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Endless Skies – Die Welt zwischen deinen Worten (Above the Clouds 2)Endless Skies – Die Welt zwischen deinen Worten (Above the Clouds 2)

Endless Skies – Die Welt zwischen deinen Worten (Above the Clouds 2)

Gabriella Santos de Lima
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Roman

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Endless Skies – Die Welt zwischen deinen Worten (Above the Clouds 2) — Inhalt

Fly me to the Stars – Herzklopfen über den Wolken
Ein ganzes Meer zwischen sich und ihre Vergangenheit bringen – nichts wünscht sich die frisch getrennte Delilah sehnlicher. Und dann sitzt sie im Flieger von Boston zurück nach London ausgerechnet neben dem charmanten Jonah Lowell, der sie trotz allem mit seiner viel zu tiefen Stimme fasziniert. Delilah spürt sofort eine gewisse Anziehung, doch sie hat sich geschworen, erst einmal die Finger von Männern zu lassen. Bis sie Wochen später Jonahs Stimme im Radio wiedererkennt, die ihr noch immer unter die Haut geht. So sehr, dass sie bereut, sich nicht bei ihm gemeldet zu haben …

Ready for takeoff! Diese Liebesromane lassen dich nicht wieder los

Heb mit der „Above the Clouds“-Trilogie jetzt Richtung Wolke sieben ab. 

„Perfekt für alle, die das Reisen vermissen: Gabriella Santos de Lima schreibt so intensiv, dass es sich beim Lesen anfühlt, als würde man selbst mit den Figuren um die Welt fliegen.“ @liv.k.schreibt
„Die Geschichte von Delilah und Jonah ist wie der Ozean: Unendlich tief, atemberaubend schön, so faszinierend, dass man den Blick nicht abwenden kann, und ewig wie das Gefühl von grenzenloser Freiheit.“ @mariesliteratur
„Dieses Buch ist wie ein Lieblingssong – mitreißend und Gänsehaut verleihend. Wie ein Ohrwurm, den man nicht mehr aus dem Kopf bekommt. Ein Meisterwerk unter den New-Adult-Romanen!“ @bookspumpkin
„Ein Emotionscocktail aus gefühlvollen Farben und wundervoll gebrochenen Herzen. Eine rohe und stürmische Flut – Gabriellas Poesie reißt mit jedem Wort mit!“ @alinaxstark

Gabriella Santos de Lima, geboren 1997 in São Paulo, studiert Kreatives Schreiben in Hildesheim und arbeitet nebenberuflich als Flugbegleiterin. Am liebsten schreibt sie mit Aussicht auf pulsierende Innenstädte mit laut aufgedrehter Musik. Die Autorin ist bereits in den Social Media bekannt, auf Instagram postet sie unter @gabriellasantosdelimaa Buchtipps und Neuigkeiten aus ihrem Leben.

€ 12,99 [D], € 13,40 [A]
Erschienen am 03.05.2021
432 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-06252-7
Download Cover
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 03.05.2021
416 Seiten, WMePub
EAN 978-3-492-99867-3
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Leseprobe zu „Endless Skies – Die Welt zwischen deinen Worten (Above the Clouds 2)“

Unterwassersonne

Es war das seltsame Jahr, in dem die Richards nebenan auszogen, Mum auf die Wahrsagerin ihres Vertrauens stieß und ich der Welt den Krieg erklärte. Dieser eine Samstag legte den Grundstein. Ein lauer Maiabend, perfekt und grenzenlos in sich selbst, während Kings of Leon aus dem Handy spielten und Penn mir vom Grönlandhai erzählte.

„Er kann über fünfhundert Jahre alt werden. Stell dir das mal vor!“, sagte er ganz aufgeregt, in der faszinierten Stimmlage eines Jungen, der sich für die nächsten Jahrzehnte nicht um die Endlichkeit von [...]

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Unterwassersonne

Es war das seltsame Jahr, in dem die Richards nebenan auszogen, Mum auf die Wahrsagerin ihres Vertrauens stieß und ich der Welt den Krieg erklärte. Dieser eine Samstag legte den Grundstein. Ein lauer Maiabend, perfekt und grenzenlos in sich selbst, während Kings of Leon aus dem Handy spielten und Penn mir vom Grönlandhai erzählte.

„Er kann über fünfhundert Jahre alt werden. Stell dir das mal vor!“, sagte er ganz aufgeregt, in der faszinierten Stimmlage eines Jungen, der sich für die nächsten Jahrzehnte nicht um die Endlichkeit von Herzschlägen scheren würde. Penn hatte nämlich eine Zukunft. Und Ziele. Riesige und kalte Ziele von einem Studium am Scott Polar Research Institut mit anschließender Karriere als Arktisforscher. Zwei Tage später träumte ich zum ersten Mal, ich träume eine dunkle Unterwasserwelt, bestehend aus leuchtenden Krabben, Kraken und einem gigantischen Grönlandhai. Ich träumte, ich träume von Penn. Meinem besten Freund, der mir erklärte, jene Spezies wüchse jährlich bloß einen Zentimeter. Wie Taucher schwebten wir in der Tiefe, das Neopren Shirts unserer Lieblingsbands. Von irgendwo spielte This Modern Love, zu dem das Meer rhythmisch wogte.

„Hast du dich schon mal an der Mitternachtssonne verbrannt?“, fragte er immer.

Kapitel 1

Delilah

#Punktlandung

Ryders Schritte knirschten, während er den Zeigefingernagel aggressiv in den Daumen bohrte. Das war sein persönlicher Tick, die manische Erinnerung ans Schweigen und der beste journalistische Kniff, den er beherrschte. Geheimnisse und Gedanken strömten nämlich aus, wenn er lange genug nichts sagte. Das hatte die Erfahrung als Interviewer ihm zumindest bewiesen. Nur war Ryder gerade kein Reporter und ich keine Zeugin. Wir brauchten keine Stille, um unsere fette Schlagzeile zu enthüllen.

Wahrheit mischte sich unter die Luft, wenn wir am Frühstückstisch lachten oder noch vor Monaten Händchen haltend in den Victoria Park geschlendert waren. Wahrheit quetschte sich zwischen unsere Körper, wenn wir miteinander schliefen. Er am liebsten hinter mir, weil er sich so am besten in meinen Nacken graben konnte, dort, wo nur Haut, Haarspitzen und wilde Pulsschläge existierten. Keine Spur meines gut versteckten Gesichts, als hätte ich gefährlich grässliche Medusaaugen, die man in jedem Fall meiden müsste.

„Du machst also Schluss“, flüsterte ich.

Er hockte sich auf den gegenüberliegenden Platz, wo er die Hände zusammenfaltete. Ein diplomatisches Dreieck. Sein letzter und jämmerlicher Versuch von Objektivität.

„Komm schon, Lilah. Das kann keine Überraschung sein. Erinnerst du dich an den Donnerstag vor meiner Abreise? Wir waren bei Dishoom. Du hast dasselbe wie immer bestellt, ich ja auch, und wir haben über Mister Collans Seminar geredet. Dieses über Fake News, das er seit acht Semestern ohne aktualisierte Lektüreliste gibt. Ich habe diese unnötige Diskussion zwischen Wyatt und ihm erwähnt, erinnest du dich? Du hast so gelacht wie immer, aber …“

„Aber was?“

„Es war irgendwie anders.“

Ich zog die Brauen zusammen, dabei lagen mir schwere und hässliche Worte auf der Zunge. Bullshit. Fahr zur Hölle. Deinetwegen bin ich vor zwei Tagen in einen Flieger nach Neuengland gestiegen, um dich an deinem Geburtstag zu überraschen. Und jetzt sitze ich vor dir. In Boston, während deines Praktikums. Mit dem verfluchten Geschmack von deinem Sperma im Mund. Weil du mir gerade noch deinen Schwanz hineingerammt hast. Und dann machst du ernsthaft mit mir Schluss, indem du sagst, mein Lachen sei wie immer gewesen, aber auch „irgendwie anders“? Fahr. Einfach. Zur. Hölle. Ryder.

„Dass ich nach Boston gegangen bin, hat es klarer gemacht. Das mit uns, meine ich.“

Statt sofort zu antworten, sah ich an mir hinab. Ich trug nur einen Slip und eins seiner schlichten Shirts. Mein Mund öffnete sich, aber Ryder war schneller.

„Eine Frage für eine Frage?“

Eine Frage für eine Frage, nicht mehr als ein lächerliches Friedensangebot in seiner Welt, in der man keine Story gegen eine andere tauschte. Nieniemals. Was für ein Wahnsinnsdeal, Augenrollen hoch tausend. Trotzdem war er der einzige, der mir blieb.

„D-du hast vorhin gesagt, es ist schon lange zwischen uns so. Was meinst du mit diesem so?“

Er senkte den Blick. Und das war wie ein Schlag ins Gesicht.

„Stumpfsinnig“, flüsterte er.

„S-stumpfsinnig?“

„Ja, stumpfsinnig, verdammt noch mal! Ich meine, hast du mich in den letzten drei Monaten überhaupt vermisst? So vermisst, wie eine verliebte Freundin ihren Freund vermissen sollte?“

Lange blinzelte ich ihm entgegen. Die kurz geschorene Frisur, das herzförmige Muttermal unter dem Auge, die ausgefransten Shirtärmel. Zwischen uns dampften Tassen auf Untertellern neben Teebeutelschälchen. Ryder stellte Timer fürs Eierkochen und das Ziehen von Biokräutertee. Selbst in seinen Artikeln saß jeder Satz, Buchstabe für Buchstabe, als fände er immer die perfektste Kombination.

Ich wollte etwas sagen, Worte, Fragen, Laute, brachte jedoch nichts heraus. Und so blutete uns die Wahrheit doch aus den Poren. Plötzlich war alles zu eng. Diese untergemietete Wohnung, mein Körper, die gesamte Welt. Am liebsten wäre ich aufgestanden, gegangen, gerannt und dann gesprintet. Zur Mittagszeit ziellos durch Boston, den Public Garden, vorbei an den fauchenden Eichhörnchen, die Einkaufsstraße und den Hafen entlang. Bis zurück nach London, wo ich in Mums Badewanne gestiegen wäre, weil ich mich unter der surrenden Badezimmerbelüftung am lebendigsten fühlte.

Zerschnittenes Licht fiel mir auf die Hand, als ich mich aufrichtete.

„Ich packe meinen Koffer.“

 

Ich schmiss Kleidung ins Innenfach. Shirts, Unterwäsche, Sport-BH. In London hatte ich mich auf sieben Tage vorbereitet, jetzt zog ich den Reißverschluss nach nur dreien wieder zu.

„Hey, mach mal langsam. Du musst nicht sofort gehen! Wieso …“

Ryder redete vom Türrahmen aus auf mich ein, doch ich hörte nicht zu. Ich musste raus, weg, weiter. Bevor ich das Gepäck auf seine Rollen hievte, bestellte ich per App ein Uber.

„Du kannst doch nicht einfach so abhauen! Du weißt doch nicht mal, wann ein Flug geht!“

„Ich bin seit fast vier Jahren Flugbegleiterin bei LondAir. Wir haben täglich welche von Boston zurück. Um acht Uhr vierzig, vierzehn Uhr fünfundfünfzig und zweiundzwanzig Uhr fünfzehn. Natürlich weiß ich, wann ein Flug geht.“

„Trotzdem …“

Trotzdem was? Er hatte mir gesagt, unsere Beziehung sei stumpfsinnig gewesen. Das Praktikum, die Distanz, die Wochen voller Chattext-Beziehungsfloskeln hätten das klargemacht. Wieso noch zögern?

„Eine Frage für eine Frage.“ Plötzlich wurde er unendlich leise. „Du hättest mir jede stellen können. Ob ich dich noch liebe. Ob ich dich vermisst habe. Wieso ich seit Wochen denke, wir sollten Schluss machen, und erst jetzt etwas gesagt habe. Stattdessen fragst du mich, was ich mit so meine. Vielleicht solltest du mal nachdenken, was das über dich und deine Gefühle zu mir aussagt.“

Meine Nasenflügel bebten. Ich wollte ihm entgegenschreien, wir hätten gerade noch im Bett gelegen, wo er meinen Namen gestöhnt hatte. In. Verfluchter. Dauerschleife. Gott, Lilah, hör nie auf. Lilah, was machst du nur mit mir? Wieso fühlt sich das nur mit dir so an, Lilah? Dass ich schon vor zwei Tagen in Boston gelandet war. Und er viel früher mit der Sprache hätte rausrücken sollen. Stattdessen hatten wir mit seinen Redaktionskollegen des Boston Globe angestoßen und so getan, als wären wir glücklich.

Doch er öffnete den Mund erneut.

„Ganz schön verzwickte Arktiseiswelt, was?“

Minusgradzacken bohrten sich mir durch Stoffe, schonungslos stechende fünf Stück. Ich gefror auf der Stelle zu einem Gletscher. Angefangen bei den Zehen, über die Beine, hinweg über die Leisten, abgeschlossen mit meinem Herzen.

„W-was hast du gesagt?“

„Du hast mich schon verstanden. Manchmal murmelst du seinen Namen im Schlaf.“ Er zuckte die Achseln, ganz lässig, als wäre es angebracht. „Falls du es noch nicht wusstest.“

„K-keine Ahnung, was du meinst.“

„Bist du dir da sicher?“

Ryder schluckte. Mein Blick verharrte auf dem springenden Kehlkopf, als mein Handy vibrierte. Carlo Santos, ein schwarzer Honda, das Kennzeichen endete mit einer Dreiundzwanzig. Das Uber wartete.

„Wie auch immer, Ryder“, sagte ich und rollte den Koffer aus der Wohnung.

Als hätte ich die Worte überhört, wahrgenommen und schnell vergessen. Vergessen. Als könnte ich das. Als wüsste ich nicht, wie es ist, aneinandergereihte Buchstaben unsichtbar auf der Haut zu tragen, lebensgroß, eingebrannt ins Gesicht, für die Länge meines gesamten Lebens.

Im Uber rauschte der Bostoner Verkehr an mir vorbei. Wenn der Wagen über grüne Ampeln raste, fiel Atmen leichter. An roten überlegte ich, meinen Freundinnen zu schreiben. Aber meistens fuhren wir schon weiter, und der Gedanke blieb neben Fußgängern zurück.

Nur als diese Akkorde erklangen, starrte ich statt aus dem Fenster die Radioanzeige an. Es war Samstag, der zwanzigste Februar. Es war kurz nach eins. Es war der Tag, an dem sich der Freund von mir trennte, den ich nie gewollt hatte. Und im Radio lief Pyro.

„Kings of Leon-Fan, was?“, fragte der Fahrer amüsiert und drehte den Song auf.

All the black inside me is slowly seeping from the bone. Everything I cherish is slowly dying or it’s gone.

Ich sah hinab auf meine Hände und dachte an Penns Abziehtattoo. Eine große Flamme zwischen zwei kleineren, in die Innenseite des kleinen Fingers gepresst, drei Leben lang her. Derselbe Finger, mit dem er das Handy bei seiner letzten Nachricht gehalten hatte. Die, die mich nie erreichte. Drei Punkte auf dem Bildschirm, die abbrachen. Regentropfenpunkte auf den Jeans, als ich mich an jenem weit entfernten Abend erhob. Beschämter Blick, bereuendes Schweigen, zwei riesige Augenpunkte in Penns Gesicht. Immer nur Punkte, ausgefüllte Kreise, eine eigentlich endlose Form.

Trotzdem endgültige Zeichen.

„Mam.“ Der Fahrer drehte sich am Ziel nach mir um. „Logan International Airport. Da wären wir. Soll ich Ihnen mit dem Gepäck helfen?“

Durch die Scheibe erkannte ich die Flughafenfassade, bunte Koffer und sich verabschiedende Menschen. Ich beobachtete eine Frau, die sich einige Parkplätze entfernt an einen Typen klammerte. Seine Lederjacke wirkte abgewetzt, rissig und narbig. Als hätten sich schon Millionen Finger in den Stoff gekrallt. Tief einatmend wandte ich den Blick ab.

„Vielen Dank, aber das ist nicht nötig.“

Fünfzehn Minuten später kroch mir das Flughafentreiben beruhigend unter die Haut. Ich mochte die internationale Hektik und die farbigen Pässe, das Gepäckbandrattern und die grellen Anzeigetafeln, auf denen Mumbai, München und Miami dicht untereinander standen. Flughäfen waren echte Orte mit echten Menschen. Anfang, Ende, Mitte. Angsteinflößend und lebendig und echt. Flughäfen waren alles, was Ryder und ich nie gewesen waren.

Innerlich verfluchte ich die falsche Welt mit ihren falschen Menschen, als die Staff-Travel-App mir mitteilte, mein Flug sei mit acht Passagieren überbucht. Die echte falsche Welt natürlich, nie die andere.

Kapitel 2

Jonah

Terracotta

Als ich mich zum ersten Mal mit Delilah Dellaria unterhielt, redeten wir nicht miteinander.

Alles begann mit Bachs dritter Sinfonie. In den Beats dröhnte sie laut, während ich mir die zweite Zigarette anzündete. Klassische Musik und Kippen. Wäre ich eine Stadt, wäre in mir der Notstand ausgerufen. Heulende Sirenen, grelle Warnlichter, panische Menschenmassen. Stattdessen war ich ein einziger Mensch im Raucherbereich des Bostoner Airports. Außerdem war ich auch auf der Suche nach jemandem in Farbe. Am liebsten wäre mir eine blaue Person gewesen. Pazifikblau, Königsblau, Osloblau. Hauptsache Blau und Beruhigung.

Aber jede vorbeiströmende Silhouette war farblos.

In meiner linken Hosentasche vibrierte es dabei ununterbrochen. Cami, die Jungs, Gus. Ich dachte an Mum, die seit gestern nicht mehr mit mir redete. Da zog ich so tief, dass ich vom Husten beinahe abgekratzt wäre. Bei der plötzlichen Schulterberührung schob ich den linken Hörer zur Seite.

„Haste mal Feuer?“

Der Typ vor mir trug Hoodie, verschiedenfarbige Doc Martens und konnte kaum älter als neunzehn sein.

„Klar.“

Ich drückte die Kippe aus, kramte in der Jacke nach dem Feuerzeug und überreichte es ihm zusammen mit der Marlboroschachtel. Während ich den Rucksack vom Boden hievte, sah er mich verwirrt an.

„Ich bin kein Raucher“, erklärte ich.

„Du klingst wie mein Dad. Ich rauche, aber ich bin kein Raucher.“

Er zündete sich eine von meinen Kippen an, dicht über seinem Haar ein Flieger, der im Fünfundvierziggradwinkel anstieg. Beim Klicken der Flamme bekam er eine Farbe. Terracotta. Einfach so. Warmes Orangebraun. Glatt und simpel und schaurig, wenn man mit den Fingern darüberkratzte. Rauch vernebelte ihm das Gesicht, als ich mir den Hörer zurück über das Ohr stülpte.

„Wieso grinst’n du so dämlich?“, fragte er. „Hab ich was Lustiges gesagt oder …“

Ich setzte einen Fuß vor den anderen und sah nicht zurück, obwohl ich das wollte. Zurück im Allgemeinen. Ich wollte zurück in Allans Wagen und zurück an Mums Esstisch, bevor ich gesagt hatte, was ich sagte. Selbst wenn ich die Worte nicht bereute, weil sie stimmten und uns allen mehr Realität ganz guttäte. Am allerallerliebsten wollte ich ein, zwei, drei, vier, vierundzwanzig Jahre zurück. Ich wollte einen neuen allerersten Moment der Welt. Ich wollte diesen Augenblick anhalten und in ihn hineinkriechen, Bachs Präludium in C-Dur im Hintergrund. Ich wollte mir genau jetzt eine weiche Farbe aussuchen. Vielleicht blasses Melonengrüngelb oder Klarhimmelhellblau, an das ich mich klammern würde. Meine Schuhe aber schlurften zielstrebig über den Flughafenboden, und ich blickte mir in die eigene Miene, widergespiegelt in einer Glasscheibe. Leider, leider war ich nicht melonengrüngelb oder klarhimmelhellblau. Schadeschokolade. Ich war Jonah und seit Wochen verfickt fahl. Nur ein taubengrauer Schimmer ummantelte mir den Kopf. Das war nicht ich, aber irgendwie ja schon.

Das Handy vibrierte wieder, diesmal mit den Namen meiner Schwester und meines Stiefvaters zugleich. Als hätten sie sich mit den Worten abgestimmt. Und Cami sie mir nicht bei unserer letzten Umarmung ins Ohr geflüstert. So ungefähr hundertmal, wir umgeben von hupenden Taxis.

Allan: Ich möchte dir da wirklich nicht reinreden, Jonah. Aber bist du dir zu hundert Prozent sicher? Du hast in London immer noch Zeit, darüber nachzudenken.

Cami: Bist du dir wirklich wirklich wirklich wirklich sicher? ?

 

Statt ihnen zu antworten, tippte ich die Mail, die ich schon längst hätte abschicken sollen. Keine losen Enden.

Sehr geehrter Mister Moran,

ich danke Ihnen vielmals für das Jobangebot. Leider kann ich es nicht annehmen, da ich mich aus persönlichen Gründen entschieden habe, in London zu bleiben.

Mit freundlichen Grüßen

Jonah Lowell

 

Ich steuerte den LondAir-Schalter an, wo ich Ewigkeiten wartete. Wie vor der Sicherheitskontrolle und dem anschließenden Passcheck. Mein Puls raste noch immer, aber ich gab die Suche nach farbigen Menschen auf. Stattdessen konzentrierte ich mich bloß auf Bach. Mittlerweile war das Orchester beim Scherzo angelangt, dem dritten Satz der Sinfonie. Eine leichte Stimmung, in der beschwingte Töne gleitend ineinanderflossen. Ich beschwor eine Klaviertastatur herauf, um mich beim Spielen zu betrachten. Richtiger Fingersatz und Anschlag, im Kopf begleitete ich Glenn Gould fehlerfrei. Tja, brachte nichts. Denn als ich im Gatebereich das Barschild ausmachte, hielt ich es nicht mehr aus. In mir war alles eng und kantig, nichts glitt, alles eckte an.

Ich war kein Raucher, aber ich wollte die Kippen vom Terracotta-Typen wieder.

Ich war kein Angsthase, doch würde ich in den nächsten sieben Stunden garantiert sterben.

Ich war Bachfanatiker, konnte mir aber nicht mal mein liebstes Präludium in C-Dur geben.

Die Beats abnehmend, steuerte ich auf das Beer Works zu. Dahingenäselte Durchsagen, Hektik, klackernde Absätze in Kombi mit Kofferrollen, das disharmonierte. Beim Anblick eines vorbeirauschenden Pärchens schluckte ich. Schnell machte ich die letzten Schritte auf die Bar zu, wo ich ein Glas Rotwein bestellte. Eine sichere Nummer, um gleich einzupennen. Ich schnappte mir einen rostigen Barhocker, darum bemüht, das Lokal nicht panisch nach glotzenden Besuchern abzuscannen. Eine Nebenwirkung von „ICH KANN NICHT GLAUBEN, DASS DU DAS GETAN HAST, LOWELL!“. Die Konsequenz, die resultierte, wenn mir weder Alkoholrausch noch Londongetummel in den Knochen saßen. Direkt gegenüber schimmerten aneinandergereihte Alkoholflaschen, auf dem Bildschirm lief eine Footballschlacht. Dunkelblau gegen Limettengrün, gerade die Slo-Mo-Wiederholung irgendeines Tackles. Innerhalb von Sekunden wurde das Glas vor mir abgestellt. Ich murmelte ein „Danke“, hob den Stiel zum Trinken an, hielt aber inne. Kaum hörbar mischte sich ein leiseres Lied unter den Hintergrundjazz. Mit zusammengezogenen Brauen wandte ich den Blick nach links.

Und da saß sie.

Von Kopf bis Fuß eingekleidet in Schwarz. Ein leeres Glas in den Händen, spitz hervorstechende Knöchel. Diese mir noch fremde Frau – Delilah, wie sie mir erst viel später verraten würde. Ihr Haar war dunkel und reichte ihr bis knapp über die Schultern, die Haut durchsichtig blass. In dieser semi-gemütlichen Flughafenbar wirkte sie wie jeder andere Gast auch. Vor dem Gatetrubel geflüchtet, gedanklich versunken. Aber irgendwie tat sie es auch nicht. Sie erinnerte an einen ballernden Remix im Club, kurz vorm Heimkehren um fünf, du allein auf der Fläche, tanzend wie ein ewiger Zombie. Laut, dröhnend, stroboskopisch. Selbst der Barkeeper konnte nicht aufhören, ihr Blicke zuzuwerfen. Wein nippend fragte ich mich, welche Farbe sie wohl hätte. Und dann, dann dachte ich nicht, als ich in der Jacke nach dem Stift fischte. So wie immer, einfach so, so grundlos. Mein Kopf und ich, wir hatten es in diesem Jahr nicht gut miteinander. War leider mein Schicksal, da könne man nichts machen, hatte selbst Camis Tarotlegerin gemeint. „Dieses Jahr wird ihm sehr wehtun.“ Haha, sag bloß, wäre ich nie drauf gekommen bei der Biografie.

Ich kritzelte Worte auf eine Serviette, die ich über die Theke schob. Noch bevor das Geschmiere sie erreichte, schlug sie den Blick auf. Sie machte keine Anstalten, die Ohrstöpsel rauszunehmen. Zusammengekniffene Lider, geisterhafter Blick. Was an ihr stach, war die Augenfarbe. Mitternachtsblau und leer.

Es tat weh, sie anzusehen.

Bei dem Gedanken verzog ich das Gesicht, weil das doch keinen Sinn ergab. Ich meine, seit wann tat der Anblick fremder Menschen weh? Vielleicht war sie doch eher der Typ Morrissey, rau und akustisch, wie in einer rohen Version von I Know It’s Over.

Kurz überflog sie die Worte, dann musterte sie mich. Frisur, Stirn, Ohren, Wangen, Nase, Mund, Hals. Am Kragen meiner Lederjacke verharrte sie komischerweise am längsten. Anschließend griff sie nach dem Kuli. Ihr Geruch kitzelte mir dabei in der Nase. Herbes Männerduschgel und Gin zugleich. Interessant? Keinen Schimmer, wieso, aber ich prägte mir genau diese zwei, drei, vier Sekunden ein. Als hätte ich es schon damals gewusst. Fucking verdammt noch mal alles, alles, alles. Wie das gedämpfte Licht sich um ihr Haar schmiegte. Die elegante Art, mit der sie sich ruckartig erhob. Das nur angedeutete Winken, bevor sie auf klackernden Absätzen verschwand. Ich sah ihr nach, solange ich konnte. Und dann noch ein bisschen länger. Erst dann fiel mein Blick auf die Serviette.

All the black inside me is slowly seeping from the bone, hm?

Everything I cherish is slowly dying or it’s gone, ja.

Du hast da übrigens Rotwein im linken Mundwinkel.

 

Ich wischte mir über den Mund, ehe ich das Handy zückte. Beim dritten Rufzeichen ging Gus ran.

„Hast du eine Ahnung, wie oft ich dich schon versucht habe zu erreichen? Mann, LJ! Wieso hast du dich nicht früher gemeldet? Ich –“

„At wird es mir nie verzeihen, oder?“

Gabriella Santos de Lima

Über Gabriella Santos de Lima

Biografie

Gabriella Santos de Lima, geboren 1997 in São Paulo, studiert Kreatives Schreiben in Hildesheim und arbeitet nebenberuflich als Flugbegleiterin. Am liebsten schreibt sie mit Aussicht auf pulsierende Innenstädte bei laut aufgedrehter Musik. Auf Instagram postet sie unter @gabriellasantosdelimaa...

Endless Skies - der Songtext

 

Calypso Coral

Don’t open the window
City lights are haunting me
Petrifying like an almost lover
Longing for one last brush of lips
Darling, keep on burning boats

 

Oh, do you know that nothing’s ever counting
Actually, I do mind drowning
See through me like you see through clouds
At 30.000 miles above the crowds
Spinning kisses in a washing machine
Where did you lose your sunscreen?
Was it India or at age eighteen?
My thoughts are bruised and blue
Maybe I do mind diving into you

 

Don’t go skinny dipping
Memories of Spanish waves will tear you
Like killer whales nagging
Dying just for a kiss
Darling, keep on sinking
With your lips so paper thin

 

Oh, do you know that nothing’s ever counting
Actually, I do mind drowning
See through me like you see through clouds
At 30.000 miles above the crowds
Floating between streetlights
Taking of your Levi’s
Classic records, coral smile
Being free is never out of style
My thoughts are violet, bruised and blue
Did I just dive right into you?

 

Say it’s over
Let’s break hearts and then change over
The pieces and the creases
And the waves between the grave
I dove right into you
Oh, deep down I breathed you

 

And darling, in my dreams I’m diving und drowning
Floating and sinking
Killer whales between killer waves
Killing me slowly

 

Maybe you just dove right into me
Maybe you just dove right into me

Pressestimmen
readness_

„Dieses Buch ist fühlen zwischen den Wörtern. Der Schreibstil ist so besonders, man taucht in die Wörter ein.“

ivy_leagh.books

„Definitiv kann mich ›Endless Skies‹ überzeugen. Weil es anders sein will und dieses ›Anders‹ sehr gut umsetzt.“

sparklesandherbooks

„Delilah ist für mich eine der tollsten Figuren, die ich bisher in Büchern gefunden habe.“

book_heart_love

„Die Autorin hat ein Gespür dafür auf eine sehr lyrische und gefühlvolle Art ihrer Geschichte Leben einzuhauchen und dem Leser die Möglichkeit zu bieten Teil der Handlung zu werden.“

leamadeleine_books

„Unheimlich poetisch und wunderschön.“

saskiasbuecher

„Dieser poetische Schreibstil war mal wieder wunderschön, unglaublich einnehmend und lädt zum Träumen ein.“

book.wide

„Dieser Roman ist Farbe und Liebe und Gefühl. Poesie auf 430 Seiten, die mitten ins Herz trifft.“

boooks.are.my.life

„Die Geschichte ist voller Hoffnung, Ängste, Freude, Tränen, Liebe und Schmerz. Die Autorin hat es geschafft, mich als Leser glücklich und traurig zurückzulassen. Sie hat Licht und Dunkelheit miteinander verewigt.“

tausendbuecher

„Ich verstehe nicht, wie man so schreiben kann. Wie man so viel Poesie in eine Geschichte stecken kann. Er ist so außergewöhnlich und besonders. Er ist einzigartig und berührend.“

janine.uk

„Der Buchschnitt sieht nun dank der vielen Post-It’s aus wie ein Regenbogen. Aber es gab einfach so viel zu markieren. Sätze, Worte, Gefühle. Der Schreibstil ist einfach ein Highlight für sich. Kunst. Poetisch, anders und wunderschön.“

bluetenzeilen

„Dieses Buch ist wie ein Kunstwerk voller Musik, Leben, Schmerz und endlos viel Herz!“

violas_buecher

„Ein absolutes Herzensbuch.“

kathis.books

„Ich habe Absätze mehrmals gelesen, einfach weil es so wundervoll war, mich in neue Wörter verliebt und als ich das Buch zugeschlagen habe, hätte ich glatt noch einmal ganz von vorne beginnen können.“

justmiaslife

„Gabriella Santos de Lima reißt einen mit wie eine Welle. Ihre Worte sind so echt, so gefühlvoll, dass man in ihnen versinken und nie mehr an die Oberfläche auftauchen möchte.“

traumwelt.lesen

„Die Bücher der Autorin sind wie ein gutes Stück Schokolade, man kann einfach nicht mehr aufhören sie zu verschlingen.“

Kommentare zum Buch
Hoch emotional und tief berührend
Aya Rose am 10.05.2021

Gabriela Santos de Lima schreibt so echt und so intensiv, dass ich das Gefühl hatte, die Geschichte selbst zu erleben. Den Schmerz und das Glück der Charaktere selbst zu spüren. Die Geschichte ist einfach emotional, mitreißend und geht so tief. Mich hat Das Buch so unglaublich tief berührt, weil die Autorin so ehrlich, so nackt schreibt.

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