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Cooper

Jens Eisel
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Roman

„›Cooper‹ liest sich wie ein Dokudrama, das sich angesichts der Lücken des Faktischen ein paar literarische Freiheiten nimmt. Das Experiment ist geglückt.“ - Frankfurter Allgemeine Zeitung

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Cooper — Inhalt

Die Geschichte der rätselhaftesten Flugzeugentführung der USA als spannender Roman

USA, 1971: im Land der unbegrenzten Möglichkeiten

Unter den Passagieren eines Flugs nach Seattle ist ein Mann mit einem Aktenkoffer. Er wird als Dan Cooper in die Geschichte eingehen und doch ein Unbekannter bleiben. Mit einer selbst gebauten Bombe erpresst er eine hohe Summe, springt mit dem Fallschirm ab und verschwindet. Jens Eisel erzählt feinfühlig von einem Vietnamveteranen, der alles wagt, um seinem Leben eine neue Richtung zu geben. Und von einer Crew, die alles dafür tut, ein friedliches Ende zu sichern.

Ein semidokumentarischer Roman über den Mut der Verzweiflung, die Zukunftsgläubigkeit der USA unter Nixon und die Härte des Lebens.

Die Geschichte der rätselhaftesten Flugzeugentführung der USA!

€ 22,00 [D], € 22,70 [A]
Erschienen am 10.03.2022
224 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
EAN 978-3-492-05910-7
Download Cover
€ 16,99 [D], € 16,99 [A]
Erschienen am 10.03.2022
224 Seiten, WMePub
EAN 978-3-492-60148-1
Download Cover
„Eisel erzählt die irre Geschichte schnörkellos im Stil großer amerikanischer Vorbilder des 70er Jahre Krimigenres.“
WDR 3 „Kultur am Mittag“
„Völlig unblutig hat Jens Eisel mit ›Cooper‹ eine charmante Räuberpistole geschrieben, an der nichts stimmt und doch alles wahr ist.“
NDR "Hamburg Journal"
„Der Hamburger Autor erzählt die wahre Geschichte mit unheimlicher Ruhe und Präzision. Er fängt die Gefühle des Kidnappers und die Ängste der Stewardess gekonnt ein.“
Wochenend Journal (Augsburger Allgemeine)

Leseprobe zu „Cooper“

Prolog

10. Februar 1980, Columbia River

Es war das erste Mal seit Wochen, dass Lee seinen Vater ohne Arbeitskleidung sah. Er saß neben ihm am Steuer seines Broncos, im Radio lief Deep Purple, draußen zog die Landschaft vorbei. Sie fuhren auf der Fünf Richtung Süden, der Himmel war bewölkt, aber es war trocken und wärmer als an den Tagen zuvor. Der Schnee, der hier und dort noch am Straßenrand lag, würde spätestens heute Abend verschwunden sein. Er dachte an die Angelsachen auf der Ladefläche, und konnte es kaum abwarten, endlich am Columbia River [...]

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Prolog

10. Februar 1980, Columbia River

Es war das erste Mal seit Wochen, dass Lee seinen Vater ohne Arbeitskleidung sah. Er saß neben ihm am Steuer seines Broncos, im Radio lief Deep Purple, draußen zog die Landschaft vorbei. Sie fuhren auf der Fünf Richtung Süden, der Himmel war bewölkt, aber es war trocken und wärmer als an den Tagen zuvor. Der Schnee, der hier und dort noch am Straßenrand lag, würde spätestens heute Abend verschwunden sein. Er dachte an die Angelsachen auf der Ladefläche, und konnte es kaum abwarten, endlich am Columbia River anzukommen. Sein Vater war Zimmermann, und die Firma, bei der er arbeitete, hatte gerade jede Menge zu tun. Lee war stolz darauf, dass sie ganze Viertel aus dem Boden stampften, doch in der letzten Zeit vermisste er ihn mehr als sonst. Er freute sich darüber, dass sie heute den ganzen Tag zusammen verbringen würden.

In Vancouver verließen sie die Interstate und fuhren über den Fourth Plain Boulevard Richtung Stadtrand. Die Straße war von bunten Holzhäusern gesäumt. Sie kamen an einer Walgreens-Filiale, einer Feuerwache, einer Tankstelle und mehreren Bars und Motels vorbei, bis die Wohnhäuser allmählich weniger wurden und die Straße hinter einer Eisenbahnbrücke hauptsächlich von Lagerhallen und kleinen Fabriken flankiert wurde. Nach einer Meile erreichten sie die Lower River Road. Man konnte den Fluss zwar noch nicht sehen, aber Lee wusste, dass die Stelle, zu der sie unterwegs waren, nicht mehr weit entfernt lag.

„Was meinst du“, sagte sein Vater, als er kurz darauf auf eine geschotterte Straße abbog, „haben wir diesmal mehr Glück?“

Er lächelte und legte Lee die Hand auf die Schulter, während der Wagen knirschend über die unbefestigte Piste holperte.

„Ich denke schon“, sagte Lee und sah seinen Vater an. „Nein, ich bin mir sogar sicher.“

Die Straße machte eine leichte Rechtskurve, und sie konnten den Fluss sehen, der still und dunkel dahinströmte. Sein Vater parkte direkt am Ufer. Sie stiegen aus und gingen um den Wagen. Lee war vor Kurzem neun geworden, und als er die Ladeklappe öffnete und nach den Angelruten griff, merkte er, dass er seit dem letzten gemeinsamen Ausflug ein gutes Stück gewachsen war. Er musste sich kaum noch strecken, um sie zu erreichen.

Sein Vater schien seine Gedanken zu lesen. Er stand neben ihm und sah ihn anerkennend an.

„Wir machen das viel zu selten“, sagte er und nahm den Koffer mit der Angelausrüstung von der Ladefläche.

Lees Großvater war Jahre vor seiner Geburt gestorben, doch auf den Bildern, die er von ihm kannte, war sein Vater ihm wie aus dem Gesicht geschnitten. Groß und drahtig, dunkle, fast schwarze Haare, aber das Markanteste war dieses Lächeln. Er wusste, dass die beiden früher ebenfalls hier gefischt hatten, und immer, wenn sie zum Columbia River fuhren, konnte er die Anwesenheit seines Großvaters förmlich spüren.

Sie gingen an der Wasserlinie entlang zu der Stelle, an der sie schon im vergangenen Sommer geangelt hatten, und Lee lief zum Bronco zurück, um den Kescher und die beiden Klappstühle zu holen. Der Sand war schmutzig und feucht, und am Ufer lagen vereinzelte, vom Flusswasser glatt geschliffene Baumstämme, deren Farbe ihn an Elfenbein erinnerte.

Zurück bei seinem Vater stellte er die Stühle nebeneinander auf und machte sich daran, seine Angel vorzubereiten. Er benutzte eine kleine Spinnrute, die er mit einem Kunstköder bestückte. Das letzte Mal hatten sie nicht einen einzigen Fisch gefangen, und er glaubte nicht wirklich daran, dass es heute anders laufen würde. Dafür waren sie zu spät dran. Aber auch wenn sie ohne Fang zurückkehrten, wäre Lee vollkommen zufrieden.

Sein Vater stand abseits auf einer Sandbank, und Lee entschied sich für die schmale Landzunge, die ein paar Meter in den Fluss ragte. Er blickte zu der anderen Uferseite, wo im Sommer Mais und Weizen wuchsen, die jetzt aber kahl und tot wirkte. Der Wind war hier stärker, und die Wolken hingen bedrohlich tief. Er warf den Köder etwas flussauf von der Landzunge ins Wasser, ließ ihn mit der Strömung treiben und holte ihn wieder ein. Es war Monate her, dass er eine Angel in der Hand gehalten hatte, und er ging davon aus, dass er diesen Ablauf mehrere Dutzend Male wiederholen musste. Aber als er den Köder zum zweiten Mal einholte, spürte er, wie etwas an der Schnur zupfte. Er gab mehr Leine und wartete ab, doch er verlor den Fisch. Jetzt war sein Ehrgeiz geweckt, und eine Stunde später hatte er einen kleinen Lachs und zwei große Stahlkopfforellen gefangen. Auch sein Vater holte einen Fisch nach dem anderen aus dem Wasser.

„Verdammt“, sagte er, als die beiden kurz darauf nebeneinander auf den Klappstühlen saßen, „heute ist wohl unser Glückstag.“

Er rauchte und trank Kaffee aus seiner Thermoskanne, Lee nippte an einer Pepsi, und sie blickten zu der Kühlbox vor ihnen, die sich nicht mehr schließen ließ.

„So viele Fische hab ich nicht mal mit deinem Grandpa gefangen.“

Sein Vater trank einen Schluck.

„Ich hab doch gesagt, dass wir heute was angeln“, sagte Lee stolz.

Sein Vater nickte.

„Was hältst du davon, wenn du etwas Holz suchst und uns ein Feuer machst, während ich zwei Forellen ausnehme?“

Er hielt ihm sein Zippo-Feuerzeug hin.

„Das klingt nach einer sehr guten Idee.“

Das Flussufer war mit Treibholz übersät, und es dauerte nicht lange, bis er einen beachtlichen Haufen aufgeschichtet hatte. Er schleppte ein paar große Steine zusammen, mit denen er das Feuer begrenzen wollte, und begann die Stelle zu ebnen. Er kniete sich hin, um einen quaderförmigen, mit Algen bewachsenen Stein beiseitezulegen. Nachdem er ihn entfernt hatte, fand er etwas tiefer im Sand noch einen. Erst beim dritten fiel ihm auf, dass es gar keine Steine waren. Er klopfte den Sand ab und besah sich das letzte Fundstück genauer. Die äußeren Scheine waren stark verwittert, doch die Banknoten, die sich im Inneren befanden, waren fast vollkommen intakt. Aber konnte das tatsächlich sein? Er blickte zu seinem Vater, der die ausgenommenen Fische im Flusswasser wusch. Dann setzte er sich in den Sand und legte die beiden anderen Geldbündel vor sich hin. Auch diese enthielten Zwanzigdollarnoten. Die Pakete wurden von einer Banderole zusammengehalten, und da einige Scheine aneinanderklebten, war es schwierig, sie zu zählen. Sicher war nur, dass er noch nie so viel Geld auf einmal gesehen hatte. Es würde ausreichen, um sich einen Atari und ein BMX-Rad zu kaufen. Wahrscheinlich wäre sogar noch jede Menge übrig. Sofort schlich sich ein neuer Gedanke ein. War es möglich, das Geld einfach zu behalten? Doch dann dachte er an die Fernsehserie, in der es um zwei Ermittler ging, die in Kalifornien das organisierte Verbrechen bekämpften. Aus dieser Serie wusste er, dass mit Kriminellen nicht zu spaßen war, und wer sonst könnte die Bündel hier vergraben haben. Was war, wenn sie beobachtet wurden? Außer seinem Vater konnte er jedoch niemanden sehen.

Er blickte wieder zu der Stelle, an der er das Geld gefunden hatte, beugte sich darüber und begann zu graben.

„Was tust du hier?“

Lee hatte seinen Vater nicht kommen hören.

„Ich …“, er wusste nicht, wie er die Sache erklären sollte. Doch dann sah sein Vater die Geldbündel.

1

24. November 1971, Portland

Das Motel lag nordöstlich vom Stadtzentrum, direkt an der Interstate. Er hatte in den letzten Wochen kaum geschlafen und fest damit gerechnet, dass es in dieser Nacht nicht anders laufen würde. Deshalb hatte er sich nicht einmal die Mühe gemacht, sich auszuziehen. Umso mehr verwunderte es ihn, wie ausgeruht er sich nun fühlte. Das Geräusch des Verkehrs, der sich vor dem Motel über die Straße schob, vermischte sich mit dem Brummen des Kühlschranks. Die Vorhänge waren zugezogen, aber an dem Licht, das durch den schmalen Spalt auf den Fußboden fiel, erahnte er, dass es wahrscheinlich bewölkt war, vielleicht sogar regnete. Er wusste, dass die Jahreszeit gegen sein Vorhaben sprach. Doch bis zum Frühjahr konnte er nicht warten. Außerdem barg der Herbst einige Vorteile, denn er war sich sicher, dass schlechtes Wetter die Suche nach ihm erschweren würde. Vorausgesetzt, er würde die Sache unbeschadet überstehen. Er hatte oft über den heutigen Tag nachgedacht, sich gefragt, ob er zweifeln würde. Insgeheim hatte er sich einen Abbruch offengehalten, doch seit er gestern Abend in Portland angekommen war, wusste er, dass er es durchziehen würde. Er hatte über eine Stunde auf einem dunklen Parkplatz in seinem Pick-up gesessen, geraucht und die Lichter der startenden und landenden Flugzeuge betrachtet. Richard hatte schon immer das Gefühl gehabt, dass sich das Leben frontal auf ihn zubewegte. Der frühe Tod seines Vaters, die harte Arbeit auf der Farm, die Verzweiflung seiner Mutter, die Army, die unehrenhafte Entlassung. Er hatte sich mit aller Kraft dagegengestemmt, und die Erschöpfung war von Jahr zu Jahr größer geworden. Aber als er auf dem Parkplatz in seinem Wagen saß, hatte er zum ersten Mal in seinem Leben das Gefühl, die Dinge wirklich in der Hand zu haben.

Er richtete sich auf, setzte sich an die Bettkante und sah sich im Zimmer um. Er hatte in den letzten Jahren fast durchgängig in Motels gewohnt und seinen Seesack niemals gänzlich ausgeräumt – immer in der Hoffnung auf ein besseres Quartier. Er war kreuz und quer durchs Land gefahren, hatte als Zimmermann, Erntehelfer und Baggerfahrer gearbeitet, und obwohl ihn einige Firmen fest einstellen wollten, war er jedes Mal weitergezogen.

Seit seine Mutter gestorben war, gab es keinen Menschen mehr, mit dem er regelmäßig sprach. Er war in Bars immer wieder Frauen begegnet, die er anziehend fand, doch er hatte es bei kurzen Unterhaltungen belassen. Nur einmal war er einem Hippiemädchen etwas nähergekommen, und auch wenn er sie gerne geküsst hätte, hatte er sich, als sie auf der Toilette war, aus dem Staub gemacht. Seitdem träumte er hin und wieder von ihr. Doch diese Träume waren die einzige Nähe, die er wirklich zulassen konnte. Und auch wenn er sich manchmal sehr einsam fühlte, war er überzeugt, dass es so richtig war.

Er stand auf, ging zum Fenster, schob die Vorhänge beiseite und blickte nach draußen. Der Himmel war bewölkt, aber es regnete nicht. Neben seinem Dodge standen noch vier weitere Wagen auf dem Parkplatz. Das Gebäude war hufeisenförmig angeordnet und öffnete sich zur Straße hin, auf der der Verkehr gleichmäßig vorbeirollte. Als Kind hatten ihm große Städte Angst eingejagt, doch mit der Zeit war aus dieser Angst Faszination geworden. Städte waren Orte, von denen man von heute auf morgen unbemerkt verschwinden konnte. Er mochte die Unverbindlichkeit der Bars, die bunten Reklametafeln der Geschäfte, den Geruch des warmen Asphalts im Sommer. In Portland war er nur ein einziges Mal gewesen, kurz nachdem er die Army verlassen hatte. Aber die Erinnerungen an diese Tage vermischten sich mit all den anderen Orten, an denen er eine Zuflucht gesucht hatte.

Sein Blick fiel auf den schwarzen Anzug, der auf einem Drahtbügel neben dem Waschbecken an einer Kleiderstange hing. Ein Dreiteiler aus dickem Tweed, den er vor ein paar Tagen in San Francisco gekauft hatte. Am selben Tag hatte er auch den Lederkoffer und die Skiunterwäsche besorgt, die er später unter dem Anzug tragen würde. Die Kleidung hatte ihm am meisten Kopfzerbrechen bereitet. Das mit den Fallschirmen würde sicher klappen, aber den Sprung in dieser Jahreszeit ohne geeignete Ausrüstung zu überstehen war eine Herausforderung. Er spürte ein Ziehen im Magen und begann augenblicklich zu schwitzen. Er versuchte sich damit zu beruhigen, dass er alles noch abbrechen konnte, doch er wurde immer nervöser. Das Ziehen im Magen verwandelte sich in ein Reißen. War er tatsächlich so verrückt zu glauben, dass sein Vorhaben gelingen könnte? Aber was sollte er stattdessen tun? Er hatte sein Geld fast ausgegeben, und mit dem, was er noch besaß, würde er maximal zwei Wochen auskommen. Sicher, er könnte sich einen Job suchen und weitermachen wie bisher. Aber dieses Leben hatte ihn ja erst dazu gebracht, alles auf eine Karte zu setzen.

Er begann, im Zimmer auf und ab zu laufen, und spürte, wie seine Hände taub wurden. Sein Herz pochte bis in die Schläfen, und ihm wurde schwindelig. Er setzte sich auf die Bettkante, doch er war zu unruhig, um sitzen zu bleiben. Also stand er wieder auf und suchte nach seinen Zigaretten. Als er sie in seiner Jackentasche fand, gelang es ihm nur mit großer Mühe, sich eine anzuzünden. Statt der erhofften Entspannung zog sich sein Brustkorb zusammen, und er bekam kaum noch Luft. Es war, als wäre sein Körper in einen riesigen Schraubstock gespannt. Er drückte die Zigarette aus, ging zum Fenster und öffnete es. Und während er die kühle Luft einsog und nach draußen blickte, spürte er, wie sich der Druck in seiner Brust wieder löste. Er versuchte sich darauf zu konzentrieren, wie seine Lunge sich mit Sauerstoff füllte. Anfangs fiel es ihm schwer, doch nach ein paar Minuten merkte er, wie er ruhiger wurde. Und mit der Ruhe kehrte auch die Zuversicht zurück. Natürlich würde die Sache gut gehen, und in nicht einmal vierundzwanzig Stunden war alles überstanden.

Er musste sich nur einfach an seinen Plan halten.

Er schloss das Fenster, zog sich aus und ging auf die Toilette. Er drehte die Dusche an, ließ das Wasser laufen, stieg in die Wanne und stellte sich unter den heißen Strahl.

2

24. November 1971, Northwest Orient Airlines, Flug 305

Kate öffnete den Gurt, stand auf, strich ihren Rock glatt und blickte zum Servierwagen. Die Boeing war vor knapp fünf Minuten in Minneapolis gestartet und hatte ihre endgültige Reiseflughöhe noch nicht erreicht. Obwohl sie schon über sechs Jahre als Stewardess arbeitete, machte ihr der Druck auf den Trommelfellen immer noch zu schaffen. In letzter Zeit hatte sie sogar das Gefühl, dass es schlimmer wurde. Doch wahrscheinlich war sie einfach nur erschöpft. Da sich eine ihrer Kolleginnen krankgemeldet hatte, war sie die Strecke sechzehn Tage hintereinander geflogen; und das war entschieden zu viel. Bis auf die wenigen Stunden im Hotelzimmer hatte sie immer Menschen um sich, die irgendetwas von ihr wollten. Sie hatte sich bewusst für die Inlandsflüge entschieden, weil sie gehofft hatte, so mehr Zeit mit ihren Eltern verbringen zu können. Aber nach fünf Monaten auf dieser Route musste sie sich eingestehen, dass ihr die ständigen Starts und Landungen an die Substanz gingen. Sie hatte sogar den Eindruck, dass diese Flüge noch um einiges anstrengender waren als die Strecken nach Europa.

Sie löste die Bremse des Getränkewagens, blickte den Gang entlang und setzte sich in Bewegung. Es waren nur wenige Plätze besetzt, die meisten Passagiere saßen alleine. Der erste Mann, dem sie sich zuwandte, war um die siebzig. Seine grauen Haare waren kurz und ordentlich frisiert. Er trug einen braunen Cordanzug und wirkte etwas ängstlich.

Sie trat mit dem Fuß auf die Bremse und lächelte ihn an.

„Was möchten Sie trinken?“

„Nichts“, sagte er. „Vielen Dank, Miss.“

„Wenn Sie etwas brauchen, melden Sie sich einfach. Okay?“

Er nickte.

Die meisten Fluggäste waren freundlich, doch es gab an jedem Tag mindestens eine Person, die sich unmöglich benahm. In der Regel erkannte sie diese Passagiere schon beim Einsteigen, wenn sie sie der Reihe nach begrüßte. Meist waren es Männer, die sich verhielten, als hätten sie mit dem Ticket auch die Stewardessen gekauft. Kate vermutete, dass dies an den Uniformen lag, die die Fluggesellschaft im letzten Jahr eingeführt hatte. Sie waren von Christian Dior entworfen worden. Im Gegensatz zu den alten Kostümen wirkte das Rot fast aufdringlich, und für Kates Geschmack waren sie für ein Arbeitsdress deutlich zu freizügig. Am schlimmsten fand sie den Hut, der etwas lächerlich wirkte und sie an Rotkäppchen erinnerte. Aber etwas an dieser Kleidung schien Männer anzusprechen, denn es verging kaum ein Tag, an dem sie nicht eine Visitenkarte zugesteckt bekam.

Sie erreichte die nächste Reihe, eine Frau in ihrem Alter.

„Kann ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?“

„Haben Sie Kaffee?“

Kate nickte, nahm einen Styroporbecher, füllte ihn auf und reichte ihn der Frau.

„Möchten Sie Milch und Zucker?“

„Nur Zucker“, sagte sie. „Vielen Dank.“

Kate war in einem kleinen Nest in Nebraska aufgewachsen, doch sie hatte immer von Reisen in fremde Länder geträumt. Dass man mit einem Flugzeug in wenigen Stunden von Nordamerika nach Asien fliegen konnte, hatte sie schon als Kind fasziniert. Während sie den Wagen weiterschob, musste sie an ihre Ausbildung denken. Sie hatte sich bei zwölf Airlines beworben, aber bis auf eine hatten alle abgesagt. Als der Brief von Northwest Orient Airlines sie erreichte, hatte sie innerlich schon aufgegeben. Und wahrscheinlich war genau das der Grund, warum sie die Ausbildung nicht hinterfragte. Ein Großteil der Inhalte beschäftigte sich mit dem Auftreten. Es gab Kurse, in denen vermittelt wurde, wie man sich richtig schminkte. Sie lernte, wie man seinem Gegenüber das Ge-
fühl der Wichtigkeit verlieh. Und es wurde großer Wert darauf gelegt, dass man sich selbst zurück-
nahm.

Die nächsten zwei Reihen waren unbesetzt. Dann kam sie zu einem Mann, der zu schlafen schien. Passagiere durfte man unter keinen Umständen absichtlich aufwecken, auch das hatte man ihr beigebracht. Und natürlich war das einleuchtend. So gut wie alles, was sie gelernt hatte, war für sie nachvollziehbar gewesen. Doch die Kate von damals gab es nicht mehr, und auch die Welt hatte sich grundlegend verändert. Tagtäglich gingen in den großen Städten Menschen gegen den Vietnamkrieg auf die Straßen. Frauen setzten sich für ihre Rechte ein. Und obwohl Kate niemanden kannte, der in einer Kommune lebte, gefiel ihr die Vorstellung, Freud und Leid mit anderen Menschen zu teilen.

Die Boeing wurde von einer leichten Turbulanz erfasst, und Kate blickte an dem schlafenden Mann vorbei aus dem Fenster. Sie flogen durch eine dichte Wolkenschicht. Beim Start war das Wetter noch einigermaßen okay gewesen, doch George hatte die Crew auf einen unruhigen Flug eingestellt. Im Gegensatz zum Druckunterschied beim Starten und Landen machten Turbulenzen ihr nichts aus. Aus Erzählungen wusste sie, dass auf dieser Strecke schon etliche Maschinen abgestürzt waren. Aber die Flugzeuge waren sicherer geworden, und sie vertraute der Technik. Seit sie als Flugbegleiterin arbeitete, hatte die Airline keine ihrer Maschinen verloren. Und George gehörte zu den erfahrensten Piloten, die sie kannte. Er hatte das Fliegen bei der Air Force gelernt, und es hieß, dass es kaum einen Ort gab, an dem er nicht landen konnte.

Auf den nächsten Plätzen saß ein älteres Ehepaar, das Mineralwasser bestellte. An der Art, wie sie ihre Becher entgegennahmen, erkannte Kate, dass sie noch nicht oft geflogen waren. Morgen war Thanksgiving, und die beiden waren sicher zu ihren Kindern unterwegs. Auch Kate hätte das Fest gerne mit ihren Eltern verbracht, doch in diesem Jahr würde sie es wieder nicht schaffen. Sie war Einzelkind und wusste, dass ihre Mutter und ihr Vater sie an diesem Tag sehr gerne um sich hätten. Aber sie wusste ebenfalls, dass sie ihr niemals Vorhaltungen machen würden. Und trotzdem wurde sie von Traurigkeit gepackt, als sie sich ihre Eltern zu Hause allein vorstellte. Ihr Vater hatte im letzten Jahr einen leichten Schlaganfall erlitten. Obwohl er steif und fest behauptete, dass es ihm wieder gut ging, spürte Kate, dass er nachdenklicher geworden war.

Der letzte Passagier in der Reihe bestellte Martini. Er trug einen dunkelblauen Anzug, und die Art, wie er rauchte, erinnerte sie an Sean Connery. Es kam tatsächlich vor, dass bekannte Schauspieler oder Musiker in den Maschinen saßen. Erst vor Kurzem hatte ihr eine Kollegin erzählt, dass sie Paul Newman bedient hatte. Doch Prominente flogen so gut wie immer in der ersten Klasse.

Nachdem sie dem Mann den Martini gereicht hatte, schob sie den Wagen zurück zu ihrem Platz im Heck der Maschine, wo Emma gerade über das Bordtelefon mit dem Co-Piloten sprach.

Sie sicherte den Wagen, füllte die Getränke auf und setzte sich dann auf ihren Platz.

Kurz darauf setzte sich Emma neben sie.

„Alles okay?“, fragte Kate.

Emma nickte.

„Die Landung in Great Falls läuft planmäßig.“

Kate griff in ihre Reisetasche, die unter dem Sitz stand, zog eine Schachtel Luckys heraus und zündete sich eine an. Sie nahm einen tiefen Zug, schloss die Augen und dachte an ihr Hotelzimmer in Seattle.

Noch ein paar Stunden, dann hatte sie Feierabend.

Dann hatte sie endlich ein paar Tage Ruhe.

Jens Eisel

Über Jens Eisel

Biografie

Jens Eisel, geboren 1980 in Neunkirchen/Saar, lebt in Hamburg. Nach einer Schlosserausbildung arbeitete er unter anderem als Lagerarbeiter, Hausmeister und Pfleger. Er studierte am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig und war 2013 Finalist beim Literaturpreis Prenzlauer Berg. Mit seiner Story...

Medien zu „Cooper“
Pressestimmen
WDR 3 „Kultur am Mittag“

„Eisel erzählt die irre Geschichte schnörkellos im Stil großer amerikanischer Vorbilder des 70er Jahre Krimigenres.“

NDR "Hamburg Journal"

„Völlig unblutig hat Jens Eisel mit ›Cooper‹ eine charmante Räuberpistole geschrieben, an der nichts stimmt und doch alles wahr ist.“

Wochenend Journal (Augsburger Allgemeine)

„Der Hamburger Autor erzählt die wahre Geschichte mit unheimlicher Ruhe und Präzision. Er fängt die Gefühle des Kidnappers und die Ängste der Stewardess gekonnt ein.“

Luxemburger Tageblatt

„Im übertragenen Sinn kann man Jens Eisels ›Cooper‹ als einen Roman bezeichnen, der kein Gramm Fett zu viel auf den Rippen hat, ohne dabei mager zu wirken!“

literaturkritik.de

„Ein literarisches Lehrstück über Wagemut und Verzweiflung.“

Frankfurter Allgemeine Zeitung

„›Cooper‹ liest sich wie ein Dokudrama, das sich angesichts der Lücken des Faktischen ein paar literarische Freiheiten nimmt. Das Experiment ist geglückt.“

P.M. History

„Eisel spinnt eine charmante und spannende True Crime Story.“

Zeit online

„Sein Text ist schlank und kommt ohne reißerische Stilistik aus.“

Brigitte

„Eisel erzählt die Geschichte nüchtern, präzise und knapp nach. Das hat einen atemlosen Sog.“

Radio freeFM „Freunde reden Tacheles“

„Bei diesem Buch geht einem das Herz auf.“

Altmühl-Bote

„Große Krimiliteratur, ein Muss für Freunde des Genres.“

krimi-couch.de

„Kurzweiliger und packender True-Crime-Roman“

literaturmarkt.info

„Die Lektüre von ›Cooper‹ bereitet große Freude, amüsiert über viele Stunden lang und beendet Langeweile ab dem ersten Satz.“

Podcast „Auf ein Buch – Der Literaturpodcast“

„Die Stärken liegen (…) in der Figurenzeichnung, in der Geschichte, in der Spannung durch diese sehr klare, schnörkellose, bisschen minimalistische Sprache, die sich vor allem durch starke Dialogszenen (…) auszeichnet.“

SR3 „Krimitipp“

„Beeindruckend, wie Jens Eisel mit Perspektivwechsel uns quasi einen Panorama-Einblick in diese Geschichte verschafft und uns mitfiebern lässt bis zum Schluss.“

Stadtmagazin

„Die spektakuläre und bis heute unaufgeklärte Flugzeugentführung hat der Hamburger Autor Jens Eisel in einer erlesen guten True-Crime Story aufgearbeitet: semidokumentarisch, unaufgeregt, erzählerisch dicht und voller subtiler Spannung.“

Salzstreuner

„Eine Räuberpistole, wie sie im Buche steht.“

Hamburger Abendblatt

„›Cooper‹ vermischt Fakten mit Fiktion und zwar so geschickt, dass Eisels Version der Geschichte möglicherweise die bislang beste ist.“

WDR 5 „Bücher“

„Leichtläufig, spannend und flüssig“

Dingolfinger Anzeiger

„Mit knapper, schnörkelloser Sprache (…) fesselt er den Leser. Bis zur letzten Seite.“

NDR „DAS!“

„Sehr kurzweilig und spannend erzählt.“

Deutschlandfunk „Büchermarkt“

„Hier machen einfach nur vier Menschen denkbar unaufgeregt einen verdammt guten Job: Der titelgebende Cooper, die Stewardess, der Boeing Pilot und Jens Eisel, der mit seinem Roman zeigt, weshalb Klarheit schlechterdings die Höflichkeit eines Schriftstellers ist.“

kulturnews.de

„Tatsächlich bringt der ornamentfreie, ungemein abgeklärte und doch so assoziationsreiche Eisel-Sound neue Erkenntnisse.“

Merkur online

„Jens Eisel hat diese wahre Geschichte aufgegriffen und einen wunderbaren Krimi daraus geschrieben.“

popscene

„Es ist ein Buch, das man, kaum angefangen, nicht mehr aus der Hand legen mag, bis man an dessen Ende angelangt ist. Eisel hat eine überaus spannende Version der Geschichte des mysteriösen Flugzeugentführers und Verbrechers Dan Cooper niedergeschrieben.“

SWR3

„Und das ist wirklich sehr lebendig, anschaulich und interessant.“

egoFM „Buchhaltung“

„Der Hamburger Autor erzählt die wahre Geschichte mit unheimlicher Ruhe und Präzision. Er fängt die Gefühle des Kidnappers und die Ängste der Stewardess gekonnt ein.“

guenterkeil.wordpress.com

„Ein starkes Stück Literatur!“

Radio Weser TV „WortART“

„Eisel gelingt eine glaubhafte, unpathetische und unheroische Beschreibung der Ereignisse, die sowohl Mut als auch Verzweiflung transportieren. Er taucht quasi in die Psyche der Akteure ein und nimmt den Leser mit auf eine faszinierende Reise und man hat an jeder Stelle das Gefühl, dass sich die Ereignisse genauso abgespielt haben müssen.“

Kommentare zum Buch
Ein Jugendbuch ….
Gerrit Rost am 26.12.2022

Kurzweilig, ja, allerdings bedeutet das auch, dass es oberflächlich bleibt, und man das Werk an einem Wintertag gut durchlesen kann. Wofür der Autor die buchbezogene und geförderte Recherchereise sowie mehrere Stipendien benötigt hat erschließt sich beim Lesen jedenfalls nicht. Schade, da hätte ich wirklich sehr viel mehr erwartet, so ist es ein kurzer Abenteuerroman für die Bahnfahrt.

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