Lieferung innerhalb 1-3 Werktage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich
Kostenloser Versand*
Blick ins Buch
Elsässer IntrigenElsässer Intrigen

Elsässer Intrigen

Ein Fall für Major Jules Gabin

Taschenbuch
€ 11,00
E-Book
€ 9,99
€ 11,00 inkl. MwSt.
Lieferzeit 1-3 Werktage
In den Warenkorb Im Buchshop Ihrer Wahl bestellen
Gratis-Lieferung ab 9,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen
€ 9,99 inkl. MwSt.
sofort lieferbar
In den Warenkorb
Gratis-Lieferung ab 9,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen

Elsässer Intrigen — Inhalt

Jules Gabin wird befördert und in das wunderschöne Colmar versetzt. Doch es bleibt keine Zeit für einen Spaziergang durch die malerische Idylle. Sein Chef, Capitaine Debré, nimmt ihn direkt mit zum nächsten Fall: In einem Hotelzimmer wurde eine tote Prostituierte gefunden, ein Tötungsdelikt kann nicht ausgeschlossen werden. Für Debré ist die Lage klar: Der Geschäftsmann, der das Zimmer mietete, ist der Täter. Gabin bezweifelt dies, denn das zeitgleiche Verschwinden des ehemaligen Innenministers Eric Duval kommt ihm reichlich merkwürdig vor. Da gibt es doch garantiert eine Verbindung …

€ 11,00 [D], € 11,40 [A]
Erschienen am 02.03.2020
320 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-24100-7
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 02.03.2020
304 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99443-9

Leseprobe zu „Elsässer Intrigen“

EINS

Was wusste er schon von Colmar, außer dass es der Geburtsort von Frédéric-Auguste Bartholdi war, des Schöpfers der New Yorker Freiheitsstatue?

In den zwei Jahren, die Jules Gabin nun im Elsass lebte, hatte er die drittgrößte Stadt der Region immer mal wieder besucht. Ab und zu dienstlich, meistens jedoch privat, wenn er sich mit Joanna Laffargue traf, deren erster Wohnsitz die Stadt nach wie vor war.

Colmar also. Eine Stadt voll buntem Fachwerk, überbordendem Nippes und dem wohl besten Flammkuchen weit und breit. Im Sommer ächzte die Kleinstadt [...]

weiterlesen

EINS

Was wusste er schon von Colmar, außer dass es der Geburtsort von Frédéric-Auguste Bartholdi war, des Schöpfers der New Yorker Freiheitsstatue?

In den zwei Jahren, die Jules Gabin nun im Elsass lebte, hatte er die drittgrößte Stadt der Region immer mal wieder besucht. Ab und zu dienstlich, meistens jedoch privat, wenn er sich mit Joanna Laffargue traf, deren erster Wohnsitz die Stadt nach wie vor war.

Colmar also. Eine Stadt voll buntem Fachwerk, überbordendem Nippes und dem wohl besten Flammkuchen weit und breit. Im Sommer ächzte die Kleinstadt unter dem Andrang Hunderttausender Touristen aus aller Welt, während es im Winter meist beschaulich und gemütlich zuging.

Kriminalität? Bis auf Handtaschenraub und Zechprellerei weitgehend Fehlanzeige. Daher würde sich Jules nicht großartig umstellen müssen, wenn er das kleine Winzerdorf Rebenheim verließ und seinen neuen Job in Colmar antrat. Ihn erwartete wohl kaum mehr Arbeit, dafür aber etwas mehr Gehalt und die Aussicht auf baldige Beförderung. Und auf die hatte er es abgesehen, denn mit Mitte dreißig musste man zusehen, dass man vorankam. Schließlich wollte er nicht ewig im Dienstrang eines Majors hängen bleiben. Die neue Stelle bot ihm Chancen, und die wollte er wahrnehmen.

Trotzdem fühlte sich Jules, als er vor dem Gebäude in der Rue de la Cavalerie stand, das die Gendarmerie nationale beherbergte, nicht ganz wohl in seiner Haut. Umgeben von mehrstöckigen Wohnhäusern und von Zäunen und Mauern geschützt, ähnelte dieser Gebäudekomplex so gar nicht dem fast mittelalterlich anmutenden Corps de Garde, seinem bisherigen Dienstsitz in Rebenheim. Alles wirkte hoch gesichert und effizient, ein Funkturm überragte die Anlage wie ein mahnend aufgestellter Zeigefinger. Nein, so erkannte Jules schon von außen, in dem kameraüberwachten Areal wehte bestimmt ein anderer Wind, als er es gewohnt war.

Während Jules sich einem blau lackierten Pförtnerhäuschen mit Gegensprechanlage näherte, dachte er mit einer gewissen Wehmut an seine alte Wirkungsstätte zurück. Mit einem Mal standen ihm die Gesichter seines früheren Teams vor Augen: das seines linkischen Adjutanten Alain Lautner, das des trägen, dicklichen Gendarms Kieffer und das freundliche, gutmütige Antlitz seiner Assistentin Charlotte. Hier in Colmar bekam er es mit einem weitaus größeren Kollegenkreis zu tun – und die überlangen Mittagspausen mit hausgemachten Spezialitäten von Alain Lautners Mutter gehörten ebenfalls der Vergangenheit an. Vielleicht sogar für Lautner selbst, denn nach Jules’ Weggang hatte der einstige Adjutant die Leitung der Station übernommen. Er würde sich künftig an die Regeln halten müssen, immerhin sollte er jetzt ja Vorbild sein.

Jules seufzte bei diesen Erinnerungen. Dann straffte er die Schultern, ging die letzten Schritte bis zur Pforte und drückte auf die Klingel. Das im Torpfosten eingebaute Kameraauge leuchtete rot auf, kurz darauf ertönte eine blecherne Stimme: „Bonjour, was wünschen Sie?“

Jules nannte seinen Namen und hielt den Dienstausweis vor die Linse, woraufhin der Türöffner summte.

Fünf Minuten später stand Jules mitten in seinem neuen Leben: ein Großraumbüro mit acht Schreibtischen, dahinter eine durch eine Glaswand abgetrennte Besprechungsecke mit einem Kaffeeautomaten. Eine weitere gläserne Barriere schirmte den Raum des Chefs, Capitaine Raymond Debré, ab. Wäre da nicht die große, unübersehbare Trikolore an der Wand des Büros gewesen, so hätte Jules sich in eine US-amerikanische Polizeiserie versetzt gefühlt. Auch die geschäftige Betriebsamkeit, die in diesem Büro herrschte, hätte dazu gepasst.

Jules schaute sich um und erhaschte erste Eindrücke von den neuen Kollegen: etwa gleich viele Frauen wie Männer, die meisten von ihnen noch recht jung.

Sein neuer Boss begrüßte ihn mit kräftigem Händedruck. Debré war dreiundvierzig, das wusste Jules aus seinen Akten, und er war etwas größer als Jules, mit markantem Gesicht und sonnengebräuntem Teint, das dunkle Haar kurz geschnitten.

„Willkommen an Bord!“ Die Stimme des Capitaine passte zu seiner Person, fand Jules: kräftig, kernig, entschlossen.

Hatte Jules damit gerechnet, für ein erstes Gespräch ins Zimmer des Vorgesetzten gebeten zu werden, so sah er sich getäuscht. Debré fasste ihn in der Armbeuge und dirigierte ihn aus dem Großraumbüro zurück ins Treppenhaus. Zwei weitere Gendarmen zogen sich ihre Uniformjacken über und schlossen sich ihnen an.

„Wir müssen zu einem Tatort“, erklärte Debré im Gehen. „Sind Sie dabei?“

Jules trug zwar ebenfalls Uniform und war seit dem heutigen Morgen offiziell der Gendarmerie nationale in Colmar zugeteilt, aber er fühlte sich innerlich noch nicht bereit für einen Einsatz.

Dennoch nickte er bestätigend und erkundigte sich beiläufig: „Was ist denn passiert?“

„Ein Mord“, antwortete Debré in einem Ton, als wäre das nichts Besonderes.

Jules stieß einen Pfiff aus. Mord – das fing ja gut an. Von wegen bloß Taschendiebe und Betrüger …

 

Sie liefen über einen Hof, auf dem rund um einen Masten mit der französischen Flagge mehrere weiß-blaue Einsatzwagen parkten. Jules zählte sieben, dazu noch einige Zivilfahrzeuge. Ein weiterer deutlicher Unterschied zu den gewohnten Rebenheimer Verhältnissen, wo gerade mal zwei Autos zur Verfügung standen, von denen eines meistens in der Werkstatt stand.

Capitaine Debré klemmte sich hinter das Steuer eines Citroëns, Jules setzte sich auf den Beifahrersitz. Dicht gefolgt von einem weiteren Polizeiwagen passierten sie mit heulender Sirene die Ausfahrt, noch ehe sich das stählerne Rolltor vollständig geöffnet hatte.

„Möchten Sie gebrieft werden?“, fragte Debré über das Dröhnen des Motors und das Heulen der Sirene hinweg und warf Jules einen raschen Blick zu. Währenddessen trieb er den Wagen mit rasantem Tempo in Richtung Innenstadt.

Jules’ rechte Hand tastete nach dem Haltegriff. „Ja, gern.“

„Eine Tote in einem Hotelzimmer. Der Notarzt konnte die Todesursache nicht eindeutig feststellen, deshalb kommen wir ins Spiel.“

„Was veranlasst Sie, von einem Mord auszugehen?“, erkundigte sich Jules.

Debré schnalzte mit der Zunge. „Bei dem Opfer handelt es sich offenbar um eine Prostituierte, weshalb der Arzt zunächst auf eine Überdosis getippt hat. Käuflicher Sex hängt oft mit Drogen zusammen. Aber Fehlanzeige.“

„Sie tippen auf einen gewalttätigen Freier?“

„Das liegt doch nahe, oder?“

Der Citroën schoss ungebremst über Zebrastreifen und missachtete Vorfahrtsschilder. Dabei veränderte sich das Stadtbild: Hatten sich zunächst moderne Wohnblocks aneinandergereiht, tauchten nun mehr und mehr Altbauten auf. Die ersten mit Fassaden aus rotgelbem Sandstein, dann folgte Fachwerk.

„Mit toten Nutten hatten Sie in Ihrem Winzerörtchen vermutlich nicht oft zu tun“, merkte Debré an.

„Nein, dafür aber mit einem mörderischen Weinbauer, einem Feuerteufel und einem toten deutschen Touristen“, zählte Jules die spektakulärsten Fälle der jüngsten Vergangenheit auf. „Langweilig war es bei uns auch nicht. Aber ich gebe zu: Das waren Ausnahmefälle.“

Debré quittierte das mit einem weiteren Schnalzen, offenbar sein Markenzeichen.

„Erzählen Sie mir mehr, Jules. Ich darf Sie doch beim Vornamen nennen? So halten wir das bei uns.“

„Aber ja, Capitaine“, willigte Jules ein. „Was möchten Sie wissen?“

Debré zwang das Auto in eine enge Kurve. Sie waren jetzt mitten drin im Gewirr der engen Altstadtgässchen. „Ihr Akzent klingt nach Westküste, ich tippe auf Bordeaux. Ist das Ihre eigentliche Heimat?“

Aus dieser Frage schloss Jules, dass sein neuer Chef sich nicht sehr ausgiebig mit seiner Personalakte befasst hatte. „Korrekt. Vor meiner Zeit in Rebenheim war ich in Royan an der Atlantikküste stationiert.“

„Vom Atlantik ins Elsass? Eine ungewöhnliche Wahl“, fand Debré und ließ die Sirene weiterhin heulen, während sie durch die schmalen Gassen schossen. Einige Touristen brachten sich in Sicherheit, indem sie sich an eine Hauswand drückten.

„Ich erhielt die Chance, eine eigene Station zu leiten“, begründete Jules und unterschlug einen gewichtigen Grund für seinen Umzug: die Flucht aus der zu eng gewordenen Beziehung mit seiner Exverlobten Lilou.

„Und nun schon wieder eine Versetzung auf eigenen Antrag“, konstatierte Debré. „Sie bekommen bei uns zwar etwas mehr Lohn, dafür aber waren Sie in Rebenheim Ihr eigener Herr. Weshalb geben Sie das auf? Weil es Ihnen in dem winzigen Provinznest zu langweilig wurde? Das kann kaum der ganze Grund sein.“

„Ich erhoffe mir durch den Wechsel nach Colmar, dass ich viel von Ihnen lernen kann“, lautete Jules’ diplomatische Antwort.

Debré sagte lachend: „Sie möchten sich bei uns wohl die Sporen für den nächsten Karriereschritt verdienen, was? Sie wollen es ebenfalls zum Capitaine bringen. Solange Sie nicht an meinem eigenen Stuhl sägen, können Sie auf meine Unterstützung zählen.“

Jules wusste allerdings nicht, ob sein Chef sich wirklich amüsierte oder die Heiterkeit bloß vortäuschte. Denn wer wollte schon einen möglichen Konkurrenten in den eigenen Reihen haben?


ZWEI

Unterwegs war Jules der eigenartige Baustil der Altstadthäuser aufgefallen. Sie wurden von einem gemauerten Erdgeschoss ausgehend nach oben hin immer ausladender. Daraus schloss er, dass die Grundstücke in Colmar schon zu den Entstehungszeiten dieser Gebäude begehrt und teuer gewesen sein mussten, so behalf man sich mit Erkern und Überhängen, um mehr Wohnfläche auf beschränktem Raum zu schaffen.

Sie erreichten das Gerberviertel, wo diese Bauweise zur Perfektion getrieben worden war: So hoch aufragende Fachwerkhäuser hatte Jules bislang noch nie zu Gesicht bekommen. Auch das Hôtel d’Alsace, in dem die Tote aufgefunden worden war, reihte sich da ein: eine fünfstöckige Fachwerkperle, deren Fassade mit einer Vielzahl Blumenkästen und einem ausladenden Schild aus gedengeltem Blech verziert war. Die Flächen zwischen den Holzbalken waren in weichen Pastelltönen himmelblau und zartrosa gestrichen. Nach Jules’ Ansicht ging das nur haarscharf an Kitsch vorbei. Aber einer Art von Kitsch, mit der man sich durchaus anfreunden konnte.

Den Polizeiwagen stellten sie direkt gegenüber dem Hotel im absoluten Halteverbot ab. „Kommen Sie, Jules!“, rief Debré und stieg aus.

Im Foyer, das nur wenig von der eleganten Weitläufigkeit moderner Gebäude hatte und von dunklen Tönen dominiert wurde, erwartete sie bereits die Vorhut: Zwei Uniformierte der Police municipale hatten sich links und rechts des Empfangs postiert, sehr zum Leidwesen des Portiers, der mit unglücklicher Miene vor dem Schlüsselbrett stand.

„Bonjour, messieurs“, begrüßte sie der gedrungene Mann in der steifen Jacke mit goldfarbenen Knöpfen. Im gleichen Atemzug fügte er hinzu: „Muss das wirklich sein?“

„Was?“, entgegnete Debré barsch. „Die Polizeipräsenz? Befürchten Sie, dass wir Ihre Gäste verschrecken?“ Er baute sich vor dem Empfangstresen auf. „Mein lieber Herr, wir haben es sehr wahrscheinlich mit einem Kapitalverbrechen zu tun. Rücksichtnahme auf den Hotelbetrieb können wir uns da nicht leisten.“

Da Debrés Worte keinerlei Widerspruch duldeten, schluckte der Portier nur und sagte matt: „Zimmer 303. Sie können es nicht verfehlen, denn davor steht noch ein Gendarm.“

Debré tippte sich an den Schirm der Kappe. „Merci“, sagte er ein wenig freundlicher, um gleich darauf klarzumachen: „Sie halten sich zu unserer Verfügung. Und geben Sie Ihrem Boss Bescheid. Wir wollen ihn sprechen, sobald wir zurück sind.“

Statt sich in einen schmalen Aufzug zu quetschen, bei dessen nachträglichem Einbau die Konstrukteure bei den engen Verhältnissen wahre Wunder vollbracht hatten, nahmen sie das ebenfalls beengt wirkende Treppenhaus. Ein Eindruck, den die vielen Ölgemälde mit Heimatmotiven an den Wänden nicht gerade minderten. Auf den holzbraunen Dielen war ein burgunderroter Teppich ausgerollt.

Wie angekündigt stand neben der Zimmertür ein Wachposten. Er salutierte, als er die beiden ranghöheren Polizisten auf sich zukommen sah. Ganz alte Schule, dachte Jules, der sehr wohl wusste, dass die Gendarmerie militärisch straff organisiert war. In Rebenheim hatte er die Disziplin allerdings ziemlich schleifen lassen.

Das Zimmer selbst entsprach Jules’ Erwartungen. Antik anmutende Möbel, schwere Vorhänge und ein dicker, weicher Teppich, all das in den satten Farben bürgerlicher Behaglichkeit. Jules wandte seine Aufmerksamkeit umgehend dem Opfer zu, das halb bedeckt vom Laken rücklings auf dem Bett lag. Eine junge Frau, brünettes Haar, die dunklen Augen starr zur Decke gerichtet.

„Nun, was meinen Sie, Jules?“, fragte Capitaine Debré, nachdem sie jeder für sich die Tote gemustert hatten.

„Sie ist …“, setzte Jules an.

„… nackt“, vollendete Debré den Satz. „Ja, wie Gott sie schuf. Eine Augenweide. Wirklich schade um sie. Aber sehen Sie irgendwelche Anzeichen von Gewalteinwirkung?“ Debré holte einen Kugelschreiber aus der Jackentasche und hob damit behutsam die Bettdecke an. „Nein, nichts. Auch der Unterleib wirkt unversehrt. Ganz, wie es der Notarzt angegeben hat.“ Als Nächstes inspizierte er die Armbeugen. „Keine Anzeichen von Einstichen. Unser Opfer hing also nicht an der Nadel, womit wir eine Überdosis wohl ausschließen können. Was bleibt sonst an nicht sichtbaren Todesursachen, außer Pillen oder einem Aneurysma?“

Jules, dem eine leichte Blaufärbung der Lippen nicht entgangen war, deutete auf ein Kissen, das neben dem Kopf der Toten lag. „Ersticken“, sagte er.

Debré nickte. „Ganz meine Meinung. Auch die etwas gedunsenen Wangen sprechen dafür. Wir müssen zwar die Autopsie abwarten, um ganz sicher zu sein, doch bis dahin bleiben wir sicher nicht untätig.“ Mit diesen Worten zog er sich ein Paar Latexhandschuhe über und machte sich an der Garderobe der Toten zu schaffen, die über der Lehne eines verschnörkelten Stuhls hing. Aus dem strassbesetzten Handtäschchen zog er einen Ausweis und klappte ihn auf. „Natascha Smirnowa heißt unsere erkaltete Schönheit“, las er vor. „Eine Weißrussin mit Touristenvisum. Eine Urlauberin? Wohl kaum. Die ist zum Arbeiten gekommen. Wollen wir wetten, mit was sie sich ihr Geld verdient hat?“

„Ich denke, das können wir uns sparen.“ Jules sah ihre ersten Vermutungen allein schon durch die Zusammenstellung der abgelegten Garderobe bestätigt: superkurzer Minirock, transparente Bluse, Stilettos. Zwar hatte er etwas gegen Vorurteile, in diesem Fall allerdings würde sein Kollege wohl recht behalten.

Debré steckte den Pass in ein Plastiktütchen und schaute sich in dem kleinen Zimmer um. Dann sagte er, sie sollten besser der Spurensicherung, die sich bereits auf dem Weg hierher befand, das Feld überlassen.

„Die werden sich bedanken, wie sträflich hier mit Spuren umgegangen wurde“, merkte er an. »Erst das Zimmermädchen, das die Tote gefunden hat, dann weiteres Hotelpersonal und die Sanis – ein unberührter Tatort sieht anders aus.«

Und den Rest haben wir besorgt, dachte sich Jules, während sie das Zimmer verließen.

Im Foyer hatte der traurige Portier inzwischen Gesellschaft bekommen. An seiner Seite stand ein hochgewachsener Mann im Anzug, der ebenso steif wirkte wie sein Angestellter, sein Mienenspiel jedoch besser im Griff hatte.

„Messieurs“, sagte er mit angedeuteter Verbeugung. „Darf ich mich vorstellen? Karcher ist mein Name, directeur de l’hôtel. Sie wünschten mich zu sprechen?“

„Wir wünschen es noch immer“, erwiderte Debré in ebenso affektiertem Tonfall.

 

Kurz darauf saßen sie Karcher in einem gediegenen Büro gegenüber, dessen Sprossenfenster zur belebten Fußgängerzone hinausgingen. Debré kam wieder ohne Umschweife zur Sache, seine Vorgehensweise war um einiges forscher als die von Jules.

„Wir brauchen einige Informationen von Ihnen, Monsieur Karcher.“ Debré klappte einen Notizblock auf.

„Die sollen Sie bekommen, messieurs“, versicherte Karcher. „Sie können auf meine Kooperation zählen. Aber bitte klären Sie mich auf: Weshalb der ganze Trubel? Der Tod der jungen Dame ist tragisch, sicher, jedoch kann ich keinen Grund erkennen, warum Sie das ganze Haus auf den Kopf stellen.“

„Wirklich nicht?“ Debré sah ihn scharf an. „Wie ich bereits Ihrem Pagen …“

„Empfangschef“, korrigierte Karcher.

„Meinetwegen Empfangschef. Wie ich bereits sagte, handelt es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um ein Gewaltverbrechen, und wir sind verpflichtet, es aufzuklären. Fangen wir mit dem Zimmer Nummer 303 an: Wie lautet der Name des Gastes, der diesen Raum gemietet hat? Ich nehme nicht an, dass sich Mademoiselle Smirnowa in Ihr Gästebuch eingetragen hat.“

„Smir… was?“, fragte Karcher mit nervösem Zucken der Augenlider.

„Natascha Smirnowa. So lautet der Name der toten Frau aus 303.“

Karcher hüstelte verlegen. „Bei dem Gast aus Zimmer 303 handelt es sich um Herrn Nikolas Forster, einen Geschäftsmann aus Deutschland. Dass er sich in weiblicher Begleitung befand, war uns nicht bekannt.“

„Aha“, sagte Debré, schlüpfte aus seiner Uniformjacke und hängte sie über die Stuhllehne.

Als Nächstes würde er sich wahrscheinlich die Ärmel hochkrempeln, um dem Hoteldirektor noch mehr Druck zu machen.

„Nachdem das schneller als erwartet geklärt ist, beantworten Sie mir gewiss auch meine nächste Frage“, sagte Debré.

„Und wie …“, setzte Karcher an.

„Wie was?“, entgegnete Debré gereizt.

„Wie lautet Ihre nächste Frage?“, erkundigte sich Karcher eingeschüchtert.

„Ist das nicht selbsterklärend?“, fuhr Debré ihn an. „Ich möchte wissen, wo sich Ihr Gast aus Zimmer 303 aktuell aufhält.“

Karcher schluckte. So laut, dass es Jules deutlich hören konnte.

„Er hat bereits ausgecheckt und ist abgereist“, sagte der Hoteldirektor kleinlaut.

„Das habe ich nicht anders erwartet.“ Debré drückte sein Kreuz durch. „Wann?“

„Etwa eine Stunde bevor Claire die Tote gefunden hat.“

„Claire?“

„Das Zimmermädchen.“

Reflexartig schaute Jules auf seine Armbanduhr. Zwischen Alarmierung der Polizei und ihrem Erscheinen hatte ungefähr eine halbe Stunde gelegen. Forster hatte somit annähernd zwei Stunden Vorsprung. Die deutsche Grenze lag nur etwa vierzig Fahrminuten vom Tatort entfernt. Es würde also sehr eng werden, um den Verdächtigen noch auf französischem Staatsgebiet zu schnappen. Alles andere wäre mit Kompetenzgerangel und Zeitverlust verbunden.

Debré schien ähnliche Überlegungen anzustellen. Er stand auf und schnappte sich seine Jacke. „Ich benötige sämtliche Angaben über diesen Herrn Forster, über die Sie verfügen. Adresse, Telefonnummer, alles, was er bei der Buchung angegeben hat. Und sagen Sie mir jetzt nicht, dass Sie es mit dem Anmeldebogen nicht so genau nehmen.“

„Ich bitte Sie, Monsieur Capitaine!“, erwiderte Karcher empört. „Wir sind ein ordentliches Haus.“

„Eines, in dem die Nutten ein und aus gehen, angeblich, ohne dass Sie es bemerken“, spottete Debré. „Danke für das Gespräch.“

Jules bekam das Ende der Unterhaltung kaum noch mit. Er war bereits dabei, den Namen des Verdächtigen an die Zentrale durchzugeben. Wenn die Fahndung nach Forster auch nur geringste Chancen haben sollte, musste sie sofort erfolgen. Denn Natascha Smirnowas letzter Freier war auch ihr Mörder gewesen, da war sich Jules sicher.

Jean Jacques Laurent

Über Jean Jacques Laurent

Biografie

Jean Jacques Laurent ist das Pseudonym eines deutschen Autors, der bereits zahlreiche Kriminalromane verfasst hat. Mehrmals im Jahr reist er zu seiner Familie ins Elsass, wo er Land und Leute studiert und die gute Küche genießt. Immer mit einem Gläschen Weißwein dazu, denn im Gegensatz zu...

Medien zu „Elsässer Intrigen“
Pressestimmen
magazin-koellefornia.com

„Ein wie gewohnt sehr entspannter Kriminalroman des sich gut gehen lassenden Autoren. Auch dieser Roman passt blendend in dieser Serie hinein. Genau die richtige Literatur um bei einem Glas Wein abzuschalten.“

Kommentare zum Buch
Kommentieren Sie diesen Beitrag:
(* Pflichtfeld)
Kommentar senden