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Wildblütenzeit

Die große Schwarzwaldsaga

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Wildblütenzeit — Inhalt

Im Juli 1945 sitzt der siebenundvierzigjährige Jakob Haug im Büro seines Hotels. Vor ihm liegt die wohl wichtigste Unterredung in der langjährigen Geschichte des Traditionshauses »Zum Markgrafen«. Denn Jakob soll vor einem amerikanischen Offizier über sein Verhältnis zu den einflussreichen Nationalsozialisten, die während des Kriegs in seinem Hotel ein- und ausgingen, Rechenschaft ablegen. Dieses Verhör wird über das Fortbestehen des Betriebs entscheiden, der seit vielen Generationen im Besitz der Familie liegt. Doch um Jakobs Handlungsmotive zu verstehen, ist es wichtig, die Vergangenheit zu kennen. Deshalb erzählt er dem Offizier vom Schicksal der Familie Haug – und vom glanzvollen Aufstieg eines Hauses, das seit 1780 deren Segen wie auch größter Fluch war.

€ 20,00 [D], € 20,60 [A]
Erschienen am 01.08.2018
352 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
EAN 978-3-86612-448-6
€ 11,00 [D], € 11,40 [A]
Erscheint am 02.07.2019
352 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-23569-3
€ 16,99 [D], € 16,99 [A]
Erschienen am 01.08.2018
352 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-97995-5

Leseprobe zu »Wildblütenzeit«

Juli 1945


Der Jeep fuhr mit einem sanften Schwung um die Kurve und hielt unmittelbar vor dem schmiedeeisernen Tor. Langsam erhob sich Jakob Haug vom Rücksitz des Wagens und setzte zögerlich einen Fuß auf das Trittbrett. Erst als der amerikanische Militärpolizist ihm unsanft auf den Rücken klopfte und »come on« knurrte, gab er sich einen Ruck und kletterte aus dem Wagen, umständlich und langsam, als litte er Schmerzen. Es tut weh, dachte er, es tut wirklich weh, wenn auch nicht körperlich. Ich will mir einfach nicht vorstellen, was mich da drinnen [...]

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Juli 1945


Der Jeep fuhr mit einem sanften Schwung um die Kurve und hielt unmittelbar vor dem schmiedeeisernen Tor. Langsam erhob sich Jakob Haug vom Rücksitz des Wagens und setzte zögerlich einen Fuß auf das Trittbrett. Erst als der amerikanische Militärpolizist ihm unsanft auf den Rücken klopfte und »come on« knurrte, gab er sich einen Ruck und kletterte aus dem Wagen, umständlich und langsam, als litte er Schmerzen. Es tut weh, dachte er, es tut wirklich weh, wenn auch nicht körperlich. Ich will mir einfach nicht vorstellen, was mich da drinnen erwarten wird.

»Seit die Amerikaner hier sind, darf das Haus keiner mehr betreten. Die Franzosen haben uns wenigstens hineingelassen, wenn sie auch gehaust haben wie die Vandalen«, hatte seine Schwägerin Marie gemurrt, als sie Jakob vor vier Wochen im Militärgefängnis besucht hatte. »Alles mitgenommen, was nicht niet- und nagelfest war, sogar die Hühner haben sie geschlachtet und gefressen, anders kann man es nicht nennen. Stell dir vor, sie haben die armen Tiere geköpft, mitten in der Majolika-Stube. Alles war voller Blut und das Schlimmste, ich kann es gar nicht aussprechen ... die drei Zimmermädchen, die noch im Haus waren, weil sie uns nicht im Stich lassen wollten, mussten wir verstecken.«

»Der Krieg macht die Menschen nicht besser, im Gegenteil«, hatte er damals geantwortet. »Überall Hunger, Hass und Rohheit.«

Wieder schob ihn der Soldat unsanft vorwärts, und sie setzten sich in Bewegung. Zum ersten Mal seit vielen Wochen trat er wieder durch das große Tor. Jakobs Blick fiel auf den geliebten Garten – sein Schmuckstück. Philipp, sein Bruder, hatte ihn vor vielen Jahren angelegt, und Jakob hatte ihn vollendet. Er sah die Rosenstöcke mit ihren duftenden Blütenköpfen in sattem Gelb, zartem Rosa und prallem Rot, deren wilde Schönheit ihn immer wieder aufs Neue betört hatte. Er sah die gestutzten Buchsbäume und den samtenen, grünen Rasen, der jetzt aber zertrampelt und an manchen Stellen aufgerissen war. Und er sah den Springbrunnen, der das Zentrum des Gartens zierte.

Vor den dunkelgrünen Lorbeerbüschen hatte die Fortuna gestanden. Anmutig hatte die Statue ihr Füllhorn gehalten und dabei voller Stolz auf das Haus geblickt. Oskar Köhler hatte sie aus glänzendem weißem Marmor geschaffen – der Bildhauer hatte so viel für das Haus getan und war bis zum Schluss mit ihm verbunden geblieben. Bis zum bitteren Ende, korrigierte sich Jakob traurig im Stillen. Die Fortuna sollte seine Mutter Therese darstellen, die wie viele andere Frauen der Familie Ansehen und Wohlstand ins Haus gebracht hatten. Jetzt ruhte die Statue aber zerschmettert neben dem Springbrunnen im Gras, Kopf und Arme waren abgebrochen, und das Füllhorn lag wie ein nicht eingelöstes Versprechen am Rande des Bassins.

Jakob bückte sich, um die sanften Linien des marmornen Gesichts zu berühren, aber der Soldat knurrte wieder sein »come on«, und so ging er gehorsam weiter, mit einem wehmütigen Blick auf die welkenden Blumenbeete.

Ein ekelerregender Gestank nach Urin, Blut und verdorbenem Fleisch schlug ihm entgegen, als er das Haus betrat. Der Geruch der Zerstörung und der Entwürdigung, dachte Jakob unwillkürlich, und immer größer werdende Verzweiflung erfasste ihn, während er durch die Räume schritt.

Im Salon waren die Bezüge der Sessel aufgeschlitzt worden, überall lag Dreck und Unrat. Am schlimmsten sah es aber in der Majolika-Stube aus. Dort war sämtliches Geschirr zerstört worden – alles Sammlerstücke, die die Familie seit Generationen zusammengetragen hatte. Und nun das Restaurant und die Weinstube! Überall umgestürzte Tische und zerbrochene Stühle. Wie chaotisch es aussah! Die Kronleuchter, das Silber – alles war verschwunden, ebenso wie die wunderschöne Damasttischwäsche, Maries und Thereses ganzer Stolz.

Seine Schwägerin hatte ihm erzählt, dass sie und die Hausdame Helene versucht hatten, die Damastwäsche in einem Hohlraum oberhalb der Küche zu verstecken, aber man hatte sie wohl dabei beobachtet, denn kurze Zeit später war die französische Militärpolizei gekommen und hatte sie einem strengen Verhör unterzogen.

»Wir mussten alles angeben, sogar die Einmachgläser und die Kochlöffel. Alles haben sie mitgenommen. Nichts konnten wir retten.«

Wir waren vermessen, dachte er plötzlich. Was haben wir denn geglaubt? Dass unser Besitz für die Ewigkeit währt? Immer mehr angehäuft und weitergegeben von Nachkomme zu Nachkomme?

Der Soldat bedeutete Jakob mit einer Kopfbewegung, die Treppe hochzugehen, und ihm wurde nun bewusst, wo das Verhör stattfinden sollte: In seinem Büro, der »Kommandozentrale«, wie die Angestellten liebevoll spottend zu sagen pflegten. Auch dort herrschte Verwüstung. Man hatte augenscheinlich nach dem Tresor gesucht, denn die Bilder waren heruntergerissen worden, und die Tapeten hingen nur noch in Fetzen an den Wänden.

Der Soldat blieb im Türrahmen stehen und betrachtete ihn mit ausdrucksloser Miene. Jakob nahm das als Zeichen, dass er sich frei bewegen durfte, und ging mit kleinen Schritten auf seinen Schreibtisch zu. Mit der Hand fuhr er über die gemaserte Tischplatte, berührte die Kerben und Flecken, die man ihr zugefügt hatte. Unter dem Schmutz und der Zerstörung atmete das Holz aber noch, er konnte es genau spüren. Ihm kam es so vor, als tastete er sich ein kleines Stück zurück in sein altes Leben.

Plötzlich gab es eine Bewegung in der Tür. Der Soldat stand stramm, und ein hagerer, mittelgroßer Mann in der Uniform eines amerikanischen Offiziers betrat den Raum. Er hatte ein schmales Gesicht mit tief liegenden, dunklen Augen und kurz geschorenem dunkelbraunem Haar. Bei seinem Anblick streifte Jakob ein Schatten der Erinnerung, er glitt aber vorüber, war nicht zu fassen.

»Guten Tag, Herr Haug.« Der Mann reichte Jakob die Hand und bedeutete ihm mit einer Kopfbewegung, Platz zu nehmen. »Sie können sich ruhig hinter Ihren Schreibtisch setzen.« Er selbst ließ sich auf einem der beiden tiefen Ledersessel nieder, die um den Schreibtisch gruppiert waren und erstaunlich unversehrt aussahen.

Jakob setzte sich auf seinen altvertrauten Stuhl und merkte auf einmal, wie sehr sein Herz klopfte. Er spürte die harte Lehne des geschnitzten Holzes im Rücken. »Louis-quinze«, hatte sein Vater immer wieder stolz betont, »ein seltenes Stück.« Jakob hatte den Stuhl damals übernommen, obwohl er unbequem war, denn er verlieh ihm ein Gefühl der Sicherheit, der Zugehörigkeit – und er war schön, wirklich etwas Besonderes.

Unsicher blickte Jakob zu dem jungen Offizier hinüber, dessen Gesicht aber blieb verschlossen. Schließlich beugte er sich leicht nach vorne und sagte: »Mein Name ist Kurt Goldstein. Major Kurt Goldstein, um es ganz genau zu sagen.« Er nahm ein Päckchen Lucky Strike aus seiner Brusttasche und bot Jakob eine Zigarette an.

Der schüttelte den Kopf. »Nein danke. Ich habe vor einiger Zeit damit aufgehört.« Im selben Moment bereute er, das Angebot nicht angenommen zu haben. Vielleicht hätte das die Atmosphäre etwas entspannt.

Der Offizier aber schien ihm diese Ablehnung nicht übel zu nehmen. Gelassen zündete er sich eine Zigarette an und verharrte einen kurzen Moment, um den bläulichen Rauchkringeln nachzublicken, die zur Decke aufstiegen.

»Ein schönes Haus, das Sie da haben«, bemerkte er beiläufig.

»Ein schönes Haus«, wiederholte Jakob mechanisch. »Ja, das war es wohl einmal.« Bilder zogen vor seinem inneren Auge vorbei. Es waren Erinnerungen an eine Zeit, die ewig zurückzuliegen schien: gedeckte Tische mit funkelndem Geschirr, die blendend weißen Schultern der schönen Frauen, die sich flüsternd den eleganten Herren in schwarzen Fräcken zuwandten. Eilig und geräuschlos herumhuschende Kellner mit silbernen Servierplatten, das leise Geklimper von Klaviermusik und dann der Geruch nach gutem Essen, Parfüm und prickelndem Champagner – der Duft der Lebensfreude. Und mittendrin er, Jakob, der König dieses Reichs der Genüsse. Und nun saß er da, war eher Narr als edler Herrscher. Welche Ironie, dass er dennoch auf seinem »Königsstuhl« Platz nehmen durfte.

»Ja, der Markgraf hatte einen sehr guten Ruf, und das wohl zu Recht«, sagte Kurt Goldstein in diesem Moment. Er lächelte, aber es war ein grimmiges Lächeln, wie Jakob fand. Verblüfft wollte er fragen, ob er denn schon hier gewesen sei. Aber dann redete Goldstein weiter, ganz beiläufig, aber messerscharf: »Sie wollen aus der Haft entlassen werden. Das ist verständlich. Ebenso, dass Sie Ihr Haus zurückhaben wollen. Aber ich frage Sie trotzdem: ›Warum?‹«

»Warum?«, wiederholte Jakob verwirrt. »Warum? Es gehört meiner Familie. Seit Generationen. Wir haben es gegründet, aufgebaut, ich meine ...« Verzweifelt suchte er nach Worten. Es war doch nur natürlich, dass er sein Eigentum zurückhaben wollte. Wie sollte er etwas erklären, das selbstverständlich war?

»Ich weiß schon, was Sie mir sagen wollen«, winkte Kurt Goldstein ab. »Es geht mir mit meiner Frage aber um etwas ganz anderes – um den Kern des Problems, wenn Sie so wollen. In Ihrem Haus sind die Nazis ein und aus gegangen. Keine kleinen Lichter, nein, es waren die einflussreichen, die, die weit oben mitmischten, Macht hatten. Und ihre prominenten Helfer. Schauspieler, Künstler, Industrielle ... Was wohl hinter diesen Mauern alles verhandelt wurde? Was wurde besprochen, abgemacht, beschlossen? Und Sie haben davon gewusst. Sie sind dann auch in die Partei eingetreten, ziemlich am Anfang sogar, wenn ich richtig informiert bin. Deshalb meine Frage: Warum das Ganze? Aus Überzeugung?«

»Um Himmels willen, nein!« Jakob hob abwehrend die Hände. »Nein, nein! Eigentlich ...«

»Eigentlich?« Kurt Goldstein sah ihn durchdringend an.

»Eigentlich habe ich die meisten dieser Leute verabscheut. Und was sie propagiert haben, sowieso. Das hatte nichts mit dem zu tun, was wir Haugs über viele Generationen gelebt haben. Es ist schwierig zu erklären. Aber die Zeiten damals ... Ich dachte, so könnte ich meine Familie und meine Mitarbeiter schützen.«

»Und dachten Sie auch ans Geschäft?«

Jakob zuckte zusammen. Er musste ehrlich sein, denn Goldstein würde es merken, wenn er log. »Ja, es ging mir natürlich auch um das Geschäft, da haben Sie recht. Ich habe diese Brut hofiert, habe mit den Wölfen geheult, wenn man es so nennen will. Aber nicht aus Überzeugung, wie gesagt!«

»Sie sind also ein Opportunist?« Kurt Goldstein konstatierte das in einem trockenen, neutralen Ton, dennoch bemerkte Jakob ein erbittertes Flackern in seinen Augen. Wer wusste, welche Wunden dieses Gespräch bei dem Mann aufgerissen, was er erlebt hatte?

Wenn ich nur eine Ahnung davon hätte, woher ich ihn kenne.

»Ja, ich war und bin ein Opportunist, das gebe ich zu. Ich konnte diesen Leuten ja schlecht Hausverbot erteilen, wenn sie sich gut benahmen und ihre Zeche bezahlten. Es wäre mich teuer zu stehen gekommen, wenn ich sie des Hauses verwiesen hätte.«

»Dass sie sich gut benahmen und bezahlten, das war selbstverständlich das Wichtigste.« Der beißende Sarkasmus in Goldsteins Stimme ließ Jakob erschaudern.

»Noch einmal: Sie müssen bedenken, was das für Zeiten waren, die äußeren Umstände sehen. Ich konnte dadurch auch ein paar Menschen helfen!«

»So?«

»Ja. Einem Bildhauer, einem sehr talentierten und populären. Er war Kommunist und hatte sich einer örtlichen Widerstandsgruppe angeschlossen. Und ein jüdisches Ehepaar haben wir auch für ein paar Wochen versteckt.« Jakob fiel Oskar Köhlers Gesicht wieder ein – sein zu Stein erstarrtes, lebloses Gesicht. Und die von Angst erfüllten Augen der Oppenheimers.

»Drei Menschen haben Sie also gerettet? Drei Menschen gegen so viele ...« Den letzten Satz sagte Goldstein so leise, dass Jakob ihn kaum verstand. »Wie gut ihr aufrechnen könnt«, setzte er hinzu, wobei unklar blieb, wen er mit »ihr« meinte.

Du hast keine Ahnung, mein Junge, dachte Jakob erbittert. Für diese drei habe ich Kopf und Kragen riskiert. Laut sagte er: »Sie wissen nicht, wie das war. Sie verstehen nicht ...«

»Ich will es aber verstehen!«, fiel ihm der Offizier ins Wort. Er klang aufgebracht.

Um Himmels willen, dachte Jakob, was mache ich da? Ich darf ihn doch nicht reizen. Ich bin doch abhängig von ihm, so wie ich von den Nazis abhängig war.

»Ich möchte es gerne verstehen«, wiederholte Kurt Goldstein nun etwas ruhiger. Er schlug die Beine übereinander und zündete sich noch eine weitere Lucky Strike an. »Ich will verstehen, was Sie angetrieben hat, und warum ich Ihnen den Markgrafen zurückgeben soll.«

Weil er uns gehört, dachte Jakob, immer noch voll Bitternis. Weil er uns gehört und weil alle Haugs ihre Kraft, Ideen und Träume in dieses Haus gesteckt haben. Warum reichte das denn nicht? »Wenn ich vielleicht doch eine Zigarette bekommen könnte?«

Goldstein streckte ihm das Päckchen entgegen und gab ihm Feuer. »Wenn Sie noch etwas Zeit haben, würde ich Ihnen gerne etwas über die Geschichte meiner Familie erzählen. Ich ... ich will es ja selbst verstehen.«

Durch die bläulichen Schwaden des Zigarettenrauchs nahm Jakob sein Gegenüber nur noch schemenhaft wahr, sah aber, wie jener ihm zunickte. Also begann er zu erzählen.


Juli 1780


Jakob der Gründer

Winzige Sonnenlichter tanzten auf den Wellen der Alb, die  träge an den Mauern der Stadt Ettlingen vorbeifloss. Aufmerksam betrachtete Jakob sein Bild, das das schiefergraue Wasser des Flusses zurückwarf. Er sah ein schmales Gesicht mit einem kräftigen Kinn, eine lange, gerade Nase und eine hohe Stirn, in die wirre haselnussbraune Strähnen fielen. Gerne hätte er sein Haar zu einem Zopf gebunden und gepudert, wie es die vornehmen Herren taten, aber daran war nicht zu denken. Der Sohn eines einfachen Schankwirts konnte nicht wie einer dieser herausgeputzten Stutzer herumlaufen. Andererseits ... Sein Blick glitt über die Stadtmauern, vorbei am hohen, stolzen Sandsteinturm des Rathauses und der schlanken Silhouette der Martinskirche, hin zu einem imaginären Punkt in der Mitte der Stadt. Andererseits, dachte er, wenn es gerecht zuginge, wäre ich ja auch einer von den vornehmen Herren.

Dort drüben musste es gestanden haben, das prächtige Handelshaus der Kaufmannsfamilie Haug, und gleich daneben die Brauerei, die zusätzlich Ansehen und Wohlstand gebracht hatte. Aber es war alles weg, verschlungen von dem Feuer, das 1689 während des Krieges gegen die Franzosen die ganze Stadt vernichtet hatte.

»Merk dir, Junge: Der Krieg ist ein Ungeheuer. Er frisst alles. Auch den Wohlstand unserer Familie hat er verschlungen«, pflegte sein Vater immer wieder zu sagen.

Jakob konnte sich unter einem Krieg nichts Rechtes vorstellen, er hatte noch keinen erlebt, aber das mit dem Feuer, das hatte er verstanden. Und so war die Familie Haug in das letzte ihrer verbliebenen Besitztümer gezogen: eine heruntergekommene kleine Schankwirtschaft vor den Toren der Stadt, in der man früher das hauseigene Bier verkauft hatte.

Verdrossen glitt der Blick des Jungen weiter. Irgendwo dort drüben lag es, das Haus. Ein schmaler zweistöckiger Bau mit grünen Fensterläden, die schief in den Angeln hingen und von denen die Farbe abblätterte. Daneben befand sich der leere Stall. Das müsste nicht sein, dachte Jakob und warf zornig einen Stein in das sanft plätschernde Wasser. Dann stand er auf, zog die Joppe zurecht, klopfte seine steingraue Leinenhose aus und begab sich über die Brücke und durch das Obere Tor in die Stadt. Gerade jetzt müsste das nicht sein. Der Postkutschenverkehr nimmt zu, die Straße, die von Frankfurt nach Rastatt führt, wird öfter befahren. Und wenn wir die Posthalterstelle innehätten – Mutter erzählt immer, dass die eigentlich uns versprochen wurde, als Urgroßvaters Betrieb abgebrannt war und er in das Haus am Stadtrand ziehen musste. Aber jetzt ist Heinrich Pfäfflin, der Wirt der Krone, Posthalter. Dieser verdammte Pfäfflin, der sich mit der Stelle mästet und immer reicher wird. Jetzt hat er die Krone sogar umbauen lassen. Zwei Zufahrten hat sie jetzt, damit die Kutscher in der engen Gasse nicht mehr wenden mussten. Dabei wäre unser Haus viel praktischer, es liegt auf freiem Gelände mit viel Platz drum herum. Ach, was könnte man alles aus unserer Schankwirtschaft machen ... Die Stadt wächst doch längst über die Mauern hinaus. Bald liegt auch unser Haus mittendrin. Aber der Vater ist alle Tage betrunken und hängt irgendwelchen Träumen von vergangener Größe nach.

Jakob überquerte den Marktplatz und bog dann vor dem Schloss in die Gasse ein, die zum Unteren Tor führte. Wie schön die Stadt jetzt war. Nach dem großen Brand hatte die Markgräfin Augusta Sibylla sie wieder aufbauen lassen. Ein italienischer Baumeister habe alle Gebäude entworfen, hatte Jakob gehört. Hübsche, zweistöckige Häuser aus Stein zeugten von neuem Wohlstand, und auch das Schloss, der Witwensitz, war prächtig renoviert und erweitert worden.

Ach, was könnte man alles machen, dachte Jakob erneut und stand kurz darauf vor der Schankwirtschaft. Für einen Moment schloss er die Augen. Er stellte sich ein frisch verputztes, schönes Gebäude vor mit angrenzendem Stall, in dem Pferde und Kutschen standen, und einen Hof mit üppig bepflanztem Garten. Geschäftiges Treiben würde dort herrschen, Gäste würden kommen und gehen, und in der Luft würde ein Duft nach frisch gebratenem Fleisch liegen. So wird es einmal sein, dachte er. Ich, Jakob Haug, werde dieses Haus zu einem Ort der Lebensfreude und der Gastlichkeit machen! Und ich weiß auch schon, wie ich es anfange. Dabei kam ihm das Bild eines Mädchens in den Sinn – nicht unbedingt schön, aber anheimelnd, mit ihren roten Backen und freundlichen blauen Augen. Es war Magdalena, die Tochter des reichen Bauern Kramer, die ihm immer zulächelte, wenn sie mit ihrem Vater an der Schankwirtschaft vorbeifuhr. Ja, mit Magdalena und ihrer Mitgift wäre der Anfang getan.

Jakob öffnete die Augen wieder und blickte zum jämmerlichen Gemüsegarten hinüber, wo sich das Mühlkreuz befand. Ohne recht zu wissen, warum, begab er sich zu dem schmiedeeisernen Gebilde, das schief zwischen den Kohlköpfen aufragte, und berührte es. Die einstmals goldfarbene Inschrift auf dem runden Medaillon in der Mitte des Kreuzes war kaum noch zu entziffern, aber Jakob wusste genau, was darauf geschrieben stand. Schon als kleiner Junge, der in der Bürgerschule gerade mühsam lesen und schreiben gelernt hatte, war er immer wieder vor dem Kreuz gekniet und hatte versucht, den kaum noch sichtbaren Buchstaben eine Bedeutung zu entlocken. »Andreas und Katharina Stein«, hatte er damals die Namen der Müllersleute, die vor über fünfzig Jahren an diesem Ort eine Mühle betrieben hatten, buchstabiert. Auch das Jahr, in dem das Kreuz gestiftet wurde, war darauf verewigt. Nur die Worte darunter hatte Jakob bis zu diesem Tag nicht richtig zu deuten vermocht: DIE ARME GOTTES. Was hatten die Müllersleute damit sagen wollen? Bedankten sie sich bei Gott, weil er sie wie ein Vater schützend in die Arme genommen hatte, oder erflehten sie seinen Beistand? Immer, wenn Jakob diese Worte las, kräuselten sich seine Lippen verächtlich. Diesem Gott, der seiner Familie bisher nur die strafende Hand gezeigt hatte, vertraute er nicht allzu sehr.

Seufzend erhob er sich. Wenn man doch nur an Gottes Schutz glauben könnte, denn den hatte er wirklich bitter nötig. Vielleicht würde das Kreuz ja doch noch nützlich werden eines Tages, in einer fernen, unbekannten Zukunft. Aber zunächst musste er sich selbst helfen.

Jakob betrat den Schankraum. Roh gezimmerte Bänke und Tische, aber auch einige Fässer standen neben dem rechteckigen Schanktisch, auf dem sich noch die Gläser und Krüge vom vergangenen Abend befanden. Über allem hing ein stickiger Geruch nach schalem Bier. In der hinteren Ecke des Zimmers saß der Vater zusammengesunken am Tisch und schnarchte. Jakob ging hinüber und rüttelte ihn heftig an den Schultern.

»Vater, Vater, wach auf! Es ist lichter Tag. Vielleicht kommt bald ein Gast. Wir müssen aufräumen!«

Ignatz Haug richtete sich schwerfällig auf. Ein dünner Speichelfaden zog sich an seinem linken Mundwinkel nach unten, und die verschleierten Augen schienen nicht richtig aufzunehmen, was um ihn herum geschah. »Gast ...«, krächzte er. »Wer soll schon kommen?«

Da hast du recht, dachte Jakob erbittert. Wer sollte schon in die Schankwirtschaft kommen, außer vielleicht deine Saufkumpane, die unsere Fässer leer trinken, ohne einen Heller dafür zu bezahlen. Wie soll das nur weitergehen?

Kalt und ohne Regung betrachtete Jakob seinen Vater. Früher hatte er noch Mitleid empfunden, wenn er von den alten Zeiten schwärmte, als die Haugs noch reiche und angesehene Leute waren. Aber jetzt verachte ich ihn, dachte er. Ja, ich verachte meinen Vater und manchmal wünsche ich ihn zum Teufel. Es ist schlimm, ich weiß, ich sollte mich für diese Gedanken schämen. Aber nicht einmal mehr das kann ich.

»Vater«, sagte Jakob eindringlich und setzte sich neben ihn auf die rohe Holzbank. »Vater, hör mir zu. Du musst endlich etwas unternehmen. Wir müssen die Posthalterstelle bekommen, immerhin wurde sie uns versprochen. Dem alten Pfäfflin soll es nicht gut gehen, habe ich gehört. Wenn er stirbt und der junge Hermann die Stelle bekommt, dann können wir lange warten. Die Krone ist ein gediegenes Lokal. Sie haben vieles neu herrichten lassen, und jetzt haben sie auch noch die beiden Zufahrten für die Kutschen.« Seine Stimme wurde rau vom Elend und der Sehnsucht nach einem schönen, sauberen Haus. »Wir brauchen die Schildgerechtigkeit, hörst du, Vater! Die Wirtschaft braucht einen Namen. Wir müssen Speisen ausgeben dürfen, nicht nur Schnaps und Bier, und wir müssen Zimmer anbieten. Du musst eine Eingabe schreiben, ich helfe dir auch dabei. Und dann musst du aufs Amt gehen. Gleich nachher ziehst du deinen guten grünen Rock an und gehst dorthin. Hörst du, Vater? Und dann fangen wir an: Wir räumen auf, vielleicht können wir uns auch beim Juden Geld leihen. Mit der Aussicht auf die Posthalterstelle.« Resigniert verstummte er, denn der Kopf des Vaters war wieder auf die schmierige Tischplatte gesunken. Es war nicht zu erkennen, ob er seinem Sohn überhaupt zugehört hatte.

In diesem Moment ging die Tür auf, und Anna-Maria Haug trat ein. Sie hielt einen Besen in der Hand. Die letzten Worte ihres Jungen musste sie gehört haben, denn sie vermied es, ihn oder ihren Mann anzusehen. Stattdessen begann sie verbissen, die Dielen zu kehren. Sie hieb den Besen auf den Boden, als wollte sie ihn schlagen.

So viel Wut und Hass, dachte Jakob. Es frisst uns auf, dieses heruntergekommene Haus. Und es gibt keine Hoffnung, dass es besser wird.

Ignatz Haug erhob sich schwankend, lallte etwas von »in Ruhe lassen« und torkelte hinaus. Anna-Maria ließ den Besen sinken und starrte der taumelnden Gestalt nach, dann wandte sie sich mit stockender Stimme an ihren Sohn: »Es ist zwecklos, Jakob. Was habe ich schon an ihn hingeredet. Man sagt, der alte Pfäfflin würde bald sterben und ...«

»Ich weiß, Mutter, aber ...«

Ein seltsames Geräusch ließ ihn mitten im Satz innehalten. Es war ein dumpfer, schwerer Laut, als ob etwas umgefallen wäre. Jakob fuhr hoch und stieß die Tür zur Diele auf. Dort lag er, der Vater, mehr ein Bündel Lumpen denn ein Mensch. Jakob kniete sich neben ihn nieder und drehte ihn vorsichtig um. Ein graues, erstarrtes Gesicht blickte ihm entgegen. Die Augen waren weit geöffnet, als hätten sie noch im Fallen etwas gesehen, das sie erschreckt hatte. Vorsichtig schloss Jakob die Lider seines Vaters und flüsterte: »Er ist tot, er ist tot. Ich weiß, es ist Sünde, aber ich sage: Gottlob. Jetzt bin ich frei!«

Inge Barth-Grözinger

Über Inge Barth-Grözinger

Biografie

Inge Barth-Grözinger wurde 1950 in Bad Wildbad im Schwarzwald geboren. Sie unterrichtete bis zu ihrer Pensionierung am Peutinger-Gymnasium in Ellwangen die Fächer Deutsch und Geschichte. Sie veröffentlichte mehrere sehr erfolgreiche Bücher, unter anderem die Schwarzwald-Familiensaga »Beerensommer«.

Veranstaltung
Lesung und Gespräch
Montag, 11. Februar 2019 in Dornstetten
Zeit:20:00 Uhr
Ort:Zehntscheuer,
Zehntgasse 9
72280 Dornstetten
Im Rahmen der "Dornstetter Buchwochen"
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Lesung und Gespräch
Mittwoch, 20. März 2019 in Ellwangen
Zeit:19:30 Uhr
Ort:Palais Adelmann,
Obere Straße 6
73479 Ellwangen
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Inhaltsangabe
Inhaltsverzeichnis

Juli 1945             

Juli 1780 – Jakob der Gründer   

Mai 1789             

Juli 1945            

September 1796           

Oktober 1805   

Juli 1945              

November 1812              

Juli 1945              

Mai 1828 – Johann der Genießer            

Juli 1945              

September 1834             

Juli 1945              

Januar 1848       

März 1848          

Juli 1945            

April 1849 – Leopold der Rebell               

Juli 1945              

September 1855             

Juli 1945             

September 1885 – Johann-Georg der Kaufmann            

Juli 1945              

September 1918 – Philipp und Jakob    

Juli 1945              

Nachwort           

Kommentare zum Buch

Gibt tiefe Einblicke in das Leben einer Hoteliersfamilie, deren Erfolg Fluch und Segen zugleich ist
katikatharinenhof am 22.08.2018

Jakob Haug führt das wichtigste Gespräch in seinem Leben - er soll Rechenschaft ablegen über seine Verbindungen zu den Nazis, die während dem Krieg in seinem Hotel sich die Klinke in die Hand gedrückt haben. Doch wie erklärt man einem amerikanischen Offizier, dass Traditionen, Erfolg und Familie zugleich Fluch und Segen bedeuten, wenn man ein erfolgreiches Hotel wie das Traditionshaus "Zum Markgrafen" führt ?   "Wildblütenzeit" fasziniert mich zum einen durch das Cover, da mich das Titelbild schon dazu einlädt, mich auf eine Zeitreise zu begeben und so dem Schicksal der Hoteliersfamilie Haug beizuwohnen. Zum anderen besticht dieser Roman durch aufwendige Recherche, die gekonnt Fiktion und Realität in diesem Buch vereint. Dabei stellt die Autorin das Leben in und um das Hotel sehr realitätsnah dar, gibt mir als Leser einen Einblick in das geschäftige Treiben und zeigt vor allen Dingen auf, mit wieviel Arbeit es verbunden ist, aus Tradition und Pflichtbewusstsein einen Familienbetrieb erfolgreich zu führen und sich den Neuerungen , sei es politisch oder technisch, anzupassen, um den Betrieb am Laufen zu halten. Dass das nicht immer leicht ist, auch manchmal einen Spagat zwischen der eigenen Überzeugung und der Erwartungshaltung anderer bedeutet, wird hier sehr schön und bildhaft beschrieben. Die Autorin erklärt und belehrt, hebt aber niemals den Zeigefinger und so ermöglicht sie mir auch ein eigenes Urteil über das Tun und Handeln, sodass mir manche Entscheidungen nachvollziehbar aber nicht unbedingt nachahmenswert erscheinen. Man spürt immer wieder deutlich, dass die Protagonisten manchmal gar nicht anders können, als zum Wohle des Hotels zu entschieden, sind sie doch untrennbar mit Erfolg bzw Misserfolg des Hauses verbunden und das lässt manch einen seine Überzeugung, seine innere Einstellung "vergessen". Die Erzählung nimmt mich mit auf eine bewegende Zeitreise, deren Protagonisten ein packendes und zugleich interessantes Leben vereint und mir somit tiefe Einblicke in das Leben einer Hoteliersfamilie gibt, deren Erfolg Fluch und Segen zugleich ist.   Herzlichen Dank an den Verlag, der mir dieses Rezi-Exemplar kostenfrei über NetGalley zur Verfügung gestellt hat. Diese Tatsache hat jedoch nicht meine ehrliche Lesermeinung beeinflusst.  

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