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Gebrauchsanweisung für DänemarkGebrauchsanweisung für Dänemark

Gebrauchsanweisung für Dänemark

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Gebrauchsanweisung für Dänemark — Inhalt

Smørrebrød und Carlsberg, Lego und Gemütlichkeit: Thomas Borchert, seit über dreißig Jahren mit einer Dänin verheiratet, führt uns liebevoll und hintergründig in seine Wahlheimat ein. Wo 7500 Kilometer Küste zum Verweilen einladen, Babys angeblich mit einer Fahrradklingel auf die Welt kommen und das sommerhus gerne an Besucher aus dem Nachbarland vermietet wird. Er streift durch Kopenhagen, wo Starkoch René Redzepi das berühmte »Noma« betreibt und im »Freistaat Christiania« die Hippies regieren. Nimmt von Bornholm bis Møn die 406 Inseln unter die Lupe. Blickt auf Exportschlager wie Jussi Adler-Olsen, Lars von Trier und Mads Mikkelsen. Und verrät, was die beliebte TV-Serie »Borgen« mit den populistischen Machenschaften in Christiansborg tatsächlich gemeinsam hat; ob die Dänen wirklich so glücklich sind und was wir außer Hygge sonst noch von ihnen lernen können …

€ 15,00 [D], € 15,50 [A]
Erschienen am 01.03.2017
224 Seiten, Flexcover mit Klappen
EAN 978-3-492-27685-6
€ 12,99 [D], € 12,99 [A]
Erschienen am 01.03.2017
224 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-97620-6

Leseprobe zu »Gebrauchsanweisung für Dänemark«

Von Svante lernen

Alle Dänen kennen Svante und seine Lieder. Er freut sich über die aufgehende Sonne, » rot und rund «, vor dem Sommerhaus am Wasser. Während Nina noch duscht, wird schon mal ein Käsebrot gefuttert. Das schmeckt. Dann singt er den Refrain :

Das Leben könnte schlechter sein.

Und gleich kommt auch der Kaffee rein.

Nina drückt ihm, noch nass und nackt, ein Küsschen auf den Mund, ehe sie ihr Haar richtet. Grund genug für die Wiederholung :

Livet er ikke det værste man har.

Og om lidt er kaffen klar.

» Svantes glücklicher Tag « steht in jedem [...]

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Von Svante lernen

Alle Dänen kennen Svante und seine Lieder. Er freut sich über die aufgehende Sonne, » rot und rund «, vor dem Sommerhaus am Wasser. Während Nina noch duscht, wird schon mal ein Käsebrot gefuttert. Das schmeckt. Dann singt er den Refrain :

Das Leben könnte schlechter sein.

Und gleich kommt auch der Kaffee rein.

Nina drückt ihm, noch nass und nackt, ein Küsschen auf den Mund, ehe sie ihr Haar richtet. Grund genug für die Wiederholung :

Livet er ikke det værste man har.

Og om lidt er kaffen klar.

» Svantes glücklicher Tag « steht in jedem Liederbuch und gehört zum Schulpensum. Alternative Nationalhymne wäre vielleicht zu hoch gegriffen für das Lied. Benny Andersen, Lieblingslyriker der Dänen, hat es 1973 geschrieben. Das Land erkennt sich im kleinen morgendlichen Glück von Svante wieder und fühlt sich wohl im eigenen Nest. Alte und Junge, Arme und – so wird behauptet – sogar Reiche können hier mit Käsebrot und Küsschen am frühen Morgen zufrieden und auch glücklich sein. Ob das wohl stimmt ?

 

Mit Fähre und Fahrrad

Dänemark hat drei Haupteingänge : bei Flensburg über die Festlandgrenze nach Jütland. Auf der Ostsee per Schiff Richtung Kopenhagen über die Fährstationen Rødby und Gedser. Vom schwedischen Malmö aus über die elegante Øresund-Brücke, das Prachtportal, direkt in die Hauptstadt. Das reicht auch für dieses überschaubare Land. Mittendrin wird die Sache allerdings etwas komplizierter.

Ob sie die Fähre schaffen, ist für Bente Antonsen und Jørgen Møller eine wichtige Frage. Die letzte zurück auf ihre kleine Insel Fejø legt ziemlich knapp nach dem Opernbesuch in Søllested ab. Oper auf dem Dorf ? » Sie läuft im Kino per Liveübertragung aus dem Königlichen Theater in Kopen­hagen. Als ob wir selbst dabei wären. Aber danach müssen wir uns beeilen. « Sie haben es immer geschafft, erzählen beide vor dem Haus mit Blick aufs Meer bei Kaffee und wienerbrød, dem dänischen Plundergebäck. Wenn sie mit den Kindern in Kopen­hagen beim Kaffee zusammensitzen, liegt gleich viermal Inselhüpfen hinter ihnen. Von Fejø über Lolland, Falster und Farø nach Seeland.

Wollen sie aufs Festland, vielleicht wegen einer Konfirmation oder Silberhochzeit in Jütland, müssen sie sogar fünfmal über das Wasser. 406 Inseln hat dieses Land. Am Ende wird das Festlokal daran zu erkennen sein, dass vor dem Eingang ein Dannebrog, Dänemarks Nationalflagge, rot-weiß flattert. Das ist Sitte bei den kolossal vielen Familienfesten.

Auf der Karte sieht es so aus : links das länglich schmale Jütland mit der Nordsee auf der einen Seite. Auf der anderen die Ostsee samt einem Sammelsurium von Inseln und auf der größten – Seeland – am östlichen Rand schließlich Kopen­hagen. Dann kommt wieder Wasser und dann Schweden. » Das Meer ist der gemeinsame Feind der Dänen, es teilt unser winziges Land in zwei Hälften «, klagte 1887 Edvard Brandes, Mitbegründer der Zeitung Politiken. Dabei hatten seine Wikingervorfahren das Inselreich doch gerade als beschlagene See­fahrer für ein paar Hundert Jahre zur Großmacht werden lassen. Danach war es permanent in Richtung » winzig « gegangen, bis Brandes die geografischen Gegebenheiten nur noch niederschmetternd fand. Die Landgrenze Jütlands zum übermächtigen deutschen Nachbarn sei » verführerisch für den Preußen, sich auch das Bajonett zu schnappen, wenn er schon das Gewehr hat «, weil das dänische Festland wie ein Wurmfortsatz an den mächtigen Nachbarn anschließt. Östlich davon sehe es mit den vielen Inseln nicht besser aus : » Die andere Hälfte liegt zerstückelt da, außerhalb Europas und des Weltverkehrs, schwer zu erreichen, unbefruchtet vom Handel, ausgeschlossen vom internationalen Verkehr und der Leuchtkraft der Ideen. «

Gelindert haben dieses Handicap in tausend Jahren dänischer Geschichte die Fähren. Dabei ging es nicht immer nur um eine möglichst schnelle Verbindung zur nächsten Insel. 1523 nutzte König Christian II. – so geht jedenfalls eine weitverbreitete Legende – die Überfahrt zwischen Jütland und Fünen zum Grübeln : Kampf gegen die Feinde auf dem Festland oder Flucht auf eine Insel ? Immer wieder soll der Wankel­mütige dem Fährenkapitän auf dem Kleinen Belt den Befehl zum Wenden gegeben und ihn dann widerrufen haben, ehe er sich am Ende für die Flucht entschied. Danach ging alles schief.

Dänen bemühen die Geschichte aus dem Roman » Der Fall des Königs «, geschrieben vom Nobelpreisträger Johannes V. Jensen, gern zur Illustration von Wankelmut als angeblich nationaler Eigenart, geboren aus einem unseligen Mix von Größenwahn und Minderwertigkeitskomplexen. Ich finde Dänen überhaupt nicht wankelmütiger als andere.

1819 zog der Schustersohn Hans Christian Andersen aus Odense auf Fünen los nach Kopenhagen auf Seeland. Der Grün­schnabel träumte von Ruhm als Balletttänzer oder Schauspieler. Das mit den Märchen war dann eine Notlösung und sein erstes Hindernis auf dem Weg zum Ruhm der Große Belt. Mindestens eine Nacht hatte man vor dem Sprung über 25 Kilometer Wasser auf die Fähre zu warten, bei schlechtem Wind eventuell deutlich länger. Noch ein halbes Jahrhundert später fand es ein Reisender hier ganz unromantisch, wenn » die Überfahrt zwischen Nyborg und Korsør zwei Tage dauert und man in der Mitte bei zwanzig Grad Frost auf Sprogø übernachten muss «.

Nach und nach wurde das alles besser. Aber die Frage » Nåede de færgen ? – Haben Sie die Fähre erreicht ? « blieb für die Verbindung zwischen West- und Ostdänemark immer eine entscheidende. Damit überschrieb 1925 auch Johannes V. Jensen seine berühmte Novelle über Mann und Frau auf dem Weg von Jütland nach Kopenhagen. Das Paar kommt mit der Fähre auf Fünen an und jagt auf dem Motorrad halsbrecherisch über die Insel, um die nächste Überfahrt nach Seeland zu schaffen. Jeder in Dänemark kennt das Problem und die daraus folgende Gewissensfrage : Bleifuß fahren oder eventuell die nächste Fähre verpassen ?

Als Jensens Schriftstellerkollege Klaus Rifbjerg knapp ein Jahrhundert später mit der Geschichte » Vi nåede færgen ! – Wir haben die Fähre erreicht ! « antwortete, war das schon ein wehmütiger Rückblick. Die 20 Kilometer lange Brücke über den Großen Belt hat das Land zum Jahrtausendwechsel zusammengeschweißt. Ein revolutionärer Sieg über die Geografie, diese und all die anderen gewaltigen Brücken. Das Land ist nicht mehr zerstückelt. Verkehr, Handel und auch die » Leuchtkraft der Ideen « können ungehindert fließen. Von den größeren Inseln fehlt nur dem abgelegenen Bornholm eine feste Verbindung zur Nachbarschaft. Die » Sonneninsel «, näher an Schweden und Polen als an Dänemark, steuern dafür Highspeedfähren an.

Als junger Mann mit Ehrgeiz könnte Andersen heutzutage in 75 Minuten zwischen Odense und Kopenhagen über den Belt pendeln, wie es so viele Studenten und Berufstätige täglich tun. Ihr Fahrrad nehmen sie in der Bahn mit. Oder, die bessere Variante, sie haben je eines an beiden Bahnhöfen stehen. Odense schlägt Kopenhagen um Längen als Fahrrad­paradies. Bekommen Studenten einen Wohnheimplatz, drückt man ihnen mit dem Zimmerschlüssel auch gleich ein Fahrrad in die Hand. Das ist in der Miete inbegriffen, damit sie nicht auf dumme Gedanken kommen und Dänemarks CO2-Bilanz nach unten ziehen. Hinaus zum Campus geht es auf einer Fahrradautobahn mit tempoförderndem Belag, grüner Welle vor den Autos, Luftpumpenstationen und allerlei anderen Raffinessen. Wer könnte da widerstehen ? Mein Freund Henning begründet seine Entscheidung für dieses Fortbewegungs­mittel psychologisch : » Man kommt auf dem Rad besser gelaunt an. «

Geschwindigkeit ist eben nicht alles, und auch die Fähre ist für die Dänen immer mehr gewesen als nur ein notwendiges Übel. So feierte Rifbjerg die vielen Überfahrten als » eine Freistatt «, als » die Stunde, in der nichts Böses passieren konnte, vielleicht bis auf das Unglück, möglicherweise von einem Möwenklacks getroffen zu werden «. Danach setzt man die Reise » in behaglich aufgefrischter Stimmung « fort. Rifbjergs Kollegin Hanne Marie Svendsen sieht die Fähre » als ein bewegliches Inselreich außerhalb der Grenzen der Normalität, das zugleich sammelt und verbindet «. Im Fährenrestaurant findet sie familien Danmark vereint, ohne Unterschied von Klasse, Alter oder sonst etwas. Das Selbstbild als Familie taucht oft auf, wenn Dänen sich gegenseitig erklären, warum sie so zufrieden sind in ihrem Land.

In der Familie gibt es aber auch mal Streit. Eine Ministerin bekam vor etlichen Jahren Riesenärger, skandal !, als sie telefonisch eine Fähre vom Ablegen abhielt, um noch mitzukommen. Kronprinz Frederik bekam vor Kurzem Riesen­ärger, als er sich trotz Sperrung wegen Sturm über die Große-Belt-Brücke chauffieren ließ. Die anderen mussten warten. Beides gehört sich nicht, wenn alle gleich sind.

Pyt, egal, die Brücke ist ja nur sehr selten gesperrt. Die Fährenkultur lebt dennoch weiter, vor allem durch die kleineren Inseln, die für ihre Bewohner – oder auf dem Weg zum Sommerhaus – nicht anders zu erreichen sind. Hier winkt nach wie vor die Stunde, in der nichts Böses passieren kann.

Fähre und Fahrrad passen gut zu diesem Land. Aber wo anfangen, wenn man sich Dänemark nähern möchte ? Im Zentrum oder in der Peripherie ? Und was ist Zentrum ? In Kopenhagen leben rund 20 Prozent der Bevölkerung. Andererseits ist die Hauptstadt geografisch an den Rand gequetscht. Das war nicht immer so. Auch das westliche Schweden gehörte zur einstigen Großmacht Dänemark, bis es 1658, wie später noch so vieles mehr, verloren ging.

Vielleicht ist es besser, in Dänemarks Westen zu beginnen ? Dafür sollten sich alle entscheiden, die das Land radelnd erkunden möchten, denn der Wind weht meistens von der Nordsee Richtung Kopenhagen. Auf ihn kann man sich ohne einen einzigen Berg, der diesen Namen verdient, immer verlassen.

Jyderne, die Jütländer, sind sicher, dass bei ihnen das Herz des Landes schlägt und danskheden, das Dänische an sich, klarer durchkommt als bei den Hauptstädtern : ohne Lamento zupackend, traditionsbewusst und nach wie vor bäuerlich orientiert. Im südlichen Jütland, gleich hinter der Grenze zu Schleswig-Holstein, trifft man auf eine deutsche Minderheit.

Ich lebe abwechselnd in Kopenhagen und auf der Insel Falster. Aus praktischen Gründen bevorzuge ich den Fehmarnbelt als Zugang von Deutschland. Ganz Eilige ärgern sich über diese letzte Lücke nach der Großen-Belt-Verbindung und der Øresund-Brücke zwischen Dänemark und dem Rest der Welt. Ein 20 Kilometer langer Tunnel ist beschlossene Sache, wird aber nach immer neuen Verzögerungen mindestens bis 2026 auf sich warten lassen.

Damit kann ich gut leben. Rollt der Wagen in Rødby von der Fähre, verändert sich das Gefühl von Tempo : In Deutschland herrscht Stress auf der immer zu vollen Autobahn mit 180-km/h-Rasern. In Dänemark spürt man Ruhe und Ge­lassen­heit. Hier scheinen alle zufrieden mit der gesetzlich vorge­schriebenen Langsamkeit ohne Platzangst. Immer im » menschlichen Maß «, um schon mal einen hippen und auch seriös interessanten Terminus zur Erklärung von Kopenhagens enormer Anziehungskraft vorwegzunehmen.

In dieser Gebrauchsanweisung gehen wir auf eine Dänemark­reise von Süd nach Nord mit vielen Stopps zum etwas genaueren Hinschauen. Wir kommen mit der Ostseefähre in Ged­ser an, bewegen uns inselweise hoch in die Metropole. Kopenhagen, oder København, möchte lässig und entspannt erobert werden. Danach, gleich nebenan, ein Besuch bei 41 Königsgräbern im Dom von Roskilde. Am Rand der Kleinstadt mischen wir uns unter die 130 000 Teilnehmer von Dänemarks größtem Familienfest. Später ein Abstecher in den Osten nach Bornholm und dann mit Schwung der Sprung westwärts über den Großen und den Kleinen Belt zum Finale : Jütland verdient Zeit und lockt mit Muße an seinen Nordsee­stränden. Kurz vor der Grenze bei Flensburg winkt schon eine opulente Kaffeetafel – oder droht, je nachdem, wie man zu Kuchen in gigantischen Mengen steht.

 

Flach wie eine Flunder

In diesem Kapitel radeln wir vom südlichsten Zipfel Dänemarks bei Gedser bis nach Kopenhagen. Drei Inseln liegen vor uns : Falster, Møn und Seeland. Auf kleinen Landstraßen, Waldwegen und entlang der Küste werden der Wind, Vogelgezwitscher und das Rollen der Räder unsere Geräuschkulisse sein und ein paar Geschichten zwischendurch. In der Mitte legen wir eine Übernachtung am Præstø-Fjord ein. Da kenne ich jemanden mit einem reetgedeckten Landhaus, der den Schlüssel unter den größten Stein am Blumenbeet gelegt hat. Als wir ihn beim ersten Mal nicht finden konnten und anriefen, kam die Antwort : Schmeißt einfach eine Fensterscheibe ein. Det ordner sig. Das passt schon. Kleine Lehrstunde in entspanntem dänischen Pragmatismus.

Es folgten viele weitere. Den Kommentar überlasse ich Barack Obama, der seine » Vorliebe für gefühlsmäßig aus­balancierte Pragmatiker « bekundet hat und meinte, » wenn alle so wären wie diese Skandinavier, wäre das Ganze viel leichter «. Neben den Dänen gehören per Definition noch Schweden und Norweger zu diesem kleinen und beliebten Teil der Menschheit. Aus den anderen beiden Ländern ist schon mal zu hören, dass Skandinavien ja erst richtig bei ihnen anfange mit all der Weite, Wildnis und klirrenden Winterkälte.

Davon ist man hier an Gedser Odde, der Gedser Landzunge, im äußersten Süden vom Norden tatsächlich weit weg. Umso näher liegt Deutschland. Gerade gleitet die Kronprins Frederik nach knapp zwei Stunden Überfahrt aus Rostock in den Hafen ein. Hinter dem Schiff steigt eine Wand aus 156 Windrädern aus dem glitzernden Wasser. Über 40 Prozent des dänischen Stroms werden vom Wind produziert. 2020 soll es die Hälfte sein. Platz genug ist ja auf dem Wasser vor so viel Küste. Nicht alle Dänen sind begeistert vom Anblick dieser Windradwälder.

Wir radeln los bei schönstem Frühsommerwetter. Auch der Wind, seitlich von Ost, milde und warm auf der Haut, meint es gut mit uns. Bis zur Nordspitze Dänemarks bei Skagen hätten wir gerade mal 360 Kilometer Luftlinie vor uns. Das ganze Land ist ungefähr so groß wie Niedersachsen und hat ein Zehntel der Fläche Schwedens. Die Kornfelder am Leuchtturm von Gedser zeigen, was die Dänen mit ihrer knappen Landmenge anstellen : So gut wie jeder Quadratmeter ist für die Landwirtschaft zurechtgestutzt. Man vergisst es oft, weil die Ergebnisse überwiegend angenehm anzuschauen sind. Der Korrespondent Per Nyholm, der meistens in grandiosen Städten wie Rom oder Istanbul lebt, bereist seine Heimat oft und meint : » Es ist offenkundig, dass die dänische Natur nicht grandios ist, vielleicht abgesehen von hier und da mal einer Steilküste und der Heide. Dafür hat sie Anmut. «

Das gilt noch nicht für die riesigen Ackerflächen hier am Anfang unserer Reise. Dafür entschädigt eine andere angenehme Eigenart : Falster ist flach wie eine Flunder. Die Nachbarinsel Lolland befand der Dänemarkfan Kurt Tucholsky für » flach wie ein Eierkuchen «. Wir rollen vorbei am 15 Kilometer langen, endlos breiten Ostseestrand von Marielyst. Auf der anderen Seite vom Deich breitet sich eine Großstadt voller Sommerhäuser aus. Marielyst liegt im Winter still und gähnend leer da. In der Hochsaison füllen für ein paar Wochen 50 000 Urlauber den Ort, der aber erstaunlich still bleibt. Man kann sich auf den waldigen Grundstücken gut voreinander verstecken.

Angefangen hatte alles 1872 mit einer Sturmflut, die 80 Menschen das Leben kostete und Unmengen Sand anspülte. Plötzlich waren hier fantastische Strände. Erst mietete sich das gehobene Bürgertum im Badehotel Marielyst Østersøbad ein. Wie Waben an einen Bienenstock kamen immer und immer mehr Ferienhäuser dazu. Individualisten mögen die Nase rümpfen. Durch die historische Brille betrachtet, war die Anlage einer von vielen durchschlagenden Erfolgen der dänischen Sozialdemokraten. Schon in der Zwischenkriegszeit konnten sich auch Arbeiter einen Wochenend- und Ferienplatz in solchen Sommerfrischen leisten.

Immer noch hat Marielyst diese Aura von Gleichheit für alle, auch wenn ein bisschen optische Täuschung mitspielt. Neben hübsch angestrichenen, aber simplen alten Hütten stehen teure neue Hightechkonstruktionen. Sie mischen sich mit den billigen Häusern auf denselben genormten Grundstücksgrößen, alle mit demselben unsichtbaren Schild » Hier regieren Hängematte, Grill und Rasenmäher « über der Einfahrt. Auch für die Neubauten gilt : Man protzt nicht mit dem, was man hat. Das Grundgefühl von lighed, Gleichheit, hat mich in Dänemark ganz schnell am Haken gehabt. Da zappele ich immer noch gerne, auch wenn der Eindruck sich bei genauem Hinsehen zunehmend als Illusion erweist.

Wie viele Leute wieder ihre Dannebrog-Fahnen oder -Wimpel gehisst haben ! Als Nutzer und sogar zeitweiliger Besitzer eines Sommerhauses ( bei Roskilde ) bin ich mit der dänischen Begeisterung für die eigene Flagge nie warm geworden. Nach ein paar Monaten waren wir uns in der Familie einig, dass der Dannebrog mitsamt seiner acht Meter hohen Fahnenstange für immer verschwinden sollte. Außerdem stand der Mast mitten auf dem Rasen und störte beim Fußballspielen.

Unsere Sommerhausnachbarn sahen mit erstaunten bis miss­billigenden Blicken zu, wie ich nach dem Kippen der Stange auch noch das Betonfundament auszubuddeln begann : » Was soll das denn ? « Wie kann man keinen Fahnenmast wollen und keine Fahne obendran ?

Während ich an diese Episode denken muss, liefert die Natur hinter Marielyst zu den rot-weißen Farbtupfern mit lässiger Hand das erste große Panoramabild. Wir radeln, immer am Wasser entlang, durch schmale Waldstreifen im zarten Grün der noch jungen Buchenblätter, vorbei an jetzt schmalen, einsamen Stränden. Bei Corselitze klettert man zwei Meter über Felssteine hinunter, nutzt einen davon als Rückenlehne und kann ein bisschen ausruhen vom Pedaletreten. Einen schöneren Strand kenne ich in ganz Dänemark nicht. Hans Christian Andersen hat es 1850 wohl ähnlich gesehen :

Offener Strand bei Corselitze !

Aus dem Herzen muss man gehen,

Leicht so wie Berliner Witze,

Wellen uns umspielen.

Man kann schwimmen, planschen, sitzen,

Neugeboren auferstehen !

Offener Strand bei Corselitze,

Dänische Buchen schützen ihn.

Auch wenn die Reime in der deutschen Übersetzung nicht so swingen wie im Dänischen und die Polizei ausgerechnet heute eine Schießübung am Strand abhält : » Neugeboren auferstehen « ist nicht die schlechteste Verfassung für die Weiterfahrt. Mich bringt diese Umgebung zum Singen. Auf einer Lichtung breiten sich die ersten Felder in leuchtendem Gelb aus. Rechts die Ostsee, links ein Meer aus Raps. Kurz vor Stubbekøbing ragt ein großer Gedenkstein aus Granit aus dem Gras : » Hier stand das Borrehuset. Bewohnt von Marie Grubbe 1705–1718. Grundstück freigegraben 1941. «

Die Adelstochter musste als 17-Jährige den ( unehelichen ) Königssohn und norwegischen Statthalter Ulrik Frederik Gyldenløve heiraten. » Eine unglückliche Verbindung, beide hatten andere Partner, die Ehe wurde 1670 geschieden «, umschreibt die Schautafel den Skandal, dass eine Frau jener Zeit offen mit Liebhabern verkehrte. Nach der Scheidung brennt Marie mit dem Mann ihrer Schwester durch. Zurück kommt sie allein und bettelarm. Beides regelt umgehend die Vernunftheirat mit einem Adelsmann, bis sich Marie Grubbe in den jungen und starken Kutscher Søren Sørensen Møller verliebt. Mit 48 folgen die zweite Scheidung, die dritte Ehe und ein ganz anderes Leben. Der Ehemann trinkt viel und schlägt sich gerne. 13 Jahre lang leben beide im Borrehuset von der Arbeit am Fähranleger mit Kneipe. Dann bringt Søren im Suff einen Seemann um und verschwindet in Ketten zur Zwangsarbeit nach Kopenhagen. Marie muss weiterschuften, zum ersten Mal in ihrem Leben ohne einen Mann an der Seite.

1711 kehrt der » Nationaldichter « Ludvig Holberg auf der Flucht vor der in der Hauptstadt wütenden Pest bei ihr ein und hört die Geschichte. Marie Grubbe schließt mit dem Kommentar, dass sie trotz bitterer Armut und Erniedrigungen nichts bereue : » Ich habe richtig gewählt. « Holberg schrieb : » Sie war viel froher mit Søren als mit ihrem ersten Mann, dem Vornehmsten und Galantesten im ganzen Land. « Hans Christian Andersen schilderte Marie Grubbe hundert Jahre später als stark und selbstbewusst. Sie wird nicht ganz unkompliziert gewesen sein. Einig sind sich alle, dass der Kutscher die Adelsfrau erotisch stark angezogen haben muss. Gerade wieder sind zwei neue feministische Romane über die legendäre Frau erschienen.

Hundert Meter weiter wartet der nächste aufgegebene Fähr­anleger mit Geschichte, diesmal leider ohne Gedenk­tafel. Hier versteckten sich am 2. Oktober 1943 die Kopen­hagener Familien Hannover und Marcus, alle zusammen 21 Menschen, auf einem Fischkutter. Wie fast alle dänischen Juden konnten sie sich ins neutrale und aufnahmebereite Schweden retten, als die deutschen Besatzer die Deportation angeordnet hatten – insgesamt gelang über 7000 Menschen die Flucht. Der Historiker Bo Lidegaard erzählt in » Die Ausnahme « die Geschichte dieser großartig gelungenen Rettungsaktion und dabei auch detailliert den verschlungenen Umweg der beiden Familien über Falster. Die meisten setzten nördlich von Kopenhagen über den Øresund, nachdem sie gerade noch rechtzeitig gewarnt werden konnten. Dänen halfen überall, Fischer stellten ihre Boote gegen Bezahlung bereit. Die Besatzer verfolgten die Flüchtenden nicht mit letzter Konsequenz, weil sie das recht friedfertige Verhältnis zu dem » weich « besetzten Nachbarland und willigen Lebensmittellieferanten für die Wehrmacht nicht aufs Spiel setzen wollten.

Wir lassen auch diesen Fähranleger hinter uns und fahren die Hauptstraße in Stubbekøbing ab. Gähnende Leere, wo Geschäfte und Menschen sein sollten. Auf Falster und Lolland fällt es schwerer als irgendwo sonst in Dänemark, an den Glanzbildern » alle sind gleich « und » glückliche Dänen « festzuhalten. Auf Lolland steht jedes zehnte Haus leer. Die Menschen sterben im Durchschnitt fünf Jahre eher als die Hauptstädter und haben nur halb so viel Geld im Portemonnaie wie ihre Landsleute in besser gestellten Gegenden. » Til salg «, » zum Verkauf «, steht vor sehr vielen Häusern, den besseren und den verfallenden. Man wird sie einfach nicht los. Wer einmal, zu rührend niedrigen Preisen, eine Immobilie gekauft hat, ist mit ein bisschen Pech stavnsbunden : wie ein Erbuntertäniger zum Bleiben verdammt.

Wir trudeln die paar Meter zum Hafen hinunter. Die Fähre Ida für die kurze Überfahrt Richtung Møn ist klein, die Beflaggung am Anleger und an Bord dafür riesig. Es flattert so viel in Rot-Weiß, dass man das Schiff kaum sieht. Ob heute wieder einer dieser vielen flagdage, Flaggentage, sei, mit irgendeinem royalen Geburtstag oder so, frage ich. Der junge Fährmann schüttelt beim Hochklappen des Schlagbaums den Kopf : » Das ist nur, weil wir mit Ida unterwegs sind. « Aber überall in den Gärten seien die Dannebrogs doch auch oben am Mast, wende ich ein. Eine Mitreisende hat mich mit meinem klitzekleinen Akzent als ahnungslosen Ausländer entlarvt : » So ist es Sitte bei uns, wenn der Nachbar Geburtstag hat. Einfach ein Gruß. «

Die Fähre legt an. Noch drei Kilometer auf einem Damm – links Seevögel, rechts Seevögel, in der Mitte wir mit den Insektenschwärmen –, dann ist Møn erreicht. Ein bisschen hügeliger wird es hier, aber ohne Last für uns Pedalritter. Erst bestaunen wir die Mittelalterkirche Fanefjord mit ihren 500 Jahre alten Kalkmalereien, eine von den vielen weißen dänischen Landkirchen auf einer freien Anhöhe, von denen manche kurz vor dem tausendsten Geburtstag stehen. Dann kommt das Straßenschild : » Advarsel : høns «, » Warnung : Hühner «, mit dem Piktogramm einer friedlich vor sich hinpickenden Henne. Möglicherweise ein Beispiel für den dänischen Humor, den angeblich kein Außenstehender voll erfassen kann.

In Deutschland kennt man Møn wegen Günter Grass und der Kreidefelsen. Der Dichter hatte ein kleines Fachwerkhaus an der Nordwestspitze, nicht weit von Møns munterem Hauptort Stege. Wir setzen uns für eine Kaffeepause vor der Hafenbrücke in die Sonne. Noch mal 20 Kilometer weiter, am entgegengesetzten Inselende, erhebt sich die berühmte Steilküste : Møns Klint, die 130 Meter hohe und fast sieben Kilometer lange Kreidewand, entstand vor 70 Millionen Jahren auf dem Meeresgrund. Sie zeigt Dänen die geologische Frühgeschichte ihres Landes : Schicht auf Schicht hat sich Kalk abgelagert, bis die Eiszeit die heutige Landschaft formte und der weiße Grund unter Moränen, Sand und Kies begraben war. Auf der Ostseite von Møn ist der Kalk sichtbar geblieben. Auch Schreckliches ist zu berichten über Felseinstürze. Es wird sie immer geben. Alle waren traurig, als das Wahrzeichen Sommerspiret, die allein stehende Sommerspitze, zusammenkrachte.

In Lutz Seilers Roman » Kruso « werden die Insel und ihr Naturwunder zum Synonym für Freiheit : » Das tiefe Licht der Sonne hob die Kreideklinten Møns wie ein Wunder aus dem Meer. Tatsächlich schien die Insel der Sehnsucht in den letzten Wochen gewachsen zu sein oder näher gerückt. « Von der DDR-Insel Hiddensee konnte man die weißen Felsen über 50 Kilometer Entfernung klar erkennen. Es ist nicht beim sehnsüchtigen Blick geblieben. Fischer am Møn-Hafen Klint­holm haben viele Geschichten zu erzählen über die Ankunft von Flüchtlingen in Faltbooten, auf Surfbrettern und mit Trabi-Motor am Boot. Aber sie fanden auch Ertrunkene in ihren Netzen. Die hohen Zahlen überraschen : Mindestens 164 Menschen kamen bei Fluchtversuchen aus der DDR in der Ostsee um. Kopenhagen ist mit dem dänischen Teil dieses Kapitels immer » diskret « umgegangen, um den Handel mit der DDR nicht zu gefährden.

Von Møn wechseln wir über die 750 Meter lange Dronning-Alexandrine-Brücke nach Seeland. Mitten im Krieg haben die Dänen sie 1943 eingeweiht. Anderswo wurden Brücken in dieser Zeit eher weggesprengt. Aber was hieß » mitten im Krieg « in diesem Land ? Als Hitler den Einmarsch der Wehrmacht in Dänemark und Norwegen am 9. April 1940 befahl, verbot die Regierung in Kopenhagen sofort jeden militärischen Widerstand. Sie garantierte den neuen Herren die Lieferung von Butter und allerlei mehr für deren Kriegs­wirtschaft. Dafür durfte sie nach innen halbwegs autonom weiterregieren. Das hielt zwar nicht ganz bis zur Befreiung im Mai 1945, aber sehr wenig wurde in Dänemark zerstört. In meinen ersten dänischen Jahren war eine frappierende neue Erfahrung, dass bei Familiengeschichten die Jahre 1940 bis 1945 in aller Regel keine besondere Rolle spielten. Das Alltagsleben ging für die allermeisten einfach weiter. Mit Ausnahmen, versteht sich, wie für die Juden, die 1943 fliehen mussten, und für Widerstandskämpfer, die ihr Leben riskierten und sich aktiv gegen die samarbejdspolitik, die Zusammenarbeitspolitik, ihrer Regierung mit den Nazis stellten.

Auf Seeland angekommen, sind es nur noch 20 Kilometer bis zum Tagesziel. Jetzt plötzlich, wieder zwischen Raps­feldern, idyllischen Fachwerkhäusern mit Strohdach und Ententeich, Gutshöfen im Renaissancestil, Buchen- oder Pappelalleen, weiß gekalkten Kirchen : eine Steigung, bei der man über das Absitzen nachdenkt. Natürlich bleiben wir im Sattel, das wäre zu peinlich. Zumal eine Frau quer zu uns den Horizont von links nach rechts atemberaubend schnell abradelt. Sie muss wohl eines von diesen Rädern mit Akkuantrieb haben. Oder ist sie einfach eine von den vielen starken Däninnen ?

Vor dem Etappenziel streifen wir noch kurz das ver­schlafene Præstø am gleichnamigen Fjord. Der Hafen ist ausschließlich mit Segel- und Motorbooten besetzt. Auf denen machen sich die Wikingergene nur noch begrenzt bemerkbar. Die lystbådehavne, wörtlich übersetzt » Lustboothäfen «, strahlen träge Lässigkeit aus. Vor allem, wenn die Segler nach dem Anlegen bei Sonne und einem Drink an Bord herumsitzen und das Gefühl für Zeit woanders deponiert zu haben scheinen.

Sonst ist das Städtchen pures 19. Jahrhundert. Oder noch früher. Kein Krieg hat in den letzten 400 Jahren Zerstörung gebracht, dafür die Pest, immer mal Brände und zuletzt am Stadtrand erstaunlich viele hässliche Super- sowie Baumärkte. Kehrt man Præstøs Aldi den Rücken zu, weist eine Weidenallee mit schmalem Trampelpfad in der Mitte den Weg zum Herrensitz Nysø. Die simple Drehung reicht, um sich 150 Jahre zurückversetzt zu fühlen. Jetzt fehlt nur noch der Märchendichter Andersen, der auf dem Weg zum Wochenmarkt den Zylinder hebt und artig » god dag « wünscht. Er verachtete die Provinzler in Præstø von Herzen, ließ sich aber gern den Sommer über von der Familie Stampe auf deren Gut beköstigen.

Nicht nur platonisch verliebte sich Andersen in den jungen Henrik Stampe. » Nie habe ich mein ganzes ungeteiltes Herz jemandem so offenbart wie Dir «, schreibt ihm der Angebetete. Andersen notiert im Tagebuch : » Henrik zärtlich zu mir. – Henrik Eifersucht leidend. – Er ist nicht wie früher. Ist die Liebe vorbei ? « Der Dichter führte auch penibel und voller Gewissensbisse Buch über seinen Drang zu Autoerotik in der aufregenden Zeit, wie der Namensvetter Jens Andersen in seiner schönen Biografie über den berühmtesten aller dänischen Künstler erzählt.

Der Bildhauer Bertel Thorvaldsen, im 19. Jahrhundert allseits verehrter dänischer Nationalkünstler, lebte und arbeitete die letzten sechs Jahre seines Lebens gar als Dauergast auf dem Herrensitz, weil ihm der Stadtlärm und auch das Getue in Kopenhagen auf die Nerven gingen. Von Nysø sind es nur noch drei Kilometer bis zum Nachtquartier in Broskov. Wir hatten Glück mit dem Wetter, dem Wind, keinen platten Reifen und genug Postkartenidyllen im Sonnenlicht für ein ganzes Album.

Der zweite Tag wartet mit weniger Kilometern bis Kopenhagen, aber mit genauso schönem Wetter auf. Spüren Sie den gestrigen Tag in den Beinen ? Ich schon. Wir fahren weiter Richtung Norden, quer über die Insel. Dass Seeland immer auch die machtvollste dänische Insel gewesen ist, zeigen unterwegs die Herrenhäuser. Sie strahlen majestätischer als anderswo. Turebyholm zum Beispiel, seit 1747 im Besitz der Familie Moltke, ist ein breit gestreckter Rokokobau, auf den wir durch eine Pappelallee zufahren. Erster Hausherr war Oberhofmarschall Adam Gottlob von Moltke, zugewandert aus Mecklenburg und am Kopenhagener Hof zeitweilig der mächtigste Mann. Der heutige Eigner Christian Georg Peter Moltke betreibt als Erbe in der achten Generation weiter Landwirtschaft. Andere Besitzer der 726 herregårde im ganzen Land müssen sich einiges einfallen lassen für die Heizkosten und all den anderen teuren Unterhalt. Man richtet Feste aus, arrangiert Gartenschauen, Oldtimertreffen und lädt zu sommerlichen Matinees am herregårds-Teich.

Wir erreichen an der Køge-Bucht wieder die Ostsee und lassen den ersten donnernden Lkw dieser Tour passieren. Die Hauptstadt meldet sich am Horizont und damit auch ein ganz anderer Teil der dänischen Geschichte. Kopenhagens südwestliche Vororte sind sozialdemokratisches Land. Planlos und ungewohnt wild scheint die Metropole hier längs der Küste gewachsen zu sein, eine Mischung aus Sommerhäusern und » Ganzjahreshäusern « ( helårshuse ) für die aufstrebende Arbeiter­schaft zwischen Strand und Hauptstraße. Das Sammel­surium aus Solarien, Vorgärten mit Steingutlöwen, Würstchenbuden, Gebrauchtwagenhändlern und Werkstattschuppen ver­breitet einen für Dänemark untypischen Dritte-Welt-Charme. Der ist aber » ethnisch dänisch «. Die Zuwanderer leben weiter stadteinwärts, in Brøndby und Ishøj in den Wohnblöcken, die Einheimische für ihre Eigenheime verlassen haben.

Vor einer Ampel fragt ein reiferer, kerngesund und drahtig aussehender Herr in Profi-Outfit von seinem Rennrad : » English or German ? « Wir können ihm auf Deutsch den schnellsten und gern auch den schönsten Weg ins Zentrum erklären. Der Schweizer macht 1700 Kilometer ab Bodensee bis zum schwedischen Göteborg in acht Tagen. Zurück geht es mit dem Flieger. Sein Navi ist ihm in Mecklenburg verreckt. » Kein Problem, da red ich eben die Leute an. Seid ihr auch auf Velotour ? «, fragt er, hat aber keine Geduld für unser Nachdenken über diesen für ein Nordlicht fremden Begriff. Beim Ja ist er schon wieder im zwölften Gang und weit weg.

Bei unserer letzten Rast halten wir am Kunstmuseum Arken, » Die Arche «, in der Vorstadt Ishøj. Es läuft eine Ausstellung der Feministin Niki de Saint Phalle. Ein sozialdemokratischer Bürgermeister hat den großen weißen Bau im Schatten von Hochhausburgen aus den Sechzigerjahren an das Wasser setzen lassen. Sonst bietet so etwas nur der bürgerliche Kopenhagener Norden, in diesem Fall war das Arbeiterviertel im Westen an der Reihe. Inzwischen ist es ein Zuwandererviertel.

Die Kulturpioniere fielen bei der Suche nach Leitungspersonal für das Museum auf eine offenbar einnehmende Hochstaplerin namens Anna Castberg herein. Ihr Doktortitel war genauso frei erfunden wie alle angeblich früheren Jobs in der Welt der Kunst. Nach acht Monaten hatte die Direktorin die Museumsfinanzen ruiniert. » Wir sollten jemand Außergewöhnliches finden. Den Auftrag haben wir erfüllt «, verteidigte sich der Chef des Auswahlkomitees feinsinnig. Längst geht es Arken wieder gut, der Fehlstart ist Schnee von gestern.

Einen bleibenden Platz im kollektiven Gedächtnis haben sich Lokalpolitiker aus dem Kopenhagener Westen mit ihrer frühen Warnung vor den negativen Folgen von Zuwanderung gesichert. Ihre Stadtteile füllten sich als Erste im Land vor drei Jahrzehnten mit anderen Nationalitäten. Fast alle in Dänemark sind sich einig : Hätte man auf sie gehört, wären die Integrationsdefizite kleiner und die Populisten nie so stark geworden. Ich habe meine Zweifel, ob das stimmt …

Genug Geschichte für heute, die Hauptstadtsilhouette mit den überraschend wenigen Hochhäusern rückt näher. Die letzten Kilometer geht es wieder direkt am Wasser entlang. Fast fühlt man sich wie auf dem Wasser. Wir sind in Kopenhagen, Stadtteil Amager. Bis hierher waren es übrigens 240 Kilo­meter ab Gedser. » Tak for turen «, » danke für die Tour «, sage ich, und Sie könnten antworten : » Selv tak «, » Danke gleichfalls «.

 

Kopenhagen – wo sich nichts und doch alles ändert

Zeitreise in der City

Kopenhagen, im Wortsinn » Kaufmannshafen «, hat sich zum Besseren gewandelt, ganz eindeutig. Nehmen Sie den Stadtteil Amager, wo wir angekommen sind. Lorteøen, » die Scheiß­insel «, ist als Spitzname unverrückbar fest verankert, weil hier früher die Latrineneimer aus der Altstadt geputzt sowie andere stinkende Abfälle auf Fähren herübergeschafft und abgeladen wurden. Man war lausig arm, wurde als Peripherie verachtet, und das ist noch gar nicht lange her.

Inzwischen ist so viel Wasser zwischen Amager und Kopenhagen in Land verwandelt worden, dass die Fähren überflüssig sind. Die ama’rkaner haben sich von isolierten Insulanern zu ganz normalen Hauptstädtern gemausert. Sie werden langsam, aber sicher durchgentrifiziert und können, wenn sie möchten, sogar durch einen luxuriösen Hinterausgang verschwinden : Von Amager aus verbindet die 15 Kilometer lange Øresund-Brücke Dänemarks Hauptstadt mit dem schwedischen Malmö. Das Bauwerk ist sehr praktisch und bildschön.

Wenn Sie gleich nebenan auf dem Flughafen Kastrup landen, setzen Sie Ihren Fuß in Dänemark zuallererst auf Amager-Boden. Von da ist es nur ein Katzensprung zum schönsten von Menschenhand angelegten Stadtstrand der Welt. Behaupte ich mal.

Die Stadt ließ das kilometerlange, groß­zügig breite, dank Lagune kinderfreundliche, durch viele Dünen liege- und mit Betonwegen radler- sowie skaterfreundliche Naherholungsgebiet aus dem Meer stampfen. Viel haben die Kopenhagener dem Wasser abgeluchst, das geht nun schon seit dem Mittel­alter so. Hier entsprach der Landgewinn vor gut einem Jahrzehnt 84 Fußballfeldern.

Der Amager Strandpark ist natürlich ohne Eintritt oder Zäune offen für jeden, im Sommer immer voller Leben, aber nie überfüllt. Kurzum folkelig, was beliebt sowie volkstümlich zugleich bedeutet und unter Dänen uneingeschränkt positiv gemeint ist. Das gilt bei der Bewertung eines Politikers, Mann oder Frau, genauso wie bei der eines Strandparks. Zu diesem gelangt man vom Zentrum aus nach fünf Kilometern, 15 Fahrradminuten oder fünf Metrostationen. Auch das nur en smut, ein Katzensprung.

Am südlichen Ende des Parks lockt die aus Holz elegant ins Wasser gebaute Seebadeanstalt Kastrup so unwiderstehlich, dass selbst ich Frostbeule und Landratte schon im Frühjahr bei elf Grad Wassertemperatur hineinspringe. Meiner besseren dänischen Hälfte reicht das noch lange nicht. Sie ist an der selten richtig warmen Ostsee geboren und verlangt, dass wir endlich die Mitgliedschaft in » Vikingeforeningen Det Kolde Gys «, der » Wikingervereinigung kalter Schauer «, beantragen. Nach der Aufnahme könnten wir am nördlichen Ende des Strandparks auch bei elf Grad minus nach Herzenslust im Salzwasser baden. Gottlob hält sich das Gerücht von langen Warte­listen für Neuaufnahmen.

Die 4000 Mitglieder zahlen einen happigen Beitrag für das kalte Vergnügen. In drei Bassins der » Badeanstalt Helgoland «, aus Holz an den Rand des Øresund gebaut, können sie sich tummeln. Benannt ist die Anlage nach der früher mal dänischen Nordseeinsel aus Sandstein. 1913 ging es los für die organisierten vinterbadere, die Winterbader. Junge Kopenhagener zelebrieren das von Oktober bis April genau wie früher ihre Urgroßeltern, nur dass sie heute viel mehr sind. Das Wasser kann nicht kalt genug sein, der Sund nicht oft genug zufrieren und der Verein nie genug gesellige Wochenendvergnügungen auf die Beine stellen. Winterbaden in Karnevals­verkleidung, Eislöcher um die Wette hacken, natürlich ein julefrokost, die Weihnachtsfeier, das festliche Neujahrsspringen ins eiskalte Wasser und sicher auch Festbaden zur Saisoneröffnung und zum Abschluss.

Helgoland ist in einem Jahrhundert dreimal komplett neu gebaut und dabei auch verlegt worden, zuletzt an den Rand des neuen Strandparks. » Det Kolde Gys « bietet eine durchgestylte Großsauna mit Edelholz und freiem Blick auf den Øresund. Winterbaden ist auch als Ausdruck von Wellnesskultur und, mit Verlaub, Fitnesswahn angesagt. Die Vereinskultur und das soziale Drumherum haben sich aber genauso wenig geändert wie die Barackenbauweise von Helgoland mit immer demselben hell leuchtenden türkisen Anstrich seit 1929.

Das könnte eines der Geheimnisse hinter der wetterfesten, über Jahrhunderte stabilen Zuneigung der Kopenhagener zu ihrer Stadt sein : Dass hier das Alte weder sozial noch baulich je so richtig kaputtgegangen ist und sich im Neuen lebendig wiederfindet.

Rollt man auf dem Weg von Amager ins Zentrum die Knippelsbro herunter, eine der beiden großen Zentrumsbrücken über den Hafen, fühlt es sich an wie der Beginn einer Zeitreise, so etwa wie in » Zurück in die Zukunft «, wenn sich Michael J. Fox in seinen Delorean setzt, das berühmte Wunderauto. Jetzt geht es aber in umgekehrter Richtung » nach vorn in die Vergangenheit «, und zwar, Kopenhagen gemäß, auf dem Rad : linker Hand die Alte Börse, seit 1620 unverändert im verschnörkelten niederländischen Renaissancestil, rechter Hand Holmens Kirke, 1562 im selben Stil als Ankerschmiede gebaut, kurz danach zum Gotteshaus für die Marine umgewidmet und schon lange eine Art Stammkirche der Königsfamilie. Vor einem halben Jahrhundert heirateten hier die junge Kronprinzessin Margrethe und ihr französischer Comté Henri, der sich damit in den dänischen Prinzen Henrik verwandelte.

Gegenüber reckt sich Christiansborg Slot Richtung Himmel. Dieser nach allerlei Bränden mittlerweile vierte Schlossbau ist ein ziemlicher Brocken und gerade mal hundert Jahre alt. Die Royals zogen 1794 abgebrannt nach Schloss Amalien­borg um und sind bis heute in den viel kleineren, aber dafür feuerfesteren Gemächern geblieben. Das neue Christiansborg brannte nach 90 Jahren schon wieder komplett nieder und musste noch mal gebaut werden.

Als heutiger Parlamentssitz hat das Schloss dieselbe Aura für die Dänen wie das Westminster für die Briten oder, mit viel Auf und Ab, der Reichstag in Berlin für die Deutschen. Dieser Bau steht etwas steif und klobig da, birgt aber hinter grauem Granit unter dem braunen Kupfer­dach ein munteres Innenleben. So zeigte es aller Welt die Fernsehserie » Borgen «, eine verbreitete Abkürzung für Christians­borg, über die fiktive Ministerpräsidentin Birgitte Nyborg. Im letzten Bild der letzten Staffel schaut sie wehmütig aus dem Autofenster zum Schlossturm hoch und haucht dem Liebsten zu : » Das ist ja mein zweites Zuhause. «

Leben in dieses Parlament bringen auch die Bürger mit ihren Protesten auf dem Schlossplatz gegen, wie sie meinen, Empörendes im Königreich. Einhundertfünfzigtausend versammelten sich hier bei Streiks im öffentlichen Dienst, das ist aber schon lange her. Fünfzigtausend protestierten gegen die Beteiligung ihres Landes am Irakkrieg, das war Anfang der Nullerne. So nennen Dänen das Jahrzehnt von 2000 bis 2010, als die rechte Mehrheit dänische Kriegseinsätze als besonders treuer Verbündeter von US-Präsident George W. Bush durchsetzte. Die Abgeordneten des Folketing, Dänemarks Parlament, hörten aus ihrem Saal in Christiansborg zuletzt 10 000 Schüler und Studenten auf dem Schlossplatz gegen das Kaputt­sparen ihrer Ausbildungsgänge aufbegehren. Das waren überraschend viele. Sonst demonstrieren die jungen Leute in ihrem reichen Land mit vergleichsweise groß­zügigem BAföG und gut bezahlten Nebenjobs selten. Häufigster Anlass für Proteste vor Schloss Christiansborg oder auf dem Rathausplatz ist in den letzten Jahren die harte dänische Ausländerpolitik gewesen. Die Teilnehmerzahlen sind stetig ge­sunken.

Jetzt fahren wir ins Herz der Altstadt, die middelalderby, » Mittel­alterstadt «, in die nach Mitternacht noch 1850 niemand mehr hineinkam. Heraus auch nicht. Das ist nun vorbei, aber am Straßenbild hat sich seit den Zeiten des Berühmtesten aller Kopenhagener atemberaubend wenig geändert. Schöne Proben aufs Exempel liefert das Buch » Hans Christian Andersens Kopenhagen «. Der Autor Ulrich Sonnenberg führt auf einem Spaziergang zu den vielen Häusern, in denen sich der Dichter zwischen 1819 und 1875 zunächst als armer Student durchgefuttert und dann bis ins hohe Alter zur Untermiete logiert hat. Auch eigene Märchen hat er hier angesiedelt. Sonnenberg erzählt, wie Andersen im Restaurant des Hotel Royal mit der Adresse Ved Stranden 18 gleich zwei Angebeteten seine Liebe gestand. Weder die Jugendliebe Riborg Voigt noch später die Opernsängerin Jenny Lind erhörten ihn. Das berühmte Fischrestaurant » Den gyldne Fortyn «, » Das goldene Glück «, in diesem Palais hat 2012 Pleite gemacht. Es konnte nicht mithalten mit den vielen jungen Starköchen aus der neuen Nordic Cuisine.

Zwei Gassen weiter am Nytorv, dem » Neumarkt «, ist das finstere Gerichtsgefängnis von 1805 immer noch das finstere Gerichtsgefängnis. Im Märchen » Das Feuerzeug « lässt Andersen einen Soldaten hier auf seine Hinrichtung warten. Heute warten die Gefangenen hinter denselben alten Gittern höchstens ein paar Stunden auf ihre Verhandlung im Gericht nebenan oder danach auf den Rücktransport. Wenn ich einen der traurigen Busse mit den schmalen Sehschlitzen für die Gefangenen geparkt sehe, geht mir » Das Feuerzeug « durch den Kopf. Die Geschichte endet gut für den Soldaten. Er wird von drei Hunden mit sehr großen Augen gerettet und bekommt die Prinzessin mitsamt dem Königreich.

Neben Sonnenbergs kleinem Buch auf Deutsch steht bei mir im Regal ein reich bebilderter dänischer Wälzer des Wahlberliners Peter Tudvad über » Kierkegaards København «. Studiert man die zeitgenössischen Lithografien mit dem Nytorv, wo der berühmte Philosoph und Theologe fast sein ganzes kurzes Leben lang wohnte, kommt unweigerlich der Gedanke : Es hat sich ja gar nichts verändert. Das stimmt fast, aber nicht ganz. Kierkegaards Geburtshaus Nytorv 2 musste 1908 einem langweiligen Bankneubau weichen. Gut, dass die Hinrichtungsstätte auf dem Platz mit permanent installiertem Schafott und Schandpfahl schon viel früher verschwunden war. Aber sonst scheint die Zeit hier seit anderthalb Jahrhunderten stillzustehen.

Søren Kierkegaard, der Urvater aller Existenzialisten, kam acht Jahre später zur Welt als Andersen und starb 20 Jahre früher. Beide waren einander in herzlicher gegenseitiger Abneigung verbunden und gingen sich als fleißige Spaziergänger möglichst aus dem Weg. Übereinstimmend beklagten der Dichter und der Philosoph in ihren Tagebüchern den Kloakengestank in ihrer kleinen » Mittelalterstadt «. Kierkegaard würde diese Zeilen vermutlich genauso gnadenlos verreißen, wie er Andersens Roman » Nur ein Spielmann « im Jahr 1837 über 80 Seiten niedermachte : » Derselbe freudlose Kampf, den Andersen im Leben ausficht, wiederholt sich nun in seiner Poesie. « Ein eindrucksvoller Fingerzeig, dass mit der an der Oberfläche allgegenwärtigen dänischen Freundlichkeit nur begrenzt zu rechnen ist. Man geht hier auch gern mal kräftig zur Sache.

Kopenhagen betrachtete Kierkegaard als » prostituierte Residenz der Spießbürgerlichkeit « ( spidsborgerlighed ). Andersen notierte als besonders störend, dass zu seiner Zeit 130 000 Menschen in der Altstadt » übereinandergepfercht « leben mussten, fünfmal so viele wie heute. Trotzdem blieb dem Märchen­dichter seine Wahlheimat über 50 Jahre lang » die teuerste Stelle der Welt «. Dem Urteil schließe ich mich in mehreren möglichen Auslegungen ohne Zögern an.

Dass der Stadtwall Mitte des 19. Jahrhunderts geschleift wurde, hat København von einer Zwangsjacke befreit und komplett umgekrempelt. In Windeseile wuchsen die neuen Stadtteile Vesterbro, Nørrebro, Østerbro und Amagerbro – bro steht dabei jeweils für » Brücke «. Diese Stadtteile machten aus einem mickrigen Nest die mittlere Großstadt, die Kopenhagen bis heute mit einer halben Million Menschen geblieben ist. Alles noch in Maßen also. Erst wenn man das weite Umland einbezieht, ist das hier eine Millionenstadt, die in dieser Form im Dänischen offiziell Storkøbenhavn, Großkopenhagen, heißt. Eigentlich eher eine Region als eine Stadt.

Das neue Kopenhagen

Der Hafen ist tot, es lebe der Hafen. Dass Frachter oder Fähren an Kopenhagens Kais nicht mehr anlegen und sogar die Königliche Marine verschwunden ist, hat eine weitere Revolution im Stadtbild in Gang gebracht. Nur noch die Kleine Meerjungfrau, minimale 1,25 Meter hoch, sitzt auf ihrem Stammplatz am Langeliniekai. Es gab ein paar unfreiwillige Unterbrechungen durch sägende Trophäenjäger und vor ein paar Jahren ein trübes Leihgeschäft mit Schanghai zum Anlocken chinesischer Touristen. Die Meerjungfrau musste für eine Weile verreisen. Aber sonst hält sie die Stellung wie seit über hundert Jahren.

Um die Bronzenixe herum schießt beiderseits des Hafens ein neues Kopenhagen aus dem Boden. Seit zwei Jahrzehnten jagt ein Architekturwettbewerb den nächsten. Fast immer gewinnen erlesene Namen. Die Touristenguides führen zu Leckerbissen wie der futuristischen » 8-Haus «-Wohnanlage von Bjarke Ingels. Der Stararchitekt hat Kopenhagens Skyline zuletzt um eine silbern in den Himmel ragende Müllverbrennungsanlage bereichert. Das abschüssige Dach kann ganzjährig als Skipiste genutzt werden. Seltsame Idee für eine komplett flache Stadt, sagen die einen skeptisch. Wieder ein leuchtendes Beispiel für den frischen Mut beim Bau des neuen Kopenhagen, meinen andere. Es gibt ein paar äußerst kostspielige Probleme mit dem Konzept der Müllverbrennung als Energiequelle. Entscheiden wird über den Erfolg nicht zuletzt, ob die Kopenhagener die Ski-Abfahrt über den eigenen Müll als folkelig annehmen, als volkstümliches Vergnügen.

Beiderseits des alten Hafens wachsen neue Stadtteile mit Venedig nachempfundenen Kanälen und zu Wohntürmen umfunktionierten Kornsilos. Zwischendrin schick designte Badeanstalten, gratis zu benutzen, im wieder sauberen Hafenwasser. Man muss es mal probiert haben : Der Sprung in ein Hafenbecken fühlt sich, mit oder ohne Aufsicht von Bademeistern, immer noch erfrischend subversiv an.

Für die vielen Fahrrad- und Fußgängerbrücken kreuz und quer und seitlich über den Hafen ist der Zusatz » revolutionär « unbedingt als Ehrentitel zu verstehen. Sie binden die vom Wasser geteilte Stadt neu zusammen. Eine davon trägt wegen der geschlängelten Form den Namen Cykelslangen – » Die Fahrradschlange «. Sie ist so schön, dass die Fahrt auf dem orange leuchtenden Belag ein freudiges Schwindelgefühl erzeugen kann.

» Wir haben das menschliche Maß im Auge behalten «, sagt der Kopenhagener Stadtplaner Jan Gehl in Interviews über die Erneuerung des alten Kopenhagen. Er hat das » menschliche Maß « mit PowerPoint in Singapur, New York und Berlin an die Wand geworfen und auf die Deckel seiner recht komplizierten Bücher drucken lassen. Daniel Libeskind, der Architekt des Jüdischen Museums in Berlin, hat sie begeistert gelesen. Als Belohnung mit nach Hause bringen konnte Gehl den von anderen kreierten Begriff » Copenhagenization « für menschenfreundliche Stadtplanung.

Der dänische Architekturprofessor hat sein Credo in unerschütterlich ruhiger, milder und freundlicher Tonlage ver­breitet. Man braucht schon fast keine handfesten Beweise in Gestalt von Fahrradautobahnen und dergleichen mehr. Wer seine menschenfreundliche Botschaft auch noch ungekünstelt mit dem geselligen » wir « statt des asozialeren » ich « ausdrückt, hat schon so gut wie gewonnen.

So kann Kopenhagens Oberbürgermeister immer mal wieder irgendwo im Ausland einen Preis für seine » lebenswerteste Stadt der Welt « abholen. Die intakte historische Struktur, intelligente Verkehrsplanung, überschaubaren Dimensionen und hohe architektonische Qualität bei Neubauten, viele Freizeitangebote ohne Blick auf den Geldbeutel, immer mehr anspruchsvolle Gastronomie, keine erdrückenden Hochhäuser im Zentrum und alles so freundlich dargeboten – das belohnen Jurys gerne.

Wer dauernd Schönheitswettbewerbe gewinnt, glaubt vielleicht irgendwann, dass zur schönen Fassade automatisch ein guter Kern gehören muss. Also, schönes Kopenhagen, was sagst du dazu, dass einige deiner treuesten Fans von drinnen wie auch draußen klagen, du seist » ganz schön hart geworden «, zunehmend auf das große Geld aus und abweisender als früher gegenüber allen, die nicht genug davon haben ? Sie kommen mit allerlei Beispielen von Krankenschwestern, Lehrern, Arbeitern und jungen Leuten in der Ausbildung – für die soll das Wohnen auf deiner Sonnenseite unerschwinglich geworden sein. Es missfällt ihnen, dass Fantasiepreise für Wohn­eigentum und immer weniger Mietangebote aus dir ein Paradies machen für die Reichen und eine No-go-Area für weniger Betuchte, zum Beispiel junge Leute ohne vermögende Eltern, und für Zuwanderer sowieso. Auch würdest du inzwischen schon mal achtlos wegsehen, wenn im kältesten Winter ein Gestrandeter irgendwo in der schönen Altstadt schlafend am Erfrieren ist. Früher undenkbar, sagt man. Als die boomende Metropole würdest du dir das Leben auf Kosten der abgehängten und verachteten Provinz in Dänemark doch all­zu behaglich einrichten. Hinter deinem freundlichen Lächeln aus dem makellosen Antlitz stecke im Alltag immer mehr Kälte, Verschlossenheit und Selbstgenügsamkeit. Ist da was dran, du Schöne ? Und hat nicht auch Jan Gehl zuletzt beklagt, dass von den ganz neuen Stadtteilen eigentlich keiner » geglückt « sei ?

Herr oder Frau København – ich bin mir da nicht sicher – antwortet darauf mit einer Einladung zum Kaffee : Treffpunkt neues Schauspielhaus am alten Hafen. » Hier siehst du auf einen Blick das meiste von mir «, sagt die Stadt, die schöne alte und die schöne neue, und auch beide Schattenseiten.

Die Standortwahl mit der Panoramaaussicht bringt den ersten Pluspunkt. Das kubistische Schauspielhaus, 2008 eröffnet, ist halb ins Wasser und halb in die Tiefe gebaut, also niedrig. Von innen hell, licht und offen, von außen dunkel und dezent. Wo vor der Glasfassade eine großzügig breite, zeitlos solide und elegante Eichenholzpromenade auf Pfählen aus dem Wasser ragt, haben früher Kapitäne die Kommandos zum Anlegen gegeben. Das skandinavisch schicke, aber gar nicht mal skandinavisch teure Schauspielhaus bleibt auch drinnen in den » menschlichen Maßen «. Es lädt jeden ein, protzt nicht, dominiert nichts und niemanden, auch nicht die Hafenmeile Nyhavn mit Kopenhagens schönster Häuserzeile gleich um die Ecke. Da sieht alles genauso aus wie vor zwei oder drei Jahrhunderten.

Eine Minute Fußweg trennt den Neubau von dem schmalen Haus Nyhavn Nr. 67, gebaut 1737, in dem Hans Christian Andersen drei Kammern bewohnte. Wegen Eigenbedarfs setzte ihn die Vermieterin nach 17 Jahren mit vier Wochen Kündigungsfrist an die Luft. Für Mieter oder gar Untermieter ist Kopenhagen wohl nie ein gutes Pflaster gewesen.

Der Blick quer über den Hafen fällt auf einen lang gestreckten alten Speicher, ein pakhus. 250 Jahre diente es als Lagerplatz für Trockenfisch, gesalzene Heringe, Tran von Walen, Robbenpelze und anderes aus Dänemarks einstigen nordatlantischen Besitzungen. Island ist seit 1944 selbstständig, Grönland und die Færøer ( » Schafsinseln « ) sind mit Dänemark teil­autonom weiter in einer » Reichsgemeinschaft « verbunden. Das pakhus füllen jetzt Diplomaten von diesen drei Inseln im ganz hohen Norden mit ihren Schreibtischen zwischen dem sorgsam restaurierten Eichengebälk.

Als Untermieter im Erdgeschoss eröffnete der Koch René Redzepi sein » Noma «. Seit 2011 hat er viermal den WM-Titel als » bestes Restaurant der Welt « geholt. Ich bekenne, dass mir die Kriterien dafür wenig sagen und ein Test zum Mindestpreis von 3300 Kronen ( 450 Euro ) pro Gedeck nach vier Monaten Wartezeit für eine Reservierung zu teuer wäre. Auch hat sich in mein Gedächtnis eine TV-Dokumentation mit Redzepi als » Weltmeister « bei der hemmungslosen Demütigung namenloser Küchenhelfer eingegraben. Das ist sicher eine ungerecht einseitige und auch wenig fachgerechte Sicht auf diesen Pionier der » Neuen Nordischen Küche « – zugegeben, ohne Redzepi wäre Kopenhagen sicher nicht zum Mekka für raffinierte moderne Kochkunst mit 18 Michelin-Sternen geworden.

Für 2017 hat das » Noma « eine spannende neue Adresse ganz in der Nähe, aber in einem völlig anderen Ambiente angekündigt. Redzepi verkündete, dass er an den Rand von » Fristaden Christiania «, den » Freistaat Christiania «, umzieht, jetzt mit eigenem kleinen Ökobauernhof am Restaurant und 100 Meter » fließenden Beeten « auf dem Dach.

Christiania müsste, korrekt übersetzt, im Deutschen eigentlich die » Freistadt « oder » Freistätte « heißen. Bald 50 Jahre sind vergangen, seit das verlassene Kasernengelände 1971 in der Hippie-Ära besetzt worden ist. Immer noch leben fast 1000 Christianitter, die meisten selbst in die Jahre gekommen, auf 34 Hektar mitten im Kopenhagener Zentrum autofrei nach eigenen Regeln. Sie haben sich mit dem Staat und der Stadt auf einen Status quo zwischen Autonomie und Normalität geeinigt, aber des Geldes wegen auch Rockern die Herrschaft über den rohen Haschischhandel auf der » Pusher Street « überlassen. Als ein Dealer 2016 in Mordabsicht auf zwei Polizisten schoss und später bei seiner Festnahme starb, machten die Bewohner erst mal Schluss damit. Christiania ist als bizarre Mischung aus charmant verfallener Landidylle mit vielen Drop-outs, netten Alternativgenossenschaften, aber auch dem offenen Drogenhandel eine der populärsten Touristenattraktionen der Hauptstadt geworden. Nur zur Kleinen Meerjungfrau und ins Tivoli pilgern mehr.

Der Kopenhagenbesucher Kurt Tucholsky fragte die Ein­heimischen 1932 : » Was habt ihr nur gemacht, dass es euch so gut geht ? « Er gab sich selbst und dem Leser etliche begeisterte plus eine lapidare Antwort : » In Dänemark hält sich das alte Gleichgewicht so einigermaßen. « Aber nicht immer. Ein Stück links vom pakhus, der Kapitän auf der Kommandobrücke würde » eleven o’clock « sagen, bleibt der Blick an einem einsam vor sich hinfröstelnden Riesenbau mit einer Vorderfront wie von einem alten US-Straßenkreuzer hängen. » Havnegrill «, » Hafengrill «, nennen ihn einige Kopenhagener, andere sagen » Brotröster « zu dem, was ihnen ein Mitbürger hier als neues Opernhaus beschert hat. Doppelt so groß wie das Schauspielhaus, überragt der Bau auch um Längen das gegenüberliegende Königsschloss Amalienborg auf der anderen Hafenseite. Monarchisten und auch manche Republikaner finden, dass sich das nicht gehört.

Schiffsreeder Mærsk Mc-Kinney Møller, 2012 kurz vor seinem 100. Geburtstag gestorben, wollte es so. Der mächtigste, reichste und konservativste Kapitalist Dänemarks im 20. Jahrhundert bekam es so. Wider jede Vernunft wurde der Bau auf eine kleine Insel gesetzt, nur schwer zu erreichen für das Publikum. Paddeln Sie mal im Opernoutfit quer über den Hafen, oder trippeln Sie in Stöckelschuhen auf die gelben Boote des havnebus. Mc-Kinney Møller scherten solche Kleinigkeiten nicht. Das selbst gesetzte Denkmal musste um jeden Preis in einer » Sichtachse « mit Königin Margrethes Amalienborg platziert werden. Sonst hätte es die 400 Millionen Euro für die Oper nicht gegeben. Die Hälfte davon holte sich der Spender als Steuerabzug zurück.

Für seine » Schenkung « befahl der Herr über die größte Containerflotte der Welt dem Architekten Henning Larsen ganz einfach den Kühlergrill an der Vorderfront. Larsen verabscheute ihn und hat seinen Gehorsam bitter bereut. Innen ist alles vom Feinsten, reichlich groß und viel zu teuer im Unterhalt.

Hier sind das Gleichgewicht und das » menschliche Maß « auf der Strecke geblieben. » Nå ja «, » nun ja «, wird Kopenhagen jetzt beschwichtigend entgegnen. Natürlich sei das mit der Oper nicht so gut gelaufen und der Wohnungsmarkt aus dem Lot geraten. Aber sonst ? Funktioniert nicht alles fast perfekt, auch das schnelle Schneeräumen auf den Radwegen ? Sie haben im Winter dieselbe Priorität wie die wichtigen Autostraßen. Wie soll man sonst zur Arbeit radeln ? Ist die Stadt nicht aufgeblüht in den letzten zwei Jahrzehnten, und will Kopenhagen nicht schon 2025 die erste Metropole der Welt mit klimaneutraler Energieversorgung sein ?

Man hört generell wenig Negatives von Kopenhagenern über ihre Stadt. Eigentlich nie. Den Eindruck nahm schon 1865 Theodor Fontane mit zurück nach Berlin und Brandenburg : » Kopenhagen ist so recht eine Stadt zum Lieben, von der ich es wohl begreife, dass das Herz seiner Bewohner innig daran hängt. « Ihm missfiel die Übertreibung : » Freilich auch nur in einer bis zum Übermaß und bis zur Verkennung des realen Wertes gesteigerten Begeisterung. «

Das stimmt immer noch. Aber nach meinem Eindruck schafft die maßlose Begeisterung sogar noch zusätzliche Lebensqualität, wenn fast alle denken : Wir leben gerne hier und tragen mit unserem positiven Grundgefühl dazu bei, dass es anderen genauso geht. Wohlfühlen kann ansteckend sein, ich habe es selbst erlebt.

Zu den am meisten gepriesenen Vorzügen der Stadt gehört die tägliche Freiheit, mit umweltfreundlichen Fortbewegungsmitteln zügig und ohne Gedränge unterwegs zu sein. Das gilt sogar für die Königlichen in Kopenhagen. König Christian X. führte es zwischen 1940 und 1945 bei seinen morgendlichen Ausritten mitten durch die Stadt vor. Sie sind als Zeichen der Selbstbehauptung während der deutschen Besatzung zur Legende geworden. Auf historischen Filmaufnahmen ist zu sehen, wie dem erst mutterseelenallein, mit rankem Rücken und ernster Miene von Schloss Amalienborg losreitenden Monarchen ein nach und nach wachsender Pulk gut gelaunter Untertanen folgt. Natürlich auf dem Fahrrad.

Auch Christians Urenkel Frederik kann jeder, der will, beim alltäglichen Verlassen seines Amalienborg-Palais auf einem Sattel bewundern. Der Kronprinz und Prinzessin Mary bringen ihre Zwillingskinder Vincent und Josephine immer mal wieder mit einem Lastendreirad zum Kindergarten. Sie machen es einfach wie viele andere, auch im Winter. Im Stadtteil Østerbro, wo jüngere und einkommensstarke Kopenhagener gern zentrumsnah wohnen, hat ein Viertel aller Familien so ein Ding. Die Quote übersteigt sicher bald die beständig sinkende der Autobesitzer. Dass diese Dreiräder mit allerlei Zubehör ein paar tausend Euro kosten, ist kein Hindernis. Autos sind in Dänemark wegen der hohen Besteuerung bis zu doppelt so teuer wie in Deutschland.

Ein schönes Getto

Wer sich für Kopenhagen als Vielvölkerstadt interessiert, geht ins wilde Nørrebro. Zu Fuß oder mit dem Rad aus middelalderbyen, der Mittelalterstadt, oder mit Bus, Metro oder S-Bahn, nur bloß nicht im Auto. Die Abstände sind so überschaubar in dieser Stadt, auch zu dem für viele attraktivsten und interessantesten Stadtteil, wegen des – Sie ahnen es – hohen Migrantenanteils.

Nørrebro ist rauer als der Rest von Kopenhagen und reagiert widerborstiger auf gut gemeinte Anläufe zur Verschönerung. Besser ein bisschen dreckig als zu glatt. Dabei lädt der Assistens Kierkegaard, der Assistens-Friedhof, auf die denkbar freundlichste Art in den Stadtteil ein. Hier haben Hans Christian Andersen, Søren Kierkegaard, der Atomphysiker und Nobel­preisträger Niels Bohr, die jung gestorbene Rapperin Natasja Saad neben anderen Berühmtheiten und weniger Berühmten ihr Grab. Mittendrin wird zugleich der Tod betrauert und das Leben genossen. Die Leute kommen zum Picknick, Studenten schmökern auf dem Rasen in ihren Büchern oder den elektronischen Weiterentwicklungen, andere spielen Badminton, und man kann auch durchradeln.

Das war schon immer so, ohne dass jemand dazu philosophische oder theologische Traktate ausgetüftelt hätte. Den Kopenhagenern fehlten im 19. Jahrhundert schnell erreichbare Ausflugsziele im Grünen. Sie dachten praktisch. Warum nicht den Friedhofspark auch ein bisschen anders nutzen ? Wie Andersen beschrieb, machte man » am Sonntag einen Spaziergang aus dem Tor heraus nach dem Kirchhofe, las die Grabinschriften, setzte sich ins Gras, aß aus seinem mitgenommenem Korbe und trank einen Schnaps dazu «. Seit seinem Tod 1875 kann er diese Besuche aus einer anderen Perspektive betrachten. Sie müssten ihm und den anderen hier Ruhenden wohl gefallen, stelle ich mir vor.

Nørrebro ist zweigeteilt. Auf der einen Seite blüht es mit immer mehr bunt gemixten Cafés, Restaurants, Bars, Ethnoläden und durchsaniert teuren Altbauwohnungen. Die Kopenhagener können ihr Verlangen nach möglichst viel Berlinflair hier besser stillen als überall sonst in ihrer wohlgeordneten Stadt. » Gefährlich « als Name für ein Restaurant mit Nachtklub scheint da hübsch erfunden. Aber wirklich gefährlich an Nørrebro sind weder das Nacht­leben noch die Selbstironie von Hipstern mit Schankgenehmigung. Auch Punks und Autonome schlagen sich längst nicht mehr mit der Polizei. Sie sind müde geworden oder in billigere Gegenden ausgewichen. Sorgen machen auf der Nordseite von Nørrebro eher die ghettos und auch, was viele Leute darüber denken. Einmal im Jahr veröffentlicht die Regierung eine ghettoliste der » besonders belasteten Wohn­gebiete «.

Wofür der Gettobegriff in der europäischen Geschichte steht, war den Politikern gleichgültig, als sie die Liste mit diesem Namen einführten. Erstens sei es eine lobenswerte dänische Eigenart, die Dinge unverblümt beim Namen zu nennen. Zweitens solle die Liste mit zuletzt 25 Einträgen ein Ansporn sein, den eigenen Stadtteil durch praktische Verbesserungen von diesem Pranger verschwinden zu lassen. 2015 gelang das in neun Fällen, drei ghettos kamen neu dazu. Die Wohnsiedlung Mjølnerparken in Nørrebro steht mit den schlechtesten Werten stabil an der Spitze der Liste. Der Kiezbetreuer Eskild Dahl Pedersen kennt den Alltag der Mieter. Über den als Symbol für fehlgeschlagene Integration verschrienen Mjølnerpark sagt er : » Auch Migranten haben bei uns einen hohen Wohnstandard. Slum ist das hier nun wirklich nicht. « Er kann zur Bestätigung von seinem Bürofenster auf » Superkilen «, den » Superkeil «, zeigen, noch eine architektonische Perle des neuen Kopenhagen, auch wieder ( mit )entworfen von Bjarke Ingels : ein drei Kilometer langer Multi­kulti-Stadtpark mit buntem Asphalt in den Farben Grün­-Rot-Schwarz, wie die palästinensische Nationalflagge, echten Palmen, Rasen, Kinderspielflächen und Sportmöglichkeiten in wildem Wechsel. Das belebt mit sprudelndem Freiluft­leben den verrufenen Nordwesten Kopenhagens.

Durch den Park führt der Weg zurück zum Zentrum, autofrei, über die Jægersborggade, die bewundernd » Klein Berlin « genannt wird. In einem Stadtporträt steht geschrieben : » Die Jægersborggade ist eine fantastische Geschichte über den Sieg des Guten. « Bis vor ein paar Jahren herrschten die Hells Angels mit ihren Drogendealern auf der heruntergekommenen Straße wie Mafiabosse. Praktisch denkende Anwohner schlossen sich zu einer Genossenschaft zusammen und kauften nach und nach alle Häuser. Von nun an bestimmten sie selbst, wer hier einziehen konnte. Durch Ansiedlung von schicken » Nischengeschäften « für Gastronomie, Mode und Biolebensmittel verwandelten die Genossenschaftler ihre Straße in eine attraktive Einkaufszeile. Statt der Rocker und ihrer Handlanger füllen jetzt Gourmets auf dem Weg ins kleine Kellerrestaurant » Relæ « mit Michelin-Stern die Jægersborggade. Weiter Richtung Innenstadt, mitten durch den Assistens-Friedhof, landen wir auf dem Blågårds Plads am südlichen Ende von Nørrebro. Mehr Multikulti gibt es in Kopenhagen nicht. Der Platz hat den amtlichen Stempel als ghetto verloren, weil die schlimmen Kennzahlen nicht mehr ganz so schlimm sind. Hier mussten sich früher Ladenbesitzer vor den Schutzgeldforderungen von Jugendgangs fürchten. Jüdische Kopenhagener mit Kippa auf dem Kopf können sich mitunter immer noch nicht ganz sicher fühlen. Doch schon als die Situation noch angespannter war, bekam eine Kopenhagenerin, die Touristen aus den USA durch das Viertel führte und alles unverblümt erklärte, zur Antwort : » Wir haben noch nie so ein schönes Getto gesehen. «

Das Ende der Kopenhagenrundfahrt rückt näher. » Dänen sehen gut aus. Dänen kleiden sich schick. Dänen fahren alle mit dem Fahrrad. Dänen sind immer freundlich. Und Dänen sprechen alle sehr gut Englisch «, las ich bei einem Blogger aus Österreich. Er fand alle positiven Klischees vor Ort ausnahmslos bestätigt. Wie auch den nicht ganz so positiven Ruf Kopenhagens als teures Pflaster : Die Cafés, die Restaurants, das Waffeleis ( man peppt es hier gern mit einem platt gedrückten flødebolle, politisch inkorrekt übersetzt : Mohrenkopf, Schlagsahne und Erdbeermarmelade auf, einfach alles obendrauf ), die Textilien, die Metrofahrt, der Eintritt in die Oper und ins Kino, die Designerläden – das Wort » billig « scheint nicht zu existieren.

Ein bisschen traurig bin ich schon, dass jetzt Schluss sein soll mit dem Kopenhagenkapitel. Eben noch ein kleiner Bekennerbrief :

Liebes Kopenhagen,

unsere Beziehung ist ein bisschen ungleich, allein der Altersunterschied von 900 Jahren. Vor Dir hatte ich nur drei ernsthafte Beziehungen zu Städten. Was ist das schon ? Ein bisschen ungerecht auch, dass Du in letzter Zeit so verjüngt wirkst. Die Schar Deiner Bewunderer wächst und wächst. Beides lässt sich von mir nicht sagen. Aber jetzt soll nur von Dir die Rede sein und warum Du den Adrenalinspiegel von so einem wie mir auch nach drei Jahrzehnten immer wieder spielend heben kannst. Mir geht es nach all den Jahren genauso wie den Unzähligen, die sich an einem Wochenende auf den ersten Blick in Dich verlieben. Du verstehst ?

Dein freundliches Gesicht strahlt besonders unwiderstehlich im Sommer. Mir gefällt das schöne Äußere, das muss ich zugeben, das elegant und milde in die Jahre gekommene Antlitz, eingerahmt vom Glitzern des Wassers, wenn die Sonne denn scheint. Dann fühlt man sich besonders gut aufgehoben bei Dir. Du bist nicht so groß gewachsen und bietest Deine Schönheit ohne Zier, dafür voller Freundlichkeit dar.

In Deinem Rathaus konnten sich 1989 homosexuelle Paare zum ersten Mal auf der Welt ganz normal das Jawort geben. Du hast alte und starre Geschlechterrollen mit lebensfroh wärmender Offenheit abgeschafft. Genauso fühlt sich die Luft im Juli an, bei den Konzerten des Jazz­festivals auf Deinen vielen alten Plätzen ohne Autos. Wie Du überhaupt so viele einladende Plätze hast, endlos viele kleine am Wasser und auch größere mitten im Zentrum, aber nie gewaltig große. Überall kann man sich in Ruhe niederlassen und die Aussicht ohne erdrückende Hochhäuser und nervenden Verkehrslärm genießen. Deine Plätze, liebes Kopenhagen, laden dazu ein, einander näher­zukommen.

Hoffentlich bist Du Dir darüber im Klaren, was für ein gewaltiges Pfund Du da hast. Dir eifern viele andere Metropolen nach, zum Beispiel mit neuen Radwegen. Das ist gut so, aber längst nicht alles. Vor der Heimreise fragen Besucher Leute wie mich oft nach dem Rezept für Deine beneidenswert gute Stimmungslage. Das ist doch ein unschlagbares Kompliment, oder ?

Wie sagt man noch über die » glückende « Liebesbeziehung ? Dass sie einen zum besseren Menschen macht. Ich bin sicher, dass Du mir zu einem milderen und lebensfroheren Blick verholfen hast, Kopenhagen. Tausend Dank dafür und jetzt genug gesülzt. Wann bügelst Du den Flop mit der Oper aus und sorgst als Wiedergutmachung für mehr bezahlbare Mietwohnungen nach den Plänen Deiner menschen­freundlichen Architekten ?

Kærlig hilsen ! Liebe Grüße !

Thomas Borchert

Über Thomas Borchert

Biografie

Thomas Borchert, Jahrgang 1952, ist 1983 der Liebe wegen von Bremen nach Kopenhagen gezogen, wo er gemeinsam mit seiner dänischen Frau, mit der er drei Kinder hat, lebt. Bis 2013 arbeitete er als Korrespondent für die dpa, aktuell berichtet er für die Frankfurter Rundschau aus Dänemark, Schweden,...

Pressestimmen

Schleswig-Holstein am Sonntag

»Borchert erzählt Anekdoten und Episoden, Hintergründiges und Absonderliches mit leichter Hand, kenntnisreich, humorvoll und immer augenzwinkernd und einfühlsam. Wer Dänemark neu entdecken oder (wieder) lieben lernen möchte, dem sei dieses Büchlein ans Herz gelegt.«

Inhaltsangabe

Von Svante lernen

Mit Fähre und Fahrrad

Flach wie eine Flunder

Kopenhagen – wo sich nichts und doch alles ändert

Hyggt euch !

An meinen Hofdackel

Exhauptstadt mit Dom und Irrenhaus

Singen macht froher

Warum trinkt Jeppe ?

Der alte Mann und die Kindergärten

Der dänische Sozialstaat : ein Auslaufmodell ?

» Borgen « : Wenn Fiktion die Wirklichkeit überholt

Wo die Populisten gewonnen haben

Aus Jussis Schreibhaus

126     Unverschämt glücklich ?

Über Louisiana ist Freundlichkeit

Dänen und Deutsche : eine ungleiche Beziehungskiste

Arme Schweine

Magisches Bornholm

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