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Der Wald ist SchweigenDer Wald ist Schweigen

Der Wald ist Schweigen

Kriminalroman

Taschenbuch
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Der Wald ist Schweigen — Inhalt

Wald, stoischer, stummer Wald ist der Schauplatz, an dem Kommissarin Judith Krieger ermitteln muss. Wald, der Tatort eines Mordes ist. Wald, der das Geheimnis um ein Mädchen birgt. Der Fall konfrontiert Judith mit der Trauer um einen Freund. Außerdem muss sie ausgerechnet gemeinsam mit dem ungeliebten Kollegen Manni Korzilius ermitteln. Doch sie hat keine Wahl, sie muss diesen Fall lösen, denn es geht um ihren Job und bald auch um ihre Identität.

€ 9,99 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 01.09.2016
448 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-30951-6
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 01.09.2016
384 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-97401-1

Leseprobe zu »Der Wald ist Schweigen«

Sahar International Airport Mumbay, 8. Mai

Der kleine Mann trug staubige, abgetretene Gummilatschen, Adidas-Shorts und ein Hemd, das verblichen war. Er passte nicht zu den anderen in den gebügelten Fantasieuniformen, die mit ihren polierten Metallschildern neben ihm auf Urlauber warteten. »Darshan Klein« stand auf dem Stück Pappe, das sich der kleine Mann über den Kopf hielt. Die Glastüren vor den Gepäckbändern spuckten lärmende Menschen aus. Irgendwo plärrte ein Baby. Immer wenn jemand am anderen Ende des Flughafengebäudes die Türen öffnete, waberte ein [...]

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Sahar International Airport Mumbay, 8. Mai

Der kleine Mann trug staubige, abgetretene Gummilatschen, Adidas-Shorts und ein Hemd, das verblichen war. Er passte nicht zu den anderen in den gebügelten Fantasieuniformen, die mit ihren polierten Metallschildern neben ihm auf Urlauber warteten. »Darshan Klein« stand auf dem Stück Pappe, das sich der kleine Mann über den Kopf hielt. Die Glastüren vor den Gepäckbändern spuckten lärmende Menschen aus. Irgendwo plärrte ein Baby. Immer wenn jemand am anderen Ende des Flughafengebäudes die Türen öffnete, waberte ein Schwall feuchtwarme, abgasgetränkte Luft in die klimatisierte Halle. Sandra Hughes saß am British-Airways-Ticketschalter und beobachtete den kleinen unpassenden Mann mit dem Pappschild, weil sie sonst nichts zu tun hatte. Jetzt rannten ihn zwei Geschäftsreisende beinahe über den Haufen. Sie entschuldigten sich nicht, hasteten weiter zum Info-Counter, wo sie ihre Pilotenkoffer auf den hellen Steinboden knallten. Die Hostessen hinter der Theke pflegten ihr neutrales Lächeln.
Heute Nachmittag wollte offenbar überhaupt niemand ein Ticket kaufen, die Schicht zog sich in die Länge. Sie dachte an ihren Freund, der morgen aus Sydney zurückkommen würde. Diese Jenny arbeitete schon wieder auf demselben Flug wie er und das gefiel ihr nicht. Vielleicht sollte sie Anns Rat befolgen und die Sache beenden. Sie könnte sich wieder nach England versetzen lassen, aber der Gedanke an den ewigen Nieselregen war nicht gerade ermutigend. Vielleicht sollte sie einfach die Pille absetzen. Jetzt war auch American Airlines gelandet. Eine Traube weißhäutiger, schwitzender Touristen in bunt gemusterter Freizeitkleidung quoll in die Halle. Sie zerrten ihre riesigen Hartschalenkoffer hinter sich her und wurden sofort von den Männern in den Fantasieuniformen zum Seitenausgang eskortiert. Nur der kleine Mann mit den Gummilatschen blieb übrig. Er hielt sein Pappschild noch etwas höher und ließ die Glastüren nicht aus den Augen.
Zwei Stunden späten, als der glutheiße Nachmittag draußen sich zu einer weiteren Nacht verdunkelt hatte, die keine Abkühlung bringen würde, kam der kleine Mann mit zögernden Schritten auf ihren Ticketschalter zu. Das Pappschild hatte er jetzt unter den Arm geklemmt und seine gekrümmten Schultern gaben seinem Gang etwas Geducktes, Resigniertes. Was zum Teufel … dachte Sandra, aber dann stand er schon vor ihr und sie konnte sehen, wie sehnig und hager er war und dass sein Hemd am Kragen Löcher hatte. Er roch nach Curry und frischem Koriander, »Darshan Klein«, sagte er, und ein goldener Backenzahn blitzte auf. Einer seiner Schneidezähne fehlte. Er legte einen zerknitterten Zettel auf den Tresen. »BA 756, 5:05 pm, Darshan Maria Klein.«
»Die Maschine aus Frankfurt ist pünktlich gelandet und alle Passagiere sind längst durch.« Sie war nicht sicher, ob er verstand. »It landed at five«, wiederholte sie. »No more passengers here.«
»Darshan Klein.« Es lag etwas Drängendes in seinen Worten.
Seine dunklen Augen hielten ihren Blick fest. Er deutete auf ihren Computer. Eigentlich war er gar nicht so unsympathisch.
Sandra seufzte. »Okay, ich werde nachsehen.« Sie tippte die Flugnummer und den seltsamen Namen ein. Die Maschine war pünktlich gelandet, wie sie es gesagt hatte, aber eine Person namens Darshan Maria Klein war nicht an Bord gewesen.
»I’m sorry«, wiederholte sie. »Darshan was not on this flight.«
Der Mann schien nicht zu verstehen.
»Darshan not come«, radebrechte sie.
Der Mann nickte, machte aber keine Anstalten zu gehen.
»Darshanf?, wiederholte er, zeigte erneut auf den Computer und dann auf die Uhr über dem Infoschalter.
»Oh, Sie meinen, ob es noch einen späteren British-Airways-Flug gibt? Nein, das war der letzte für heute.«
Nebenan am Air-India-Counter machten die Ticketverkäuferinnen Feierabend. Irgendwie musste sie diesen hartnäckigen Kunden loswerden. Sie rief das Buchungssystem auf und gab den Namen erneut ein. Bingo. Darshan Maria Klein war tatsächlich auf die Fünfuhrmaschine aus Frankfurt gebucht worden. Scheiß auf die Datensicherheit, dachte sie, drehte den Bildschirm ein Stück herum und winkte den Mann heran. Aufmerksam folgte er ihrem Zeigefinger.
»Darshan war tatsächlich auf die Maschine BA 756 gebucht.« Sie zeigte ihm den Namen im Buchungsmenü, wechselte dann zur Passagierliste. »Aber sie hat nicht eingecheckt, sehen Sie? In Frankfurt? Darshan not come.«
»Darshan not come«, wiederholte der Mann. Es klang traurig.
Sandra schenkte ihm ein professionelles Lächeln.
»Darshan not come. I’m sorry.«
»Tomorrow?«
Aufseufzend tippte sie auch diese Option in die Tasten.
»No. I’m sorry.« Sie stand auf und begann, die Prospekte vom Tresen einzusammeln.
Der Mann nickte zögernd und ging endlich zum Ausgang. Ein kleiner, gebeugter Schatten, der durch die Glastür glitt und mit der Nacht verschmolz, zielstrebig und lautlos wie eine Katze.

 

I. TEIL
Das Vergehen

Sonntag, 26. Oktober

Sie sehen die Frau, sobald sie die Lichtung erreichen. Sie kniet und erbricht sich. Die Wiese ist sumpfig, Grashöcker ragen daraus hervor wie strohige Perücken. Egbert Wiehl drückt seiner Frau das Pilzkörbchen in die Hand und versucht, so schnell wie möglich zu der Fremden zu gelangen, ohne nasse Füße zu bekommen. Ein sinnloses Unterfangen, es hat tagelang geregnet. Die Frau ist noch jung und hat einen blonden Pferdeschwanz. Sie schreit leise auf, als sie Egbert Wiehl wahrnimmt, und plötzlich weiß er nicht mehr, was er sagen soll. Ist Ihnen nicht gut? Brauchen Sie Hilfe? Beides ist offensichtlich, denn es ist ein kalter Morgen und trotzdem kauert die Frau mitten in einer schlammigen Pfütze. Eine Sportlerin. Er zwingt sich, nicht auf ihre langen, muskulösen Beine zu starren, die in einer engen schwarzen Trikothose stecken.
Die Frau versucht, etwas zu sagen, aber ihre Zähne klappern zu heftig. Es stinkt nach Erbrochenem. Die Frau hat sehr runde, grasgrüne Augen. Von ihrem Kinn hängt ein Spuckefaden, den sie offenbar nicht bemerkt. Jedenfalls macht sie keine Anstalten, ihn wegzuwischen. Egbert Wiehl hat das Gefühl, dass sie sich vor ihm fürchtet, und geht in die Hocke.
»Haben Sie etwas Falsches gegessen? Pilze vielleicht? Sind Sie gestürzt?« Er streckt die Hand nach ihr aus und sie zuckt zurück. Im selben Moment wird ihm bewusst, dass er das Fahrtenmesser noch in der Hand hält.
»Entschuldigen Sie, das Messer – wir sammeln Pilze, Helga und ich. Es war ja keine sehr gute Pilzsaison, zu kalt, und jetzt ist es schon spät im Jahr, aber …« Er klingt wie ein Idiot. Hastig schiebt er das Messer in den Schaft an seinem Gürtel und lächelt.
»Kommen Sie.« Er streckt ihr wieder die Hand entgegen. »Können Sie aufstehen? Sie können doch hier nicht in der Pfütze knien. Sie holen sich ja den Tod.«
Statt einer Antwort beginnt die Frau erneut zu würgen, blass und hässlich sieht ihr Gesicht dabei aus, eine verzerrte Maske.
»Meine Frau ist dort drüben, wir wollen Ihnen helfen. Ich bin Arzt, wenn auch neuerdings pensioniert.«
Hört sie ihn überhaupt?
»Kommen Sie«, drängt er einmal mehr.
Jetzt setzt die Frau sich mühsam auf. Sie zittert immer noch, hebt aber den rechten Arm und zeigt auf einen Hochsitz, der am Südrand der Lichtung im Schatten der Bäume steht.
»D-d-da.«
Egbert Wiehl folgt der Linie, die ihr Zeigefinger beschreibt, mit den Augen. Ist sie dort runtergestürzt? Unwahrscheinlich, denn sie konnte laufen, ihre Fußspuren sind gut sichtbar ins nasse Gras gedrückt. Sie führen direkt vom Hochsitz zu der Stelle, wo sie kniet.
»Egbert! Ist alles in Ordnung?« Helgas Stimme scheint von weit her zu kommen, mit einer unwirschen Handbewegung lässt er sie verstummen. Er späht zu dem Hochsitz hinüber. Krähen flattern um den hölzernen Ausguck am Ende der Leiter, drängen sich durch die seitlichen Schießscharten, ja, es sieht aus, als ob sie sogar durch das Dach tauchen und sofort wieder herauskatapultiert werden, ein taumelndes, rastloses Auf und Ab. Irgend etwas stimmt nicht.
»Warten Sie hier.« Egbert Wiehl steht schwerfällig auf. Hitchcocks Vögel fallen ihm ein, er drängt die Filmbilder beiseite, fixiert den Hochsitz. Kein Grund, sich zu fürchten, sagt er sich. Die Frau macht eine Bewegung, als wolle sie weglaufen. Er tätschelt ihre Schulter. »Bleiben Sie hier, ich sehe nach.« Keine Antwort, nur ihr fliegender Atem. Er stapft auf den Hochsitz zu. Der Himmel ist pastellblau und wolkenlos, und die Sonne klettert soeben hoch genug, um die Baumwipfel im Tal rot und gelb aufleuchten zu lassen. Vor zwei Stunden hat Helga Kaffee, Mineralwasser, belegte Brote, Äpfel, eine Tafel Nussschokolade und die Picknickdecke in den Rucksack gesteckt, den er auf dem Rücken trägt. Der Wetterbericht hat einen strahlenden Altweibersonntag versprochen. Die letzte Chance des Jahres, ein paar Reizker zu finden und die Aussicht vom Bärenberg zu genießen.
Egbert Wiehl erreicht den Fuß der Leiter und späht nach oben. Die Krähen haben überhaupt keinen Respekt vor ihm. Es sind viele, bestimmt 20 Stück.
»Schschsch«, macht Egbert Wiehl, »Schsch.«
Er stellt den Rucksack ins Gras und dreht sich um. Beide, Helga und die blonde Sportlerin, stehen nun nebeneinander und beobachten ihn. Es sieht aus, als ob Helga die Fremde festhält. Im selben Moment bemerkt er den Gestank. Süßlich. Faulig. Kranke und Sterbende riechen manchmal schlecht, aber doch nicht so. Verwesung, signalisiert sein Hirn. Vor 40 Jahren hat er das zuletzt ähnlich intensiv gerochen, als sie im Keller des Universitätsklinikums Leichen sezieren mussten. Es gab keine Klimaanlage und man konnte nie sicher sein, was einen erwartete, wenn man die Toten aus ihren Formalinbädern hob. Egbert Wiehl späht ins Unterholz, kann aber nichts Ungewöhnliches erkennen. Er versucht, möglichst flach zu atmen.
Der Gestank wird schlimmer, je höher er klettert. Die schwarzen Vögel stürzen krächzend aus dem Himmel und taumeln wieder empor. »Schsch«, macht er erneut, aber erst als er ganz oben angekommen ist, fliegen sie weg. Das Blut rauscht in seinen Ohren. Sein Mund ist trocken, die Zunge ein pelziges Tier. Das, was die Krähen zurückgelassen haben, liegt auf der hölzernen Sitzbank. Es stinkt gotterbärmlich. Es ist nackt und zerfressen. Schutzlos. Im Dach des Hochsitzes fehlen Bretter. Egbert Wiehl schluckt angestrengt. Nur das Haar der Leiche sieht noch menschlich aus. Es ist seidig und blond, wie das der Sportlerin.

***

Kriminalhauptkommissarin Judith Krieger reitet wieder. Sie galoppiert durch einen Sommerwald, in weiten Sprüngen, die sie wiegen, bis sie vergisst, dass sie und das Pferd zwei Wesen sind. Ein Schimmel. Er spricht zu ihr in einer Sprache, die sie intuitiv versteht. Eine dunkle Stimme, tief in ihr drin. Es tut weh, weil es so nah ist. Irgendein Ich von ihr weiß die ganze Zeit, dass sie nur träumt, und registriert das Telefon, aber sie hört trotzdem nicht auf, den Pferdehals zu liebkosen. Nicht aufwachen müssen. Niemals mehr. Geborgen sein, gewiegt werden wie ein Kind. Das Klingeln verstummt und wieder gibt es nur den weißen Rücken unter ihr, die Ahnung von Glück. Licht fällt durch die Baumkronen auf das Pferd und tanzt im Takt seiner Muskeln. Irgendwo tief in ihrer Brust lauert der Schmerz.
Als sie den Waldrand erreichen, will sie umkehren, aber das Pferd gehorcht ihr nicht mehr. Ich will das nicht, denkt ihr waches Ich. Will diesen Traum nicht, jedenfalls nicht dieses Ende, nicht wieder dieses Ende. Weit entfernt hinter den Feldern duckt sich ein Gehöft ins Tal. Plastikverschweißte Heuballen gleißen daneben, der Landschaft seltsam entrückt, wie eine Installation von Christo und Jeanne-Claude. Der Schmerz in Judiths Brust wird stärker, Panik mischt sich darunter, trocknet ihre Kehle aus. Du träumst, sagt ihre Vernunft. »Du musst suchen«, flüstert der Schimmel. Was denn, will sie fragen, aber da trägt er sie auf einmal vorwärts – so ist es jedes Mal –, schneller und immer schneller und es gibt keine Zügel, nur die Mähne, an die sie sich klammert, den Geruch nach Erde und Pferd und den Wind, der ihr die Tränen in die Augen treibt. Die Angst. Sie beginnt zu fallen. Halt an, ich will nicht zu diesem Hof, versucht sie zu rufen, aber die Einigkeit mit dem Schimmel ist jäh verschwunden und sie findet ihre Stimme nicht mehr, nur verzweifelte Sehnsucht und das überwältigende Gefühl von Verlust.
Im nächsten Moment ist sie allein, im Inneren des Gehöfts. Eine steile Treppe, Dunkelheit, die sie umfängt. Der Geruch ranzigen Drecks. Eine fleckige Matratze. Schmuddelige Tapeten. Irgendwo ist das Opfer. Fleisch und Knochen. Haare. Vergänglich. Zu vergänglich. Dann keine Tür mehr, keine Treppe, kein Entkommen, nur noch ein Raum mit zu niedriger Decke. Wo sind ihre Kollegen? Ein Geräusch vor dem Haus. Galoppierende Hufe. Panik. Das Pferd lässt sie allein. Sie ist allein. Sie hat es nicht geschafft. Wo verdammt noch mal ist die Tür? »Warum bist du nicht gekommen?« Patricks Stimme. Warum kann sie nicht antworten? Warum wäscht diese Panik durch ihren Körper, in jede ihrer Poren? »Ich hab es einfach nicht geschafft.« Ein heiseres Flüstern. Ist das wirklich ihre Stimme? Ihre Lippen sind steif. Sie kann Patricks Antwort nicht hören, weiß nur, dass er da ist, irgendwo hier in diesem muffigen, dunkelbraunen Raum. Die Luft wird knapp und sie kauert auf dem Boden, wittert wie ein wildes Tier. »Patrick?«, flüstert sie. So viel Hoffnung in ihrer Stimme, so viel Sehnsucht. Sie muss Hilfe holen. Nach einer endlosen Zeit entdeckt sie ihr Handy. Es liegt auf einer Fensterbank, hinter der nicht mehr die Wiese mit den Heuballen ist, nicht mehr ihr Pferd. Sie rappelt sich auf und stolpert auf das Handy zu. Aber ihre Finger sind steif und nassgeschwitzt und gehorchen ihr nicht mehr. Katapultieren das Handy mitten in eine bodenlose Schwärze und sie weiß, dass sie verloren hat.
Auf dem Anrufbeantworter im Wohnzimmer tutet das Besetztzeichen. Offenbar hat der Anrufer aufgelegt, ohne eine Nachricht aufs Band zu sprechen. Judith Krieger liegt reglos und versucht, ihren Atem zu zähmen. Sie weiß nicht, was schlimmer ist, der Moment im Traum, wenn das Pferd mit ihr durchgeht, die nicht enden wollende Einsamkeit in dem dunkelbraunen Raum oder das Aufwachen. Sie versteht diesen Traum nicht, der sie seit Monaten wieder und wieder heimsucht. Versteht nicht die Sehnsucht und die Intensität. Versteht nicht, was das Pferd bedeuten soll. Von einer kurzen, unerfreulichen Phase in ihrer Pubertät abgesehen, ist sie nie geritten.
Sie braucht Kaffee und eine Zigarette. Musik gegen schwarze Gedanken an weiße Pferde und gegen die Stille in ihrer Wohnung, die Martin in der Nacht zurückgelassen hat. Sie setzt Espresso auf und geht zur Toilette. Aus dem Flur dringen die gedämpften Anfangsakkorde von Queens Spread your Wings. Sie findet ihr Handy in der Tasche ihres Ledermantels.
»Krieger.«
»Du bist da. Gut.« Axel Millstätt. Ihr Chef.
»Es ist Sonntagmorgen.«
»Du musst ins Präsidium kommen, sofort.«
Irgendjemand hat ihr neulich erzählt, die Abhängigkeit von Zigaretten sei ähnlich stark wie die von Heroin. Sie fischt ein Blättchen und einen Filter aus ihrem Tabakpäckchen.
»Im Bergischen Land haben sie eine Leiche gefunden. Ziemlich unappetitliche Geschichte. Identität nicht feststellbar. Wolfgang hat Angina. Die anderen sind mit dem Jennifer-Fall vollauf ausgelastet. Ich möchte, dass du ins Bergische fährst und dir das ansiehst.«
Sie zündet die fertig gedrehte Zigarette an und nimmt die gurgelnde Espressokanne vom Herd. »Heißt das, dass ich die Ermittlungen leiten soll?«
»So würde ich das nicht ausdrücken.«
Pause.
»Du weißt doch selbst, die letzte Zeit …«
Judith trinkt einen Schluck Espresso, verbrennt sich, kippt den Rest in ein Glas und schüttet kalte Milch dazu. Red nicht darüber.
»Ja, ich weiß.«
»Mein Gott, Judith, das geht nicht, beim besten Willen nicht. Wir wissen doch alle, was du durchgemacht hast. Ich will ganz ehrlich sein mit dir. Du warst eine exzellente Ermittlerin, du weißt, dass ich von Anfang an auf deiner Seite war. Aber dann passierte diese unselige Geschichte – nein, lass mich jetzt ausreden. Diese unselige Geschichte mit Patrick also, und verdammt, jeder hatte Verständnis, dass du Zeit brauchtest.«
Red nicht davon.
»Aber jetzt sind zwei Jahre vergangen und dir fehlt immer noch der nötige Biss. Diese Sache im Bergischen ist eine Chance für dich.«
Nikotin und Koffein pulsieren in ihrem Kopf. Eine heiße Welle. Judith inhaliert tief, ist sich nicht sicher, ob sie eine Chance haben möchte. Ob sie sich einer Chance gewachsen fühlt.
»Manni. Du und Manni, ihr werdet das Kind schon schaukeln. Ihr berichtet an mich.«
»Manni?«
»Manni.«
Sie hört auch das, was er nicht sagt, nicht sagen muss: Friss oder stirb, dies ist deine Chance. Deine letzte Chance. Sie kann ihm das nicht einmal verdenken.
»In einer halben Stunde in meinem Büro?«
Judith bläst Rauch Richtung Decke.
»Okay.«
Axel Millstätt hat Spanielaugen. Bitterschokoladenbraune Spanielaugen, die niemals zu zwinkern scheinen. Starren ihr Gegenüber einfach so lange an, bis es sich fühlt wie ein Schmetterling, auf den die Nadel eines Insektenforschers niedersaust. Früher hat Kriminalhauptkommissarin Judith Krieger den Ehrgeiz besessen, diesem Schokoladenblick etwas entgegenzusetzen. Wie Ikarus hat sie ihre Flügel gespreizt und versucht in die Sonne zu fliegen und Millstätt hat das durchaus zu würdigen gewusst. Jetzt senkt sie den Kopf, weiß nicht, wo sie hinsehen soll. Manni stürmt ins Büro, eifrig wie ein überdimensioniertes Füllen. Seine knochigen Beine stecken in modischen Cargo-Jeans, sein Blondhaar ist auf dem Kopf zu kleinen Stacheln hochgegelt. Erwartungsvoll rutscht er auf seinem Stuhl hin und her und zerbeißt Pfefferminzbonbons, während Millstätt die wenigen Fakten herunterbetet, die ihm bekannt sind. Judith kennt Manni nicht gut, sie mustert sein Profil verstohlen von der Seite. Wie konnte es so weit kommen, dass mir so ein grünes Kerlchen gleichberechtigt an die Seite gestellt wird, fragt sie sich. Manni ist erst seit einem Jahr im KK 11, arbeitet normalerweise in einem anderen Team als sie. Judith weiß, dass er die Wochenenden in Rheindorf verbringt, dem Kaff, in dem er aufgewachsen ist, in dem er eine unübersehbare Anzahl von Kumpels hat, was wiederum die Folge des vielschichtigen Vereinslebens ist, dem er sich mit Enthusiasmus hingibt. Schützenverein, Fußballverein, Junggesellenverein. Wenn er davon erzählt, bekommt er rote Backen. Vermutlich bringt er seiner Mutter auch noch seine Wäsche und lässt sich von ihr bekochen.
Sie ist froh, dass Manni sich dazu berufen fühlt, im Präsidium zunächst die Vermisstenmeldungen zu checken sowie Spurensicherung und Rechtsmedizin zu verständigen.
»Fahr ruhig schon vor«, sagt er zu Judith. Es klingt milde, als sei er ihr Vorgesetzter und sie eine Praktikantin, die man möglichst schnell loswerden will. Judith zwingt sich, ruhig zu bleiben. Die Aussicht, den Tatort als Erste und allein zu inspizieren, ist allzu reizvoll.
Wenig später lenkt sie einen nagelneuen Ford Focus auf die Autobahn. Das absolute Filetstück des Fuhrparks der Mordkommission, das sie allein deshalb erwischt hat, weil Sonntag ist. Der Styroporbecher Kaffee, der zwischen ihren Beinen klemmt, bessert ihre Laune noch mehr. Kurz vor Lindlar sieht sie neben der Autobahn die ersten Fachwerkhäuschen mit den für das Bergische Land typischen grünen Fensterläden. Aber es gibt keine Landidylle mehr, an den Ortsrändern wuchern die unvermeidlichen Tempel der Neuzeit: Gewerbehallen, Autohäuser und Einkaufszentren. Ein paar Kühe fressen unmittelbar neben der A4 ihr Gras, vermutlich sind sie im Laufe der Zeit taub geworden oder sediert von den Abgasen. Ein Silo und in weiße Folie verschweißte Heuballen erinnern Judith wieder an ihren Traum. Sie schaltet das Radio an. Bei Bielstein verlässt sie die Autobahn und fährt über zunehmend schlechter ausgebaute Landstraßen, bis sie nach vielen Kurven und sehr viel gelbem Wald das Dorf Unterbach erreicht. Von hier sollen es noch etwa drei Kilometer bis zum Fundort der Leiche sein. Sie findet den Schotterweg, der einen Kilometer hinter dem Dorf rechts abzweigt, und das Holzschild, das ein Kollege aus dem Bergischen beschrieben hat. »Sonnenhof« steht in verschnörkelter Schrift darauf. »ZUM ASCHRAM« hat jemand mit violetter Farbe auf den Baumstamm gesprüht, an dem das Schild befestigt ist.
Der Schotterweg führt in Serpentinen ins Tal, hohe Nadelbäume verschlucken das Licht. Judith wirft einen Blick auf das Display ihres Handys – kein Netz mehr. Das Tal erscheint unwirklich, als stamme es aus einem dieser Bauernhof-Sets für Kinder. Es gibt Schafkoppeln und Wiesen mit alten Obstbäumen, zwei zottelige Esel und einen Bach. Hof, Scheune und Nebengebäude stehen unorthodox durcheinander, als hätte der kindliche Bauherr diese letzten Bauklötzchen willkürlich in die Mitte der Wiese gestreut. Dies ist nicht die Landschaft aus ihrem Traum, kein weißes Pferd ist zu sehen und doch erscheint die Erinnerung daran auf einmal wie ein böses Omen. »Sonnenhof – Welcome«, das Schild ist an einen Pfosten neben einem matschigen Parkplatz genagelt. Ein Mann lehnt am Zaun und sieht ihr entgegen. Er trägt weiße Baumwollhosen und ein orangefarbenes T-Shirt, das überhaupt nicht zu seinem roten Pferdeschwanz passt. Seine nackten Füße stecken in Badelatschen aus Plastik. Judith lässt das Fenster herunter.
»Hallo, ich will zum Erlengrund. Irgendwo muss ein Weg dorthin abzweigen. Können Sie mir sagen, wo?«
Er lächelt, was sein Gesicht wie eine Kreuzung von Boris Becker und Kermit dem Frosch aussehen lässt.
»Presse?«
»Kennen Sie den Weg?«
»Klar.« Er beugt sich zu ihr herunter. »Aber da ist alles abgesperrt. Die Bullen werden dich nicht ranlassen – und wenn du sie noch so nett anlächelst.«
Sie sieht ihm direkt in die hellblauen Augen. Wartet. Er gibt nach.
»Den Weg entlang, über die Brücke und vor den Teichen rechts. Ist ziemlich matschig dort. Sag nachher nicht, ich hätte dich nicht gewarnt.«
»Danke. Wissen Sie, was passiert ist?«
Er mustert sie. »Jemand ist tot. Keiner vom Sonnenhof.«
»Sind Sie sicher?«
»Hier fehlt niemand.« Er sieht jetzt überhaupt nicht mehr freundlich aus. Verschränkt die blassen Arme vor der Brust und tritt einen Schritt zurück.
»Warum tragen Sie eigentlich keine Socken? Ihre Füße sind ja schon ganz blau.«
Zu ihrer Überraschung scheint ihn diese Frage zu amüsieren. Er zwinkert ihr zu.
»Ciao, Presselady. Komm mal auf eine Yogastunde vorbei, wenn du noch mehr Fragen hast.«
»Ciao, ciao.« Judith gibt Gas. Yoga. Vielleicht wird sie Kermit beim Wort nehmen. Sie ist ziemlich sicher, dass ihm das nicht gefallen würde.
Am Ende des Tals entdeckt sie den Holzsteg und lenkt den Ford im Schritttempo darüber. Unmittelbar dahinter liegen die Teiche, starr und glitzernd, wie aus flaschengrünem Glas. Rechts davon führt ein Weg in den Wald, der in der Tat äußerst matschig ist. Judith hält ihren Wagen exakt in der Spur, die andere Fahrzeuge vor ihr gegraben haben. Die Absperrung, die sie nach etwa fünf Minuten erreicht, besteht aus zwei jungen Beamten von der Schutzpolizei, die von einem Bein auf das andere treten und Judiths Dienstausweis sorgfältig kontrollieren. Der Erlengrund ist eine sumpfige Lichtung von etwa 100 Meter Durchmesser. Mehrere Polizeiautos und ein grün-weißer Bus stehen auf dem Waldweg am Rand. Judith parkt hinter einem Kombi und steigt aus.
Obwohl die Sonne direkt über der Lichtung steht, ist es kalt. Es riecht nach Pilzen und nach vermoderndem Laub. Aus den Polizeiautos dringt das gedämpfte Gezische und Gepiepse des Funkverkehrs. Ein grauhaariger Mann läuft auf sie zu.
»Hans Edling. Sind Sie vom KK 11?«
»KHK Judith Krieger, ja.«
Sie geben sich die Hand.
»Am besten schauen Sie erst mal selbst. Sieht ziemlich übel aus, der Knabe. Ich hab sofort bei euch in Köln angerufen.«
Er dreht sich abrupt um und springt über einen Graben auf die Lichtung.
»Sehen Sie den Hochsitz dort drüben? Da liegt er. Spaziergänger haben ihn gefunden. Die sitzen jetzt hier im Bus. Ein Kollege ist auf dem Hochsitz und passt auf. Soll ich mit rübergehen?«
»Danke, nicht nötig. Je weniger Spuren … «
»Ja.« Er springt zurück auf den Weg. »Wir sehen uns dann gleich.«
Erlengrund, überlegt Judith, während sie durch das nasse Gras läuft. Vermutlich gibt es hier Erlen, aber wie sehen die eigentlich aus? Das Gedicht vom Erlkönig fällt ihr ein, die Deutschlehrerin mit den nervösen Haselmausaugen, die hinter ihrer Schildpattbrille hin und her flitzten. Sie hatte eine wunderschöne Stimme, ganz weich und melodisch, aber in der neunten Klasse hat ihr niemand mehr zuhören wollen und Judith hat sich nicht getraut, sich der Meinung ihrer Klassenkameraden zu widersetzen. Wer reitet so spät durch Nacht und Wind, rezitiert Fräulein Meinert in Judiths Kopf. Verdammt, schon wieder reiten. Ein Kind hat Angst und stirbt, darum geht es in dem Gedicht. Der Erlkönig bringt den Tod. Erlkönig, Erlengrund. Jetzt reiß dich bloß zusammen, Judith.
Sie sieht sich mit neuer Aufmerksamkeit um. Fußspuren führen aus verschiedenen Richtungen zum Hochsitz, einen befestigten Weg über die Lichtung gibt es nicht. Sie werden klären müssen, von wem welche Spur stammt. Die Sonne steht hoch. Mit den bunten Herbstbäumen und den glitzernden Pfützen wäre die Lichtung ohne weiteres ein lohnendes Motiv für Landschaftsfotografen. Nichts deutet darauf hin, dass hier eine Gewalttat geschehen ist. Die Welt ist schön und die Menschen tun alles, um einander das Leben zur Hölle zu machen, denkt Judith. Der Hochsitz steht halb versteckt zwischen lichten Bäumen. Als sie ihn erreicht hat, klettert ein Polizist die Leiter herunter. Er hat einen Schal über Mund und Nase gebunden, den er mit einer schnellen Bewegung abstreift.
»Hallo, Kollegin, an den Geruch gewöhnt man sich nie.«
»Warum warten Sie nicht hier unten?«
Er deutet mit dem Daumen zu einem Baum, in dessen kahler Krone große schwarze Vögel sitzen.
»Geht leider nicht, wegen der Aasgeier.«
Er steckt sich eine Marlboro an und inhaliert gierig. Judith betrachtet den Hochsitz. Ihre Füße sind nass. Es riecht nach Tod. Das einzige Geräusch ist das heisere Geschrei der schwarzen Vögel. Sie zieht sich Latexhandschuhe und Schuhüberzieher an. Man stellt es sich jedes Mal schlimm vor, aber immer noch ist es doch anders, denkt sie, als sie oben angekommen ist. Dann zwingt sie sich, ganz genau hinzusehen.

 

Gisa Klönne

Über Gisa Klönne

Biografie

Gisa Klönne, geboren 1964, ist die Autorin von mittlerweile sechs erfolgreichen Kriminalromanen um die Kommissarin Judith Krieger. Daneben legte die unter anderem mit dem Friedrich-Glauser-Preis ausgezeichnete Autorin mit »Das Lied der Stare nach dem Frost« und »Die Wahrscheinlichkeit des Glücks«...

Weitere Titel der Serie »Judith-Krieger-Krimis«

Bei der Kriminalpolizei ist Judith oft die einzige Frau unter Männern – und als studierte Juristin eine Quereinsteigerin. Sie ist eigensinnig und verletzlich. Klug und intuitiv. Leidenschaftlich und hartnäckig. Sie hört 70er-Jahre-Rock, sieht aus wie ein Hippie und träumt von Gerechtigkeit – wohl wissend, dass es die selten gibt. Sie lebt allein und schläft zu wenig, weil ihre Gespenster sie bis in die Nächte verfolgen: Die Opfer ungelöster Mordfälle. Die Täter. Und ihre ganz persönlichen Toten.

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