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Der kleine Chor der großen Herzen Der kleine Chor der großen Herzen

Der kleine Chor der großen Herzen

Roman

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Der kleine Chor der großen Herzen — Inhalt

Singen macht glücklich! Nach „Der kleine Ort zum Glücklichsein“ folgt mit „Der kleine Chor der großen Herzen“ der zweite Band der wunderbaren Herzbach-Reihe von Janina Lorenz!

Im beschaulichen Dorf Herzbach werden Wünsche wahr – wenn man nur fest daran glaubt. 

Helle Aufregung in Herzbach! Der Chorwettbewerb „Hast du Töne?“ winkt mit einem hohen Preisgeld. Das kleine Dorf im Münsterland hat zwar keinen Chor, dafür aber ein Gemeindehaus, das dringend renoviert werden muss. Yogalehrerin Sara und Pianist Marvin trommeln die Bewohner zusammen. Aber als alle gemeinsam die ersten Töne anstimmen, wird schnell klar:

Wenn sie gewinnen wollen, brauchen sie Unterstützung. Journalistin Sophie war in ihrer Kindheit ein musikalisches Wunderkind, doch nach einem tragischen Vorfall hat sie ihre Karriere als Violinistin aufgegeben. Ob sie helfen kann? Die Zeit drängt – und zu allem Übel bringen Streitigkeiten unter den Sängern das ganze Projekt in Gefahr …

€ 10,00 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 06.07.2020
336 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-31552-4
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 06.07.2020
304 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99541-2

Leseprobe zu „Der kleine Chor der großen Herzen “

1

Sophie „Sophie, warte mal!“

Erschrocken fuhr ich zusammen. Einen Moment lang dachte ich darüber nach, die Stimme meiner Chefredakteurin zu ignorieren. Es war Freitagabend, durch die Fenster unseres Büros schien warm die Augustsonne, und im Biergarten am Aasee wartete meine Freundin Sara, die immer zu früh dran war, sicher schon mit einem Glas prickelnder Weißweinschorle auf mich. Bestimmt hatte sie dazu einen Korb von dem knusprigen Weißbrot bestellt, das mit hausgemachtem Aioli und Oliven serviert wurde. Bei dem Gedanken lief mir das Wasser im Mund [...]

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1

Sophie „Sophie, warte mal!“

Erschrocken fuhr ich zusammen. Einen Moment lang dachte ich darüber nach, die Stimme meiner Chefredakteurin zu ignorieren. Es war Freitagabend, durch die Fenster unseres Büros schien warm die Augustsonne, und im Biergarten am Aasee wartete meine Freundin Sara, die immer zu früh dran war, sicher schon mit einem Glas prickelnder Weißweinschorle auf mich. Bestimmt hatte sie dazu einen Korb von dem knusprigen Weißbrot bestellt, das mit hausgemachtem Aioli und Oliven serviert wurde. Bei dem Gedanken lief mir das Wasser im Mund zusammen. Mit einem melodischen Pling öffnete der Fahrstuhl vor mir seine Türen. Mein Kollege Henry, der bei uns für die Sportthemen zuständig war, nickte mir freundlich zu und rückte ein Stück zur Seite, damit ich eintreten konnte.

„Sophie!“, rief meine Chefin erneut, diesmal so laut, dass ich schon hätte taub sein müssen, um sie zu überhören.

„Zu spät“, seufzte ich und schenkte Henry ein bedauerndes Lächeln, das er voller Mitgefühl erwiderte. Dann schlossen sich die Türen, und der Fahrstuhl fuhr ohne mich nach unten. Als ich mich umdrehte, stand meine Chefredakteurin bereits direkt vor mir. Sie lächelte mich an, und ihre grünen Augen blitzten. Mit ihren neunundvierzig Jahren war Charlotte Sommer beinahe auf den Tag genau zwanzig Jahre älter als ich, doch sie besaß die schier unerschöpfliche Energie eines Kindes.

Der Münsterlandspiegel, das vierzehntägig erscheinende Lokalmagazin, für das ich als Journalistin schrieb, hatte kurz vor der Einstellung gestanden, bis Charlotte vor zwei Jahren das verstaubte Ruder übernommen und noch einmal herumgerissen hatte. Mit ihrem untrüglichen Gespür für spannende und bewegende Storys hatte die gebürtige Münchenerin das Unmögliche geschafft und den Sinkflug der Absatzzahlen nicht nur aufgehalten, sondern ins Gegenteil verkehrt. Monat für Monat gewannen wir neue Leser dazu. Doch wie das mit Genies so war, hatte Charlotte auch ihre Schattenseiten. Ihr Temperament war legendär. Ging es mit ihr durch, tat man gut daran, den Kopf einzuziehen und in Deckung zu gehen. Zum Glück waren ihre Wutausbrüche nie von Dauer, und abgesehen von dieser Eigenschaft, die für mich als Westfälin doch eher gewöhnungsbedürftig war, mochte ich sie gern. Zumindest wurde es mit ihr nie langweilig. Was sie wohl diesmal von mir wollte? Ich stützte die Hände in die Hüften, legte den Kopf schief und musterte sie prüfend.

Das Lächeln um Charlottes kirschrot geschminkte Lippen vertiefte sich. „Du schaust mich an, als hätte ich einen Anschlag auf dich vor. Dabei möchte ich dich nur um einen winzigen Gefallen bitten.“ Um ihre Worte zu unterstreichen, hielt sie Daumen und Zeigefinger ihrer rechten Hand gerade so weit auseinander, dass sie sich nicht berührten.

Gegen meinen Willen musste ich grinsen. „Als du mich das letzte Mal um einen winzigen Gefallen gebeten hast, ging es mir noch drei Tage später hundeelend.“

Meine Chefin lachte ihr heiseres Lachen, das so gar nicht zu ihrer glamourösen Erscheinung passen wollte. Mit dem funkelnden Schmuck hätte ich unweigerlich ausgesehen wie ein kleines Mädchen, das Verkleiden spielte. Charlotte dagegen verkörperte die pure Eleganz. Sie duftete nach teurem Parfum, und zu ihren üppigen Colliers trug sie Seidenkleider in Edelsteinfarben, die leise raschelten, wenn sie sich bewegte. Das heute traf den Ton ihrer Augen, und ihr dickes, kupferrotes Haar war wie immer zu einem aufwendigen Knoten frisiert.

„Du bist so undankbar, Sophie“, erwiderte sie scherzend und begann aufzuzählen: »Eine bildschöne Braut, ein romantisches Wasserschloss und dazu lauter Promis auf der Gästeliste … Andere Journalisten hätten ihre Seele dafür verkauft, über die Hochzeit von Alexander Hovens kleiner Schwester berichten zu dürfen. Und was machst du? Anstatt dich mit den Gästen zu unterhalten und Anekdoten für unsere nächste Ausgabe zu sammeln, veranstaltest du ein Wetttrinken mit dem Mann.«

In gespielter Missbilligung schnalzte sie mit der Zunge. Ich machte mir nichts daraus, denn ich wusste genau: Solange ich am Ende einen guten Artikel ablieferte, konnte ich auf dem Münsteraner Prinzipalmarkt Purzelbäume schlagen, ohne dass Charlotte daran Anstoß nehmen würde. Und mein Bericht über die Hochzeit von Leonie Hoven mit dem oscarprämierten Regisseur Ferdinand von Tassel letzten Monat hatte ihr gut gefallen. Dennoch zog ich es vor zu schweigen. Denn nach der Feier hatte die Geschichte über mein „spektakuläres Trinkgelage mit dem Bruder der Braut“ in unserer Redaktion die Runde gemacht, und die gutmütigen Neckereien waren erst abgeflaut, nachdem ich aufgehört hatte, darauf einzugehen. Voller Unbehagen dachte ich an den Münsterländer Lagerkorn, dem ich in jener Nacht auf so unvernünftige Weise zugesprochen hatte, und ein verschwommenes Bild blitzte in meinem Kopf auf. Ich sah mich selbst, wie ich am nächsten Tag in meinem Schlafzimmer aufgewacht war – quer über dem Boxspringbett liegend, im dunkelblauen Paillettenkleid und mit solch fürchterlichen Kopfschmerzen, dass ich überzeugt war, mein letztes Stündlein hätte geschlagen. Bei der Erinnerung begann mein Magen zu rumoren. Beruhigend legte ich eine Hand auf meinen Bauch.

„Zugegeben“, räumte ich schließlich doch ein, „das war nicht die allerbeste Idee. Aber ich bin eben Wirtschaftsredakteurin. Solche Schickimicki-Veranstaltungen sind nichts für mich. Außerdem ist Alexander Hoven der älteste Freund meines Bruders. Da ist es doch selbstverständlich, dass man ein Gläschen zusammen trinkt. Oder auch ganz viele“, fügte ich hinzu und verzog schmerzhaft das Gesicht.

Charlotte lachte erneut und legte mir ihre perfekt manikürte Hand auf den Arm. „Jetzt komm schon“, meinte sie beschwichtigend. „Es ist wirklich ein schöner Auftrag. Wir gehen in mein Büro, da erzähle ich dir die Details.“

Ich blickte auf meine Armbanduhr und unterdrückte ein Stöhnen. „Eigentlich habe ich jetzt eine Verabredung, Charlotte.“

„Es geht ganz schnell. Versprochen.“

 

Jedes Mal, wenn ich Charlottes Büro betrat, hatte ich das Gefühl, mich in einem Wohnzimmer zu befinden. Die Wände waren in einem zarten Grau gehalten. Für Farbakzente sorgten die Werke von Moona!, einer Künstlerin aus meinem Heimatort Herzbach, die sich mit knallbunten Porträts bekannter Persönlichkeiten einen Namen gemacht hatte. Weiche Vorhänge, ein flauschiger weißer Teppich auf dem Parkettboden und eine Sitzlandschaft mit unzähligen Kissen vervollständigten den wohnlichen Eindruck. Das einzige Zugeständnis an Charlottes Job als Chefredakteurin war ein gläserner Schreibtisch, auf dem ein aufgeklappter Laptop stand.

Während sie zum Kühlschrank ging, der hinter einer weißen Blende versteckt war, stellte ich mich ans Fenster und genoss den Blick auf den Aasee, der sich direkt hinter der anderen Straßenseite auf einer Fläche von vierzig Hektar erstreckte. Umgeben von gepflegten Grünanlagen und malerischen Spazierwegen zählte der Stausee zu Münsters beliebtesten Ausflugszielen. Auch heute waren unzählige Tretboote und Segelschiffe auf dem Wasser unterwegs. Im Licht der Abendsonne hatte es den Anschein, als würden sie durch ein Meer aus Gold pflügen. Weiter hinten konnte ich die hohen Bäume des Biergartens erkennen, in dem ich verabredet war. Sara fragt sich sicher schon, wo ich bleibe, dachte ich mit schlechtem Gewissen. Ich hatte ihr noch nicht einmal eine Nachricht geschrieben.

Als ich gerade mein Handy hervorholen wollte, um das Versäumte nachzuholen, trat Charlotte neben mich und reichte mir ein Mineralwasser in einem der sündhaft teuren französischen Kristallgläser, die wir ihr mit dem gesamten Redaktionsteam zum Einstand geschenkt hatten. Sie selbst trank nichts. Stattdessen hob sie die Arme und intonierte mit bedeutungsschwerer Stimme: „Hast du Töne?“

Ich nahm einen Schluck von meinem Wasser und wartete darauf, dass sie fortfuhr. Als sie keine Anstalten machte, runzelte ich verwirrt die Stirn. „Wie meinst du das: ›Hast du Töne?‹?“

Ein schelmischer Ausdruck trat in ihre Augen. Den Blick kannte ich! Meine Chefin liebte es, einen Wissensvorsprung zu haben und diesen genüsslich in die Länge zu ziehen, um die Spannung zu erhöhen.

Erneut sah ich auf meine Armbanduhr. „Bitte, Charlotte. Ich habe es wirklich eilig. Drüben im Biergarten wartet eine Freundin auf mich.“ Eine Sekunde lang wirkte meine Chefin enttäuscht, dass ich nicht auf ihr Spiel einging, doch schließlich überwog die Freude, ihre Informationen mit mir zu teilen.

„Also schön“, lenkte sie ein und räusperte sich. „Es geht um Alexander Hoven.“ Ich konnte ihr ansehen, dass ihr eine weitere Bemerkung über unser Wetttrinken auf der Zunge lag, doch sie schluckte sie in letzter Sekunde herunter. „Wie du bestimmt weißt“, fuhr Charlotte stattdessen fort, „ist er nicht nur der älteste Freund deines Bruders, sondern auch einer der erfolgreichsten deutschen Unternehmer. Nicht schlecht für einen Jungen vom Dorf.“

Meine Chefin wirkte beeindruckt, was selten der Fall war. Ich spürte heißen Stolz auf Alex in mir hochsteigen. Daher beschloss ich, über die großstädtische Herablassung hinwegzusehen, die beim Wort „Dorf“ in ihrer Stimme mitgeschwungen war. Als ich klein war, hatte es Alex und meinen Bruder Jascha, der zehn Jahre älter war als ich, nur im Doppelpack gegeben. Eine Zeit lang hatte es sich für mich so angefühlt, als hätte ich zwei große Brüder.

Versonnen legte Charlotte eine Hand auf ihr Collier. „Auch wenn Alexander Hoven seit Jahren in London wohnt, ist er seiner Heimat, dem Münsterland, noch immer tief verbunden. Deshalb hat er exklusiv für die Region den Chorwettbewerb Hast du Töne? ins Leben gerufen. Das Event findet Anfang Oktober in der Halle Münsterland statt und geht über ein ganzes Wochenende. Ein richtiges Großereignis also.“

Sie hielt inne und wartete gespannt auf meine Reaktion. Mir wurde bewusst, dass sie Begeisterung von mir erwartete, doch ich konnte nicht vorgeben, was ich nicht empfand. Im Gegenteil. Das Wort Chor hatte genügt, um alle meine Sinne in Alarmbereitschaft zu versetzen. Was mochte Alex dazu bewogen haben, von allen Dingen, die er für seine Heimat tun konnte, ausgerechnet einen Chorwettbewerb zu veranstalten? Er war so musikalisch wie ein Stein. Das ergab doch überhaupt keinen Sinn!

Charlottes Miene verdüsterte sich. „Sag nicht, du weißt es längst und hast mir nichts davon erzählt?“ Offenbar deutete sie meinen versteinerten Gesichtsausdruck als schlechtes Gewissen. Sie musterte mich voller Misstrauen. „Habt ihr etwa auf der Hochzeit seiner Schwester darüber gesprochen?“

Ich riss mich, so gut es ging, zusammen und winkte ab. „Wenn es so war, kann ich mich jedenfalls nicht daran erinnern“, scherzte ich matt. Zwar wies mein Gedächtnis tatsächlich Lücken auf, was jenen Abend betraf, doch ich war mir sicher, dass Alex keinen Chorwettbewerb erwähnt hatte. Daran hätte ich mich erinnert.

Meine Worte schienen Charlotte zu besänftigen, denn sie lächelte bereits wieder. „Nun“, meinte sie aufgeräumt. „Mitmachen darf jeder Erwachsenenchor, solange er aus dem Münsterland stammt. Dem Gewinnerensemble winken dreißigtausend Euro. Ist das nicht großzügig? Die Preisgelder sind sonst viel kleiner. Beim Deutschen Chorwettbewerb in Freiburg wurden sie in diesem Jahr sogar ganz gestrichen. Andererseits sprechen wir hier von Alexander Hoven. Wenn es sich einer leisten kann, dann er.“

Ich atmete tief durch. Die Richtung, in die sich unser Gespräch entwickelte, gefiel mir ganz und gar nicht.

„Und was habe ich damit zu tun?“, erkundigte ich mich vorsichtig.

„Sophie.“ Charlotte gelang das Kunststück, gleichzeitig mild und streng auszusehen. Wie eine Grundschullehrerin, die sich gezwungen sah, ihrer Lieblingsschülerin etwas Offensichtliches zu erklären. »Ich weiß, dass du für Wirtschaftsthemen brennst. Doch du kennst Alexander Hoven persönlich. Du stehst ihm nahe. Ich möchte, dass du ein Interview mit ihm führst. Gemeinsam singen liegt im Trend – unsere Leser wollen mehr darüber erfahren.«

„Nein“, platzte ich heraus und setzte dazu die finsterste Miene auf, zu der ich imstande war. Zu meinem Leidwesen erzielte dies nicht den gewünschten Effekt, denn Charlotte hatte Mühe, ihr Lächeln zu verbergen.

„Wenn du noch mit dem Fuß auf dem Boden aufstampfen möchtest, bitte sehr, tu dir keinen Zwang an. Ich warte solange.“

Sie schlenderte zum Sofa und nahm demonstrativ darauf Platz. Mir war klar, wie kindisch ich mich verhielt, doch nachgeben wollte ich auch nicht. Also blieb ich weiter am Fenster stehen, biss die Zähne zusammen und schwieg. Charlotte wartete ein paar Sekunden, dann klopfte sie mit einer Hand auf das Polster neben sich. Erst ganz sanft, dann mit zunehmender Beharrlichkeit, bis sich meine Mundwinkel wie von selber hoben und ich ihrer Einladung folgte.

„Du würdest mir einen großen Gefallen tun“, versicherte sie mir, nachdem ich mein Glas auf dem Beistelltisch abgestellt und mich neben sie gesetzt hatte. „Nicht nur, weil du Alexander Hoven kennst, sondern weil du gut bist. Du hast einen unverwechselbaren Stil.“ Sie brach ab, als wäre ihr gerade ein neuer Gedanke gekommen, und sprach dann mit gesenkter Stimme weiter. „Oder gibt es einen Grund, warum du ihm nach der Hochzeit nicht mehr begegnen möchtest?“

Entgeistert starrte ich sie an. „Ich hatte nichts mit Alexander Hoven, falls du das andeuten willst“, entgegnete ich, nachdem ich mich von meiner Überraschung erholt hatte. „Allein der Gedanke ist absurd. Alex ist wie ein Bruder für mich.“ Ich richtete mich kerzengerade auf. „Es geht mir ausschließlich um das Thema, Charlotte. Um einen guten Artikel zu schreiben, braucht es Empathie und Leidenschaft. Wenn ich an Chormusik denke, empfinde ich weder das eine noch das andere.“

Charlotte schwieg einen Moment und betrachtete mich nachdenklich. „Ich hätte dich nicht für arrogant gehalten, Sophie“, sagte sie schließlich.

Ich machte große Augen. „Arrogant? Wieso denn arrogant?“, fragte ich, weil ich nicht die geringste Ahnung hatte, worauf sie anspielte.

Charlotte kreuzte damenhaft die Fußknöchel übereinander. „Du warst früher eine sehr bekannte Violinistin. Vielleicht zu bekannt, um über westfälische Laienchöre zu berichten?“

Ich schluckte betroffen. »Das ist nicht wahr. Es ist nur …« Ich verstummte und wandte den Blick ab.

»Es ist nur …?«, wiederholte Charlotte sanft.

Mein Mund wurde trocken. „Ich mag eben diese Art von Gesang nicht“, antwortete ich rau. „Und was ist überhaupt mit Lilly?“, schob ich schnell hinterher, um ihr die Gelegenheit zu nehmen, meine Aussage zu hinterfragen. „Sie ist bei uns für die Kulturthemen verantwortlich. Das ist nach Leonie Hovens Hochzeit die zweite Story, die ich an ihrer Stelle übernehmen soll. Meinst du nicht, dass sie das kränken wird?“ Ich legte meine Stirn in Falten. Ganz so, als könnte ich das Unwetter schon sehen, das sich am Horizont zusammenbraute, um unsere Redaktion in Schutt und Asche zu legen.

Charlotte drohte mir belustigt mit dem Zeigefinger. „Gib dir keine Mühe, meine Liebe. Ich durchschaue dich.“ Sie fixierte mein Gesicht, und ihre Miene wurde schlagartig ernst. „Ich verstehe, dass du deinen Schwerpunkt woanders siehst“, sagte sie nach einer kurzen Pause. „Das tue ich wirklich. Dennoch: Wir sind Journalisten. Wir müssen in der Lage sein, über den Tellerrand hinauszuschauen, wenn es die Situation erfordert. Bei der Hochzeit von Leonie Hoven bist du eingesprungen, weil sich Lilly an dem Tag nicht wohlgefühlt hat. Und was das Interview mit Alexander Hoven angeht, bist du nun einmal am besten geeignet für den Job. So einfach ist das.“ Charlotte klatschte in die Hände und sandte mir damit die unmissverständliche Botschaft, dass sie nicht bereit war, von ihrer Entscheidung abzurücken.

Ich begriff, dass ich verloren hatte. Charlotte war meine Chefredakteurin und hatte in dieser Angelegenheit bereits mehr Geduld bewiesen, als sie normalerweise an den Tag legte. Es ist nur ein Interview, versuchte ich mich zu trösten. Mit Alex, den ich seit meiner Geburt kenne. Charlotte hatte mit keinem Wort verlangt, dass ich den Wettbewerb vor Ort begleitete. Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken. Allein die Vorstellung, ein Wochenende lang eingesperrt zu sein, mit Dutzenden Chören um mich herum, mit Gängen und Fluren voller Klänge und Gesang, mit Musik, die aus jedem Raum schallte und vor der es kein Entrinnen gab, genügte, damit sich mein Herz verkrampfte. Ich verscheuchte den Gedanken und holte tief Luft.

„Ich rufe Alex am Montag an und vereinbare einen Termin mit ihm.“

Charlotte nickte zufrieden. „Das wollte ich hören“, antwortete sie. „Ich danke dir, Sophie. Und jetzt will ich dich nicht länger aufhalten, du bist schließlich verabredet. Ich wünsche dir ein schönes Wochenende.“

2

Sophie Ich war außer Atem, als ich zehn Minuten später den Biergarten erreichte. Mein Jeanskleid klebte mir am Körper, und mein kurzes, dunkelblondes Haar kringelte sich im Nacken vor Feuchtigkeit, so schnell war ich die fünfhundert Meter von der Redaktion hierhin gelaufen. Suchend blickte ich mich um, bis ich Sara an einem der Tische im hinteren Bereich entdeckte. Sie war aufgestanden und winkte mir fröhlich zu. Augenblicklich hob sich meine Laune, und mit neuer Energie bahnte ich mir einen Weg durch die Menge. Da Münster eine beliebte Studentenstadt war, bestand das Publikum überwiegend aus jungen Leuten, aber es gab auch Familien mit Kindern und Gruppen von Geschäftsleuten, die bei einem kühlen Pils das Wochenende einläuteten. Die Kellner wuselten geschäftig umher und brachten Getränke und Platten mit herrlich duftenden Tapas zu den Tischen.

Sara und ich umarmten uns zur Begrüßung.

„Es tut mir leid, dass ich so spät bin“, sagte ich schuldbewusst. „Meine Chefredakteurin hat mich aufgehalten. Ich wollte dir eine Nachricht schreiben, habe es aber nicht mehr hinbekommen. Wie auch immer: Die erste Runde geht auf mich.“

Sara schenkte mir ihr Grübchenlächeln, das so bezaubernd war, dass ich unwillkürlich mitlächeln musste. „Alles gut. Du musst dich nicht entschuldigen. Ich habe mir die Wartezeit versüßt.“ Sie wies auf ihr Weinglas, das so gut wie leer war. „Dir habe ich auch eine Weißweinschorle bestellt, nur wird sie inzwischen warm sein.“

„Das macht überhaupt nichts.“ Ich ließ mich ihr gegenüber auf den Stuhl sinken und nahm einen tiefen Schluck. „Sie schmeckt trotzdem.“

Sara betrachtete mich aufmerksam. „Ist etwas passiert? Du siehst gestresst aus.“

Ich nahm mir eine Scheibe von dem knusprigen Weißbrot, von dem ich schon in der Redaktion geträumt hatte, und bestrich sie großzügig mit Aioli. Während ich aß, gab ich wieder, was sich im Büro ereignet hatte. „Und nun führe ich also ein Interview mit Alexander Hoven“, schloss ich, „über einen Chorwettbewerb namens Hast du Töne?“ Ich griff erneut nach meinem Weinglas und setzte es an die Lippen.

„Du sagst das so, als sei das etwas Schlimmes“, erwiderte Sara amüsiert.

„Ich bin Wirtschaftsredakteurin“, wiederholte ich meine Worte, die ich auch schon Charlotte gegenüber geäußert hatte, wobei ich die erste Silbe meiner Jobbezeichnung vielsagend betonte. Ein Kellner eilte vorbei, und Sara hob die Hand, um ihn auf uns aufmerksam zu machen.

„Na und?“, bemerkte sie, ohne mich anzusehen. „Ich bin Steuerberaterin. Trotzdem mag ich Musik. Und du entstammst einer Familie von Geigenbauern. Dein Vater verkauft seine Instrumente in die ganze Welt. Du bist mit der Musik aufgewachsen und hast Geige gespielt, bevor du ganze Sätze bilden konntest. Diesen Artikel schreibst du doch mit links.“ Jetzt fuchtelte sie mit beiden Armen, bis der Kellner in ihre Richtung blickte und durch ein Nicken zu verstehen gab, dass er gleich zu uns kommen würde.

Nachdenklich betrachtete ich Saras ebenmäßiges Profil. Wir wohnten beide in Herzbach, einem bezaubernden kleinen Ort, der dreißig Kilometer von Münster entfernt am Ufer der Stever lag. Dort waren wir Tür an Tür aufgewachsen, doch angefreundet hatten wir uns erst vor Kurzem. Sara war vier Jahre älter als ich, eine Zeitspanne, die in Kinderaugen ein halbes Leben bedeutete. Zudem hatte ich in der Zeit, in der sie draußen mit ihren Freunden spielte, Geige geübt. Deshalb kannte Sara auch nur die Fakten, die jeder Fremde nachlesen konnte, der meinen Namen in eine Suchmaschine im Internet eingab.

Sophie Löwenstein, ehemaliges Musikwunderkind, gab ihre vielversprechende Karriere als Violinistin im Alter von siebzehn Jahren auf, um das Abitur zu machen und danach Betriebswirtschaftslehre in der Landeshauptstadt zu studieren. Nach ihrem Volontariat bei der Berliner Zeitung kehrte sie zurück ins münsterländische Herzbach, wo auch die traditionsreiche Geigenbau-Meisterwerkstatt ihrer Familie liegt …


Seitdem hatte ich nie wieder ein Instrument gespielt. Ich ging weder ins Konzert noch in die Oper, und wenn sie im Fernsehen einen Beitrag über klassische Musik brachten, schaltete ich aus. Einmal waren mir aus einem vorbeifahrenden Wagen die Klänge von Tschaikowskys Violinkonzert in D-Dur entgegengeweht. Da hatte ich mich so erschrocken, dass ich bei Rot auf die Straße gelaufen war. Nur meinem Schutzengel war es zu verdanken, dass ich heil aus der Situation herausgekommen war. Ihm und einem beherzten Spaziergänger, der mich im letzten Moment zurück auf den Bürgersteig gezogen hatte. Mit anderen Worten: Ich war denkbar ungeeignet, um einen Artikel über einen Chorwettbewerb zu schreiben.Mein Vater betrieb das Geschäft am Marktplatz in fünfter Generation. Genau genommen waren schon sechs Generationen am Werk, denn mein Bruder Jascha arbeitete ebenfalls dort. Zu meiner Geburt hatte mein Vater keinen Baum gepflanzt, er hatte eine Geige gebaut. Ein wunderschönes Exemplar aus feinjährigem Fichtenholz, geschlagen im italienischen Fleimstal, das meine Mutter mir in die pummeligen Kinderhände drückte, sobald es der Anstand zuließ. Sie hatte stets behauptet, ich habe selbst danach gegriffen, doch das hatte ich ihr nie abgenommen. Wie das Schicksal es wollte, schlummerte großes Talent in mir, und so machte es sich meine Mutter, die damals Professorin für Violine an der Münsteraner Musikhochschule war, zur Aufgabe, mich mit allem, was in ihrer Macht stand, zu fördern. Leider schoss sie dabei gehörig über das Ziel hinaus. Das Ergebnis war eine Kindheit, die dieses Prädikat nicht verdiente, und führte letztendlich dazu, dass ich am Tag nach meinem siebzehnten Geburtstag in aller Frühe aufstand, das Fenster meines Schlafzimmers im ersten Stock öffnete und meine Geige hinauswarf. Nie würde ich das Geräusch vergessen, mit dem sie auf den Steinen der Terrasse aufschlug und zerbarst. Es war der Klang der Freiheit. 

Ich trank den letzten Schluck aus meinem Weinglas. „Es reicht, dass meine Familie musikbesessen ist. Da möchte ich wenigstens bei der Arbeit meine Ruhe haben.“

Sara wollte etwas erwidern, doch in diesem Moment kam der Kellner an unseren Tisch und erkundigte sich nach unseren Wünschen. Ich war dankbar für die Ablenkung. Der junge Mann, dessen Unterarme mit kunstvollen Tätowierungen verziert waren, schaute Sara voller Bewunderung an. Das hatte ich schon häufiger erlebt. Meine Freundin war mit ihrem ausdrucksstarken Blick, den sanft geschwungenen Lippen und dem langen, rotblonden Haar außergewöhnlich hübsch. Doch wenn sich Sara ihrer Schönheit bewusst war, dann bildete sie sich nichts darauf ein. Sie war freundlich und liebenswert und hatte ein ansteckendes Lachen, das an das Glucksen eines Kindes erinnerte. Letztes Jahr im Frühling hatten sie und ihr Ehemann sich getrennt. Seitdem wohnte Sara wieder in Herzbach, und ich hegte den starken Verdacht, dass es niemanden auf dieser Welt gab, der sie nicht mochte.

Wir bestellten gemischte Tapas und dazu eine Flasche Lugana. Während wir aßen, erkundigte ich mich nach Saras Yogalehrerinnenausbildung, die sie neben ihrer Arbeit absolvierte.

Sofort ging ein Strahlen über ihr Gesicht. Sara praktizierte seit Jahren Yoga und hatte mir anvertraut, dass es ihr großer Traum war, selber Stunden zu geben.

„Ich komme gut voran“, rief sie. „Im Oktober absolviere ich noch zwei Intensivwochen, für die ich mir Urlaub genommen habe, danach bin ich fertig.“ Versonnen fuhr sie fort: „Ich kann es kaum erwarten, meinen ersten eigenen Kurs anzubieten. Meinst du, die Herzbacher sind offen für Yoga?“

Ich lächelte optimistisch. „Es kommt auf einen Versuch an. Hast du denn schon geeignete Räumlichkeiten?“

Sara angelte sich mit den Fingern eine Olive aus dem Schälchen und nickte. „Pfarrer Bertelsbeck hat mir das ehemalige Gemeindehaus angeboten. Die Kirche hat keine Verwendung mehr für das Gebäude, seit es den Neubau am Kindergarten gibt. Morgen Nachmittag schaue ich es mir an. Den Schlüssel habe ich schon abgeholt.“

Überrascht hielt ich inne. „Wirklich? Das Haus steht seit Jahren leer! Bestimmt wimmelt es da nur so vor Spinnen und Mäusen.“

Sara schüttelte zuversichtlich den Kopf. „Mein Kommunionsunterricht fand dort statt. Ich habe die Räumlichkeiten als sehr hell und freundlich in Erinnerung.“

„Das war vor fünfundzwanzig Jahren“, lachte ich. „Warst du seitdem noch mal dort?“

„Nein. Aber es wird schon nicht so schlimm sein. Nichts, was nicht mit ein wenig Wasser und Seife wieder in Ordnung zu bringen wäre.“

„Dein Wort in Gottes Ohr. Möchtest du, dass ich dich zu deiner Besichtigung begleite?“, fragte ich aus einem spontanen Impuls heraus. „Ich habe morgen Nachmittag nichts vor, und vier Augen sehen bekanntlich mehr als zwei.“

Saras Mund verzog sich zu einem breiten Lächeln. „Unbedingt! Ich freue mich riesig, wenn du mitkommst.“

Statt einer Antwort hob ich mein Glas und prostete ihr zu. Damit war es abgemacht.

 

Gegen halb elf abends machten wir uns zu Fuß auf den Weg zum Münsteraner Bahnhof. Es war noch immer angenehm warm. Über uns funkelten die Sterne, dazu wehte eine milde Brise, die den süßen Duft von Blumen und frisch gemähtem Gras mit sich führte. Auf den Straßen kamen uns eng umschlungene Pärchen und immer wieder Grüppchen von Studenten entgegen, die laut und unbeschwert miteinander lachten.

„Die haben noch etwas vom Leben“, witzelte Sara und hielt an, um ein Steinchen aus ihrer Sandale zu entfernen. Dabei geriet sie aus dem Gleichgewicht, und ich fasste ihren Arm, um sie zu stützen.

„Du hast recht“, stimmte ich zu, „während wir brav nach Hause ins Bett gehen, fängt der Abend für die jungen Leute erst an.“

»Die jungen Leute …«, kicherte Sara. „Du bist auch nur fünf Jahre älter als die.“

Die Bahn fuhr in dem Moment ein, als wir das Gleis betraten. Wir stiegen ein und setzten uns einander gegenüber ans Fenster. Außer uns waren nur zwei ältere, gut gekleidete Damen im Abteil. Sie unterhielten sich über eine Theateraufführung, die sie zusammen besucht hatten. Ihr Parfum hing schwer in der Luft und machte mich ein wenig benommen.

Die Zugfahrt dauerte zwanzig Minuten. Es ging vorbei an endlosen Weizen- und Maisfeldern, an Wiesen und Wäldern, die um diese Uhrzeit im Dunkeln dalagen, dazwischen Bauernhöfe und winzige Dörfer, die aus kaum mehr als ein paar Häusern bestanden. Herzbach hatte keinen eigenen Bahnhof, sodass wir im Nachbarort Mondstein ausstiegen. Von hier aus waren es noch fünf Kilometer.

Das Gleis war menschenleer, eine einsame Laterne tauchte den Bahnsteig in gelbes Licht. Auf einer Bank stand ein Kaffeebecher aus Pappe, den ein Reisender dort achtlos hatte stehen lassen. Sara nahm ihn auf und warf ihn in den Mülleimer. Nach dem fröhlichen Treiben, das wir in Münster erlebt hatten, schlug uns hier eine allumfassende Stille entgegen, die nur vom Ruf eines Nachtvogels unterbrochen wurde. Dazu war es ein paar Grad kühler als in der Stadt.

An Saras Armen zeigte sich Gänsehaut. „Alleine würde ich hier nicht entlanggehen wollen“, bekannte sie, als wir die Treppe hoch zu den Fahrradständern liefen.

Ich warf ihr einen erstaunten Seitenblick zu. Dieser Gedanke war mir noch nie gekommen, dabei hatte ich schon oft den letzten Zug nach Mondstein genommen, wenn es in der Redaktion wieder einmal spät geworden war.

„Fährst du denn sonst nie mit dem Zug zur Arbeit?“, erkundigte ich mich. Schließlich lag ihre Steuerberatungsgesellschaft ebenfalls in Münster.

Sara schüttelte den Kopf. „Normalerweise nehme ich das Auto. Das geht viel schneller. Aber heute habe ich eine Ausnahme gemacht, weil ich ein Glas Wein mit dir trinken wollte.“ Sie lächelte mich an. Im nächsten Moment verdüsterten sich ihre Züge. „O nein“, murmelte sie und bückte sich, um den Hinterreifen ihres Fahrrads zu befühlen.

„Du hast einen Platten“, sprach ich das Offensichtliche aus. „Bestimmt bist du auf dem Weg über eine Scherbe gefahren.“

Sara richtete sich auf und betrachtete ihre rechte Handfläche, auf der sich ein Schmutzfleck zeigte.

„Halb so wild“, tröstete ich sie und reichte ihr ein Taschentuch. „Ich nehme dich auf meinem Gepäckträger mit.“

Eine Minute später waren wir unterwegs. Dafür, dass Sara so schlank war und nicht besonders groß, musste ich ganz schön in die Pedale treten, um an Fahrt zu gewinnen. Sie hatte sich seitlich auf den Gepäckträger gesetzt und ihre Hände locker um meine Hüften gelegt.

„Das erinnert mich an früher“, jauchzte sie. „Als Kinder haben wir das ständig gemacht.“

Wie sehr sich Saras Kindheit von meiner unterschieden hat, dachte ich erneut. Ich selbst war Studentin gewesen, als ich zum ersten Mal bei einer Freundin auf dem Gepäckträger mitgefahren war.

Wir kamen an Maisfeldern vorbei, die zum Westkamp-Hof gehörten, dem größten Bauernhof in der Umgebung, und nach einer Kurve wurde der Fahrradweg abschüssig. Ich hörte auf zu treten und genoss den Nachtwind, der mir ins Gesicht wehte. Grillen zirpten, und von irgendwoher war das Bellen eines Hundes zu hören. Plötzlich blendeten Scheinwerfer vor uns auf. An der blau-weißen Färbung erkannte ich, dass es sich um einen Polizeiwagen handelte.

„Och nö“, hörte ich Sara hinter mir sagen. Als wir auf einer Höhe waren, bremste das Auto ab und blieb mitten auf der Straße stehen. Ich hielt ebenfalls an. Sara glitt vom Gepäckträger und warf mir einen so verschwörerischen Blick zu, dass ich grinsen musste.

Die Fensterscheibe des Polizeiwagens glitt herunter.

„Führerschein und Fahrzeugpapiere bitte“, dröhnte eine tiefe Stimme.

Im ersten Moment wirkte Sara verwirrt, dann fing sie an zu lachen. „Mensch, Paul“, meinte sie. „hast du mich erschreckt!“

Im Fenster erschien ein bärtiges Gesicht, das ich nun ebenfalls erkannte. Paul Averbeck war Mitte fünfzig. Als Polizist in der nächstgrößeren Stadt Sternbeck besuchte er seit Jahrzehnten die Grundschulen der Dörfer und Ortschaften, um den Kindern, und manchmal auch deren Eltern, Unterricht in Verkehrserziehung zu geben. Das tat er auf so freundliche und unaufgeregte Weise, dass ihn einfach jeder gernhatte.

„Soll ich euch mitnehmen?“, fragte er gutmütig.

Die Strecke war nicht mehr lang, und am liebsten wäre ich weiter mit dem Fahrrad durch die milde Sommernacht gefahren, doch damit hätte ich Paul in eine unangenehme Situation gebracht. So nett er war – als Polizist, der Generationen von Herzbachern die Verkehrsregeln beigebracht hatte, konnte er schlecht ein Auge zudrücken, wenn er Sara auf meinem Gepäckträger erwischte. Während Paul mein Fahrrad im Kofferraum seines Kombis verstaute, fragte ich mich im Stillen, ob er damit nicht auch gegen eine polizeiinterne Regel verstieß, doch ich behielt den Gedanken für mich. Sara und ich nahmen auf dem Rücksitz Platz.

Sie stieß mich mit dem Ellenbogen in die Seite. „Fühlst du dich auch wie ein Schwerverbrecher?“, raunte sie mir zu.

„Absolut“, flüsterte ich, und wir sahen uns an.

Saras Mundwinkel zuckten. Dann brachen wir gleichzeitig in Gelächter aus und konnten gar nicht mehr aufhören. Wir lachten und lachten, bis uns die Tränen über die Wangen liefen und mein Bauch vor Anstrengung schmerzte. Immer, wenn ich dachte, es gehe wieder, blickte ich Sara an, und schon kicherten wir erneut los.

Wir lachten noch, als Paul den Wagen auf dem großen Parkplatz vor Herzbachs Ortseingang zum Stehen brachte. Amüsiert drehte er sich zu uns um: „Endstation, ihr verrückten Hühner.“

 

Dank seiner malerischen Fachwerkhäuser, dem wunderschönen Marktplatz und der alten Mühle am Ufer der Stever war Herzbach ein beliebtes Ausflugsziel für Touristen. Dazu hatte unser Dorf eine weitere Besonderheit aufzuweisen, denn Herzbach war faktisch autofrei. Waren früher die Blechkolonnen über das Kopfsteinpflaster geholpert, so waren es heute Spaziergänger und Fahrradfahrer, die das Ortsbild prägten. Diese geradezu himmlische Ruhe hatten wir Ava zu verdanken. Mit ihren vierundsiebzig Jahren, ihrem Einfallsreichtum und ihrer Durchsetzungskraft war Ava so etwas wie die gute Seele des Dorfes. Die Frau, an die man sich wandte, wenn man ein Problem zu lösen hatte, mit dem man selbst nicht weiterkam. Nachdem der Motorenlärm und der Abgasgestank zunehmend unerträglich geworden waren, hatte sie die Herzbacher im Hotel am Dorfplatz zusammengetrommelt und den Widerstand organisiert. Seit nun schon zwei Jahren bat ein großes Schild am Ortseingang darum, den Wagen auf dem kostenfreien Parkplatz abzustellen, für den Bauer Westkamp eine seiner Wiesen gespendet hatte. Und die Touristen hielten sich nicht nur an diese freiwillige Autofreiheit, sie waren begeistert. Ebenso wie die Einheimischen. Wo sonst konnten Kinder unbesorgt auf der Straße spielen?

Nachdem ich Sara zu dem Fachwerkhaus mit den grünen Fensterläden begleitet hatte, in dem sie zur Miete wohnte, fuhr ich die letzten Meter mit dem Fahrrad nach Hause. Ich war zu aufgekratzt zum Schlafen, also kochte ich mir in der Küche eine Tasse Pfefferminztee und setzte mich damit auf die Terrasse.

Vor drei Jahren war ich von Berlin zurück nach Herzbach gezogen, und noch immer erfüllte mich tiefe Zufriedenheit, wenn ich in meinem Garten saß und auf die Stever blickte, die hier gemächlich vorbeifloss. Das Haus hatte früher meiner Großmutter, der Mutter meiner Mutter, gehört. Wir hatten nie ein enges Verhältnis gehabt, und während meiner Jahre in Berlin hatten wir uns gar nicht gesehen. Umso überraschter war ich, dass sie mir ihr Haus hinterließ. Als ich nach ihrer Beerdigung von Zimmer zu Zimmer wanderte, um mir zu überlegen, was ich damit tun sollte, fand ich auf Großmutters Schminkkommode einen Brief vor. Er war an mich adressiert und bestand nur aus wenigen Zeilen.

Liebe Sophie,

ich habe gesehen, was meine Tochter mit dir macht, und nichts dagegen unternommen. 
Wenn ich eine Sache in meinem Leben bereue, dann das. Nimm das Haus, verkauf es, wenn 
du magst. Oder lass es dein Zuhause sein. Es ist ein gutes Zuhause.

Es grüßt dich in Liebe

Deine Großmutter


Ich trank meinen Tee in kleinen Schlucken und spürte, wie mich nun doch die Müdigkeit überkam. Also stand ich auf und ging ins Haus, um mich fürs Bett fertig zu machen.

Und während ich dastand, in ihrem Schlafzimmer, den Brief in meinen Händen, spürte ich ein nie gekanntes Heimweh, das mich auch in den darauffolgenden Tagen und Wochen nicht losließ. So hatte ich meine Zelte in Berlin abgebrochen und war nach Herzbach zurückgekehrt. Es wäre etwas anderes gewesen, wenn meine Mutter noch hier gewohnt hätte. Doch sie war schon lange fort, und es bestand keine Gefahr, dass wir uns über den Weg liefen. 

Janina Lorenz

Über Janina Lorenz

Biografie

Janina Lorenz, geboren 1979, wuchs in der Nähe von Münster auf. Heute lebt und arbeitet sie in Düsseldorf. Wann immer ihre Zeit es zulässt, schreibt sie – am effektivsten am Schreibtisch, doch am liebsten auf dem Sofa oder in Düsseldorfs bezaubernden Cafés. Dabei haben es ihr besonders moderne...

Personenregister

Sara (33 Jahre): Sara ist Steuerberaterin und angehende Yogalehrerin und lebt seit der Trennung von ihrem Ehemann wieder in Herzbach. Sie ist schön und klug und hat ein ansteckendes Lachen, das, seit sie unglücklich verliebt ist, leider nicht mehr ganz so häufig zu hören ist. Doch sie arbeitet daran, dass sich das wieder ändert.

Sophie (29 Jahre): Vor zwölf Jahren hat Sophie ihre Karriere als Ausnahme-Violistin beendet. Bis dahin musste sie auf vieles verzichten, jetzt möchte sie keine Musik mehr in ihrem Leben. Deshalb zögert sie, als Sara sie um Unterstützung bei ihrem Chorprojekt bittet, doch als gute Freundin gibt sich Sophie schließlich einen Ruck – zumal sie dann auch Marvin häufiger sehen kann.

Marvin (30 Jahre): Marvin betreibt mit seinen Eltern und Geschwistern den Westkamp-Hof, den größten Bauernhof der Umgebung. Schon als Kind hat Marvin heimlich für Sophie geschwärmt, sogar Klavierspielen hat er für sie gelernt. Als Gründungsmitglied des Herzbacher Chors kommt ihm das jetzt zugute.

Alexander (40 Jahre): Alexander ist ein schwerreicher Geschäftsmann, der in London lebt und arbeitet. Als gebürtiger Herzbacher ist er dem Münsterland tief verbunden. Seit er Sara auf dem Sommerfest des Seniorenstifts nach vielen Jahren wiedergesehen hat, geht sie ihm nicht mehr aus dem Kopf. Ein Gefühl, dass Alexander so nicht kennt.

 

Weitere Titel der Serie „Willkommen in Herzbach“

Im beschaulichen, münsterländischen Dorf Herzbach werden Wünsche wahr – wenn man nur fest daran glaubt. Die Romane der Autorin Janina Lorenz helfen vor allem bei Liebeskummer, Heimweh und Traurigkeit ...
Pressestimmen
buecherplaza.de

„›Der kleine Chor der großen Herzen‹ ist ein wunderschöner und feinfühliger Roman, der zum Träumen einlädt und Herzbach ist ein Ort zum Glücklichsein und Wohlfühlen.“

Kommentare zum Buch
Es ist an der Zeit
Hopeandlive am 27.07.2020

Herzbach ist ein wunderschöner und malerischer kleiner Ort im Münsterland. Geborgen in bunten Fachwerkhäusern mit traumhafter Natur drumherum tummeln sich die verschiedensten, skurillen, stillen, lauten, streitsüchtigen und alle auf ihre Art symphatischen Menschen. Man möchte beim Lesen einfach Teil dieser außergewöhnlichen Gemeinschaft sein.   Da ist Sara, Steuerberaterin mit einer innigen Liebe zum Yoga und möchte unbedingt ein eigenes Yogastudio in Herzbach eröffnen. Erstens braucht sie es dringend, da sie unglücklich immer noch in Noah verliebt ist, der widerum nicht willens ist, sich von seiner Frau zu trennen und da wäre dieses originelle Gemeindehaus der katholischen Kirche zu mieten, leider ist es derart renovierungsbedürftig, dass Saras finanzielle Mittel allein nicht reichen.   Doch in Herzbach passieren die Dinge immer zur richtigen Zeit. Es wird ein Chorwettbewerb ausgeschrieben mit dem einmaligen Preisgeld von € 30.000,00 und das ist genau der Betrag, den die Renovierung kosten würde.   Und somit beschließen Sara und der Pianist Marvin einen Chor zu gründen, nicht irgendeinen Chor. Wir befinden uns in Herzbach! Es wird "Der kleine Chor der großen Herzen" und die Herzen sind auch erstmal größer wie die Stimmen und Sara kommt sehr schnell an ihre Grenzen.   Wie gut, dass ihre Freundin Sophie, Journalistin und ebenso wohnhaft in Herzbach, einen Reportage über den Chorwettbewerb schreiben soll. Sophie war auch eine begnadete Violinistin und hat aus einem schmerzhaften Grund der Musik völlig abgesagt.   Doch wer in Herzbach lebt, mit dessen Herz passiert auch etwas. Sophie hilft ihrer Freundin Sara und öffnet sich nach und nach wieder der Musik und nicht nur der Musik, denn natürlich kommt mit der Musik auch die Liebe und das nicht nur bei Sophie.....   Der Wettbewerb naht und dann droht eine Katastrophe.....doch wie Irene, eine der symphatisch-skurilen Nebendarstellern, wie wir sie so häufig in Herzbach finden, treffend sagt:   "Wann wir uns gedemütigt fühlen, bestimmen wir immer noch selbst."   Janina Lorenz ist eine herzerwärmende Fortsetzung gelungen und ich freue mich schon auf Band 3 und kann nur eine herzliche Leseempfehlung aussprechen!

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