen Konditionen behandeln lassen. Der klassische Kulturtourismus folgt bisher erst auf Platz drei – vor allem ältere Bildungsreisende oder junge Rucksacktouristen erkunden das Land. Iran ist also trotz des Booms noch immer ein touristisch eher unerschlossenes Land – was seinen Reiz ausmacht. Und unter den Vorzeichen der amerikanischen Außenpolitik unter Präsident Trump und der damit einhergehenden wieder repressiven Sanktionspolitik werden die ganz großen Touristenströme wohl noch auf sich warten lassen. Das ist schlecht für die Wirtschaft und die Menschen in Iran, aber gut für die Touristen, die sich für eine Hochkultur ohne Stress und Nepp interessieren.

In Iran ist der Basar noch der Basar, die unzähligen kulturellen Highlights sind mitnichten überlaufen, die Iraner freuen sich wirklich über Besuch. Kreuzfahrtschiffe und sich ungehörig benehmende Touristengangs sind praktisch unbekannt – kurz: Iran ist authentisch, ein Land, keine Kulisse. Es gibt hier so viele verkannte, so viele unbekannte Dinge, und ich hoffe, dass sich der ein oder andere Leser, die ein oder andere Leserin auf den Weg macht, sie zu entdecken. Es muss ja nicht gleich mit dem Auto sein.


Buntes Teheran

Immer wenn ich in der Wohnung meiner Freundin Marzieh bin und aus dem Schlafzimmerfenster schaue, blicke ich direkt auf traumhaft schöne Berge. Teheran breitet sich an den Hängen des Elburs-Gebirges aus. Die meist schneebedeckten Gipfel der vorderen Bergkette sind bis zu 3300 Meter hoch und prägen das Stadtbild. Etwa sechzig Kilometer nordöstlich liegt der Damāwand. Mit seinen gut 5600 Metern ist der erloschene Vulkan der höchste Berg Irans. Ein atemberaubender Anblick, der niemanden kalt lässt. Und ganz ehrlich: In welcher Stadt kann man einen Berg auf Skiern hinabfahren, um dann bei dreißig Grad über einen orientalischen Markt zu schlendern?

 

Eine Reise nach Iran beginnt meist in der Hauptstadt Teheran, der pulsierenden Metropole am Fuße des Elburs-Gebirges. Die Stadt ist jung, agil, aufgeschlossen und ziemlich westlich geprägt. Vom Islam merkt man hier auf den ersten Blick nicht viel, anders als beispielsweise in Istanbul, wo an jeder Straßenecke der Ruf eines Muezzin von einem Minarett ertönt. Die Frauen sind nicht schwarz verhüllt, alles andere als das: Sie sind bunt gekleidet, modisch mit schönen Handtaschen, wundervoll geschminkten Gesichtern, auf dem Kopf ein kleines farblich passendes Tuch, das die Haare vielleicht zur Hälfte bedeckt. Sie sind gebildet und attraktiv, aber auch eitel und versessen auf Statussymbole. Nasenoperationen sind besonders prestigeträchtig. Junge Iranerinnen stellen gern ihre neu modellierten Gesichtszüge zur Schau, und etliche Frauen tragen die weißen Pflaster deshalb noch lange nach dem Eingriff. Unter manchen Pflastern verbirgt sich nicht einmal eine operierte Nase! Selbst in einigen Geschäften tragen die Schaufensterpuppen weiße Streifen auf ihren Nasenrücken, und auch die Männer greifen tief in die Tasche und lassen sich ihre Nasen für 2000 bis 3000 Euro richten.

Iranerinnen haben schon immer viel Wert auf ihr Äußeres gelegt – weil sie einfach schön sein wollen. Aber wie man sich kleidet, wie stark geschminkt man das Haus verlässt, das hat schon lange auch eine politische Dimension. Dazu später mehr.

Mit knapp fünfzehn Millionen Einwohnern leben etwa zwanzig Prozent der iranischen Gesamtbevölkerung in Teheran. Ende der 1960er-Jahre waren es noch lediglich 4,5 Millionen. Mit der Bevölkerung ist auch das Verkehrsnetz rasant gewachsen: Auf mehr als 600 Kilometern Stadtautobahn und teils sechs- bis achtspurigen Straßen schieben sich Unmengen von Autos durch die Stadt. Es scheint unmöglich, in diesem Chaos sein Ziel heil zu erreichen, aber es funktioniert, wenn auch nach den Teheraner Gepflogenheiten, an die man sich erst einmal gewöhnen muss. Fahrbahnmarkierungen zum Beispiel haben hier eher dekorativen Charakter. Besonders im Kreisverkehr zeigt sich die hohe Kunst des Fahrens, mitunter drängeln sich bis zu zwölf Autos nebeneinander in den Kreis hinein und wieder hinaus. Das Einfädeln wird zur Millimeterarbeit, ständig stehen die Leute im Stau, es wird laufend gehupt. Jedes Mal wenn ich eine der breiten Straßen überqueren muss, kommt es mir vor, als müsste ich eine Mutprobe bestehen.

Inzwischen habe ich gelernt, ohne Probleme auf die andere Seite zu kommen: Ich nehme einfach all meinen Mut zusammen, gehe forschen Schrittes voran und halte dabei meine Hand hoch, um zu signalisieren, dass ich über die Straße möchte. Bisher hat das immer gut geklappt. Es passieren sowieso kaum Unfälle, denn die Regeln sind klar definiert: Wer vorn ist, hat Vorfahrt, und Fußgänger werden grundsätzlich geschont – aggressives Verhalten im Straßenverkehr sieht man eigentlich nie.

Die iranische Hauptstadt ist ein Paradebeispiel eines Großstadtmolochs und versinkt im Smog – besonders in den südlichen Bezirken. Endlose Staulawinen aus uralten, qualmenden Karosserien reihen sich aneinander. An manchen Tagen ist die Verschmutzung so extrem, dass Schulen und Kindergärten geschlossen werden.

Davon abgesehen ist Teheran eine sehr saubere Stadt, in der übrigens keine Hundehaufen herumliegen. Hunde gelten in der iranischen Tradition als unrein und sind verpönt, obwohl heute immer mehr Iraner die Vierbeiner in ihr Herz schließen. Im Norden der Stadt gibt es sogar einen Hundepark, wo sich die Besitzer treffen und gemeinsam Gassi gehen. Dort werden die Haustiere von den konservativen Abgeordneten zähneknirschend geduldet. Doch wehe, man wird mit dem Hund auf der Straße erwischt, dann kann man mit einer Strafe belegt werden. Die Tiere dürfen nicht einmal ihren Kopf aus dem Autofenster halten.

Wenn ich in der Großstadt Teheran unterwegs bin, fahre ich meist mit der Metro. Man erkennt die einzelnen Stationen an einem gelben Symbol mit einem schwarzen Zeichen darauf – es soll wohl eine U-Bahn darstellen. Das Netz ist sehr gut ausgebaut, inzwischen gibt es vier Linien, weitere sind geplant. Und die Metro ist modern – alle paar Minuten kommt eine Bahn. Ellenlange Schächte führen hinunter bis tief in die Erde: endlose Rolltreppen, Marmorfliesen, riesige Werbetafeln. London, Paris, Teheran – auf den ersten Blick sieht man zumindest auf dem Weg zur U-Bahn keinen Unterschied. Die Zugänge zu den Bahnsteigen sind durch Schranken versperrt, ohne gültiges Ticket lassen sie sich nicht öffnen. So kommt man wenigstens nicht in Versuchung schwarzzufahren. Eine Fahrt kostet gerade einmal vierzig Cent, womit die iranische Metro – im Gegensatz zur deutschen U-Bahn – ein äußerst günstiges Fortbewegungsmittel ist. Am besten besorgt man sich eine Chipkarte, die immer wieder aufgeladen werden kann und auch in den Bussen gültig ist.

Täglich werden mehr als zwei Millionen Passagiere befördert. Für Frauen sind die ersten beiden und letzten beiden Waggons reserviert – Women only steht in Englisch auf den Scheiben. In den anderen Abteilen können Männer und Frauen gemischt sitzen. Das klingt etwas paradox, wenn man bedenkt, dass sie in den Bussen wiederum getrennt werden, aber so ist nun mal die Regel.

Die Passagiere sitzen sich auf roten oder blauen Bänken gegenüber. Ringsherum erklingen Handytöne, fast jeder schreibt Kurznachrichten oder surft, da es auch in der U-Bahn Internet gibt. Einige Frauen tragen riesige, schwere Säcke auf ihren Schultern, denn die Teheraner Metro ist gleichzeitig auch ein Basar. Hier gibt es alles zu kaufen: Socken, Handtücher, Putzmittel, Spielzeug, Feuerzeuge – und in den Frauenabteilen auch Unterwäsche oder BHs. Manche Fahrgäste fühlen sich von den Verkäuferinnen belästigt, ich persönlich finde diese Art von Flohmarkt sehr praktisch und habe schon das ein oder andere Nützliche dort gefunden.

 

Manche Freunde von mir empfinden Teheran als anstrengend, aber ich liebe die Stadt. Der Donnerstag entspricht dem Samstag in Deutschland, deshalb fahren viele Iraner an diesem Tag schon mittags hinauf in die Berge, um das Wochenende dort zu verbringen.

Etwa eine Stunde Autofahrt von Teheran entfernt liegt ein Skigebiet. Je höher man kommt, desto schmaler werden die Straßen, bis schließlich von den sechs bis acht Spuren nur noch ein serpentinenartiger Weg übrig ist, der zum Fuß des Totschāl führt, dem sogenannten Hausberg Teherans. Knapp 4000 Meter hoch ist der Berg und bestens geeignet zum Skifahren. An der Talstation kann man sich für umgerechnet dreißig Euro eine komplette Ausrüstung leihen: Skier, Skihose, Jacke und Schuhe, Handschuhe und Skibrille – natürlich alles hochmodern, nach westlichem Vorbild. Ein Skipass für den ganzen Tag ist für circa zwölf Euro zu haben.

Für europäische Verhältnisse ist das sehr günstig, in Iran ist Skifahren allerdings absoluter Luxus. Ein Arbeiter verdient im Durchschnitt 250 Euro im Monat, und selbst ein Angestellter hat oft nicht mehr als 400 Euro monatlich zur Verfügung. Auf den Pisten vor den Toren Teherans treffen sich das liberale Bürgertum und die Oberschicht des Landes: junge Professoren, Ärzte, Anwälte, Kaufleute und ihre Kinder. Viele von ihnen sprechen sehr gut Englisch oder Deutsch, denn sie haben im Ausland studiert. Mit den Machthabern wollen sie möglichst wenig zu tun haben, sie sind enttäuscht von den sogenannten Reformern und erst recht von der konservativen Regierung. Kommt man mit ihnen ins Gespräch, sprechen sie ganz offen über Politik und nehmen kein Blatt vor den Mund.

Inzwischen fahren im Winter auch viele Touristen aus dem Ausland zum exotischen Skivergnügen hinauf auf die Gipfel, die so hoch sind wie die Alpen. Im Sommer zieht es immer mehr junge Iraner zum Klettern in die Berge. Eine 2012 neu errichtete, große Berghütte auf dem Damāwand bietet auf 4200 Metern Höhe Unterschlupf. Wandern und Bergsteigen haben eine lange Tradition in Iran – vor allem Frauen haben den Klettersport seit der Islamischen Revolution für sich entdeckt. Denn oben in den Bergen können sie wunderbar durchatmen, fernab vom Dauersmog der Stadt. Vor allem aber haben sie ihre Ruhe vor den Sittenwächtern: Für die jungen Iranerinnen ist das Skifahren eine ideale Gelegenheit, den strengen Moral- und Kleidervorschriften für ein paar Stunden zu entkommen. Oben auf dem Berg gibt es niemanden, der sich um das unter der Wollmütze oder dem Skihelm hervorguckende Haar, das exzessive Make-up, die zu kurzen Skijacken oder das Händchenhalten der jungen Liebespaare kümmert.

Meine Freunde und ich wollen Skilaufen. Eine Gondelbahn, die noch aus der Schah-Zeit stammt und eine Weile mit zwölf Kilometern die längste der Welt war, führt uns hinauf. Zweimal müssen wir umsteigen, bis wir auf dem Gipfel des Totschāl angelangt sind. Auf 3900 Metern erwartet uns gleißender Schnee und ein atemberaubender Blick auf Teheran. Die Lifte surren wie in den Schweizer Alpen, die Pisten sind gepflegt, in den kurzen Wartezeiten am Skilift herrscht reger kommunikativer Austausch (»Wo kommst du her, wie gefällt es dir?«), und es hagelt wie immer in Iran herzlich gemeinte Einladungen. Das Skigebiet von Totschāl ist zwar nicht besonders groß, aber dennoch nicht überlaufen. Bis in den Mai oder Juni hinein sind die Pisten noch in bestem Zustand. Beseelt schwingen wir abwärts, über unseren Köpfen schweben lila Gondeln mit Milka-Schokoladenwerbung.

Die jungen Städter sind genauso gekleidet wie alle Europäer in den alpinen Skigebieten. Sie genießen es, hier auf dem Totschāl an einem der wenigen Orte zu sein, an denen sie die Grenzen der Scharia-Gesetze nicht nur ausreizen, sondern auch überschreiten können. Pärchen kuscheln sich im Schnee aneinander und tauschen heimlich Küsschen aus. In einer Berghütte am Fuße der Piste stillen sie ihren Hunger mit leckerem iranischen Hüttenschmaus: Omelette mit Essiggurken und Pommes, Linsensuppe oder Kebab mit Reis. Gegessen wird an großen Holztischen, die vor roten Kunstlederbänken stehen. Die Frauen ziehen ohne Scham ihre Skiklamotten und Mützen aus. Ein iranischer DJ legt flotten Perser-Techno auf, und angeblich gibt es an den Wochenenden sogar verrückte Partys auf den Skihütten, auf denen Alkohol ausgeschenkt wird. Willkommen in der Islamischen Republik Iran! Vermutlich wird es Zeit, einige unserer westlichen Vorurteile gegenüber diesem Land zu überdenken.

 

Teheran liegt 1200 Meter über dem Meeresspiegel und ist – trotz der von Autoabgasen verpesteten Luft – eine sehr grüne Stadt, in der man herrliche Spaziergänge machen kann. Die Straßen sind von Bäumen gesäumt. Neben den Bordsteinen verlaufen Rinnen, über die einst ein Teil der Stadt mit Wasser versorgt wurde. Heutzutage wird dieses Wasser von den Stauseen geliefert, und die Bordsteinbächlein haben die liebenswerte Aufgabe erhalten, die Straßenbäume zu wässern.

Mitten im Zentrum von Teheran liegt der Lāleh-Park, eine grüne Lunge, die vor allem ein beliebter Treffpunkt für Schachspieler ist. Die Iraner beherrschen dieses Spiel ausgezeichnet, schließlich ist Iran das Geburtsland dieses Brettspiels. Schon als kleines Kind habe ich die Regeln von meinem Vater gelernt; regelmäßig holte er sein Schachbrett aus Holz mit wunderschönen Intarsien aus dem Regal und spielte mit mir. Schach – was im Persischen Schatrandsch heißt – wurde erstmals um 600 vor Christus erwähnt. Es gibt verschiedene Theorien über den Ursprung des Spiels. Viele sehen ihn in Indien, aber in Iran wurden nachweislich die Regeln definiert; von hier aus hat sich das Schachspiel verbreitet. Die Araber haben es dann im 10. Jahrhundert nach Spanien gebracht, und im Mittelalter entwickelte es sich zum beliebtesten Denkspiel Europas.

Nicht weit vom Lāleh-Park entfernt, circa zehn Kilometer in Richtung Norden, liegt die reizvolle Tabiat-Brücke (wörtlich übersetzt »Naturbrücke«). Mit insgesamt 2000 Tonnen Stahl und 10 000 Kubikmeter Beton ist sie ein architektonisches Meisterwerk, welches nur zu Fuß überquert werden kann. 2014 wurde die Brücke eröffnet – entworfen hatte sie die damals erst 31-jährige Architektin Leila Araghian. Sie führt über einen Highway und verbindet zwei Parkanlagen miteinander: den Taleghani-Park und den Ab-o-Atasch-Park (iranisch für »Wasser-und-Feuer-Park«). Frau Araghian habe mit der Brücke nicht nur eine Verbindung zwischen zwei Punkten entwerfen wollen, erklärte sie in einem Interview mit Al Jazeera: »Es ist üblich, dass Brücken geradlinig entworfen werden. Und gerade Linien fordern quasi dazu auf vorwärtszugehen. Ich hatte aber den Wunsch, dass die Menschen auf meiner Brücke bleiben. Die Brücke ist nicht nur eine Struktur, die zwei Punkte miteinander verbindet, sondern auch ein Ort, an dem Menschen sich aufhalten und Spaß haben können.«

Es erfülle sie mit großer Freude, dass die Umsetzung ihrer Version so gut gelungen sei, zumal die Tabiat-Brücke ihr erstes Projekt gewesen ist. Von iranischen Architekturkennern wird das Bauwerk bereits als drittes Wahrzeichen der Hauptstadt nach dem Azadi-Turm und dem Borj-e Milad (dem Fernsehturm) gehandelt. Am Tag hat man von der 270 Meter langen Brücke aus einen wunderbaren Blick auf die Berge, und bei Nacht leuchtet sie in wechselnden Farben – ein echter Augenschmaus. Allerdings lassen die kulinarischen Begebenheiten auf der Brücke etwas zu wünschen übrig: Entweder sind die Restaurants teuer, oder man muss sich mit Fast Food zufriedengeben. Dennoch sollte man unbedingt einen Spaziergang auf ihr einplanen.

 

Wenn ich mit meiner Familie Urlaub in Teheran mache, gehen beziehungsweise fahren wir mindestens einmal auf den Borj-e Milad. Das Gebäude ragt 435 Meter in den Himmel und ist damit der höchste Turm des Landes. Zu dem Komplex gehören auch ein Fünfsternehotel, Galerien sowie ein Delfinarium – angeblich das größte und höchstgelegene der Welt. Während der Shows haben 1200 Besucher dort Platz. Insgesamt zwölf Stockwerke hat der Turm. Man kann mit einem ultraschnellen Glasaufzug auf die verschiedenen Ebenen fahren, oder man steigt die 1866 Stufen hinauf. Im Dezember 2017 gab es zum zweiten Mal einen internationalen Treppenlauf-Wettbewerb, an dem sowohl Männer als auch Frauen teilnahmen und mit Preisgeldern im vierstelligen Eurobereich belohnt wurden. Ich persönlich fahre lieber mit dem Fahrstuhl bis auf 276 Metern Höhe und setze mich dort ins Restaurant. Es dreht sich um die eigene Achse, und man hat einen wunderbaren Blick auf die gesamte Metropole.

Zu meinen Lieblingsorten in Teheran gehört der Dschamschidieh-Park ganz in der Nähe des Schah-Palastes – dort gibt es künstliche Wasserläufe, einen Wasserfall und einen See. Entlang der Wege stehen stabile Fitnessgeräte, an denen ich gern trainiere. Sie sind kostenlos und auch für Frauen zugänglich. Apropos Sport – es gibt sogar Parks, in denen nur weibliche Besucher willkommen sind! An den Eingängen stehen Frauen in blauen Uniformen und mit weißen Stoffhandschuhen und beobachten ganz genau, wer hier ein und aus geht. Die Öffnungszeiten sind allerdings begrenzt, damit die freizügig gekleideten Damen auf keinen Fall mit den männlichen Gärtnern zusammentreffen.

Wenn jedoch der heilige Fastenmonat Ramadan beginnt, dann sind die Parks und Straßen in den Städten wie leer gefegt. Eine harte Angelegenheit: Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang dürfen alle Muslime, die physisch dazu in der Lage sind, weder essen noch trinken. Je nach Jahreszeit können das bis zu fünfzehn Stunden sein. In diesem Zeitfenster sind das Essen und Trinken in der iranischen Öffentlichkeit auch per Gesetz verboten. Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie ich vor einigen Jahren mit meiner damals fünfjährigen Tochter durch Teheran lief. Sie hatte Hunger, und so versuchte ich, in einem Restaurant etwas zum Essen zu bekommen. Doch Fehlanzeige – nirgendwo hatten wir Glück, und so sind wir mit knurrendem Magen wieder nach Hause gegangen. Falls Sie also eine Reise nach Iran planen, erkundigen Sie sich vorab vielleicht besser nach der Fastenzeit.

Oft mache ich am Wochenende einen Ausflug nach Darband, ein beliebter Luftkurort im Norden von Teheran. Zwischen Felsen und Wasserfällen reiht sich ein Restaurant an das andere, flankiert von zahlreichen Teehäusern. In vielen iranischen Restaurants sitzt man auf Podesten, die etwa einen halben Meter hoch sind. Bevor man diese Erhöhung aus Holz betritt, werden die Schuhe ausgezogen, und dann hockt man sich auf einen rot gemusterten Teppich unter einem Baldachin, der die Sonne und selten auch den Regen abfängt. Für Anfänger ist das Essen auf dem Boden vielleicht etwas ungemütlich – mein Mann kommt damit auch nicht ganz klar, aber der Kebabspieß, der leuchtend gelbe Safranreis und die Grilltomate, die rohen Zwiebeln und die vielen Kräuter entschädigen ihn jedes Mal für die eingeschlafenen Füße.

Doch nach Darband kommt man vor allem, um sich in der Natur zu erholen. Ein Sessellift schaukelt über den Bäumen, ein Spazierweg führt in die Berglandschaft, ein Bach plätschert durch ein kleines Tal, an dessen Ufer Familien auf bunten Decken sitzen. Die Frauen und Männer genießen den Schatten, rauchen Ghaylun (Farsi für »Wasserpfeife«), trinken Tee, essen Datteln. Hier oben in den Bergen kann man den Stress der Hauptstadt wieder einmal für ein paar Stunden vergessen. Die Luft ist zwar extrem dünn, aber klar und frisch. Und man hat auch von hier einen fantastischen Blick auf Irans Hauptstadt. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich dort oben auf einer Bank sitze und meine Lungen mit der frischen Luft füllen kann. Dann merke ich, wie mein Puls sich senkt und ich zur Ruhe komme. Und zugleich spüre ich schon wieder den Drang, mich in das wilde Treiben Teherans zu stürzen.


Auf Brautschau im Stau

Wenn am Donnerstagabend das Wochenende beginnt, verwandelt sich die Valiasr-Straße in eine Kontaktbörse. Sie zieht sich über mehr als zwanzig Kilometer vom Norden bis in den Süden von Teheran. Am Hauptbahnhof beginnend, der übrigens in den 1930er-Jahren von deutschen Architekten erbaut wurde, endet sie an den schneebedeckten Gipfeln des Elburs-Gebirges. Angeblich ist die Valiasr-Straße die längste innerstädtische Autobahn der Welt. Hier bewegen sich Menschen aus allen Schichten der Gesellschaft: Mullahs, Taxifahrer, Mütter mit ihren Kindern, Schuhputzer, Prostituierte und Dealer. Die Straße ist neben dem Großen Basar das umtriebige Geschäftszentrum von Teheran. Für Jugendliche und junge Erwachsene ist die Valiasr-Straße ein beliebter Ort, um einander näher kennenzulernen. Denn seit der Islamischen Revolution von 1978/1979 gibt es keine Diskotheken mehr im Land, private Partys und Alkohol sind streng verboten. Also machen sich die jungen Leute für den Abend schick und fahren mit dem Auto über den Prachtboulevard.

An dieser Stelle vielleicht ein Blick auf die Gesetze: In Iran gilt seit der Islamischen Revolution die Scharia als rechtliche Grundlage. Die Scharia beschreibt einen deutlich gefassten religiösen Weg, in dem die Gesamtheit aller rechtlichen und religiösen Normen zusammengefasst ist. Es ist kein fest gefügtes Rechtssystem, sondern ein Regelwerk, welches sich im ständigen Wandel befindet und daher in den muslimischen Staaten durchaus unterschiedlich angewendet wird. Auch andere Religionen wie die christliche oder jüdische Religion haben den Begriff Scharia schon verwendet. Im Falle der islamischen Tradition werden die Handlungen der Gläubigen in die sogenannten fünf Beurteilungen unterteilt: Fard – die Pflicht; Mandüb – das Erwünschte; Halal – das Erlaubte; Makrüh – das Verpönte; Haram – das Verbotene. Die praktische Umsetzung funktioniert auch innerhalb eines Landes von Region zu Region unterschiedlich: In der Stadt geht es liberaler zu, auf dem Land erheblich strenger.

Nach iranischem Recht kann sich ein Mann jederzeit ohne Angabe von Gründen scheiden lassen. Vor Gericht zählt die Aussage der Frau nur halb so viel, und sie erbt im Todesfall auch nur die Hälfte. Außerdem bekommt der Mann automatisch das Sorgerecht für die Kinder. Allerdings ist der Ehemann dazu verpflichtet, im Falle einer Scheidung der Frau das Brautgeld, »Unterhalt und eine angemessene Ausstattung« zur Verfügung zu stellen.

Überhaupt spricht die Wissenschaft von einer Polarisierung der islamischen Autoritäten und damit einem breiten Spektrum verschiedener Ansätze. Das heißt: Eine einzige gültige Scharia gibt es nicht, nur mehr oder weniger populäre Auslegungen. In Iran werden Verstöße in der Regel mit Geldstrafen oder im schlimmsten Fall mit Gefängnisstrafen geahndet. Meistens geht es den Sittenwächtern um das Alkoholverbot, das Kopftuchgebot und den verpönten Austausch von Zärtlichkeiten in der Öffentlichkeit. Während allerdings in diesen Fällen eine relativ liberale Praxis allmählich Raum gewinnt, verstehen die Mullahs in Sachen Rauschgift und Drogen überhaupt keinen Spaß. Hier baumeln schon mal Drogendealer an Kränen.

Generell kennt die muslimische Welt verschiedene Glaubensrichtungen, wobei Sunniten und Schiiten die zwei größten Gruppen bilden. Die iranische Bevölkerung ist zu fast neunzig Prozent schiitisch, nur rund acht Prozent sind Sunniten. Weltweit hingegen machen die Schiiten nur zehn Prozent der Muslime aus, die Sunniten etwa neunzig Prozent.

Die Sunniten bezeichnen sich als »die Anhänger des Brauchs«, arabisch Sunna, und orientieren sich am ersten Nachfolger Mohammeds. Dies geschieht in Abgrenzung zu den Schiiten, deren Auffassung nach nur Mohammeds Cousin und Schwiegersohn Ali sowie dessen Nachkommen das Recht hätten, den Imam zu stellen, also das politische Oberhaupt aller Muslime. Heutzutage unterscheiden sich die Sunniten in ihrem Glauben und in der religiösen Praxis kaum von der Mehrheit der Schiiten, allerdings gibt es in beiden Hauptrichtungen des Islams verschiedene Rechtsschulen und Orden.

Obwohl die beiden muslimischen Strömungen sich in den zentralen Glaubensinhalten wenig unterscheiden, haben sie sich infolge politischer Differenzen auseinanderentwickelt. Die iranische Verfassung gesteht den Sunniten eigene Rechte und Freiheiten zu. Allerdings werden von sunnitischer Seite oft Drangsalierungen beklagt, etwa im Zusammenhang mit dem Sprachunterricht oder dem Bau von neuen Moscheen.

 

An einem Donnerstagabend bin ich unterwegs mit meinen Freundinnen Marzieh und Roya. Wir sind auf dem Weg zu einer Party im Norden der Stadt. Auf dem Bürgersteig flanieren junge Frauen: Sie tragen kurze, taillierte Mäntel, ihre bunten Tücher haben sie elegant um den Kopf geschwungen. Auch wir haben unsere schönsten Kopftücher aus dem Schrank geholt und tief in die Kosmetiktöpfe gegriffen, um uns auffällig zu schminken, und unsere Fingernägel lackiert. Wir steigen in den Wagen meiner Freundin und fahren los.

Übrigens sieht man auf den Straßen meist nur weiße Fahrzeuge, denn Iraner lieben die Autofarbe Weiß. Nicht nur aus ästhetischen Gründen, sondern auch weil sie behaupten, man könnte sie so besser weiterverkaufen. Meine Freundin fährt natürlich auch ein weißes Auto: einen Paykan – eine bekannte iranische Automarke, die nach einer Lizenz von Ford gebaut wird. Zur Schah-Zeit war dieser Wagen der Traum vieler Iraner. Der Name für das begehrte Fahrzeug ist an das persische Wort für »Pfeil« angelehnt, auch wenn der Paykan eher mit mäßiger PS-Zahl unterwegs ist. Aber das nur am Rande.

Auf dem Prachtboulevard angekommen, passiert uns ein Porsche, darin zwei Jungs mittleren Alters. Sie kurbeln die Fensterscheibe herunter, und Roya, die auf dem Beifahrersitz Platz genommen hat, kommt mit ihnen ins Gespräch. Allerdings beschränkt sich der Flirt auf Augenkontakt und einige wenige Worte. Dann tauschen sie rasch Telefonnummern aus, um ein Treffen zu vereinbaren.

»So lernen wir uns gegenseitig kennen«, erzählt Roya und fängt an zu lachen. »Wir haben ja keine Diskotheken oder Kneipen wie ihr in Deutschland.«

Marzieh seufzt etwas wehmütig. »Wir dürfen uns in der Öffentlichkeit nicht mit Männern treffen. Das macht es für uns Frauen umso schwieriger, den richtigen Mann zu finden«, sagt sie. »Die Jugendlichen haben sich anfangs noch an die Gesetze gehalten, inzwischen nehmen sie alles etwas lockerer. Auf diese Art können wir ein bisschen Spaß haben, und vielleicht habe ich ja Glück und lerne eines Tages meinen Traummann kennen. Allerdings sind manche Männer nur auf das eine aus!«

Marzieh erzählt, dass die Männer an einem Abend die Visitenkarten von zwei, drei Frauen sammeln, dann mit den Handynummern nach Hause gehen und ihren neuen Kontakten über Viber oder Imoschreiben – den bekanntesten sozialen Netzwerken in Iran. Man schickt sich gegenseitig ein paar Bilder und verabredet sich vielleicht. Die meisten Bekanntschaften auf der Valiasr-Straße enden dann in einem One-Night-Stand.

»Viele Männer haben keine Lust auf eine feste Beziehung. Sie haben mehrere Frauen am Start und geben sich einfach keine Mühe. Wenn die eine nicht möchte, dann probieren sie es eben bei der nächsten, bis eine anbeißt«, erzählt Marzieh.

Was für eine groteske Welt, denke ich gerade, als ein lautes Hupen meine Gedanken zerreißt. Ein kleiner Lieferwagen, wohl gut dreißig Jahre alt, kann gerade noch bremsen, um Schlimmeres zu verhindern. Meine Freundin hat den Wagen zum Glück nur leicht touchiert. Und nun? Sie steigt aus dem Auto und betrachtet den Schaden. Doch anstatt die Situation zu klären, schreien sich die Beteiligten rund zehn Sekunden lang mitten auf der Kreuzung an. Dann steigen beide wieder in ihre Autos und fahren weiter, als sei nichts gewesen. Während meine Augen immer größer werden und vor Adrenalin fast überquellen, dreht sich meine Freundin zu mir um. »Das ist normal in Iran«, sagt sie und lacht.

Nach etwa einer Stunde sind wir auf der Party angekommen. Gefeiert wird in einer modern eingerichteten Wohnung in einem noblen Stadtteil von Teheran – natürlich illegal, denn jegliche Art von Amüsement ist verboten. Es wird getanzt, geraucht und Alkohol getrunken. Auf iranischen Privatpartys werden Frauen übrigens direkt in einen separaten Raum geführt, in dem sie sich umziehen können. Dort werden Kopftuch oder Hidschab abgelegt, die Hose verwandelt sich nicht selten in einen kurzen Rock oder ein Minikleid, das langärmlige Oberteil wird gegen ein kurzes, eng anliegendes Kleidungsstück mit entsprechendem Dekolleté getauscht, Haare und Make-up werden noch einmal im Spiegel überprüft.

Auch wir legen unsere Mäntel und Kopftücher ab und betreten den Partyraum. An der Decke hängt eine Discokugel, aus den Lautsprechern klingt amerikanische Popmusik. Wir setzen uns auf ein beiges Ledersofa und setzen unsere Unterhaltung fort.

Keyvan, ein junger Mann, mischt sich in unser Gespräch ein: »Iranerinnen sind zu oberflächlich, und die meisten sind nur auf unser Geld aus, sie wollen keinen armen Schlucker.«

Viele Männer können sich keine Ehefrau leisten, weil die Hochzeit einfach zu teuer ist. Da ist es natürlich einfacher, sich eine sogenannte Palang (Farsi für »Leopard«) zu nehmen – eine stark geschminkte Frau, mit kleiner operierter Nase und wasserstoffblond gefärbten Haaren. Besonders in der Großstadt Teheran sind solche Frauen anzutreffen. Außereheliche »Begegnungen« werden nicht gern gesehen, und wer von der Sittenpolizei erwischt wird, kann sich mit etwas Pech sogar eine Gefängnisstrafe einhandeln.

»Die Wächter schreiben sich gern die Autokennzeichen auf von denjenigen, die mehrmals die Valiasr-Straße rauf- und runterfahren. Die wissen natürlich längst, dass die Straße eine Kontaktbörse für Jugendliche geworden ist. Neulich haben sie mein Kennzeichen notiert und mein Auto eine Woche lang lahmgelegt«, erzählt Keyvan.

Die Sittenwächter kassieren den Führerschein ein und stellen das Auto in einem speziellen Parkhaus ab. Trotzdem bringen diese Strafen nicht viel. Die meisten Jugendlichen leben anschließend weiter wie bisher und stören sich nicht daran. Die iranische Regierung weiß, dass sie nicht viel gegen die aufmüpfigen jungen Leute ausrichten kann. Seit einiger Zeit sind Gerüchte im Umlauf, dass es ein staatlich kontrolliertes Dating-Portal geben soll.

Viele aus der jungen Generation sehen ihre Chancen im Ausland, erzählt uns Keyvan auf der Party. Deutschland sei erste Wahl, viele seiner Altersgenossen schrieben sich am Deutschen Spracheninstitut in Teheran ein. Ein Kurs dauert sechs Wochen und kostet umgerechnet 150 Euro. Für die Kosten kommen die Eltern auf, darum kann sich den Besuch der Sprachenschule in der Regel nur leisten, wer aus einer wohlhabenden Familie stammt. Nicht wenige der Schüler promovieren. Fast alle jungen Leute in Iran – immerhin sind etwa siebzig Prozent unter dreißig Jahre alt – blicken mit Interesse auf Deutschland und die Deutschen, denen hier traditionell große Wertschätzung entgegengebracht wird. Die vorsichtige politische Öffnung des Landes unter Präsident Hassan Rohani und die Einigung im Atomstreit beflügeln die Hoffnung der jungen Iraner auf einen Austausch mit Gleichgesinnten in aller Welt.

Selbstbewusst sind sie allemal. Das hat man gerade zum Jahreswechsel 2017/2018 gesehen, als die Jugendlichen auf den Straßen der Großstädte demonstrierten. Viele von ihnen protestierten wegen der schlechten wirtschaftlichen Lage gegen das Regime. Hinzu kam die Enttäuschung über den Atom-Deal. Doch gegen den Willen des letzten Oberhauptes kann der Präsident nichts ausrichten, das letzte Wort hat stets Revolutionsführer Ajatollah Ali Khamenei. Am Ende seiner Amtszeit hat Präsident Rohani einiges erreicht: ein Wirtschaftswachstum von 6,4 Prozent in einem Jahr und ein Absinken der Inflationsrate von 35 auf 8,6 Prozent. Doch die meisten Menschen spüren vom Aufschwung gar nichts, und auch in Bezug auf die Freiheiten hat sich nichts verändert. Der iranische Präsident mag das Ansehen des Landes im Ausland prägen. Im Innern jedoch ist seine Macht stark eingeschränkt.

Auf der einen Seite blockieren die USA weiterhin mit ihrem weltweiten Einfluss die Aufnahme von Geschäftsbeziehungen. Auf der anderen Seite versickern die Einnahmen des Landes in einflussreichen klerikalen Zirkeln. Auch das von Präsident Rohani vorgelegte Jahresbudget ließ keine Reformabsichten erkennen. So sind die Gründe für die Proteste vielfältig – was bisher aber fehlt, ist eine geschlossene Oppositionsbewegung.

Bita Schafi-Neya

Über Bita Schafi-Neya

Biografie

Die Deutsch-Iranerin Bita Schafi-Neya studierte Iranistik und arbeitet seit 25 Jahren als Journalistin. Mindestens einmal im Jahr fliegt sie in ihre »zweite Heimat«. In Hamburg aufgewachsen kam sie der Liebe wegen nach Braunschweig, wo sie bis heute als freie Journalistin überwiegend für den NDR...

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