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Nach Seepferdchen tauchen

Ein Buch über das Gedächtnis

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Nach Seepferdchen tauchen — Inhalt

Können wir unseren Erinnerungen trauen? Kann ein Mensch auch ohne Gedächtnis ein glückliches Leben führen? Wie lässt sich die Gedächtnisleistung steigern? Müssen wir das Vergessen fürchten, oder sollten wir sogar dankbar sein, nicht alles zu erinnern?

Die Neuropsychologin Ylva Østby und ihre Schwester, die Autorin Hilde Østby, begeben sich auf eine Reise in die Welt der Erinnerungen und des Gedächtnisses. Ebenso unterhaltsam wie kompetent zeigen sie, wie Erinnerungen unser Leben lenken, wie sie sich beeinflussen lassen und unsere Identität prägen. Sie erzählen aus der Wissenschaftsgeschichte und sprechen mit weltweit führenden Experten der Gedächtnisforschung. Vor allem aber beleuchten sie die persönlichen Geschichten von Menschen, die deutlich machen, wie das Erinnerungsvermögen unser Leben bestimmt: Wind, der sich an nichts vor jenem Tag in seinem 27. Lebensjahr erinnert, an dem er in einem Zug in China »aufwachte«; Adrian, der als Überlebender des Terrorangriffs auf Utøya lernen musste, wie man traumatische Erinnerungen bezähmt; Judy, die sich als Taxifahrerin mühelos im Labyrinth der Straßen Londons zurechtfindet; oder Asbjørn Rachlew, der als Kriminalbeamter die Psychologie des Erinnerns studierte und die Rechtsprechung eines ganzen Landes gerechter machte. Für ein Experiment schicken sie zehn Taucher auf den Grund des Oslofjords, und sie versuchen sich sogar daran, gezielt falsche Erinnerungen zu erzeugen. Am Ende des Buches geht es um unsere Zukunft – denn auf sie Einfluss zu nehmen, ist der eigentliche Grund, warum wir ein Gedächtnis haben.

»Ein faszinierendes Leseabenteuer, das einem wahrlich die Augen öffnet!« Maja Lunde, Autorin des Bestsellers »Die Geschichte der Bienen«

€ 24,00 [D], € 24,70 [A]
Erschienen am 02.10.2018
Übersetzt von: Nina Hoyer
320 Seiten, Hardcover
EAN 978-3-8270-1374-3
€ 19,99 [D], € 19,99 [A]
Erschienen am 02.10.2018
Übersetzt von: Nina Hoyer
320 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-8270-7972-5

Leseprobe zu »Nach Seepferdchen tauchen«

Kapitel 1

Das Seeungeheuer

Oder: Die Entdeckung des Hippocampus


Das Gedächtnis ist etwas Schreckliches; der Mensch vergisst – es vergisst nie. Es sortiert die Dinge und legt sie ab. Es bewahrt sie für einen auf, oder es verdeckt sie vor einem – und ruft sie einem wieder in Erinnerung, ganz wie es ihm passt. Man denkt, man besitzt ein Gedächtnis, doch das Gedächtnis besitzt den Menschen!

John Irving,
Owen Meany

Tief unten auf dem Meeresgrund, den Schwanz um das Seegras geschlungen, schaukelt er in der Strömung gleichmäßig hin und her. Dort hält er Wache, [...]

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Kapitel 1

Das Seeungeheuer

Oder: Die Entdeckung des Hippocampus


Das Gedächtnis ist etwas Schreckliches; der Mensch vergisst – es vergisst nie. Es sortiert die Dinge und legt sie ab. Es bewahrt sie für einen auf, oder es verdeckt sie vor einem – und ruft sie einem wieder in Erinnerung, ganz wie es ihm passt. Man denkt, man besitzt ein Gedächtnis, doch das Gedächtnis besitzt den Menschen!

John Irving,
Owen Meany

Tief unten auf dem Meeresgrund, den Schwanz um das Seegras geschlungen, schaukelt er in der Strömung gleichmäßig hin und her. Dort hält er Wache, der Seepferdchenvater, das einzige Männchen im Tierreich, das den Nachwuchs austrägt und in seinem Bauch die Eier ausbrütet, bis die Larven eines Tages so vollständig entwickelt sind, dass sie schlüpfen und ins weite Meer entschwinden. Das Seepferdchen ist ein geheimnisvolles, scheues kleines Wesen, mit einer unverwechselbaren Gestalt.

Doch halt! In diesem Buch soll es gar nicht um Meerestiere gehen. Um zu erfahren, worauf wir hinauswollen, müssen wir aus der Tiefe an die Oberfläche steigen und die Zeit noch dazu um etwa 450 Jahre zurückdrehen. Wir beginnen noch einmal von vorne:

Wir schreiben das Jahr 1564[2] und befinden uns in Italien, genau genommen in Bologna, einer Stadt mit zahlreichen Arkaden und prächtigen Backsteinbauten. Dort beugt sich der Anatom Julius Caesar Arantius an der schon damals jahrhundertealten Universität über einen Gegenstand von außerordentlicher Schönheit. Obwohl dieser Ausdruck dafür vielleicht unpassend erscheint, zumindest, wenn man selbst nicht völlig in dieser ganz speziellen Schönheit aufgeht – handelt es sich doch um das Gehirn eines Menschen. Als Leihgabe eines nahe gelegenen Leichenhauses ist es darüber hinaus vermutlich schon ziemlich in Mitleidenschaft gezogen. Von den Rängen des Anatomischen Theaters aus verfolgen Arantius’ Studenten gebannt – als seien sie Zuschauer einer Theaterinszenierung – sein Tun. Nun beugt sich Julius Caesar Arantius tiefer über das Gehirn, durchschneidet die äußersten Schichten und untersucht dabei höchst interessiert jeden Millimeter. Er will es verstehen, will es beschreiben können. Sein Forscherdrang zeugt von keinerlei Respekt vor der Kirche, die zu jener Zeit das Sezieren von Leichen rundheraus ablehnte.

Der Anatom verharrt über seinem Forschungsobjekt. Im Inneren des Gehirns, tief in den Schläfenlappen, liegt ein kleines, begrenztes, gebogenes Gebilde. Ähnelt es nicht beinahe einer Seidenraupe? Der Gedanke an eine Seidenraupe entsprach dem Zeitgeist der Renaissance. Seide gelangte aus China über die Seidenstraße nach Venedig, doch auch Italien war ein wichtiges Zentrum der Seidenproduktion, und die italienische Oberschicht war geradezu versessen auf das kostbare Gewebe. Julius Caesar Arantius besieht sich das kleine Körperteil noch einmal, bevor er das würstchenähnliche Gebilde abschneidet und es aus dem übrigen Gehirn herauslöst: Und dieser Moment gilt gewissermaßen als die Geburtsstunde der modernen Gedächtnisforschung, diese Loslösung aus der Welt der Mysterien. Doch das ahnt an diesem Tag in Bologna, an dem die Menschen mit ihrem Wein, ihren Trüffeln und ihrer Pasta, die sie auf dem Markt feilbieten wollen, durch die berühmten Bogengänge im Schatten der mittelalterlichen Türme eilen, noch niemand.

Arantius betrachtet den Gegenstand, den er da freigelegt hat und der nun vor ihm auf dem Tisch liegt, von allen Seiten, und da kommt ihm plötzlich eine Idee. Sieht er nicht vielmehr aus wie ein Seepferdchen? Doch, mit seinem gebeugten »Haupt« und dem gebogenen »Schwanz« tut er das tatsächlich! Also verleiht der Anatom diesem kleinen Hirnteil, von dem der Mensch in der linken und der rechten Hirnhälfte jeweils eines besitzt, den lateinischen Namen hippocampus, zu Deutsch Pferde-Seeungeheuer. Diese Bezeichnung trug auch ein Fabelwesen, ein Seeungeheuer, halb Fisch, halb Pferd, das in den Gewässern des antiken Hellas sein Unwesen getrieben haben soll. Später wurde der Name auf das Seepferdchen, einen Vertreter der Familie der Seenadelartigen, übertragen, von dem von den Tropen bis nach England über fünfzig Arten existieren.

Damals jedoch, im Licht der Talglampen auf einem Seziertisch vor 450 Jahren in Bologna, wusste Julius Caesar Arantius noch nicht, was diese kleine Gestalt, dieses winzige Stück Gehirn alles bei uns Menschen bewirkt. Er konnte ihm nur einen Namen geben. Erst viele hundert Jahre später dämmerte uns, was der italienische Anatom da in seinen Händen gehalten hatte. Vielleicht ahnen Sie ja schon, dass es etwas mit dem Gedächtnis zu tun hat? Denn davon handelt schließlich dieses Buch.

Zwischen der Meeresfauna und unserem Gehirn liegen Welten, dennoch haben Hippocampus und Seepferdchen einige Gemeinsamkeiten. So wie die männliche Spezies der Seepferdchen die Eier in seiner Bauchtasche ausbrütet, bis die Nachkommen gefahrlos ins Meer entlassen werden und für sich selbst sorgen können, brütet auch das Seepferdchen in unserem Gehirn etwas aus: unsere Erinnerungen nämlich. Es behütet sie und hält sie fest, bis sie groß und stark genug sind, um selbst zurechtzukommen. Denn der Hippocampus ist so etwas wie ein »Brutapparat für Erinnerungen«.  

Die Bedeutsamkeit des Hippocampus für das Gedächtnis wurde den Menschen jedoch erst 1953 so richtig bewusst. Davor hatte man lange darüber spekuliert, wo im Gehirn Gedächtnisinhalte gespeichert werden. Die Theorie, dass der naturgegebene Hohlraum an der Unterseite des Gehirns für unsere Geisteskraft verantwortlich sei, hatte besonders viele Befürworter. Doch diese Vorstellung war schon vor dem Jahr 1953 lange wieder verworfen worden und der Theorie gewichen, dass Erinnerungen im Gehirn weit verteilt abgespeichert würden. Doch dann kam es zu einem fatalen Ereignis, das diese Annahme für immer über den Haufen warf. Fatal für einen Menschen, aber großartig für die übrige Menschheit. Sollte doch eine verfehlte Operation den Schlüssel zum Verständnis jenes kleinen Hirnteils liefern, den Julius Caesar Arantius 400 Jahre zuvor entdeckt hatte.

Der 27 Jahre alte Henry Molaison hatte seinen Arzt, den Chirurgen William Beecher Scoville, regelmäßig konsultiert, der eine Gehirnoperation bei ihm vorbereitete.[3] Molaison litt unter schwerer Epilepsie. Mehrmals täglich, manchmal sogar mehrmals stündlich, fiel er in Ohnmacht, während der er für einige Sekunden weggetreten war. Mindestens einmal pro Woche bekam er darüber hinaus schwere Krampfanfälle, bei denen er das Bewusstsein verlor und seine Beine und Arme minutenlang unkontrolliert zuckten. Ihm wurden Medikamente verabreicht, die ihm jedoch keine Linderung seiner Beschwerden brachten. Inzwischen geht man sogar davon aus, dass sie einen gegenteiligen Effekt hatten, seinen Zustand verschlimmerten und für eine Zunahme der Anfälle verantwortlich waren. Hätte Henry Molaison heute gelebt, wäre er wohl anders behandelt worden und der operative Eingriff wäre nach einleitenden Untersuchungen so nicht durchgeführt worden.

Doktor Scoville hatte von einem Chirurgen aus Kanada erfahren, der einen Hippocampus herausoperiert hatte, um Epilepsie zu heilen. Scoville plante nun Ähnliches, wollte aber zur Sicherheit beide Hippocampi entfernen. Molaison, der über sein Leben mit dieser lähmenden Krankheit verzweifelt war, folgte dem Rat seines Arztes, unterzog sich der Operation, die ein Experiment darstellte, und wurde zum berühmtesten Fall der Gedächtnisforschung. Als er wieder bei Bewusstsein war, konnte er sich an nichts aus den letzten zwei bis drei Jahren mehr erinnern, und weitaus dramatischer noch: Er konnte sich nur noch an das erinnern, was die Gedächtnisspanne seines Kurzzeitgedächtnisses erlaubte. Bei jedem Toilettengang mussten ihm die Schwestern aufs Neue den Weg zeigen. Mussten ihn ständig daran erinnern, wo er sich befand, weil er das vergaß, sobald er sich gedanklich mit etwas anderem beschäftigte.

Für die darauffolgenden fünfzig Jahre seines Lebens sollte Henry Molaison nur noch im Hier und Jetzt leben. Er konnte sich noch nicht einmal mehr daran erinnern, was er eine halbe Stunde zuvor getan hatte oder dass er denselben Witz gerade erst erzählt hatte. Er wusste auch nicht mehr, was er zum Mittagessen zu sich genommen hatte oder wie alt er war, bis er sich und seine grauen Haare im Spiegel sah; auch welche Jahreszeit war, konnte er nur erraten, indem er aus dem Fenster blickte. Da er sich an nichts von dem, was geschah, mehr erinnern konnte, gelang es ihm auch nicht mehr, seine finanziellen Dinge zu regeln oder seinen Haushalt zu führen, weshalb er wieder bei seinen Eltern leben musste. Henry Molaison war trotz seines Schicksals ein freundlicher Mensch und mit seinem Dasein zufrieden, geriet gelegentlich aber auch aus der Fassung, so beispielsweise, als sein Vater starb.

Zwar war die Trauer über den Tod seines Vaters schon am nächsten Tag vergessen, aber als er eines Morgens aufwachte, glaubte er, dass jemand die schöne Waffensammlung an der Wand gestohlen habe. Henry Molaisons Onkel hatte sie geerbt, und mit ihrem Fehlen gab es nun ein äußerst sichtbares Zeichen dafür, dass etwas nicht stimmte, obwohl Henry nicht mehr wusste, dass der Tod seines Vaters der Grund dafür war. Er meinte, ein Dieb hätte in der Nacht sein Unwesen getrieben. Ihm zu erklären, wie die Dinge lagen, war vergeblich: Am darauffolgenden Morgen stellte er abermals fest, dass Einbrecher dagewesen sein mussten. Schließlich blieb Molaisons Onkel nichts anderes übrig, als die Waffensammlung wieder zurückzubringen. Mit der Zeit gewöhnte Henry Molaison sich daran, dass sein Vater nicht mehr zurückkehrte und wusste auf eine gewisse Art, dass er nicht mehr am Leben war.

Der Chirurg Scoville hatte ein Experiment durchgeführt, von dessen Folgen bis zu jenem Zeitpunkt niemand etwas geahnt hatte. Scoville hatte zwar schon etwa ein Dutzend Patienten auf dieselbe Art operiert, nur hatte man bei keinem von ihnen solche klaren Anzeichen für Gedächtnisverluste erkannt. Sämtliche vor Henry Molaison operierten Patienten kamen unters Messer, weil sie schizophren waren, unter Zwangsvorstellungen oder Psychosen litten. Aber sie hatten sich natürlich von jeher seltsam gebärdet, weshalb die Gedächtnisverluste der Erkrankung zugeschrieben worden waren. Die Schizophrenie seiner Patienten hatte sich durch diese Operation übrigens auch nicht gebessert. Aber damals war die Lobotomie, die Durchtrennung der Nervenbahnen zwischen bestimmten Hirnteilen, noch Gang und Gebe, und Scoville war fest entschlossen, sie weiterzuentwickeln, indem er die Hippocampi entfernte. Was wiederum dahintersteckte, gehört aber nicht hierher. Uns interessieren in diesem Buch die Auswirkungen dieser berühmten Operation von Henry Molaison. Und die waren dramatisch. Scoville selbst räumte seinen Irrtum sogar ein, in einem wissenschaftlichen Fachartikel, den er zusammen mit der kanadischen Psychologin Brenda Milner verfasste. An ihr war es auch, weiter zu erforschen, auf welche Weise Henrys Gedächtnis geschädigt worden war. Dadurch konnten sie und Henry Molaison der ganzen Welt zeigen, wie sich das menschliche Gedächtnis zusammensetzt.

Was ließ sich durch das intensive Studium des Falls Henry Molaison über das Gedächtnis aussagen? Allein eine Unterhaltung mit ihm zeigte etwas Grundlegendes über den Aufbau des Gedächtnisses: Molaison war ohne Weiteres in der Lage, einem Gespräch zu folgen, sofern er nicht an etwas völlig anderes zu denken begann oder abgelenkt wurde. Das bedeutete, dass er ein ganz normales Kurzzeitgedächtnis besaß. Dieser Teil des Gedächtnisses speichert Informationen in etwa nur so lang, wie wir unmittelbar an sie denken. Bevor unsere gemachten Erfahrungen zu bleibenden Erinnerungen werden, durchlaufen sie das Kurzzeitgedächtnis. Wenn wir eine Telefonnummer eingeben, behalten wir die Ziffern nur kurz im Gedächtnis, so ist das auch, wenn wir Nachrichten empfangen oder zum ersten Mal neue Wörter lernen. Dann erinnern wir uns nur ein paar Sekunden lang daran beziehungsweise so lange, wie wir an sie denken. Manches von dem, was uns auf diese Weise durch den Kopf geht, wird in das Langzeitgedächtnis überführt. Molaison aber besaß nur noch ein Kurzzeitgedächtnis, dafür jedoch ein ganz außerordentliches. Einmal wollte eine Wissenschaftlerin testen, ob er – trotz seiner schlechten Merkfähigkeiten – so etwas wie Zeitgefühl besaß. Sie sagte Henry Molaison, sie würde den Raum verlassen und wenn sie wiederkäme, wolle sie ihn fragen, wie viel Zeit seither vergangen sei. Molaison glaubte offenbar kaum, diese Aufgabe bewältigen zu können, und ließ sich stattdessen etwas Cleveres einfallen: Er prägte sich, als sie den Raum verließ, die Uhrzeit auf der Wanduhr ein, von der die Wissenschaftlerin keine Notiz genommen hatte, und erinnerte sich an die Uhrzeit, indem er sie ständig memorierte, bis sie wieder das Zimmer betrat. Als sie die Tür öffnete, sah er erneut zur Uhr und konnte sich so ausrechnen, wie viel Zeit dazwischen vergangen war. Durch seine volle Konzentration auf die Uhrzeit während ihrer Abwesenheit wusste er immer noch, dass er an einem Experiment teilnahm, besaß aber keinerlei Erinnerung mehr an die Wissenschaftlerin selbst oder ihren Namen.

Henry Molaison fand Vergnügen an geistigen Herausforderungen. Er löste gerne Denksportaufgaben und trug immer ein Kreuzworträtselheft bei sich. Deshalb war es für Brenda Milner auch ein Leichtes, ihn zur Teilnahme an diversen Experimenten zu bewegen. Sie zeigte ihm unter anderem ein Labyrinthspiel, durch das er sich eine Wegstrecke einprägen sollte. Auch nach 226 Anläufen gelang es ihm nicht. Da er sich an die davor gescheiterten Versuche nicht erinnern konnte, fing er jedes Mal wieder mit frischem Mut von vorne an.

Einmal bat Brenda Milner ihn, einen Stern nachzuzeichnen, während er seine Hände und den Bleistift nur in einem Spiegel sehen konnte. Eine schwierige Aufgabe, denn sieht man spiegelverkehrt, hat man die Tendenz, den Bleistift in die entgegengesetzte Richtung zu drehen, wenn man an einer Sternspitze angelangt ist. Mit etwas Übung aber wird man darin immer besser. Es ist etwas, das man lernt, etwas, an das man sich gewissermaßen von Mal zu Mal wieder erinnert. Aber anders, als wenn wir uns Ereignisse aus der Vergangenheit ins Gedächtnis rufen oder wir uns den Weg durch ein Labyrinth merken sollen, bewältigt man diese Aufgabe zunehmend besser, ohne bewusst darüber nachdenken zu müssen. Es ist ein bisschen so wie mit dem Fahrradfahren: Man denkt nicht darüber nach, die Füße zu kontrollieren oder den Körper auszutarieren, um das Gleichgewicht zu halten. Das geht wie von selbst. (Oder vielmehr wird auch das vom Gehirn gesteuert, nur von anderen Gehirnarealen aus.) Durch das Üben der Spiegelaufgabe wurde auch Henry Molaison immer geschickter und meisterte sie nach kurzer Zeit beinahe fehlerfrei, so wie es auch bei Menschen mit unversehrten Hippocampi der Fall ist. Sein Erfolg überraschte ihn, denn er konnte sich an seine vorherigen Versuche nicht erinnern.

»Huch, das geht ja leichter, als ich dachte«, sagte er verblüfft.

Brenda Milner war genauso überrascht. Und hatte gleichzeitig eine neue Entdeckung über das Langzeitgedächtnis gemacht: Es besteht aus verschiedenen, voneinander getrennten Bereichen. Für das Erlernen von Dingen, die man nicht bewusst aus dem Gedächtnis abrufen muss, für das sogenannte prozedurale Gedächtnis, ist eine andere Gehirnregion als der Hippocampus zuständig. Sonst hätte Henry diesen Test nicht von Mal zu Mal besser bewältigen können.

Mit der Zeit widmeten sich verstärkt Brenda Milners Studenten der Erforschung von Molaisons Gedächtnis. So währte die Zusammenarbeit zwischen Molaison und Suzanne Corkin über vierzig Jahre, in gewisser Weise ging sie sogar über seinen Tod hinaus. Doch obwohl sie Henry unzählige Male besuchte und ihn wie einen alten Freund kannte, war sie für ihnbei jeder Begegnung wieder neu. Nur, wenn sie ihn etwas hartnäckiger danach fragte, ob er wisse, wer sie sei, erwiderte er, dass ihm etwas an ihr bekannt vorkomme. Bei diesen Gelegenheiten hielt er sie für eine alte Schulkameradin aus Highschool-Zeiten. Vielleicht sagte er das auch nur aus Höflichkeit, vielleicht aber auch, weil noch irgendein Rest einer Gedächtnisspur in seinem Gehirn existierte, die ihm ein Gefühl von Wiedererkennen bescherte.

Während Molaison nach der Operation im Haus seiner Mutter nur im Augenblick lebte, wurde er zu einer Legende der Gedächtnistheorie und nicht zuletzt der berühmteste Amnesiepatient der Welt. Glücklicherweise hielten die Wissenschaftler seine Identität bis nach seinem Tod geheim, sodass sonstige übereifrige Forscher und Journalisten ihn nicht bedrängen konnten. Bekannt war er nur unter seinen Initialen H. M., und sämtliche Gedächtnisforscher bezeichnen ihn bis zum heutigen Tag so. Durch Henry Molaison wurde der Wissenschaft bestätigt, dass wir Menschen ein Kurzzeitgedächtnis haben – in Molaisons Fall ein sehr gutes – und ein Langzeitgedächtnis, von dem er nur noch eine Hälfte besaß, nämlich das prozedurale Gedächtnis, den Teil, mit dem wir unbewusst lernen. Die ihm fehlende Hälfte war die Region, in der wir unsere persönlichen Erinnerungen wie in einem Tagebuch bei uns tragen und die als deklaratives Gedächtnis bezeichnet wird.

Die auf der Basis von Henry Molaison begründete Gedächtnistheorie unterscheidet zwischen bereits gespeicherten Gedächtnisinhalten und neuen Erinnerungen, die in das Gedächtnis Eingang finden wollen. Denn H. M. hatte durchaus Erinnerungen an die Zeit vor der Operation. Er wusste, wer er war und woher er kam, erinnerte sich an viele Erlebnisse aus seiner Kindheit und Jugend. Aber nur bis zu drei Jahre vor der Operation, alles danach war vollkommen aus seinem Gedächtnis getilgt. Die Erinnerungen konnten demnach also nicht im »Seepferdchen« gespeichert sein oder zumindest nicht nur dort allein. Dass die Erfahrungen eines ganzes Lebens in einer so kleinen und empfindsamen Struktur tief im Gehirn Platz hätten, wäre ja auch ein wahres Wunder. Erinnerungen müssen also auch in anderen Gehirnregionen gespeichert sein, während das Seepferdchen dafür verantwortlich ist, sie so lange festzuhalten, bis sie ausreichend entwickelt sind, um im Cortex – der Großhirnrinde – eingeprägt zu werden. Dass diese Verankerung von Erinnerungen circa drei Jahre dauern kann, leuchtet ein, da dies dem Zeitraum entspricht, an den Henry Molaison keine Erinnerung mehr hatte.

Der Patient H. M. stellte sein Leben – beziehungsweise die Erinnerungen an sein Leben – der Wissenschaft zur Verfügung. Er erklärte sich zu unzähligen Experimenten bereit. Auf diese Weise konnten die Forscher die Funktionsweise des Gedächtnisses beschreiben. Obwohl Molaison an die Zeit nach der Operation kaum Erinnerungen besaß, waren ihm noch Gespräche mit seinem Arzt aus den Jahren vor dem Eingriff in Erinnerung geblieben, sodass er irgendwie wusste, dass dabei etwas schiefgelaufen war. Deshalb wiederholte er den Wissenschaftlern gegenüber mehrfach, dass er zur Erforschung dessen, was ihm widerfahren sei, beitragen wolle, damit dasselbe nicht wieder geschehen könne. »Man lernt, solange man lebt«, sagte Henry, bevor er unterstrich: »Sie lernen, und ich lebe.«

Dass niemand mehr einer solchen Operation unterzogen wurde, war eine weitere wichtige Folge aus den Erkenntnissen von Henry Molaisons Gedächtnisverlust. Scoville entfernte seinen Patienten nicht mehr gänzlich die Hippocampi, ob sie nun unter Schizophrenie oder Epilepsie litten. Operationen bei Epilepsie gab es allerdings weiterhin, und sie werden bis heute durchgeführt. Leidet man unter einer bestimmten Form von Epilepsie, die in der Hippocampus-Region ihren Ursprung hat, wird manchmal eines der Seepferdchen entfernt. Den anderen Hippocampus aber lässt man unangetastet, sodass die Erinnerungen zumindest noch einen Eingang in das Langzeitgedächtnis haben.  


Für uns, deren Gehirne im Prinzip verlässlich arbeiten, ist es leicht, Erinnerungen für selbstverständlich zu halten. Wir können uns darauf verlassen, dass uns Dinge wieder einfallen und wir deshalb nicht alles aufschreiben müssen. So wie alle denkwürdigen Momente unseres Lebens – sie werden uns als Erinnerungen im Gedächtnis bleiben, nicht wahr? So als wäre unser Gedächtnis eine Festplatte, ein Filmarchiv aus unserem Leben, aus dem wir Episoden ganz nach Belieben abspielen können. Aber so ist das nicht. Wenn man zum Supermarkt fährt oder mit der Familie am Esstisch sitzt, wie kann man da wissen, dass man sich später an das, was man hier und jetzt erlebt, erinnern wird? Ob dieses Erlebnis einem einmal nützlich oder wichtig für einen sein wird? Manche Augenblicke im Leben behalten wir besonders im Gedächtnis, wie Geburtstage, Hochzeiten, den ersten Kuss, den ersten Treffer auf dem Fußballplatz. Aber was wird aus all den anderen? Wir schaffen mit der Zeit Platz im Gehirn und bewahren nur eine Auswahl dieser Momente für später auf – zum Glück, muss man sagen, denn würden wir uns permanent an jeden einzelnen Moment unseres Lebens erinnern, würden wir wohl nichts anderes mehr tun, als in Erinnerungen zu versinken. Und wann bliebe uns dann Zeit zum Leben?

Manche Menschen können jedoch mehr als andere im Gedächtnis behalten: Also Vorhang auf für Solomon Schereschewski, den Mann, der nicht vergessen konnte!   Solomon Schereschewski arbeitete in den Dreißigerjahren des vorigen Jahrhunderts als Journalist bei einer russischen Lokalzeitung. Seinen Chefredakteur wurmte es, dass er sich bei Konferenzen nie etwas notierte.

»Haben Sie sich denn gar nichts von dem, was ich gesagt habe, gemerkt?«, fragte ihn sein Chef.

Aber Solomon Schereschewski hatte sich jede Einzelheit gemerkt. Jede genannte Adresse, jeden Namen und worum es bei der Angelegenheit ging, konnte er wiedergeben. Da ist doch nichts dabei, dachte Schereschewski. Er fand es seltsam, dass man mitschrieb, weil es für ihn eine Selbstverständlichkeit war, alles, was er hörte, sofort zu behalten. Solomon Schereschewskis Vorgesetzter stellte ihn einem Experten vor. Im Sprechzimmer des Neuropsychologen Professor Alexander Lurija wurde er, wie Henry Molaison, zahlreichen Tests unterzogen. Wie viel konnte ein Mensch eigentlich im Gedächtnis behalten?

Beinahe unendlich viel, stellte sich heraus. Jedenfalls schienen Solomon Schereschewskis Erinnerungsvermögen keine Grenzen gesetzt zu sein. Er wurde gebeten, sich lange Listen mit Zahlen anzuhören und wiederzugeben, und er konnte sie anschließend in fehlerfreier Reihenfolge wiederholen, sogar rückwärts oder in beliebiger Abfolge. Er lernte auch fremdsprachige Dichtung und Tabellen und anspruchsvolle Mathematik im Handumdrehen auswendig. Als Lurija fünfzehn Jahre später Schereschewski wiederbegegnete, konnte dieser immer noch die Listen von damals wiedergeben.

Solomon Schereschewski kündigte seine Stelle bei der Zeitung schließlich und schlug eine neue Karriere als Mnemoniker, sprich Gedächtniskünstler, ein. Auf der Bühne memorierte er endlose Tabellen mit Zahlen oder Wörtern, die das Publikum sich notierte. Danach gab er sie, zum Erstaunen seiner Zuschauer, fehlerfrei wieder. Doch auch wenn man es kaum glauben kann: Dieses sagenhafte Erinnerungsvermögen machte Solomon Schereschewski weder reich noch mächtig oder besonders glücklich. Er nahm mal diesen, mal jenen Gelegenheitsjob an und starb 1958 zurückgezogen, ohne Freunde oder Familie an seiner Seite.

Solomon Schereschewskis erstaunliche Erinnerungsgabe stand unter anderem mit dem im Zusammenhang, was man als »synästhetische Wahrnehmung« bezeichnet. Darunter versteht man, dass sämtliche Sinnesqualitäten, wie der Gesichts-, Geruchs-, Gehör- und Geschmackssinn, miteinander verknüpft sind. Bei Schereschewski war dieser Zustand extrem stark ausgeprägt. Alles von ihm Erlebte wurde von einer synästhetischen Wahrnehmung begleitet: Er sah Farben, eindrucksvolle Bilder oder nahm Gerüche oder Geschmäcker wahr. Auch der Klang von Wörtern oder bestimmter Stimmen löste visuelle Wahrnehmungen bei ihm aus. Als er sich einmal ein Eis kaufen wollte, zuckte er zurück, da die Stimme des Verkäufers bei ihm das abstoßende Bild von schwarzer Asche, die diesem aus dem Mund schoss, auslöste. Seine Erlebnisse prägten sich zusammen mit sämtlichen Sinneseindrücken um ein Vielfaches stärker als gewöhnlich in sein Gedächtnis ein. Lurijas Erzählung zufolge konnte er keine Erinnerung loswerden, selbst die bedeutungsloseste Ziffernreihe nicht, auch wenn er noch so sehr versuchte, sie aus seinem Gedächtnis zu tilgen.

Solomon Schereschewski war natürlich ein Ausnahmefall. Fast niemand kann so wie er Dinge im Gedächtnis behalten. Verglichen mit seinem Erinnerungsvermögen ist das gewöhnlicher Menschen ein Witz. Andererseits: Man stelle sich nur vor, es prägten sich einem nicht nur die Telefonnummer der Eltern oder die Abfahrtszeiten der Busse zur Schule ein, sondern sämtliche Telefonnummern und Busfahrpläne, die einem jemals untergekommen sind. Was für eine schreckliche Vorstellung!

Fünfzig Jahre nach Solomon Schereschewskis Tod verstarb im Alter von 85 Jahren auch Henry Molaison. Dass der eine sich eine schier unendliche Menge von Wissen aneignen konnte, während der andere alles vergaß, unterscheidet diese beiden außergewöhnlichen Männer voneinander, ebenso wie die dazwischen liegenden fünfzig Jahre die Gedächtnisforschung völlig veränderten. Während uns viel über Henry Molaisons Gehirn bekannt ist, wissen wir nichts über die Beschaffenheit von Solomons Hirn und können so auch nicht feststellen, ob er einen besonders großen oder andersartigen Hippocampus hatte. Henry Molaison dagegen dient der Wissenschaft bis heute, über seinen Tod hinaus. Die Psychologin Suzanne Corkin, die in den letzten vierzig Jahre seines Lebens am engsten mit Henry Molaison zusammengearbeitet hatte, wollte ihm – im Internet – ein »neues« Leben schenken, was dadurch möglich war, dass er sein Gehirn in seinem Testament der Wissenschaft vermacht hatte. Suzanne Corkin arbeitete mit einem breit aufgestellten Team von Anatomen und Wissenschaftlern zusammen, um Molaisons Gehirn zu konservieren. Zuerst machten Hirnanatomen an der Universität Harvard in Boston mithilfe der Magnetresonanztomografie (MRT) Aufnahmen von seinem Gehirn, bis es im Dezember 2008 in einem Kühlbehälter zum Hirnforschungszentrum der University of California in San Diego geschickt wurde. Dort wurde es von Dr. Jacopo Anneses Team in hauchdünne Scheiben geschnitten. Das Projekt unter dem Namen The Brain Observatory bewahrt die Gehirne Verstorbener auf eine ganz besondere Weise für die Nachwelt, sodass sie für diverse Forschungszwecke, sei es die Erforschung von Alzheimer oder gewöhnlicher Alterungsprozesse, zur Verfügung stehen.

Keinem der Gehirne am Institut aber wurde so viel wissenschaftliche Aufmerksamkeit zuteil wie Henry Molaisons. Anneses Team fertigte Aufnahmen von jedem der 2401 Schnitte von Molaisons Gehirn an, scannte sie, konservierte sie in Formalin und speicherte die Datenmenge. Der gesamte Prozess dauerte 53 Stunden, und Dr. Annese fand erst wieder Schlaf, nachdem er sich sicher sein konnte, dass sämtliche Teile dieses einzigartigen Gehirns sicher für die Nachwelt bewahrt waren. Dadurch können Wissenschaftler bis heute die neurologischen Gegebenheiten von Molaisons Erinnerungsschädigung auf zellulärer Basis sehen und Hypothesen darüber entwickeln, welche der im Bereich des Hippocampus bewahrten Areale dafür verantwortlich waren, dass der Patient H. M. überraschenderweise doch noch einige wenige Dinge im Gedächtnis behalten hatte. Professor Suzanne Corkin starb im Mai 2016 mit 79 Jahren. Auch ihr Gehirn wird für die Forschung bewahrt werden. Es weist keine markante Operationsnarbe auf, enthält aber mehr als vierzig Jahre währende Erinnerungen an einen ganz besonderen Mitwirkenden der Forschung.   Henry Molaison hinterließ ein völlig neues Forschungsgebiet. Durch ihn erhielten wir Gewissheit, dass der Hippocampus eine wesentliche Rolle bei Lern- und Gedächtnisprozessen spielt. In den vergangenen fünfzig Jahren hat man sich zunehmend damit befasst, Gehirnfunktionen auf zellulärer Ebene zu dokumentieren. »Ich glaube, dass wir noch zu meinen Lebzeiten einen Überblick über die Arbeitsweise des Gedächtnisses gewinnen werden«, erklärt Eleanor Maguire, Professorin für Neurologie am University College London. Sie erforscht vor allem den Hippocampus und hat tatsächlich schon Gedanken im Hippocampus »sehen« können: Ihre Probanden sollten sich eine bestimmte Erinnerung ins Gedächtnis zurückrufen. Mithilfe der Magnetresonanztomografie (MRT) konnte sie verfolgen, wie dabei ein bestimmtes Muster im Hippocampus der Versuchspersonen aufleuchtete. Und wenn diese an andere spezifische Erinnerungen dachten, kamen wiederum andere Muster zum Vorschein. »Unsere Erlebnisse verschwinden tief im Inneren des Gehirns und verteilen sich über viele Hirnregionen, werden aber mithilfe des Hippocampus wieder aufgerufen. Wenn ein Erlebnis hinter einem liegt, wird es in kleine Stücke zerteilt und erst dann erneut zum Leben erweckt, wenn man die Erinnerung daran wieder aus dem Gedächtnis abruft«, sagt sie. »Der Hippocampus ist demnach entscheidend für die Rekonstruktion von Erlebnissen, um sie in seinem Inneren gedanklich noch einmal durchleben können.« Zur Erforschung des Gedächtnisses gehört also auch, den Prozess zu erforschen, wie kleine Teile zu einem großen Ganzen zusammengesetzt werden. Unsere Gedanken und Erinnerungen sind nicht wirklich sichtbar, niemand kann eine Erinnerung aus seinem Kopf herausholen und unter ein Mikroskop legen.
Deshalb war das Gedächtnis auch lange nur Gegenstand der Philosophie und der Literatur und nicht der Forschung. Die Psychologie ist darüber hinaus ein relativ junges Fachgebiet. Doch als Gedächtnisforscher damit begannen, das menschliche Erinnerungsvermögen zu untersuchen, ermöglichten sie uns einen Blick in eine sagenhafte innere Welt. Tagein, tagaus arbeiteten sie mit Wortlisten, sinnlosen Symbolen, Zahlenabfolgen, inszenierten Versuchsanordnungen wie Banküberfälle, Lebensgeschichten und Puppentheater, und das alles, um den Gehirnen von Probanden die Wahrheit über das Gedächtnis zu entlocken. Manch einer mag einwenden, dass es sinnlos sei, etwas so Abstraktes untersuchen zu wollen, etwas, das nur für den Einzelnen, der die jeweilige Erinnerung an ein Ereignis im Gedächtnis bewahrt, lebendig ist.
Wie wollte man auch die lebendige Beschreibung von Erinnerungen in Marcel Prousts zwölfbändigem Werk Auf der Suche nach der verlorenen Zeit auf Nullen und Einsen und wissenschaftliche Grafiken reduzieren? Ist es also nicht paradox, einmalige menschliche Erlebnisse einzufangen und sie zum Gegenstand der Wissenschaft machen zu wollen? Ist es nicht so, als würde man ein Seepferdchen in einem Behältnis mit Formalin konservieren und annehmen, man könne seine Schönheit und sein Wesen so auf immer bewahren?
Aber es gibt viele und gute Gründe dafür, das Gedächtnis zu erforschen. Es zu etwas Konkretem zu machen, ermöglicht es, Gedächtnisse von gesunden und kranken Menschen miteinander zu vergleichen. Solche wissenschaftlichen Untersuchungen können Menschen mit Gedächtnisverlusten helfen.

Darüber hinaus kann das zum Verständnis der Funktionsweise des Gehirns auf übergeordneter Ebene beitragen und so letztlich zur Lösung der großen medizinischen Rätsel unserer Zeit, wie der Alzheimerkrankheit, Epilepsie und Depressionen. Die 150-jährige Erforschung des Gedächtnisses hat bei Weitem noch nicht alle Rätsel lösen können. Nach wie vor gehen die wissenschaftlichen Meinungen über das Gedächtnis weit auseinander, und viele Hypothesen sind höchst umstritten. Als The Memory Wars (»Gedächtniskriege«) wurde die Debatte darüber bekannt, wie das Gedächtnis unter extremen Bedingungen arbeitet: völlig anders als sonst, indem es zu etwa zu Verdrängung und Abspaltung des Ichs kommt, oder im Grunde doch nach den gleichen Prinzipien wie gewöhnlich – eine Auseinandersetzung, die immer noch anhält. Inwiefern es wiederum möglich ist, die Merkfähigkeit zu trainieren, ist ein weiteres heiß diskutiertes Thema. Lässt sie sich wie ein Muskel trainieren, oder übt man Strategien und Techniken ein, um größeren Nutzen aus bereits existierenden Fähigkeiten zu ziehen? Und was ist überhaupt unter einer »Erinnerung« zu verstehen?
Selbst darüber wird in wissenschaftstheoretischen Aufsätzen und entrüsteten Leserbriefen an Fachzeitschriften gestritten. Auch über den Hippocampus gehen die Meinungen auseinander, auch hier stehen sich zwei Fronten gegenüber. Eine beharrt unnachgiebig darauf, die Aufgabe des Hippocampus bestehe einzig und allein darin, Erinnerungen im übrigen Gehirn zu verankern. Mit der Zeit, und mithilfe einer gesunden Portion nächtlichen Schlafs, würden Gedächtnisinhalte in immer stabileren Netzwerken im Cortex gespeichert, während das Seepferdchen allmählich aufhöre, diese Erinnerungen auszubrüten, und sie freigebe. Die andere Front hält diese Theorie für zu simpel. Ihrer Ansicht zufolge hält das Seepferdchen unsere Erinnerungen immerzu fest, zumindest die persönlichen, lebendigen Erinnerungen, die in unserem persönlichen Gedächtnistheater in Erscheinung treten, während sie gleichzeitig laufend tiefer in der Großhirnrinde gespeichert würden. Wann immer wir eine Erinnerung aus dem Gedächtnis aufriefen, sei der Hippocampus beteiligt und »überschreibe« die ursprüngliche Erinnerung jedes Mal mit einer etwas neuen Interpretation oder Rekonstruktion. So wie das Ökosystem des Meeres maßgeblich für das Verständnis des Lebens und Wesens des Seepferdchens ist, ist das »Ökosystem« des Hippocampus im Gehirn von Bedeutung für das Verständnis von der Speicherung und dem Abrufen von Gedächtnisinhalten.

In den letzten Jahren ist die Interaktion des Hippocampus mit den übrigen Gehirnregionen stärker in den Fokus gerückt. Erinnerungen werden konkreten neuronalen Netzwerken zugeschrieben, bei denen verschiedene Teile des Gehirns synchron zusammenspielen. Das lässt sich mit fMRT, funktioneller Magnetresonanztomografie, im Gehirn sehen. William James, einer der Begründer der Psychologie, hatte das schon 1890 vorausgesehen: »Die Erinnerung bringt eine höchst komplexe Repräsentation der zu erinnernden Tatsache sowie dessen Assoziationen hervor, die ein Ganzes, ein ›Objekt‹ bildet, das sich in einem einheitlichen Bewusstseinspuls zu erkennen gibt und offenbar wesentlich kompliziertere Gehirnprozesse erfordert als jenen, von dem jedes einfache sensorische Bild abhängt.« Oder, einfacher ausgedrückt: Die Erinnerung setzt sich in einem einheitlichen Bewusstseinsstrom aus mehreren Teilen zusammen. Und jeder dieser Teile stammt aus einer Gehirnregion, in der er ursprünglich als Sinneseindruck abgespeichert wurde.
Das alles als ein einziges, gebündeltes Erlebnis, als eine unverwechselbare Erinnerung wahrzunehmen, erfordert ein ausgeklügeltes Zusammenspiel innerhalb des Gehirns. Um eine genauere Aussage darüber zu treffen, welche komplexen Gehirnprozesse dabei abliefen, fehlten William James noch die Voraussetzungen. Aus heutiger Perspektive betrachtet, ist es ohnehin bemerkenswert, schon 1890 solche Überlegungen über das Gedächtnis und das Gehirn angestellt zu haben.
Damals war man gemeinhin noch der Ansicht, jede Erinnerung sei eine Einheit, eine Kopie der Wirklichkeit, so als könne man sie aus einer Schublade in einem Archiv hervorziehen. Das Wissen, dass das Seepferdchen im Gehirn den Schlüssel zum Verständnis der Erinnerungen in sich birgt und mit den Sinnes-, Gefühls- und Bewusstseinszentren im Gehirn im Einklang schwingt, gewann man erst hundert Jahre später. Nur zwei Jahre vor William James’ Betrachtungen hatte der Norweger Fridtjof Nansen seinen Doktortitel auf dem Gebiet der Neuroanatomie erworben und als einer der Ersten weltweit beschrieben, wie Nervenbahnen aus einzelnen Nervenzellen bestehen, die miteinander verbunden sind, Verbindungen, die als Synapsen bezeichnet werden. Zwischen dieser Erkenntnis bis zum Stand der heutigen Gehirnforschung, bei der man dabei zusehen kann, wie sich Gedanken, beziehungsweise Erinnerungen, im Gehirn ereignen, liegen Welten. »So viel, wie Henry Molaison zur Forschung beigetragen hat, ist es das Mindeste, ihn durch weitere Erforschung seines Gehirns auch nach seinem Tod zu ehren«, so die Worte Dr. Anneses.

Und dieses Wissen dient uns allen. Denn wie sich herausstellen sollte, ist ein unscheinbares Seepferdchen der Schlüssel zu vielen Mysterien, die uns das Gehirn aufgibt. Als Julius Caesar Arantius ihm den Namen Hippocampus verlieh, geschah das kaum nur aufgrund seiner Gestalt; auch Seepferdchen waren, wie die Seidenraupe, damals im Italien der Renaissance etwas Mystisches und Spezifisches. Spezifische Erinnerungen, die sich von anderen abheben, sind es auch, die der Hippocampus speichert, das wissen wir heute. Arantius dagegen konnte das noch nicht über jenen kleinen Gehirnteil wissen, den er entdeckt hatte. Er wollte vor allem, dass seine Entdeckung Aufsehen erregte und gewürdigt wurde.

Hilde Østby

Über Hilde Østby

Biografie

Hilde Østby, geboren 1975, ist Ideenhistorikerin und Journalistin. Sie hat als Verlagslektorin gearbeitet und veröffentlichte 2013 den erfolgreichen Titel "Das Lexikon der Sehnsucht".

Ylva Østby

Über Ylva Østby

Biografie

Ylva Østby, geboren 1979, forscht als klinische Neuropsychologin und Spezialistin auf dem Gebiet der Gedächtnisforschung an der Universität Oslo.

Pressestimmen

Hannoversche Allgemeine Zeitung

»Unterhaltsam und verständlich zeigen sie, wie Erinnerungen konstruiert werden.«

Inhaltsangabe
Inhalt


Kapitel 1

Das Seeungeheuer

Oder: Die Entdeckung des Hippocampus             

 

Kapitel 2

Nach Seepferdchen tauchen im Februar

Oder: Wo findet das Denken im Gehirn statt?   

 

Kapitel 3

Die letzten Gedanken einer Fallschirmspringerin vor dem Sprung

Oder: Was versteht man unter autobiografischen Erinnerungen?           

 

Kapitel 4

Das Kuckuckskind

Oder: Wie sich falsche Erinnerungen in das Gedächtnis schleichen         

 

Kapitel 5

Das große Taxi-Experiment und eine ungewöhnliche Schachpartie

Oder: Wie gut lässt sich das Gedächtnis trainieren?       

 

Kapitel 6

Der Elefantenfriedhof

Oder: Das Vergessen     

 

Kapitel 7

Das Saatgut-Depot auf Spitzbergen

Oder: Eine Reise in die Zukunft  

 

Rezeptur für schöne Erinnerungen

Oder: Ein Dank an alle Beteiligten            

 

Anmerkungen

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